Skip to main content

Full text of "Der Alkoholismus - Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage (N.F.) 3.1906"

See other formats



































bv Google 


Original ftom 

CORMELL UNIVERSITY 




3 1924 106 202 603 


Digitized by Goosle 


Original ftom 

CORNELL UNIVERSITY 
























Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Der Alkoholismus 

Zeitschrift zur wissenschaftlichen 
E5 Erörterung der Alkoholfrage sss 

unterstützt durch den Deutschen Verein 
gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. 

Organ des Verbandes der Trinkerheilstätten des deutschen Sprachgebietes. 

Unter besonderer Mitwirkung von 

Professor Dr. med. ALT, Direktor der Landesirrenanstalt Uchtspringe; Geh. Med.- 
Rat Dr. BAER, Berlin; Dr. med. COLLA, Finkenwalde; Professor Dr. med. 
GRAMER, Göttingen; Dr. med. GRAF DOUGLAS, Berlin; Professor Dr. jur. 
ENDEMANN, Heidelberg; Geh. Med.-Rat Professor Dr. C. FRAENKEL, Halle; 
Professor Dr. GRAW1TZ, Charlottenburg; Professor Dr. von GRÜTZNER, Tübingen; 
Dr. med. B. LAQUER, Wiesbaden; Geh. Obermedizinalrat Dr. PISTOR, Berlin; 
Sanitätsrat Dr. SCHAFFER, Direktor der Landesirrenanstalt Lengerich; Wirkl. 
Geh. Oberreg.-Rat Senatspräsident Dr. jur. von STRAUSS und TORNEY, Berlin; 
Professor Dr. med. TUCZEK, Marburg; Geh. Reg.-Rat Dr. jur. ZACHER, Berlin 

herausgegeben ron 

Dr. med. J. Waldschmidt. 

IN"eue Folge. — 3. Band. 



Leipzig, 1906. 

Johann Ambrosius Barth. 

Roßplatz 17. 


Difitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Digitized by 


27 


Pf v 

/ y 



ipy 



Druck von Grimme & Trömel in Leipzig. 


Gck igle 


Original ftom 

CORNELL UNIVERSITY 



Namenverzeichnis. 


A. 

Achard 57. 
Asmussen 107. 
Aschaffenburg 179. 

B. 

Rac h mann 308. 
Baer 307. 
Baemreither 50. 
Beckenhaupt 284. 
Beigemann 178. 
Bieling 311. 
Blocher 314. 

Boas 99. 

Boedeker 280. 
Bonhoeffer 297. 
Bonne 104. 315. 
Brauer 104. 

O. 

Cluß 48. 

D. 

Daum 211. 
Delbrück 285. 
Deutsch 24. 

Dicke 94. 


E. 

Eckard 278. 


F. 

Feilbogen 57. 
Felki 107. 
Ferstl 812. 
Feurstein 306. 
Forel 52. 


G. 

Gelpke 51. 
Gruber 313. 
Grundtwig 194. 


y. Grützner 5. 

Gudden 281. 

H. 

Hähnel 309. 318. 
Hartmann 177. 

Headley 119. 

Hirschfeld 308. 314. 
Holitscher 287. 313. 
Hoppe 309. 

Hübscher 108. 

J. 

Juda 278. 

Juliusburger 310. 

K. 

Kappelmann 183. 241. 
Kiaer 199. 

Kielholz 816. 

Kneipp 51. 

Kraepelin 310. 

Krogh 108. 

Külbs 103. 

Külz 276. 

I*. 

Laible 228. 

Länderer 278. 

Lang 105. 

Laquer 33. 56. 77. 180. 

185. 307. 

Larsen 57. 

Liebe 181. 

M. 

Martius 36. 

Masaryk 312. 

Matthaei 288. 289. 
Myrdacz 307. 

N. 

I Neumann 177. 


O. 

Ollendorff 279. 


P. 

Petersen 308. 
Pf aff 287. 
Pierrotta 314. 
Pignolet 195. 
Ploetz 181. 
Popert 55. 
Postoem 103. 


B. 

Ratkowski 289. 
Ratzeburg 228. 
Resch 315. 
Rosenfeld 281. 


S. 

Schaefer 88. 

Schenk 154. 

Schilg 107. 

Schmidt 108. 229. 
Schöning 56. 
y. Schumacher 222. 
Schwetz 314. 
Sladeczek 104. 
Starke 282. 
Steinhausen 808. 
Stoll 284. 

Stubbe 129. 


T. 

de Terra 289. 
Trygg-Helenius 314. 

W. 

Waldschmidt 164. 
Weigl 313. 
Weihrauch 315. 
Weymann 179. 
Wolff 107. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 





Difitized by Google 


Original ftom 

CORNELL UNIVERSITY 




Inhaltsverzeichnis von Band III. 


Heft I. 


I« Origmalabhandlungen. Seite 

Das Jahr 1905 . 1 

Grtttzner, Prof. Dr. med. P. v. Bemerkungen über die Wirksamkeit^ be¬ 
ziehungsweise Giftigkeit verschiedener Alkohole, insonderheit des Äthyl¬ 
alkohols .5 

Deutsch, Dr. Ernti. Einiges über den Einfluß des Alkohols.24 

Laquer, Dr. med. B. „Der Alkoholverbrauch in den bedeutendsten Kultur- 
staaten a von Prof. Struve und Dr. Schulze-Besse nebst Bemerkungen 

über „Alkoholzahlen“.33 

Martius, Sr. Wllh. Goethes Faust und die deutsche Alkoholfrage ... 36 


n. Referate. 


Adolf Gloß. Die Alkoholfrage vom physiologischen, sozialen und wirtschaft¬ 
lichen Standpunkte.48 

Baerareither, J. M. Jugendfürsorge und Strafrecht in den Vereinigten 

Staaten.50 

Kneipp-Kalender 1906 51 

ttclpke. Kulturschäden oder die Zunahme der Nerven- und Geisteskrank¬ 
heiten .51 

Von den Kneipen im alten Babylon.52 

Forel. Die sexuelle Frage.52 

Die „Alkoholfreie Industrie 11 .55 

Popert. Alkohol und Strafgesetz.55 

Laquer. Alkoholismus und Arbeiterfrage.56 

Alkohol und Wehrkraft. .56 

Schöning. Soll der Eisenbahnbetriebsbeamte berauschende Getränke ge¬ 
nießen?.56 

Feilbogen. Alkoholmonopol und Spiritusexport.57 

Larsen, C. F. Alkohol bei der Pneumonie.57 

Achard; Ch. nnd Gaillard, L. Alkohol bei experimenteller Tuberkulose 57 


III. Mitteilungen. 


Les Annales antialcooliques.58 

Landesversicherungsanstalt und Alkohol.60 

Unfallverhütung und Alkoholgenuß.61 

Über die amtlichen Aufnahmen der Todesursachen in Berlin.63 

Der Verein abstinenter Ärzte des deutschen Sprachgebietes.64 

Der Deutsche Verein enthaltsamer Eisenbahner.64 

Verwaltungsbericht der Stadt Breslau, die Trinkerfürsorge betreffend ... 64 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 

























IV 


Inhaltsverzeichnis von Band III. 


Heft II. 


I. Originalabhandlungen. Seite 

Beiträge zur Alkoholfrage. 4 .65 

Laqner, Dr. med. B. Die Trunksucht und die Haushaltung der deutschen 

Städte. 77 

Schaefer, Dr. Die Alten und der Alkohol. 88 

Dicke, Dr, med. Die Notwendigkeit eines obligatorisohen Antialkoholunter¬ 
richts in den oberen Klassen der Volksschulen. 94 

Boas, Kort, Wie soll der Alkoholismus im Schulunterrichte bekämpft 

werden?. 99 

n. Referate. 

Postoem. Über den Alkoholismus.103 

Külbs. Zur Pathologie des Blutdrucks.103 

Krogh. Das Quinquaudsche Zeichen.103 

Bonne, Der Giftbaum des deutschen Volkes.104 

Brauer, Joh, Ernst, Edelkorn!.104 

Sladeczek. Schule und Alkoholismus.104 

Lang, Leopold. Lehrer und Alkoholfrage.105 

Auf! Frisch ans Werk.106 

Asmnssen. Ein Besuch bei Uncle Sam.107 

Schilg. Zur Freiheit!.107 

Wolff. Alkohol und Tuberkulose.107 

Felki. Beitrag zur forensischen Kasuistik d. solitären Erinnerungstäuschungen 107 

Hübscher. Die Alkoholfrage.108 

Schmidt, Peter. Bibliographie.108 

m. Mitteilungen. 

Widersprüche unserer Gegner.118 

Headley, R. -Liquor Legislation.119 

Alkoholismus in Canada. 120 

Im Jahre 1683 und im Jahre 190b!. . 121 

„Alkohol und Wehrkraft 11 . 121 

Verfügung des Regierungspräsidenten zu Potsdam.. . . . 121 

Jahresbericht aus dem städtischen Krankenhaus am Friedrichshain . . . 122 

Der Kieler Bezirksverein gegen Mißbrauch geistiger Getränke.128 

Programm der wissenschaftlichen Kurse.123 

Der Bund deutscher Frauen an den Bundesrat.124 

Soziale Kultur.125 

Die Kriminalität in Deutschland.126 

Die Kriminalität in Belgien ..126 

„Bund deutscher Alkoholgegner in Österreich“.127 

Aus den Trinkerheilstätten.127 


Heft III. 

I. Originalabhandlungen. 

Stubbe, Pastor Dr. Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig- 


Holstein .129 

Schenk, Dr. Paul. Die Periodizität der Trunksucht. . 154 

Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905 . 164 


Difitized by Gougle 


QriginE • m 

CORNELL UNSVERSITV 







































Inhaltsverzeichnis von Band III. 


Y 


Digitized by 


II. Mitteilungen. Seite 

Zentralverband zur Bekämpfung des Alkoholismus (Berlin).177 

Neumann, R. 0. Alkohol als Nahrungsmittel.177 

Hartmann, Arthur. Alkohol und Jugend.177 

Bergemann. Alkohol und Jugend ..178 

Aschaffenburg. Alkohol und Seelenleben.179 

Weymann. Alkohol und Arbeiter Versicherung.179 

Laquer. Einrichtungen und Veranstaltungen im Kampfe gegen den 

Alkoholismus.180 

Liebe; Die Wirkungen des Alkohols auf die inneren Organe . . . 181 

Ploetz, Alfred. Alkohol und Rassenhygiene.181 

Kappelmann. Belastung der kommunalen Etats durch den Alko¬ 
holismus .183 


Heft IV. 

I. Originalabhandlungen. 


Die Internationale Vereinigung gegen den Mißbrauch geistiger Getränke . 185 

Laquer, Dr. B. Über die Aufgaben der Internationalen Vereinigung gegen 

den Mißbrauch geistiger Getränke.190 

Grundtwig, Direktor. Kurze Mitteilungen über den gegenwärtigen Stand 

in Dänemark. 194 

Pignolet, Prof. Die Antialkoholbewegung in Frankreich . . . . . . 195 

Kiaer, A. Th. Die neueste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoholis¬ 
mus in Norwegen. 199 

Daum, Dr. Adolf. Die alkoholgegnerische Bewegung in Österreich . . 211 

von Schumacher, Geh. Reg.-Rät. Comite officiel de temperance de 

St. Petersbourg.222 


n. Referate. 

Laible, Friedrich Johannes. Über die Wirkung kleiner Alkoholgaben auf 

den Wärmehaushalt des tierischen Körpere.. . . 228 

Ratzeburg, Hans. Über Vorkommen und Ätiologie der Arteriosklerose, 

nebst einigen anhangsweisen symptomatischen Bemerkungen .... 228 

Schmidt, Peter. Bibliographie.229 


III. Mitteilungen. 

Aus den Trinkerheilstätten: St. Annahaus, St. Kamillushaus, Heilstätte „See¬ 
frieden 44 , Heilstätte „Waldfrieden 14 , Ellikon, „Nüchtern 41 , „Ziegleretift 44 240 


Jahresversammlung des Deutschen Vereins g. d. M. g. G.240 

„ des Verbandes der Trinkerheilstätten.240 

des Deutschen Abstinententags.240 


Heft V. 


I. Originalabhandlungen. 

Kappelmann, Stadtrat. Streiflichter aus den Jahresausgaben deutscher 

Städte. 

Beiträge zur Alkoholfrage. II. 


241 

264 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 























VI 


Inhaltsverzeichnis von Band III. 


H. Referate. Seite 

Külz« Hygienische Beeinflussung der schwarzen Rasse durch die weiße 

in Deutsch-Togo.276 

Report of the Inder-Departmental Committee on Physical Deterioration . 277 
Alkoholismus bei den Bediensteten der österreichischen Staatsbahnen . . 278 

Eckard, Bruno. Über die Zunahme der Herzerkrankungen in der deutschen 

Armee und über ihre Ursachen.278 

Länderer, Heinrich. Beitrag zur Kenntnis des Korsakowschen Symptomen- 

komplexes.278 

Juda, Adolf. Über Delirium tremens.278 

Ollendorff, Kurt. Krankheit und Selbstmord. Beiträge zur Beurteilung 

ihres ursächlichen Zusammenhanges.279 

Boedeker. Über einen akuten (Polioencephalitis superior haemorrhagica) 

und einen chronischen Fall von Korsakowscher Psychose.280 

ßudden. Die physiologische und pathologische Schlaftrunkenheit . . . 281 

Bosenfeld. Alkohol als Nahrungsmittel. 281 

Starke, J. Die Berechtigung des Alkoholgenusses. 282 

Stoll. Alkohol und Kaffee in ihrer Wirkung auf Herzleiden und nervöse 

Störungen. 284 

Beckenhaupt. Bedürfnisse und Fortschritte des Menschengeschlechts . . 284 

Delbrück. Die Abstinenz in Irrenanstalten ..285 

Pfaff« Die Alkoholfrage vom ärztlichen Standpunkt.287 

Holitscher. Alkohol und Tuberkulose.287 

Der Bericht über die XXII. Jahresversammlung des deutschen Vereins 

gegen den Mißbrauch geistiger Getränke.288 

Matthaei. Die Förderung der Enthaltsamkeitsbewegung durch die Arbeiter 288 

„ Nicht Trinksitten, sondern Alkoholkrankheit.289 

Ratkowski. Gesundheit und Alkohol.289 

de Terra« Alkohol und Verkehrswesen.289 

Bericht über die Tätigkeit der Berliner Schulärzte.289 

HI. Mitteilungen. 

Alkoholgenuß amerikanischer Arbeiterfamilien.290 

Der Jahresbericht der badischen Fabrikinspektion.. . . . 293 

Preisausschreiben des schweizerischeu Abstinentenverbandes.294 

Verein abstinenter Juristen des deutschen Sprachgebietes.295 

Soziale Kultur. 295 

Frühpolizeistunde. 295 

Statistik von Infektionskrankheiten.296 


Heft VI. 

I. Originalabhandlungen. 

Bonhoeffer, Prof. Dr. K. Chronischer Alkoholismus und Vererbung . . 297 

II. Referate. 


Feurstein, Heinrich. Lohn und Haushalt der Uhrenfabrikarbeiter des 

badischen Schwarzwalds.306 

Baer und Laquer. Die Trunksucht und ihre Abwehr.307 

Myrdacz. Die Alkoholfrage in der Armee.307 

Der Alkoholismus, seine Wirkungen und seine Bekämpfung ...... 308 

Steinhansen. Die Mitarbeit der Frau im Kampf gegen den Alkoholmißbrauch 308 
Hirschfeld. Der Einfluß des Alkohols auf das Geschlechtsleben .... 308 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNiVERSSTV 





























Inhaltsverzeichnis von Band in. VII 

Seite 

Petersen. Die Irreführung des deutschen Volkes durch die Presse . . 308 
Bachmann. Der Nutzen und Schaden des Rauchens und Trinkens . . . 309 

Hähne!. Der Sieg muß uns doch bleiben.309 

Wider den Trunk.309 

Hoppe« Die forensische Beurteilung und Behandlung der von Trunkenen 

und Trinkern begangenen Delikte.309 

Joliusbnrgrer. Zur Behandlung alkoholischer Delikte.310 

Kraepelin« Der Alkoholismus in München.310 

Bieüng. Der Alkohol und der Alkoholismus.311 

Fersil. Die Alkoholfrage der Gegenwart.312 

Masaryk. Ethik und Alkoholismus.312 

Grnber. Hygiene des Ich. 313 

HähneL Die Notwendigkeit der Unterstützung des Kampfes gegen den 

Alkoholismus durch die Erziehung in Schule und Haus.313 

Weigl. Jugenderziehung und Genußgifte.313 

Höllischer. Die Abstinenz als Forderung des Sittengesetzes.313 

Hirschfeld, Magnus. Alkohol und Familienleben.314 

Sehwetz. Ein Fall von galoppierender maligner Syphilis mit Alkoholismus 

kompliziert.314 

Pierrotta. Experimenteller Beitrag zur Alkoholfrage.314 

Trygg-Helenins, Alli. Dramatische Szenen.314 

Blocher, Engen. Die Spaltung im Guttemplerorden.314 

Bonne. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und 

das reisende Publikum.315 

Resch, Josef. Über die Größen Verhältnisse des Herzens bei Tuberkulose 315 
Weihrauch, Karl. Mortalität und Morbidität im Braugewerbe. Ein Beitrag 

zur Alkoholfrage.315 

Kielholz, Arthur. Die Alkoholiker der Pflegeanstalt Rheinau.316 

Des Annales antialcooliques. 316 

Das Land der sozialen Reformen (Neu-Seeland).320 

Schmidt, Peter. Bibliographie.324 


III. Mitteilungen. 


Die 23. Jahresversammlung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch 

geistiger Getränke.333 

Die 7. Jahresversammlung des Verbandes von Trinkerheilstätten .... 336 

„Local Option“ in Neu-Seeland. 338 

Sterblichkeit an Alkoholismus in England und Wales während des Jahres 1904 339 

Bier und Branntwein nach der Statistik von 1904 . 339 

In Baden gingen die Zahlen der Brauereien wiederum zurück.340 

Antialkohol bewegung in studentischsn Kreisen.340 

Deutschlands Großloge II der unabhängigen Guttempler.340 

Die Weltloge der Guttompier. 841 

Das Reichs-Versicherungsamt erließ ein Rundschreiben.341 

Ein Erlaß der preußischen Minister des Kultus, der Finanz und des Innern 843 
Aus den Trinkerheilstätten: Das Zieglerstift, Die Heil- und Pflegeanstalten 

zu Lintorf, Stift Isenwald.343 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 


































Sachverzeichnis. 


A. 

Der Alkoholverbrauch in den bedeutend¬ 
sten Kulturstaaten 33. 

Die Alkoholfrage vom physiologischen, 
sozialen und wirtschaftlichen Stand¬ 
punkte 48. 

Die alkoholfreie Industrie 55. 

Alkohol und Strafgesetz 55. 

Alkohol und Wehrkraft 56. 121. 

Alkoholismus und Arbeiterfrage 56. 

Alkoholmonopol und Spiritusexport 57. 

Alkohol bei der Pneumonie 57. 

Alkohol bei experimenteller Tuberku¬ 
lose 57. 

Annales antialcooliques 58. 316. 

Amtliche Aufnahmen der Todesursachen 
in Berlin 63. 

Die Alten und der Alkohol 88. 

AVie soll der Alkoholismus im Schul¬ 
unterricht bekämpft werden? 99. 

Über den Alkoholismus 103. 

Auf! Frisch ans Werk 106. 

Alkohol und Tuberkulose 107. 287. 

Die Alkoholfrage 108. 

Alkoholismus in Canada 120. 

Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in 
Schleswig-Holstein 129. 

Alkohol als Nahrungsmittel 177. 281. 

Alkohol und Jugend (A. Hartmann) 177. 

Alkohol und Jugend (Bergemann) 178. 

Alkohol und Seelenleben 179. 

Alkohol und Arbeiterversicherung 179. 

Alkohol und Rassenhygiene 181. 

Über die Aufgaben der Internationalen 
Vereinigung gegen den Mißbrauch 
geistiger Getränke 190. 

Die Antialkoholbewegung in Frankreich 
195. 

Die alkoholgegnerische Bewegung in 
Österreich 211. 

Alkoholismus bei den Bediensteten der 
österreichischen Staatsbahnen 278. 

Alkohol und Kaffee in ihrer Wirkung 
auf Herzleiden und nervöse Störungen 
284. 


Die Abstinenz in Irrenanstalten 285. 

Die Alkoholfrage vom ärztlichen Stand¬ 
punkt 287. 

Alkohol und Verkehrswesen 289. 

Alkoholgenuß amerikanischer Arbeiter¬ 
familien 290. 

Die Alkoholfrage in der Armee 307. 

Der Alkoholismus, seine Wirkungen und 
seine Bekämpfung 308. 
i Der Alkoholismus in München 310. 

Der Alkohol und der Alkoholismus 311. 

Die Alkoholfrage der Gegenwart .312. 

Die Abstinenz als Forderung des Sitten- 
1 gesetzes 813. 

j Alkohol und Familienleben 314. 
j Die Alkoholiker der Pflegeanstalt Rheina 
316. 


B. 

Bemerkungen über die Wirksamkeit bezw. 
Giftigkeit verschiedener Alkohole, in¬ 
sonderheit des Äthylalkohols 5. 

Beiträge zur Alkoholfrage 65. 264. 

Ein Besuch bei Uncle Sam 107. 

Beitrag zur forensischen Kasuistik der 
solitären Erinnerungstäuschungen 107. 

Bibliographie 108. 229. 324. 

Der Bund deutscher Frauen an den 
Bundesrat 124. 

Bund deutscher Alkoholgegner in Öster¬ 
reich 127. 

Belastung der kommunalen Etats durch 
den Alkoholismus 183. 

Beitrag zur Kenntnis des Korsakowschen 
Symptomenkomplexes 278. 

Die Berechtigung des Alkoholgenusses 
282. 

Bedürfnisse und Fortschritte des Men¬ 
schengeschlechtes 284. 

Der Bericht über die XXII. Jahresver¬ 
sammlung des deutschen Vereins gegen 
den Mißbrauch geistiger Getränke 288. 

Bericht über die Tätigkeit der Berliner 
Schulärzte 289. 


bv Google 


Original from 

CORNELL UNiVERSmf 



Sachverzeichnis. 


IX 


Zur Behandlung alkoholischer Delikte 
310. 

Bier und Branntwein nach der Statistik 
von 1904 339. 

In Baden gingen die Zahlen der Braue¬ 
reien wiederum zurück 340. 

C. 

Comite officiel de temperance de 
St. Petersbourg 222. 

Chronischer Alkoholismus und Vererbung 
297. 

D. 

Über Delirium tremens 278. 

Dramatische Szenen 314. 

Deutschlands Großloge II der unab¬ 
hängigen Guttempler 340. 

E. 

Einiges über den Einfluß des Alkohols 
24. 

Soll der Eisenbahnbetriebsbeamte be¬ 
rauschende Getränke genießen? 56. 

Edelkorn 104. 

Einrichtungen und Veranstaltungen im 
Kampfe gegen den Alkoholismus 180. 

Die neueste Entwicklung des Kampfes 
gegen den Alkoholismus in Norwegen 
199. 

Der Einfluß des Alkohols auf das Ge¬ 
sellschaftsleben 308. 

Ethik und Alkoholismus 312. 

Experimenteller Beitrag zur Alkoholfrage 
314. 

Ein Erlaß der preußischen Minister des 
Kultus, der Finanz und des Innern 
343. 

P. 

Zur Freiheit! 107. 

Die Förderung der Enthaltsamkeitsbe¬ 
wegung durch die Arbeiter 288. 

Frühpolizeistunde 295. 

Die forensische Beurteilung und Behand¬ 
lung der von Trunkenen und Trinkern 
begangenen Delikte 309. 

G. 

Goethes Faust und die deutsche Alkohol¬ 
frage 86. 

Der Giftbaum des deutschen Volkes 104. 

Gesundheit und Alkohol 289. 

Über die Größenverhältnisse des Herzens 
bei Tuberkulose 315. 


H. 

Hygienische Beeinflussung der schwarzen 
Rasse durch die weiße in Deutsch- 
Togo 276. 

Hygiene des Ich 313. 

I. 

Das Jahr 1905 1. 

Jugendfürsorge und Strafrecht in den 
Vereinigten Staaten 50. 

Im Jahre 1683 und im Jahre 1906! 121. 

Jahresbericht aus dem städtischen 
Krankenhause am Friedrichshain 122. 

Die Internationale Vereinigung gegen 
den Mißbrauch geistiger Getränke 185. 

Jahresversammlung des deutschen Ver¬ 
eins g. d. Mißbr. geist. Getränke 240. 
333. 

Jahresversammlung des Verbandes der 
Trinkerheilstätten 240. 336. 

Jahresversammlung des deutschen Ab¬ 
stinententages 240. 

Der Jahresbericht der badischen Fabrik- 
inspektiQn 293. 

Die Irreführung des deutschen Volkes 
durch die Presse 308. 

Jugenderziehung und Genußgifte 313. 

K. 

Kneipp-Kalender 51. 

Kulturschäden oder die Zunahme von 
Nerven- und Geisteskrankheiten 51. 

Von den Kneipen im alten Babylon 52. 

Der Kieler Bezirksverein gegen den 
Mißbrauch geistiger Getränke 123. 

Die Kriminalität in Deutschland 126. 

Die Kriminalität in Belgien 126. 

Krankheit und Selbstmord, Beiträge zur 
Beurteilung ihres ursächlichen Zu¬ 
sammenhanges 279. 

L. 

Landes Versicherungsanstalt und Alkohol 
60. 

Lehrer und Alkoholfrage 105. 

Liquor Legislation 119. 

Lohn und Haushalt der Uhrenfabrik¬ 
arbeiter des badischen Schwarzwaldes 
306. 

Das Land der sozialen Reformen (Neu¬ 
seeland) 320. 

Lokal Option in Neu-Seeland 338. 

M. 

Kurze Mitteilungen über den gegen¬ 
wärtigen Stand in Dänemark 194. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



X 


Sachverzeichnis. 


Die Mitarbeit der Frau im Kampf gegen 
den Alkoholmißbrauch 308. 

Mortalität und Morbidität im Brauge¬ 
werbe 815. 


W. 

Die Notwendigkeit eines obligatorischen 
Antialkoholunterrichts in den oberen 
Klassen der Volksschulen 94. 

Der Nutzen und Schaden des Bauchens 
und Trinkens 308. 

Die Notwendigkeit der Unterstützung 
des Kampfes gegen den Alkoholismus 
durch die Erziehung in Schule und 
Haus 313. 


P. 

Programm der wissenschaftlichen Kurse 
123. 

Die Periodizität der Trunksucht 154. 

Über einen akuten (Polioencephalitis Supe¬ 
rior haemorrhagica) und einen chro¬ 
nischen Fall von Korsakowscher 
Psychose 280. 

Preisausschreiben des schweizerischen 
Abstinentenverbandes 294. 


Q. 

Das Quinquaudsche Zeichen 103. 

B. 

Report of the Inder-Departmental Com¬ 
mittee on Physical Deterioration 277. 
Das Reichs-Versicherungsamt in Berlin 
erließ ein Rundschreiben 341. 


S. 

Die sexuelle Frage 52. 

Schule und Alkoholismus 104. 

Soziale Kultur 125. 295. 

Streiflichter aus den Jahresausgaben 
deutscher Städte 241. 

Die physiologische und pathologische 
Schlaftrunkenheit 281. 

Statistik von Infektionskrankeiten 296. 
Der Sieg muß uns doch bleiben 309. 
Ein Fall von galoppierender maligner 
Syphilis mit Alkoholismus kompliziert 
314. 

Die Spaltung im Guttemplerorden 814. 


Sterblichkeit an Alkoholismus in England 
und Wales während des Jahres 1904 
389. 

T. 

Die Trunksucht und die Haushaltung der 
deutschen Städte 77. 

Aus den Trinkerheilstätten 127. 240. 343. 

Nicht Trinksitten, sondern Alkoholkrank¬ 
heit 289. 

Die Trunksucht und ihre Abwehr 307. 

Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung 
für den Eisenbahner und, das reisende 
Publikum 315. 

U. 

Unfallverhütung und Alkoholgenuß 61. 

V. 

Der Verein abstinenter Ärzte des deut¬ 
schen Sprachgebietes 64. 

Deutscher Verein enthaltsamer Eisen¬ 
bahner 64. 

Verwaltungsbericht der Stadt Breslau 67. 

Verfügung des Regierungspräsidenten zu 
Potsdam 121. 

Über Vorkommen und Ätiologie der 
Arteriosklerose nebst einigen an¬ 
hangsweisen symptomatischen Bemer¬ 
kungen 228. 

Verein abstinenter Juristen des deutschen 
Sprachgebietes 295. 

W. 

Widersprüche unserer Gegner 118. 

Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 
1905 164. 

Die Wirkungen des Alkohols auf die 
inneren Organe 181. 

Über die Wirkung kleiner Alkoholgaben 
auf den Wärmehaushalt des tierischen 
Körpers 228. 

Wider den Trunk 309. 

Die Weltloge der Guttempler 341. 

Z. 

Zentralverband zur Bekämpfung des 
Alkoholismus (Berlin) 177. 

Über die Zunahme der Herzerkrankungen 
in der deutschen Armee und über 
ihre Ursachen 278. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Der Alkoholismus 

Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage 
1906 Neue Folge — Band 111 No. I 


I. Originalabhandlungm 


Das Jahr 1905. 

Der eben verflossene Jahresabschnitt hat auf dem Gebiete der 
Antialkoholbewegung bedeutsame Torkommnisse zu verzeichnen ge¬ 
habt, so daß es wohl verlohnt, einen kurzen Rückblick auf diese 
Spanne Zeit zu werfen. 

Auch in diesem Jahre hat es an Aufklärungsdienst und Werbe- 
fleiß nicht gefehlt, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf eine 
Frage zu lenken, welche — man darf es ruhig und ohne Über¬ 
treibung sagen — wie keine andere mit der gesamten Lebenshaltung 
des Volkes verwoben ist An der Popularisierung der Alkoholfrage 
haben Kongresse und Versammlungen größeren Stils einen nicht 
unwesentlichen Anteil, und wenn auch nicht behauptet werden soll, 
daß der internationale Kongreß gegen den Alkoholismus, welcher 
im Herbst vorigen Jahres in Budapest stattfand, in Korddeutsch¬ 
land von besonderem Einfluß gewesen ist, so läßt sich doch nicht 
verkennen, daß „immer etwas hängen bleibt“. Den weiteren Aus¬ 
bau, das Hineintragen der Gedanken nach zweckentsprechender Um¬ 
formung in die weiteren Volksschichten haben Landes-, Bezirks¬ 
und Ortsvereine vorzusehen, wie es in Deutschland der „Deutsche 
Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke“ und die ver¬ 
schiedenen Abstinenzvereinigungen, obenan der „Guttemplerorden“, 
zu tun bemüht sind. "Während die Abstinenz ihre Führer im ver¬ 
flossenen Jahre in hellen Haufen einmal in Danzig, ein anderes 
Mal in Dresden sammelte, um in Emst und Scherz die diesbezüg¬ 
lichen Bestrebungen kundzutun, hatte der Deutsche Verein g. d. 
M. g. G. eine glänzende Jahresversammlung in Münster zu bestehen, 
die nicht ohne Ausläufer bleiben wird. In idealer Konkurrenz 
haben beide Lager vermocht, einen nicht unbedeutenden Zuwachs 
an Freunden und Mitgliedern zu erhalten. Die Tätigkeit beider 
Bestrebungen muß als eine notwendige Ergänzung zueinander an¬ 
erkannt werden; die Verschiedenheit ihrer Arbeit darf sie aber nicht 
in ein gegensätzliches Verhältnis zueinander bringen und einen 

Der Alkoholismus. 1906. 1 


Digitized by 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



2 


Das Jahr 1905. 


Prinzipienstreit unter ihnen heraufbeschwören, der dem (hier nicht 
unbekannten) Dritten eine diabolische Freude bereitet. 

Als ein erfreuliches Zeichen ist der rege Besuch der wissen¬ 
schaftlichen Kurse, welche der „Berliner Zentral verband zur Be¬ 
kämpfung des Alkoholismus“ in der Osterwoche in der technischen 
Hochschule zu Charlottenburg abhalten ließ, anzusehen; hierüber ist im 
„Alkoholismus“ berichtet worden. Auch kann der Hebung der „Frauen¬ 
gruppen“ gedacht werden, welche in vielen Orten eine wirksame 
Hilfe bilden, die Antialkoholbewegung in die Familien hineinzutragen 
und sie vor allem praktisch bei der Jugend zu verwerten. Tausende, 
ja Hunderttausende von Flugschriften und Broschüren, die fort¬ 
laufenden Zeitungskorrespondenzen, welche stets das Neueste auf 
diesem Gebiet der Tagespresse zuführen, die mannigfachen Ausfüh¬ 
rungen in den Zeitungen über die Alkoholfrage, aber auch die noch 
sehr viel häufigeren Berichterstattungen über kriminelle Fälle, welche 
dem Alkohol ihre Entstehung verdanken, dienen dazu, dem Publikum 
die Augen zu öffnen. Wenn nun gar Unglücksfälle sich ereignen, 
wie die Eisenbahnunglücke des letzten Jahres, worüber der „Ver¬ 
band enthaltsamer Eisenbahner“ in einer Eingabe an den preußischen 
Landtag und die Tageszeitungen in aller Ausführlichkeit berichteten, 
so wird auch derjenige die Forderung nach Enthaltsamkeit im Dienst 
bei solchen Personen, denen so vieler Menschen Leben und Kapital 
anvertraut wird, zu stellen gewillt sein, der selbst nicht den Abstinenz¬ 
standpunkt vertritt. Es hat gewiß wenig Zweck, sich darüber in 
spaltenlangen Artikeln aufzuregen, ob die „Chauffeure“ der kaiser¬ 
lichen Kraftfahrzeuge abstinent leben oder nicht; ebenso verfehlt 
muß es sein, jedes Eisenbahnunglück und jeden Straßenbahnunfall 
auf den Alkohol zurückzuführen — es ist aber unbedingt notwendig, 
daß die Bewertung der alkoholhaltigen Getränke überhaupt eine 
andere, daß das Verständnis für diese Frage verallgemeinert und 
dadurch die Beurteilung nicht „in sinnloser Betrunkenheit“ be¬ 
gangener Verfehlungen adäquater wird als wie dies bisher der Fall 
ist Wir meinen, daß dem Richter ganz besonders häufig durch 
seine praktische Tätigkeit Gelegenheit geboten werde, sich mit dieser 
Angelegenheit zu befassen; und da will uns eine Reform des Ge¬ 
setzes und seiner Auslegung unumgänglich erscheinen. — Es ist ja 
ganz klar und auch im letzten Jahre zur Genüge dargetan, daß die 
Alkoholindustrie die Lärmtrommel gegen die Antialkoholbewegung 
zu rühren sich bemüht; wir sind weit davon entfernt, jedermann, 
welcher nicht auf die Abstinenz schwört, zu den Alkoholinteressenten 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Das Jahr 1905. 


3 


zu zählen und ihm unlautere Motive zu unterschieben, aber sicher 
ist zuzugeben, daß auch das Bier vielfach unsere hygienischen Ma߬ 
nahmen und kostspieligen Einrichtungen, die zum "Wohl des Volkes 
ins Leben gerufen werden, über den Haufen wirft Von diesem 
Gesichtspunkte aus begrüßen wir die in Aussicht genommene Bier¬ 
steuer, von der wir hoffen dürfen, daß sie den Bierkonsum, der in 
den letzten fünf Jahren eine Rückwärtsbewegung aufzuweisen hat, 
ohne den Branntweinverbrauch erhöht zu haben — dies besonders 
hervorzuheben scheint um deswillen nötig, da angesichts des Steuer¬ 
gesetzentwurfes für das Bier die Frage ventiliert worden ist, ob 
man dadurch nicht dem Brenner Vorteile durch Anwachsen des 
Konsums an Trinkbranntwein bringen würde — auch weiterhin um 
ein Erhebliches einzuschränken im stände sein wird. 

Vor Jahresschluß wurden zwei Erlasse von dem preußischen 
Minister der öffentlichen Arbeiten veröffentlicht, welche allgemeines 
Interesse erheischen. Es heißt darin: „Daß der Alkoholgenuß eine 
Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit zur Folge hat, ist nicht allein 
durch die ernsten Erfahrungen im Eisenbahndienst, sondern auch 
auf den vielen andern Arbeitsgebieten erwiesen. Es muß daher 
allen im Betriebsdienste, einschließlich des Fahr-, Rangier- und 
Bahnbewachungsdienstes tätigen Beamten, Hilfsbeamten und Ar¬ 
beitern, ferner allen im Bahnsteigschaffner-, Portier- und Wächter¬ 
dienst beschäftigten Bediensteten der Genuß alkoholhaltiger Getränke 
jeder Art während des Dienstes fortan untersagt werden.“ Der 
Minister behält sich vor, dies Verbot auf die anderen Beamtenkreise 
auszudehnen; er verlangt strengste Durchführung und wendet sich 
mit einem Appell an das Ehr- und Pflichtgefühl der Glieder der 
Staatseisenbahnverwaltung. In einem weiteren Erlaß ordnet der 
Minister Maßregeln zur Vorhaltung alkoholfreier Getränke und Be¬ 
schaffen warmen Essens für die Bediensteten an als eine wichtige 
Unterstützung zur Durchführung des obigen Verbots. 

Auch im preußischen Justizdienst und zwar im Kammergerichts¬ 
bezirk Berlin ist eine Verfügung erlassen, derzufolge alle Angestellten 
während der Dienststunden keinerlei geistige Getränke genießen 
dürfen — ein ebenfalls sehr erfreuliches Zeichen der Zeit 

Endlich sei noch einer höchst wichtigen Tatsache gedacht: 
Se. Majestät der deutsche Kaiser hat verfügt, daß allen Rekruten 
des Landheeres und der Marine bei ihrem Eintritt ein kleines 
Broschürchen überreicht werden soll, welches in kurzen Zügen die 
durch die geistigen Getränke hervorgerufenen Schädigungen dartut 

l* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



4 


Das Jahr 1905. 


Digitized by 


und vor ihrem Mißbrauch warnt. Hierdurch wird die Antialkohol¬ 
bewegung in das Heer und in die Marine mit einem Schlage hinein¬ 
getragen. Nicht nur die Mannschaft wird hiervon berührt, sondern 
in gleichem Maße wird das Offizierkorps imm er wieder daran er¬ 
innert, daß seine dem Yaterlande gewidmeten Kräfte durch den 
Alkoholmißbrauch geschwächt werden. Das ist ein Erfolg, der dem 
„Deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke“ in 
erster Linie zu danken ist und der aufs neue wieder beweist, 
welcher Anerkennung sich dieser Verein, der mit seinen vielen 
tausend Mitgliedern sich über ganz Deutschland erstreckt und dessen 
Fundament den Stützpunkt der ganzen Antialkoholbewegung bildet, 
erfreut. 

Schließlich kann auch eine Erweiterung der praktischen Tätig¬ 
keit in dem Kampfe gegen den Alkoholismus mit ihren Opfern er¬ 
wähnt werden: es ist die Vermehrung der Trinkerheilstätten um 
die badische Anstalt in Renchen, die Vergrößerung der schlesischen 
Anstalt zu Jauer, sowie die grundsätzlichen Änderungen in der 
Heilstätte „Waldfrieden“, welche darauf gerichtet sind, auch 
zwangsweise zugeführte Alkoholkranke in Behandlung zu nehmen. 
Hierdurch ist mit einem Male der Betrieb so lebhaft geworden, 
daß die jetzt 150 Betten zählende Heilstätte kaum im stände 
ist, allen Anfragen zu genügen. Das ist der schlagendste Beweis 
dafür, daß es anstaltsbedürftige Alkoholkranke hinreichend gibt und 
gegenteilige Behauptungen, die aus der mangelhaften Besetzung der 
offenen Trinkerheilstätten gefolgert werden, durchaus irriger Art sind. 
Möchte mit solchen falschen Vorstellungen mal gründlich aufgeräumt, 
die vorhandenen Heilstätten aber auch in der erforderlichen Weise 
ausgestaltet werden, auf daß sie allen Ansprüchen zu genügen ver¬ 
mögen. Der weitere Wunsch, welchen wir hieran knüpfen, be¬ 
zieht sich auf das erhoffte Trinkerfürsorge-Gesetz, welches uns 
dringend not tut, um die Alkoholkranken auf Grund eines amtsärzt¬ 
lichen Zeugnisses unmittelbar und zwar ohne vorherige Entmündigung 
einer Heilstätte überweisen zu können. (Ein Entwurf zu einem 
Gesetz ist seitens des Verbandes von Trinkerheilstätten des deutschen 
Sprachgebietes im letzten Sommer den Reichsbehörden übermittelt 
worden.) 

Redaktion und Verlag werden auch im neuen Jahre bestrebt 
sein, in treuer Hingabe für die Sache alte Wahrheiten durch neues 
Beweismaterial zu erhärten; sie werden sich bemühen, ihrem Grund¬ 
sätze gemäß in objektiver Weise die Alkoholfrage zu erörtern, ohne 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Das Jahr 1905. 


5 


Parteihader und einseitige Polemik die Wichtigkeit vorurteilsfreier 
Forschung durch diese Zeitschrift hinauszutragen in die weitesten 
Kreise aller gebildeten Stände. Alle Anzeichen sprechen dafür, 
daß die diesseits eingehaltene Taktik in der Antialkoholbewegung 
das Verständnis für diese wichtige soziale Frage den weitesten 
Widerhall findet Ein vertrauensvolles Glückauf den bewährten 
Mitarbeitern, den alten und neuen Freunden des „Alkoholismus“! 


Bemerkungen Uber die Wirksamkeit, beziehungsweise Giftig¬ 
keit verschiedener Alkohole, insonderheit des Äthylalkohols. 

Von 

Prof. Dr. med. P. v. GrUtzner, Tübingen. 

Daß unser gewöhnlicher Alkohol (der sogenannte Äthylalkohol) 
in irgendwie größeren Mengen auf jedwedes tierische Wesen, in¬ 
sonderheit auch auf den Menschen giftig wirkt, ist allbekannt. Daß 
er aber auch in kleineren Mengen eigenartige Wirkungen auf 
unseren Organismus und namentlich auf bestimmte Organe des¬ 
selben entfaltet, ist seit undenklichen Zeiten erprobt und zugleich 
die Ursache, weshalb er als Genußmittel eine so weite und allge¬ 
meine Verbreitung gefunden hat Alle diese seine Wirkungen 
aufzuzählen dürfte hier nicht am Platze sein, wohl aber wird es 
sich empfehlen, auf einige der wichtigsten, zum Teil umstrittenen 
etwas näher einzugehen. Dabei wird es sich empfehlen und unsern 
Blick schärfen und erweitern, wenn wir nicht bloß die Wirkungen 
dieses einen Alkohols, sondern auch diejenigen seiner nahen Ver¬ 
wandten kurz besprechen. 

I. Der Äthylalkohol. 

a) Allgemeine Wirkungen. 

Am längsten bekannt ist der durch Gärung zuckerhaltiger 
Flüssigkeiten gebildete Äthylalkohol, beziehungsweise dessen 
wässerige Lösungen. Erst die Kunst der Destillation stellte aus 
diesen Flüssigkeiten, namentlich aus dem Wein, seinen „Geist 1 , den 
sogenannten Weingeist dar. Abgesehen von mehr oder weniger 


Digitized by 


Go^ 'gle 


Original from 

CORNELL UNIVERS1TV 



6 


Prof. Dr. med. P. v. Grützner. 


unvollkommenen Versuchen, die bis in das 8. Jahrhundert zurück¬ 
reichen, war es ein deutscher Benediktiner, Basilius Valentinus, 
der gegen 1400 ziemlich wasserfreien Weingeist erhielt, indem er 
calcinierten Weinstein, das ist wasserfreie Pottasche, so oft auf das 
Destillat einwirken ließ, bis beim Verbrennen desselben in einem 
„verglasurten Scherblein keine aquositas in fundo bleibet“. Voll¬ 
kommen wasserfreier Weingeist wurde erst viel später, am Ende 
des 18. Jahrhunderts dargestellt 

Er wurde als Geheimmittel, keineswegs als Genußmittel, in den 
Apotheken verkauft und sollte vor allen Dingen das Leben ver¬ 
längern und die verlorene Jugend wiedergeben. Aqua vitae, 
Lebenswasser, ist sein Name, und in begeisterten Worten wird er 
von verschiedenen Forschern gefeiert „Die Menschheit ist gealtert,“ 
ruft Arnold von Villanuova aus, der sich mit seiner Darstellung 
beschäftigte, „sie ist schwach geworden, und darum hat Gott ihr 
das Lebenswasser geschenkt, damit sie wieder jung werde. Es 
wird die Quelle sein eines neuen Lebens der Menschheit.“ Der 
berühmte Mediziner Michael Savonarola, der Großvater des 
unglücklichen Mönchs, dessen Bildsäule jetzt da steht, wo einst seine 
Leiche von den Flammen verzehrt wurde, erzählt, wie ein berühm¬ 
ter Zeitgenosse von ihm in seinem 80. Lebensjahre begeistert aus¬ 
gerufen habe: „0 aqua vitae, per te jam mihi vita annis viginti 
duobus prorogata fuit!“ 

So verehrte und pries man das Lebenswasser viele Jahrzehnte 
hindurch, so lange etwa, als seine einzige Bezugsquelle die Apotheke 
war. Anders wurden die Anschauungen, als eine Massen-Darstellung 
und Massen-Verbreitung aus dem Lebenswasser ein tägliches Ge¬ 
tränk für viele, namentlich für Unbemittelte machte. Das Lebens¬ 
wasser wurde jetzt zu einem Todeswasser, gegen dessen übermäßigen 
Genuß man in den verschiedensten Ländern mit mehr oder weniger 
Erfolg zu Felde zog. 1 ) Auch in unserem Vaterlande wurde dieser 
Kampf gegen den Branntwein etwa in der Mitte des vorigen Jahr¬ 
hunderts von aufopferungsvollen Männern nicht ohne Erfolg geführt. 

Was nun die Wirkungen des Lebenswassers oder, wie wir 
heute gewöhnlich sagen, des Alkohols auf unseren Körper anlangt, 
so dürften folgende Bemerkungen hier am Platze sein. 

Es ist eine durch eine Fülle von Versuchen sichergestellte 


*) Vergl. C. Binz, Vorlesungen über Pharmakologie, Berlin 1886, und 
A. Bär, Der Alkoholismus, Berlin 1878. 


Digitized by. Google 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



Bemerkungen über die Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 7 

.Tatsache, daß die Wirkung eines jeden Giftes auf unsem Körper 
um so stärker wird, je größer die augenblicklich wirksame Menge 
des Giftes ist. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Art, wie 
dieselbe Giftmenge wirkt, wenn sie unmittelbar ins Blut kommt und 
dann sofort, d. h. innerhalb weniger Sekunden überall im Körper ist, 
oder wenn sie, durch den Mund eingeführt, in den Magen, nament¬ 
lich in den vollen Magen gelangt. Im letzteren Fall wird sie je 
nach ihrer Art mehr oder weniger von dem Mageninhalt um¬ 
schlossen, bedeutend verdünnt und ganz allmählich in den Darm 
befördert, so daß, auch wenn sie teilweise von der Magenwand 
aufgesaugt werden sollte, sie doch sehr allmählich in das Blut ge¬ 
langt Aber, und das ist von der allergrößten Wichtigkeit, die 
Gifte gelangen so nicht in den allgemeinen Kreislauf, sondern in 
den abgeschlossenen Kreislauf des Unterleibes auf dem Wege der 
Pfortader in die Leber. Hier werden sie zurückgehalten, vielfach 
zersetzt und so ganz unschädlich gemacht oder ganz allmählich in 
ganz kleinen Mengen dem großen, allgemeinen Kreislauf übergeben, 
oft in so kleinen Mengen, daß sie völlig unschädlich sind. Denn 
jedes Gift hat eine untere Grenze, unter welcher es für unseren 
Körper seine Giftigkeit verliert und völlig unwirksam wird; eine 
Tatsache, die für die Auffassung einer jeden Giftwirkung von der 
größten Wichtigkeit ist. Beispiele für obige Vorgänge sind die 
Wirkung des Schlangengiftes und des indianischen Pfeilgiftes. 
Wenn man nicht zufällig eine Wunde an der Schleimhaut der 
Lippen oder der Mundhöhle hat, kann man bekanntlich ohne Ge¬ 
fahr einen Schlangenbiß aussaugen, auch das Schlangengift hinab¬ 
schlucken. Von dem indianischen Pfeilgift, dem sogenannten Cu¬ 
rare, genügen kleine, an der Spitze des Pfeiles haftende Mengen, 
um, unter die Haut gebracht, schwer zu schädigen oder zu töten. 
Außerordentlich viel größere Mengen, in den Magen hinabgeschluckt, 
sind ganz oder nahezu unschädlich; denn sie werden von der Leber 
zurückgehalten (auch teilweise zersetzt) und gelangen von hier in 
so geringen Mengen ins Blut, d. h. in den allgemeinen Kreislauf, 
daß sie nicht schädlich wirken können, da sie fortwährend durch 
die Nieren entfernt werden. Die Leber hält also die Gifte zurück — 
weshalb man bei den meisten Vergiftungen das Gift auch in der 
Leber findet —, die Nieren scheiden es aus dem Körper aus. 
Hieraus geht hervor, daß, wenn eines dieser beiden Organe oder 
gar alle beide geschädigt sind, verhältnismäßig kleine Giftmengen 
ungemein stark wirken können, ein Umstand, der meines Erachtens 


Digitized by 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



8 


Prof. Dr. med.- P. v. Grützner. 


von ärztlicher Seite viel zu wenig berücksichtigt ist. So ist es- 
z. B. bekannt, daß unmäßiger Alkoholgenuß diese beiden Organe 
schädigt; es ist weiter bekannt, daß in einer großen Menge von 
Krankheiten sich Gifte im Körper entwickeln, die unserem Orga¬ 
nismus verhängnisvoll sind oder ihn zu Grunde richten, und ebenso, 
daß auch der gesunde Organismus Gifte in sich erzeugt Verfügt 
nun der Organismus über die nötigen Schutzvorrichtungen, so be¬ 
wältigt er diese Gifte und entgiftet sich selbst. Sind die Schutz¬ 
vorrichtungen aber schwach oder ungenügend, so wirken diese Gifte 
überaus schädlich. Ich sehe in diesem Umstand eine der wesent¬ 
lichsten Ursachen für die geringe Widerstandskraft gegenüber Krank¬ 
heiten und Schädigungen aller Art, welche bekanntlich den Trinkern 
eigentümlich ist. 

Ein und dieselbe Menge Gift, in gleicher Art in unseren Körper 
eingeführt, kann ferner ganz verschieden wirken, je nachdem durch 
irgend welche Umstände die Aufnahme und allgemeine Verbreitung 
des Giftes befördert oder gehemmt wird. Wenn z. B. unser Körper 
ein großes Wasserbedürfnis hat, was uns meistens durch das Gefühl 
des Durstes angezeigt wird, so werden Flüssigkeiten und etwa in 
ihnen enthaltene Gifte mit außerordentlicher Geschwindigkeit auf¬ 
gesaugt, so fast wie von ausgedörrtem Lande der Kegen verschluckt 
wird. Hieraus folgt die ungemein starke Wirkung alkoholischer 
Getränke nach körperlichen Anstrengungen aller Art. Mir ist es in 
meiner Jugend gelegentlich aufgefallen, daß, wenn ich z. B. nach 
längerem Schwimmen alkoholische Getränke genoß, ich fast sofort 
ihre Wirkung im Kopfe spürte. Andern wird es nicht anders 
gehen. Hierin liegt eine ernste Mahnung für die Lehrer, nament¬ 
lich Schwimm- und Turnlehrer, ihren Schülern nach starker, kör¬ 
perlicher Anstrengung den Genuß alkoholischer Getränke entschieden 
zu widerraten, was bisher kaum, in meiner Jugend jedenfalls nicht 
im geringsten stattfand. Man fand es im Gegenteil ganz natürlich, 
daß man sich nach den Anstrengungen durch ein paar Glas Bier, 
gelegentlich vielleicht auch durch ein Gläschen Schnaps stärkte. 
Und doch, das wollen wir uns gar sehr merken, ist ein Glas Bier 
für einen Durstenden vielleicht von der gleichen Wirkung, wie drei 
oder mehr Glas Bier am Abend bei oder nach der Abendmahlzeit. Der 
bekannte Athlet Bernhard Leiter sagt daher auch in seinem Büch¬ 
lein „Wie wurde ich stark?“ mit Recht: „Nach außergewöhnlichen 
Anstrengungen muß entsprechende Ruhe und Erholung folgen. 
Gerade nach Anstrengungen ist der Alkoholgenuß am 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Bemerkungen über die "Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 9 


schädlichsten,“ aber, das ist ja das Diabolische an diesem Ge¬ 
tränk, auch am angenehmsten. Indessen dem Durstigen schmeckt 
wohl auch jedwede andere kühle, trinkbare, alkoholfreie Flüssigkeit 
ebenso gut, weshalb man mit ihr den Durst löschen soll. Ist dies 
geschehen, so wird eine mäßige Menge alkoholischen Getränkes 
namentlich im Yerein mit fester Nahrung nicht mehr schaden. 

Es ist hier der Ort, auf eine Darstellung aufmerksam zu 
machen, welche sich vielfach bei denjenigen Leuten findet, die in 
dem Genuß auch der kleinsten Mengen alkoholischer Getränke 
lediglich und ganz allein die schädliche und schlimme Seite sehen, 
und z. B. schon von einer Art von fanatischer Erregung befallen 
werden, wenn (wie ich das selber erlebt) ein durchaus mäßiger 
Mann nach Genuß von etwas fetter Wurst ein ganz kleines Gläschen 
Benediktiner sich genehmigte. Das wird ihm nicht schaden, sondern 
aller Wahrscheinlichkeit nach seine Yerdauung unterstützen. Selbst¬ 
verständlich darf der Likör — und dieser am allerwenigsten — 
nicht zur Gewohnheit werden, und besser ist es immer, überhaupt 
solche Nahrung zu meiden, welche den Magen irgendwie beschwert. 

Vielfach wird nämlich, wie oben angedeutet, die Schädlichkeit 
alkoholischer Getränke in der Weise berechnet, daß man zusammen¬ 
stellt, wieviel reiner Alkohol in einer größeren oder kleineren 
Menge genossenen verdünnten Alkohols, z. B. im Bier, enthalten 
ist. Wenn also jemand einen Liter Bier von, sagen wir, 4 % Alkohol 
trinkt, so heißt es dann, „er hat 40 ccm Alkohol genossen; 40 ccm 
Alkohol wirken aber schon sehr giftig.“ Eine derartige Berech¬ 
nung ist aber durchaus unerlaubt. Denn für den Grad der Giftig¬ 
keit einer jeden Giftmenge entscheidet die Stärke ihrer Verdünnung, 
ihre Konzentration. Dieselbe Menge eines Giftes in starker Ver¬ 
dünnung kann vollständig unschädlich sein, während sie in starker 
Konzentration den Tod bringt. Ein paar Beispiele statt vieler 
dienen zum Beweis. 

Die in den Apotheken käufliche Salzsäure enthält etwa 25°/ 0 
reine Salzsäure in Wasser gelöst. Würde man von dieser Säure, 
selbst wenn man. sie noch stark mit Wasser verdünnte, einen 
Schluck nehmen, so würde man sich schwer schädigen, ja sich 
Mund, Speiseröhre, vielleicht auch Magenschleimhaut so stark an¬ 
ätzen, daß man an diesen Verletzungen zu Grunde gehen könnte. 
Und doch bedürfen wir der Salzsäure zu der Verdauung der 
Nahrungsmittel im Magen, ja die Magenschleimhaut selbst bereitet 
die Salzsäure, die sie zu ihrer Verdauung nötig hat. Und es ist 


Digitized b' 


■V Google 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



10 


Prof. Dr. med. P. v. Grützner. 


dies keine geringe Menge, sondern in einem Tage etwa ebensoviel, 
als bei einmaliger Gabe uns töten, jedenfalls stark schädigen 
kann. Es ist eben ein himmelweiter Unterschied, in welcher Kon¬ 
zentration, beziehungsweise Verdünnung ich dem Körper ein Gift 
zuführe. In starker Verdünnung ist es oft nicht bloß völlig unschädlich, 
sondern sogar notwendig für den Haushalt unseres Organismus, in 
schwacher Verdünnung, d. h. also stark konzentriert, ein intensives 
Gift 1 ) 

Ein weiteres ähnliches Beispiel sind die Kalisalze. Unser 
Körper bedarf notwendig der Kalisalze zu seinem Bestände, ähnlich 
wie die Pflanze, und doch sind Kalisalze starke Gifte. Schon eine 
kleine Menge von ihnen ins Blut gebracht, schädigt das Herz so 
gewaltig, daß der Tod eintreten kann. Eine ungemein viel größere 
— vielleicht die zehnfache — Menge genießen wir mit einer Mahl¬ 
zeit Kartoffeln und etwas Fleisch ohne den geringsten Schaden. 
Es ist also ganz unerlaubt, bei einer stark verdünnten Giftlösung 
die in derselben enthaltene reine Giftmenge als wirksam anzusehen. 
In der betreffenden Verdünnung kann sie selbst, ja kann vielleicht 
eine zehnfach so große Giftmenge vollkommen unschädlich sein. 
Darüber entscheidet nur der Versuch, und zwar der^lediglich mit 
der betreffenden Substanz angestellte Versuch. 

An derartigen Versuchen, die Alkohol Wirkung betreffend, aber 
mangelt es meines Erachtens noch ganz und gar. Alle Versuche 
über die Wirkung alkoholischer Getränke sind immer nur mit 
ziemlich starken alkoholischen Getränken angestellt worden. Nie¬ 
mand weiß, wie z. B. ein ein- oder zweiprozentiges alkoholisches 
Getränk wirkt. Es ist vielleicht — wenn nicht allzu große Mengen 
davon genossen werden — völlig unschädlich, so wie unsere ver¬ 
schiedenen Nahrungs- und Genußmittol. Denn man darf nicht 
vergessen, daß man sich auch durch den Genuß von allzuviel 
Wasser, Fleisch, Obst, Salz oder Zucker schaden kann. Nur sind 
die Grenzen für diese Stoffe sehr weit, die Grenzen für die eigent¬ 
lichen Gifte sehr eng gesteckt 

Ich brauche hiernach kaum noch zu erwähnen, daß alle alko¬ 
holischen Getränke — alles übrige gleichgesetzt — um so schäd¬ 
licher sind, je mehr sie Alkohol in der Maßeinheit enthalten. 


l ) Selbstverständlich gilt dies nicht für den Alkohol, der, wie die Abstinenten 
mit Recht behaupten und unmittelbar zeigen, auch in den kleinsten Mengen für 
uns entbehrlich ist. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSUf 



Bemerkungen über die Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. H 


Schnaps oder andere starke Alkoholica sind bekanntlich viel schäd¬ 
licher, als leichte Weine oder Biere mit geringem Alkoholgehalt. 

Yon weiterer allgemeiner Bedeutung, betreffend die Wirkung 
eines jeden Giftes, auch des Alkohols, ist dann die Frage, auf 
welchen Organismus er eingewirkt hat Auch hier sind wiederum 
die Verschiedenheiten der Wirkungen gleichartiger und verhältnis¬ 
mäßig gleich großer Giftmengen geradezu ungeheuer. So ist es 
ganz unzweifelhaft, daß manche Leute in völliger Gesundheit des 
Körpers und Geistes ein hohes Alter erreichen, obwohl sie tagtäg¬ 
lich nicht gerade geringe Mengen alkoholischer Getränke genießen. 
Freilich bilden sie die kleine Minderzahl und kein vernünftiger 
Mensch wird etwa deshalb die Unschädlichkeit alkoholischer Ge¬ 
tränke behaupten wollen, weil einigen Menschen der Alk ohol ver¬ 
hältnismäßig wenig schadet. Es wäre dies ungefähr dasselbe, wie 
wenn man sagte, ein Gefecht sei eine ungefährliche Sache, weil 
ziemlich viel Soldaten unverwundet aus demselben hervorgehen. 

Diesen wenig empfindlichen Leuten stehen aber auch andere 
gegenüber, denen der Alkohol außerordentlich schädlich ist und die 
schon durch verhältnismäßig kleine Mengen schwer vergiftet werden. 
Woher diese eigenartige Wirkung kommt, das wissen wir nicht; 
aber vorhanden ist sie unzweifelhaft. Und merkwürdigerweise 
haben jene Leute, für die der Alkohol ein so schweres Gift ist, 
oft gerade die allergrößte Begierde nach seinem Genuß. Vielfach 
sind sie irgendwie nervös belastet und richten sich, wenn man 
ihnen eben den Alkohol nicht ganz und gar entzieht, sehr schnell 
vollkommen zu Grunde. Für alle jene Leute, die ich hier nicht 
näher charakterisieren kann, ist daher vollkommene Enthaltsamkeit 
durchaus notwendig. 

Ein altes Sprichwort sagt, daß der Wein für das Alter un¬ 
gefähr dasselbe sei, wie die Milch für die Jugend, also ein ihm 
zuträgliches Getränk. Ob diese Behauptung durchaus zutreffend 
ist, darüber möchte ich mir kein Urteil erlauben. Soviel dürfte 
aber wohl sicher sein, daß der Wein und] überhaupt jedes nament¬ 
lich irgendwie stärkere alkoholische Getränk für die Jugend schon 
deshalb in hohem Maße schädlich ist, weil sie sich allzu leicht 
— wie das vielfache Erfahrung 1 ) zeigt — an den Genuß alkoho- 

l ) Vergl. in erster Linie R. Demme, Über den Einfluß des Alkohols auf 
den Organismus des Kindes, Stuttgart 1891; weiter G. Rosenfeld, Der Einfluß 
des Alkohols u. s. w., Wiesbaden 1901, S. 86, und E. Abderhalden, Biblio¬ 
graphie über den Alkohol und Alkoholismus, Berlin-Wien 1904, S. 153. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



12 


Prof. Dr. med. P. v. Grützner. 


Digitized by 


lischer Getränke, welche ihr im Anfang oft geradezu zuwider sind, 
gewöhnt und von ihrem weiteren Genuß nicht mehr lassen kann. 
So geraten die jugendlichen, oft „sehr mäßigen Trinker“ nicht selten 
ganz leicht und unmerklich auf eine abschüssige Bahn, und oft sind 
die Schäden dieses frühzeitigen Alkoholgenusses schon da, bevor 
man noch an sie denkt, ja sie überhaupt für möglich hält. 

Hierzu .kommt etwas zweites: Es ist so gut wie sicher, daß 
für den zarten, kindlichen und im Wachstum begriffenen Organis¬ 
mus der Alkohol viel giftiger ist, als für den des Erwachsenen. Diese 
Eigenschaft dürfte er mit vielen anderen Giften, z. B. mit dem 
Opium teilen, von dem geradezu verschwindende Mengen, die für 
den Erwachsenen nahezu wirkungslos sind, ein Kind töten können, 
auch wenn man, was selbstverständlich ist, das geringere Gewicht 
des kindlichen Organismus berücksichtigt. 

Nichtsdestoweniger liegen aber über die doch sehr wichtige 
Frage eingehende Beobachtungen an Menschen, beziehungsweise 
Versuche an Tieren — wenigstens soviel ich weiß — nicht vor. 
Wie groß ist z. B. die tödliche Gabe eines alkoholischen Getränkes, 
beziehungsweise] gewisser Alkohole für einen Erwachsenen oder 
ein erwachsenes Tier im Verhältnis zu derjenigen für ein Kind 
oder das betreffende junge Tier? Wie steht es mit den erregenden 
oder lähmenden Wirkungen? 

Ich kenne, wie gesagt, dergleichen methodische Versuche oder 
Beobachtungen nicht. Vielleicht finden sie sich irgendwo in der riesi¬ 
gen Literatur versteckt. Gelegentliche Beobachtungen, daß ein Säugling 
in Krämpfe verfiel, nachdem seine Amme Schnaps getrunken hatte, 
oder daß Erwachsene, häufig auch Kinder nach Genuß von viel 
alkoholischem Getränk (meistens Schnaps, oft infolge wahnsinniger 
Wetten) zu Grunde gingen, oder in tiefen, todesähnlichen Schlaf 
verfielen, nachdem bei den Kindern vielfach Krämpfe vorausgegangen 
waren, reichen natürlich' für die genaue Kenntnis der verschie¬ 
denen Giftigkeit alkoholischer Getränke für jung und alt nicht 
aus. Jedenfalls spricht aber alles dafür, daß das Kind nicht we¬ 
niger, sondern mehr empfindlich gegenüber dem Alkohol ist, als 
der Erwachsene. 

Jede irgendwie sichergestellte Tatsache auf diesem Gebiet 
scheint mir daher der besonderen Beachtung wert. Eine derartige 
Tatsache ist nun meines Erachtens folgende. Es ist von meinem 
früheren, leider so früh verstorbenen Freund und früheren Kollegen 
Demme und anderen mit Sicherheit nachgewiesen, daß Kinder nicht 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Bemerkungen über die Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 13 

bloß infolge von ziemlich kurz dauerndem Schnapsgenuß, sondern auch 
infolge von sogenannten stärkenden Weinen an Leberschrumpfung 
zu Grunde gegangen sind. Wenn man nun damit vergleicht, wie 
lange und welch unglaubliche Mengen von Schnaps ein richtiger 
„ausgepichter“ Säufermagen verträgt, ehe sein Besitzer zu Grunde 
geht, so muß man zu der Meinung gelangen, daß das Band in der 
Tat so wie gegenüber anderen Giften auch gegenüber dem Alkohol 
viel empfindlicher ist, als der Erwachsene. Aus diesem Grunde 
scheinen mir weiter folgende neuerdings gemachte Beobachtungen 
zum mindesten zu ganz besonderer Vorsicht zu mahnen. 

Bei uns in Schwaben wird — leider — sehr viel Most 1 ) 
getrunken. Es ist für einen richtigen Schwaben, namentlich aus 
dem Arbeiterstande, fast undenkbar, ohne Most zu leben. Zum 
zweiten Frühstück, zur Vesper, vielfach auch zu den Mahlzeiten 
muß Most verzehrt werden; er ist der allgemeine „Haustrunk“ 
gegen den Durst. Und als kürzlich ein mir bekannter Handwerker 
in Tübingen heiratete, so war das erste Gerät, welches vor allen 
anderen in die Ehe angeschafft wurde, ein großes Mostfaß. 

Der Most enthält wohl nicht viel Alkohol (man gibt an 3-—5 °/ 0 ), 
obwohl auch hierüber viel zu wenig Untersuchungen vorliegen. 
Wenn er aber, was mir ganz unzweifelhaft ist, doch nicht selten 
schadet, so tut er es, weil er einmal in übergroßen Mengen von 
aller Welt genossen wird und vor allen Dingen, weil sich die Jugend, 
wie schon oben erwähnt, hierdurch leicht an alkoholische Getränke ge¬ 
wöhnt. Denn schon das kleine Kind muß häufig aus der Mostflasche 
tiinken und „sich stärken“ wie die Eltern, die es ihm vormachen. Es 
wird noch viel Mühe kosten, ehe man den Leuten hier zu Lande klar 
gemacht hat, daß sie selbst und vor allem ihre Kinder durch den 
reichlichen Genuß von Most sich keine Kraft, sondern eher Krank¬ 
heit und Siechtum holen, und ehe Württemberg die recht hohe Stellung, 
welche es unter den alkoholverzehrenden Ländern zur Zeit einnimmt, 
mit einer niedrigeren Stellung vertauscht. Dabei möchte ich betonen, 
daß ich selbstverständlich gegen das gelegentliche Trinken von Most 
von seiten der Erwachsenen nichts einzuwenden habe. Anders aber 


*) Für den Nichtschwaben bemerke ich, daß Most ein ziemlich leichter 
Äpfel-, beziehungsweise Birnen wein ist, der aus dem Faß geschenkt wird. Er 
ist meistens etwas trübe und säuerlich, nach meinem Geschmack scheußlich, 
weil er, soweit ich wenigstens gefunden, abgesehen von dem stark säuerlichen, 
immer auch einen fauligen Beigeschmack hat. Aber de gustibus non est dis- 
putandum. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



14 


Prof. Dr. med. P. v. Griitzner. 


Digitized by 


bei den Kindern. Es sind nämlich jetzt hier 1 ) und auch ander¬ 
wärts mehrere Fälle von tödlichen Lebererkrankungen bei Kindern 
beschrieben worden, die sich sonst fast nur bei Säufern, namentlich 
bei Schnapssäufern finden, und es ist weiter festgestellt, daß die 
Kinder natürlich keinen Schnaps, wohl aber in der üblichen Weise 
Most als regelmäßiges Getränk erhalten hatten. Andererseits muß 
allerdings zugegeben werden, daß derartige Lebererkrankungen sich 
auch bei Kindern und bei Erwachsenen vorfinden, ohne daß nach¬ 
weislich übermäßiger Genuß von Alkohol an den Erkrankungen 
schuld ist Wir wollen also, um ganz unparteiisch zu sein, sagen, 
es ist keineswegs sicher bewiesen, daß in allen derartigen Fällen 
der Mostgenuß die Ursache der Erkrankung und des Todes jener 
Kinder gewesen ist Wenn es aber sichergestellt ist, daß stärkere 
alkoholische Getränke (selbst Rotwein) bei Kindern innerhalb ziem¬ 
lich kurzer Zeit tödliche Leberschrumpfung erzeugen, so ist jeden¬ 
falls der Verdacht berechtigt, daß bei besonders veranlagten Kindern 
auch der Most zum tödlichen Getränk werden kann. Alle diese 
Tatsachen sind meines Erachtens mehr als zureichend, um der 
Jugend auch den Most durchaus zu verbieten, eine Forderung, für 
welche freilich der richtige Schwabe nur ein mitleidiges Lächeln 
übrig haben dürfte. 

Als letzte allgemeine Wirkung des Alkohols möchte ich zum 
Schluß nur noch die überaus merkwürdige Tatsache der Gewöh¬ 
nung an seinen Genuß erwähnen. Es ist diese Tatsache eine der 
vielen wunderbaren, die wir an unserem Organismus beobachten 
können. Während z. B. der gesunde, normale Mensch nach der 
Einführung von 0,01 g Morphium in der Regel in tiefen und lang- 
dauernden Schlaf verfällt, spritzt sich der Morphinist am Tage über 
die 100 fache Menge ein, ohne daß er im geringsten in Schlaf ge¬ 
riete. Im Gegenteil, jede neue Einführung des Giftes ermuntert 
und belebt ihn wieder, wenn er vorher elend und matt war und 
ohne Morphium nicht mehr leben zu können glaubte. Erst nach 
längerer derartiger Mißhandlung seines Körpers bricht er voll¬ 
kommen zusammen. 

Bekannt ist ja leider, daß auch an deutschen Hochschulen der 
Trunk gelernt wird und die „Füchse“ trinkfest gemacht werden. 
Gegen diese methodische Vieltrinkerei und die zwangsmäßige Ge- 


i) Vergl. D. Bantlin, Über einen Fall von Lebercirrhose im Kindesalter, 
Med. Dissertation. Tübingen 1908. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 




Bemerkungen über die Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 15 

wöhnung an den Genuß von großen Mengen alkoholischen Getränkes, 
gegen diesen Trinkzwang und die törichten Trinksitten sollte sich 
jeder verständige und sein Volk liebende Deutsche mit aller Gewalt 
auflehnen. Denn hier wird gar häufig der Grund zu späterer Un¬ 
mäßigkeit und späterem Siechtum gelegt, und dies um so leichter, 
da, wie gesagt, das Zechen vielfach sehr gut bekommt und man nur 
sehr selten einen festen „Kater“ nach Hause nimmt. Die traurigen 
Folgen kommen erst viel später. 

Es ist hier der Ort, noch auf einen Punkt aufmerksam zu 
machen, über den, wie ich glaube, häufig, ja man kann sagen, 
ziemlich ausnahmslos nicht zutreffende Ansichten herrschen, das 
ist die Zurechnungsfähigkeit derjenigen, die alkoholische Ge¬ 
tränke genossen haben. Der Jurist fragt stets, war der Betreffende, 
der die oder jene strafbare Handlung begangen hat, betrunken? 
War er seiner Sinne nicht mehr mächtig? Ist dies sichergestellt, 
so kann auf ein geringeres Strafmaß erkannt werden, was ich gegen¬ 
über der abweichenden Handhabung beim Militär durchaus gerecht 
finde. Ich würde allerdings das Betrinken selbst an und für sich 
mit einer nicht zu niedrigen Strafe belegen, so daß derjenige, der 
im Trunk eine strafbare Handlung begangen hätte, erstens wegen 
der strafbaren Handlung, da allerdings milder, und zweitens wegen 
des übermäßigen Trunkes zu bestrafen wäre. 

Wenn nun aber jemand nur wenig Alkohol getrunken hat, so 
daß er nicht betrunken, sondern vielleicht nur ein wenig angeheitert 
oder aufgeregt ist und nun eine strafbare Handlung begeht, wie 
ist dieser zu behandeln? Die Frage ist sehr schwer zu beantworten. 
Unzweifelhaft befindet er sich unter der Gewalt des Giftes, sein 
Gehirn ist nicht völlig normal. Es bedarf nur eines ganz leisen 
Anstoßes und er begeht eine Torheit oder eine strafbare Handlung, 
vielleicht ein Verbrechen, das ihn auf das Schafott führt, wie ich 
einen solchen Fall erlebt habe. Vom moralischen Standpunkt aus, 
das scheint mir ganz klar, kann seine Handlung nicht so schwer 
beurteilt werden, wie wenn er bei vollkommen klarem Bewußtsein 
und Verstand ganz dieselbe Handlung ausgeführt hätte. Und wenn 
man für den schwer Betrunkenen Milderungsgründe gelten läßt, so 
scheint es mir folgerichtig, daß man auch für den leicht An¬ 
getrunkenen ähnliche Milderungsgründe gelten lassen sollte; denn 
der eine wie der andere befindet sich unter dem Einfluß des Giftes. 
Ja ganz dieselbe Milde müßte man auch dem zubilligen, der an 
den Folgen einer Alkoholvergiftung leidet und ganz sicher nicht 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



16 


Prof. Dr. med. P. v. Grützaer. 


Digitized by 


über einen vollkommen klaren Kopf und richtige Entschlußfähigkeit 
verfügt. Ich erinnere nur an den unglücklichen Stationsvorsteher 
in Spremberg. Die Tat, um derentwillen er bestraft worden ist, 
sollte ihm — so scheint es mir recht und gerecht — nicht voll 
angerechnet werden. Wohl aber könnte man ihn nebenher be¬ 
strafen, weil er sich überhaupt betrunken hat, oder, vorsichtiger 
ausgedrückt, sich durch Alkoholgenuß in einen Zustand geringerer 
Leistungsfähigkeit versetzt hat. Derartige Strafen, selbst wenn sie 
gelegentlich nur über jede (natürlich selbsverschuldete) schwere Be¬ 
trunkenheit verhängt würden, dürften sehr heilsam und erzieherisch 
wirken und vor allen Dingen das Gewissen der Masse schärfen; 
denn über einen Angetrunkenen wird in unserem lieben Vaterland 
wohl immer noch gelächelt. Verurteilt oder bedauert wird er von 
den wenigsten. 


b) Spezielle Wirkungen. 

Es würde heißen, Eulen nach Athen tragen, wenn ich an dieser 
Stelle ausführlich über die Wirkungen des Alkohols und alkoho¬ 
lischer Getränke mich einließe. Nur zwei Punkte, weil sie noch 
nicht allgemein anerkannt sind, will ich kurz berühren. Das ist 
einmal die erregende und zweitens die ernährende Wirkung 
des Alkohols. 

Betreffs des ersten Punktes findet man noch vielfach die von 
Bunge, Schmiedeberg u. a. vertretene Meinung verbreitet, daß der 
Alkohol lediglich ein Narkotikum ist, daß er nur lähmend wirkt. 
Die Lebhaftigkeit der Bewegungen, die Lautheit der Sprache, die 
Ausgelassenheit und Heiterkeit froher Zecher im Beginn ihrer Tätig¬ 
keit soll nur eine Lähmungserscheinung sein. Die feineren Grade 
der Aufmerksamkeit, des Urteils und der Überlegung werden schon 
nach kleineren Gaben von Alkohol vernichtet Diese Tätigkeiten aber 
seien es, welche im wesentlichen hemmend auf unsere Handlungen 
einwirken. Indem nun der Alkoholgenuß diese hemmenden Kräfte 
lähme, öffne er gleichsam diese Regulationsventile und die Maschine 
fange an zu rasen. 

Nim, daß der Alkohol in großen Gaben (lähmend wirkt, das 
wird kein . Mensch bestreiten, der nur ein einziges Mal einen stark 
Angetrunkenen in todesähnlichem Schlaf [gesehen hat. Daß aber 
der Alkohol in kleinen Gaben im Gegenteil geradezu erregend 
wirkt, auch das dürfte meines Erachtens über allen Zweifel er¬ 
haben sein. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Bemerkungen über die Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 17 


Einmal sprechen dafür die verschiedenen bekannten Versuche 
am Menschen, in denen kurze Zeit nach dem Genuß von kleinen 
Gaben alkoholischer Getränke durchweg Erscheinungen in dem 
Gebiet der Atmung und Herztätigkeit, sowie in demjenigen der 
Psyche auftreten, die man bei unbefangener Betrachtung nur als Er¬ 
regungserscheinungen auffassen kann wie das auch erfahrene Ärzte 
und Pharmakologen 1 ) und ebenso hervorragende Psychiater 2 ) tun. 

Da nun aber diese Vorgänge und namentlich die sogenannten 
einfachsten psychischen Prozesse in Wirklichkeit schon ungeheuer 
komplizierte Vorgänge an den verschiedensten Organen darstellen, 
habe ich und meine Schüler 3 ) die Wirkung des Alkohols und seiner 
Verwandten an einfachen Organen untersucht bez. untersuchen 
lassen und, ohne daß ich hier in Einzelheiten eingehen will, aus¬ 
nahmslos gefunden, daß der Alkohol in kleinen Gaben zu¬ 
erst erregend und dann früher oder später, je nach der 
Größe der Gabe, lähmend wirkt. Dies gilt für das Gewebe 
der Nerven, der Muskeln und gewisser Epithelzellen (Flimmerepi- 
thelien),‘welche lebhaft sich bewegende Härchen tragen. Dies gilt 
unzweifelhaft auch von den mit den Nervenfasern in engster phy¬ 
siologischer Verbindung stehenden Ganglienzellen des Hirns und 
des Rückenmarks, und dies um so sicherer, als die verschiedenen 
Narkotika (wie Morphin, Atropin, Äther, Chloroform u. a.) immer 
erst erregend und dann hinterher lähmend, beziehungsweise be¬ 
ruhigend wirken. 

Was dann zweitens die ernährende Wirkung des Alkohols 
anlangt, so ist es jetzt sichergestellt, daß derselbe vom theoretischen 
Gesichtspunkt aus ein Nahrungsmittel oder ein Sparmittel ist, selbst¬ 
verständlich nur so lange, als er in geringen unschädlichen Mengen 
genossen wird. Da aber diese Grenze sehr leicht, namentlich bei 
regelmäßigem Genuß überschritten wird und der Alkohol dann 
seine Giftwirkung entfaltet, so ist es ebenso klar, daß er vom prak- 


■+*4 . t, 

I/.'-V l 


/ 

'H 


*) Binz und v. Jacksch, Der Weingeist als Heilmittel, Verh. des 7. Kon¬ 
gresses für innere Med., Wiesbaden 1888. 

*) E. Kräpelin, Über die Beeinflussung einfacher psychischer Vorgänge 
durch einige Arzneimittel, Jena 1892, und Th. Ziehen, Über den Einfluß des 
Alkohols auf das Nervensystem, Mäßigkeitsverlag 1904. Vergl. auch H. Hoppe, 
Die Tatsachen über den Alkohol, Berlin 1901. 

*) P. Grützner, Ein Wort über die erregende Wirkung des Alkohols, Mäßig¬ 
keitsblätter 1908, Aprilheft, und H. Breyer, Über die Wirkung verschiedener 
einatomiger Alkohole u. s. w. Pflügers, Archiv Bd. 99, 1903, S. 481, woselbst 
auch die anderweitige Literatur zu finden. 

Der Alkoholiamus. 1906. 2 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



18 


Prof. Dr. med. P. v. Grützner. 


tischen Standpunkt aus als Nahrungsmittel nicht angesehen werden 
kann; denn anstatt zu ernähren, schädigt oder tötet er jetzt Das 
dürfte in kurzen Worten der wesentliche Inhalt der überaus großen 
und mühsamen Untersuchungen 1 ) über die Nährkraft des Alkohols 
sein. (Daß alkoholische Getränke, wie Bier und zuckerhaltige Schnäpse, 
nebenher noch geringe Mengen nährender Substanzen enthalten, 
I berührt natürlich diese Frage nicht) Ich möchte, äußerte ich mich 
1 daher früher einmal über diese Frage in etwas drastischer Form, den 
1 Alkohol in dieser Beziehung mit dem gelehrigen Bären vergleichen, 
\ dessen Herr sich rühmte, sein Bär könne ihm sogar die Fliegen 
\ verscheuchen und töten. Tatsächlich konnte dieses der Bär. Und 
als einstmals auf der Stirn seines Herrn eine zudringliche Fliege 
herumkrabbelte, nahm der Bär einen großen Stein und schlug da¬ 
mit die Fliege tot Freilich schlug er nebenbei auch seinen Herrn 
tot aber ein Fliegenfänger war er trotzdem. 

II. Die anderen (einatomigen) Alhohole. 

„Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner 
eignen“, möchte man als Motto über dieses Kapitel setzen, weil da¬ 
durch, daß man einmal dieselben Gifte auf verschiedene Organismen, 
oder, wie in unserem Falle, verschiedene, aber chemisch verwandte 
Gifte auf dieselben Organismen einwirken läßt man seinen Gesichts¬ 
kreis außerordentlich erweitert und die Schärfe der Beobachtung 
verfeinert. Denn Wirkungen, die für das eine Gift geradezu charak¬ 
teristisch sind, machen sich bei einem anderen verwandten oft in 
so geringer Weise bemerkbar, daß ihre Beobachtung uns vielleicht 
ganz und gar entginge, falls sie uns eben nicht von dem ersten 
Gifte her in ihren verschiedenen Graden bekannt wären, ähnlich 
wie uns gewisse Eigentümlichkeiten unserer Sprache erst durch die 
Vergleichung mit anderen Sprachen zum Bewußtsein kommen. 

Vorausgeschickt sei, daß wir verschiedene, sogenannte einato¬ 
mige Alkohole kennen. Wenn das Wasser aus zwei Atomen Wasser¬ 
stoff besteht, welche jederseits ah einem Atom Sauerstoff hängen, 
so wird aus dem Wasser ein Alkohol, wenn wir uns statt des einen 
Atoms Wasserstoff eine Gruppe von Kohlenstoff- und Wasserstoff- 

*) Vergl. hierüber Abderhalden, Bibliographie derges. wissensch. Literatur 
über den Alkohol und den Alkoholismus, Berlin u. Wien 1904, S. 92 u. S. 183 r 
und Landois-Eosemann, Lehrbuch der Physiol., des Menschen, Berlin u. 
Wien 1905, S. 434. 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Bemerkungen über die Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 19 

atomen angehängt denken. Besteht diese Gruppe aus einem Kohlen¬ 
stoffatom und drei Wasserstoffatomen, so haben wir den niedrigsten 
Alkohol, den Methylalkohol oder Holzgeist, besteht sie aus zwei 
Kohlenstoff- und fünf Wasserstoffatomen, so erhalten wir den nächst¬ 
höheren, den gewöhnlichen Äthylalkohol; und jede weitere Ver¬ 
größerung der Gruppen um ein Kohlenstoff- und zwei Wasserstoff¬ 
atome erzeugt die höheren Alkohole und schließlich den höchsten 
von uns untersuchten, den Amylalkohol oder Fusel, dessen Gruppe 
aus fünf Kohlenstoff- und elf Wasserstoffatomen besteht So ent¬ 
stehen also die Alkohole; Methyi-, Äthyl-, Propyl-, Butyl-, Amyl¬ 
alkohol, die spezifisch immer schwerer werden und bei immer 
höheren Temperaturen sieden. (Spez. Gewicht des Äthylalkohols 
z. B. = 0,789, Siedepunkt 78,4° C., des Amylalkohols 0,810, Siede¬ 
punkt 131,4° C.) 

Die Untersuchungen über die Giftigkeit dieser verschiedenen 
Alkohole reicht in den Anfang des vorigen Jahrhunderts zurück. 
Namentlich fand man sehr bald, daß der höchste der Alkohole, der 
Amylalkohol (worauf auch sein Name Fusel hindeutet), entschieden 
giftiger war, als der gewöhnliche, der Äthylalkohol. Späterhin stellte 
man fest, daß die zwischengelegenen Alkohole ungefähr eine Keihe 
bildeten und von den niederen zu den höheren immer mehr an 
Giftigkeit Zunahmen. 1 ) Namentlich waresderEngländerRichard- 
son, sowie die Franzosen Rabuteau, Dujardin-Beaumetz und 
Audigö, welche die Giftigkeit der verschiedenen Alkohole im 
allgemeinen dadurch bestimmten, daß sie denselben Tieren, z. B. Ka¬ 
ninchen, verhältnismäßig gleiche Mengen der verschiedenen Alko¬ 
hole einverleibten und dann feststellten, wieviel von den betreffenden 
Substanzen den Tod der Tiere herbeiführten. Gelegentlich wurde 
auch die Wirkungsweise dieser Stoffe untersucht, so z. B. von 
Richardson, welcher seine Beobachtungen kurz in den Satz zu¬ 
sammenfaßt: weight, caeteris paribus, intensifies action and makes 
it more prolonged. Die schwereren, d. h. höheren Alkohole, 
sind giftiger und ihre Giftwirkung hält länger an. Gewöhnlich 
nennt man diese Erfahrungstatsache das Richardsonsche Gesetz. 
Vielfach findet man allerdings auch die abweichende Angabe, daß 
der niedrigste, der Methylalkohol, giftiger ist, als der gewöhnliche, 
nächsthöhere Äthylalkohol. Ich glaube, um diese Frage gleich hier 


•) Über die umfangreiche Literatur dieses Gegenstandes vergl. A. J. Kunkel, 
Handbuch der Toxikologie, Jena 1899, erste Hälfte. 


2* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



20 


Prof. Dr. med. P. v. Grützner. 


zu erledigen, daß, weil reiner Methylalkohol nicht so leicht zu be¬ 
schaffen ist und seine Beimischungen meist außerordentlich giftig 
sind, sich obige Angaben vielfach aus der Unreinheit des Präparates 
erklären lassen. Hierzu kommt, daß nach längerer Einwirkung des 
Methylalkohols auf tierische Gewebe sich leicht derartige giftige 
Produkte (wie Formaldehyd, Ameisensäure) entwickeln. Nach meinen 
und meiner Schüler neueren Untersuchungen ist der reine Methyl¬ 
alkohol für sich in der Tat der am wenigsten giftige, was aber 
nicht hindert, daß er unter gewissen Umständen viel giftiger wirkt, 
als der Äthylalkohol. 

Was nun die Vergleichung der verschiedenen Alkohole betreffs 
ihrer Giftigkeit anlangt, so waren die bisherigen Versuche, nament¬ 
lich diejenigen mit der tödlichen Gabe, ziemlich roh; denn der 
Tod eines hochorganisierten Tieres hat gar viele Ursachen. Nichts¬ 
destoweniger seien die Zahlen als Annäherungswerte mitgeteilt. So 
fand man beispielsweise, daß von dem Äthylalkohol ab die Giftigkeit der 
nächsthöheren zunahm, ungefähr wie 1:2:3:10, d. h. die tödliche Menge 
(in g) des höchsten (des Amylalkohols) war zehnmal so klein als die 
des Äthylalkohols, während die anderen in der Mitte standen. Die 
Giftigkeit des Methylalkohols war nach den einen unter, nach den 
anderen über 1. 

Ganz abgesehen nun davon, daß alle diese im übrigen recht 
zahlreichen 1 ) Versuche etwas roh sind und recht verschiedene Er¬ 
gebnisse lieferten, haben sie alle noch einen grundsätzlichen Fehler 
und das ist folgender: Jede Vergiftung, bei welcher es sich nicht 
gerade um unmittelbare Zerstörung von Geweben handelt, ist in 
ihrem Wesen ein chemischer Vorgang. Es wirken zwei oder mehr 
verschiedene Stoffe chemisch aufeinander ein. So gut wie nun bei 
einem chemischen Prozeß nicht gleiche Gewichtsmengen sich mit¬ 
einander vereinigen, etwa ein Gramm Quecksilber und ein Gramm 
Schwefel zwei Gramm Schwefelquecksilber, oder ein Gramm 
Quecksilber und ein Gramm Jod zwei Gramm Jodquecksilber geben, 
so darf man vom wissenschaftlichen Standpunkt aus auch nie¬ 
mals gleiche Gewichtsmengen chemisch verwandter Stoffe mit- 

*) Z. B. hat G. Bär, Beitrag zur Kenntnis der akuten Vergiftung' mit 
versch. Alkoholen (Engelmanns Archiv für Physiol. 1898, S. 283), die Giftig¬ 
keit derselben folgendermaßen festgesetzt: 

Methylalkohol 0,8 Butylalkohol 3,0 
Äthylalkohol 1,0 Amylalkohol 4,0 
Propylalkohol 2,0. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTY 



Bemerkungen über die Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 21 

einander vergleichen, sondern muß gleiche chemische Mengen, 
sogenannte Äquivalente miteinander vergleichen; denn diese sind 
es ja, welche in die Verbindungen eingehen. Es verbindet sich 
ein Äquivalent Quecksilber mit einem Äquivalent Schwefel, be¬ 
ziehungsweise mit einem Äquivalent Jod. Das Äquivalent Jod aber 
wiegt etwa 4 mal soviel, als das Äquivalent Schwefel. Nehme ich 
also von beiden gleiche Gewichtsteile auf eine größere Menge von 
Quecksilber, so wird natürlich 4 mal soviel Schwefelquecksilber als 
Jodquecksilber gebildet; es ist also dem Quecksilber gegenüber tat¬ 
sächlich 4 mal soviel Schwefel in Tätigkeit gewesen als Jod. Han¬ 
delte es sich, also um Gifte, so würde ich — auf die Gewichts¬ 
einheit bezogen — den Schwefel 4mal so giftig finden als das Jod, 
da er viermal so viel Substanz, nämlich Quecksilber beseitigt, ge¬ 
wissermaßen zerstört hat. 

Gewichte sind etwas Konventionelles. Wir wenden sie nur 
an, weil wir so die Mengen von Stoffen vermittelst der Wage sehr 
genau bestimmen können. Könnten wir durchweg so genau und be¬ 
quem messen wie wägen, so würden wir wahrscheinlich Maßeinheiten 
verschiedener Gifte miteinander vergleichen, was ganz genau die gleiche 
Berechtigung hätte, wie die Vergleichung gleicher Gewichtseinheiten. 

Die meines Erachtens selbstverständliche Methode, nicht gleiche 
Gewichts-, sondern gleiche chemische Mengen miteinander zu ver¬ 
gleichen, wird nun jetzt dank meinen Bemühungen mehr und mehr 
angewendet und gewährt ganz allein einen Einblick in die ver¬ 
schiedene Giftigkeit von namentlich chemisch ähnlichen Körpern. 

Fragt man sich nun jetzt nach diesen meinen Gesichtspunkten, 1 ) 
wie stark wirkt eine chemische Einheit von Methylalkohol im Ver¬ 
gleich mit einer chemischen Einheit von Äthyl-, Propyl- u. s. w. 
Älkohol auf dieses oder jenes Gewebe, auf diesen oder jenen Or¬ 
ganismus, so erhält man die einzig richtige Antwort über die ver¬ 
hältnismäßige Giftigkeit dieser Stoffe. 2 ) Derartige Versuche sind 

*) P. Grützner, Über die Bestimmung der Giftigkeit verschiedener Stoffe, 
Deutsche med. Wochenschrift 1898, Nr. 52. Derselbe, Über die chemische Reizung 
motor. Nerven. Pflügers Archiv Bd. 58, 1892, und derselbe, Über die chemische 
Reizung sensibler Nerven, ebenso Bd. 58, 1894. 

*) Bei den Alkoholen würde sich die Giftigkeit des höchsten, des Amylalko¬ 
hols, im Vergleich zum niedrigsten, dem Methylalkohol, etwa 3mal so niedrig 
ergeben, wenn man gleiche Gewichts(oder etwa gleiche Raum-)teile, nicht gleiche 
chemische Mengen, miteinander. vergliche. Wenn ich also den Amylalkohol 
100mal so giftig angebe als den Methylalkohol, so würde er nach gewöhnlicher 
Angabe nur etwa 30 mal so giftig sein. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITV 



22 


Prof. Dr. med. P. v. Grützner. 


nun von mir und meinen Schülern 1 ) vielfach angestellt worden, 
und wiederum habe ich, um möglichst durchsichtige und einfache 
Verhältnisse zu schaffen, zunächst nur die Wirkung auf einfache 
Gewebe untersucht und untersuchen lassen: auf Muskeln, Nerven- 
stämme, Flimmerepithelien u. s. w. Aber auch auf verwickelte phy¬ 
siologische Prozesse zeigten sich nahezu die gleichen verhältnis¬ 
mäßigen Giftwirkungen. 

Diese Unterschiede waren nun außerordentlich viel größer, als 
sie in der Regel angegeben werden. Nach Bär z. B. wäre der 
Amylalkohol im Vergleich zum Methylalkohol—ihre Giftigkeit auf 
chemische Einheiten bezogen — etwa 15 mal so giftig. Wir fanden 
ihn durchweg über lOOmal so giftig, was z. B. auch Joffroy 
angibt 

Ließ man z. B. auf einen sensiblen Nerven verdünnte Lösungen 
verschiedener Alkohole einwirken, so fand man, daß nach 3—4 Mi¬ 
nuten der Nerv für elektrische Reize imdurchgängig war — das 
Tier von diesen Reizen also nichts mehr empfand — wenn ganz ge¬ 
ringe Mengen von Amylalkohol und viel größere Mengen von Me¬ 
thylalkohol verwendet wurden. Und zwar war die verhältnismäßige 
Giftigkeit der Alkohole hierbei etwa folgende: 

Methylalkohol = 1 

Äthylalkohol = 3 

Propylalkohol = 18 
Butylalkohol = 36 
Amylalkohol =120 

Prüfte man die reizende Wirkung des Alkohols auf die Horn¬ 
haut des Frosches, oder die Stärke des Geschmackes auf der mensch¬ 
lichen Zunge, so erhielt man noch größere Unterschiede in den Wir¬ 
kungen. Es ergaben sich folgende verhältnismäßige Wirksamkeiten: 

Methylalkohol = 1 

Äthylalkohol = 3 

Propylalkohol = 30 
Butylalkohol = 90 
Amylalkohol = 225 


*) Vergl. namentlich H. Breyer (s. S. 12) und M. Räther, Über die Ein¬ 
wirkung verach. einwertiger Alkohole auf sensible Nerven u. Nervenendigungen,. 
Med. Inauguraldissertat., Tübingen 1905, sowie H. Fühner, Pharmakol. Studien 
an Seeigeleiern, Arch. f. exper. Pathol. u. s. w. Bd. 52, S. 69, 1904. Er findet 
daß die genannten Alkohole die Entwicklung der Seeigeleier hindere in dem Ver¬ 
hältnis von ungefähr 1 : 2 : 7 :20: 35. 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Bemerkungen über die 'Wirksamkeit, bezw. Giftigkeit verschiedener Alkohole etc. 23 

Es sind dies keineswegs Widersprüche; denn ein und dasselbe 
Gift wirkt auf verschiedene Organe oft sehr verschieden stark. Das 
indianische Pfeilgift tötet z. B. schon in kleinsten Gaben gewisse 
Nervenendapparate; gegenüber den Nervenstämmen selbst und den 
Muskeln ist es aber nahezu unwirksam. 

Aus allen diesen Versuchen, die natürlich in sehr großer Zahl und 
mit möglichster Sorgfalt angestellt worden sind, geht also die außer¬ 
ordentlich viel stärkere Giftigkeit der höheren Alkohole gegenüber 
den niederen auf das deutlichste hervor. Es ist also keineswegs 
gleichgültig, ob in den alkoholischen Getränken nur reiner Äthyl¬ 
alkohol oder auch noch jene höheren, überaus giftigen Alkohole, 
beziehungsweise anderweitige vielleicht noch giftigere Zersetzungs¬ 
produkte enthalten sind. Sie erhöhen die Giftigkeit alkoholisch» 
Getränke sehr bedeutend, und was besonders unangenehm ist, sie 
sind in kleinen Mengen sehr schwer qualitativ und namentlich 
quantitativ nachzuweisen. Ähnlich diesen höheren Alkoholen dürf¬ 
ten die verschiedenen künstlichen Zusätze wirken, welche man 
häufig den Weinen zumischt, um sie zu „verbessern“ und ihnen 
eine „angenehme Blume“ zu verschaffen. Diese künstliche Blume 
erzeugt gewöhnlich starke Kopfschmerzen. 

Weiter zeigte sich in diesen und andern Versuchen, daß alle 
Alkohole erst eine erregende und erst später eine lähmende Wir¬ 
kung haben. Freilich ist — wie leicht begreiflich — die erregende 
Wirkung der höheren Alkohole nur nachzuweisen bei den aller¬ 
kleinsten Mengen dieser Stoffe, da sie sich äußerst schnell in die 
lähmende umsetzt Sie wirken beinahe so, wie größere Mengen der 
niederen Alkohole, während kleine Mengen dieser niederen Alkohole 
außerordentlich lange eine kräftig erregende und erst später eine 
lähmende Wirkung entfalten. 1 ) Die Verwandtschaft aller dieser 
Stoffe tritt also nicht bloß in ihren chemischen, sondern auch in 
ihren physiologischen Wirkungen auf das deutlichste hervor. 


*) Vergl. die graphische Darstellung dieser Verhältnisse in A. Blumenthal, 
Über die 'Wirkung verwandter chemischer Stoffe auf den quergestreiften Muskel. 
Pflügers Archiv Bd. 62, 1896, Tafel XXI, Fig. 47. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



24 


Dr. Emö Deutsch. 


Einiges Uber den Einflub des Alkohols. 

Mitteilung aus der Budapester Gratis-Milchanstalt. 

Von 

Dr. Ern# Deutsch. 

Montesquieus Worte, daß „der Wein das furchtbarste Ge¬ 
schenk ist, das die Natur dem Menschen gegeben hat“, muß ins 
Allgemeinverständnis übergehen und alles soll^versucht werden, 
dieser großen Aufgabe zu dienen. 

Im Bereiche der Budapester Gratismilchanstalt bestrebe ich 
mich einesteils auf die arme Bevölkerung belehrend zu wirken, sie 
über den üblen Einfluß des Alkohols aufzuklären, anderseits wünsche 
ich das dort gesammelte Material zum Kampfe gegen den Alkohol- 
teufel zu verwenden. 

Seit ungefähr einem Jahre werden bei Protokollierung jedes 
Säuglings folgende Fragen berücksichtigt: 

1. Ist der Vater, die Mutter 

a) Alkoholist, 

• h) Temperenzler, 

c) Abstinent? 

2. Kommt auf den Tisch der Familie Fleischnahrung? 

a) täglich, 

b) nie, 

c) 1 X wöchentlich, 

d) 2 X 

e) 3X „ 

Die Aussprüche, wie weit die Eltern dem Alkoholismus ergeben 
sind, können natürlich nicht absolut zuverlässig sein; es werden 
wahrscheinlich viele als Temperenzler gelten, die ausgesprochene 
Alkoholisten, und solche für Abstinente ausgegeben sein, die im 
besten Falle Temperenzler sind. 

Die beobachteten 1011 Fälle zerfallen in folgende 6 Gruppen: 

1. Vater Temperenzler, Mutter abstinent 7,61 °/ 0 

2. „ Alkoholist „ Temperenzlerin ll,47°/ 0 

3. „ Temperenzler „ „ 33,03% 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Einiges über den Einfluß des Alkohols. 


25 


4. Vater abstinent Mutter abstinent 33,13% 

5. „ Alkoholist „ 12,06% 

6. „ abstinent „ Alkoholistin . 2,67 % 

Die untersuchten Punkte waren wie folgt: 

1. Einfluß auf die Art der Säuglingsemährung. 

2. „ „ „ Entwickelung des Säuglings (Entartung). 

3. „ „ den Gesundheitszustand des Säuglings. 

4. „ „ die Nahrungsverhältnisse der Familie. 

I. 

Wir lesen bei G. v. Bunge (Alkoholvergiftung und Degene¬ 
ration, Leipzig 1904): „Ist der Vater ein Säufer, so verliert die 
Tochter die Fähigkeit zum Stillen, und diese Fähigkeit ist unwieder¬ 
bringlich verloren für alle kommenden Generationen.“ Er bekräftigt 
diese Behauptung durch die durch ihn gesammelten Daten, nach 
denen bei Familien, wo Mutter und Tochter im stände waren, ihre 
Kinder selbst zu stillen, nur in 9,5% Alkoholabusus bei dem Vater 
zu konstatieren war; im Gegensatz zu dieser verschwindend kleinen 
Zahl steht der Prozentsatz 77,9 dieser Trinker, deren Frauen 
die Tochter genährt, diese aber zum Stillgeschäft untauglich war. 
Bemerkenswert ist auch die Behauptung L. Stumpfs (Alkohol¬ 
genuß in der Jugend, München 1898), nach der durch übermäßiges 
Biertrinken bei den altbayerischen Frauen zum Stillen nicht taug¬ 
liche Fettbrüste entstehen. 

Ich trachtete Bunges Arbeit fortzuführen und Daten, die sich 
auf diese These beziehen, zu sammeln, doch waren die wenigsten 
Frauen im stände, mir entsprechende Aufklärung zu geben. 

Einen anderen Weg betrat ich, indem ich die Säuglinge nach 
der Emährungsart zusammenstellte. Bei einer solchen Gruppierung 
fand ich, daß die Säuglinge der 6. Gruppe im kleinsten Prozent¬ 
satz (59,25) den Segen der natürlichen Ernährung genießen. Ab¬ 
teilung 1, 2 und 4 mit 68,83, 69,82 und 63,88 als Maxima figu¬ 
rieren, daher in Fällen, wo die Mutter abstinent oder mäßig war, 
ist auch die künstliche Ernährung seltener gewesen. 


„Alkohol und Entartung“ ist eines der traurigsten Kapitel 
der Geschichte der Menschheit. Hier bewahrheitet sich das Bibel¬ 
wort, daß die Sünden der Väter an ihren Kindern bis ins dritte 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



26 


Dr. Eraö Deutsch. 


und vierte Geschlecht heimgesucht werden, bis, wie Erasmus 
Darwin sehr richtig bemerkt, das ganze Geschlecht ausstirbt (Zoo- 
nomia II, S. 274). 

„Fuhrmann Henschel“, „Les Rougon - Maquart“, „Kollege 
Crampton“, „Vor Sonnenaufgang“ haben literarisch das große 
Lesepublikum mit den Schrecken der Alkoholentartung bekannt 
gemacht. 

„Les mödöcins disent quand on est ivre 
Que de sa femme on se doit abstenir 
Et que, en cet ötat, il ne peut provenir 
Que des enfants pesants et qui ne sauvraient vivre. 
schreibt Moliöre in der 3. Scene des II. Aktes des Amphitryon, 
den Gedanken „wehe dem im Trünke Erzeugten“ Ausdruck ver¬ 
leihend. Diese Auffassung sehen wir auch in der griechischen 
Mythologie verkörpert, die verzeichnet, daß der lahme Vulkan im 
Rausche gezeugt wurde. Die Weisheit der alten Karthager unter¬ 
sagte gesetzlich, am Tage des Beischlafs Alkoholika zu genießen. 
Ein degenerierter Jüngling wurde durch Diogenes mit dem Aus¬ 
spruch: „Du wurdest in Trunkenheit gezeugt!“ begrüßt. 

Im Jahrgang HI (1900) der Med. Temp. Review teilt W. 
C. Sullivan diese seine Beobachtung mit, daß die große Mortalität 
der unehelichen Kinder dem zuzuschreiben ist, daß sie im Rausch 
gezeugt wurden. Am 8. intemat Kongreß vernehmen wir aus 
dem Munde eines österreichischen Lehrers: „Wenn wir in der 
untersten Klasse sehr schlechtes Schülermaterial haben und schlechte 
Lehrerfolge erzielen, wissen wir, daß 6 Jahre vorher ein gutes 
Weinjahr war. 

Bei demselben Kongreß machte D. Bezzola Mitteilung über 
seine Erfahrungen („Statistische Untersuchungen über die Rolle 
des Alkohols bei der Entstehung des originären Schwachsinnes“); 
nach diesen werden in soliden, alkoholarmen Zeiten weniger Schwach¬ 
sinnige gezeugt, wie während der Weinlese-, Neujahrs- und Fast¬ 
nachtsfeste. Die durch Bezzola konstruierten Schweizer Zeugungs¬ 
kurven (1880—1890) illustrieren schlagend das Behauptete. 

Eine Parallele zwischen unehelichen und Totgeburten demon¬ 
striert Frank. 

Die bekanntesten sich auf diesen Gegenstand beziehenden Tat¬ 
sachen finden wir in folgenden Mitteilungen niedergelegt: 

L. Grenier Contribution ä l’etude de la descendance des alcooliques. 
These. Paris 1887. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Einiges über den Einfluß des Alkohols. 


27 


F. W. Li pp ich. Grundzüge zur Dipsobiostatik oder politisch-arithmetische 
auf ärztliche Beobachtung gegründete Darstellung der Nachteile, welche durch 
den Mißbrauch der geistigen Getränke in Hinsicht auf Bevölkerung und Lebens¬ 
dauer sich eigeben. Laibach 1834. 

Lu nie r. De la production et de la consommation des boissons alcooliques 
en France. La Temperance. 1877. 

J. Morel. On the prophylaxis and Treatment of the criminal. Joum. of 
ment, pathol. 1901. Ad. I. Vo. 3. 

Deineaux. Facheuse influence exercee sur les enfants par Fetat d’ivresse 
du pere au moment de la conception. C. r. de l’Acad. des sc. 1860. Bd. 31. 
S. 576—690. 

Bournevile. Influence etiologique de l’alcoolisme sur Fidiotisme. Progres 
med. 1897. 

Dugdale teilt die Abstammungstafel einer amerikanischen Verbrecher¬ 
familie mit, deren Ursprung auf 7 Generationen, auf zwei Trinker zurückzuführen 
ist, die 5. Generation bestand aus lauter Verbrechern und Prostituierten. 
iy 4 M illion Dollars Kosten verursachte diese Familie im Laufe von 75 Jahren 
dem Staate. 

In der Münch, med. Wochenschr. (1901, Nr. 45 und 46) lesen wir aus 
W. Stromeyers Feder die Arbeit „Über die Bedeutung der Individualstatistik 
bei der Erblichkeitsfrage in der Neuro- und Psycho-Pathologie“; nach dieser war 
bei 28,6°/ 0 das erste Glied ein Trinker, resp. Trinkerin. 

R. Arrive. Influence de Falcoolisme sur la depopulation. These. Paris 1899. 

Dem me. Über den Einfluß des Alkohols auf den Organismus des Kindes. 
Stuttgart 1891. 

M. Legrain. Degenerescence sociale et alcoolisme. Paris 1895. In 
diesen drei Arbeiten sehen wir das riesige Alkoholelend in düstem Farben 
geschildert, schlagende Tatsachen beweisen, wie die Degeneration von Generation 
zu Generation qualitativ und quantitativ zunimmt. 

Besonders bedroht sind die Kinder von Alkoholistinnen, mit Beispielen und 
statistischem Material finden wir dies bei Adams, Kerr, Daszyüska-Goliüska 
und in erster Reihe bei Sulivan (The children of the female drunkard, Med. 
Temp. Review. III, 1900) bekräftigt. Die Zahl der Totgeborenen, die Kurz¬ 
lebigkeit der Lebendgebliebenen, die große Menge von Epileptikern kennzeichnet 
diese Gruppe. 

Bei Nicloux (Sur le passage de Falcool ingere de la mere au fortus. 
C. r. de la societe de biol. 1899. US. Bd. I, S. 980) finden wir die Tatsache 
verzeichnet, daß eine Alkohol genießende Schwangere zugleich ihre Leibesfrucht 
alkoholisiert. 

Folgende, sich mit der Degeneration der Nachkommen von Trinkern 
beschäftigende Literatur sei noch hervorgehoben: 

M. Ken de. Der Alkoholismus mit besonderer Rücksicht auf das kindliche 
Nervensystem (Wien. Med. Wochenschr. 1899. Nr. 52. 1900, Nr. 1, 2, 3) 
zeigt die große Zahl von unfruchtbaren Ehen von Alkoholikern, auch die Aborte 
sind überaus zahlreich. 

H. Martin. De Falcoolisme des parents considere comme cause d’epilepsie 
chez les descendants (Annal. med. psych. Paris 1879) beschreibt die Familien¬ 
geschichte 83 epileptischer Mädchen der Salpetriere. Am 6. internat. Kongreß 


Digitized by 


Go gle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



28 


Dr. Ernö Deutsch. 


zu Brüssel 1897 berichtet Demoor, daß auf 87 Kinder von Trinkern nur 
9 normal waren. 

Kind. Über den Einfluß der Trunksucht auf die Entstehung der Idioten 
(Allg. Zeitschr. f. Psych. 1884, Bd. 40, S. 565—572) gibt ein übersichtliches 
Bild des Einflusses der Trunksucht auf die Idiotie. 

L. Grenier. Contribution ä l’etude de la descendance des alcooliques 
(These. Paris 1887) beschäftigt sich mit geisteskranken Descendenten von 
Alkoholisten. 

Ähnliches Material finden wir bei: 

Echeverria. Alcoholic epilepsy (Joura. of mental Science 1881 Bd. 26). 

Dursout. Observation sur la descendance des alcooliques (Annal. med. 
psych. 1886, T. 44, S. 379—397). 

A. Pieraccini. lchicendenti di due famiglie d’alcoolisti (Manie com. 
mod. 1891, Bd. 7, S. 3—13). 

Endlich verweise ich auf das allbekannte Degenerationschema von Legrain 
und Morel. 

Ich suchte ein Moment der Degeneration in der Entwickelung 
der vorgezeigten Säuglinge. Unter den gut entwickelten Kleinen 
zeigt die 4. Gruppe (abstinente Eltern) den besten Prozentsatz 
(34,62), den schlechtesten Gruppe 2 und 6 (17,24 und 22,22), wo 
Vater Alkoholist, Mutter Temperenzlerin und Yater abstinent und 
Frau Alkoholistin sind. Eür die schlechte Entwickelung sind die 
Verhältnisse entsprechend verkehrt. 

Da ich diese Untersuchungen ausschließlich bei Säuglingen 
machte, kann ich über sich später zeigende Degenerationszeichen 
nicht referieren. 

in. 

Es ist heute eine bewiesene Tatsache, daß der Alkohol in die 
Milch übergeht Kühe, die mit alkoholreicher Schlempe genährt 
wurden, zeigen nach H. Weller in der Milch 0,96% Alkohol¬ 
gehalt. In der Arbeit Rosemanns „Über den Einfluß des Alko¬ 
hols auf die Milchabsonderung“ (Pfl. Arch. 1893, Bd. 78, S. 466) 
finden wir 0,2—0,6% als in die Milch übergehende Menge des 
Alkohols, nach Klingemann (Übergang des Alkohols in die 
Milch, Yirchows Archiv 1891, Bd. 126, S. 72) ist das Maximum 
0,5%. In Bayern trinkt jede stillende Frau täglich approximativ 
2 Liter Bier, in Paris wird den Ammen durchschnittlich 2 Flaschen 
Bier und 1 Flasche schweren Weines zugewiesen. (E. Yallin, 
L’alcoolisme par l’allaitement. Rev. d. hyg. 1896.) Ähnliche Sitte 
herrscht in England. M. Niclouxs’ (Passage de l’alcool ingbrö 
dans quelques liquides de l’organisme. . Comt rend. de la soc. de 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Einiges über den Einfluß des Alkohols. 


29 


biol. 1900, Bd. 52, S. 620) Versuche beweisen, daß der Alkohol¬ 
gehalt der Milch bei Verabreichung von % Liter Wein oder % Liter 
Bier (27 ccm absolutem Alkohol) bei 2 Frauen nach 1 Stunde in 
100 ccm 0,04 ccm, bei einem dritten Individuum nach % Stunden 
0,08 war, nur nach 7 Stunden war die Milch alkoholfrei. 

Klinisch, daher an dem Säuglinge in Form von Krankheits¬ 
erscheinungen ist der Alkoholmißbrauch der Ammen durch folgende 
Autoren bewiesen: 

R. Dem me. Über den Einfluß des Alkohols auf den Organismus des 
Kindes (Stuttgart. 1891). 

F. Ladrague: Alcoolisme et enfauts. These. Paris 1901, 75. 

L. Rodiet: Alcoolisme chez les enfants. These. Paris 1897. 

Vemay: Bull. med. 1872. 

Guenard: L’alcoolisme chez les enfants. 

Du Hamei: De l’alcoolisme chez les enfants etc. These. Paris 1899. 

Perier: Convulsions d’origine alcoolique chez un nourrisson eleve au sein 
par sa mere. Ann. de med. et de chir. enfant. 1898, p. 179. 

Meunier. Convulsions du nouveau ne provoquees par l’alcoolisme de la 
nourrice (Journ. de med. et de chir. prat, 25 April 1898). 

Toulouse. Convulsions infantiles par l’alcoolisme de la nourrice (Gaz. 
des hop. 1891, S. 914). 

Charpentier. lnfluence de l’alcoolisme de la nourrice sur les convulsions 
du nourrisson (Bull, de la soc. de protect. de l’enfance 1873). 

Bei Ladrague finden wir die durch den Alkoholismus der 
Amme bei den Säuglingen hervorgebrachten Krankheitssymptome 
gruppiert: 1. Störungen von seiten des Nervensystems. 2. Magen- 
darmerkrankungen. 3. Krankheiten der Haut 4. Allgemeine Er¬ 
nährungsstörungen. 5. Prädisposition für Infektionskrankheiten. 

Wenn wir nun unser eigenes Material sichten und das 
Ladraguesche Schema vor Augen halten, so finden wir, daß: 

1. Störungen von seiten des Nervensystems im größten Prozent¬ 
satz (18,51 °/o) in der 6. Gruppe (Mutter Alkoholistin!) aufzuweisen 
sind. Die sich häufenden eklamptischen Anfälle ließen nach Auf¬ 
hören des Alkoholabusus nach. 

2. Erkrankungen der Verdauungsorgane sind ebenfalls in der 
letzten Gruppe die häufigsten (33,33%). Nach Ausschaltung des 
krankheitserregenden Agens besserte sich das Krankheitsbild rapid. 
In der Gruppe 2 und 5, in denen wir die Väter als Alkoholisten 
verzeichnet finden, sind die Magendarmerkrankungen seltener (24,13 
und 18,03%). Diese Beobachtung führe ich auf den Alkoholismus 
der Väter zurück; im Hause, wo das größte Elend herrscht, reicht 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



30 


Dr. Emö Deutsch. 


die Mutter so lange als möglich die Brust, um einesteils den Aus¬ 
gaben für künstliche Ernährung aus dem Wege zu gehen, ander¬ 
seits einer neuen Konzeption auszuweichen. Daß die natürliche 
Ernährung das beste Mittel gegen Magendarmerkrankungen ist, 
braucht nicht hervorgehoben zu werden. 

3. Auf die Erkrankung der Haut scheint der Alkoholismus 
des Taters den größten Einfluß zu haben. Gruppe 2 und 5 figu¬ 
rieren mit dem größten Prozentsatz (10,34 und 10,65). 

4. In dieser Gruppe sind Rachitis, Tuberkulose, Skrophulose 
und Syphilis vereint. Hier dominiert Abteilung I. Dies würde 
merkwürdigerweise gegen den Einfluß des Alkohols auf diese 
Krankheitsgruppe sprechen. 

5. Prädisposition für Infektionskrankheiten zeigt sich in der 
2. Gruppe am höchsten (4,31°/ 0 ), in welcher der Vater als Alkoholist 
verzeichnet steht. 

Einen indirekten Einfluß scheint der Alkoholismus des Vaters 
auf das Entstehen der Erkrankungen der Atmungsorgane auszu¬ 
üben. Gruppe 2 und 5 haben den Prozentsatz 22,41 und 28,68. 
Diese Erscheinung läßt sich vielleicht mit der Tatsache erklären, 
daß in den Familien, wo der Vater Alkoholist ist, die Mutter dem 
Broterwerbe nachgehen muß, demzufolge die Kinder zu Hause ohne 
Wartung leicht den Erkältungs-Krankheiten ausgesetzt sind. 

IV. 

Trunksucht und Verarmung gehen Hand in Hand. Im Med. 
Temp. Rev. 1872 lesen wir aus Everetts Feder: „Der Konsum von 
Spirituosen hat der Nation von 1860—70 eine direkte Ausgabe von 
3 Milliarden und eine indirekte von 600 Millionen Dollar auferlegt, 
300000 Menschenleben vernichtet, 100000 Kinder in die Armen¬ 
häuser und wenigstens 150000 Leute in Gefängnisse und Arbeits¬ 
häuser geschickt, wenigstens 2000 Selbstmorde, den Verlust von 
wenigstens 10 Millionen Dollar durch Feuer und Gewalt verursacht 
und 20000 Witwen und 1 Million Waisen gemacht.“ 

Am 5. int. Kongreß 1895 zu Basel hörten wir A. Smith 
folgendes hervorheben: „Je mehr die Arbeiter verdienten, desto 
mehr wurde von den Arbeitern getrunken, und der einzige Unter¬ 
schied war der, daß in den Industriebezirken, in denen bis dahin 
der Branntweinschank frequentiert wurde, nun von dem Arbeiter 
die unmöglichsten Weine und Champagnersorten konsumiert wurden. 


Digitized by 


Gck igle 


Original ffom 

CORNELL UNIVERSITY 



Einiges über den EinfloB des Alkohols. 


31 


Der Krach fand dann die Arbeiter ohne Ersparnisse, aber mit 
kostspieligen Angewöhnungen vor. Nicht Sorge und Not, sondern 
die Unzufriedenheit, ein mit der geleisteten Arbeit in absolut 
keinem Verhältnis mehr stehendes Leben noch weiter führen zu 
können, gab dann gerade zu jener Zeit besonders Anlaß, den Arger, 
sich wieder in adäquate Verhältnisse zurückversetzt zu sehen, in 
Schnaps zu ersaufen.“ 

A. Deschasseaux schreibt im „Thöse“, betitelt „Le fl6au 
aicoolique et l’Etat“ (Paris 1901), daß die Spitalsversorgung der 
Alkoholiker 72842000 Fr., Wert der versäumten Arbeitszeit 
1340175000 Fr. war. 

Am 8. int Kongreß 1901 macht Kiaer die Mitteilung, daß in 
Christiania 3—4°/ 0 der Alkoholgenießenden 50%, 15—16% mehr 
als 20%, 36—37% mehr als 70% ihrer Revenuen für Alkohol 
verausgabten. 

Rochard berechnet für Frankreich jährlich eine Alkohol¬ 
schadenrechnung von 1158 Millionen Mark. 

„Er (der Branntwein) ist der bedeutendste Vermehrer und 
Förderer des Pauperismus“ sagt Baer. 

Lujo Brentano berechnet den bayerischen jährlichen Bier¬ 
gebrauch bei Landwirten auf 2—300 Mark, wozu noch die Aus¬ 
gaben im Wirtshause hinzukommen. 

H.. M. Popert gibt in seiner Arbeit „Hamburg und der 
Alkohol“ (Hamburg 1903) die Berechnung für 1901, nach der die 
Trinker der Armenpflege 1 Million Mark gekostet haben. 

Nach Matiegkas Daten (8. int. Kongreß 1901) kosten die mit 
Alkoholpsychosen Behafteten der böhmischen Landesirrenanstalt 
jährlich 180000 Kr. 

In der Arbeit „Alkohol und Unfall“ (1902) von Wald¬ 
schmidt finden wir die erschreckenden, sich auf die durch 
Alkohol verursachten Unfälle beziehenden statistischen Ausweise. 

Die Alkoholkrankheiten schädigen in erheblicher Weise die 
Arbeiterkrankenkassen (P. Schenk, Alkohol und Krankenkassen, 
1902, und Kulhanek, 8. int Kongreß). 

Das statistische Comitö des Arbeitervereins in Helsingfors 
stellt für die Genußmittelausgaben der Arbeiter folgende Tabelle 
zusammen: 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



32 


Dr. Emö Deutsch. Einiges über den Einfluß des Alkohols. 


Digitized by 


Einkommen von 

unverh. Arbeitern 

verh. Arbeitern 

unter 600 Mark 

5,70 % 

— 

600— 800 „ 

11,977, 

5,787. 

800—1200 „ 

16,977, 

4,517, 

1200—2000 „ 

17,577, 

4,687, 

über 2000 „ 

— 

15,277, 


Wertvolle literarische, sich auf diesen Gegenstand beziehende 
Belege finden wir außer den genannten bei: 

BL Blocher und J. Landmann. Die Belastung des Arbeiterbudgets duroh 
den Alkoholgenuß. Int. Monatsschr. 2. Erforsch, d. Alkoholismus. (In dieser 
Arbeit finden wir die Theorie der „Quoteinheit“ 1903 detailliert.) 

Wlassak. 8. int. Kongr. S. 393, 

Sikersky. Über den Einfluß des Alkohols auf die Gesundheit und 
Sittlichkeit Rußlands. Int. Monatsschr. 1899. 

Liebig. Chemische Briefe. (S. 339.) 

Granowsky. Der Trunk im Königreiche Sachsen. (S. 19.) 

Presl. Stat. Monatsschr. 1896. (S. 587.) 

Zuj Beurteilung der Verarmung nahm ich als [Maßstab die 
Menge des verbrauchten Fleisches und stellte 5 Gruppen zu¬ 
sammen: 

1. Fleisch wird nie genossen 

2. „ „ wöchentlich IX „ 

3- „ „ „ 2 X „ 

^ » ii ii 3 X ii 

5. „ „ täglich 

Die Häufigkeitsskala nach unseren 6 Familienahteilungen ist: 
n, V, n, m, m (26,74, 68,86, 24,13, 11,07, 17,06). Daher, 
wo das Familienoberhaupt Alkoholist ist, ist der Fleischverbrauch 
klein; die besten Chancen bietet die Abteilung IH, wo die Eltern 
mäßig oder Temperenzler sind. 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



,,Der Alkoholverbrauch in den bedeutendsten Kulturstaaten 41 etc. 33 


„Der Alkoholverbrauch in den bedeutendsten Kulturstaaten“ 
von Prof. Struve und Dr. Schulze-Besse nebst Bemerkungen 

Uber „Alkoholzahlen“. 

Von 

Dr. med. B. Laquer. 

Man soll auch von seinen Gegnern lernen; die Nr. 238 der 
„Tageszeitung für Brauerei“ hat eine Beilage; die letztere enthält 
eine umfangreiche Statistik in Übersetzung und Umrechnung einer 
guten englischen Quelle, nämlich des Berichtes des britischen 
Handelsministeriums Aug. 1904 ’). — Die Autoren sind objektiv 
genug, selbst auf einige Mängel in der Statistik hinzuweisen; hin¬ 
gegen ihre Schlüsse sind anfechtbar, z. B. das Lob des steigenden 
Biergenusses. 

Ganz allgemein muß doch gesagt werden, daß die Konsum¬ 
zahlen allein gar nichts beweisen gegenüber den Wirkungen der¬ 
selben in hygienischer, in kriminalistischer, in kultureller und öko¬ 
nomischer Hinsicht u. s. w. Man könnte, was die Gegenüberstellung 
Bier-Branntwein anbetrifft, wenn man paradox sein wollte, be¬ 
haupten, daß der Branntweingenuß für jene zahlreichen parasitären 
Großstadtschichten, für das sog. Lumpenproletariat, wie es v. Liszt, 
der Berliner Strafrechtslehrer, in seinen Gesammelten Aufsätzen 
Bd. 13, 1905, S. 444/45 vortrefflich*) schildert, durchaus aufrecht zu 
halten sei, da der Branntweingenuß diese „asozialen“ Schichten 
rascher dezimiere als der Biergenuß. 

Eins vor allen Dingen aber tut auch in der jAlkoholstatistik 
not, was Weymann noch kürzlich in Münster in seinen „Leit¬ 
sätzen“ aussprach, nämlich die zur Beurteilung der Alkoholfrage un¬ 
entbehrliche sichere Kenntnis der wissenschaftlichen Forschungs¬ 
ergebnisse über Wert und Wirkung des Alkohols zu fördern. 

Die bisherige Statistik — und dazu gehören auch obige Zahlen 
— läßt besonders im Stich, wenn man verschiedene Länder ver- 

*) Es ist dieselbe Statistik, die auch im Reichs&nzeiger vom 27. Mai 1905 
abgedruckt ist. 

*) Vergl. auch W. Martius die schulentlassene erwerbsarbeitende Jugend 
und der Alkohol. 2. Aufl. Mäßigkeitsverlag 1908, S. 54. 

Der Alkoholiamas. 1906. 3 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITV 



34 


Dr. med. B. Laquer. 


gleicht, bloß ihre „nackten“ Alkoholzahlen und etwa noch ihre Ein¬ 
richtungen gegenübersetzt, soweit sie den Genuß verbreiten und 
begünstigen oder ihm sich entgegenstellen; diese vergleichende 
Statistik, von der Struve und Schulze-Besse selbst aber nur einen 
ganz kleinen Ausschnitt geben, hat sozusagen einen „horizontalen“ 
Charakter, während die in die Tiefe gehende soziologische, die 
„vertikale“ Richtung versagt hez. noch gar nicht angebaut ist. Als 
bestes Muster der ersteren Gattung erscheint uns die im „Alkoholis¬ 
mus“ Heft 6, 1905 von May bereits besprochene treffliche Statistik 
des Herzogtums Sachsen-Meiningen von Regierungsrat Hermann, 
Leiter des statistischen Amtes; nur leidet sie an dem Fehler der 
zu kleinen Zahlen; hat doch das ganze Herzogtum nur 250000 Ein¬ 
wohner; eine Erweiterung dieser Alkoholzahlen durch Erhebungen 
in Provinzen, Großstädten ist dringend geboten. 

Von der vertikalen Form erscheinen uns zwei neuere Arbeiten 
beachtenswert — das ältere Grotjahnsche Werk (1898 Leipzig, 
G. H. Wigand) hat wohl in dieser Richtung zuerst gewirkt — näm¬ 
lich „Trunksucht ein Symptom“, verfaßt von dem englischen Schrift¬ 
steller Sidney Whitman 1 ), sowie „Alkoholgenuß und wirtschaft¬ 
liche Arbeit“, von H. St ehr 2 ), beides Versuche, die tieferen sozialen 
Quellen des Alkoholbedürfnisses der englischen und der deutschen 
Arbeiterschichten offenzulegen. Mit Recht sagt St ehr: Jedermann 
hält sich für befähigt, in der so einfach erscheinenden Frage auf 
Grund seiner eignen alltäglichen Erfahrungen ein maßgebendes Ur¬ 
teil abzugeben; dadurch ergibt sich eine fast verwirrende Vielfältig¬ 
keit der Meinungen. Dafür ein charakteristisches Beispiel: Die 
Quote der durch Alkohol der Armutpflege anheimfallenden Unter¬ 
stützten geben das „Arbeitsamt“ in Washington auf 25% bis 
32,8 °/ 0 , Popert-Hamburg auf 25 °/ 0 , Pütter-Halle auf 33 x /s °/or 
/ diu.große Reiehsarmen-Enquete 1885 auf 2,1 °/ 0 , Böhmert (unter 

Vorbehalt) auf 2,5%, J. Conrad auf 11,4% an; alle diese An¬ 
sichten aber werden mit der gleichen leidenschaftlichen Lebhaftig¬ 
keit vertreten. 

Die statistischen Forderungen, die Blocher-Landmann und 
Böhmert auf stellten 8 ), sind ja unbedingt zu befürworten und zu 
erfüllen; allein schon für die Erreichung dieser Ziele wäre die 

*) Preuß. Jahrbücher 1897. 

*) Jena 1904, besprochen in dieser Zeitschrift Sept.-Heft 1904. 

*) Vergl. mein Referat im Bericht über die 20. Jahresversammlung des 
„Deutschen Vereins“ 1908. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNiVERSiTV 



„Der Alkoholverbranch in den bedeutendsten Kulturstaaten u etc. 35 


Schaffung der Alkohol-Landeskommission erwünscht gewesen. Indes 
noch wichtiger und nur durch persönliche Anschauung und durch 
Studienreisen in den einzelnen Ländern zu erledigen, ist die oben 
skizzierte soziologische Zahlenkunde; Anfänge dazu sind außer von 
den oben genannten Autoren von Bowntree und Sherwell 1 ), 
Wlassak 2 ), Kiär a ), von letzterem im Verfolg eines Beschlusses 
des 5. nordischen Nüchtemheitskongresses (Stockholm 1902), sowie 
von dem amerikanischen 50 er Ausschuß im 3. Band seiner Ver¬ 
öffentlichungen (Subsitutes for the saloon) gemacht worden. 

Wer nie eine englische Fabrikstadt oder die suicid-city (Pitts¬ 
burg), nie ein russisches Traktir, eine russische „Ernüchterungs¬ 
kammer“, eine amerikanische Bar, ein Bolag, eine deutsche Bier¬ 
stube, eine französische Buvette betreten, wer die Bedeutung der 
Frage für die Regierungen und Parteien der Länder, wer Klima, 
Rasse, Kultur und Geschichte, die sozial-politischen und die wirt¬ 
schaftlichen Seiten z. B. für die Lohn-Arbeitermassen nicht erwägt, 
der vermag den Alkoholismus der Völker nicht „lebig“ zu machen, 
— „Er bleibt im Dunkeln unerfahren, Mag von Tag zu Tage leben.“ 

Nachtrag bei der Korrektur: 

Soeben erscheinen „Beiträge zur Alkoholfrage“ in dem „Reichs¬ 
arbeitsblatt“ Januarheft 1906, herausgegeben von der „Abteilung 
für Arbeiterstatistik“ (Leiter: Dr. G. Zacher). Auch dort (S. 55) 
findet sich gleichfalls eine Kritik der „nackten“ Alkoholzahlen, wie 
sie Struve und Schultze-Besse wiedergeben, ich verweise auf 
dieselbe. 

Wir behalten uns vor, wenn diese Beiträge abgeschlossen vor¬ 
liegen auf sie näher zurück zu kommen; dieselben liefern schon 
iü der Faktur wiederum einen Beweis, in welch großzügiger Art 
unsere sozial-politischen Zentralämter die Alkoholfrage auffassen 
und unsere Bestrebungen fördern. 

*) S. diese Ztschr. 2. Jahrg. S. 58. 

*) Bericht über den VIEL internationalen Wiener Kongreß S. 129 u. 383. 

*) Diese Ztschr. 8. Jahrg. S. 246 n. 262. 


3 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITV 



36 


Dr. Willi. Martius. 


Digitized by 


Goethes Faust und die deutsche Alkoholfrage. 

Von 

Dr. Wilh. Martius, Freienbessingen. 

Daß Goethes Faust eine unerschöpfliche Fundgrube anregender 
Gedanken für alle möglichen Berufsarten und Stände ist, daß der 
Theologe wie der Philosoph, der Mediziner wie der Naturforscher, 
der Jurist wie der Sozialreformer beim Studieren dieses weit- und 
leben umfassenden Werkes ganz besondere und gerade für ihn wert¬ 
volle Fundstücke tiefster Lebensweisheit mitnehmen kann, ist eine 
bekannte Sache. Sollte nicht der deutsche Mäßigkeitsfreund neben 
der sonstigen Gedankenfülle, die im Faust ihm zuströmt, auch für 
Seine besonderen Bestrebungen noch eine Ausbeute davontragen? 
Wenn es die Absicht des Dichters war, zu zeigen, daß der Mensch 
irrt, solange er lebt, daß er aber, wenn er immer strebend sich be¬ 
müht, nicht verloren geht, sondern erlöst werden kann, so mußte 
er seinen Faust durch mannigfache Verführungen und Verirrungen 
hindurchgehen und erzogen werden lassen. In Sinnenlust versenkt, 
muß Faust große Schuld auf sich laden, dennoch aber, durch den 
Genuß niemals ganz befriedigt, nicht aufhören, nach höheren Zielen 
zu ringen. Goethe zeigt daher, wie Fausts theoretischer Skeptizis¬ 
mus in praktische Genußsucht umschlägt. Dabei kann er es gar 
nicht vermeiden, seinem Helden auch den Rauschtrank des Alko¬ 
hols, der vor Jahrhunderten wie jetzt den weitesten Raum im 
nationalen Genußleben einnahm, in seinen verschiedenen Formen 
nahe zu bringen. Wie dies geschieht, soll im folgenden gezeigt 
werden. 

Faust selbst — das ist zunächst festzustellen — wird in der 
ganzen Tragödie niemals als Trinker vorgeführt. Es ist für Goethes 
zurückhaltende und dem Pöbelhaften abgew^ndete Natur bezeichnend, 
daß er zwar eingehend darstellt, wie sich Faust im Liebesieben 
durch Sinnenrausch in Fesseln schlagen, daß er aber niemals den 
Alkoholrausch einen bestimmenden Einfluß auf ihn gewinnen läßt 
Faust war beim Beginn des Dramas schon 10 Jahre als Dozent 
tätig, also nicht mehr jung. Wie Mephistopheles der Hexe ver- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Goethes Faust und die deutsche Alkoholfrage. 


37 


sichert, hatte er, der Mann von vielen Graden, im Leben auch schon 
manchen guten Schluck getan, sich also den herrschenden Trink¬ 
sitten nicht entzogen. Aber ihm fehlte nach seiner eigenen Ver¬ 
sicherung die leichte Lebensart Sein Interesse war ganz im an¬ 
strengendsten Studium aufgegangen. In dem unbefriedigten, zur 
Verzweiflung ausartenden Seelenzustande, in dem wir ihn kennen 
lernen, kommt ihm bezeichnenderweise die Anwendung des ein¬ 
fachsten, schon damals beliebtesten und angenehmsten Betäubungs¬ 
mittels gar nicht in den Sinn. Oberflächliche Naturen denken in 
solchem Falle mit Anakreon: „Wenn süßen Wein ich trinke, so 
schwinden hin die Sorgen.“ Faust aber greift, da er mit seiner 
Weisheit zu Ende ist, lieber sofort nach jener kristallenen Schale, 
die schon bei den Freudenfesten der Väter glänzte, füllt sie mit 
dem braunen Gifttrank und spricht: „Hier ist ein Saft, der eilig 
trunken macht.“ 

Auch in Auerbachs Keller, wo er doch die in akademischen 
Kreisen beliebten Lebensfreuden kennen und würdigen lernen sollte 
und wollte, trinkt er, von dem wüsten studentischen Gelage an¬ 
gewidert, keinen Tropfen, obgleich die Kunst des Mephistopheles 
aus dem trockenen Tische die köstlichsten Weinsorten — Rheinwein, 
Champagner und Tokaier — hervorsprudeln läßt. Wenn also auch 
Faust, weil es ihm vor allem Wissen ekelt und weil er in der 
Magie die gesuchte Befriedigung nicht findet, in den Tiefen der 
Sinnlichkeit seine Leidenschaften zu stillen entschlossen ist, so ist 
er doch weit davon entfernt, den Weg so manches verkommenen 
Genies zu betreten. An Völlerei und Bacchanalien kann seine vor¬ 
nehme Sinnesart keinen Gefallen finden. 

Allerdings läßt er sich herbei, in der Hexenküche einen, dem 
Alkohol ähnlichen Verjüngungstrank zu genießen, der ihm 30 Jahre 
vom Leibe schaffen soll. Aber er hat einen sehr deutlichen Ab¬ 
scheu vor dieser Sudelköcherei und gibt nur dem dringenden Zu¬ 
reden des Mephistopheles nach, weil es kein anderes oder 
angenehmeres Verjüngungsmittel für ihn gibt Offenbar verstehen 
sich die Hexen auf berauschende Getränke, denn auch auf dem 
Blocksberg werden in der Walpurgisnacht solche gebraut und 
„man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt“. Hier 
in der Hexenküche verlangt Mephistopheles: 

Ein gutes Glas von dem bekannten Saft. 

Doch muß ich um das ältste bitten, 

Die Jahre doppeln seine Kraft. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



38 


Dr. Willi. Martius. 


Daß dieser Saft etwas Alkoholähnliches ist, geht daraus hervor, 
daß er als gegorenes Getränk bezeichnet wird, das in jahrelanger 
Arbeit mit geschäftiger Geduld erzeugt werden muß: 

Die Zeit nur macht die Gärung klüftig, 

Und alles was dazu gehört — 

Es sind gar wunderbare Sachen« 

Auch die Wirkung dieses Getränks ist eine dem Alkohol ähnliche, 
nur erhöhte. Der Zaubertrank soll dem nicht mehr jugendlichen 
Gelehrten eine jugendlich-stürmische Liebesleidenschaft einflößen: 

Und bald empfindest du mit innigem Ergötzen, 

Wie sich Cupido regt und hin und wieder springt .... 

Du siehst mit diesem Trank im Leibe 
Bald Helenen in jedem Weibe. 

Wenn schon ein fortgesetzter lind übermäßiger Wein- oder 
Biergenuß erfahrungsgemäß zuletzt das Urteilsvermögen schwächt, 
die Selbstüberhebung steigert, den Leichtsinn anfacht, die Gewissens¬ 
regungen betäubt und die niederen Leidenschaften erregt, so erst 
recht dieser schnell wirkende Zaubertrank. Von ihm berauscht, 
spricht der bisher so maßvolle und gesetzte Doktor gleich „wie Hans 
Liederlich und. begehrt jede liebe Blume für sich“. Auch ohne 
Hexensaft entgleist aber heutzutage mancher begabte Mensch, der 
zu den besten Hoffnungen berechtigte, auf demselben durch den 
Alhohol schlüpfrig gemachten Wege. 

Neben Faust, den man trotz dieses, sein ganzes bisheriges 
Verhalten ändernden, gegorenen Zaubertrankes nicht als Trinker in 
gewöhnlichem Sinne bezeichnen kann, treten in unsrer Tragödie 
Alkoholisten jeden Grades auf, vom festtäglichen Gelegenheits¬ 
trinker bis zum gewohnheitsmäßigen Säufer. 

Da ist zuerst der kleinstädtische Philister und beschränkt-solide 
Pfahlbürger, der sich beim Osterspaziergange so äußert: 

Nichts bessres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen 
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, 

Wenn hinten, weit, in der Türkei 
Die Völker aufeinander schlagen. 

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus, 

Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten. 

Dann kehrt man abends froh nach Haus 
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten. 

Ein Bild des schlichten, beschränkten Bürgers alter Zeit! Nach 
sauren Arbeitswochen feiert er sparsam und genügsam seinen Fest¬ 
tag, zu dessen glänzendsten Freuden das Feiertagsgläschen gehört. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITV 



Goethes Faust und die deutsche Alkoholfrage. 


39 


Es ist ein Ausnahmegenuß zur Erhöhung des seltenen Vergnügens, 
kein Gewohnheitstrank zur Anstachelung der längst erschlafften 
Nerven. Abends kehrt der Biedermann froh und friedlich nach 
Haus zurück. Das nächtelange Skatdreschen und die abstumpfende, 
alltägliche Stammtischlerei gibt es noch nicht. Das ist erst möglich 
geworden, seitdem das starkgebraute Lagerbier die Welt über¬ 
schwemmt und die Geselligkeit aller Stände beherrscht 

An den harmlos-glücklichen Philister der alten Zeit, schließt 
sich der Berufssoldat, dessen Stellung zum Alkohol im wesent¬ 
lichen dieselbe zu sein scheint Gretchens Bruder Valentin sagt 
in seinem nächtlichen Selbstgespräche auf der Straße vor der Tür 
seiner schönen Schwester: 

Wenn ich so saß bei einem Gelag, 

Wo mancher sich beriihmen mag, 

Und die Gesellen mir den Flor 
Der Mägdlein laut gepriesen vor, 

Mit vollem Glas das Lob verschwemmt, 

Den Ellenbogen aufgestemmt; 

Saß ich in meiner sichern Buh, 

Hört all dem Schwadronieren zu, 

Und streiche lächelnd meinen Bart 
Und kriege das volle Glas zur Hand 
Und sage: Alles nach seiner Art! 

Aber ist eine im ganzen Land, 

Die meiner trauten Gretel gleicht 

Die meiner Schwester das Wasser reicht? 

Tip! Top! Kling! Klang! Das ging herum! 

Die einen schrieen: Er hat recht 
Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht: 

Da saßen alle die Lober stumm. 

Die braven Stadtsoldaten jener friedlichen Tage, in denen das 
liebe heil’ge Komische Reich noch zusammenhielt, waren zu rohen 
Ausschreitungen und Alkoholexzessen wenig ^geneigt Dazu waren 
die Löhnungen zu knapp und die Gefahr, Sold, Brot und Beruf zu 
verlieren, zu groß. Wir gönnen es ihnen, im kameradschaftlichen 
Kreise mit Tip! Top! Kling! Klang! anzustoßen und auf das Wohl 
der Mägdlein das volle Glas zu leeren. Der siebenjährige Krieg 
und die napoleonischen Feldzüge vor und nach der Wende des 
Jahrhunderts haben allerdings dies harmlose Bild recht verändert 
Namentlich den Schnapsgenuß, der früher nur zu medizinischen 
Zwecken gebräuchlich war, haben nachveeisüeh Bürger und Bauern 
von den zügellosen Soldaten gelernt die das Land in jenen Kriegs¬ 
zeiten überschwemmten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



40 


Dr. Willi. Martius. 


Digitized by 


Aber auch vor der Erfindung, aus Kartoffeln Branntwein zu 
brennen, verstand der Landmann recht gut, bei geeigneter Ge¬ 
legenheit mit Hilfe des Biers oder des in Süddeutschland so billigen 
Landweins sich in gehobene Stimmung zu versetzen. In dem Dorfe, 
welches Faust und Wagner auf ihrem Ausfluge berühren, geht 
es lustig zu. Schon von weitem hört man das jauchzende Getümmel 
von groß und klein. Dem empfindlichen, wir würden jetzt sagen 
nervösen, Famulus ist das Fiedeln, Schreien und Kegelschieben ein 
gar verhaßter Klang. Er klagt: 

Sie toben wie vom bösen Geist getrieben, 

Und nennen’s Freude, nennen’s Gesang. 

Faust dagegen begibt sich mit unbefangener Freude in das 
Yolksgetümmel. Er kennt Land und Leute von jener Zeit her, wo 
er hier als junger Mann mit seinem Yater jedes Haus, in dem ein 
Kranker lag, besuchte, um der Pestseuche ein Ziel zu setzen. Die 
Dankbarkeit des Landvolkes hat ihn nicht vergessen. Sobald er 
sich zeigt, stockt die Fiedel, die Tänzer halten ein, die Mützen 
fliegen in die Höhe und der alte Bauer naht sich mit dem Will¬ 
kommentrunk : 

Herr Doktor, das ist schön von Euch’, 

Daß Ihr uns heute nicht verschmäht, 

Und unter dieses Volksgedräng’ 

Als ein so Hochgelehrter geht. 

So nehmet auch den schönsten Krug, 

Den wir mit frischem Trunk gefüllt. 

Ich bring’ ihn zu und wünsche laut, 

Daß er nicht nur den Durst Euch stillt. 

Die Zahl der Tropfen, die er hegt, 

Sei euren Tagen zugelegt! 

Faust antwortet freundlich: 

Ich nehme den Erquickungstrank, 

Erwidr’ euch allen Heil und Dank. 

„Den Erquickungstrank“ — hat nicht Faust mit diesem Aus¬ 
druck, ohne es vielleicht zu wollen, Kritik geübt und ausgesprochen, 
was der Genuß geistiger Getränke für den Landmann wie für jeder¬ 
mann sein darf und was nicht? Auch auf dem Lande bewirkt der 
Mißbrauch der geistigen Getränke die Erhitzung der Sinne, und die 
Folgen bleiben nicht aus. Das zum Tanze gesungene Lied deutet 
darauf hin: 

Doch hurtig in dem Kreise ging’s, 

Sie tanzten rechts, sie tanzten links, 

Und alle Röcke flogen. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Goethes Faust und die deutsche Alkoholfrage. 


41 


Sie wurden rot, sie wurden warm, 

Sie ruhten atmend Arm in Arm . . . 

Und tu’ mir doch nicht so vertraut! 

Wie mancher hat nicht seine Braut 
Belogen und betrogen! 

Er schmeichelte sie doch beiseit’ 

Und von der Linde scholl es weit 
Juchhe, Juchhe! 

Juchheisa, Heisa, He! 

Geschrei und Fiedelbogen. 

Wer den Verlauf ländlicher Kirmessen und ähnlicher Ver¬ 
gnügungen in der Gegenwart kennt, weiß, wie sich diese Dinge um 
nichts gebessert haben. Das sogenannte „einfache, idyllische, sitt- 
/ same Landleben“, von dem schwärmerische Stadtdamen träumen, ge¬ 
hört längst ins Reich der Fabel; und neben anderen Ursachen trägt 
daran hauptsächlich der als stehende Lebensgewohnheit auch auf 
dem Lande immer mehr eingebürgerte Alkoholgenuß die Schuld. 
Wie ergreifend ist der Gegensatz des tobenden nächtlichen Tanzes 
unter der Dorflinde, wobei alle bösen Triebe. wach werden, und der 
friedlichen Gedanken, die durch die Seele des einsamen Gelehrten 
ziehen, der von seinem erquickenden Gange durch Feld und Auen 
in sein, durch die Lampe freundlich erhelltes, Studierzimmer zurück¬ 
gekehrt ist: 

Entschlafen sind nun wilde Triebe 
Mit jedem ungestümen Tun, 

Es reget sich die Menschenliebe, 

Die Liebe Gottes regt sich nun! 

Faust hat freilich den Pudel mit heimgebracht, dessen tierische 
jLaute zu den heiligen Tönen, die seine Seele durchziehen, nicht 
passen. Aus diesem Hunde entwickelt sich der böse Geist, welcher 
vom Herrn des Himmels die Erlaubnis erhalten hat, den Doktor 
von seinem Urquell abzuziehen, und der sich sein Ziel mit den 
Worten steckt: „Staub soll er fressen und mit Lust“ Sobald Mephi¬ 
stopheles durch den Vertrag scheinbar Fausts Diener, in Wirklich¬ 
keit aber sein Herr geworden ist, bemüht er sich, ihn teils durch 
flache Unbedeutendheit, teils durch wildes Leben herum zu schleppen, 
damit er innerlich daran zu Grunde gehe. 

Das erste, was er ihm zeigt, ist die Studentenkneiperei in 
Auerbachs Keller. Das rohe Treiben und der zuchtlose Ton, der 
uns hier entgegentritt, könnte vermuten lassen, es handle sich um 
eine Schnapssauferei mit obligater Prügelei des ungebildeten Pöbels. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSUf 



42 


Dr. Wilh. Martius. 


Digitized by 


Aber leider ist das Unheil durch ein Weingelage derer hervor¬ 
gerufen, welche einst das Yolk zu führen berechtigt sein sollen. 
Solange der Wirt nur weiter borgt, sind diese platten Burschen ver¬ 
gnügt und unbesorgt Sie drehen sich in ihrer Unterhaltung mit 
wenig Witz und viel Behagen im engen Zirkeltanz, denn der Wein¬ 
geist lähmt ihre Denkkraft, macht sie aber auch prahlerisch und 
rauflustig. Sie saufen weiter und schreien: „Es lebe die Freiheit, 
es lebe der Wein“, wissen aber nicht, das sie Sklaven des Tyrannen 
Alkohol sind. Als sie singen: 

„Uns ist ganz kannibalisch wohl 
Als wie fünfhundert Säuen“ 

sagt Mephistopheles, der einst (Prolog im Himmel) behauptet hatte, 
der Mensch gebrauche die Himmelsgabe der Vernunft, um tierischer 
als jedes Tier zu sein, mit Hohn, jetzt offenbare sich herrlich ihre 
Bestialität. Vielleicht hatten diese Studenten schon als Schüler den 
Grund zu ihren wüsten Trinkgewohnheiten gelegt, wie jene, die 
unter den Spaziergängern am Osterfeste ihren Geschmack mit den 
Worten schildern: 

Ein starkes Bier, ein beizender Tabak 

Und eine Magd im Putz — das ist nun mein Geschmack. 

Jetzt können sie ihrer Trinkleidenschaft nicht mehr Herr werden, 
denn der Alkohol ist Herr über sie geworden. 

Der leichtlebige Student Frosch, der bei der Beurteilung der 
von Mephistopheles hervorgezauberten Weinsorten „nicht zu 
kleine Proben“ fordert, 

Denn, wenn ich judizieren soll, 

Verlang’ ich auch das Maul recht voll, 

fühlt sich in Leipzig, dem kleinen Paris, das seine Leute bildetj 
ganz besonders wohl. Für manchen Studierenden der Gegenwart, 
der seinen Namen wie lucus a non lucendo trägt, mag die Uni¬ 
versität»- oder Polytechnikumsstadt auch heute noch ein ähnliches 
Klein-Paris sein, das als „Schmutzstadt“ seine Leute im Alkohol¬ 
sumpfe zu Deliranten heranbildet Wird der uralte Schandfleck 
dieser studentischen Saufsitten endlich einmal ausgetilgt werden? 
Nicht wenige Kenner des akademischen Lebens meinen, dies sei 
unmöglich. Ich habe ein besseres Zutrauen zu der Vernunft der 
deutschen Jugend der gebildeten Stände. Die Trinksitten, so fest 
sie auch eingewurzelt sind, lassen sich wie jede Sitte wandeln und 
haben sich bereits gewandelt. Im 16. Jahrhundert war die Trunk¬ 
fälligkeit unter den deutschen Fürsten ganz allgemein verbreitet. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Goethes Faust und die deutsche Alkoholfrage. 


43 


Als der Leibarzt des Herzogs Wilhelm HI. von Jülich-Cleve-Berg, 
Dr. Johann Weyer, die Herrschertagenden seines Herrn in der 
Vorrede zu seinem berühmten Buche über die Hexenprozesse be¬ 
sonders loben wollte, hob er namentlich die Mäßigkeit seines Ge¬ 
bieters hervor, durch welche er den erlauchten Genossen seines 
Standes voranleuchte. „Hat einer deine Hoheit je betrunken gesehen? 
Ja, du willst sogar strengstens das alte Gesetz ausgeführt wissen, 
daß niemand mit anderen um die Wette trinkt. Aber nicht sowohl 
der Befehl als das Leben und Beispiel des Herrschers ändert mensch¬ 
liche Sitten.“ Jetzt würde es niemandem mehr einfallen, als be¬ 
sonders auffallende Tugend eines deutchen Fürsten seine Mäßigkeit 
hervorzuheben. Sie versteht sich ganz von selbst, jvejL unmäßige 
Fürsten schlecht regieren. So wird hoffentlich auch einmal bei der 
studierenden Jugend die häßliche Standesgewohnheit der Völlerei 
verschwinden, weil es klar zu Tage liegt, daß unmäßige Studenten 
schlecht studieren. Dann wird es unnötig sein, zum Lobe eines 
Kommilitonen hervorzuheben, daß er in der Mäßigkeit seinen Standes¬ 
genossen ein gutes Beispiel gebe. 

So weit sind wir freilich noch nicht. Jahraus, jahrein steigen 
einzelne Studenten vom Wein und Bier zum Schnaps herab und 
verkommen zuletzt als Lumpen. Auch diese tiefste Stufe der Alkohol¬ 
knechtschaft wird uns durch Goethe und zwar in dem Manne der 
Frau Martha Schwerdtlein vorgeführt. Wahrscheinlich war er 
einst ein Handwerksbursche wie diejenigen, welche am Osterfeste 
rufen: 

Nach Burgdorf kommt herauf; gewiß dort findet ihr 

Die schönsten Mädchen und das beste Bier 

Und Händel von der ersten Sorte. 

Aber er sank tiefer und tiefer, denn „er liebte das allzuviele 
Wandern und fremde Weiber und fremden Wein und das verfluchte 
Würfelspiel“. Er starb mit leeren Taschen in Padua. Sein Sterbe¬ 
bette war „etwas besser als von Mist, von halbverfaultem Stroh“. 
Wodurch es so weit mit ihm kam, sagte Schwerdtlein vor seinem 
Ende selbst: „Weiß Gott, sie war mehr schuld als ich“. Er meint 
seine Martha, nach Mephistopheles’ gewiß zutreffender Schilderung 
„ein Weib, wie auserlesen zum Kuppler- und Zigeunerwesen“. Weil 
er bei ihr sein Brot nicht in Frieden essen konnte, ging er stracks 
in die Welt hinaus, suchte seinen Gram zu ertränken und ertrank 
selbst im Alkohol. Man hat die Alkoholfrage eine Kopf-, Herz- und 
Magenfrage genannt Sie ist auch eine Haus- und Frauenfrage. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



44 


Dr. Wilh. Martius. 


Digitized by 


Der schwer abeitende Mann, welcher nach des Tages Last und 
Hitze in seiner Häuslichkeit eine unsaubere Stube, ein keifendes 
Weib, schlecht bereitetes Essen, aber keinen ruhigen Winkel zur 
Erholung findet, wird mit Gewalt in die Kneipe gedrängt. Es ist 
erfreulich, daß die deutschen Frauenvereine der Gegenwart diese Seite 
der Alkoholfrage erkannt und kräftig angefaßt haben. 

Das führt uns zu der Frage, ob Goethe im Faust nicht nur 
das Alkoholelend in seinen verschiedenen Entwicklungsstadien mit 
kurzen Strichen gezeichnet habe, sondern ob er auch Andeutungen 
machte, wie man dies Elend beseitigen oder doch mindern könne. 
In der Tat, so sonderbar es auch zunächst erscheinen mag, einige 
bekannte Stellen der Tragödie werfen auf verschiedene Richtungen 
der jetzigen Antialkoholbewegung ein — zwar nicht beab¬ 
sichtigtes — doch aber bemerkenswert helles Licht Ich meine auf 
die Bestrebungen, welche man gewöhnlich als Abstinenten-Vereine, 
Trinkerasyle und Blaues Kreuz bezeichnet 

Wenn man die unseligen Wirkungen des Alkoholstroms über¬ 
blickt, der sich ununterbrochen durch alle Länder ergießt, unzählige 
Ehen zerrüttet, gesunde Arbeiter siech und helle Köpfe stumpf¬ 
sinnig macht, die Kirchen entleert und die Kranken-, Irren- und 
Zuchthäuser füllt, so kann man mit noch größerem Rechte als Faust 
beim Anblicke des einen, von ihm zu Grunde gerichteten Menschen¬ 
lebens ausrufen: „Der ganzen Menschheit Jammer faßt mich an.“ 
Der berechtigte Ingrimm gegen den Massenmörder Alkohol veranlaßt 
diejenigen Yolksfreunde, deren lebhaftes Temperament zu rücksichts¬ 
losen Maßregeln neigt, die völlige Abschaffung der Alkoholherstellung, 
des Alkoholvertriebes und des Alkoholgenusses als das einzig ver¬ 
nünftige Ziel der ganzen Antialkoholbewegung hinzustellen. So ver¬ 
fahren im Gefolge des anglo-amerikanischen Tee-Totalisraus die Mit¬ 
glieder des deutschen Alkoholgegnerbundes, die Guttempler u. s. w. 

Auch Faust hat einmal einen solchen radikalen Gedanken 
ausgesprochen. Als der Gram über sein verfehltes Streben wie ein 
Geier ihm am Leben frißt, verwünscht er alles, was die Seele mit 
Lock- und Gaukelwerk umspannt: Besitz und Ruhm, Glaube und 
Hoffnung, Liebe und Geduld. In einer, ich möchte sagen tee-tota- 
listischen Erregung fügt er hinzu: „Fluch sei dem Balsamsaft 
der Trauben!“ Wenn die Tee-Totalers belehrbar wären, so würden 
sie bedenken, daß diese ihnen so nach dem Munde gesprochene 
Verfluchung des Weins einer ganz krankhaften Stimmung entspringt 
und ebenso unberechtigt ist wie die vorangehende Verwünschung 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Goethes Faust und die deutsche Altoholfrage. 


45 


von Geld und Besitz. Der maßlose Wunsch der völligen Ausrottung 
aller Alkoholgetränke entspringt einem ungesunden Pessimismus. 
Die allgemeine Durchführung dieser Radikalkur ist offenbar un¬ 
möglich. Deshalb darf sie für die Antialkoholbewegung auch nicht 
als höchstes Ziel hingestellt werden. 

Viel wichtiger als in fanatischer Aufregung jeden Alkohol¬ 
genuß theoretisch zu verwünschen, ist es, die Alkoholopfer praktisch 
zu retten. Wie macht man das? Als Faust sich nach einer Ver¬ 
jüngung seines inneren und äußeren Menschen sehnte, fragte er 
den allzeit hilfreichen Mephistopheles: 

Hat die Natur und hat ein edler Geist 
Nicht irgend einen Balsam aufgefunden? 

Mephistopheles nannte ih m auch sogleich ein ganz natür¬ 
liches Mittel, das ohne Geld und Arzt und Zauberei zu haben sei: 

Begib dich gleich hinaus aufs Feld, 

Fang’ an zu hacken und zu graben, 

Erhalte dich und deinen Sinn 
In einem ganz beschränkten Kreise, 

Ernähre dich mit ungemischter Speise, 

Leb’ mit dem Yieh als Vieh und acht’ es nicht für Raub, 

Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen. 

Das ist das beste Mittel, glaub’, 

Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen. 

Auch der energielos, schwach und arbeitsunlustig gewordene 
Gewohnheitstrinker bedarf einer Verjüngungskur. Br muß aus 
seinen, ihm lieb, aber auch gefährlich gewordenen Verhältnissen 
ganz herausgenommen werden, in einem beschränkten Kreise leben 
und in ihm als ein innerlich unfreier Mensch zunächst auch äußer¬ 
lich auf den Gebrauch seiner Freiheit, besonders der Trinkfreiheit 
ganz verzichten. Er muß in frischer Luft sich allmählich wieder 
an regelmäßige Arbeit gewöhnen, sich mit einfacher und gesunder 
Kost ernähren — kurz eine der bewährten ländlichen Trinker¬ 
heilanstalten für längere Zeit aufsuchen. Das von Mephisto¬ 
pheles gleich bei seinem ersten Auftreten ausgesprochene Gesetz 
der Geister und Gespenster: „Wo sie hineingeschlüpft, da müssen 
sie heraus“ gilt auch vom Dämon Alkohol. Durch lange An¬ 
gewöhnung ist die Trinkleidenschaft in den Menschen eingezogen, 
durch lange Entwöhnung muß sie wieder heraus. Gewohnheit kann 
nur durch Gewohnheit vertrieben werden. Leider wird der Ent¬ 
schluß, eine Trinkerheilstätte aufzusuchen, meistens wieder auf¬ 
geschoben und oft zu spät ausgeführt. Wo es sich um die Rettung 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



46 


Dr. Willi. Martius. 


eines Familiengliedes, Freundes u. s. w. vor schwerem Verderben 
handelt, muß die Umgebung rechtzeitige Entscheidungen herbei¬ 
führen: 

Das Mögliche soll der Entschloß 
Beherzt sogleich beim Schopfe fassen, 

Er will es dann nicht fahren lassen 
Und wirket weiter, weil er muß. 

Der Trinker selbst, namentlich der aus den höheren Ständen, 
spricht freilich meistens gerade wie Faust, nachdem er den Ver¬ 
jüngungsvorschlag gehört hat: 

Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen, 

Den Spaten in die Hand zu nehmen. 

Das enge Leben steht mir gar nicht an. 

Mephistopheles antwortet ironisch: 

So muß denn doch die Hexe dran. 

Das heißt in unserem Falle, die angeblich unfehlbaren Heil- 
und Radikalmittel gegen die Trunksucht, welche von geriebenen 
Spekulanten in allen Blättern mit ehrbarer Miene für teures Geld 
angepriesen werden. Wenn dann die Erfahrung gelehrt hat, daß 
solche Zaubermittel auf Schwindel beruhen, bleibt zuletzt doch nichts 
weiter übrig als die dauernde und völlige Enthaltung von allen 
alkoholischen Getränken, also der vollständige Bruch mit der Trink¬ 
gewohnheit. Zu diesem Bruche und damit zur Wiedererlangung 
der körperlichen Gesundheit und der sittlichen Freiheit und Selbst¬ 
beherrschung ist die Anleitung und Pflege in einer guten Trinker¬ 
heilanstalt der sicherste Weg. 

Neben den Trinkerheilanstalten gibt es auch Trinkerheil¬ 
vereine, deren bekanntester der im evangelisch - christlichen 
Sinne wirkende Bund vom Blauen Kreuze ist Seine Mitglieder 
bilden einen brüderlichen Liebeskreis zur sittlichen Hebung und 
wirtschaftlichen Förderung der armen Opfer des Alkohols. Sie ver¬ 
zichten des Vorbildes und Beispiels halber auf jeden Genuß geistiger 
Getränke, damit die Schwäche des Trinkers sich an ihrer Kraft 
emporranke. Sie sehen ihn als einen unter die Mörder Gefallenen 
an, der des größten Mitleids und der freundlichsten Samariterhilfe 
bedarf und wert ist Auch „den Sterblichen, den die verderblichen, 
schleichenden, erblichen Mängel umwanden“, ruft der Glocken¬ 
klang und der Engelchor am Osterfeste zur Freude! Zu diesen Freude¬ 
bedürftigen gehört besonders der Trinker, der nach den neuesten 
Forschungen vielfach durch schleichende, erbliche Belastung auf 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Goethes Faust und die deutsche Alkoholfiage. 47 

seinen verderblichen Pfad gedrängt ist Weil Christus erstanden 
ist, kann auch er aus dem Grabe der sittlichen Schwäche und Ge¬ 
bundenheit aufgeweckt werden. Auch ihm gilt die Engelsmahnung: 

Christ ist erstanden, 

Aus der Verwesung Schoß; 

Reißet von Banden 
Freudig euch los! 

In dieser schweren und langwierigen Arbeit der sittlichen Selbst¬ 
befreiung wollen die Mitglieder des Blauen Kreuzes ihren Brüdern 
beistehen. In ihnen wohnt die Macht der echten Menschenliebe, 
welche im fremden Glück das eigne sucht und sich stetig selbst 
entäußert, um durch dieses Liebesopfer in hoffender Geduld am 
Nächsten und für den Nächsten zu arbeiten und dadurch Gott zu 
preisen. Die Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis 
an der Welt Ende!“ gilt wie allen treuen Arbeitern der Innern 
und Äußern Mission, so auch den barmherzigen Rettern der Trinker: 

Tätig ihn preisenden, 
liebe beweisenden, 

Brüderlich speisenden, 

Predigend reisenden 
Wonne verheißenden, 

Euch ist der Meister nah, 

Euch ist er da! — 

Der Kultusminister Dr. Bosse schrieb aus Anlaß der 150 jährigen 
Wiederkehr des Goetheschen Geburtstages an das „Literarische 
Echo“, welches eine Umfrage an bekannte Vertreter unsres nationalen 
geistigen Lebens über den Einfluß Goethes auf ihre geistige Ent¬ 
wicklung gerichtet hatte, folgendes: „Faust [hat am stärksten auf 
mich gewirkt und zwar nicht nur als Dichtung, sondern auch als 
Erkenntnisquelle. ... Er ist mir eine schier unversiegliche Fund¬ 
grube dichterischen Genießens und erfreulicher, tiefer Lebens¬ 
weisheit.“ 

Durch: die vorstehenden Zeilen hoffe ich gezeigt zu haben, 
daß auch die Arbeiter der deutschen Mäßigkeitssache aus dem großen 
Schatze der im Faust dargebotenen Goethe sehen Lebensweisheit 
ihren bescheidenen Anteil zu nehmen berechtigt sind. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



48 


Digitized by 


II Referate. 

Adolf Cluß, o. ö. Prof, der land- u. forstwirtsch. chem. Technologie an der Hoch¬ 
schule für Bodenkultur u. Rat des k. k. Patent-Ger.-Hofes in Wien. Die Alkohol¬ 
frage vom physiologischen, sozialen und wirtschaftlichen Standpunkte. P. Pareys 
Verlag, Berlin 1906. 

Die Abstinenz hat viel Glück; ihre Gegner schreiben für sie; dem „Gläschen 
in Ehren“ des Commerzienrat Haase-Breslau, dem „Leben“ des Dr. A. Kirch¬ 
hof-Berlin, also den Vertretern des Alkoholkapitals, folgt die Alkohol Wissenschaft, 
der technische Fachmann. 

Das Vorwort, die Einleitung und der Teil I, die Alkoholfrage vom 
physiologischen Standpunkte erinnert an das Wort: Wenn man’s so liest, möcht’s 
leidlich scheinen. 

Daß die Agitation der Enthaltsamen die Bestrebungen der Mäßigen zu ver¬ 
eiteln im stände wäre, wie es im Vorwort heißt, möchte ich zwar bezweifeln; 
sie erschweren uns nur zuweilen den Kampf, indem sie uns — duobus litigantibus 
tertius gaudet — angreifen. 

Der Vergleich zwischen Bierherz und Teeherz (S. 29) ist ärztiich nicht 
zu halten: die Flüssigkeitsmengen, die ja neben dem Alkoholgehalt und neben 
dem Mangel an Bewegung (vergl. die Bemerkungen des bayrischen Medizinal¬ 
statistikers Dr. Spaeth-Fürth über das „Hocken“ in den Kneipen in der Beil, 
z. Münch. Allg. Zeitung v. 15. I. 06) das typische „Bierherz“ hervorgerufen, 
fallen beim Tee, den man nicht literweise zu trinken pflegt, fort; starken Tee 
wird man allerdings Nervösen und Abgearbeiteten ohne Unterschied der Natio¬ 
nalität widerraten müssen. 

Die Statistik der Brit. Medical Association (S. 16) über 4248 Sterbefälle (Ab¬ 
stinente, Halbabstinente, Mäßige, Trinkende, Säufer), also in fünf Abstufungen, 
leidet an demselben Mangel, an dem auch die Statistik der EnthaltsamkeitsVer¬ 
treter, z. B. die Meinerts über Langlebigkeit, zuweilen leidet — nämlich an 
den viel zu kleinen Zahlen. 

Bei den Wirkungen der reizlosen Kost in Gefängnissen (S. 28) als Argument 
für die Notwendigkeit der Reiz- und Genußmittel muß man doch auch den 
körperlichen und seelischen Zustand der Insassen und die Beschaffenheit der 
Kost selbst in Betracht ziehen! Und aus welcher an sich degenerierten Menschen¬ 
schicht stammen zuweilen diese Insassen? Die Einschaltung der „reizfreien 
Weiber“ (S. 88), bei denen übrigens auch das tertium comparationis, die Syphilis* 
der Tripper, die hygienisch den Sexualakt erst gefährlich machen, vollkommen 
übersehen wird, bedeutet eine, leider nicht die einzige Entgleisung des Ver¬ 
fassers! 

Cluß lobt die Carl Fränkelsche Norm, ein Liter Bier täglich für Mäßige, 
gestattet aber sofort deren Überschreitung durch etliche „Krügel“ (S. 38), „sei 
es zeitweise, sei es regelmäßig“. 

Das Kapitel (S. 52—60) über die Ausnahmefälle, bei denen die Abstinenz 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNSVERSITY 



Referate. 


49 


angezeigter erscheint als die Mäßigkeit, ist zu unterschreiben; auch was C. über 
die „Form 44 des Sportsman sagt, ist offenbar eigener reichlichen Erfahrung ent¬ 
nommen. 

Die Beispiele auf S. 61 u. S. 62 über die Folgen des Alkoholmißbrauches 
werden ihm die Abstinenten danken, die Alkoholerzeuger und Verschleißer da¬ 
gegen kaum; ebenso verhält es sich damit, daß C. (S. 62 unten) das Flüssig¬ 
keitsbedürfnis des Einzelnen, das übrigens dringend der wissenschaftlichen Er¬ 
forschung bedarf (Ref.), und das Sprichwort: Du sollst aufhören, wenn es dir am 
besten schmeckt, als Richtschnuren für den Genuß von Getränken postuliert. 

Von den elf Mäßigkeitsregeln auf S. 68 kann Jeder von uns zehn unter¬ 
schreiben; nur Nr. 11, daß jeder, der nicht auf sich aufpassen will und kann, 
„die breite Volksmenge,“ täglich 1 — 1V 2 1 Bier und ^-ViF1. Wein ohne 
schädliche Folgen konsumieren darf, halte ich für ebenso falsch als gefährlich. 

Denn gerade diese undisziplinierten Massen lesen das Clußsche Buch nicht, 
und wenn sie es lesen, befolgen sie die 11. Regel mehr im Sinne des § 11. 

„Aufoctroyiren“ (S. 96), ist mit dem mehrjährigen Aufenthalt des Verfassers 
in Frankreich nicht verträglich. Wenn Wustmann das lesen würde! 

Bei dem Kapitel II, 6, Totalabstinenz und ihrer Kritik S. 100 ff., verliert 
Cluß Sachlichkeit und Haltung. 

Der Satz S. 154: „„Bei der Liebe wie beim Trinken mehr auf Qualität wie 
auf Quantität halten“ ist ein Mahnspruch (!), den ich stets (!) meinen Studenten Zu¬ 
rufe“, gehört keinesfalls in ein wissenschaftliches Buch, sondern anderswohin, 
ebenso die S. 198 geschilderte Scene der Lynchjustiz des Dr. M. Helenius durch 
handfeste Winzer. Wenn das im „Simplicissimus“ stände, wie würde man es 
wohl beurteilen? 

Das Citat aus Haase (s. o.): „um ein paar haltloser und charakterloser 
Trinker, die auch so untergehen würden, Millionen Menschen (sc. Alkoholerzeuger 
u. 8. w.) zu Grunde zu richten, kann unmöglich ein Normaldenkender wollen 44 , 
berührt nicht den Kern der Alkoholfrage, der mehr wirtschaftlich- als ärztlicher- 
kultureller Natur ist; die paar Trinker sind übrigens in Deutschland etwa 30000 
Menschen, und nicht ihr Verhalten sondern das Leiden, das sie Andern: ihrer 
Familie, der Gesellschaft, dem Staat zufügen und die wirtschaftlichen Nachteile, 
welche „die breite Volksmenge“ (s. o.) erfährt, die täglich 1 1 / 8 1 Bier oder 1 / a bis 
# /4 Fl. Wein trinkt — das ist der Kern der Alkoholfrage. Von diesem Kern der 
Frage kann Prof. Aushaus den soeben erscheinenden „Beiträgen zur Alkohol¬ 
frage“ im „Reichsarbeitsblatt“ (C. Heymann’s Verlag, Berlin) für 20 Pfennige 
sehr leicht Kenntnis nehmen. 

Das Clußsche Buch wird nach den geschilderten Citaten Keinen aus unsem 
Reihen überzeugen, den Abstinenten jedoch nützen; es zeigt die Fortschritte und 
Erfolge der Bewegung, gegen die solche Mittel angewandt werden. Ein Sozial- 
Kollege des Prof. Cluß — auch ein technologischer Chemiker — A. Stutzer, 
Ordinarius an der Universität Königsberg, hat ein besseres und leidenschaftsloseres 
Buch über die Alkoholfrage geschrieben; ich empfehle also Stutzer: Zucker 
und Alkohol, Parey, Berlin 1902, aber nicht Cluß: Die Alkoholfrage. 

Dr. Laquer-Wiesbaden. 


Der Alkoholismufl. 1906. 


4 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Digitized by 


* 


50 Referate. 

Baernreither, J. M. Jugendfürsorge und Strafrecht in den Vereinigten Staaten. 

Leipzig bei Duncker und Humblot. 

Zu den wertvollsten Erscheinungen in der übergroßen Anzahl der Amerika- 
Berichte gehört — besonders in Hinsicht auf soziale Zustände, die mit der Für¬ 
sorge für die erwerbsentlassene und alkoholisch gefährdete Jugend Zusammenhängen 
— das Buch des früheren österreichischen Ministers Dr. J. M. Baernreither. 
Der Verfasser hat sich lange Jahre, bevor er amerikanische Zustände kennen 
lernte, mit Studien auf dem einschlägigen Gebiet in den europäischen Staaten 
beschäftigt und konstatierte in einer interessanten Gegenüberstellung der Be¬ 
stimmungen und Gesetze in Europa und Amerika viele gemeinsame Züge in der 
Behandlung des gefährdeten Teiles der Jugend — ein Beweis, wie mächtig der 
Einfluß der Ideen ist, die die Zeit bewegen. 

Viel allgemeiner jedoch als in Europa ist man in Amerika der Ansicht, daß 
die Vergeltungstheorie der Jugend gegenüber nicht angebracht sei, daß vielmehr 
umgekehrt die Gesellschaft der verwahrlosten Jugend gegenüber in Schuld sei — 
und in energischster und konsequentester Weise wird ohne Rücksicht auf hemmende 
historische Vorurteile oder Bräuche der Versuch gemacht, dem entsprechend die 
Praxis zu gestalten. In dem unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Wissen¬ 
schaft und den praktischen Anforderungen des Lebens erblickt B. überhaupt einen 
Hauptvorzug des Amerikaners, wodurch auch vielfach seine Überlegenheit bedingt 
ist. Demgemäß herrscht das Prinzip, mit den verwahrlosten und straffälligen 
Kindern alles versuchen — nur keine Gefängnisstrafe und kein Kontakt mit dem 
erwachsenen Verbrecher! Dem Richter ist hierbei weitester Spielraum gelassen; er 
kann bloß verwarnen, unter Beaufsichtigung stellen, Zwangserziehung verfügen, 
aber sehr selten strafen. Die moderne Auffassung des Strafrechts in Amerika 
wird geradezu verkörpert durch den Begriff der Probation (Bewährung), das heißt 
Aufschub der Verurteilung mit dem leitenden Gedanken, daß der Straffällige es 
durch sein ferneres gutes Verhalten in der Hand hält, gänzlich straflos zu bleiben. 
Die Wirksamkeit dieser Maßregel wird vorzugsweise bedingt durch die Qualität 
der die Aufsicht führenden Organe, der Probation-Officers, die in wohlwollender 
Fürsorge den Entlassenen überwachen und unterstützen sollen. Der Besserungs¬ 
erfolg bei der Probation wird bis zu 60°/ o angegeben. 

Praktische moderne Rechtsauffassung verkörpern auch die Einrichtungen der 
Reformschulen für die straffällige Jugend und der Reformgefängnisse. Gute körper¬ 
liche Pflege und Ausbildung, militärische Disziplin, religiöser Einfluß, allgemeine 
Schulung und Unterricht in speziellen Fertigkeiten sollen den ganzen Menschen 
transformieren und ihn fähig machen, den Kampf ums Dasein draußen ohne 
Kollision mit den Strafgesetzen zu führen. Dabei ist die Dauer der Strafzeit ab¬ 
hängig gemacht von der Führung des Sträflings, und es gibt auch wieder eine 
Entlassung ajif Probe (on parole), die dem Sinne nach identisch ist mit der 
Stellung unter Probation. 

Eigene Abschnitte sind den Jugendgerichten (Juvenile courts) und speziell 
dem auch: durch die Tagespresse bekannt gewordenen Jugendgericht in Denver 
gewidmet. Das letztere steht unter der Leitung des Richters Lindsay — seine 
Tätigkeit hat ihm den bezeichnenden Namen Seelenmasseur eingetragen. 

Auch die Alkoholfrage wird in dem Baernreitherschen Buche gestreift. 
Im Staate Massachusetts gilt Trunkenheit als ein Vergehen, wegen dessen Ver¬ 
urteilung oder Stellung unter Probation erfolgen kann. Da für das Urteil des 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


51 


Richters Wiederholung schwer ins Gewicht fällt, so haben die Probation-Officers 
darüber Erhebungen anzustellen. Solche Erhebungen fanden in einem Jahre über 
30000 statt — das gibt auf die Totalbevölkerungsziffer nicht ganz 1% Trunken¬ 
heitsfälle. 

Die Zeit seit der Einführung genannter Einrichtungen ist zu kurz und die 
bisher geführte Statistik teilweise zu wenig sorgsam und kritisch, als daß man ver¬ 
läßliche Zahlen über das praktische Resultat anführen könnte. Neben großem 
Enthusiasmus fehlt jedoch auch drüben nicht die Selbstkritik, und schneller als 
in Europa ist man bei der Hand, erkannte Mängel und Mißstände zu beseitigen. 
Allgemein ist man jedoch der Ansicht, daß, selbst alle Mängel und Mißbräuche 
und Mißerfolge zugegeben, die moderne Behandlungsart der verwahrlosten und 
straffälligen Jugend jedenfalls besser sei, als sofort Strafe und Kontakt mit der 
erwachsenen Verbrecherwelt. 

Unterstützt und teilweise erst möglich gemacht werden diese Einrichtungen 
durch die reichen Mittel, welche die Privatwohltätigkeit zu diesem Zweck zur 
Verfügung stellt; durch ein bei uns unbekanntes harmonisches Zusammenwirken 
der verschiedenen religiösen Konfessionen und Körperschaften; und nicht zuletzt 
durch den unverwüstlichen Optimismus des Amerikaners, der sich nie entmutigen 
läßt und imm er wieder durch education and work on some einzuwirken sucht. 

Eine direkte Nachahmung oder Übertragung der amerikanischen Einrich¬ 
tungen in unsere Verhältnisse ist gewiß nicht angebracht. Aber es dürfte sicher 
an der Zeit sein, daß die Behandlung der verwahrlosten und die Rechtspflege 
der straffälligen Jugend sich auch bei uns mehr von dem absolut gewordenen 
Vergeltungsbegriff frei und den Versuch macht, auch diesen Teil der Jugend zu 
tüchtigen und für das Volkswohl förderlichen Menschen heranzuziehen. 

Dr. Kuck-Wiesbaden. 


Der Kneipp-Kalender 1906 bringt aus der Feder des in der Antialkoholbewegung 
wohlbekannten und hochgeschätzten Bischofs von St. Gallen, Augustin Egger, 
eine Reihe von „Bemerkungen über den Genuß geistiger Getränke 14 . Verfasser 
bespricht in allgemein verständlicher Form die Einwirkung des Alkohols auf den 
Körper, er verwirft die alkoholhaltigen Getränke als Verdauungs- und Nahrungs¬ 
mittel und hält ihn geeignet, die Lebensfunktionen zu unterbinden. „Morituri 
te salutant,“ ruft er dem König Alkohol zu, indem er ihn der Gewaltherrschaft 
über den körperlichen und sittlichen Verfall bezichtigt und eindringlich die Ent¬ 
haltung von geistigen Getränken empfiehlt, ihren gewohnheitsmäßigen Gebrauch 
aber auf alle Fälle verwirft. Wdt. 


Gelpke. Kulturschäden oder die Zunahme der Nerven- und Geisteskrankheiten. 

Preisschrift des Vereins Schweizer Irrenärzte. Basel 1905. Preis 1,60 Mk. 

Der Verfasser gibt eine interessante umfassende Übersicht über das Wesen 
und die Ursachen der Geisteskrankheiten und ihre Verhütung. Die Zunahme 
der Nerven- und Geisteskrankheiten in der Neuzeit läßt sich schwer exakt be¬ 
weisen, ist aber in hohem Maße wahrscheinlich. Den Grund dafür sucherf viele 
Irrenärzte auch in der übermäßigen Trunksucht unserer Vorfahren. Im Mittel- 
alter scheinen auch die Frauen in Bezug auf das starke Trinken den Männern 
nicht viel nachgegeben zu haben. Philippine Welser trank wie die meisten 
vornehmen Frauen ihrer Zeit mehrere große „Paßgläser 44 Wein täglich. Die 

4* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



52 


Referate. 


Digitized by 


Tochter des Kurfürsten Moritz von Sachsen trank morgens und abends je eine 
gute Flasche Wein. Die Hoftrunkordnung des Herzogs Emst des Frommen von 
Sachsen-Gotha schrieb für die adeligen Hofdamen bei Tage 4 Maß und Abends 
3 Maß Bier vor. In der Gegenwart waltet die verderbliche Allmacht des Alkohols 
über die ganze Erde im Palast und in der Hütte. Dafür besitzt der Kulturmensch 
das Privilegium frühzeitigen Greisentums. Seine ursprüngliche Lebensdauer 
dürfte nicht 70—80, sondern 100—120 Jahre betragen, wenn man als die von 
Natur dem Leben gesetzte Grenze die 5—6 fache Dauer der Wachstumszeit an¬ 
nimmt. Die sitzende Lebensweise, das Stubenhocken, der mechanische und strenge 
Schuldrill, die seelische Ansteckung durch religiöse, philosophische, künstlerische, 
hygienische Fanatiker, die Sorgen und die geschlechtlichen Exzesse werden als 
weitere Ursachen der Lebensarmut der Gegenwart nach Gebühr gewürdigt. 

Wer seine Nerven und seinen Geist gesund und leistungsfähig erhalten 
will, der muß die folgenden Bedingungen erfüllen. Er muß gut schlafen, wenig 
oder gar keinen Alkohol genießen, wenig rauchen, viel Bewegung im Freien 
haben, einfach und arbeitsam leben, tapfer gegen die Widerwärtigkeiten des 
Lebens, streng gegen sich selber sein. Um dem allen zu genügen, müssen wir 
in der Auswahl unserer Eltern sehr vorsichtig sein. (Forel.) P. S. 


Von den Kneipen im alten Babylon haben uns die Ausgrabungen Kunde ge¬ 
geben. Das Gesetz Hammurabis (um 2000 v. Chr.), welches wohl über tausend 
Jahre in Kraft war, traf auch Bestimmungen über den Weinausschank. Die 
Frauen, welche den Weinverkaufsstellen vorstanden, verwalteten diese für die 
Rechnung von Großkaufleuten. Für die verabfolgten Getränke wurde nach einem 
gesetzlich festgelegten Tarif der Wert in Getreide entrichtet, oder der Betrag 
bis zur nächsten Ernte gestundet. Das Getreide vertrat die Stelle der Scheide¬ 
münze. Eine Verkäuferin, welche etwa, statt zu kreditieren, den verkauften 
Wein sich mit Geld bezahlen ließ, verfiel der Todesstrafe (wurde ins Wasser 
geworfen). Falls die Verkäuferin den Aufenthalt von Rebellen im Lokal duldete 
und sie nicht sofort verhaften ließ, drohte ihr gleichfalls der Tod. Frauen durften 
die Verkaufsstellen bei Todesstrafe nicht betreten. 

Legrain bemerkt bei der Wiedergabe des Codex Hammurabi in den Annales 
antialcool. „Der Beruf des Schankwirtes war also ehemals viel mörderischer wie 
jetzt. Unsere Schankwirte täten wahrlich unrecht daran, sich zu beklagen ! w 

P. S. 


Forel. Die sexuelle Frage. München (Ernst Reinhardt) 1905. 587 Seiten und 
6 Tafeln. Preis 8 Mk. 

Forel behandelt in seinem Buche in 19 umfangreichen Kapiteln ausführlich 
die Naturgeschichte des Geschlechtslebens und dessen soziologische Wirkungen. 
Die Arbeit langer Jahre liegt uns vor. Aus seinen reichen Erfahrungen als 
Irrenarzt bringt Forel eine Fülle klar gefaßter, interessanter und geistreicher 
Beobachtungen über das vorliegende Problem. Auch die einschlägige schön- 
wissenschaftliche Literatur (Maupassant) ist eingehend berücksichtigt. Ein jeder 
ruhig fühlende Mensch männlichen und weiblichen Geschlechts dürfte aus 
Forels „Beispielen aus dem Leben“ Belehrung schöpfen. Dabei erklärt Forel 
bescheiden, daß mit den von ihm angeführten Beispielen die Liste der Haupt¬ 
typen auch nicht annähernd gegeben ist. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


53 


Uns interessieren hier besonders Forels Anschauungen über das Wesen 
und die Verschiedenheit der beiden, für die Menschheit so wichtigen Fragen: 
Der Alkohol- und der sexuellen Frage. Forel kommt bereits in der Einleitung 
auf die nach seiner Ansicht grundverschiedene Bedeutung dieser beiden Fragen 
zu sprechen: „Die sexuelle Frage ist so außerordentlich komplex, daß keine Rede 
davon sein kann, für sie eine einfache Lösung, wie für die Alkoholfrage, zu finden. 
Letztere löst sich in dem kurzen Wort: „Weg mit dem Alkohol als Genußmittel!“ 
wie die Frage der Leibeigenschaft mit der Forderung: „Weg mit der Sklaverei ! u 
zu lösen ist. Alkoholgenuß, Sklaverei, Folter sind künstlich erzeugte Geschwüre 
des Menschengeschlechts, die einfach auszuschneiden sind. Ihre völlige Beseiti¬ 
gung zieht nur Vorteile nach sich, da sie nicht zur Menschennatur gehören. Die 
sexuelle Frage dagegen betrifft die Wurzel des Lebens selbst; sie ist mit der 
Menschheit aufs innigste verwoben und erfordert daher eine total andere Be¬ 
handlung.“ 

Forel unterschätzt hier wie so oft die Schwierigkeiten in der Lösung der 
Alkoholfrage. Wenn die Alkoholfrage auch nicht die Wurzel des Menschenlebens 
betrifft, wie die sexuelle Frage, so ist sie doch gleich dieser mit der menschlichen 
Natur aufs innigste verwoben. Sollte nicht der Drang nach Selbstbetäubung 
ebenso alt und daher ebenso eingewurzelt sein, wie die Verirrungen und Über¬ 
treibungen des geschlechtlichen Triebes (Onanie, Päderastie u. s. w.)V 

Noah überdauerte die Sintflut und fing das neue Leben damit an, daß.er 
Weinberge baute. Und Lots Töchter wußten bereits, daß der Wein das klare 
Denken umnebelt und den Fortpflanzungstrieb anstachelt. 

Theoretisch betrachtet oder vom „wissenschaftlichen Standpunkte aus“ macht 
es wenig Unterschied, ob man das Auge der Trinkgewohnheit oder die geile 
Pflanze des außerehelichen und innerehelichen Geschlechtsgenusses, soweit er 
nicht auf Fortpflanzung abzielt, mit der Wurzel ausrottet. Jesus vonNazareth 
trank Wein, mied aber den Geschlechtsgenuß. Die katholische Kirche schreibt 
ihren Priestern die Ehelosigkeit vor. Neigung besiegen ist schwer — „Gesellet sich 
aber Gewohnheit, wurzelnd, allmählich zu ihr, unüberwindlich ist sie“. Dieser Spruch 
Goethes scheint mir zutreffender, als die Meinung Forels, das die Alkoholfrage 
leicht, die sexuelle Frage schwer zu lösen sei. Beide Fragen dürften gleich ver¬ 
wickelt, und wenn man will, gleich rätselhaft sein. Forels Behauptung, daß ohne 
das Geld und den Alkohol von der eigentlichen Prostitution nichts übrig bleiben 
würde, widerspricht übrigens seiner eigenen, sonst in dem Buche vertretenen 
Überzeugung von den unendlichen Schwankungen in der angeborenen Stärke der 
sexuellen Triebe. 

„Abusus non tollit usum“, der Mißbrauch hebt den Gebrauch nicht auf, 
diese Sentenz will Forel nur für die sexuelle Frage gelten lassen. Auf den „an 
sich unnatürlichen und giftig wirkenden“ Alkoholgenuß ist nach Forel dieser Satz 
nicht anwendbar (S. 77). Ich finde den Geschlechtsgenuß, bei dem es nicht auf 
Fortpflanzung abgesehen ist, oder gar den homosexuellen Verkehr genau so un¬ 
natürlich wie den Alkoholgenuß. Auch über das, was für das einzelne Indivi¬ 
duum „giftig“ ist, dürfte sich streiten lassen. Ich glaube, daß ein Goethe und 
ein Bismarck selbst dann, wenn sie ein völlig alkoholfreies Leben geführt hätten, 
nicht größere Männer geworden wären. Auch gibt es Stimmen genug, welche 
sich der Meinung des Celsus anschließen: Seminis emissio est partis animae iac- 
tura, und es nicht für schwieriger halten, sexuell abstinent, oder wie Forel 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



54 


Referate. 


Digitized by 


sagt, „continent“ zu sein, als aikoholabstinent. Ich nenne statt anderer Julius¬ 
burger. Forel selbst hat übrigens an zwei ihm geeignet erscheinenden sexuell 
abnormen Patienten die Kastration vornehmen lassen und verteidigt in derartigen 
Fällen die Zulässigkeit der Kastration aus sozial-hygienischen Gründen (S. 382). 
Er glaubt ferner, daß sexuell Abnorme sich sehr oft (!) mit der Kastration ein¬ 
verstanden erlären würden. Im Gegensatz dazu plädiert Forel bei den Päderasten, 
soweit sie „harmlos“ sind, für Straflosigkeit und für die mann-männliche Ehe. 
Warum nicht auch hier Kastration, und das so schnell wie möglich? Ein von 
Geburt homosexuell veranlagtes Geschöpf ist doch wohl eine größere Mißgeburt, 
als ein sich von Kindheit an prostituierendes Weib. Oder findet sich auch für 
die Ehe zwischen Männern in den von Forel gern zum Vergleich herangezogenen 
Verhältnissen bei den Tieren ein Beispiel? 

In einem Anhänge gibt Forel eine Übersicht über die Meinungen, welche 
andere vor ihm in Bezug auf die sexuelle Frage hatten. Hier werden Maupassant, 
Ellen Key, August Bebel, Bölsche, Schallmayer, Brieux u. a. in ihren Werken 
vorgeführt. M. E. hätte P. J. Möbius mit seinem „Physiologischen Schwachsinn 
des Weibes“ und seinen „Beiträgen zur Physiologie der Geschlechtsunterschiede“ 
in diesem Konzert der Meinungen nicht fehlen dürfen. Forel kommt auf S. 55 f. 
auf Möbius’ Ansichten kurz zu sprechen und führt sie auf einen „bedenklichen 
Grad von Misogynie“ zurück. Immerhin hätte Möbius eine eingehendere Be¬ 
trachtung verdient. Sollte wirklich die Meinung eines auf dem Gebiete der Psy¬ 
chologie so durchgebildeten Mediziners wie Möbius für die sexuelle Frage von 
geringerer Wichtigkeit sein, wie z. B. die von August Bebel, der das Problem doch 
mehr von seinem Parteistandpunkte aus betrachtet, oder gar der von Forel selbst 
als solcher bezeichnete „Morast“ eines Dr. Weininger? 

Freilich steht Forel in seiner Auffassung des Weibes auf einem dem von 
Möbius fast entgegengesetzten Standpunkte. 

Forel meint, daß der Mann im Lauf der Geschichte, getrieben durch Ge¬ 
winnsucht und Erotismus, dem Weibe gegenüber cynisch das Recht des Stärkeren 
zur Geltung gebracht habe, und wünscht die möglichst völlige Emanzipation des 
des Weibes. Warum soll, wenn es sich um die Frau handelt, das von Forel 
doch sonst (vergl. u. a. S. 492) so energisch verteidigte Recht des Stärkeren nicht 
zur Geltung kommen ? Allerdings hält Forel die Behauptung, daß der Mann dem 
Weibe geistig überlegen sei, für faul und nichtig (S. 515). Aber die Natur lehrt 
eigentlich auf einem jeden Blatt ihrer Geschichte, daß die geistig hervorragenden 
Naturen unter den Weibern schlecht zu Müttern taugen. Die Institutionen der 
Ameisen- und Bienenstaaten dürften kaum etwas anderes beweisen. Auch 
mir scheint mit Möbius das Urphänomen der Gegensatz zwischen Gehimtätigkeit 
und Fortpflanzung. Wer einmal vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, für den 
bekommt der gesunde Trieb naoh Fortpflanzung eine tierische Beimischung. 
Nur die verfeinerte sinnliche Lust, losgelöst von jeder Sorge um Nachkommen¬ 
schaft, scheint eines solchen „denkenden“ Menschen noch würdig. Forel selbst 
citiert Thurnwald: 

„Wie die geistige Tätigkeit den Stoffwechsel herabsetzt, so scheint bei den 
vorwiegend geistig tätigen oberen Schichten der städtischen Bevölkerung 
auch der Lebensrhythmus verlangsamt, und während hier die Kultur das 
Leben des Einzelnen zwar farbenprächtiger und reicher zu gestalten ver¬ 
mag, scheinen die Kulturblüten doch arm an Samen in ihrem Feuer sich 
aufzuzehren.“ 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


55 


Der auch von Forel als „durch und durch ungesund“ verurteilte Typus der 
Nordamerikanerin zeigt, wohin der Weg der „völligen“ Frauen-Emanzipation führt. 

Die sexuelle Frage ist ein schwieriges und kompliziertes Kapitel im Men¬ 
schenleben. Sie ausführlicher zu behandeln und deutlicher, gewissermaßen mit 
einem psychologischen Seziermesser in ihre Einzelheiten zu zerlegen, als Forel 
in seinem bedeutenden Werke es getan hat, dürfte zur Zeit kaum jemand im 
stände sein. 

Zum Schluß noch eine kleine formale Ausstellung. Forel übersetzt das 
französische „egoisme ä deux“ beständig mit „Egoismus zu zweit“. Es muß doch 
die Kardinalzahl stehen (zu zweien). Auch der Pleonasmus „gerecht, neutral 
und objektiv“ stört. „Der Weizen zwischen Mühlensteinen, der ist neutral.“ 
Über die „Parteilichkeit“ dürfte das letzte Wort kaum in Sinne Forels (vgl. S. 356) 
fallen. Schließlich hat auch Forel nicht das Übermenschliche vermocht, sein 
eigenes Empfinden bei der Behandlung der sexuellen Frage auszumerzen. 

P. S. 


Die „Alkoholfreie Industrie“, Zentralblatt für die Herstellung und den Vertrieb 
von alkoholfreien Getränken, Mineralwässern. Limonaden und natürlichen 
Brunnen, zugleich Organ für rationelle Ernährung und für Körperpflege, sowie 
zur Bekämpfung des Alkoholismus, redigiert «von Dr. E. Luhmann, erscheint 
im Verlage von 0. V. Böhmert, Dresden, bereits im 3. Jahrgang. 

Der Redakteur ist Vorsteher der vom Zentral verband zur Bekämpfung 
des Alkoholismus eingerichteten Untersuchungsstelle für alkoholfreie Getränke. 
Die dem Zentralverband angeschlossenen Zeitschriften sind verpflichtet, nur An¬ 
zeigen solcher Firmen aufzunehmen, deren Getränke sich bei der chemischen 
Untersuchung als frei von Alkohol und anderen gesundheitsschädlichen Bestand¬ 
teilen erwiesen haben. Auf Wunsch werden diese Analysen in der „Alkoholfreien 
Industrie“ veröffentlicht. 

Die Zeitschrift bringt außer rein technischen Notizen interessante Artikel 
über die verschiedenen Genußmittel (Tee, Fruchtsäfte und andere alkoholfreie 
Getränke). Daneben enthält sie kurze wissenschaftliche und geschichtliche Notizen 
über die Antialkoholbewegung. 

Die „Alkoholfreie Industrie“ erscheint monatlich zweimal und kostet pro 
Vierteljahr Mk. 1.20. P. S. 


Popert. Alkohol und Strafgesetz. Vortrag, gehalten auf dem 3. deutschen Ab¬ 
stinententage zu Dresden am 9. September 1905. Flensburg 1905. Preis 0,25 Mk. 

Landrichter Popert schlägt als* § 371 des Strafgesetzbuches vor die folgende 
neue Strafbestimmung: 

Wer ein Verbrechen oder ein Vergehen begeht, wird, wenn er die Tat im 
Zustande der Trunkenheit oder Angetrunkenheit ausgeführt hat, wegen dieses Zu¬ 
standes als solchen mit Haft bis zu sechs Wochen bestraft. 

Ist die Tat ein Verbrechen, so ist außerdem auszusprechen, daß der Ver¬ 
urteilte nach verbüßter Strafe der Landespolizeibehörde zu überweisen sei. 

Die Überweisung ist auch dann auszusprechen, wenn die Verurteilung wegen 
des bezeichneten Zustandes erfolgt, nachdem der Schuldige innerhalb der letzten 
drei Jahre deswegen bereits zweimal rechtskräftig verurteilt worden ist. Die Über¬ 
weisung kann auch in jedem Falle ausgesprochen werden, wo überhaupt schon 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



56 


Referate. 


Digitized by 


eine rechtskräftige Verurteilung des Schuldigen wegen des bezeichnten Zustandes 
vorhergegangen ist. 

Die Verurteilung wegen der Trunkenheit oder der Angetrunkenheit tritt 
auch dann ein, wenn eben des Vorliegens dieses Zustandes wegen der Schuldige 
für das Verbrechen oder Vergehen wegen § 51 St.G.B. nicht bestraft werden 
kann. (?) Auch findet die Verurteilung wegen der Trunkenheit oder Angetrunken¬ 
heit sowohl dann statt, wenn dem Schuldigen wegen dieses Zustandes für das 
Verbrechen oder das Vergehen mildernde Umstände zugebilligt werden können, 
als auch wenn dies nicht der Fall ist. 

Popert will ferner die Umänderung des § 862, Absatz 8. Die Landespolizei¬ 
behörde soll das Recht erhalten, die nach Verbüßung der Strafe ihr Überwiesenen 
statt im Arbeitshause auch in einer Trinkerheilstätte unterzubringen. 

Hoffentlich gelingt es, bei der zu erwartenden Reform des Strafgesetzbuches 
die Aufnahme einer Strafbestimmung im Sinne Poperts durchzusetzen. P. S. 


Laquer. Alkoholismus und Arbeiterfrage. Medizinische Klinik 1905. Nr. 41 u. 43. 

Im Gegensatz zu den anderen Staaten halten die Führer der deutschen 
sozialdemokratischen Partei hartnäckig an der Anschauung fest, daß der Alko¬ 
holismus des Proletariats seine festesten Wurzeln im sozialen Elend habe. Um 
die Masse der Arbeiter für die richtige Auffassung der Alkoholfrage zu gewinnen, 
hält Laquer es für das beste, den Lohnarbeiter zunächst an die Enthaltsamkeit 
während der Arbeit zu gewöhnen. Dadurch wird er zu der Einsicht kommen, 
daß es auch während der Mußestunden ohne den Alkohol geht. Zur Erreichung 
dieses Zweckes sind alkoholfreie, odei; wenigstens den Branntwein ausschließende 
Fabrikkantinen von besonderem Wert. Auf diese Kantinen soll das Gothenburger 
System in entsprechender Modifikation übertragen werden. 

In einer größeren Arbeit wül Laquer genaue zahlenmäßige Belege über die 
außerordentlichen Wirkungen einer Kantinierung des Alkoholkonsums auf sozial¬ 
hygienischer Grundlage beibringen. P. S. 


Alkohol und Wehrkraft. Ein Belehrungs- und Mahnwort an die jungen Soldaten 
zu Lande und zu Wasser. Berlin, Mäßigkeitsverlag. 

Die kleine Schrift bringt in prägnanter Form die Tatsachen über den Alkohol, 
seine Gefahren und deren Bekämpfung. 

Laut Zuschrift des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes an den Deutschen 
Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke ist diese Schrift an die zum 
Herbst 1905 eingetretenen Rekruten der Marine mit Genehmigung Sr. Majestät 
des Kaisers erstmalig zur Verteilung gelangt. 

Damit ist ein wichtiger Erfolg in der Aufklärungsarbeit des Vereins erzielt. 

P. 8, 


Schöning. Soll der Eisenbahnbetriebsbe&mte berauschende Getränke genie&en? 

Schwerin, Schriftstelle des 19. Guttemplerdistriktes. 100 Exemplare 5 Mk. 
Der Verfasser tritt im Anschluß an das Eisenbahnunglück bei Spremberg 
mit überzeugenden Worten für die Abstinenz des Eisenbahnpersonals ein. Be-, 
kanntlioh hat ein Erlaß des preußischen Eisenbahnministers vom 20. November 1905 
bereits allen im Betriebs-, Schaffner-, Wärterdienste tätigen Beamten und Ar- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


57 


beitem den Alkoholgenuß während des Dienstes untersagt. Dem Ermessen der 
Eisenbahndirektionen bleibt es überlassen, dieses Verbot auch auf weitere Dienst¬ 
klassen auszudehnen. P. S. 


Feilbogen. Alkoholmonopol und Spiritusexport. Wien 1905. Verlag des k. k. öster¬ 
reichischen Handels-Museums. Preis 60 Heller. 

Prof. Dr. Feilbogen tritt dringend für die Einführung des Branntwein¬ 
monopols in Österreich ein. Er berechnet den mutmaßlichen Netto-Ertrag desselben 
auf zum mindesten 120 Millionen Kronen. Außer hygienischen Gründen führt 
er für das Monopol den veränderten Standpunkt der Staatswissenschaft ins 
Feld. Die Neigung für die freie Konkurrenz und die Polemik gegen Monopole 
ist im Schwinden begriffen. Die von den Privatmonopolen drohende Gefahr 
fordert notwendig die Übernahme der Monopole durch den Staat. Die unter dem 
Monopol zu befürchtende Verminderung des Exports wird nach Feilbogen zum 
Teil kompensiert durch die gesteigerte Verwendung des Spiritus zu industriellen 
Zwecken. P. S. 


Larsen, C. F. Alkohol bei der Pneumonie. Deutsche Medizinal-Zeitung 1905, 
Nr. 90. 

Die medizinische Wirkung des Alkohols bei der Lungenentzündung ist 
komplizierter Natur. Kleine und mittlere Gaben haben eine atmungserleichternde 
Wirkung und bessern den Puls. Larsen ist geneigt, diese Wirkung auf die durch 
den Alkohol herbeigeführte Erweiterung der Schlagadern zurückzuführen. Durch 
die Erweiterung der Schlagadern wird eine Änderung in den Zirkulationsverhält¬ 
nissen hervorgerufen, die unter normalen Verhältnissen schädlich sein kann, unter 
abnormen vielleicht günstigen Einfluß hat. Die Entlastung der blutüberfüllten 
Lunge durch diese „ableitende Wirkung des Alkohols^ ließe sich mit einem 
Aderlaß vergleichen. 

Eine temperaturherabsetzende Wirkung des Alkohols wurde von Larsen 
nicht beobachtet. Augenscheinlich ist das Fieber bei der Lungenentzündung zu 
hoch, um auf mittlere Alkoholgaben zu reagieren. Beim septischen Fieber ist 
nach Binz die wirksame Dosis 45 g Alkohol auf einmal gegeben. Eine häufigere 
Wiederholung solcher Gaben könnte bei der Lungenentzündung leicht bedenklich 
werden. P. S. 


Achard, Ch., und Gaillard, L. Alkohol bei experimenteller Tuberkulose. Tribüne 
medic. 1905, Nr. 46. (Referat in deutscher Medizinal-Zeitung, Nr. 103.); 

Die Mehrzahl der Kliniker ist der Ansicht, daß der Alkoholismus zur Tu¬ 
berkulose disponiert. Dagegen haben die in der Absicht, über das Verhältnis des 
Alkohols zur Tuberkulose Klarheit zu schaffen, angestellten Versuche durchaus 
keine übereinstimmenden Resultate ergeben. Nach einigen Tierversuchen hatte 
es den Anschein, als ob der Alkohol die Produktion der dem Tuberkulosegift 
feindlichen Antikörper befördere. 

Die Verfasser haben über diesen Gegenstand eine größere Reihe von Ex¬ 
perimenten angestellt. Es ergab sich, daß die beständig fortgesetzte Alkoholver¬ 
giftung, auf welchem Wege der Alkohol auch immer zugeführt wird, den Ver¬ 
lauf der experimentellen Tuberkulose beschleunigt. P. S. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



58 


Digitized by 


III. Mitteilungen. 

Les Annales antialcooliques. Journal Mensuel de Vulgarisation et d’Etudes. 

(No. 7, 8 und 9. 1905.) 

In England lehnte das Haus der Gemeinen am 26. Mai eine Gesetzes¬ 
vorlage ab, die das Verbot des Getränkehandels am Sonntag bezweckte. Die 
Ablehnung erfolgte mit 6 Stimmen Mehrheit. Die zur Ablehnung führenden 
Gründe der Alkoholinteressenten und aller derer, die das bekannte Rückgrat 
gegenüber den Massen nicht haben, waren dort ebenso töricht und lächerlich 
wie in anderen Parlamenten: Beschränkung der Freiheit, Verkennung eines 
berechtigten Bedürfnisses — namentlich des „Kleinen Mannes u L auch am Sonn¬ 
tag, — die sich ergebende Notwendigkeit, dann auch andere Getränke, insbesondere 
den schädlichen Tee mit dem Verkaufsverbot zu belegen u. s. w. Den Ausschlag 
gab der vielen sehr unangenehme Antrag, man solle abstimmen, wer von den 
Abgeordneten selbst auf jeden Alkoholgenuß an Sonntagen verzichten wolle. 
Am 29. Mai hat das Haus der Lords ebenfalls einen Gesetzentwurf beraten und 
gleicherweise abgelehnt, nach dem ein früherer Schluß der Schankstätten am 
Abend und Einschränkung der Verkaufszeit an Sonntagen festgelegt werden sollte. 
Die liberale Partei unter Campbell-Bannermann wird gelegentlich der 
nächsten Wahlen hierin Wandel zu schaffen suchen. 

In Frankreich sind gewisse Wünsche der Kunstweinhändler nicht 
erfüllt worden, da man durch' ihre Annahme die Weinbauern zu schwer zu 
schädigen fürchtete. Dabei wird aber von diesen und noch mehr von den 
Weinhändlern außerordentlich gefälscht. So sind an solchen Fragen wiederum 
die Zuckerinteressenten sehr stark beteiligt. Die Kammer beschloß, daß die 
„Weinfabrikanten“ von 50 kg an den Zuckerbezug besteuern müssen, ebenso 
jeder Besitzer, der mehr Zucker bezieht, als in seinem Betrieb oder Haushalt 
nötig ist. — Alkoholfreie Wirtschaften bestehen noch wenige, selbst in 
Paris ist ihre Zahl und ihr Besuch noch gering. Je angenehmer und einladender 
die Speise- und Aufenthaltsräume eingerichtet werden, um so besser das Geschäft. 
Eine Vorstufe bilden die Gasthäuser, in denen gegorene Getränke (nicht spirituöse!) 
in bestimmter Gesamtmenge abgegeben werden. Sie bewähren sich im allgemeinen 
recht gut. 

Wie die drakonischen Prohibitivgesetze in verschiedenen amerikanischen 
Provinzen bekanntlich vielfache Hintergehungen und die gerade zu beseitigenden 
Auswüchse im Alkoholgenusse nicht selten hinter verschlossenen Türen und in 
der Familie gezeitigt haben, so sind auch anderwärts zuweilen mit noch so gut 
gemeinten gesetzlichen Bestimmungen merkwürdige Erfahrungen gemacht 
und neues Unheil gestiftet worden. So rühmte sich der Maire von Lyon, daß 
er eine Minderung der Schankstätten zahl von 5000 um 700 in 4 Jahren erreicht 
habe. Es hat sich aber herausgestellt, daß die Abnahme der Schankstellen nur 
von einem großen Zuwachs des Wein- und Branntweinverkaufs in den Läden 
und teilweise von außerordentlichen Mißständen gefolgt war. In weiten, zumeist 
überdeckten und mit Speisegelegenheit versehenen Räumen, vor allem in den 
Höfen, wird jetzt massenhaft dem Weine zugesprochen. Hier vereinigen sich 
die Besucher oft zu wüsten Gelagen oder zu stillen, stumpfen Zechgemeinschaften 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


59 


unter gesanglichen und musikalischen Vorträgen zweifelhafter Art und bei starkem 
weiblichen Angebot. 

In der angesehenen Zeitschrift „La France militaire u hat Dr. Donnadieu, 
Oberarzt bei den 4. Jägern, mit Recht die überhandnehmende Sucht nach geeig¬ 
neten Ersatzgetränken gegeißelt. Über die auf dem Marsch, im Biwak u. 8. w. 
zu verabreichenden Getränke fehlen in dem diesbezüglichen Reglement die not¬ 
wendigen festen Bestimmungen. 

Den Korpskommandeuren bleibt die Regelung der Getränkefrage überlassen 
und jeder verfährt da nach seinem „Geschmack“. Die Ärzte werden nur selten 
um Rat gefragt. Der Industrie ist nun viel daran gelegen, daß die Truppen nur 
„hygienische“ Getränke trinken, und sie bietet alle möglichen Beimischungen 
dar, die das Wasser zu gesundheitlich unanfechtbarem Getränk machen sollen. 
Nebenher empfiehlt man Kaffeesatz, Wein und Branntwein als Zusatz. Nur wird 
durch all solche Mittel kein einziger Krankheitskeim abgetötet, wohl aber wird 
durch Beifügung gewisser, den Geschmack anregender Pulver und Gemische der 
Soldat verleitet, recht viel Wasser und damit oft auch recht viel Krankheits¬ 
erreger zu schlucken. Aber abgesehen überhaupt von Verunreinigung des 
Wassers irgend welcher Art werden durch den gewohnheitsmäßigen Genuß 
sogenannter hygienischer Getränke die Leute nur veranlaßt, sich dem reinen 
Wassergenuß zu entwöhnen, wozu in den meisten Fällen kein Grund vorliegt. 
Nun hat aber der Kriegsminister einen Erlaß herausgegeben, daß als hygienisch 
ein Getränk unentgeltlich den Truppen zu verabreichen sei, welches 5 dg Glycerin 
und 10 g Alkohol pro Liter Wasser enthält. Leider sind auch die maßgebenden 
Arzte nicht klar über die seitens der Alkoholika drohenden Gefahren. So ergeht 
sich ein ärztlicher. Bericht über die hygienischen Einrichtungen an Bord des 
Kreuzers „Pothuan“ in der Schilderung der vorzüglichen Beschaffenheit und 
Lagerung der mitgeführten Weinvorräte, deren Verabreichung an die Mann¬ 
schaften in Zinkeisenflaschen u. s. w. erfolgt. „Zuckerbranntwein“ wird nach jenem 
Bericht nur noch in den Krankenrevieren abgegeben und bei großen Strapazen 
und Erschöpfungszuständen. Von großem Werte, praktischer noch, als unsere 
„Soldatenheime“ insofern, als diese nur großen Verbänden zu dienen im stände 
sind, erscheint die in Frankreich neuerdings sich einbürgernde Herrichtung 
sogenannter Foyers des soldats, alkoholfreier Erholungs- und Erfrischungs¬ 
räume. In dem foyer du Soldat de Versailles wurden im Jahre 1904 100000 Por¬ 
tionen Speisen und Getränke an 130000 Besucher verabreicht. Die jungen Leute 
— es scheinen auch ausgediente Militärs Zutritt zu haben — werden durch den 
Besuch dieser Stätten vom Bordell- und Kneipenbesuch vielfach ferngehalten. Den 
Worten des Kriegsministers, „er wünsche, daß jede Gamisonstadt ein solches Foyer 
erhalte“, möchte man aus vollem Herzen für unsere deutschen Kameraden in 
gleicher Weise Erfüllung wünschen. Vorzüglich bewährt sich u. a. auch das von 
Madame Germond in Paris 111 rue St. Antoine bewirtschaftete Foyer. Aber 
fast scheint es, als ob man außerhalb der Armee den Alkoholismus wirklich 
praktisch bekämpft, im Heere selbst aber, wohl in der Theorie damit begonnen, 
in praxi aber häufig alles beim Alten gelassen hat. So konnte für die Manöver 
im Westen noch folgende Bestimmung bestehen bleiben: Am Tage nach einem 
Biwak erhält der Soldat eine Zulage. Man wird dafür der Truppe liefern „une 
ration d’eau-de-vie, qui sera consommee le jour meine“. Also anstatt einer 
Portion Suppe, Tee oder Kaffee liefert man, damit die Mannschaften sich wieder 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



60 


Mitteilungen. 


Difitized by 


„erwärmen und erfrischen“ können, — Branntwein. Am anderen Tage wird 
vielleicht in der Instruktionsstunde gesagt, daß die Alkoholica dazu ganz ungeeignet 
und nur schädlich seien. Die Weinzeitung äußert sich zu den Bestrebungen 
gegen den Trunk im Heere dahin, „das Prestige des Heeres leide darunter in 
bedauerlicher Weise, die Offiziere büßten an Ansehen ein, wenn sie sich in 
Gegensatz stellen wollten zu den Weinlieferanten der Garde. Am schlimmsten 
aber seien die Scherereien, denen ein guter (!) Soldat ausgesetzt sei, der nur 
den Fehler habe, „d’aimer un peu trop le vin“. Vielmehr sollten die Offiziere 
nie vergessen des Wahlspruchs: „Le vin c’est le sang de la France.“ Die „Revue 
vinicole“ empfiehlt direkt die Einführung der Weinration als Nährmittel in den 
Kasernen „wegen seiner hygienischen Bedeutung“. Zum anderen gewinne man 
durch solch ein Mittel am besten die Herzen der Soldaten und halte sie der 
Republik geneigt. 

Man pflegt in Frankreich noch immer Wein und Most offiziell nicht als 
Alkoholika schlechthin zu bezeichnen, stellt sie vielmehr als hygienische Getränke 
mit Vorliebe den unhygienischen Branntweinen und Likören gegenüber. Werden 
Bier, Wein und Spirituosen zusammengenommen, so erhält man auf den Kopf 
der Bevölkerung im Jahre 1904 über 19 Liter reinen Alkohols! Namentlich die 
nördlichen Provinzen vertrinken auffallend viel und zwar die nordwestlichen viel 
Branntwein, die nordöstlichen viel Bier. Erstere kommen über 30 Liter pro 
Kopf und Jahr; die letzteren vertilgen Bier, Most und Schnaps in großen Mengen. 
Der Weingenuß beherrscht das ganze Land, am meisten die Departements Le 
Bordelais, le Rhone, TOrleanais, La Bourgogne und la Lorraine. Paris und la Seine 
vertrinken große Massen Wein. „Un habitant de la banlieue de Paris boit ä 
l’heure actuelle 317 litres de vin, plus qui un bavarois ne boit de biere.“ Der 
Pariser Arbeiter trinkt nicht selten 3 bis 4 Liter täglich. Es will wenig besagen, 
daß er dafür sich vielfach frei vom Branntweingenuß hält. Paris verbrauchte 
fast 700000 hl Bier im Jahre 1904 und davon die Hälfte importiertes (wohl 
meist bayrisches). Im Seine-Departement kommen fast 42 Liter absolut. Alkohol 
pro Kopf und Jahr. In 83 Departements erhebt sich der Kopf- und Jahresdurch¬ 
schnitt auf über 20 Liter. Am wenigsten trinkt die Provinz Finistere; auszu¬ 
nehmen ist die ihr zugehörige „trinkfeste“ Seestadt Brest 

Nachdem von seiten des Institut Pasteur die Äußerung gefallen war, der 
Wein sei ein Nahrungsmittel, waren die geringen, mühsam erzielten Erfolge der 
Alkoholgegner vielerorts wieder zunichte gemacht. Erst allmählich gewinnen 
ihre Warnungen wieder Beachtung, namentlich insoweit sie sich auf den Zusam¬ 
menhang zwischen Alkoholgenuß und Tuberkulose beziehen und auf die be¬ 
denkliche Zunahme beider auch auf dem platten Lande hin weisen. Dr. Fl. 


Landesversicherungsanstalt und Alkohol. Die Landesversicherungsanstalt Schles¬ 
wig-Holstein bietet in ihrem 14. Verwaltungsbericht (über das Jahr 1904) folgende 
einschlägige Notizen: 

„Unter den Ursachen, die zur dauernden Schädigung der Gesundheit und 
Erwerbsfähigkeit der Einzelnen und der Gesamtheit führen, nimmt der Alkohol¬ 
mißbrauch eine große Rolle ein. Die diesseitige Versicherungsanstalt sucht dieser 
Gefahr nach Möglichkeit entgegenzuwirken, indem sie Trinker, die die Übernahme 
des Heilverfahrens beantragen, nach vorgängiger Untersuchung durch den Ver¬ 
trauensarzt der Trinkerheilanstalt Salem der Regel nach auf mindestens 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


61 


6 Monate überweist.“ Ferner hat der Vorstand im Jahre 1903 von dem im Reichs¬ 
versicherungsamt verfaßten „Alkohol-Merkblatt“ durch Vermittelung der Orts¬ 
krankenkassen eine große Anzahl unter die Mitglieder verteilen lassen (S. 35 u. 86). 

Es wird nicht nur den Familienangehörigen der Salem überwiesenen Patienten 
die gesetzliche Unterstützung, sondern auch den Patienten selbst ein bescheidenes 
Taschengeld zur selbständigen Bestreitung kleinerer Bedürfnisse gewährt (S. 35). 

Abgeschlossen wurde 1904 das Heilverfahren in Salem bei 10 Personen 
= 2156 Verpflegungstage = 4791,87 Mk. Gesamtkosten = 2,23 Mk. Unkosten für 
Tag und Kopf (übrigens von sämtlichen 9 Anstaltskategorien, wo die Landesver¬ 
sicherungsanstalt ihre Patienten behandeln ließ, die zweitbilligste. Billiger sind 
nur die akademischen Heilanstalten zu Kiel, die 2,03 Mk. täglich für den Kopf 
kosten). Vgl. S. 45. 

In 9 Fällen, wo Trunksucht vorlag, hat die Übernahme des Heilverfahrens 
abgelehnt werden müssen (S. 48). St. 


Unfallverhütung und Alkoholgenub. Unter diesem Titel veröffentlicht das Reichs¬ 
versicherungsamt einen Beitrag im „Reichs-Arbeitsblatt“, welcher die neuer¬ 
dings revidierten UnfallverhütungsVorschriften der einzelnen Berufs¬ 
genossenschaften im Wortlaut wiedergibt. „Der Alkoholismus“ brachte im IV. Jahr¬ 
gang, Heft 2, eine Zusammenstellung der Unfall Verhütungsvorschriften, welche nach 
den neuesten amtlichen Veröffentlichungen um ein gut Teil erweitert worden sind. 
Wir nahmen damals Gelegenheit, auf die Wichtigkeit hinzuweisen, welche für 
Arbeitgeber wie Arbeitnehmer gleicherweise in dem Versagen jeglichen Genusses 
geistiger Getränke während der Arbeitszeit einerseits und in der Beachtung des 
chronischen Alkoholmißbrauchs beim Arbeiter überhaupt andererseits gelegen ist 
Wenn nun, wie das Reichs versicherungsamt ausdrückt (Reichsarbeitsamt in. Jahr¬ 
gang, Nr. 12), sich zwar statistisch nicht nach weisen läßt, in welchem Maße der Al¬ 
koholmißbrauch die Unfallhäufigkeit ungünstig beeinflußt, so steht es doch auch dort¬ 
seitig anerkanntermaßen fest, daß dies nicht nur der Fall, sondern „daß die Unfall¬ 
folgen bei den in ihrer Widerstandsfähigkeit durch Alkoholmißbrauch geschwächten 
und an dessen körperlichen und geistigen schädlichen Wirkungen erkrankten Per¬ 
sonen schwerer heilen als sonst und sich ungünstiger entwickeln, eine Tatsache, die 
Rechtsprechung und Verwaltung der Unfallversicherung, insbesondere aus den aus 
zahlreichen zur Kenntnis des Reichsversicherungsamts gelangten ärztlichen Gut¬ 
achten sich zweifelsfrei ergibt. So bewirkt der Alkoholmißbrauch sicherlich eine 
erhebliche Belastung der Versicherungsträger der Unfallversicherung, zumal da 
nach der ständigen Rechtsprechung des Reichs Versicherungsamts eine Unfall¬ 
entschädigung nicht nur dann zu gewähren ist, wenn die beim Unfall erlittene 
Verletzung die alleinige und unmittelbare Ursache der Erwerbsunfähigkeit oder 
des Todes bildet, sondern auch dann, wenn sie eine von mehreren mitwirkenden 
Ursachen ist und als solche ins Gewicht fällt.“ Dann heißt es weiter in den 
Mitteilungen des Reichs Versicherungsamts: „eine als Unfall anzusehende nach¬ 
teilige Einwirkung begründet daher einen Entschädigungsanspruch auch, wenn 
die Folgen sich wegen eines schon bestehenden Leidens erheblich schwerer 
geltend machen, und nicht minder, wenn die Erwerbsunfähigkeit oder der Tod 
nur dadurch herbeigeführt worden ist, daß vorher vorhandene Leiden durch das 
Unfallereignis wesentlich ungünstig beeinflußt — verschlimmert oder beschleunigt 
— worden sind.“ Es ist nun keine Frage, daß nach der „ständigen Recht- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



62 


Mitteilungen. 


Digitized by 


sprechung des Reichsversicherungsamts“ unter Umständen beim Unfall eine 
Prämie auf die Trunkenheit ausgesetzt werden kann. Nehmen wir den konkreten 
Unfall, den ein Droschkenkutscher dadurch erlitt, daß er vom Bock fiel, weil er 
betrunken war; für die sich dadurch zugezogene Verletzung erhielt der Mann 
noch auf längere Zeit eine Rente. Da sich als sicher annehmen läßt, daß er im 
nüchternen Zustande nicht gefallen sein, also auch nicht sich verletzt haben würde, 
so erscheint eher eine Entziehung als die Zubüligung einer Rente am Platz. 
Ein solcher Mann müßte bestraft, anstatt belohnt werden können, da ihm zum 
Bewußtsein gebracht worden ist oder werden muß, daß er sich durch seine 
Trunkenheit selbst unfallschuldig macht und u. U. nicht nur sich, sondern auch 
andere gefährdet Das Fuhr- und Speditionswesen hat alle Veranlassung, rigoros 
vorzugehen, um sich vor unlauteren Elementen zu schützen, die gern den Ver¬ 
such machen, Geld herauszuschlagen, sofern sie sich auch nur die geringste Ver¬ 
letzung zugezogen haben. Deshalb sind Unfallverhütungsvorschriften nur freudig 
zu begrüßen, wenn sie einige Strenge obwalten lassen, sie dürfen indes nicht 
nur auf dem Papiere stehen, sondern müssen auch durchgeführt werden. Die 
Unfälle, welche durch Alkoholmißbrauch herbeigeführt oder im wesentlichen hier¬ 
durch veranlaßt sind, sollen in jedem Falle eine „gebührende Berücksichtigung 1 ' 
erfahren. 

Was nun die neueren Unfall verhütungs Vorschriften anlangt, so kann zu¬ 
nächst konstatiert werden, daß sich die Zahl derjenigen Berufsgenossenschaften, 
welche den Genuß geistiger Getränke während der Dienst- und Arbeitszeit über¬ 
haupt verbieten, vermehrt hat. Im Jahre 1903 waren es nur die Württem- 
bergische Baugewerksberufsgenossenschaft (diese verbietet auch das Rauchen) und 
die Bayrische Baugewerksberufsgenossenschaft, die also vorgingen. Heute haben 
sich diesen beiden die Ziegeleiberufsgenossenschaften für unterirdische Betriebe, 
die Berufsgenossenschaften der chemischen Industrie (allerdings nur für den Be¬ 
trieb von Pulverfabriken — es ist übrigens ganz bezeichnend, daß man bei diesem 
gefährlichen Betriebe den Alkoholgenuß verbietet), die Hannoversche Baugewerks¬ 
berufsgenossenschaft und die Sächsische Baugewerksberufsgenossenschaft (diese 
verlangt dagegen Versorgung mit gutem Trinkwasser) hinzugesellt. Die Hessen- 
Nassauische Baugewerksberufsgenossenschaft macht einen zaghaften Anfang mit 
dem generellen Verbot, indem sie zunächst den Genuß geistiger Getränke in den 
Pausen versagt; das wird allerdings wenig Zweck haben, denn nach den Pausen 
wird doch wieder gearbeitet. Die anderen Vorschriften untersagen einem „Be- 
trunkenen u oder „Angetrunkenen“ oder auch „sichtbar Betrunkenen, dem Trünke 
Ergebenen“ das Betreten der Arbeitsstätte. Auch ist durchweg das Abhalten 
von Trinkgelagen auf der Betriebsstelle, sowie das Mitbringen oder Zubringen 
von Branntwein untersagt. Bei einigen Betrieben sollen nur „nüchterne, zuver¬ 
lässige“ Personen angestellt werden, worauf die Unf all verhütungs Vorschriften für 
die Dampfdreschmaschinenbetriebe und die damit verbundenen Nebenbetriebe, die 
Schlesische Eisen- und Stahlberufsgenossenschaft, die Nordwestliche Eisen- und 
Stahlberufsgenossenschaft, die Pulver-, Sprengzündhütchen- und Zündhölzer¬ 
fabriken, die Fabriken von Zündern jeder Art, und die Betriebe hinweisen, welche 
den Transport von Zündwaren und das Herstellen von Feuerwerkskörpern, sowie 
die Lagerung leichter Kohlenwasserstoffe des Steinkohlenteers besorgen. Des¬ 
gleichen will die land- und forstwirtschaftliche Berufsgenossenschaft für Mittel-! 
franken zu Arbeitern, welche die Maschinen betreiben, nur nüchterne Leute; 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


63 


ebenfalls verlangt die land- und forstwirtschaftliche Berufsgenossenschaft für das 
Fürstentum Reuß ä. L. zum Lenken von Lastfuhrwerken nur solche. Die Fuhr¬ 
werksberufsgenossenschaft schreibt sonst allgemein folgendes seitens der Arbeit¬ 
geber vor: „Sobald der Unternehmer erfährt oder bemerkt, daß der Wagen¬ 
führer oder Begleitmann betrunken ist, hat er ihm ohne Verzug die Leitung oder 
die Begleitung des Fuhrwerks abzunehmen. Gewohnheitstrinker dürfen beim 
Fuhrwerk nicht beschäftigt werden. 41 Diese letztere Vorschrift dürfte kaum streng 
gehandhabt werden, so wichtig sie für Leben und Gesundheit aller erscheint. 
Bei der hohen Unfallziffer, welche das Fuhr- und Speditionswesen aufzuweisen hat, 
sollte man dem Alkohol in diesen Betrieben ganz besondere Beachtung schenken. 

Wiewohl nicht alle Unf all verhütungs Vorschriften ein Alkoholverbot auf weisen, 
so läßt sich doch ein Fortschritt nach dieser Richtung in den letzten 2 Jahren 
erkennen, so daß alle Arbeit, wie es scheint nicht ganz vergeblich gewesen ist; 
aber der Ertrag steht entschieden in keinem Verhältnis zu den Mühen. Um 
diese genügend wirksam zu machen, bedarf es einer Umgestaltung der Ansichten 
über den Alkoholgenuß überhaupt wie über die Schädigungen, welche der Al¬ 
koholmißbrauch auf den menschlichen Organismus ausübt, und dieser Aufklärung 
bedürfen nicht nur die unteren und mittleren, sondern auch die oberen und ober¬ 
sten Instanzen — nur dadurch werden wir weiter kommen! — Wdt. 


Über die amtlichen Aufnahmen der Todesursachen in Berlin macht Dr. Georg 
Heimann in der „Medizinischen Klinik 44 bemerkenswerte Mitteilungen. Seit An¬ 
fang 1904 wird, ähnlich wie in der Schweiz, den Ärzten die Möglichkeit gegeben, 
unter Wahrung des Berufsgeheimnisses auch Todesursachen zur amtlichen Kenntnis 
zu bringen, ohne die Familie bloßzustellen. Es ist dem Totenschein ein abtrenn¬ 
barer Abschnitt beigegeben, worauf nur das Alter und Geschlecht des Ver¬ 
storbenen (nicht aber sein Name, auch nicht der des Arztes) notiert wird; ferner 
sind folgende Fragen gestellt: „Grundkrankheit, nächste Todesursache, lag Selbst¬ 
mord, Unfall, Verbrechen vor, wurde Alkoholismus, Lues, Geisteskrankheit, Abort 
festgestellt, war erbliche Belastung vorhanden und mit welcher Krankheit? 44 
Diese Abschnitte werden von dem Arzt in verschlossenen Briefumschlägen an 
das Polizeipräsidium gesandt, das sie uneröffnet dem Statistischen Amt gibt. 

Dr. Heimann teilt einige Ergebnisse der Auszählungen aus den Abschlüssen 

mit. Im Jahre 1904 war Alkoholismus auf den Toten sehe inen in 55 Fällen 

(47 bei männlichen, 8 bei weiblichen Personen) als Todesursache angegeben. 

Durch die Abschnitte wurde dagegen ermittelt, daß Alkoholismus bei 821 Sterbe¬ 
fällen männlicher Personen und bei 74 Sterbefällen weiblicher Per¬ 
sonen, das ist bei 4,7 und 0,5 v. H. aller Sterbefälle der beiden Geschlechter, eine 
Rolle spielte. Am häufigsten war dies bei Todesfällen an Leberkrankheiten be¬ 
obachtet. Ferner war Alkoholismus festgestellt bei 5 v. H. der Sterbefälle an 
Lungenschwindsucht, 8V 2 v - H. derer durch äußere Einwirkungen (bei 10 Fällön 
von Hitzschlag 4 mal), in 3 v. H. der Sterbefälle an Krebs der Verdauungsorgane, 
in 8 v. H. derjenigen durch Herz- und Gefäßkrankheiten; bei Gehimschlag be¬ 
trug die Verhältniszahl 10, bei Nierenentzündung 13, bei fibrinöser Lungenent¬ 
zündung 21. Die Frage nach der erblichen Belastung durch Tuberkulose war 
beim männlichen Geschlecht in 353 Fällen bejaht worden, beim weiblichen in 
330 von allen Todesfällen. Soweit sich aus den Auszählungen für ein Jahr ein 
Urteil gewinnen läßt, haben die Berliner Ärzte mit großer Gewissenhaftigkeit die 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



64 


Mitteilungen. 


Digitized by 


gewünschten Eintragungen gemacht. Die Zählblätter sind zu mindestens neun 
Zehnteln der Totenscheine eingegangen, wobei zu berücksichtigen ist, daß bei 
einer Anzahl von Fällen, zum Beispiel den durch die Staatsanwaltschaft zur 
Kenntnis kommenden, die Absendung dieser Blätter überhaupt nicht zu erwarten 
war. Die Kenntnis der Todesursachen und besonders diejenige der Bedeutung 
einzelner Volkskrankheiten für die Sterblichkeitsziffern ist durch die Neuerung 
wesentlich gefördert worden. Nach einem jüngst ergangenen reichsgerichtlichen 
Erkenntnis ist nur die unbefugte Offenbarung des Berufsgeheimnisses strafbar; 
hier handelt es sich aber um eine befugte. So dürfen auch die Ärzte den 
Kassenvorständen genaue Auskunft über die Krankheit der Kassenkranken geben 
— das ist mit Bezug auf den Alkoholismus sehr wichtig! Wdt. 

Der Verein abstinenter Ärzte des deutschen Sprachgebietes, dessen Vorsitzender 
Professor Bleuler-Zürich, dessen Schriftführer Dr. Holitseher-Pirkenhammer 
ist, entfaltet dadurch eine neue Tätigkeit, daß er eine Korrespondenz für die 
deutsche medizinische Presse herausgibt, um die fach wissenschaftlichen Zeit¬ 
schriften mit dem nötigen Material zu unterstützen. 

Der Deutsche Verein enthaltsamer Eisenbahner hat sich mit einer Eingabe an die 
beiden Häuser des preußischen Landtags gewandt, worin er auf die mehrerwähnten 
Eisenbahnunglücke (Spremberg pp.) hinweisend, die Notwendigkeit hervorhebt: 

„1. daß dem Eisenbahnpersonal, auch den oberen Beamten, der Genuß 
alkoholischer Getränke während des Dienstes und (im Hinblick auf die erwiesener¬ 
maßen geraume Zeit anhaltenden lähmenden Wirkungen reichlichen Genusses) 
mindestens 8 Stunden ausnahmslos untersagt wird. (Daß es schwer — nicht un¬ 
möglich — wäre, die Befolgung eines solchen Verbotes zu überwachen, dürfte 
kein zureichender Grund sein, gänzlich davon abzusehen); 

2. daß die freiwillige völlige Alkoholenthaltsamkeit beim Eisenbahnpersonal 
auf dem vorhin angedeuteten Wege wirksam gefördert, und 

3. durch weitere Ausdehnung der Fürsorge für gute und billige Wohnungen, 
für angemessene Aufenthalts- und Übernachtungsräume, für zweckmäßige Ver¬ 
pflegung und Beschaffung guten Trinkwassers sowie billiger und guter alkohol¬ 
freier Erfrischungen erleichtert wird.“ 

Durch das preußische Eisenbahnministerium ist bereits ein gut Teil obiger 
Forderungen erledigt. Von den Eisenbahndirektionen Halle und Cassel wurde in 
den letzten Tagen eine Verfügung bekannt, derzufolge sämtlichen Beamten während 
der Dienstzeit der Genuß alkoholhaltiger Getränke verboten wird. 

Aus dem letzten Verwaltungsbericht der Stadt Breslau geht hervor, wie sich 
die Armenverwaltung dieser Stadt die Trinkerfürsorge angelegen sein läßt Von 
1901 bis Ende März 1904 wurde von der Armendirektion Breslau bei 180 
(100 männlichen und 30 weiblichen) Personen die Entmündigung wegen Trunk¬ 
sucht beantragt. Infolgedessen wurden 98 (78 Männer, 25 Frauen) Personen 
entmündigt; bei 1 Mann wurde die Entmündigung gerichtlicherseits abgelehnt, in 
4 Fällen der Antrag zurückgezogen, 7 mal das Verfahren ausgesetzt 104 Trinker 
wurden untergebracht, hiervon wanderten 27 in die Arbeitsanstalt, Herberge des 
Blauen Kreuzes, 45 in das Armenhaus, während 19 den Guttemplem überwiesen 
wurden und nur 6 in Trinkerheilstätten gelangten. Nichtsdestoweniger erzielte man 
einen Heilerfolg bei 10%, Besserung bei 48%, keine Erfolge bei 42%. Wdt. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Der Alkoholismus 

Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage 
1906 Neue Folge — Band 111 No. 2 


L Originalabhandlungen. 


Beiträge zur Alkoholfrage. 1 ) 

i. 

In der letzten Nummer des Reichs-Arbeitsblattes (Jahrg. 1905 
Nr. 12 S. 1046) war in einem Beitrag des Reichs-Versicherungs- 
amts Unfallverhütung und Alk oholgen uß“ auf den ursächlichen Zu¬ 
sammenhang zwischen Alkoholmißbrauch und Unfallhäufigkeit 
und auf die ungünstige Beeinflussung der Unfallfolgen durch ersteren 
hingewiesen worden. In ähnlicher Weise hat sich aus den Stati¬ 
stiken und Erfahrungen der Krankenkassen ergeben, daß Alkoholiker 
für Erkrankungen ein weit höheres Maß von Anfälligkeit und 
Rückfälligkeit zeigen als andere Kassenmitglieder. Auch auf dem 
Gebiet der Invalidenversicherung hat die planmäßige Bekämpfung 
der Tuberkulose erkennen lassen, daß der Alkoholmißbrauch als 
wesentlich mitwirkende Ursache dieser Volkskrankheit auzusehen ist. 
Hieraus ergibt sich, daß die Arbeiterwelt das allergrößte Interesse 
daran haben muß, über die Alkoholfrage, insoweit sie ihre Lebens¬ 
interessen berührt, eine objektive Aufklärung zu erhalten. Dies um 
so mehr, als die arbeitenden Klassen die überwiegende Mehrheit 
der Nation — gegenwärtig etwa s / 5 der Gesamtbevölkerung Deutsch¬ 
lands — ausmachen und die Begrenztheit des Löhneinkommens es 
mit sich bringt, daß, je mehr für alkoholische Getränke verausgabt 
wird, um so weniger für die notwendigen Lebensausgaben übrig 
bleibt. Daß solche Verschiebungen im Arbeiter- und Familienhaus¬ 
halt in wirtschaftlicher, gesundheitlicher, sozialer und nationaler Be¬ 
ziehungen sehr ungünstige Rückwirkungen ausüben, wird in späteren 
Artikeln dargelegt werden. Im vorliegenden Artikel soll, um zu¬ 
nächst einen allgemeinen Überblick zu gewähren, soweit das stati¬ 
stische Material dazu ausreicht, Aufschluß darüber gegeben werden, 

‘) Unter diesem Titel bringt das „Reichs-Arbeitsblatt“ eine Artikelserie, die 
wir ihres wertvollen, amtlichen Materials wegen im Wortlaut wiedergeben, ein 
Sonderabdruck von diesen Veröffentlichungen wird späterhin im Mäßigkeits-Verlag, 
Berlin W. 15, erscheinen, worauf wir gern schon heute hinweisen. 

Der Alkoholismna. 1906. 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNiVERSlTV 






66 Beiträge zur Alkoholfrage. 


Tabelle I. Durchschnittliche Menge des Verbrauchs von Wein, Bier und Branntwein 


Jahr 

Belgien 

Dänemark 

Deutschland 

Frankreich 

Großbritannien 
und Irland 

Italien 

sa 

1 

1 

/—s 

U 

© 

s 

1 

Br an l t- 
*“ wein 

U 

© 

3 

1 

Brannt- 
' wein 

a 

£ 

1 

© 

3 

1 

p g 

2 ® 

PQ 

1 

fl 

1 

r 

© 

3 

i 

§B 

«o © 

3* 

1 

— Wein 

»4 

© 

3 

i 

is 

a* 

« 

l 

1 

1 

U 

© 

3 

i 

■s«' 
§! 
n * 
l 

1885 

3,4 

162 

i— 

9,2 



15,4 

8,8 

88,0 

_ 

97 ! 

21 

7,7 

1,7 

123,1 

4,4 

78 

0,8 

2,8 

1886 

3,1 

162 

8.8 


© 

15,0 

3,8 

94,6 

— 

87 

22 

7,1 

1.6 

122,2 

4,3 

119 

0,8 

1,4 

1887 

3,2 

171 

9,1 


& 

14,5 

5,8 

98,0 

— 

89 

21 

7,7 

1,7 

124,0 

4,2 

110 

0,8 

1,6 

1888 

3,3 

170 

8,9 



14,1 

6,9 

97,9 

7,2 

104 

20 

7,7 

1,6 

163,6 

4,2 

105 

0,8 

0,7 

1889 

3,3 

175 

8,5 


© 

0 

13,6 

5,3 

106,3 

9,0 

84 

22 

8,0 

1,7 

131,3 

4,4 

68 

0,79 

0,93 

1890 

3,5 

178 

9,3 


j© 

13,6 

7,1 

105,9 

9,4 

94 

22 

8,7 

1,8 

186.3 

4,6 

94 

0,86 

1.42 

1891 

4,1 

178 

9,7 



14,5 

2,6 

105,5 

8,8 

106 

22 

8.74 

1,8 

136,8 

4,7 

118 

0,83 

1,43 

1892 

3,8 

181 

9,8 


81,3 

15,4 

4,6 

107,8 

8,8 

97 

24 

9,12 

1,7 

134,9 

4,7 

108 

0,57 

1,48 

1898 

3,4 

182 

9,8 


84.1 

15,9 

8,6 

108,5 

9,0 

143 

24 

8,64 

1,7 

135,5 

4,5 

97 

0.54 

1,11 

1894 

3,9 

183 

9,9 


85,4 

15,0 

6,5 

106,8 

8,8 

110 

22 

8,08 

1,6 

133,6 

4,4 

77 

0,45 

1,22 

1895 

4,1 

192 

10,0 


86,8 

15,4 

4,8 

115,8 

8,6 

83 

23 

8,14 

1,7 

134,5 

4,5 

72 

0,52 

0,98 

1896 

4,7 

198 

8,4 


91,8 

15,3 

10,4 

116,0 

8,8 

133 

24 

8,88 

1,7 

139,9 

4,6 

86 

0,47 

1,09 

1897 

3.9 

202 

8,9 


94,5 

15,0 

6,1 

123,0 

8,6 

98 

24 

8,56 

1,8 

142,2 

4,7 

83 

0,52 

1,19 

1898 

4,0 

207 

8,5 


94,5 

14,4 

3,5 

124.2 

8,4 

100 

25 

9,40 

1,8 

144,5 

4.7 

96 

0,55 

1,10 

1899 

4,1 

218 

8,4 

100,0 

15,3 

4,7 

125,0 

8,8 

140 

25 

9,18 

1,9 

148,1 

5,0 

92 

0,58 

1.15 

1900 

4,6 

219 

9,4 


98,6 

14,2 

6,7 

125,1 

8,8 

180 

25 

9,32 

1,9 

143,6 

5,0 

102 

0,64 

1.23 

1901 

4,7 

219 

9,9 


97,2 

14,7 

5,2 

124,1 

8,6 

153 ! 

25 

7,04 

1,7 

139,9 

5,0 

133 

0,67 

1.23 

1902 

4,6 

214 

8,5 


94,5 

14,8 

5,2 

116,0 

8,4 

108 

22 

6,52 

1,7 

137,7 

4,8 

122 

0,71' 

11,24 

1903 

4,9 

; 217 

i 

5,4 


94,5 

14,0 

7,3 

116,6 

8,0 

101 j 

i 

— 

7,08 

1,6 

134,9 

4,5 

106 4 ) 

0,77 

1,28 


wie sich der Verbrauch der drei volkstümlichen alkoholischen Ge¬ 
tränke — Branntwein, Bier, "Wein — seit 1885 in Deutsch¬ 
land und anderen Kulturstaaten gestaltet hat. 

Eine amtliche deutsche Statistik über den Alkoholkonsum in 
verschiedenen Ländern besteht nicht; dagegen hat das englische 
Handelsministerium seit dem Jahre 1897 insgesamt 5 Ausgaben 
internationaler Übersichten über die Produktion und den Verbrauch 
von alkoholischen Getränken veröffentlicht. Die letzte Ausgabe 
dieser Alkoholtabellen ist im Jahre 1904 erschienen.®) Sie enthält 


>) Vor dem Jahre 1901 enthalten die Zahlen auch die für den Ver¬ 
brauch an Essig. 

®) Einschließlich „Dünnbier“ mit weniger als 2 1 / 4 0 / 0 Alkohol. 

*) Einschließlich des zum Weinverschnitt verwendeten Alkohols. 

4 ) Vorläufige Ziffer. 

6 ) Alcoholic Beverages. Copy of memorandum and Statistical tables 
showing the production and consumption of alcoholic beverages (wine, beer, and 
spirits) in the various countries of Europe, in the United States and 4n the Prin¬ 
cipal British Colonies and the revenue derived therefrom in recent years (in 
continuation of parliamentary paper No. 885 of Session 1901). — Board of Trade, 
August 1904. 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNiVERSITV 



Beiträge zur Alkoholfrage. 


67 


pro Kopf der Bevölkerung in verschiedenen Ländern für die Zeit von 1885 bis 1903. 


Nieder¬ 

lande 

Norwegen 

Österreich- 

Ungarn 

Rußland 

Schweden 

Schweiz 

Vereinigte Staaten 
von Nordamerika 

Jahr 

^ Wein 

i 

d fl 

S| 

1 * p 
« 

1 

M 

® 

s 

1 

Brannt- 

wein 

d 

© 

£ 

1 

u 

© 

S 

i 

11 

Ä* 

1 

d 

© 

* 

l 

_ Brannt¬ 
wein 

sr 

u 

.2 

1 

Brannt¬ 

wein 

d 

« 

£ 

1 

s 

s 

1 

is 

1 % 
m 

1 

1 

£ 

1 

U 

® 

s 

1 

d 5 

s © 

2 1 * 

1 

2,2 

9,2 

17,1 

3,5 

20 

32,5 

d 

_ 

6,6 

20,3 

8,4 


33 

1 ! 

1,5 

39,9 

4,8 

1885 

2,1 

9,0 

13,5 

3,0 

16 

1 « 


— 

6,6 

22,1 

7,8 


l.j 

>5 

& 

1,7 

42,3 

4,8 

1886 

2,1 

9,0 

13,3 

2,8 

22 

il! 

2 f 

— 

6,6 

22,7 

6,8 

C 

M 

d 

A 

2,1 

42,8 

4,6 

1887 

2,0 

8,9 

15,5 

3,1 

18 

W 


— 

6,4 

27,2 

7,3 

& 

r< 

• 

fl 

2,3 

48,6 

4,8 

1888 

2,0 

8,8 

15,4 

3,2 

19 

32 

9 

3,5 

6,1 

28,2 

6,2 

* < 

41 

© 

M 

1,7 

48,2 

5,3 

1889 

2,1 

8,9 

18,6 

3,1 

14 

38 

9 

3,5 

5,6 

27,4 

7,1 

® 

p 

45 

6,3 

1,7 

51,8 

5,4 

1890 

2,0 

9,0 

21,8 

3,7 

10 

34 

10 

3,2 

5,4 

30,9 

6,6 

o 

48 

6,3 

1,7 

57,7 

5,7 

1891 

2,0 

8,9 

20,4 

3,2 

u 

38 

11 

3,2 

4.7 

80,8 

6,7 


50 

6,4 

1,8 

57,2 

5,8 

1892 

2,0 

8,9 

20,9 

3,5 

16 

40 

11 

2,8 

4,4 

31,6 

6,8 


52 

6,4 

1,2 

60.9 

5,1 

1893 

1,9 

8,9 

19,9 

3,8 

14 

41 

11 

3,0 

4,7 

33,0 

7,0 

71 

51 

5,8 

1,1 

57,2 

4,8 

1894 

1,9 

8,7 

17,7 

8,5 

15 

42 

10 

3,8 

4,7 

35,5 

7,0 

62 

57 

5,7 

1,0 

58,2 

3,8 

1895 

1,9 

8,7 

16,4 

2,3 

13 

45 

11 

4,2 

4,7 

42,4 

7,3 

75 

63 

6,0 

2,0 

56,3 

3,9 

1896 

1,8 

8,5 

17,4 

2,2 

12 

45 

10 

4,3 

4,9 

45,0 

7,6 

68 

67 

6,2 

1,1 

60,4 

4,2 

1897 

1,8 

8,3 

21,8 

2,6 

15 

45 

10 

4,0 

4,9 

50,0 

8,1 

64 

70 

6,2 

1,3 

57,7 

4,4 

1898 

1,8 

8,1 

23,2 

3,3 

15 

45 

11 

4,4 

5,1 

58,1 

8,6 

64 

70 

6,1 

1,5 

60,4 

4,8 

1899 

1,7 

8.2 

22,7 

8,4 

18 

45 

11 

4,8 

5,1 

56,4 

8,7 

96 

67 

fl 

1,4 

61,3 

5,0 

1900 

1,7 

8,2 

20,0 

3,4 

18 

45 

11 

4,2 

4,7 

60,4 

8,7 

70 

6t 

s! 

2,4 

66,3 

5.1 

1901 

1,7 

8,0 

17,7 

3,4 

18 

45 

11 

4,0 

4,7 

56,6 

7,8 

70 

62 

S| 

1,8 

68.2 

5,5 

1902 

1,6 

7,8 

14,1 

3,2 

19 ! ) 

— 

— 

— 


— 

7,5 

— 

— 




— 

1908 


für die Zeit von 1889 bis 1903 einschließlich Angaben über „Pro¬ 
duktion und Konsumtion alkoholischer Getränke (Wein, Bier und 
Branntwein) in den verschiedenen europäischen Ländern, den Ver- 
einigten Staaten und den hauptsächlichsten britischen Kolonien, so¬ 
wie über die in den letzten Jahren daraus erzielten Staatsein¬ 
nahmen.“ 

Auf Grund dieser Unterlagen werden in den beiden Tabellen 
I und II für die Zeit von 1885 l * * 4 ) bis 1903 zwei internationale Über¬ 
sichten über den Verbrauch der drei hauptsächlichsten alkoholischen 
Getränke pro Kopf der Bevölkerung gegeben. 

Während Tabelle I Aufschluß darüber gibt, welche Menge von 


l ) Vorläufige Ziffer. 

*) Einschließlich des zum Wein verschnitt verwendeten Alkohols. 

*) Einschließlich anderer Malzgetränke. 

4 ) Die Angaben für die Jahre 1885 bis 1888 einschließlich sind der ersten 
Ausgabe der genannten englischen Statistik entnommen, die im Jahre 1897 ver¬ 
öffentlicht worden ist unter dem Titel: Statement showing the Production and 
Consumption of Alcoholic Beverages (Wine, Beer and Spirits), in the various 
countries of Europe and in the United States; together with Statistical tables 
relating thereto, for recent years as far as the particulars can be stated. 

6 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



68 


Beiträge zur Alkoholfrage. 


Tabelle II. Durchschnittliche Menge des in Wein, Bier und Branntwein 


Belgien Dänemark Deutschland Frankreich ^und^Hand 60 Italien 


1 3,L, ! 


2 o a o d ^ 2 o ö o ö 2 o fl 

Jahr ^ ! si u l ij ii | | || ii | 1 li is ä 1 ss al s 

I ? ii ii ? |i is 1 9 ml | 3 ii ii << ii ji ? 

.9 ö g-s o< £ g^!®^ j S | t *•< e<! | S '< «< S 

^ S Art H rr\ i fc- !£? m 25 oft ^ ^ 


^ a ^ a « 

ii ii i i 


£ I M « 


£ S Ä 


■s .2 2^ ö< I 
£ « » £: 


11111111 11 


oso -50 
3 fl ° s o 

2 Sä Sä 

s 2<! o< 


1111 


18850,4|6,5 4.6 11,5 , 7,7 — 0,93,5 - 11,60,83,9 16,3 0,37,4 2,219,9 9,40,031,4 10,83 

18860.46.5 4,5;11,4 J 7,5 — 0,43,8 - 10,40,93,6 14,9 0,2 7,3 2,2 9.7 14,30,030,7 15.03 

1887 0,46,8 4,5 11,7 g, 7,3 — 0,63,9-10,7|0,8 3,9 15.4 0,37,4 2,1 9,8 13,2|0,03 0.8 14,03 

1888 0,4 6,8 4,5 fl 1,7 >4j 7,1 — 0,73,9 3,6 8,2 12.50,83,9 17,2 0,29,8 2,1 12,1 12,60,030,4 13,03 

18890,47,04,3 11,7 § 6,8 — 0,54,3 4,5 9,3 10,10,94,0 15,0 0,37,9 2.2 10,4 8,20,030,12 8,35 

18900,47,1 4,7 12,2 X 6,8 — 0,74,2 4,7 9,6 11,30,94,4 16,6 0,38,2 2,3 10,8 11,30,030,71 12,04 

1891 0,57,1 4,9 12,5 }M 7,3 — 0,34,2 4.4 8,9 12,7 0,94,37 17,97 0,38,2 2,4 10,9 14,20,030,72 14,95 

18920.5 7,2 4,9 12,6 3,3 7,7 11,0 0.54,3 4,4 9,2 11,6 1,04,56 17,16 0,38,1 2,4 10,8 12,40,020,74 13,16 

18930.47.3 4,9,12.6 3,4 8,0 11,4 0,94,3 4,5 9,7 17,21,04,3222,52 0,38,1 2,3 10,7 11,60,020,56 12,18 

18940.57.3 5,0 12.83,4 7,5 10,9 0,74,34,4 9,4 13,20,94,0418,140,28,0 2,2 10,4 9,20,020,61 9,83 

18950.57.7 5,0 13,23,5 7,7 11,2 0,54,24,3 9,0 10,00,94,0714,97 0,38,1 2,3 10,7 8,60,020,49 9.11 

1896 0,67,9 4,2 12,7 3,7 7,7 11,4 1,04,6 4,4 10.0 16,01,04,1921.19 0,3 8,4 2.3 11,0 10,30,020,55 10.87 

1897 0,58,1 4,5 13,1 3,8 7,5 11,3 0,64,94,3 9,8 11,81,04,2817,080,38,52,4 11,2 10,00,020,60 10,62 

18980.58.3 4,3 13,1 3,8 7,2 11,00,45,04,2 9,6 12,01,04.7017,70 0.38,7 2,4 11,4 11,5;0,020,55 12,07 

18990.58.5 4,2 13,2 4,0 7,7 11,7 0,55,04,4 9,9 16,81,04,5922,39 0,38,9 2,5|ll,7 11,00,020,58 11,60 

19000.68.8 4,7 14,1 3,9 7,1 11,0 0,7 5,0 4.4 10,1 21,61,04,6627,26 0,38,6 2,5|11,4 12,20,030,62 12,85 

19010.68.8 5,0 14,4 3,9 7,4 11,3 0,55,04,3 9,8 18,41,03,5222,92 0,38.4 2,5 11,2 16,00,030,62 16.65 

19020.68.64.3 13,53.8 7,4 11,20,54,64,2 9,3 13,00,93,2617,160,38,32,4,11,0 14.60,030,62 15,25 
19030,68,7|2,7 12,0 3.8 7,0 10,80,74,7 4,0 9,4 12,1 —3.54 — 0,28,l|2.3 10,6 12,70,030,64 13,37 


Wein, Bier und Branntwein in jedem Jahre auf den Kopf der 
Bevölkerung entfällt, berechnet Tabelle II die Menge des in diesem 
Kopfanteil enthaltenen Alkohols. Diese Berechnung ist, nach gleich¬ 
artigen Vorgängen, in der Weise erfolgt, daß bei Wein für Deutsch¬ 
land und die Schweiz ein durchschnittlicher Alkoholgehalt von 10°/ 0 , 
für Frankreich, Belgien, Niederlande sowie Italien ein solcher von 12%, 
für Großbritannien und die Vereinigten Staaten von 15% zugrunde 
gelegt ist, während für Bier der übliche Satz von 4% (bezw. für 
Großbritannien 6% und die Vereinigten Staaten 5%) und für 
Branntwein der eiuheitliche Satz von 50% übernommen ist 

Geht man die in der Tabelle I (in alphabetischer Ordnung) 
aufgeführten Länder an Hand der gegebenen Zahlenreihen 'einzeln 
durch, so zeigt sich für Belgien in der Zeit von 1885 bis 1903 
pro Kopf der Bevölkerung ein im ganzen steigender Weinkonsum 
(von 3,41 i. J. 1885 auf 4,9 1 i. J. 1903), sowie ein erheblich zu- 


*) Ohne Wein. 



Original frum 

CORNELL UNiVERSITT 




Beiträge zur Alkoholfrage. 


69 


genossenen Alkohols pro Kopf der Bevölkerung in verschiedenen Ländern. 

i i ~ i i i i 


Nieder¬ 

lande 

Norwegen 

Österreich- 

Ungarn 

Rußland 

Schweden 

Schweiz 

Vereinigte Staaten 
von Amerika 

Jahr 

Wein-Alkohol 

Branntwein- 
~ Alkohol 

-u _ 

So 

öS A 
® C 
0> X 

c < 

] 

o 

A 

O 

M 

3 

•2 

5 

i 

• 

Ö 

11 
3 ° 

« 

1 

Öesamt- 
^ Alkohol 2) 

o 

A 

O 

< 

ä 

O) 

£ 

1 

o 

33 

O 

33 

< 

U 

O) 

s 

1 

Branntwein- 

Alkohol 

al 

s ° 

o < 

1 

o 

33 

O 

zS 

< 

s 

1 

a 

II 

fl £ 

fl - 

« 

1 

£ 2 
C8 rfl 

CO O 
v - 

1 

0 

33 

O 

M 

< 

u 

<u 

8 

1 

_ Branntwein- 
Alkohol 

Gesamt- 
~ Alkohol *) 

0 

A 

O 

Ja 

< 

• 

.fl 

'S 

£ 

1 

0 

— 

0 

< 

u 

3 

1 

Branntwein- 
^ Alkohol 

al 

öS O 

K M 
<D S 

O < 

1 

0 

€ 

r-H 

< 

a 

’S 

£ 

1 

0 

A 

O 

A 

< 

ü 

<0 

3 

1 

Ä 

! 0 

« 

1 

A rr* 

§5 

SS 

<u ~ 

o-*j 

1 

0,3 

4,6 

4.9 

0,7 

1,8 

2.5 

2,4 

1,3 

_ 

_ 

_ 

3,3 

_ 

0,8 

4,1 

4,9 


1,3 

_ 

_ 

0 , 22,0 

2,4 

4,6 

1885 

0,3 

4,5 

4,8 

0,5 

1,5 

2,0 

1,9 



— 

— 

3,3 

— 

0.9 3,9 

4,8 



— 

— 

0,2 

2,1 

2,4 

4,7 

1886 

0,3 

4,5 

4.8 

0,5 

1,4 

1,9 

2,6 



— 

_ 

3,3 

— 

0,9 3,4 

4,3 

a> 

,D 


— 

— 

0,3 

2,1 

2,3 

4,7 

1887 

0,2 

4.5 

4.7 

0,6 

1,6 

2,2 

2,2 

— 

— 

— 

— 

3,2 

— 

1,113,7 

4,8 

33 

3t 

— 

—• 

— 

0,3 

2,4 

2,4 

5,1 

1888 

0,2 

4,4 

4.6 

0,6 

1,6 

2,2 

2,3 

1,3 

4,5 

8,1 

0,1 

3,1 

3,2 

1,1 

3,2 

4,3 

fl 

< 

1,6 

— 

— 

0,2 

2,4 

2,7 

5,3 

1889 

0,3 

4,5 

4.8 

'>,7 

1,6 

2,3 

1,7 

1,3 

4,5 

7,5 

0,1 

2,8 

2,9 

1,1 

3,4 

4,5 

<ü 

1,8'3,2 

— 

0,2 

2.6 

2,7 

5.5 

1890 

0,2 

4,5 

4,7 

0,9 

1,9 

2,8 

1,2 

1,4 

5.0 

7,6 

0,1 

2,7 

2,8 

1,2 

3,2 

4,4 

2 

1,9 3,2 

— 

0,2 

2,9 

2,9 

6,0 

1891 

0,2 

4,5 

4,7 

0,8 

1,6 

2.4 

1,3 

1,5 

5,5 

8,3 

0,1 

2,4 

2,5 

1,2 3,2 

4,4 


2,0 3,2 

— 

0,2 

2,9 

2,9 

6,0 

1892 

0,2 

4,5 

4,7 

0,8 

1,8 

2.6 

1,9 

1,6 

5,5 

9.0 

0.1 

2,2 

2.3 

1,3 

3,4 

4,7 


2,1 

3,2 

— 

0,1 

3,1 

2,6 

5,8 

1893 

0,2 

4,5 

4,7 

0,8 

1,9 

2,7 

1,7 

1,6 

5,5 

8,8 

0,1 

2,4 

2,5 

1,3|3,4 

4,7 

7,1 2,0 

2,9 

12,0 

0,1 

2,9 

2,2 

5,2 

1894 

0,2 

4,4 

4,6 

0,7 

1,8 

2,5 

1,8 

1.7 

5,0 

8,5 

0.2 2,4 

2,6 

1,313,5 

4,8 

6,2 

2,3 

2,9 

11,4 

0,1 

2,9 

1,9 

4,9 

1895 

0,2 

4,4 

4,6 

0,7 

1,2 

1,9 

1,6 

1,8 

5,5 

8,9 

0,2 2,4 

2.6 

1,7 

3,7 

5,4 

7,5 

2,5 

3,0 

13,0 

0,2 

2,8 

2,0 

5,0 

1896 

0,2 

4,3 

4.5 

0,7 

1,1 

1,8 

1,4 

1,8 

5,0 

8,2 

0,2 2,5 

2,7 

1,8 

3,8 

5.6 

6,8 

2,7 

3,1 

12,6 

0,1 

3,0 

2,1 

5,2 

1897 

0,2 

4,2 

4,4 

0,9 

1,3 

2,2 

1,81,8 

5.0 

8.6 

0,2 2,5 

2.7 

2,0 4,1 

6,1 

6,4 

2,8 

3,1 

12,3 

0,2 

2,9 

2,2 

5,3 

1898 

0,2 

4,1 

4,3 

0,9 

1,7 

2,6 

1,8 

1,8 

5,5 

9,1 

0,2 2,6 

2,8 

2,3 4,3 

6,6 

6,4 

2 , 8,34 

12.3 

0,2 

3,0 

2,4 

5,6 

1899 

0,2 

4,1! 

4,3 

0,9 

1,7 

2,6 

2,2 

1,8 

5,5 

9,5 

0,2 

2,6 

2,8 

2,4 

4,4 

6,8 

9,6 

2,7 

— 

— 

0,2 

3,1 

2,5 

5,8 

1900 

0,2 

4,1! 

4,3 

0,8 

1,7 

2,5 

2,2 

1,8 

5,5 

9,5 

0,2 

2,4 

2,6 

2,4 

4,4 

6,8 

7,0 

2,4 

— 

— 

0,3 

3,3 

2,6 

6,2 

1901 

0,2 

4,0 

4.2 

0,7 

1,7 

2,4 

2,2 

1,7 

5,5 

9,4 

0,2 

2,4 

2,6 

2,3! 3,9 

6,2 

7,0 

2,5 

— 

— 

0,2 

3,4 

2,8 

6,4 

1902 

0,2 

3,9 

4,1 

0,6 

1,6 

2,2 

2.3 

— 

— 


0,2 


— 

— 

3,8 

— 


— 

— 

— 

— 


— 

— 

1903 


nehmender Bierkonsum (von 162 1 i. J. 1885 auf 217 1 i. J. 1903), 
während der Branntweinverbrauch bis zum Jahre 1902 ziemlich un¬ 
verändert geblieben ist und erst im Jahre 1903 einen größeren 
Rückgang (von 8,51 auf 5,41) zeigt. Dieser so plötzlich einsetzende 
starke Rückgang wird in der oben genannten englischen amtlichen 
Statistik (S. 12) auf die in jenem Jahre erfolgte Erhöhung der 
Branntweinsteuer von 100 auf 150 Frcs. pro Hektoliter zurück¬ 
geführt. Die Menge des in Belgien auf den Kopf der Bevölkerung 
entfallenden reinen Alkohols ist dementsprechend vom Jahre 1885 
an bis 1901 erheblich gestiegen (von 11,51 auf 14,41), dann aber 
infolge der vorgenannten Erhöhung der Branntweinsteuer und der 
dadurch herbeigeführten Abnahme des Branntweinkonsums wieder 
gesunken (bis auf 121 i. J. 1903). 

In Dänemark ist der "Weinkonsum verschwindend gering und 
deshalb in beiden Tabellen unberücksichtigt geblieben. Für den 

’) Ohne Bier. 

a l Ohne Wein. 


Digitized by Google 


Original from 

CORNELL UNfVERSSFi 








70 


Beiträge zur Alkoholfrage. 


Bierkonsum dieses Landes liegen Angaben für die Zeit von 1892 
bis 1903 vor, welche ein ständiges Anwachsen der Verbrauchs- 
ziffem bis zum Jahre 1899 zeigen (von 81,3 auf 100,01) und seit¬ 
dem einen geringen Rückgang erkennen lassen (bis auf 94,51). Im 
Branntweinverbrauch ist eine Abnahme eingetreten, die jedoch nicht 
so groß war (von 15,4 auf 14,01), daß sie die Zunahme des Bier¬ 
konsums ausgleichen und den auf den Kopf der Bevölkerung ent¬ 
fallenden Betrag des reinen Alkohols von 1892 bis 1903 (11,0 gegen 
10,81) wesentlich verringern konnte. 

Zur Beurteilung des Alkoholkonsums in Deutschland können 
die in den beiden Tabellen angeführten Ziffern des Wein Verbrauchs 
nur in beschränktem Maße dienen, da sie zum Teile von dem Er¬ 
trage der jeweiligen Wein Obsternte abhängig sind. Ein Vergleich 
der Durchschnittszahlen für die drei letzten, in der vorliegenden 
Statistik berücksichtigten Jahrfünfte ergibt, daß der durchschnittliche 
Weinkonsum in Deutschland in der Zeit von 1889 bis 1893 pro 
Kopf der Bevölkerung jährlich 5,641 betrug, im folgenden Jahrfünft 
(1894 bis 1898) auf 6,261 stieg und in den letzten fünf Jahren 
(1899 bis 1903) wiederum abnahm und sich auf 5,821 stellte. 

Ein charakteristischeres Gepräge jedoch trägt die Bewegung 
des Bierverbrauchs. Dieser ist von 881 im Jahre 1885 fast un¬ 
unterbrochen und ziemlich rasch gestiegen, bis er 1900 mit 125,11 
den höchsten Stand erreichte und dann in den folgenden Jahren 
wiederum merklich zurückging (auf 116,01 i. J. 1902 bezw. 116,61 
i. J. 1903). Dieser plötzliche Rückgang wird im wesentlichen als 
eine Rückwirkung der derzeit stark abflauenden Wirtschaftslage an¬ 
zusehen sein; es erscheint aber unzulässig, ihn, wie mehrfach ver¬ 
sucht, auf die Anti-Alkoholbewegung allein zurückzuführen. Denn 
die an den bekannten Antrag Douglas vom 1. Mai 1902 anknüp¬ 
fende Bewegung, welche nicht den Genuß, sondern nur den über¬ 
triebenen Genuß alkoholischer Getränke bekämpft, hat erst nach 
jenem plötzlichen Rückgang des Bierkonsums eingesetzt, auch erst 
in den folgenden Jahren an Ausbreitung gewonnen. Die Enthalt- 
samkeits- (Abstinenz-) Bewegung aber hatte, abgesehen von einzelnen 
norddeutschen Gebieten, einen so weitgehenden Einfluß in Deutsch¬ 
land noch nicht gewonnen, um eine ausreichende Erklärung für 
jene Erscheinung zu bieten; andernfalls hätte sich auch im Brannt¬ 
wein- und Wein verbrauch ein entsprechender Rückgang zeigen 
müssen. 

Die in den Tabellen angegebenen Verbrauchsziffem beziehen 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Beiträge zur AJkoholfrage. 


71 


sich auf das gesamte deutsche Zollgebiet (einschließlich Luxemburg). 
Für einzelne Teile des Deutschen Reiches ergeben sich erheblich 
höhere Zahlen. Es kamen nämlich im Jahre 1903 auf den Kopf 


der Bevölkerung in: 

Bayern . .'.231,91 

Württemberg.168,9 „ 

Baden.157,2 „ 

Elsaß-Lothringen .... 88,1 „ 

Brausteuergebiet 1 ) . . . 97,7 „ 


Der Branntweinverbrauch pro Kopf der Bevölkerung ist im 
Deutschen Reiche während der Beobachtungsperiode im ganzen un¬ 
verändert geblieben (ca. 81); es ist also nicht richtig, daß die Steige¬ 
rung des Bierverbrauchs, wie vielfach behauptet wird, auf Kosten 
des Schnapsverbrauchs erfolgt, und wie Tabelle II zeigt, hat der 
steigende Bierkonsum dahin geführt, daß der Alkoholkonsum in 
Bier den in Branntwein seit 1896 dauernd überholt hat. 

In Frankreich zeigt der Konsum von Wein und Branntwein 
bis zum Jahre 1900 eine steigende Tendenz, seitdem jedoch einen 
erheblichen Rückgang, während der Bierverbrauch im ganzen un¬ 
verändert, aber noch verhältnismäßig gering ist. Infolge des vor¬ 
herrschenden Weinkonsums ist der auf den Kopf der Bevölkerung 
entfallende Gesamt-Alkoholverbrauch nach Tabelle II ein sehr viel 
höherer (in einzelnen Jahren sogar doppelt so hoch) als in 
Deutschland. 

Für Großbritannien und Irland zeigt die Statistik eine ver¬ 
hältnismäßig starke Zunahme des Bierkonsums bei einem im ganzen 
unverändert gebliebenen Verbrauch von Wein und Branntwein. Sie 
liefert also ein ähnliches Bild wie in den Ziffern für Belgien und 
Deutschland, wenngleich in dem Vereinigten Königreich die Steige¬ 
rung des Bierkonsums nicht in einem so starken Maße eingetreten 
ist, wie in Deutschland und besonders in Belgien. In dem Gesamt- 
Alkoholkonsum pro Kopf der Bevölkerung rangiert es zwischen 
beiden Ländern, jedoch mit ziemlicher Annäherung an Deutschland. 

In Italien ist der Weinkonsum von ausschlaggebender Be¬ 
deutung. Die in der Tabelle I aufgeführten Zahlen weisen auf 
einen in der letzten Zeit vermehrten Weinverbrauch hin. Die Zahlen 

l ) Das Brausteuergebiet umfaßt die innerhalb der Zollgrenze liegenden Ge¬ 
biete des Deutschen Reichs mit Ausnahme von Bayern, Württemberg, Baden und 
Elsaß-Lothringen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 







72 


Beiträge zur Alkoholfrage. 


Difitized by 


über den Branntweinverbrauch geben kein klares Bild von den tat¬ 
sächlichen Verhältnissen, weil sie auch die zum Wein verschnitt ver¬ 
wendeten Alkoholmengen enthalten. Der Bierkonsum ist verschwin¬ 
dend gering. In den Gesamt-Alkoholziffem (Tab. II) nähert sich 
Italien am meisten dem andern Weinlande Frankreich. 

Die Niederlande, welche in der vorliegenden Statistik nur 
mit Angaben über die Entwicklung des Verbrauchs von Wein und 
Branntwein vertreten sind, haben seit dem Jahre 1885 eine fort¬ 
schreitende Abnahme des Verbrauchs zu verzeichnen, die besonders 
beim Branntwein hervortritt. Dementsprechend sind auch die 
Alkoholziffern in Tabelle II sehr gering. 

Norwegen, dessen sehr geringer Weinkonsum in beiden 
Tabellen nicht berücksichtigt ist, weist sowohl für Bier wie für 
Branntwein in der Beobachtungsperiode verhältnismäßig niedrige 
Ziffern auf, die eine ausgesprochene Tendenz nicht erkennen lassen. 

In Österreich-Ungarn steht der Weinkonsum im Vorder¬ 
gründe. Er hat nach einer vorübergehenden Abnahme in den neun¬ 
ziger Jahren in der letzten Zeit eine Steigerung erfahren, ohne je¬ 
doch den Stand der achtziger Jahre völlig zu erreichen. Der Bier¬ 
konsum ist seit 1889 allmählich gestiegen, aber seit dem Jahre 1896 
unverändert auf 45 Liter pro Kopf der Bevölkerung geblieben. Die 
Zahlen für den Branntweinverbrauch sind hier nicht vergleichbar, 
weil in ihnen der zum Wein verschnitt verwendete Alkohol von dem 
Trinkbranntwein nicht getrennt ist. Die Gesamtalkoholziffem kom¬ 
men Deutschland am nächsten. 

Für Rußland enthalten die Quellen keine Angaben über den 
Weinkonsum. Hinsichtlich des Verbrauches von Bier wird eine 
langsame Steigerung angegeben, während im Branntweinkonsum 
nach der Statistik eine Abnahme eingetreten ist, welche wohl auf 
die Einführung des staatlichen Branntweinmonopols zurückzuführen 
ist. Für den Gesamt-Alkoholverbrauch pro Kopf der Bevölkerung 
zeigt Rußland ähnlich niedrige Ziffern wie Norwegen. 

Auch für Schweden liegen über den geringen Weinverbrauch 
keine Angaben vor. Die für den Bierkonsum angeführten Zahlen 
weisen auf eine erhebliche Zunahme hin. Die in diesen Ziffern 
zum Ausdruck kommende Steigerung entspricht jedoch anscheinend 
nicht völlig der Wirklichkeit, da die Statistik unter „Bier“ auch ver¬ 
hältnismäßig alkoholarme Malzgetränke (von weniger als 2% Alkohol¬ 
gehalt) aufführt Der Branntweinkonsum ist im großen und ganzen 
gleich geblieben. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Beiträge zur Alkoholfrage. 


73 


Die Schweiz hat, soweit dafür Angaben vorliegen, im Wein- 
konsum vielfach Schwankungen und im Bierkonsum bis zum Jahre 
1899 eine erhebliche Steigerung aufzuweisen, welche aber in den 
letzten Jahren einem merklichen Rückgang gewichen ist Der 
Branntweinverbrauch ist, soweit darüber Angaben vorliegen, un¬ 
verändert geblieben. 

Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika endlich zeigen 
einen ziemlich gleichbleibenden Verbrauch von Wein und Brannt¬ 
wein und einen im ganzen steigenden Konsum von Bier. In den 
Gesamt-Alkoholziffem pro Kopf der Bevölkerung bleiben sie hinter 
Deutschland erheblich zurück, was auf den sehr viel geringeren 
(etwa halb so großen) Branntweinverbrauch zurückzuführen ist. — 
Die Ergebnisse der beiden Tabellen können dahin zusammengefaßt 
werden, daß der Weinkonsum in fast allen Ländern im ganzen 
unverändert geblieben ist und in der Hauptsache nur in Belgien 
eine deutlich hervortretende Steigerung aufweist Dagegen ist in 
den meisten der angeführten Länder der Bierkonsum in der Zeit 
von 1885 bis 1903 erheblich gestiegen, vor allem in Belgien, 
Deutschland, Schweden, der Schweiz und den Vereinigten Staaten. 
Nach den Zahlen der beiden Tabellen ist nur in den Weinländern 
Frankreich und Italien und in Rußland ein größeres Anwachsen 
des Bierverbrauches nicht eingetreten. Der Branntweinkonsum 
ist in den beiden letzten Jahrzehnten in allen in den Tabellen be¬ 
rücksichtigten Ländern im ganzen unverändert geblieben und hat 
neuerdings wohl nur in Belgien eine wesentliche Abnahme auf¬ 
zuweisen. 

Es wäre nun von allgemeinem Interesse gewesen, eine Über¬ 
sicht darüber zu geben, wie hoch sich der Aufwand für den Ver¬ 
brauch alkoholischer Getränke in den einzelnen Ländern stellt und 
in welchem Verhältnis dieser Aufwand zu den Ausgaben für Schul¬ 
wesen, Armenpflege, Militär und sonstige Staatsausgaben steht. In 
Ermangelung der erforderlichen Unterlagen mußte jedoch hiervon 
Abstand geno mm en werden. Von einer vergleichenden Gegenüber¬ 
stellung der verschiedenen Länder ist im übrigen auch deshalb ab¬ 
gesehen, weil die hier zu erörternde Frage, ob und inwieweit der 
Alkoholverbrauch einen Alkoholmißbrauch darstellt, sich bei 
der Verschiedenheit der klimatischen, wirtschaftlichen, sozialen und 
nationalen Verhältnisse nur aus den Verhältnissen und Feststellungen 
des eigenen Landes beantworten läßt So würde z. B. der rein 
äußerliche Umstand, daß Deutschland, bei einer Klassifizierung der 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



74 


Beiträge zur Alkoholfrage. 


% 


Digitized by 


verschiedenen Länder nach der Höhe ihrer Gesamt-Alkoholziffem, 
erst an der so und so vielten Stelle zu stehen käme, für die Be¬ 
antwortung jener Frage ganz belanglos sein. Die nachstehenden Be¬ 
trachtungen beschränken sich daher auf Deutschland. 

Um zunächst eine möglichst sichere Grundlage für die Ermitt¬ 
lung des pro Kopf der Bevölkerung in Deutschland für die 
einzelnen alkoholischen Getränke gemachten Aufwandes zu ge¬ 
winnen, sind für die Berechnung dieses Betrages nicht die Angaben 
eines einzelnen Jahres, sondern die aus dem Durchschnitt des letz¬ 
ten Jahrfünfts sich ergebenden Zahlen herangezogen. In den fünf 
Jahren 1899 bis 1903 betrug im Durchschnitt pro Kopf der Be¬ 
völkerung der jährliche Verbrauch von Wein 5,821, Bier 123,41 
und Branntwein 8,521. Unter der herkömmlichen Zugrundelegung 
eines Preises von 1 Mk. für 11 Wein, von 0,30 Mk. für 11 Bier 
und 0,50 Mk. für 11 Trinkbranntwein stellt sich der jährlich pro 
Kopf der Bevölkerung gemachte Aufwand wie folgt: 

Ausgabe für Wein . . . 5,82 Mk. 

„ „ Bier . . . 37,02 „ 

„ „ Branntwein . 4,26 „ 

zusammen . . 47,10 Mk. 

Bei einer Gesamtbevölkerung von 60 Millionen ergibt dieser 
Betrag eine jährliche Ausgabe für alkoholische Getränke von 
2826 Millionen Mark. 

Bei dem Kopfanteil von 47,10 Mk. sind aber Säuglinge, Kinder, 
Mädchen, Frauen, Kranke, Sieche, Greise u. s. w. mitgerechnet Zieht 
man in Rechnung, daß jener Gesamtaufwand von 2826 Millionen 
Mark in der Hauptsache von den männlichen Einwohnern im Alter 
von mehr als 15 Jahren aufgebracht und verbraucht wird, so er¬ 
gibt sich für jeden erwachsenen Mann eine jährliche Ausgabe 
für alkoholische Getränke von rund 157 Mk. 

Will man nun wissen, mit welchem Anteil an diesen 2826 
Millionen Mark die arbeitenden Klassen beteiligt sind, so läßt 
sich eine exakte Berechnung dafür, in Ermangelung der erforder¬ 
lichen Unterlagen, allerdings nicht geben; denn man müßte wissen, 
wie sich der gesamte Konsum von alkoholischen Getränken nach 
Mengen und Preislagen auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen 
verteilt. Legt man, um eine annähernde Vorstellung zu gewinnen, 
das oben erwähnte Verhältnis der arbeitenden Klassen zur übrigen 
Bevölkerung (3:2) zugrunde, so würden von den 2826 Millionen 
Mark auf die arbeitenden Klassen 1695 Millionen Mark entfallen. 


Gck igle 


Original frnm 

CORNELL UNIVERSITY 



Beiträge zur Alkoholfrage. 


75 


Diese Ziffer würde sich aber verringern, falls in Wirklichkeit auf 
die übrigen */ s der Bevölkerung, welche die besitzenden Klassen 
einschließen, pro Kopf größere Mengen oder höhere Preislagen oder 
beides zugleich entfallen sollten. 

Ähnlichen Schwierigkeiten begegnet die Frage, welchen Prozent¬ 
satz vom Lohneinkommen die Alkoholausgaben durchschnitt¬ 
lich erreichen, zumal Deutschland einer allgemeinen Lohnstatistik 
noch immer entbehrt. Will man auch hier sich mit Annäherungs¬ 
werten, wie sie die reichsgesetzliche Unfallversicherung bietet, be¬ 
gnügen und danach das Arbeitseinkommen der rund 20 Millionen 
zwangsversicherten Personen 1 ) auf rund 16 Milliarden Mark ver¬ 
anschlagen, so würde sich ein durchschnittlicher Satz von 10°/ 0 er¬ 
geben — ein Satz, der auch nach sonstigen Wahrnehmungen im 
großen und ganzen wohl zutreffen mag, aber häufig auch ganz er¬ 
heblich überschritten wird, wie später anzuführende Materialien des 
näheren ergeben werden; denn zuverlässige Ergebnisse können nur 
Sondererhebungen bieten, wie sie verschiedene städtestatistische 
Ämter über Arbeiterhaushalte veranstaltet haben, oder fortlaufende 
Beobachtungen, wie sie die Gewerbeaufsichtsbeamten zu machen in 
der Lage sind, fachwissenschaftliche Untersuchungen, statistische 
Erhebungen der Arbeiterorganisationen u. s. w. 

Über die Frage, ob eine Jahresausgabe von fast drei 
Milliarden Mark für alkoholische Getränke bei unseren wirt¬ 
schaftlichen Verhältnissen als eine übermäßige anzusehen ist, sind 
die Ansichten geteilt. Die einen erblicken in dem steigenden Ver¬ 
brauch von Getränken, insbesondere Bier, wie in dem anderer Ge¬ 
nuß- und Nahrungsmittel einen ganz natürlichen Ausdruck des zu¬ 
nehmenden Wohlstandes und in der zunehmenden Kaufkraft der 
breiten Massen eine zunehmende Erweiterung des Konsumenten¬ 
kreises, welche zugleich eine Verringerung des auf den einzelnen 
Konsumenten entfallenden Trinkquantums bedeute, da die Gesamt-? 
menge sich auf eine stets steigende Kopfzahl verteile; sie bestreiten 
daher die Gefahr einer „Alkoholisierung“ des deutschen Volkes, zu¬ 
mal es andere Länder gebe, in denen noch viel mehr getrunken 
werde. Die anderen wollen dies nicht gelten lassen, weil ziffern- 

l ) Bei dieser Abrundung ist die Doppelzählung von ca. I 1 /* Millionen (in In¬ 
dustrie und Landwirtschaft beschäftigten) Personen auf die ca. 2 Millionen noch 
nicht unfallversicherten (in Handwerk, Handel und Kleingewerbe beschäftigten) 
Personen verrechnet worden. Vergl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche 
Reich, 1905, S. 265. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



76 


Beiträge! zur Alkoholfrage. 


Digitized by 


Deutsches Reich. 


Jährliche 
Ausgaben für 
alkoholische 
Getränke. 
(282« Mül. 
Mark). 



Betrag der 
Reichs¬ 
schulden. 1 ) 
(2933 Mill. 
Mark). 



Jährliche 
Aufwendun¬ 
gen für 
Landheer 
und 

Marine 1 ) 

(1903) 

(858471000 

Mark). 



Jährliche 
Aufwendun¬ 
gen für die 
gesamte 
Arbeiterver- 
sicherung*) 
(488114000 
Mark). 



Jährliche 
Aufwendun¬ 
gen für die 
öffentlichen 
Volks¬ 
schulen. 8 ) 
(419 Mül. 
Mark). 



*) Vergl. die Entwicklung der deutschen Seeinteressen im letzten Jahrzehnt. 
Nr. 67 der Drucksachen des Reichstags, II. Session 1905/1906, S. 262. 

*) Vergl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, 1905, S. 262/272. 

8 ) Vergl. Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, 1905, S. 218. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Beiträge zur Alkoholfrage. 


77 


mäßige Nachweise für eine Verminderung des auf den Kopf der 
Konsumenten alkoholischer Getränke entfallenden Durchschnitts¬ 
quantums nicht zu erbringen seien, im Gegenteil die Folgeerschei¬ 
nungen, welche übermäßiger Alkoholgenuß auf den verschieden¬ 
sten Gebieten unseres Volkslebens zur Erscheinung bringe, keine 
Abschwächung erkennen lassen und höherer Verdienst häufig nur 
zu noch höheren Ausgaben für alkoholische Getränke verwendet 
werde. 

Das einschlägige Tatsachenmaterial wird in den späteren 
Artikeln zur Darstellung gelangen. Einstweilen mag hier darauf 
hingewiesen werden, daß eine jährliche Ausgabe von fast drei 
Milliarden Mark für alkoholische Getränke ebensoviel ausmacht, 
wie die gesamte Reichsschuld, dreimal soviel wie der Aufwand 
für die Unterhaltung von Heer und Flotte, sechsmal soviel wie 
die Jahresausgabe der gesamten Arbeiterversicherung und 
siebenmal soviel als die Aufwendungen für die öffentlichen Volks¬ 
schulen (vergl. die graphische Darstellung und bezüglich der dort 
angeführten Zahlen: Die Entwicklung der deutschen Seeinteressen 
im letzten Jahrzehnt, Nr. 67 der Drucksachen des Reichstags, II. Session 
1905/1906, S. 262; Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich, 
1905, S. 218, 262—272). 


Die Trunksucht und die Haushaltung der deutschen Städte. 

Von 

Dr. med. B. Laquer, Wiesbaden. 

„Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts.“ 

Th. Fontane. 

Den Stadtverwaltungen Deutschlands ist ja in den letzten 
Jahren vielfach der Vorwurf gemacht worden, daß sie in sozial¬ 
politischen Dingen zu langsam vorgingen; in England, Frankreich, 
Belgien habe man schon in Form des Munizipalsozialismus be¬ 
gonnen, die ganze städtische Verwaltung vom Standpunkte sozialer 
Reformtätigkeit aus zu betrachten und ganz neue dahin zielende 
Programme aufzustellen. Diese Vorwürfe vermochten die deutschen 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



78 


Dr. med. B. Laquer. 


Digitized by 


Städte gelegentlich der großen Ausstellung in Dresden 1903 leicht 
zu widerlegen; von neutraler Seite sind die neuen Wege der 
sozialen Fürsorge, welche die Arbeiterversicherung bei den Städten 
und Gemeinden angeregt, in dem Heft V der Schriften des Reichs¬ 
versicherungsamtes, die für die Weltausstellung in St Louis ver¬ 
öffentlicht wurden, anerkannt worden. 

Unsere Aufgabe gilt jedoch einem besonderen Teile der 
kommunalen Fürsorge, dem Kampf gegen die Trunksucht, der aller¬ 
dings bislang von den Städten nicht kräftig genug unterstützt 
wurde; findet sich doch in den zwölf Bänden des „Statistischen 
Jahrbuchs deutscher Städte“ nur im 8. Bande eine kleine vier 
Seiten umfassende, rein statistische Abhandlung über die Gast 
und Schankwirtschaften von 54 deutschen Städten, als Beitrag zur 
sog. Bedürfnisfrage. 

Auch in dem obige Ausstellung beschreibenden Werke „Die 
deutschen Städte“ von Prof. R. Wutke, Leipzig 1904, enthält das 
22. Kapitel „Über Armenpflege und Wohltätigkeit, bearbeitet von 
Y. Bö hm er t“, dem Dresdener Sozialpolitiker, nichts in Richtung 
der Anti-Alkohol-Tätigkeit der Städte. Hingegen in den beiden im 
Anschluß an die Ausstellung von Oberbürgermeister Dr. A dickes in 
Frankfurt a. M. und Geh. Reg.-Rat Beutler in Dresden am 2. Sep¬ 
tember 1903 auf dem ersten deutschen Städtetage gehaltenen Vor¬ 
trägen *) „Über die sozialen Aufgaben der deutschen Städte“, 
streift Dr. Adickes S. 30/31 die Beteiligung derStädte am Kampf gegen 
den Alkoholismus; erbetont die Möglichkeit einer Verstadtlichung 
des Wirtschaftsgewerbes in Form des Gothenburger Systems, weist auf 
die skandinavischen Erfahrungen hin und schließt unter Hinweis „auf 
die in letzter Zeit wiederholt geschilderte ungeheure Schä¬ 
digung der wirtschaftlichen und moralischen Gesundheit 
unseres Volkes“ mit dem Wunsche, „daß diese Gefahr mehr, 
als dies bisher leider der Fall, anerkannt würde“ und mit 
dem Aufruf an die Städte „die ihnen zu Gebote stehenden 
Mittel in diesem Kampfe gegen den Alkohol eifrig und 
kräftig zu benutzen.“ 

Wir vermissen an dieser so beherzigenswerten Ermahnung 
nur eins, nämlich das, was heutzutage den Holzschnitt der 
früheren Zeiten als Verdeutlichungsmittel abgelöst hat — eine 
Zahl oder vielmehr die Zahlen über den Schaden, welchen der 


l ) Duncker & Humblot, Leipzig 1904. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Tranksucht und die Haushaltung der deutschen Städte. 


79 


Alkoholmißbrauch den städtischen Haushaltungen zufügt. Einige 
solche Zahlen, die den Vorzug haben, daß sie neu sind, sollen 
diese Zeilen bringen; ich hoffe mit ihnen das Wort eines eng¬ 
lischen Staatsmannes zu widerlegen „I can prove anything by 
figures except the truth.“ 

Böhmert hat 1. c. S. 653 40 deutsche Städte mit mehr als 
50000 Einwohnern zusammengestellt nebst deren gesamten ordent¬ 
lichen Ausgaben für das öffentliche Armenwesen aus dem Jahre 1885 
gemäß der großen „Reichs-Armenstatistik“ 

Während 1885 die Bevölkerung dieser 40 Städte, die zwischen 
50377 (Potsdam) bis 1315287 (Berlin) betrugen, im ganzen 4610000 
Einwohner umfaßte, betrugen die Gesamtausgaben dieser 40 Städte 
für ihr Armenwesen im Jahre 1885 23% Millionen Mark. 

Ein anderer Statistiker, H. Silbergleit, Direktor des sta¬ 
tistischen Amtes in Magdeburg, jetzt in Schöneberg bei Berlin, hat 
im Heft 61 der Schriften des Deutschen Vereins für Armenpflege 
und Wohltätigkeit eine Übersicht der Armen-Finanzen von 108 
deutschen Städten aus dem Jahre 1900 veröffentlicht; diese 108 Städte 
umfassen eine Seelenzahl von 12% Millionen, d. h. etwa */ 5 der 
Bevölkerung des gesamten deutschen Reiches; in diesen 108 Städten 
sind von den oben genannten 40 Städten alle, ausgenommen eine, 
also 39 Städte mit ihren Armen-Budgets und zwar für das Jahr 1900 
aufgeführt. Während die Bevölkerung dieser 39 Städte in den 
15 Jahren zwischen 1885—1900 sich ungefähr verdoppelt hat, 
d. h. von 4600000 auf 9100000 gestiegen ist, sind die Ausgaben 
für das Armenwesen nur etwa um das l 1 ^fache, nämlich von 
23 , |2Millionen Mark auf 37 3 |4 Millionen Mark gestiegen. Diese hinter 
der Bevölkerungszunahme zurückbleibende Zunahme der Armen¬ 
lasten läßt den bekannten aber zahlenmäßig 1 ) schwer erbringbaren 
Schluß (s. a. Bühl, Das Armenwesen, Handbuch der Hygiene 1905, 
Suppl.-Band S. 10) zu, daß die sozialpolitische Gesetzgebung der 
verflossenen 15 Jahre die Armenhaushaltungen der Städte um be¬ 
deutende Summen entlastet hat. Die Gesamtausgaben jener 108 
Städte für Armenpflege betrugen übrigens im Jahre 1900 rund 
ca. 45 Millionen Mark; die aller deutschen Städte laut Bühl 1. c. 
70—75 Millionen Mark. — Wenn wir nun fragen, mit welchem 
Prozentanteil der zur Trunksucht und zur Verelendung und zur 
Arbeitslosigkeit führende Alkoholmißbrauch den Armenhaushalt der 


*) Vergl. Olshausen, Soziale Praxis 1909, Nr. 42. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITV 



80 


Dr. med. B. Laquer. 


Digitized by 


deutschen Städte belastet, so haben wir zwei neuere 1 ) Spezial¬ 
zahlen zur Verfügung. Die eine stammt von dem Landrichter 
Popert in Hamburg. Er schreibt Seite 12 seines Schriftchens: 
„Hamburg und der Alkohol“, 2. Auflage, Hamburg 1903, folgendes: 
In den Nummern 8. 9. 10. der Blätter für das Hamburgische 
Armen wesen 1902, findet sich ein Aufsatz: Die Aufgaben der 
öffentlichen Armenpflege gegenüber trunksüchtigen Personen. In 
No. 9 auf Seite 44 ist ausgesprochen, daß der Teil der Armuts¬ 
fälle, der auf den Trunk zurückzuführen sei, mit 50°/ 0 kaum zu 
hoch angegeben werden dürfte. Popert fügt hinzu: „Um nicht 
zu weit zu gehen, will ich annehmen, daß diese Zahl um mehr 
als das Doppelte übersetzt sei, uud will nur 20 °/ 0 einstellen.“ 

Die andere Aufstellung hat Pütter, früher Stadtrat in Halle, 
jetzt Verwaltungsdirektor der Königlichen Charitö in Berlin, ver¬ 
öffentlicht „aus der Praxis einer größeren Provinzialstadt“ unter dem 
Titel: „Trunksucht und städtische Steuern“ (Halle 1902, Buchhand¬ 
lung der Stadt-Mission), ebenfalls in zweiter Auflage. Obgleich nur 
23 Seiten stark, gibt das Schriftchen interessantes Aktenmaterial 
über Trunksüchtige, über die Zahl der Schankkonzessionen in Halle 
und ihr Verhältnis zur Seelenzahl, über Stand und Herkunft der 
Schankwirte daselbst etc. — Pütter schließt mit folgenden Worten: 
„Der Schaden, der durch den Alkoholkonsum für unser Volk ent¬ 
steht, ist ungeheuer groß; aber auch die einzelnen Kommunen 
spüren ihn am eigenen Geldbeutel. Die Stadt Genf hat statistisch 
etwa 90 °/ 0 aller Armenunterstützungsfälle auf Trunksucht zurück¬ 
geführt. Deutsche Städte haben die Probe noch nicht gemacht, 
man wird aber nicht zu hoch greifen, wenn man etwa ein Drittel 
der öffentlichen Armenlasten dem Alkoholismus zuschreibt; dies 
Drittel würde für Halle a d. S. über 200000 Mark ausmachen. 
Nimmt man an, man könnte infolge geeigneter Gesetze und sonstiger 
Maßregeln vorbeugend gegen die Trunksucht wirken und etwa 
100000 Mark ersparen, so würde damit der Steuerzahler in Halle 
bei der Gemeindeeinkommensteuer um mehr als 6% oder bei den 
Realsteuem um mehr als 12 °/ 0 erniedrigt werden können.“ 

Wir werden die Pütt er sehe Zahl von 33 1 I 3 °/ 0 laut Rück¬ 
sprache mit Kennern der Verhältnisse unseres Armenwesens als 
durchaus nicht zu hoch ansehen. Wir kennen ferner ungefähr die 

*) Aus der früheren Literatur verweisen wir auf den Aufsatz von Stadtrat 
Samter, Charlottenburg, Der Alkoholismus 1904, S. 257 und den eig. Aufsatz: 
diese Ztschr. Maiheft 1905. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSUf 



Die Truuksucht und die Haushaltung der deutschen Städte. 


81 


Gesamtausgaben der im Statist. Jahrb. f. d. deutsche Reich 1905, 
S. 5 aufgeführten 3360 kleinen Mittel- und Großstädten, welche 
am 1. Dezember 1900 über 2000 Einwohner und zusammen 
30633075 Einwohner zählten; dieselben betragen ca. 70—75Millionen 
Mark jährlich 1 ). Nach der Pütterschen Zahl würden also die 
deutschen Städte jährlich um ^ ihres Armenetats, d. h. mit 20 bis 
25 Millionen Mark durch den Alkoholismus belastet werden, die 
Armenausgaben des gesamten deutschen Reiches, welche Bühl 1. c. 
auf 150 Millionen schätzt, um etwa 50 Millionen Mark. 

Gegenüber diesen Zahlen 2 ) möchten wir folgendes bemerken: 
von den 3360 Städten über 2000 Einwohner waren laut Jahres¬ 
bericht unseres Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger 
Getränke kaum 150 Städte, also kaum 3°/ 0 korporativ unserem 
Verein angeschlossen. Wo bleiben die übrigen 3200 Städte? Wo 
bleiben Städte wie Hamburg 8 ), Stettin, Bromberg, Liegnitz, Beuthen, 
Aurich, Königsberg i./Pr., Elbing, Insterburg, Gumbinnen, Marburg, 
Merseburg, Stralsund, Cöslin, Biebrich, Freiburg i. B., Ludwigs¬ 
hafen, Nürnberg u. s. w.? 

Sollten die einzelnen Stadtverwaltungen, insbesondere die 
Armenverwaltungen, aber auch die großen Kommunalverbände es 
nicht für eine ihrer ersten und ernstesten Pflichten ansehen jenen 
Verein zu unterstützen, der gerade von Stadtpolitikern wie Miqnel 
und Struckmann gegründet, gegen den Alkoholismus seit 3 Jahr¬ 
zehnten kämpft? Wenn jede Stadt jährlich nur 10 oder 20 Mark 
beisteuert, wie viel mehr könnte unser Verein mit diesem Mehr¬ 
beträge seiner Einnahmen, der 30000 beziehentlich 60000 Mark 
ausmachen würde, leisten? Die Gesamtbeiträge der genannten 150 
Städte umfassen bisher nur die Summe von ca. 3000 Mark, d. h. nur 
die Hälfte dessen, was das Reichsamt des Inneren unserem Verein 


*) Gemäß der 1885er Reichsarmenstatistik, wonach gerade die Hälfte der 
Reichs-Armenausgaben auf städtische Gemeinden fällt und gemäß der von Bühl 
(1. c.) angeführten Schätzung. 

*) In Berlin werden nach Münsterberg, dem Leiter der dortigen 
Armenpflege, jährlich ca. 8000 Frauen mit ihren Kindern als eheverlassen unter¬ 
stützt; das bedeutet eine Ausgabe von mindestens 300000 Mk.; in fast allen 
Fällen — fügt M. hinzu — sind Trunksucht und Liederlichkeit des Mannes die 
Hauptursache. S. diese Zeitschrift 1905, Nr. 4; auch sep. ersch. bei B. G. Teubner 
1906 in der Sammlung: Aus Natur- u. Geistes Welt. 

*) Der Hamburgische Staat gibt allein für die Nährpflichtversäumnisse, bei 
denen die dazu Berufenen versagen, — 400000 Mk. aus, 1. c. nach Popert, 
also l /» mehr als Berlin. 

Der Alkoholismas. 1906. 


Digitized by GCK 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



82 


Dr. med. B. Laquer. 


Digitized by 


als jährlichen Zuschuß gewährt. Wir richten an jeden Stadtverord¬ 
neten und jedes Magistratsmitglied der Städte, insbesondere an die 
Dezernenten der Armenverwaltungen und an die Mitglieder der 
Armendeputation, aber auch an alle Ortsarmenverbände der länd¬ 
lichen Gemeinden und Gutsbezirke die Bitte, für den werktätigen 
Erfolg dieser Zeilen einzutreten. 

Neben dieser Verpflichtung 1 ), dem Verein gegen den Mi߬ 
brauch geistiger Getränke zu Berlin beizutreten, der ja von sich 
aus immer nur Anregungen genereller Natur zu geben vermag, 
können natürlich die Städteverwaltungen auch einzeln für sich 
gegen die Trunksucht vorgehen. Hier gilt als Ziel das von 
Adickes oben erwähnte Gothenburger System, als ein Versuch, 
auf gemeinnütziger Basis Wirtschaften zu errichten, den Profit¬ 
hunger sowohl der Alkoholerzeuger, als der von ihnen abhängigen Ver¬ 
schleißer berauschender Getränke einzuengen, in die geschlossene 
Kette: Erzeuger, Verschleißer, Verbraucher den Ring: Gemeinnützig¬ 
keit einzufügen, die Erträgnisse jedoch zur Bekämpfung des Al¬ 
koholismus oder für sonstige Fürsorgezwecke zu verwenden. Natür¬ 
lich wäre dieser Weg nur langsam, tastend mit möglichst geringem 
Risiko von städtischen Kapitalien zu beschreiten, und mit Aus¬ 
schaltung der dem Gothenburger System anhaftenden Fehler (s. 
Bremer Kongreß gegen den Alkoholismus S. 208—241). In dieser 
Hinsicht wäre z. B. das Vorgehen der Wiesbadener Stadtverwaltung 
vorbildlich, die dem Bezirksverein gegen den Mißbrauch geistiger Ge¬ 
tränke die Erlaubnis zur Errichtung und Führung der Baukantine 
bei dem Kurhaus-Neubau, der 3—400 Arbeiter beschäftigt, erteilte. 
Alle Städte, die größere Bauten vergeben, sollten in den Verträgen 
die Baukantinen, die häufig von Maurerpolieren oder gar von den 
Bauunternehmern selbst geführt werden, in obiger Weise dem 
Privatgewinn und somit der Beförderung des übermäßigen Alkohol¬ 
konsums entziehen. Diese Kantinen müssen wohl Bier, dürfen 
aber keinen Schnaps führen, ihre Verwalter (am besten Enthalt¬ 
same) wären jedoch auf festen Gehalt anzustellen und hätten 
keinerlei Privatinteresse am Alkoholverkauf. Die alkoholfreien 
Getränke müssen in billiger und vorzüglicher Qualität vorhanden 
sein. Eine zweite in Wiesbaden an Hess. Ludw.-Bahn, dem be- 

') Die Fragen der Entmündigung von Trunksüchtigen, die der Armenpflege 
anheimzufallen drohen, und ihre zwangsweise Unterbringung in Heilstätten sind 
sind in den Schriften des V. f. Armenpflege-Wohltätigkeit von Waldschmidt- 
Samter, Münsterberg u. s. w. ausführlich behandelt worden. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Trunksucht und die Haushaltung der deutschen Städte. 


83 


lebtesten Punkt der Stadt errichtete alkoholfreie Kantine set 2 ;t 
jährlich ca. 25000 Mark um. Die Ernährung durch Suppen, Fleisch, 
Gemüse, z. B. Reis, hat nach hygienischen Grundsätzen zu erfolgen. 
Die Speisen dürfen nicht zu gewürzt sein. In amerikanischen 
Arbeiterwirtshäusem, den sog. bars ,werden als hors d’oeuvres Käse, 
Salat, Anchovis gratis verabreicht, um den Durst anzuregen! Die 
städtischen Gasanstalten, Elektrizitätswerke, Trambahnen - Depots, 
Schlachthäuser, ferner Ziegeleien etc. bieten die gleichen Chancen 
für solche Kantinen. 

Auf Grund der Erfahrungen an solchen Einrichtungen, die den 
Alkoholkonsum während der Arbeit in mäßigen Grenzen halten, bezw, 
langsam ganz verdrängen, bewerben sich diese Vereine weiterhin 
auch um die Schankkonzessionen in neuen Stadtteilen, besonders in 
Vororten, in Arbeitervierteln. Diese Verstadtlichung der Gastwirt¬ 
schaften ist ja in England, wo 90 Gasthäuser gemeinnützig verwaltet 
werden, schon angebahnt. Hierbei wären auch die Erfahrungen 
des in Deutschland wirkenden Vereins: „Gasthausreform“ und 
seines Gen.-Sekretärs Dr. Bode-Weimar, der für das gleiche Ziel 
seit Jahren kämpft, zu verwerten. Vergl. die Schriften von Bode 
„Vertrauensgesellschaften für Gasthausverwaltung“, Weimar 1902, 
Germershausen „Zur Reform des Schankkonzession wesen“, „Die 
Schankstätte eine Gemeindeangelegenheit“, Berlin 1903 und Eggers 
Internat. Monatschrift 1905 passim. 

In Schweden*) bekommen die Städte 7xo der Gewinne 
aus den verstadtlichten Wirtschaften ohne bestimmte Auflage 
für die Verwendung der Gelder. Wie groß dieser Gewinn ist, 
beweist der Umstand, daß Vs der städtischen Einnahmen Gothen- 
burgs überhaupt, einer Stadt von 122000 Einwohnern, aus diesen 
Wirtschaften stammt. Dieses Ergebnis ist natürlich eine große 
Verlockung und Gefahr für eine kurzsichtige Kommunalsteuer¬ 
politik. Hier ist die norwegische Methode vorzuziehen, wonach 
die Stadtgemeinden nur 15 °/ 0 des Reingewinns bekommen, 20% 
werden an Mäßigkeitsgesellschaften zur Verbesserung von Ar- 


l ) Bergen 

( 65000 Einw.) 

hat 

13 

Branntwein-Y erkaufsstellen 

Danzig 

(126000 

„ ) 


489 

ii 

ii 

Bremen 

(148000 

» ) 

11 

1044 

ii 

ii 

Gotenburg 

(122000 

» ) 

11 

75 

ii 

ii 

Christiania (183000 

„ ) 

H 

74 

ii 

ii 

Halle 

(158000 

V ) 

11 

563 

ii 

ii 


Ganz Sohweden soviel als — Stettin, nämlich 1024! 

6 * 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



84 


Dr. med. B. Laquer. 


Digitized by 


beiterwohnungen, öffentlichen Bädern, zur Förderung von Volks¬ 
konzerten, Volkstheatern, Vorlesungen, Lesehallen und des öffent¬ 
lichen Sports verteilt; 65°/ 0 erhält der Staat zur Bildung eines 
Fonds für Gründung einer Alters- bezw. Witwen-, und Waisen¬ 
versicherung 1 ). So haben die Stadtverwaltungen Norwegens i. J. 1895 
ca. 3 Mill. Mark Erträgnisse aus 51 Samlags stammend zu ge¬ 
meinnützigen Zwecken verteilt bei einem Gesamt - Grundkapital 
von 800000 Mark und bei einer Gesamtseelenzahl von x / 2 Million 
Menschen, die in den Städten Norwegens überhaupt wohnen. Die 
Stadt Leeds, etwa so groß als Köln oder Breslau, bezieht jährlich 
440000 Mark von ihren Gasthaus-Trust-Gesellschaften. 

Man schätzt das in britischem Kapital in Temperenzhotels, 
Restaurants, Kaffeehäusern angelegte Kapital auf 120 Millionen 
Mark, die sich auf 30000 Etablissements verteilen mit einem Um¬ 
satz von 240 Millionen Mark und einer Verzinsung von 6—7 °/ 0 ; 
100000 Menschen sind dabei beschäftigt. 

Um Mißbräuche und Angriffe zu vermeiden müßten diese 
gemeinnützigen Gesellschaften Mitglieder des Magistrats der Städte, 
z. B. der Armenverwaltung kooptieren und ihre Jahresberichte ver¬ 
öffentlichen. 

Auch in Deutschland hat man mit der Errichtung solcher 
Wirtschaften begonnen: 

Die westfälische Landgemeinde Recklinghausen hat in 
Langenbochum in der Nähe der großen Zechenkolonie der Zeche 
Schlägel und Eisen (Schacht III/IV) ein Gemeinde-Gasthaus mit 
eigenem Wirtschaftsbetriebe errichtet, in welchem zugleich eine, 
jedermann ohne Trinkzwang zugängliche Lesehalle sowie Wannen- 
und Brausebäder eingerichtet sind. Die Bücherei für diese Lese¬ 
halle hat der Landkreis Recklinghausen gestellt. Das Gemeinde- 
Gasthaus wird von einem Beamten geleitet, der mit festem Gehalt 
angestellt und nur an dem Verkaufe alkoholfreier Getränke durch 
Beteiligung am Reingewinn interessiert ist. Eine zweite ähnliche 
Einrichtung wird für Hüls (gleichfalls Landgemeinde Reckling¬ 
hausen) geplant (persönliche Mitteilungen des Herrn Dr. von Ge sch er, 
Reg.-Präs. zu Münster i. W.), ferner für Heissen b. Essen. Eine 
Anlage am Schlüsse des Aufsatzes enthält ferner die vortreffliche 
Eingabe des San.-Rat Neuroth-Oberursel, welcher die Veröffent¬ 
lichung durch die freundliche Vermittlung des „Sozialen Museums“ 
in Frankfurt a. M. gestattete. 

*) S. Mäßigkeits-Blätter vom Dezember 1905. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Die Trunksucht und die Haushaltung der deutschen Städte. 85 

Gegenüber dem Vorwurf, daß diese Ziele den Gastwirts- bezw. 
Mittelstand bedrohen, möchten wir folgendes bemerken: 

1. Werden die Verwalter der Kantinen sich gerade aus dem 
Mittelstand rekrutieren; das übliche Kapitalrisiko zur Errichtung 
einer Wirtschaft wird ihnen jedoch erspart. 

2. Werden die Verwalter nicht wie die sogenannten „Zapfer“, 
abhängig von den Brauereien, sondern von einer gemeinnützigen 
Gesellschaft, die den Konsumzwang nicht fordert. 

3. Wird der Gastwirtsstand, der sich oft und öffentlich über 
die Minderwertigkeit mancher seiner Mitglieder (s. Pütter 1. c.) 
beklagte, von diesen Mitgliedern befreit. 

4. Daß die Verstadtlichung der Wirtschaften die Erkrankungs¬ 
und Sterbeziffer der Gastwirte und anderer männlichen Personen 
des Alkoholgewerbes, welche Prof. A. Guttstadt, Mitgl. des statist. 
Amtes, im Klin. Jahrb. Bd. XII 1904 schilderte, herabmindem 
würde, vermag der Kenner der Verhältnisse nicht zu bezweifeln. 

5. „Das Wirtsgewerbe kann einen Puff vertragen“ sagt und be¬ 
begründet Oldenberg 1 ) mit Recht; es ist kein nationales Un¬ 
glück, wenn sich etwas weniger Leute dem Wirtschaftsgewerbe 
und mehr den andern Industrien zu wenden. 

6. Bestehende Gerechtsame müssen natürlich geschont werden; 
es handelt sich um allmähliche Reformen. 

Ich habe in einer kleinen Arbeit: „Alkoholismus und Arbeiter¬ 
frage“, Medic. Klinik 1905 No. 41/43, unter Ansatz verhältnismäßig 
niedriger 2 ) Zahlen nachzuweisen gesucht, daß allein die nach 
obigen Grundsätzen eingerichteten Fabriks-Arbeiter-Kantinen in 
Deutschland insgesamt 120 Millionen Mark Reingewinn abwerfen 
würden. Die Beteiligung der deutschen Lohnarbeiter, die von ihren 
8 Milliarden Löhnen mindestens 10°/ 0 —20% für Alkohol ausgeben, 
am Kampfe gegen einen ihrer schlimmsten Feinde wäre ein Mittel, 
um ihnen das Gefühl der Selbsthilfe und der Selbsterziehung wieder 
einzuprägen. Wieviel Ledigenheime und Volkspaläste könnten von 
diesen Reingewinnen gebaut und unterhalten werden? (s. Rown- 
tree und Sherwell, diese Zeitschrift 2. Jahrgang 1901, S. 70). 

Über die Verhältnisse auf dem flachen Lande berichtete in 

*) Oldenberg: Arbeiterschutz in Gast- und Schankwirtschaften. Schriften 
der Ges. f. sociale Reform Heft 3/4, Jena 1902. 

' 9 ) Weit höhere gibt G. Zacher in zwei Aufsätzen im „Arbeiterfreund“ und 
in der „Arbeiterversorgung“ 1904. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



86 


Dr. med. B. Laquer. 


Digitized by 


Münster Dr. H. Sohnrey; sein Referat erscheint im „Mäßigkeits¬ 
verlag“ und im Januarheft der Zeitschrift „Das Land“. 

Zum Schlüsse möchte ich noch den Wunsch aussprechen, daß 
in gleicher Weise wie die Belastung des Armenwesens in diesem, 
mehr als Anregung gedachten Aufsatz, der Arbeiterversicherung 
in dem großzügigen Referat von Reg. Rat Dr. Wey mann („Mäßig¬ 
keitsverlag“) Berlin auch die finanzielle Alkoholbelastung der Irren- 
und Idiotenpflege, der Waisenhäuser, der Polizei, der Rechts¬ 
pflege 1 ) zahlenmäßig dargetan würde, und daß es auch gelänge, 
in Mark und Pfennig die ArbeitsVersäumnisse 2 ), die z. B. der „blaue 
Montag“ zur Folge hat, festzustellen. Nur so wäre es möglich, 
„die Bilanz des Alkoholismus“ aufzustellen. 


Anlage: 

Obemrsel i. Taunus, den 5. Dezember 1905. 

An 

die städtischen Körperschaften, Magistrat und Stadtverordneten 

Oberursel. 

In der Erwartung, daß unsere Stadt in den nächsten Jahren eine erhebliche 
Ausdehnung ihres Weichbildes und eine entsprechende Zunahme der Einwohner¬ 
schaft erfahren dürfte, daß hiermit auch eine Vermehrung der Schankwirtschaften 
stattfinden wird, erlaubt sich der Unterzeichnete dem verehrlichen Magistrat und 
den Stadtverordneten folgendes zur Erwägung anheim zu stellen: 

Bei den seither geübten Konzessionserteilungen zum Betriebe von 
Schankwirtschaften haben sich meines Erachtens schwere Mißstände 
herausgestellt, welche dringend einer Abhilfe bedürfen. 

1. Die zum Betriebe einer Schank- und Gastwirtschaft verliehene Konzession 
stellt für deren Inhaber ein beträchtliches staatliches Geschenk, ein Privilegium 
dar, welches ihm ohne größere Gegenleistung (als allenfalls eine geringe Betriebs¬ 
steuer) eine gesicherte, oftmals sogar eine reichliche Lebenshaltung verbürgt und 
eine Konkurrenz nahezu ausschließt, weil letztere nur bei nachgewieseuem „Be-* 
dürfnisse“ stattfinden kann, so daß sich also eine Analogie höchstens in den 
privilegierten Apotheken, sonst aber bei keinem anderen gewerblichen Unter- 


*) 150000 Personen werden alljährlich vor den Gerichten Deutschlands in¬ 
folge von im Trunk begangenen Vergehen und Verbrechen belangt; die Kosten 
des Strafvollzugs betragen pro Person Mk. 140, i. S. also 20 Mill. Mk.l In der 
Statistik des Herzogtums Sachsen-Meiningen, Bd. X, Nr. 1 findet sich — meines 
Erachtens zum überhaupt erstenmal — der Hinweis auf Zwangsversteigerungen 
als Folge des durch den Trunk verursachten Vermögensverfalles; diese Statistik 
ist auch in anderer Hinsicht vorbildlich. 

2 ) Ansätze zu dieser Statistik finden sich bei Asmussen, Internat. Mon„ 
Schrift 1899, S. 154 und bei Stehr, Alkoholgenuß und wirtschaftliche Arbeit, 
Jena 1904, S. 188. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Die Trunksucht und die Haushaltung der deutschen Städte. 87 

nehmen in derselben Art wiederfindet. Dieser staatliche Schutz, diese Förderung 
des Schankgewerbes bedingt naturgemäß, daß die Gastwirtschaften in einem höheren 
Verkaufswert stehen, als andere ähnliche gewerbliche Anlagen, weil ja der Unter¬ 
nehmer, wenn er auch nur eine Personalkonzession hat, doch bei bürgerlich 
guter Führung niemals zu befürchten braucht, daß ihm die Konzession jemals 
entzogen werde, weil er sie getrost auf seinen Erben übertragen lassen kann, 
weil er sie beim Verkaufe seines Anwesens an einen Dritten in gebührende An¬ 
rechnung bringen wird, so daß also die Personalkonzession eine regelrechte 
Realkonzession bedeutet. 

2. Die Konzession zum Schankbetrieb ist somit ein wertvolles Geschenk, 
welches der Kreisausschuß, bezw. die Stadt einem Jeden, er sei fremd oder ein¬ 
heimisch, machen muß, wenn der Betreffende nur die äußeren Verhältnisse der 
Stadt richtig zu erkennen versteht. Dabei kommt es gar nicht in Betracht, ob 
der Bewerber etwas von seinem zukünftigen Gewerbebetriebe versteht, er hat 
den Nachweis zur Befähigung nicht zu erbringen, er hat kein Examen abzulegen, 
seine Vorbildung ist nebensächlich, und trotz alledem wird ihm das Privilegium 
erteilt, falls er seine bürgerliche Unbescholtenheit nachweist und etlichen bau¬ 
polizeilichen Bestimmungen nachkommt, auf welche ihn sein Architekt aufmerk¬ 
sam macht. 

3. Dieses staatliche und mehr oder weniger auch stattliche Geschenk ist 
gegebenenfalls nicht nur ein einmaliges, sondern es muß ihm unter Umständen 
wiederholt gegeben werden. Es hat sich ergeben, daß Wirte ihre Gastwirt¬ 
schaften zu einem hohen Werte veräußerten, sich in einer andern Straße ein 
entsprechendes Haus bauten, abermals eine Konzession zum Schankbetriebe er¬ 
hielten und die neue Wirtschaft abermals zum Verkaufe stellten. Die gesetz¬ 
lichen Bestimmungen der Gewerbeordnung hindern ihn nicht daran, daß er diese 
eigenartige und gewinnbringende Industrie der unentgeltlichen Entgegennahme 
staatlicher Geschenke so oft wiederholt, als es ihm beliebt. Insofern ist er auch 
noch dem Inhaber einer Apotheke gegenüber im Vorteil, als dieser nur ein 
einziges Mal eine staatliche Konzession erhält. Die Beschaffung des nötigen 
Kapitals zum Bau einer Wirtschaft ist Jedem heutzutage ohnehin erleichtert, da, 
wie bekannt, die Großbrauereien gerne das Hypothekengeld vorschießen und be¬ 
reitwilligst die Einrichtung sowie das gesamte Inventar stellen. 

4. Es hat sich ergeben, daß ein Unternehmer einen geeigneten Hausplatz 
kauft, die Zeichnung zu einer Wirtschaft einreicht gleichzeitig mit dem Gesuch 
um eine Konzession zur persönlichen Führung dieser Wirtschaft. Die Konzession 
wird ihm nun erteilt, und bevor er noch die Wirtschaft selbst eröffnet, verkauft 
er dieselbe mit einem angemessenen Nutzen an einen Dritten mit der bestimmten, 
ja sicheren Erwartung, daß dieser Käufer, ein Stadtfremder, gleichfalls mit der 
Personalkonzession bedacht werden muß. 

5. Solche Zustände sind geeignet, die Rechtsbegriffe zu verwirren und die 
öffentliche Moral zu depravieren. Der Staat gibt ja durch derartige Vorkomm¬ 
nisse geradezu den Anreiz für manche, sich Privilegien in unserer Stadt zu ver¬ 
schaffen, ohne daß dieselben auch nur das geringste im städtischen Dienst, oder 
zur Entfaltung des ökonomischen Wohlstandes der Bürger geleistet haben; es 
muß meines Erachtens solchen ungeheuerlichen Zuständen, wie solche durch 
die Gewerbeordnung legalisiert sind, entgegengetreten werden. Wenn das Gesetz 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Digitized by 


88 Dr. med. B. Laquer. Die Trunksucht und die Haushaltung etc. 

es erlaubt, daß Einzelne das Wachstum der Stadt mit staatlicher Begünstigung 
in der angedeuteten Weise ausnutzen, so müssen sich die städtischen Körper¬ 
schaften ihres Teiles angelegen sein lassen, diese Nutzungen auf ein bescheideneres 
Maß zurückzuführen. , 

6. Dieses kann m. E. auch an der Hand der Gewerbeordnung geschehen. 
Zwar darf die Konzession für das Gastwirtsgewerbe nur an physische Personen 
verliehen werden, allein wie macht es denn die königliche Eisenbahn mit den 
Bahnhofsrestaurants*? Wie denn die Fabriken und die Aktiengesellschaften mit den 
Kantinen? So kann es auch die Stadt in gleicherweise tun. Die Stadt, ver¬ 
treten durch den Magistrat, erwirbt in allen Fällen einer künftig zu begebenden 
Konzession durch den Bürgermeister namens der Stadt die ideelle Konzession 
oder die Vorkonzession und veräußert diese an den Bewerber nach Maßgabe eines 
Statuts. Die auf diese Weise erhaltenen Nutzungen und Beträge fließen den 
Wohltätigkeitsanstalten der Stadt zu. Auch bei Erledigung bestehender Kon¬ 
zessionen durch Verkauf kommt ein ermäßigter Satz in Anwendung. 

7. Dem Kreisausschuß bleibt immerhin und jedesmal noch das Recht, die 
Bedürfnisfrage selbständig zu prüfen, damit die Stadt nie in die Lage kommt, 
durch eine zu verschwenderisch gegebene Erlaubnis zurri Betrieb von Wirt¬ 
schaften sich solche vielleicht zu lukrativ zu gestalten. 

gez. Dr. med. Neuroth, San.-Rat. 


Die Alten und der Alkohol. 

Yon 

Dr. Schaefer, Oberarzt a. D. der Hamburger Irrenanstalt. 

(Auszug aus: Monumenta medica. 1 ) 

Belehrung (Abschreckungsmethode). 

Auch in andern Fällen wurden die Heloten äußerst hart und 
grausam behandelt. Man zwang sie oft, sich mit Wein zu berauschen 
und führte sie dann in die Speisesäle, um den jungen Leuten an 
ihnen zu zeigen, wie schändlich die Trunkenheit sei. 

Plutarch, Lykurg. 

Die alten Spartaner zwangen an ihren Festen die Heloten, 
vielen Wein zu trinken und führten sie dann in die Speisezimmer, 
um an ihnen den jungen Leuten zu zeigen, was Trunkenheit sei. 

Plutarch, Demetrius. 


*) Hamburg, Lüdeking, 1905. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTY 



Die Alten und der Alkohol. 


89 


Die Methode war praktisch. 

Verbot für die Frauen. 

Er hielt sie 1 ) zur Zucht und Ehrbarkeit an, untersagte ihnen, 
sich in fremde Dinge zu mischen und gewöhnte sie zur Nüchtern 
heit und zum Schweigen, indem sie sich des Weines gänzlich ent¬ 
halten mußten. Plutarcb, Numa. 

Verbot für Kinder. 

.... daß man z. B. hitzigen Naturen den Wein versagt, welchen 
Plato den Kindern verbietet. Seneca, Abhandlungen. 

Verbot für einen Volksstamm. 

Die Weineinfuhr ist bei ihnen 2 ) verboten, denn man wird da¬ 
durch nach ihrer Meinung zum Ausdauern bei den Strapazen zu 
weich und weibisch. Cäsar, Gallischer Krieg. 

Mißbilligung. 

So zum Beispiel gilt es bei ihnen 8 ) für sehr anständig, daß sie 
nach Alter und Freundschaft haufenweis Zusammenkommen zu Trink¬ 
gelagen, Männer, Weiber und Kinder. Herodot. 

Nüchternheit, erstes Erfordernis. 

„In erster Linie nun, Sokrates, kann man unmöglich einen ge¬ 
wohnheitsmäßigen Trinker zu einem gewissenhaften Menschen ma¬ 
chen 4 ). Denn der Rausch erzeugt Vergeßlichkeit in Bezug auf Er¬ 
füllung aller Pflichten. Xenophon, Wirtschaftslehre. 

Verlust des Haltes. 

Leute, die nicht viel Wein ertragen können, und die wissen, 
daß sie in der Trunkenheit frech und unartig werden, geben Befehl, 
daß jemand von den Ihrigen sie rechtzeitig heiniführe. 

Seneca, Abhandlungen. 

Saufkomment. 

Mir nämlich ist das, glaube ich, ganz klar geworden durch die 
Heilkunde, daß der Rausch den Leuten gar nachteilig ist, und ich 
möchte weder selbst gern zu weit gehen im Trinken, noch einen 
andern dazu bereden, zumal, wenn man noch schwer ist vom vori¬ 
gen Tage. — Wohl denn, habe Phädros, der Myrrhinusier, das Wort 

*) Die Frauen. 

*) Bei den Sueven. 

*) Bei den Kauniern. 

*) Bei der Wahl von Angestellten und Bediensteten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



90 


Dr. Schaefer. 


genommen, ich pflege dir schon immer zu gehorchen, zumal wenn 
du etwas in die Heilkunde Einschlagendes sagst; nun aber wollen 
es ja auch die übrigen. — Hierauf also wären alle übereingekom¬ 
men, es bei ihrem diesmaligen Zusammensein nicht auf den Rausch 
anzulegen, sondern nur so zu trinken, zum Vergnügen. 

Nachdem nun dieses schon beschlossen ist, habe Eryximachos 1 ) 
fortgefahren, daß jeder nur trinken soll, soviel er will und gar kein 
Zwang stattfinden soll. Plato, Gastmahl. 


Trinkerfamilie. 

Hierbei muß ich noch einen Punkt erwähnen, der indes von 
meinen Vorgängern nicht übersehen worden ist, daß nämlich die¬ 
jenigen, welche sich verheiraten, um Kinder zu bekommen, ent¬ 
weder gänzlich des Weingenusses sich enthalten müssen oder den¬ 
selben nur mäßig trinken dürfen. Denn diejenigen Kinder, welche 
von ihren Vätern in der Trunkenheit gezeugt worden sind, ergeben 
sich dem Trünke und werden gewohnheitsmäßige Säufer. Daher 
sagte auch Diogenes, als er einen ausgelassenen und tollen jungen 
Mann sah: „Junger Mann, dein Vater hat dich wohl in der 
Trunkenheit gezeugt“. 

So viel von der Erzeugung; ich komme nun auf die Erziehung. 

Plutarcli, Kindererziehung. 

Abstinenz. 

Was der Mensch ernstlich will, das kann er. Manche haben 
es fertig gebracht, nie zu lachen, andere haben sich des Weins, 
jeden Getränks enthalten. Seneca, Abhandlungen. 

Abstinenz und Takt. 

Wenn du deinen Körper einfach gewöhnt hast, so prahle nicht 
damit! Bist du ein Wassertrinker, so sprich davon nicht bei jedem 
Anlaß! Epiktet. 

Die Alten waren doch feine Leute. 

Zoterei. 

Willst du also ein musikalisches und harmonisches Wesen sein, 
so laß deine Seele nicht heraus, wenn sie beim Gelage vom Tau des 
Weines benetzt ist; denn da würde sie beschmutzt werden. 

Epiktet. 

*) Ein Arzt. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Alten und der Alkohol. 


91 


Zeichen der Trunkenheit. 

Endlich hat die Gewalt des Weines die Herzen durchdrungen, 

Und die verteilete Glut sich ein in die Adern geschlichen, 

Dann folgt Schwere der Glieder; der Gang wird schwankend, die Zunge 
Lallet, es schwimmen die Augen, die Seel’ ist selber betrunken. 
Lärm und Geschrei entsteht und Schluchzen und widrige Zanksucht, 
Und was immer noch pflegt in dergleichen Fällen zu kommen. . 

Lucrez. 


Rechthaberei. 

Beim Weine sprich nicht viel, um deine Bildung zu zeigen: 
denn du wirst galliges Wesen zu Tage fördern! Epiktet. 


Quantum. 

Wer mehr als drei Glas getrunken hat, ist trunken; ist er nicht 
trunken, so hat er doch das Maß überschritten. Epiktet. 

Geisteskrankheit 

Die Spartaner selbst'aber sagen: Nicht durch eine Gottheit wäre 
Kleomenes rasend geworden, sondern durch den Umgang mit den 
Skythen hätte er sich angewöhnt, ungemischten Wein zu trinken, 
und davon wäre er rasend geworden. Herodot. 


Verbrechen. 

Drei Reben trägt der Weinstock, die eine bringt die Lust, die 
andere den Rausch, die dritte die Freveltat Epiktet. 

In vino veritas. 

. . . andere lassen sich beim Saufen belauern. 

Xenophon, Sokrat. 

Abstinent und Sykophant. 

Der Nüchterne 1 ). 

Weniger schrecklich sind die Plejaden mir, wenn zu dem Meer sie 
Sinken und Wogengeräusch brüllet am felsigen Riff, 

Oder der Blitz in der flammenden Luft, wie ich schlechte Gesellen 
Furcht’ und des nüchternen Gasts wortebelauemdes Ohr. 

Anti pater von Sidon. 


*) Leider alte "Wahrheit daß gewisse Abstinente faule Brüder sind und den 
Alkoholismns zur Angeberei ansbeuten. 


bv Google 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



92 


Dr. Schaefer. 


Temperenzler und Philosoph. 

Ein andermal wird eine Spazierfahrt, eine Reise, eine Orts¬ 
veränderung uns wieder neu beleben, oder eine gemeinschaftliche 
Mahlzeit und ein etwas tieferer Trunk. Zuweilen darf es auch zu 
einem kleinen Rausche kommen, doch so, daß wir nur untertauchen, 
nicht daß er uns ersäufe. Das vertreibt die Sorgen und rüttelt den 
Menschen ein wenig durcheinander, ist auch gegen manche Krank¬ 
heiten und gegen Schwermut gut. Der Erfinder des Weines hat 
den Namen „Liber“ erhalten, nicht wegen der TJngebundenheit der 
Zunge, sondern weil er den Geist befreit von der Knechtschaft der 
Sorgen, ihn erhebt, belebt und kühner macht zu jedem Unternehmen. 
Aber wie bei der Freiheit, so ist auch bei dem Weine das Ma߬ 
halten nötig. Man sagt, auch Solon und Arcesilaus haben den Wein 
geliebt. Dem Cato hat man sogar Trunkliebe vorgeworfen. Ehe 
aber dies dem Cato zum Vorwurfe gereichen kann, wird im Gegen¬ 
teil durch ihn dieser Fehler geadelt. Aber oft darf man das nicht 
tun, daß nicht eine üble Gewohnheit daraus entstehe; hie und da 
mag es gestattet sein, sich frei zu bewegen und ein wenig aus¬ 
zuschlagen, um die schwermütige Nüchternheit zu verscheuchen. 

Seneca. Abhandlungen. 

Licenz. 

Trost im Alter. 

Weil ich bejahrt bin, verspotten die Weiber mich, halten den blanken 
Spiegel mir vor, um den Rest einstiger Jugend zu schaun. 

Ob mir der Scheitel ergraut, ob schwarzes Gelock um das Haupt mir 
Spielet, was kümmert es mich, der ich dem Ziele so nah? 

Aber mit köstlichen Salben und lieblich duftenden Kränzen 
Und mit des Bacchus Geschenk scheuch’ ich der Sorgen Gewölk. 

Palladas. 

Bacchus, der Sorgenbrecher. 

Reiche mir Wein! Das Gewölk der Trauer verscheuche Lyäus, 
Wieder entzündend die Glut in der erstarrten Brust. Palladas. 

Satyre auf eine Potatrix. 

Die im Weinfaß begrabene Myrtas. 

Myrtas, welche vordem an der heiligen Kelter des Bacchus 
Reichliche Becher geschöpft, nimmer mit Wasser gemischt, 

Deckt nicht dürftiger Erde Geschenk; ein geräumiges Weinfaß, 
Froher Genüsse Symbol, ist ihr ergötzliches Grab. Ungenannter. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSUi 



Die Alten und der Alkohol. 


93 


Berühmte Potatoren. 

Doch der Peleide begann mit erbitterten Worten von neuem 
Gegen des Atreus Sohn; denn noch nicht ruht’ er vom Zorne: 
Trunkenbold, mit dem hündischen Blick, und dem Mute des Hirsches! 

Homer, Ilias. 

Aber bei allen diesen politischen Geschäften und Unterhand¬ 
lungen, bei so vielen Beweisen von Klugheit und Beredsamkeit, 
zeigte er auf der andern Seite auch eine außerordentliche Schwel¬ 
gerei in seiner Lebensart, ungeheure Ausschweifungen im Trünke. 

Plutarch, Alcibiades. 

Er war kein schlechter Mann, nur lässig und dem Trunk 
Ergeben, schlief auch wohl in Lakedämons Mauern, 

Und ließ zuweilen hier die Elpinike sitzen. Plutarch, Kimon. 

Gegen den Sokrates, ihr Männer, hilft mir das Kunststück nichts; 
denn so viel einer nur will, trinkt der aus und wird deshalb doch 
nicht berauscht. Plato, Gastmahl. 

Nur Agathon, Aristophanes imd Sokrates hätten allein noch ge¬ 
wacht und aus einem großen Becher nach rechts herum getrunken, 


sie waren aber nicht recht gefolgt und schläfrig geworden, und zu¬ 
erst wäre Aristophanes eingeschlafen, und, als es schon Tag ge¬ 
worden, auch Agathon. Sokrates nun, nachdem er diese in den 
Schlaf gebracht, wäre aufgestanden und weggegangen. 

Plato, Gastmahl. 

Dieser las nun ein an Cäsar geschriebenes Liebesbriefchen von 
seiner Schwester Servilia, die von jenem verführt und heftig in ihn 
verliebt war; er warf es daher Cäsar wieder zu mit den Worten: 
Behalt es, du Trunkenbold, und fuhr dann in seiner Rede weiter fort. 

Plutarch, Cato min. 

Mit der Zeit aber hielt er sich mehr ans Trinken, so daß er 
oft bis zum Anbruch des Morgens beim Weine saß. Zur Ursache 
davon gaben seine Ereunde die Verwaltung und Besorgung der 
öffentlichen Geschäfte an, womit Cato ganze Tage hinbrächte und 
also vom Studieren abgehalten würde, weshalb er sich dann des 
Nachts und beim Trünke mit Philosophen unterhielte. Als daher 
ein gewisser Memmius in einer Gesellschaft sagte, Cato zeche ganze 
Nächte durch, versetzte Cicero: „Das sagst du aber nicht, daß er 
tagelang Würfel spielt?“ Plutarch, Cato min. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 




94 


Dr. Schaefer. Die Alten und der Alkohol. 


Unter solchem Bürger, o Rom, was konntest du fürchten, 

Sie, und den Feldherm 1 ), dem "Wein immer die Zunge begrub? 

Properz. 

Um diese Anschuldigungen zusammenzustellen, hast du 1 ), ver¬ 
rückter Mensch, so viele Tage lang in einem fremden Landhause 
Redeübungen gehalten? Indessen du hältst, wie deine vertrauten 
Freunde wiederholt behaupten, Redeübungen, um den Wein ver¬ 
dunsten zu lassen, nicht um den Geist zu schärfen. 

Cicero, Philipp. II. 

Du 1 ) hast, trotzdem du bei dieser deiner Kehle, bei dieser deiner 
Lunge, bei dieser deiner gladiatorenhaften Festigkeit des ganzen 
Körpers viel verträgst, auf der Hochzeit des Hippias so viel Wein 
gezecht, daß du dich noch am andern Tage im Angesicht des rö¬ 
mischen Volkes übergeben mußtest. 0 wie scheußlich war nicht 
nur der Anblick des Vorgangs, sondern auch die Kunde von dem¬ 
selben! Wenn dir dies während der Mahlzeit bei deinen bekannten 
gewaltigen Bechern begegnet wäre, wer würde es nicht für schimpf¬ 
lich halten? Nun aber hat dieser in der Versammlung des römi¬ 
schen Volkes bei der Vornahme einer amtlichen Handlung als Reiter¬ 
oberst, für den schon das Aufstoßen unschicklich wäre, sich über¬ 
geben und seinen Schoß und das ganze Tribunal mit nach Wein 
riechenden Speisestücken angefüllt Doch dies gehört, wie er selbst 
gesteht, zu seinen Unflätereien. Kommen wir zu glänzenderen Taten. 

Cicero, Philipp. II. 


Die Notwendigkeit eines obligatorischen Antialkoholunterrichts 
in den oberen Klassen der Volksschulen. 

Von 

Dr. med. Dicke, Schwelm. 

Im Januar 1902 erfolgte durch den Preußischen Kultusminister 
der wichtige Erlaß, daß bei Bekämpfung der Trunksucht auch nicht 
eine einzige Volksschule sich dieser wichtigen Aufgabe entziehen 
dürfe. Ein Jahr später wurde eine zweite Ministerial-Verfügung 


*) Antonius. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die Notwendigkeit eines obligatorischen Antialkoholunterrichts etc. 95 

erlassen, worin verlangt wird, daß in den Volksschulen die Stoffe 
Verteilung (Pensenverteilung) auf Bekämpfung der Trunksucht 
Rücksicht zu nehmen habe. Beide Erlasse wurden damals von 
allen Alkoholgegnem mit Freuden begrüßt, und man erwartete 
mit Recht, daß die Lehrer in allen Volksschulen den Antialkohol- 
unterricht gründlich durchführen würden. Prüft man jetzt, wie die 
-wichtigen Erlasse durchgeführt sind, dann ergibt sich leider die 
unerfreuliche Tatsache, daß, wie nicht nur von Antialkoholblättern, 
sondern auch von Pädagogen bereits wiederholt hervorgehoben worden 
ist, die Mehrzahl der Lehrer den Unterricht über den Alkohol sehr 
mangelhaft vornimmt. Die Ursache liegt darin, daß dieser Unter¬ 
richt zu sehr in das Belieben der Lehrer gestellt und nicht obli¬ 
gatorisch vorgeschrieben ist. Da sich die Lehrer bisher zu wenig 
mit der Alkoholfrage befaßt haben, so sind sie von der Wichtig^ 
keit des Unterrichts über den Alkohol nicht überzeugt und behandeln 
ihn nebensächlich. Er wird daher nur dann und wann leicht ge¬ 
streift, geschieht nicht regelmäßig und nicht mit jener Einheitlichkeit, 
wie diese bei andern Lehrfächern vorgeschrieben und grundsätzlich 
durchgeführt wird. Da nicht angeordnet worden ist, wie oft der Unter¬ 
richt stattfinden soll, sondern die Lehrer angewiesen sind, ihn nur ge¬ 
legentlich und in Verbindung mit andern Lehrfächern vorzunehmen, 
so ist eine genaue Kontrolle über das „wie“, „wann“ und „wie oft“ 
schwer durchführbar. Es liegt somit dieser Unterricht größtenteils in 
der Willkür der Lehrer. Man hat ihm eine Ausnahmestellung gege¬ 
ben im Vergleich mit andern Lehrfächern; denn diese werden nicht 
gelegentlich und nicht in Verbindung bald mit diesem, bald mit jenem 
Lehrfach vorgenommen. Rektor Sladeczek sagt in dem kürzlich von 
ihm herausgegebenen Buche: „Vorbeugende Bekämpfung des Alko¬ 
hols durch die Schule“ sehr richtig: „Die bloß gelegentliche Unterwei¬ 
sung der Kinder über den Alkoholismus und seine Gefahren werden 
nicht im stände sein, bei den Kindern ein hinreichendes Interesse für 
den Gegenstand hervorzurufen. Eine Sache, die der Lehrer nur so 
nebensächlich vorbringt, wird auf seiten der Kinder schwerlich 
jene Beachtung finden, ohne welche die Gewinnung der Kinder 
für die Abstinenz gar nicht möglich ist Ein gelegentlicher Unter¬ 
richt wird bei den Lehrern und noch mehr draußen die irrige Meinung 
unterhalten, daß durch die Schule für die Mäßigkeitssache alles 
mögliche getan worden, während in Wirklichkeit der Erfolg den 
Erwartungen auch nicht entfernt entsprechen wird.“ Findet außer 
einem gelegentlichen Antialkoholunterricht auf den Unter- und 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



96 


Dr. med. Dicke. 


Mittelstufen kein obligatorischer Unterricht auf den Oberstufen 
statt, dann kann der bisherige Unterricht über den Alkohol un¬ 
möglich eine tiefgehende und nachhaltige Wirkung auf die Jugend 
hinterlassen. Sie wird zu wenig gerüstet, nicht gefestigt im Kampfe 
gegen den Alkohol und erliegt beim Eintritt ins öffentliche Leben 
um so eher den vielen Versuchungen zum Trinken, als die Wirt¬ 
schaften, die Feste und andere Lustbarkeiten stetig zunehraen. Da 
den bisherigen Ministerialerlassen nur in sehr beschränktem Maße 
entsprochen wird, so würde auch ein dritter Erlaß wirkungslos 
bleiben, wenn dadurch der Antialkoholunterricht wie bisher zu sehr 
in das Belieben der Lehrer gestellt und nicht wenigstens in den 
oberen Klassen der Volksschulen obligatorisch festgelegt wird. — 
Benefiziat Koch in München sagt in dem vor kurzem von ihm 
herausgegebenen Werkchen „Die Alkoholfrage“: „Ein Antialkohol¬ 
unterricht, wie er jetzt bei uns in Deutschland gegeben wird, hat 
wenig Wert.“ (ranz anders sind die Resultate, wie sie durch den 
obligatorischen Unterricht in Nordamerika erzielt werden. Als dort 
der obligatorische Unterricht über den Alkohol eingeführt wurde, 
waren die meisten Lehrer mit der Alkoholfrage nur sehr wenig 
vertraut, und viele von ihnen waren Gewohnheitstrinker. Sobald 
jedoch der obligatorische Unterricht stattfand, wurden die Lehrer 
in die Notwendigkeit versetzt, sich eingehend mit der Alkoholfrage 
zu befassen. Die Folge davon war, daß die Lehrer, obgleich man 
ihnen keine Enthaltsamkeit vorschrieb, größtenteils enthaltsam, die 
übrigen sehr mäßig wurden. Sie gingen seitdem den Schülern mit 
gutem Beispiele voran und vollführten den Unterricht mit großem 
Eifer. Seitdem hat in Nordamerika der Kampf gegen den Alkohol 
in allen Volksschichten, besonders auch unter den Arbeitern, er¬ 
staunliche Fortschritte gemacht. Man schätzt die Anzahl derer, 
die sich dort des Alkohols gänzlich enthalten, auf 10 Millionen, 
abgesehen von den vielen Bürgern, die sehr mäßig sind. De Terra 
bemerkt mit Recht, daß bei der Aufklärung der amerikanischen 
Arbeiter der obligatorische Unterricht eine wesentliche Rolle spielt. 
Dr. Laquer, der zu dem Zwecke in Nordamerika eine Studienreise 
gemacht hat, um dort den geführten Kampf gegen die Trunksucht 
und dessen Erfolge kennen zu lernen, hebt in seinem Reisebericht 
die großen Erfolge hervor, welche durch den in allen Schulen Nord¬ 
amerikas eingeführten obligatorischen Unterricht über den Alkohol 
erzielt worden sind. Die Erfolge zeigen sich auch darin, daß die 
amerikanischen Arbeiter, was Gesundheit und Ausdauer anlangt, 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Notwendigkeit eines obligatorischen Antialkoholunterrichts etc. 97 


den deutschen Arbeitern weit überlegen sind. In Anbetracht dieser 
Tatsachen haben in England fast sämtliche Ärzte, an Zahl etwa 
15000, an das Ministerium eine Eingabe eingereicht, um die Ein¬ 
führung des obligatorischen Antialkoholunterrichts auch in England 
zu erwirken. In Frankreich, Belgien, Skandinavien ist derselbe 
gleichfalls vor einigen Jahren eingeführt worden. — Der Unterricht 
über den Alkohol ist von solcher Wichtigkeit und Tragweite, daß 
er, wie es in andern Staaten geschieht, auch in Deutschland den 
Nebenfächern vorangestellt werden sollte. 

Der Einwand, die Schulen seien mit Lehrstoff überbürdet, und 
es sei keine Zeit übrig für jenen Unterricht, sollte fernerhin nicht 
mehr erhoben werden, denn damit sagt man mit andern Worten, 
daß die Nebenfächer wichtiger seien. Man muß sich fragen: Was 
ist für das Wohl der deutschen Nation von größerer Bedeutung, 
der Unterricht in den Nebenfächern oder die gründliche Belehrung 
der Jugend über die verheerende Alkoholsucht? Irgend ein Neben¬ 
fach muß dem weit wichtigeren obligatorischen Unterricht über 
den Alkohol Platz machen, damit man für jenen die nötige Zeit 
gewinnt. Wenn man es in andern Staaten durchgeführt hat, daß 
fast in allen Stufen der Volksschulen ein obligatorischer Antialkohol¬ 
unterricht stattfindet, dann ist nicht einzusehen, weshalb derselbe 
nicht wenigstens in mäßigem Umfange zunächst in den Oberklassen 
durchgeführt werden könnte. Es entbehrt der tieferen Begründung 
zu sagen: „Ein obligatorischer Antialkoholunterricht paßt für deutsche 
Verhältnisse nicht.“ Wenn es feststeht, daß die Mitwirkung der 
Schule als das hauptsächlichste Hilfsmittel im Kampfe gegen den 
Alkoholismus nicht entbehrt werden kann, aber der jetzige Unter¬ 
richt, wie sich herausstellt, wenig Wert hat, dann bleibt keine 
andere Wahl, als den obligatorischen Unterricht wenigstens in den 
oberen Klassen der Volksschulen einzuführen. Rektor Sladeczek 
sagt in dem erwähnten Buche: „In den Unter- und Mittelstufen 
genügt zwar die gelegentliche Behandlung, keineswegs aber in den 
Oberstufen.“ Für die Volksschulen mit zweiklassigen Oberstufen 
hält Sladeczek es für zweckmäßig, den untern Oberklassen den 
nämlichen Stoff in kürzerer Fassung zuzuweisen, damit diejenigen 
Schüler, die bereits aus der zweiklassigen Stufe ins Leben treten, 
nicht ohne die notwendige Aufklärung die Schule verlassen. 

In Nordamerika wird der obligatorische Antialkoholunterricht 
nicht gleichmäßig in allen Unionsstaaten vorgenommen, aber in 
manchen Staaten in der Weise, daß während der 3 ersten Jahre 

Der Alkoholismu*. 1906. 7 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



98 


Dr. med. Dicke. 


Digitized by 


wöchentlich 3 Lektionen für 10 Wochen eines jeden Schuljahres 
und während der folgenden 5 Jahre 4 Lektionen wöchentlich für 
10 Wochen stattfinden. Hierzu kommt noch der obligatorische 
Antialkoholunterricht im ersten Jahre der Hochschule. 

In Frankreich hat der Kultusminister im Jahre 1900 verfügt, 
daß der obligatorische Alkoholunterricht nicht nebensächlich, sondern 
gleichwertig mit der Grammatik und Arithmetik behandelt wird 
und in allen öffentlichen Schulen in regelmäßigen Stunden statt¬ 
finden soll. Es wird also in Frankreich jenem Unterricht viel Zeit 
gewidmet 

In Belgien wurde im Jahre 1898 durch den Unterrichtsminister 
die Verfügung erlassen, daß dem obligatorischen Antialkoholunter¬ 
richt in jeder Klasse der Volksschule wöchentlich 1 j s Stunde zu 
widmen sei. Dabei wurde bereits im Jahre 1899 der obligatorische 
Antialkoholunterricht in 2299 Fortbildungsschulen erteilt Man 
kann kaum ernsthaft den Einwand erheben, daß es nicht zweck¬ 
mäßig sei, den obligatorischen Unterricht einzuführen, weil manche 
Lehrer aus altem Vorurteil nicht von der Schädlichkeit des Alko¬ 
hols überzeugt seien. Die Lehrer können nicht besser über den 
Wert der Alkoholfrage unterrichtet werden, als bis sie durch den 
obligatorischen Unterricht in die Notwendigkeit versetzt werden, 
sich eingehend mit der Materie zu befassen. Das Studium der 
Alkoholfrage ist für die bereits angestellten Lehrer keineswegs 
schwierig, zumal in letzteren Jahren ausgezeichnete Schriften und 
Bücher erschienen sind, die jedem Gebildeten leicht verständlich 
sind. Auch bieten die wissenschaftlichen Kurse, wie sie alljährlich 
der Berliner Centralverband für Bekämpfung des Alkoholismus ab¬ 
halten läßt, geeignete Gelegenheit für die Lehrerschaft, sich über 
die Alkoholfrage zu orientieren. Alle gegen den obligatorischen 
Unterricht vorgebrachten Gründe sind fernerhin nicht mehr stich¬ 
haltig und hinfällig geworden, seitdem sich herausgestellt, daß die 
auf den gelegentlichen und freiwilligen Unterricht gesetzten Hoff¬ 
nungen nicht in Erfüllung gehen. Es erheben sich daher immer 
mehr gewichtige Stimmen für den obligatorischen Unterricht. 

Von jeher galt es im Kampfe gegen den Alkohol als eine 
höchst schwierige Aufgabe, durch gründliche Belehrung und Auf¬ 
klärung über die Schädlichkeit des Alkohols allseitig auf die großen 
Massen einzuwirken, um dadurch das Übel der Alkoholsucht an 
der Wurzel zu fassen. Wie wir aber an dem Beispiel von Nord¬ 
amerika sehen, findet diese schwierige Aufgabe ihre Lösung durch 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die Notwendigkeit eines obligatorisohen Antialkoholunterrichts etc. 99 

die Einführung eines obligatorischen Antialkoholunterrichts; denn 
hierdurch dringt die Aufklärung zugleich in alle Volksschichten. 
— Es sei noch hervorgehoben, daß wohl durch keine bessere Ma߬ 
nahme als durch den obligatorischen Antialkoholunterricht es zu 
ermöglichen ist, der „Landeskommission für Volkswohlfahrt“, wie 
sie vor einiger Zeit von Graf Dr. Douglas beantragt worden ist, 
den Boden vorzubereiten, damit jene fähig wird, den durch die 
Alkoholsucht entstehenden schweren Volksschäden vorzubeugen 
und wichtige soziale Aufgaben zu lösen, — Von allen zur Bekämp¬ 
fung des Alkohols erstrebten Maßnahmen dürfte somit wohl keine 
von größerer Wichtigkeit sein als der obligatorische Schulunterricht 
über den Alkoholismus. Die baldige Durchführung dieses Unter¬ 
richts in den Oberklassen aller Volksschulen ist daher bereits zu 
einem Gebote der Notwendigkeit geworden. 


Wie soll der Alkoholismus im Schulunterrichte bekämpft 

werden *)? 

(An Beispielen erläutert.) 

Von 

Kurt Boas, Berlin. 

Die Literatur der letzten Jahre legt über die Fortschritte in 
der Lösung der Alkoholfrage beredtes Zeugnis ab. Eine für den 
Pädagogen besonders wichtige Frage ist es, wie die Schule den 
Alkoholismus am wirksamsten bekämpft. Der Alkohol ist als der 
Feind eines trauten Familienlebens verschrieen und mit Recht. 
Wie oft sehen wir Menschen an diesem Gifte zu Grunde gehen! 
Und eine hohe Aufgabe der Schule sollte es sein, der Jugend die 
verhängnisvollen Folgen des Alkoholgenusses klar zu machen 2 ). 


*) Eine erschöpfende Behandlung des Themas erfolgt demnächst. 

*) Ich entnehme einer Arbeit von Gottstein (Medizinische Reform 1906, 
Nr. 5) folgenden Passus: „Auch erwähnt Kundmann, daß man den Kindern in 
Breslau, wenn sie entwöhnt werden, „eine ziemliche Pulle Bier bereitet und 
zur Schlafstelle setzt, damit das Kind fast stündlich bis an den hellen Morgen 
trinken könne.“ Ein beispielloser Alkoholmißbrauch! 

7* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



100 


Kurt Boas. 


Die Mittel and Wege hierzu sind verschieden. Am besten ist 
es, wenn der Lehrer im Unterrichte selbst auf das Thema „Alkohol“ 
zu sprechen kommt, so daß die Belehrung nicht den Charakter des 
weit Hergeholten oder Gesuchten trägt Zunächst ist hierzu der 
geeignetste Ort die Geschichtsstunde. Bei der Besprechung der 
römischen Geschichte sollte man an Marius erinnern, der an den 
Folgen eines zügellosen Alkoholgenusses gestorben sein soll. Bei 
dem Fall des einst so mächtigen Römerreiches soll man der schweren 
Folgen der Trunksucht nicht unerwähnt lassen. Schon Cicero sagt 
in seiner philosophischen Abhandlung Cato maior de senectute: 
„Senectus caret epulis extructisque mensis et frequentibus poculis, 
caret ergo etiam vinulentia et cruditate et insomniis.“*) Bei Ge¬ 
legenheit der Durchnahme der englischen Geschichte sei an die 
Ballade Schillers „Das Glück von Edenhall“ erinnert Überhaupt 
spielt der deutsche Unterricht gerade bei der Besprechung 
der Alkoholfrage sehr hinein. 

Nach Enking 2 ) hat schon vor Jahren der deutsche Verein gegen 
Mißbrauch geistiger Getränke ein Preisausschreiben für einen pro¬ 
phylaktischen Aufsatz über die Alkoholgefahr erlassen, der in 
Fibeln und Lesebüchern Aufnahme finden sollte. Ob mit Erfolg, 
entzieht sich meiner Kenntnis. Doch auch sonst bietet sich in 
Aufsätzen Gelegenheit, die Frage zu streifen, indem man, wie dies 
bereits auf zahlreichen Berliner Gymnasien geschehen ist, direkt 
das Thema „Welche Gefahr birgt der Alkoholgenuß ?“ oder in einer 
anderen Gattung Themata (allgemeine Wahrheiten, Sinnsprüche, 
Sprichwörter und dergl. mehr) behandelt, wie Grünwald 3 ) deren 
mehrere angibt Man braucht aber gar nicht so weit zu gehen. Bei der 
Behandlung des Treitschkeschen Verses „Gott hat kein Volk verlassen, 
das sich nicht selbst verließ“, oder des berühmten Wortes „In deiner 
Brust sind deines Schicksals Sterne“ ist dem Schüler Gelegenheit 
genug geboten, geschichtliche Beispiele für die Gefährlichkeit des 
Alkoholgenusses anzuführen. 

Auch in dem hauptsächlich in Gemeindenschulen geübten 
Anschauungsunterricht wird es sicherlich nicht an Gelegenheit 


') Das Alter entbehrt doch aber der Gastereien, der wohlbesetzten Tafel 
und der reichlichen Becher. Also auch der Trunkenheit, der Unverdaulichkeit 
und der Schlaflosigkeit. 

s ) Enking. Der Alkohol im Schulpensum. Der Alkoholismus 1904, p. 32. 

*) Grünwald. Was kann die höhere Schule zur Bekämpfung des Alkoholis¬ 
mus tun? Sonntagsbeilage Nr. 2 zur Vossischen Zeitung vom 10. Januar 1904. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSUf 



"Wie soll der Alkoholismus im Schulunterrichte bekämpft werden? 101 


fehlen, die Alkoholfrage geschickt in die Darstellung einzuflechten. 
Und in höheren Klassen könnte der Lehrer ruhig eine Stunde dem 
Meinungsaustausch über die Alkoholfrage opfern; jeder (auch der 
Schüler) könnte dann seine Erfahrungen zum Besten geben. 

Auch bei derLektüre moderner Dichter und Schriftsteller 
ist oft Gelegenheit geboten, die Alkoholfrage zu streifen. Bei der Be¬ 
sprechung des Oliver Twist kann der Lehrer als Leitmotiv für die 
teuflische Handlungsweise des Juden die Trunksucht und die daraus 
sich ergebenden Laster bezeichnen. Yor allem gibt das Kapitel 
„La famille de Michel Arout“ und „L’utilitö morale des inventaires“ 
aus Souvestre „Un philosophe sous les toits“ und Viktor Hugos Ge¬ 
dicht „Apres la bataille“ willkommenen Anlaß zu Betrachtungen über 
den Alkohol. Auch die von Grünwald erwähnten LeQons de choses 
zeitigen hier gute Resultate. 

Mehr noch bei den modernen Sprachen bietet sich bei den 
antiken Gelegenheit, von der uns interessierenden Frage zu sprechen. 

Schon das Studium der Odyssee! Polyphem, der mit gigan¬ 
tischen Kräften ausgestattete Enakssohn, wird durch Alkohol be¬ 
täubt Und welche Schädigungen muß dieser Wein hervorrufen, 
wenn ihm Homer alias Odysseus das Epitheton zulegt (IX. 208 
bis 211). 

Gab er ihn (den Wein) preis, dann füllt er des süßen, 

funkelnden Weines 

Einen Becher und goß ihn in zwanzig Becher von Wasser 
Und den schäumenden Kelch umhauchten balsamische Düfte 
Göttlicher Kraft; da war es gewiß nicht Freude zu dursten. 

(Voss.) 

Und an anderer Stelle schildert Odysseus das Anfangsstadium 
der Alkoholvergiftung in den köstlichen Worten: (Od. XIV. 462—466) 
„Höre mich jetzt Eumaios und höret ihr übrigen Hirten, 
Rühmend red’ ich ein Wort vom betörenden Weine besieget, 
Welcher den Weisesten oft anreizt zu lautem Gesänge, 

Ihn zu herzlichem Lachen und Gaukeltanze verleitet, 

Und manch’ Wort ihm entlockt, das besser wäre verschwiegen.“ 

(Voss.) 

„Wir sehen die narkotische Wirkung des Weines in dem 
tiefen Rausche, in den der Riese verfällt. Auch heutzutage sind 
die Kneipen und Gastwirtschaften angefüllt mit Leuten, die dem 
Alkohol ein wenig zu sehr gehuldigt haben: wir lesen die Schil- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



102 K- Boas. Wie soll der Alkoholismus im Schulunterrichte bekämpft werden? 


Digitized by 


derung alle Tage in den Nachrichten über Rußland, wo das Brannt¬ 
weinmonopol bekanntlich in den Händen des Staates liegt Gams 
ähnlich wie in der Odyssee liegen die Zustände heute.“ 

So oder ähnlich denke ich mir die Belehrung durch den Lehrer. 

Das beste Studium der Alkoholfrage ist in den philosophischen 
Schriften Ciceros anzustellen. Denn die Warnung vor den 
voluptates (corporis) ist doch zugleich eine Warnung vor der Trunk¬ 
sucht Im 14. Kapitel seines Cato kommt er auf die sog. compo- 
tationes und concenationes *) zu sprechen, denen im griechischen 
Klubwesen die Ausdrücke <jup.iwoiov *) und <juv8e«cvov entsprechen» 
Und tadelnd spricht er von Epicur (esse quendam Athenis qui 
sapientem se esse profiteretur) 3 ), dem Philosophen, der das sinn¬ 
liche Vergnügen predige. 

Schon diese kurzen Stichproben, die man erheblich vermehren 
könnte, zeigen, welch fruchtbares Gebiet gerade die Belehrung auf 
diesem Gebiete erfahren kann. 

Endlich findet sich auch beim Rechenunterricht Gelegen¬ 
heit bei der Durchnahme von Aufgaben aus der Wirtschaftsrech¬ 
nung die Aufmerksamkeit unserer Schüler auf die Alkoholgefah'r 
zu lenken. In den gangbarsten Büchern (wie Bardey, Harms 
und Kallius u. s. w.) haben solche Aufgaben leider noch keine 
Aufnahme gefunden. In der Chemie und Physik wären gelegentlich 
der Besprechung von Alkohol, Alkoholthermometer u. s. w. Beleh¬ 
rungen über die Alkoholgefahr am Platze. 

Für die Religion hat Grünwald 4 ) bereits verschiedene Stellen 
aus dem Alten und Neuen Testament zusammengestellt Endlich 
wäre, wenn die Einführung hygienischer Vorlesungen durch den 
Schularzt zur Tatsache wird (was Verf. nach den in früheren Auf¬ 
sätzen 6 ) 6 ) geäußerten Bedenken bezweifelt), die Behandlung der 
Alkohol- (wie auch der Sexual-) 7 ) Frage dringend zu befürworten. 

•) Zusammenessen und -Trinken. 

*) Vgl. dazu Xenophon. 

*) Es gäbe einen Mann za Athen, der sich für einen Weisen aasgäbe. 

4 ) Grünwald loco cit. 

5 ) Kurt Boas. Über Alkoholismns in Schalen. Zeitschrift für Kranken¬ 
pflege. März 1906. 

•) Kart Boas. Sammelreferat über Alkohol und Alkoholismus erscheint im 
Hygienischen Zentralblatt 1906. 

’) Kurt Boas. Sammelreferat über die Fortschritte der Schulhygiene. 
Zeitschrift für Krankenpflege. April 1906. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



103 


II. Referate. 

Postoem. Ober den Alkoholismus. Beitrag zur Frage der akuten und chronischen 
Xthylalkoholvergiftung auf den tierischen Organismus. Allgem. medizin. Zentral- 
Zeitung 1904, Nr. 8. 

Der Verfasser hat eine Reihe von Stoffwechselversuchen an Tieren vor¬ 
genommen. Den Tieren wurde neben der Nahrung Schnaps verabfolgt. Es er- 
ergaben sich im wesentlichen die folgenden Resultate. 

Ein Einfluß auf die Temperatur wurde weder mit kleinen noch mit großen 
Dosen weder bei jungen noch bei alten Tieren erzielt, mit Ausnahme der Trunken¬ 
heitsperiode, wo eine Herabsetzung der Temperatur eintrat. 

Eine Gewichtsverminderung wird nur durch toxische Gaben herbeigeführt 

Die Erscheinungen der Trunkenheit sind vom klinischen Standpunkte aus 
bei Tieren denen beim Menschen völlig analog. 

Unter dem Einfluß der akuten und der chronischen Alkoholvergiftung tritt 
bei den Keren eine Verringerung des Gaswechsels auf. Die Verringerung be¬ 
trifft sowohl die Aufnahme von Sauerstoff, als die Abgabe von Kohlensäure. 

P. S. 


Kttlbs. Zur Pathologie des Blutdrucks. Deutsches Archiv für klin. Medizin., 
84. Bd., 1905. 

Verfasser hat den Riva-Roccischen Apparat zur Messung des Blutdrucks 
bei einer Anzahl chronischer Alkoholisten verwendet. Der Alkohol bewirkt eine 
vorübergehende Steigerung des Blutdrucks. Diese Blutdrucksteigerung ist objektiv 
durch einen sehr stark gespannten regelmäßen Puls und eine akute Erweiterung 
des Herzens näher gekennzeichnet. Die subjektiven Beschwerden sind verschieden, 
gipfeln aber stets in einem Druck- oder Beklemmungsgefühl, Angstgefühl, Druck, 
oft zentnerschwer, in der Brust. 

Der Grund dieser Erscheinung ist in einer erhöhten Füllung und Spannung 
der großen und mittleren Schlagadern und in einer Erschlaffung des Herzmuskels 
zu suchen. P. S. 


Krogh. Das Quinquaudsche Zeichen. Norsk Mag. for Laegevid, Nr. 8, 1905. 

(Referat in deutsch. Medizinal-Zeitung 1905, Nr. 101.) 

Das Quinquaudsche Zeichen besteht in einem knarrenden Geräusche beim 
Bewegen der kleinen Handknöchelgelenke. Krogh hat 200 Personen, darunter 
55 Alkoholiker auf das Vorhandensein des Quinquaudschen Zeichens untersucht. 
Während diese sämtlichen 55 Alkoholiker Zittern der Hände zeigten, ließen 
8 das Knarren an den kleinen Handgelenken vermissen. Dagegen zeigten 7 Pa¬ 
tienten, welche nicht Alkoholiker waren, wohl das Quinquaudsche Phänomen, 
aber kein Zittern der Hände. 

Danach ist das Quinquaudsche Zeichen für die Beurteilung des Vorliegens 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



104 


Referate. 


von Alkoholismus nicht so wichtig wie das Zittern der Hände. Auch das Tabak¬ 
rauchen hat keinen großen Einfluß auf seine Entstehung. P. S. 


Bonne. Der Giftbauin des deutschen Volkes ist in 4. Auflage erschienen. Flens- 
berg (Verlag von Deutschlands Großloge II. J. O. G. T.) Preis 0,10 Mk. 

Der von Bonne entworfene „Giftbaum“ zeigt in recht anschaulicher Form 
alle Schädigungen der Gesundheit und Wohlfahrt des deutschen Volkes, bei 
denen der Alkohol eine Rolle spielt. Beigefügt sind dem Bilde außer einer ein¬ 
dringlichen Mahnung alle für die Alkoholfrage wichtigsten Daten und Zahlen. 

P. S. 


Brauer, Joh. Ernst. Edelkorn! Skizze zur Antialkoholbewegung. Leipzig, 
Verlag von Hasert & Co. Preis 0,50 Mk. 44 Seiten. 

Eine Schmähschrift gegen das blaue Kreuz. Verfasser ist Zymotechniker 
in Penig. Er setzt über seine „Der Volksaufklärung in Schule und Haus“ ge¬ 
widmete Schrift das Motto: „So lange die Erde stehet, werden nicht auf hören: 

Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und “Winte^ Liehe. und-SüfT!“ 

Was die energische Antialkoholbewegung in der Volksseele aufwühlt, 
ist nicht immer edeler Natur. Doch müssen wir mit diesen Instinkten rechnen, 
wenn wir Fortschritte machen wollen. P. S. 


Sladeczek. Schule und Alkoholismus. Berlin, Mäßigkeitsverlag, 1905. Preis 2 Mk. 
gebunden 2,40 Mk. 

Verfasser begrenzt sein Thema genauer als „die vorbeugende Bekämpfung 
des Alkoholismus durch die Schule“. Er will ein „theoretisch-praktisches Hilfs¬ 
buch für die Hand der Lehrer“ geben. Als Rektor hat er die physiologische 
und pathologische Seite des Stoffs nach den üblichen „Quellen“ bearbeitet. Dabei 
sind einige Irrtümer unterlaufen. Auf S. 85 heißt es: „Der Alkohol vermindert 
die Körperwärme.“ Das ist so kurzerhand nicht zu behaupten. Der Alkohol 
wird nach Rosemann im Körper verbrannt wie Kohlehydrate und Fette und 
liefert die entsprechende Vei'brennungswärme. Freilich erweitert er gleichzeitig 
die Schlagadern in der Haut und steigert so die Wärmeabgabe. Diese Steigerung 
der Wärmeabgabe ist indessen durchaus nicht immer mit einer Herabsetzung der 
Körperwärme gleichbedeutend. Auch die Hemmung der Verdauung durch den 
Alkohol läßt sich nicht so uneingeschränkt konstatieren, wie Sladeczek es tut. 
Bei der Entstehung der Krampfadern kommt der Alkohol wohl erst in letzter 
Linie in Frage. Die „alkoholische Gelbsucht“ ist keine besondere Krankheit, 
sondern nur eine Begleiterscheinung anderer alkoholischer Leber- oder Darm¬ 
krankheiten. 

Im übrigen hätte ich gewünscht, daß der Anhang des Buches (ein Wort 
über die außeramtliche Mitwirkung des Lehrers zur Bekämpfung der herrschen¬ 
den Alkoholsucht) etwas umfangreicher ausgefallen wäre. Ich denke dabei an 
das vortreffliche Buch von Merth: Die Trunksucht und ihre Bekämpfung durch 
die Schule (Wien und Leipzig 1904). Merth hat vor Sladeczek das gleiche Thema 
erschöpfend und eingehend behandelt Er hat es verstanden, das außeramtliche 
Wirken des Lehrers: seine vorbildliche Lebensführung, sein Wirken in der Ge¬ 
meindevertretung, im geselligen Verkehre, in den Vereinen durch eine Fülle an¬ 
regender Bemerkungen zu beleuchten und dem Interesse seiner Berufskollegen 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Referate. 


105 


näher zu bringen. Das ist eine eminent „praktische“ Seite der Bekämpfung des 
Alkoholismus. Der „methodisch geordnete Lehrstoff“ ist doch in den zahlreichen 
Quellen bereits genügend behandelt. 

Hoffentlich entspricht der von Sladeczek aufgewendeten großen Arbeit der 
Erfolg des Buches. P. S. 

Lang, Leopold. Lehrer und Alkoholfrage. Einige nach dem Leben gezeichnete 
Illustrationen mit Randbemerkungen. Der Alkoholgegner, Lehrer-Nummer, 
15. November 1905. 

Es scheint mir richtig, die treffenden Skizzen des Verfassers in voller Aus¬ 
führlichkeit wiederzugeben. 

1 . 

Ein Lehrer hält viel auf seine pädagogische Bildung, schenkt den Zeitfragen 
stets große Aufmerksamkeit und hält 1 in dem Kreise von Freunden, in dem er 
meist das große Wort führt, nie mit seiner Meinung zurück. Seine Stellung zur 
Alkoholfrage kennzeichnen seine folgenden Worte: 

„Der Alkoholismus ist eine große Gefahr und muß deshalb durch die Schute 
wo nur möglich bekämpft werden. Das einzige logisch haltbare Mittel ist hier 
das Beispiel völliger Enthaltsamkeit des Lehrers, ergo darf in der Schule kein 
geistiges Getränk genossen werden. Außerhalb der Schule aber bin ich Privat¬ 
mann, und da trinke ich, wie jedermann, mein Glas Bier oder Wein, jede andere 
Meinung gleicht einem die Freiheit hemmenden Maulkorberlaß.“ 

Randbemerkung: Der Mann denkt hochmodern und es wäre nur zu 
wünschen, daß seine Ansichten verbreitet und konsequent durchgeführt würden. 
Wie schön wäre es, wenn wir all die Maulkörbe, die uns die Kultur, das soziale 
Leben etc. aufbinden, ablegen und als Universal-Privatmänner herumlaufen könnten! 

2 . 

Ein Lehrer, ganz außerordentlich scharfblickend, lebt ein Leben, durchaus 
unanfechtbar nach allen Richtungen, weil jeder Akt vernünftige Begründung hat. 
Für ihn existiert die Alkoholfrage nicht, denn: 

„Jeder Mensch weiß, wieviel er verträgt, wie weit er im Genüsse geistiger 
Getränke gehen darf. Wer weniger oder mehr trinkt, ist ein Narr.“ 

Randbemerkung: Und darauf ist noch niemand gekommen! Daß man 
das Einfachste immer zuletzt findet! Der Mann hat recht. Wir wissen ja auch 
beim Wasser, wann wir genug haben. Allerdings betäubt der Alkohol gerade 
jenes Organ, das uns sagt, wann wir genug haben, das Gehirn, während das 
Wasser diese Wirkung nicht hat, aber ein „Vernünftiger“ hat eben zwei Gehirne, 
die andern sind „Narren“. 

8 . 

Ein anderer Lehrer. Er ist ein alter Kämpfer gegen den Alkoholgenuß, 
denn er kämpft seit dem Tage, als er Lehrer ist — so äußerte er sich in einer 
Lehrerkonferenz gelegentlich eines Vortrages über die Alkoholfrage. Sein Kampf 
besteht darin, daß er in der Schule über das Gift „Alkohol“ kein Wort verliert, 
er wagt es kaum, seinen Namen zu nennen, und seine Schüler sind infolgedessen 
unschuldig und unberührt wie Lilien. Sie wissen nicht, daß die geistigen Getränke 
giftig sind, was allerdings eine überflüssige Wissenschaft ist. Der Kollege kämpft 
eben weniger theoretisch und mehr praktisch. So veranstaltete er einst eine 


Digitized 


bv Google 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



106 


Referate. 



Digitized by 


Schülerreise — Schülerreisen sind nämlich seine Lieblingsbeschäftigung — und 
da ward sehr mäßig getrunken. Fünf Tage hintereinander ein bißchen zu 
Mittag und am Abend — gewiß also in weit voneinander liegenden Zeiten — na, 
und das meiste, was bei einer solchen Gelegenheit ein Schüler trank, waren 
sieben Seidel (7x 8 / 10 Liter) Bier. Die Schüler wurden eben häufig gratis be¬ 
wirtet, aber es war doch recht lustig, und die Schüler werden ihr ganzes Leben 
daran denken. 

Randbemerkung? Und da gibt es Lehrer, welche an diesem Manne nör¬ 
geln! Gibt es etwas Dankareres für einen Lehrer, als seinen Schülern die Welt 
zu zeigen und sie zu lehren, wie man lustig ist? Und lernen die Knaben nicht 
auch dabei das Sparen? Sie betrinken sich doch auf Kosten „edler Spender 44 . 
Ach Gott, hätte ich doch auch einen solchen Lehrer gehabt! 

4. 

Auch den vierten kann ich dem Leser nicht ersparen. Er spricht sehr 
fleißig dem Glase sein Lob, und jeder, der gegensätzlicher Ansicht ist, ist ein 
Heuchler und Schwindler. 

Jüngst führte ihn auch der Unterricht in das Gebiet der Alkoholfrage und 
da erzählte ihm denn einer seiner Schüler von seinem ehemaligen Lehrer, daß 
dieser jedes geistige Getränk verschmähe. Bald aber fiel er diesem armen Ver¬ 
blendeten ins Wort und lüftete mit überlegenem Lächeln den trüben Schleier 
der Heuchelei: 

„Hätte ich nur soviel Gulden als dieser Herr im geheimen an Gläsern von 
Bier und Wein trinkt ! ifc 

Anfangs ist der Schüler (er war sechzehn Jahre alt) perplex, dann aber 
ringt sich die mannhafte edle Gestalt seines ehemaligen Lehrers, der alles seiner 
Überzeugung zu opfern im stände war, durch diesen eklen Schmutz, der auf sie 
geworfen ward und sie verunreinigen sollte, und der Schüler meint bescheiden, 
doch furchtlos, so etwas müsse man beweisen können, sonst wäre es Verleum¬ 
dung. Der Lehrer führte eine jener so oft in die Zeitungen, besonders in eng¬ 
lische und amerikanische, hineinlanzierten Lügenerzählungen von der Ertappung 
eines Abstinenten an, damit war die Begebenheit zu Ende. 

Am Schlüsse des Semesters erhielt der Schüler eine sehr schlechte Quali¬ 
fikation im sittlichen Betragen. 

Randbemerkung: Und das war gerecht! Der Schüler darf es unter 
keiner Bedingung wagen, die Autorität seines Lehrers zu erschüttern. Wozu 
führte denn dies? Ein Mensch, der sich nicht unbedingt vor seinem Vorgesetzten 
beugt, muß, selbst wenn er mit Recht gegen Lügen, Verleumdungen und anderes 
dergl. kämpft, unschädlich gemacht werden. Das beste Mittel dazu ist die Sitten¬ 
note, sie genügt der Rache und sorgt für die rechte Auslese. 


Auf! Frisch ans Werk. Volkskalender für 1906. Herausgeg. von G. Asmussen. 

Flensburg. Preis 0,40 Mk. 

Der Kalender ist hervorragend geeignet, seinen Zweck, das Guttemplerwerk 
zu fördern, zu erfüllen. Unter jedem Kalendermonat sind Kemsprüche hervor¬ 
ragender Autoren über die Alkoholfrage verzeichnet. Die aufgenommenen Er¬ 
zählungen sind gut geschrieben und höchst eindrucksvoll. P. S. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


107 


Asinuasen. Ein Besuch bei Uncle 8am. Bilder aus Amerika. Dresden (Böhmert). 

Preis 1,20 Mk. 

Asmussen gibt gewissermaßen Momentaufnahmen aus dem amerikanischen 
Leben. Mit gewandter Feder entwirft er seihe kleinen Reise- und Kulturbilder. 
In dem Kapitel „Vom vielen Durst und was dagegen getan wird 41 bringt As¬ 
mussen über die Wirkung von „prohibition 44 und „local Option 44 mehr Reflexionen 
als eigene Beobachtungen. „Die Amerikaner betrachten die Trinkfrage nur vom 
rein praktischen Standpunkt des gesunden Egoismus. Sie trinken nichts, weil 
dadurch ihr Kopf klarer, ihre Gesundheit besser, ihr Portemonnaie schwerer wird. 44 

P. S. 


Kehlig. Zur Freiheit! Ein Festspiel für Guttempler in einem Aufzuge. Flens¬ 
burg. Preis 1 Mk. 

Der Sohn einer Witwe, dessen Vater Trinker war, kehrt nach zweijähriger 
Abwesenheit zum Geburtstage der Mutter in die Heimat zurück und wird, mit 
Hilfe eines stimmungsvollen Traumes, für den Guttemplerorden gewonnen. 

Das Festspiel dürfte bei einer Aufführung in dem Kreise, für den es be¬ 
stimmt ist, seines Erfolges sicher sein. P. S. 


Wolff. Alkohol und Tuberkulose. Beiträge zur Klinik der Tuberkulose. Bd. IV, 
Heft 3. Würzburg 1905. Referat in der Zeitschrift für Tuberkulose. 

Verfasser kommt auf Grund einer Sammelforschung unter zahlreichen Leitern 
von Sanatorien und Volksheilstätten über die schädliche Wirkung des Alkohols 
für die Entstehung und den Verlauf sowie bei der Behandlung der Tuberkulose 
zu folgenden Schlüssen: 

1. Als Ursache der Schwindsucht ist der Alkoholismus allein nur in den 
seltensten Iföllen nachzuweisen, dagegen indirekt durch das damit verbundene 
Rauchen und Kneipenleben, außerdem dadurch, daß der Alkoholismus ungeheure 
Summen verschlingt, welche, zweckmäßig verwandt, die Gefahr der Erkrankung 
an Tuberkulose wesentlich vermindern würden. 

2. Dem Tuberkulösen ist nicht prinzipiell der Alkoholgenuß zu verbieten, 

mit Ausnahme der nervösen und der zu Blutungen neigenden Kranken. Als fett¬ 
sparendes Nährmittel, welches meist auch gern genommen wird, selbst von Fiebern¬ 
den und Appetitlosen, ist er bei der Behandlung oft durch kein anderes Mittel 
zu ersetzen, so daß sioh für die Behandlung in Sanatorien und Volksheilstätten 
nioht die Abstinenz, sondern die Temperenz empfiehlt. P. S. 


Felkl. Beitrag zur forensischen Kasuistik 4er solitären Erinnerungstäusehungen. 

Archiv für Kriminal-Anthropologie und Kriminalistik. Bd. 18, Heft 1. (Refer. 
in Ärztl. Saohver8t.-Zeitg. 1906, Nr. 1.) 

Ein Arbeiter, der Trinker ist, wird an einem Abend in leicht berauschtem 
Zustand von einem anderen überfallen und ausgeraubt. Am nächsten Morgen 
macht er über die Tat ganz bestimmte Angaben und bezeichnet insbesondere 
einen übel beleumundeten Menschen als den Überfallenden. Dieser wird auch 
auf die bestimmte Aussage des Angegriffenen hin verurteilt. Erst im Laufe der 
Zeit stellen sich Zweifel [an der Richtigkeit der Aussage ein. Die Angaben 
erweisen sich als lückenhaft und weichen zu verschiedenen Zeiten sehr vonein- 
nader ab. Dazu kommt, daß ein sehr wichtiges Ereignis überhaupt dem Ge- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



108 


Referate. 


dächtnis entfallen ist. Auch liegt ein Geständnis des wirklichen Täters vor. Da 
der Sachlage nach eine absichtlich gefälschte Darstellung ausgeschlossen war und 
der Beschädigte keinerlei Zeichen einer Geistesstörung darbietet, muß seine falsche 
Aussage auf einer Erinnerungstäuschung beruhen. Diese Erinnerungstäuschung 
kann bedingt sein: 

1. Durch die Alkoholwirkung vor dem Unfall. 

2. Durch die beim Überfall erlittene Kopfverletzung. P. S. 

Hübscher. Die Alkoholfrage. Brockau in Schles. 1905. Mk. 8,30. 

Verfasser gibt eine populäre zusammengedrängte Darstellung der Schädi¬ 
gungen des individuellen und des sozialen Organismus, welche der Alkoholismus 
bedingt. Dabei laufen einige Irrtümer und Sprachschnitzer mit unter — doch 
wirkt das Ganze anschaulich und anziehend. P. S. 


Bibliographie. 

Drittes und viertes Vierteljahr 1905. 

Zusammengestellt von Bibliothekar Peter Schmidt, Dresden. 

Abderhalden, Besprechung von: „Juliusburger, Gegen den Alkohol“. (Arohiv f. 
Rassen- u. Gesellschaftsbiologie 1904, S. 939.) 

Ahrenfeldt , Mart . Alkoholfreie Obst- und Fruchtsäfte. Ihr Wert, ihre Ver- 
wendg. u. ihre Selbstbereitg. im Haushalt. Hrsg.: J. Weck, Gesellschaft m. 
beschränkter Haftung. (52 S.) 8°. Oellingen. (Leipzig, Fritzsche & Schmidt) 
Geb. M. 1.25. 

Alberte , IT. Nachdenkliches bei einem Glase Bier und einer Cigarre. (Ärztl. 
Ratgeber, 1905, S. 238.) 

Alkohol, der, als Zerstörer der Familie. (Die Armenpflege, Wien, 1905, 8. Heft.) 

Alkohol, der, und die wirtschaftliche Lage des Arbeiterstandes. (Sächsisches 
evang. Arbeiterblatt, 1905, Nr. 16 u. 17.) 

Alkohol und Eisenbahndienst. (Berliner Korrespondenz v. 2. 12. 05.) 

Alkohol und Lebensdauer. (Hamburger Nachr. 3. Beil, zu Nr. 852 v. 3. 12. 05.) 

Alkohol und Verkehrswesen. (Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverw., 
1905, Nr. 56 u. 57.) 

Alkohol och arbete. (Jämbanebladet, Stockholm 1905, Nr. 18 u. 14.) 

Alkoholfrage , zur. (Wiener medizinische Presse, 1905, S. 679, 725.) 

Alkoholgehalt von Fruchtsäften. (Zeitschrift für öffentliche Chemie, 1905, S. 168.) 

AIkoholiemue, der X. internationale Kongreß gegen den — in Budapest. (Volks¬ 
wohl, 1905, Nr. 48.) 

Älkoholiemue , der, unter den Schülern der höheren Lehranstalten. (Volkswohl, 
1905, Nr. 43.) 

Älkoholiemue und öffentlicher Dienst. (Soziale Praxis, 1905/6, Nr. 10.) 

Alkoholteufel, der. (16 S.) kl. 8°. Lorch, K. Rohm. Mk. —.10. 

Almquiet, Emet. Nykterhetsarbetet och sedligheden. (Nüchtemheitsarbeit und 
Sittlichkeit.) (14 S.) 8°. Stockholm, Norstedt. 10 Öre. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 


109 


Angaben, statistische, betr. die Geschäftsführung der eidg. Alkoholverwaltung 
pro 1904. Bern 1905. (116 S.) 

Anschütz. Die Bekämpfung der Trunksucht im Verwaltungswege. 2. Auf]. 
Berlin, Mäßigkeitsverlag. Mk. —.60. 

Antialkoholunterricht in der Schule. (Zeit, Wien, v. 11. Juni 1905.) 

Arbeiter freund, illustrierter. Vertritt die Sache des Blauen Kreuzes. Bern 1905. 
Monatlich. Fr. 1.—. 

Ari'&ns , Alph. Criminaliteit en drankmisbruik. (IV, 76 S.) 8°. Uitgevers 

vennootschap »Futura«. fl. —.40. 

Arts, A . C. B. Matig alcoholgebruik. (Kathol. Sociaai Weekblad, 21. Okt. 05.) 

Astnus8en, G . Vom vielen Durst und was dagegen getan wird. (In seinem 
Buche: Ein Besuch bei Uncle Sam. S. 120. Dresden, Böhmert. Mk. 1.10.) 

Aufruf zum Kampf gegen die Unmäßigkeit im Trinken. Augsburg, Huttier. 
Mk. —.05. 

Ausweis über die der besonderen Abgabe unterworfenen Stätten, in denen der 
Ausschank oder Kleinverschleiß gebrannter geistiger Flüssigkeiten, bezw. der 
Handel mit denselben betrieben wurde, für das Jahr 1904. (Mitt. des k. k. 
Finanzministeriums, XI. Jg., 2. Heft. S. 625 ff. Wien 1905.) 

Bab. Gegen den Alkohol. (Zeitschrift für Krankenpflege, 1905, S. 68.) 

Bahnhofswirtschaften , polizeiliche Behandlung der —. (Bad. Verw.-Ztschr., 1905, 
Nr. 37, 133.) 

Barthel , H. Das Wirtshaus an der Landstraße. (Deutsche Bauhütte, 1905, Nr. 25.) 

Baumgart . Anzahl der Wirtschaften und Kleinhandlungen mit Branntwein in 
deutschen Großstädten am 1. Januar 1905. (Conrad’sche Jahrbücher, Oktober¬ 
heft 1905, S. 528.) 

Bazet . Etüde sur le monopole de Palcool. (VIII, 196 p.) Caen, Valin 1904. 

Behrend y F. Student und Alkoholismus. (Jahrbuch moderner Studenten f. 1905, 
S. 72—80.) 

Benutzung , zur, alkoholfreier Getränke. (Haus, Hof, Garten. Wochenbeilage 
zum „Berliner Tageblatt“, 1905. Nr. 41 v. 14. 10. 05.) 

Bepalingen, wettelijke, tot regeling van den kleinhandel in Sterken drank en 
tot beteugeling van openbare dronkenschap. ’s-Gravenhage. Gebr. Belinfante. 
fl. 0 . 10 . 

Bericht des Bundesrats an die Bundesversammlung betr. die Geschäftsführung 
und die Rechnung der Alkoholverwaltung pro 1904. Vom 23. Mai 1905. 
(48 S.) Bern 1905. 

Bericht über den III. deutschen Abstinententag, abgehalten vom 8.—11. Sep¬ 
tember 1905 in Dresden. Herausgegeben von Rieh. Bretschneider. Mit 
10 Abb. Hamburg, Zentralverband z. Bekämpfung des Alkoholismus. (40 S.) 
Mk. —.25. 

Berichte des Verwaltungsausschusses über die veränderte Einrichtung der Trinker¬ 
heilanstalt in Klingenberg. (Verhandlungen der Stadtverordneten zu 
Dresden v. 28. Dezbr. 1905. S. 26—28.) 

Besprechung von „Hueppe, Alkoholverbrauch u. Abstinenz“. (Bl. für Volks¬ 
gesundheitspflege, 1904, S. 192 u. 361.) 

Bestrafung der Trunkenheit. (Deutsche Warte v. 14. 9. 1905.) 

Bettex, F. Glaube und Kritik. Ein Wort an die Gläubigen. (VI, 64 S.) 8 C . 
Barmen, Elim, Buchh. des Blauen Kreuzes. Mk. —.60. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



110 


Bibliographie. 


Digitized by 


Bieling. Über die Notwendigkeit, den Alkohol in ärztlich geleiteten Heilanstalten 
in die Apotheke zu verbannen, und über die Durchführbarkeit dieser Ma߬ 
regel. (Zeitschr. f. Krankenpflege 05, Okt. S. 369—377.) 

Bleuler s. Holitscher. 

Bleuler-Waser, H. Der Einfluß des Alkohols auf das Verhältnis der beiden Ge¬ 
schlechter. (Sachs, evang. Arbeiterblatt, 1905, Nr. 26.) 

Borgesius , Goemann. De nieuwe Drankwet. Met beknopt overzicht van stelsel 
en inhoud der wet, den tekst en aanteekeningen bij de artikelen. 145—256 S. 
8°. 3e (slot) geg. Sneek, J. F. van Druten. fl.. 2.50. 

Brännvins tillverkning och försäljning samt hvitbetssocker-och maltdryckstiliver- 
kningen. (Alkoholerzeugung und -verschleiß nebst Runkelrübenzucker-Er¬ 
zeugung.) Beitr. z. amtl. Statist. Schwedens. V. Stockholm, Nord, bokh., 05. 

Branntweinbrennerei und Branntweinversteuerung im Großhgt. Hessen im Be¬ 
triebsjahr 1903/4. (Mitt. d. Großh. Hess. Zentralstelle für die Landes¬ 

statistik 1905, Nr. 809.) 

Büchner, Eberh. Variete und Tingeltangel in Berlin. 2. Aufl. (98 S.) gr. 8°. 
Berlin, Hermann Seemann Nfg. Mk. 1.—. 

Budde e . Lebensfreude ohne Alkohol. Vortrag. Flensburg, Guttempler-Verlag. 

Bulletin de la Societe Medieale Beige de Temperance. Numero special contre 
Tabsinthe. Bruxelles, 1905 Decembre. 

Cheysson. Compte rendu du premier congres national contre l’alcoolisme tenu 
ä Paris du 26 au 29 octobre 1903. (755 p.) Paris, Asselin et Houreau. 
fr. 5.—. 

Daum . Die Trunkenheitsgesetzvorlage. (Österr. Verwaltungsarchiv 1904, S. 80—87.) 

Dietz, H. Ist Verzicht auf Alkohol in den Irrenanstalten wünschenswert? (Allg. 
Zeitschr. f. Psychiatrie, 1905, S. 372—386.) 

Donath, J. Alkohol und Ersatzmittel. (Medizinische Blätter, 1905, S. 238.) 

Doumergue . L’ceuvre antialcoolique et antituberculeuse de TUniversite de Tou¬ 
louse (1897—1905). (29 S.) 8°. Toulouse, Privat, 05. 

Drankwet . Wet van 28 Juni 1881, laatstelijk gewijzigd bij de wet van 12 October 
1904, houdende wettelijke bepalingen tot regeling van den kleinhandel in 
Sterken drank en tot beteugeling van openbare dronkenschap. Door G. G. van 
der Hoeven. (XHI, 88 blz.) s’-Gravenhage, Gebr. Belinfante. fl. 0.90. 

Drankbestrijding en gemeentebelang. (Sociaal Weekblad. 21. Okt. 05.) 

Drucker, Eug . Der Weinbau Ungarns. Die Einleitg. verf. v. Dr. Steph. Molnär. 
(90 S. m. Abbildgn. u. VIH S. in qu. Lex. 8°.) Lex. 8°. Budapest (Pätria.) 
Mk, 2.50. 

Eggers. Alkoholgegner und Alkoholkapital. (Gasthausreform, 1905, Nr. 1.) 

Eggers. Streik gegen den Alkohol. (Europa, 1905, 6. u. 9. Heft.) 

Egolinus, H. Sozialismus und Abstinenz. (Jahrbuch moderner Studenten f. 1905, 
S. 81—85.) 

Eisenbahnerfeste und Alkohol. (Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnver¬ 
waltungen, 1905, Nr. 52.) 

Engelmann . Sind unsere Genußmittel Gifte? (Das Leben, Heft 1.) 

Faut-il?? ne faut-il pas boire du vin?? Les Ayis de 115 Docteurs-Medicines. 
(86 S.) 8°. Geneve, Ch. Zoellner. Fr. 1.—. 

Fiesel- Kästorf. Jahresbericht der Heilstätte des Hannoverschen Vereins für 
Trinkerrettung, Stift Isenwald, vom 1. April 1903/4 bis dahin 1904/5. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 111 

Fl ade, E. Besprechung von „Juliusburger, Gegen den Alkohol. (Hygienische 
Rundschau, 1904, S. 1208.) 

Flade. Alkohoüsuros und Tuberkulose. (Blätter zum Weitergeben, 1905, Nr. 7.) 

Flade. Zur Alkoholfrage. Berichte über das I. Halbjahr 1904. (Hygienische 
Rundschau, 1905, Nr. 3.) 

Foerster. Die Rettung des Trunkenboldes. (In seiner „Jugendlehre“, Berlin 1905, 
S. 485.) 

Forel, Äug. Wirtshaus und Alkohol. (Kap. X seines Werkes: Die sexuelle Frage, 
München, Reinhart, 1905.) 

Forel, A. Hygiene der Nerven u. des Geistes im gesunden u. kranken Zu¬ 
stande. Mit 10 Illust. 2. Aufl. (296 S.) Stuttgart, Moritz. Mk. 2.50. 

Forel, A. Die Interessen der Brauerei und die Interessen des Volkes. (Um¬ 
schau, 05. S. 921—924.) 

Freiheit, die. Offizielles Organ der Landesgruppe Schweiz des Alkoholgegner¬ 
bundes. Basel 1905. Monatlich. Fr. 1.50. 

Fürsorge für trunksüchtige Arme in Charlottenburg. (Amtl. Nchr. der Charl. 
Armen Verwaltung, 1905, Nr. 4.) 

Gast - und Schankwirtschaftsgewerbe, das, und der Kleinhandel mit Branntwein 
oder Spiritus im Herzogtum Sachs.-Meiningen. (Statistik d. H. S.-M. 
10. 1. S. 1—51.) 

Gastwirt, Kellner u. Gast. (Deutsche Warte v. 30. 8. 1905.) 

Gedanken über den Mißbrauch des Coffee- und Thee-Trinkens. Berlin 1768. 
(Montagsblatt. Wiss. Beil, der „Magdeburgischen Zeitung“, 1905, Nr. 48.) 

Gefahren des Alkoholgenusses. Appell an die Lehrerschaft zur Mitarbeit an der 
Aufklärung der Jugend. (4 S.) Wien, Suschitzky. Mk. —.05. 

Gelpke, L. Kulturschäden oder die Zunahme der Nerven- und Geisteskrank¬ 
heiten. Preisschrift des Vereins Schweiz. Irrenärzte. (VHI u. 80 S.) 8°. 
Basel, Schwabe. Fr. 2.—. 

Geschäftsbericht des deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 
über das Jahr 1904. Berlin, Mäßigkeitsverlag, 1905. (48 S.) 

Giltigkeit, die, der Polizeistunde für Bahnhofswirtschaften. (Zeitung des Vereins 
deutscher Eisenbahnverwaltungen, 1905, Nr. 30.) 

Goldfeld . Alkoholgenuß der Kinder. (Medizinische Reform, 1904, S. 239.) 

Granström, A. J. Nykterhetslärans grunddrag, (Grundbegriffe der Nüchtern¬ 
heitslehre.) (116 S.) 8°. Stockholm, Svenska nykterhetsförl. 75 Öre. 

Grohmann. „Trinker.“ (Neues Sächsisches Kirchenblatt, 1905, Nr. 34.) 

Groß, H. Besprechung von „Juliusburger, Gegen den Alkohol“. (Archiv f. 
Kritoinalanthropologie XV, S. 420.) 

Großmann, Ida . Umkehr. (Die Kirche, Heidelberg, 1905, Nr. 21—23.) 

Gudden, H. Bier-Delirium u. durch Biermißbrauch verursachte Fälle von Hallucin.- 
Wahnsinn. (Archiv f. Psychiatrie, 1905, S. 151—161.) 

Haag, G. Unfall und chronischer Alkoholmißbrauch. (Monatsschr. f. Unfall¬ 
heilkunde, 1905, S. 79.) 

Haft, F: Deutsches Taschenbuch für Abstinenten mit Kalendarium 1906. Jena r 
Haft. 1905. Mk. 1.20. 

Hähnel, Franziskus, Kunstempfinden und Enthaltsamkeit. Flugblatt. Bremen 1905. 

Hardebeck, W. Mäßigkeitsbewegung in russischen Kreisen. (Mitt d. Vereins 
f. Geschichte des Hasegaues, 1905, S. 38—48,) 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



112 Bibliographie. 

Henle, E. Wirtsgerechtigkeit nach bayrischem Rechte. (Bl. für Rechtsanwen¬ 
dung, 1904, 389—403.) 

Herkner. Der Alkoholismus. (In seinem Buche: Die Arbeiterfrage, IV. AufL 
Berlin 1905, 8. 617—628.) 

Hesselink, W. F. Über die Weine des Weinbaugebietes am Douro. (Diss.) 
München 1905. 

Hessen, Robert . Falstaffs Alkoholpredigt. (Die Zukunft, 1905, Nr. 34.) 

Hildebrand y Bruno . Mitteilungen über die Verwendung der zur Bekämpfung 
des Alkoholismus bestimmten Alkoholzehntels i. d. J. 1889 bis und mit 1903. 
(Zeitschr. f. Schweizer. Stat., 05, S. 204—214.) 

Hirschfeld, Magnus . Der Einfluß des Alkohols auf das Geschlechtsleben. (16 S.) 
Berlin, Arbeiter-Abstinentenbund. Mk. —.10. 

Holitscher und Bleuler . Aufforderung an die Mitglieder der 11. Versammlung 
deutscher Naturforscher u. Ärzte in Meran. Birkenhammerbei Karlsbad 1905, 

Hotiben , F. L’antialcoolisme dans ses rapports avec l’epargne et la mutualite. 
Bruxelles. 806 avennue Louise. (24 p.) 

Hübscher, Paul. Die Alkoholfrage. Brockau, Ernst Dodeck. (28 S.) Mk. —.30. 

Hueppe. Besprechung von „Hueppe, Körperübungen und Alkohol“. (Wiener 
medizinische Presse, 1904, Sp. 1558.) 

Hueppe , Ferd . Zur Kritik der Abstinenzbewegung. (Poi.-Anthrop. Revue, 1905, 
S. 341.) 

Jansen . Frau und Alkohol. (Bl. für Volksgesundheitspflege, 1905, S. 161—170.) 

Johnson s. Woolag. 

Jung . Besprechung von „Juliusburger, Gegen den Alkohol“. (Zentralbl. f. Nerven¬ 
heilkunde, 1904, S. 494.) 

Junk, E. Trunkenheit im Militär-Strafverfahren. (Archiv für Kriminalanthro¬ 
pologie, 16. Bd., S. 270—274») 

Juliusburger, 0. Besprechung von „Hueppe, Alkoholmißbrauch u. Abstinenz“. 
(Medizinische Reform, 1904, S. 275—280.) 

Juliusburger . Ein Wort in Sachen der Abstinenz. (Medizinische Reform, 1905, S. 4.) 

Juliusburger. Internationale Kongreß, Der X., gegen den Alkoholismus in 
Budapest. (Freies Wort, 05. 14. S. 561—566.) 

Kantorowicz. Zur Alkoholfrage. (Archiv f. phys.-diät. Therapie, 1905, S. 102, 
131, 173.) 

Kassowitz, Max . Ist Alkohol ein Gift? (Der Tag v. 11. 11. 05.) 

Kätscher, L . Neue Antitrinksitte. (Das Rote Kreuz, 1904, S. 587.) 

Katzenstein , Simon. Wofür kämpfen wir? (16 S.) Berlin, Arbeiter-Absti¬ 
nentenbund, 1905. Mk. —.10. 

Keidel, J. Die Handhabung der Medizinalpolizei. M. erläut. Anmerkgn. hrsg. 
(VII, 530 S.) 8°. Ansbach, C. Brügel & Sohn. Mk. 5.50. 

Kind, das, und der Alkohol. (Der Türmer, Febr. 1905.) 

Klaußmann, A. O. Wirtshausnamen. (Daheim, 1905, Nr. 20.) 

Klawitter, Karl. Zur Alkoholfrage. (20 S.) Berlin, Ar beiter-Abstinentenbund, 
1905. Mk. —.10. 

Kochmann. Wirkung des Alkohols auf den Blutkreislauf des Menschen. (Deut¬ 
sche medizinische Wochenschrift, 1905, 942.) 

Kongreß, X. intern., gegen den Alkoholismus in Budapest. (Das österr. Sanitäts¬ 
wesen. Wien 1905. Nr f 29.) 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Bibliographie. 


113 


Kraft Besprechung von „Hueppe, Körperübungen u. Alkohol 44 . (Zeitschr. für 
Schulgesundheitspflege, 1904, S. 344.) 

Kraus, L. Alkoholismus und Unfall. (Zeitschr. i Samariterwesen, 1905, S. 43.) 
Krause . Anti-Alkoholismus, Blaues Kreuz, religiöser Wahnsinn. (Vierteijahrs¬ 
schrift f. gerichtliche Medizin, 1905, S. 169.) 

Kruse. Unsere Aufgabe an den Opfern des Alkoholismus. (Monatsschrift für 
innere Mission, 1905, S. 107—117.) 

Laitenberger, J. Das Blaue Kreuz u. der Guttemplerorden in Deutschland. 

(46 S.) 8°. Barmen, Elim, Buchh. des Blauen Kreuzes. Mk. —.50. 

Lang, Otto. Die Arbeiterschaft und die Alkoholfrage. (16 S.) Berlin, Arbeiter- 
Abstinentenbund, 1905. Mk. —.10. 

Latoumeur. La consommation des boissons hygieniques et le alcool ä Paris 
de 1894 k 1904. (Joum. d’Econ., 15 aoüt 1904.) 

Lee, H. Euch soll sogleich Tokaier fließen! (Berliner TagebL, 8. 9. 1905.) 
Liebe, G . Arbeit in der Jugendloge der Guttempler-Orden. (Werde gesund! 
1905, 8. 146-155.) 

Liese . Die Frauen und der Kampf gegen die Trunksucht. Augsburg, Huttier. 
Mk. —.05. 

Lindetiberg. Alkohol im Eisenbahnbetrieb. (Der Tag v. 10. 9. 1905.) 

Löcken, G. Alkoholmißbrauch und Verordnungen dagegen im ehemaligen Fürst¬ 
bistum Münster. (Katechetisehe Monatsschrift, Münster 1905. S. 25—31.) 
Loetvenfeld, L. Über die geistige Arbeitskraft u. ihre Hygiene. (VI, 69 S.) 
Wiesbaden, J. F. Bergmann. Mk. 1.40. 

Mdday, Isidor v. Die Alkoholfrage in Ungarn. (72 8.) Lex. 6°. Budapest, 
F. Kilians Nachf. Mk. —.90. 

Mäßigkeitstag, der, in Münster. (Volkswohl, 1905, Nr. 47.) 

Matthaei . Die Förderung der Enthaltsamkeitsbewegung durch die Arbeiter od. 

der Ausstand gegen den Alkohol. Vortrag. (16 8.) Jena, Haft. Mk. —.20. 
Matthaei. Nicht Trinksitten, sondern Alkoholkrankheit. Jena, Haft. 1905. Mk.—.30. 
May, E. Die Entwicklung der sächsischen Bierbrauerei. Diss. Tübingen 
1905. (135 S.) 

Meinert. Die Gerichtsverhandlungen über die Spremberger Eisenbahnkatastrophe. 
.(Volkswohl, 1905, Nr. 52.) 

Menger. Über die Heilung Trunksüchtiger. (Dorf u. Hof, 1905, Heft 6.) 

Meyer. Die polizeüiche Kontrolle Trunksüchtiger. (Bl. für administrative Praxis 
LV, 1905, Nr. 10, 11.) 

Miliet, E. W. Besprechung von „Hueppe, Alkoholmißbrauch und Abstinenz 44 . 

(Zeitschr. für Sozialwissenschaft, 1904, S. 680.) 

Miliar, F. A Manual of Licensing Legislation and Compensation. Cr. 8vo. 
(pp, 124.) London, Munro. sh. 2.6. 

Müllendorff, Karl. Illustrierter Mäßigkeits-Katechismus. 3. verb. Aufl., besorgt 
von Franz Keller. Freiburg i. Br., Charitasverband. Mk. —.30. 

Müllerr Thurgau, H. Die Herstellung ungegorener u. alkoholfreier . Obst- u. 
Traubenweine. 7., umgearb. Aufl. (ni, 71 8.) 8°. Frauenfeld, Huber & Co. 
Mk. 1.20. 

Nahrungsmittel- u. Alkoholkonsum im Haushalte des amerikanischen Arbeiters. 
(Der Gewerkverein, 1905,-Nr. 49.) 

Nordslesvigs Goodtemplar. Zeitschrift für Deutschlands Großloge I des Gut- 
Der Alkoholismus. 1906. g 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



114 


Bibliographie. 


Digitized by 


templer-Ordens. Red.: Lehrer a. D. Haue in Nustrup. Jährlich 26 Nrn. 
Mk. 2.—. 

Olshausen. Bekämpfung der Animierkneipen im Polizeiverordnungswege. (Preuß. 
Verwaltungs-Blatt, 1905, S. 681—635.) 

Olshausen. Die Frühpolizeistunde im Deutschen Reich. (Schmollers Jahrbuch 
1905, HI, S. 29-66.) 

Örel 9 Anton. Alkoholismus und soziale Frage. (80 S.) Innsbruck, Kinderfreund¬ 
anstalt. Mk. —.18. 

Ordnung des Branntwein Verkaufs in Norwegen. (Gasthaus-Reform, 1905, S. 88 
u. 41.) 

v. Ostini . Wie München ißt und trinkt. (Velhagen u. Klasings Monatsh., 
Oktbr. 1904.) 

Ostwald, Hans. Berliner Kaffeehäuser. 5. Aufl. (86 S.) Berlin, Seemann. 
Mk. 1.-. 

Ottüy R. u. B. Tolmacz. Untersuchung alkoholfreier Getränke. (Ztschr. f. Unter¬ 
suchung der Nahrungs- u. Genußmittel, 1905, S. 267—278.) 

Pettinghoff. Bereitung alkoholfreier Obst- u. Traubensäfte. (Ratgeber in Obst- 
u. Gartenbau, 1904, Nr. 33.) 

Pfeiffer, Nie. Der X. intern. Kongreß gegen den Alkoholismus in Budapest. 
(Monatsschrift für christl. Sozialreform, 1905, XH. S. 599.) 

Polizeistunde, die, und die Bahnwirtschaften. (Zeitung des Vereins deutscher 
Eisenbahnverw., 1905, Nr. 47.) 

Popert, Herrn. M. Die bisherigen Erfolge der deutschen Abstinenzbewegung. 
(Pol.-Anthrop. Rev., 1905, S. 461—465.) 

Popert, Herrn. M. Alkohol u. Strafgesetz. (24 S.) Flensburg, Deutschlands 
Großloge II. Mk. —.25. 

Ifeite-Siedkow. Gasthausreform auf dem Lande. Leipzig, Hesse & Becker. 
(28 S.) 

Reichardty M. Delirium tremens. (Neurologisches Zentralbl., 1905, S. 551—555.) 

9. Renesse. Bekämpfung des Alkoholismus durch die kirchlichen Kreise. Vortrag. 
Soest 1905. Mk. —.20. 

Rinon , L. Etüde medico-sociale. Les maladies populaires (maladies veneriennes, 
Alcoolisme, Tuberculose). (483 S.) 8°. Paris, Masson et Cie., 1905. 

Restauration; die erste gemeinnützige alkoholfreie — in Dresden. (Volkswohl, 
1905, Nr. 48.) 

Rosenbach, O . Zur Abstinenzfrage. (Fortschritte der Medizin, Berlin 1905, 
S. 497.) 

Rosenthal , 0. Alkoholismus u. Prostitution. (62 S.) 8°. Berlin, Aug. Hirsch¬ 
wald. Mk. 1.—. 

Rüdlin. Ausbau d. Wohlfahrtseinrichtungen der preußisch-hessischen Eisen¬ 
bahngemeinschaft zur Durchführung des Alkoholverbotes. (Archiv f. Eisen¬ 
bahnwesen, 1906, Heft 1.) 

Savoy, J. A. Les Tresors de la Sainte Abstinence. Fribourg, Libr. Cath. (XV, 
518 p.) 

Schaefer, D. H. Die Antialkoholbewegung und der Weinbau. (Wochenschrift 
des intern. Vereins der Gasthof-Besitzer, 1905, Nr. 86—37.) 

Schenk , P. Die Alkoholfrage in der Literatur April-Dezember 1905. (Hygienische 
Rundschau, 1905, S. 34.) 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 


115 


Schenkling. Trinkgefäße u. Trinksitten aus alter Zeit (Der Tag, ill. Unteriu- 
Beil. Nr. 447 v. 10. Sept. 1905.) 

Scheven, Katharina . Alkoholismus und Unsittlichkeit. (Der Abilitionist, 1905, 
S. 59—63.) 

SchtnoUer, L. Ein Wort zur studentischen Mäßigkeitsbewegung. (Evangelisch- 
Sozial, 1905, S. 76—78.) 

Schöning, Hans . Soll der Eisenbahnbetriebsbeamte berauschende Getränke ge¬ 
nießen? Schwerin, Schriftenstelle des Guttemplerdistriktes Mecklenburg. 
(8 S.) Mk. —.05. 

Schubring, Wilh. Zur Trunksucht auf dem Lande. (Das Land, 1905, Heft 23.) 

Schutz der Kinder gegen Alkohol-Mißbrauch. (Deutsche Gemeinde-Zeitung, 1905, 
Nr. 41.) 

Schwarz, Josef. Staat contra Alkoholismus. (16 S.) Budapest. 

Schweizer Gut-Templer . Offizielles Organ der Schweizerischen Großloge des 
J. 0. G. T. Red.: Lehrer Zehnder in Birmenstorf. Monatlich. Fr. 1.60. 

Schwimmer, Rosika. Der Kampf gegen den Alkoholismus. (Schweiz. Bl. f. Yolksw. 
u. Sozpol. XHI, 16. S. 498—501.) 

Sempronius. Das Bier, dessen Bedeutung und Erzeugung. (Montsschr. für christl. 
Sozialreform, Zürich, Januar 1906.) 

Sempronius. Der Champagner, seine Bedeutung und Erzeugung. (Monatsschr. 
für christliche Sozialreform, Zürich, Januar 1906.) 

Sickinger, A. Alkohol in der Zahnheilkunde und Bedeutung für die Mutterbrust. 
(Medizinische Woche, Nr. 1558. Beilage.) 

Sladeczek, A. Die vorbeugende Bekämpfung des Alkoholismus durch die Schule. 
Theoretisch-praktisches Hilfebuch für die Hand der Lehrer. Berlin W. 15, 
Mäßigkeitsverlag. (154 S.) Geb. Mk. 2.40. 

Sobrius. Le röle du clerge dans la lutte contre l’alcool. (Bull, mensuel des 
Oeuvres soc. 05. 10. S. 300—308.) 

Sohnrey, Heinrich. Wer bin ich? (Das Land, 1905, S. 427.) 

Sohnreg. Das Wirtshaus auf dem Lande. Leitsätze. (Das Land, 1905/6, Nr. 4 
und 7.) 

Spener. Besprechung von „Hueppe, Körperübungen u. Alkohol 11 . (Allg. Literatur¬ 
blatt, 1904, S. 632.) 

Statistik im Dienste gegen den Alkohol. (Volkswohl, 1905, Nr. 47.) 

Stegmann. Alkoholismus u. Delikte wider die Sittlichkeit (Allg. Zeitsohr. f. 
Psychiatrie, 1905, S. 412—417.) 

Sterblichkeit, die, in den Berufen, die sich mit der Herstellung und dem Verkauf 
geistiger Getränke befassen. (Volkswohl, 1905, Nr. 47.) 

Stübbe. Lesehallen gegen Alkohol. (Monatsschrift für Innere Mission, 1905, 
227—229.) 

Taschenbuch, schweizerisches, für Alkoholgegner, kl. 8°. Abstinenzsekretariat. 
Lausanne 05. 

Taylor, W. First Reader in Health and Temperance. (220 S.) London, C. of 
E. Temp. Sop. 05. 1 sh. 6 d. 

de Terra. Abermals Alkohol und Eisenbahnunglück. (Der Tag v. 19. Septbr. 1905.) 

de Terra. Mittel und Ziele des Kampfes gegen die Alkoholschäden. (Zeitung 
des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen, 1905, Nr. 40.) 

de Terra. Alkohol und Eisenbahndienst. (Der Tag v. 19. 12. 05.) 

8 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



116 


Bibliographie. 


de Terra. Alkohol u. Verkehrssicherheit. (Der Tag v. 1 . 11. 05.) 

de Terra. Alkoholgenuß und wirtschaftliche Arbeit (Zeitung des Vereins d. 
Eisenbahnverwaltungen, 1905, Nr. 85.) 

de Terra. Petition des deutschen Vereins enthaltsamer Eisenbahner an beide 
Häuser des preußischen Landtages. Marburg, Dezember 1905. (0 S.) 

Thomayer, J. Zur Alkoholfrage. (Neue Therapie, 1905, 8. 97.) 

Tolmacz s. Otto. 

Töndury, Hans. Der gesetzliche Schutz des 'Wirtschaftspersonals in der Schweiz. 
(Monatsschr. f. christl. Sozialreform, 1905, XI, S. 495.) 

Trinkerheilanstalt, die 1., in Oberschlesien. (Das Bote Kreuz, 1904, S. 418.) 

Trunksuchtsmittel. Corzapulver ist ein Geheimmittel. (Apothekerzeitung, 1905, 
S. 60.) 

Tugendhat. Der Kampf gegen die Trunksucht bei den badischen Staats¬ 
eisenbahnen. (Archiv für Eisenbahnwesen, 1905, Heft 5.) 

Türkei, Sieg fr . Psychiatrisch-kriminalistische Probleme. I. Die psychiatr 

Expertise. II. Über Zurechng. u.. Zurechnungsfähigkeit. HI. Psychopatische 
Zustände als Strafausschließungsgründe im Strafrechte. (IV, 72 S.) gr. 8°. 
Wien, F. Deuticke. Mk. 8.—. 

Unfallverhütung und Alkoholgenuß. (Soz. Praxis, 1905/6, Nr. 16.) 

Verbrauch von Wein, Bier u. Branntwein in Deutschland und anderen Kultur¬ 
ländern und der Aufwand für alkoholische Getränke, insbesondere in den 
arbeitenden Klassen. (D. Beichs-Anz., Nr. 28 vom 26. Januar 1906, 2. Beil.) 

Verbreitung des Alkoholgenusses unter den Münchener Schulkindern. (Jahr¬ 
buch für Kinderheilkunde, 62. Bd., Heft 4, S. 570.) 

Verordnung des österr. Unterrichtsministeriums vom 29. September 1905 [be¬ 
trifft insbesondere Femhaltung der Schulkinder von dem Genuß geistiger 
Getränke]. (Reichsgesetzblatt, Wien, vom 14. 10. 1905, Nr. 159.) 

Verordnung d. Kgl. Eisenbahndirektion zu Kattowitz betr. Maßregeln gegen den 
Alkoholmißbrauch durch Betriebsbeamte vom 14. 10. 1905. (Veröff. d. Kais. 
Gesundheitsamts, Nr. 50 v. 18. 12. 05.) 

Volksfreund gegen den Alkoholismus und für Gesundheitspflege. Herausgegeben 
von Pfarrer Jos. Neu mann. Mündt b. Titz (Rheinl.), Kamillenhaus. Monat¬ 
lich. Mk. —.90. 

Wachenfeld. Nochmals Alkohol und Eisenbahnunglück. (Der Tag v. 2. 9. 1905.) 

Warming 8 . „Jahrbuch 4 *. 

Weber. Besprechung von„ Juliusburger, Gegen den Alkohole (D.mediz.Wochenschr. 
1904, S. 1224.) 

Weber. Die Polizeistunde und die Bahnhofswirtschaften. (Preuß. Verwaltungsbl., 
26. Jg., Nr. 47.) 

Wegscheider-Ziegler. Die arbeitende Frau und der Alkohol. (19 S.) kl. 8°. 
Berlin, D. Arb.-Abstinentenbund. Mk. —.10. 

Weigl, Dr. med. Jugenderziehung und Genußgifte. München, Leutner’sche 
Buchh. Mk. —.40. 

Wein. (Auszüge aus gerichtlichen Entscheidungen, betr. den Verkehr mit Nahrungs¬ 
mitteln, Bd. VH, S. 145 ff.) 

Weinstatistik für 1903. Moststatistik für 1904. (28. Band der „Arbeiten aue 
dem Kaiserlichen Gesundheitsamte“. Heft 1.) Berlin, Julius Springer. 
Mk. 11.—. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 


117 


Werner, Emst. Stellung der höheren Schule zur Alkoholfrage. (Pädag. Arch., 
05, 7—8, S. 416-429.) 

Wet van den 28en Juni 1881, zooals deze wet laatstelijk is gewijzigd bij de wet 
van 12 October 1904, houdende wettelijke bepalmgen tot regeüng van den 
kleinhandel in sterken drank en tot beteugeling van openbare dronkenschap. 
(Drankwet.) Met aanteekeningen en alphabetisch register. (62 blz.) Zwolle, 
Willink. fl. 0.25. 

Wewer. Ein Stück Arbeiterschutz. (Jahrbuch d. evang. Gemeinden v. Dortmund 
1906, S. 41 ff.) 

Whisky , vom. (Brennereizeitung, Nr. 649.) 

Wichds, J. Alkoholismus und Erziehung. Vortrag. (16 S.) Geestemünde, Henke. 
Mt —.15. 

Windisch, Karl. Wie hat sich das Weingesetz vom J. 1901 bewährt? Vortrag. 

(16 S.) gr. 8°. Neustadt a. Hdt., D. Meininger, 05. Mk. —.50. 
Wissenschaft, die, und die Milch. (Volkswohl, 1905, Nr. 47.) 

Wöhrmann. Der deutsche Bund evangelisch-kirchlicher Blau-Kreuz-Verbände, 
seine Arbeitsgebiete u. seine Geschichte. Herford i. Westf., Selbstverlag des 
Verbandes. Mk. —.50. 

Woolley, J. G., Johnson, W. E. Temperance Progress of the Century. (582 S.) 

8°. Ninet. Cent. Series. London, Chambers. 5/—. 

Zeitungskorrespondenz des deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger 
Getränke. Im Aufträge des Vorstandes herausgegeben vom Geschäftsführer 
J. Gonser. Monatlich und nach Bedarf öfter. Berlin W. 15, Mäßigkeits¬ 
verlag. 

Zimmermann. Die Alkoholfrage und die Übertreibungen der Abstinenzler. (24 S.) 
Dresden, C. Heinrich. Mk. —.20. 

Zuber, Alfr . La preservation de l’Enfance contre la tuberculose. (Bull, de la 
Societe Industrielle de Mulhouse, 05. März. S. 100.) 

Zunker, E. Genuß oder Enthaltsamkeit. (Ztschr. f. d. ges. Brauwesen, 1905, 
S. 229.) 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



118 


III. Mitteilungen. 

Widerspräche unserer Gegner. 

Eins der beliebtesten Argumente gegen uns und unsre gute Sache besteht 
darin, die Angaben und Auffassungen der Enthaltsamen gegen die der Mäßigen 
auszuspielen, z. B. über die an sich müßige Frage, ob Alkohol ein Gift sei oder 
über das, was Mäßigkeit bedeute etc. 

Wir wollen einmal zur Abwechslung den Spieß umdrehen: 

In den Beiträgen zur Geschichte des Bieres und der Brauerei, gesammelten 
Vorträgen von M. Dellbrück und E. Struve, Berlin 1908, beides Autoritäten auf 
dem Gebiete der Wissenschaft des Brauwesens, der Gärtechnik etc., Leiter des 
weltbekannten Versuchslaboratoriums in Berlin, Seestraße, finden wir folgendes: 

Professor Struve sagt in seinem Vortrage: Zur Geschichte und Bedeutung 
des Bieres: 

„Die Angehörigen unserer Industrie brauchen sich wahrlich nicht erst von 
den Herren Temperenzlern belehren zu lassen, daß es keineswegs im Interesse 
des Braugewerbes liegen würde, wenn etwa der Biergenuß in übermäßiger Weise 
ausarten würde, da eine solche einseitige Entwicklung stets den Keim der 
Reaktion in sich birgt und der Rückschlag in erster Linie wieder das produ¬ 
zierende Braugewerbe selbst treffen würde. Wer weiß, ob nicht in dieser Hin¬ 
sicht die Brauerei Bayerns in der Folge ein lehrreiches und warnendes Beispiel 
bieten wird. Der Biergenuß ist dort an vielen Orten zweifelsohne in einer 
Weise ausgedehnt, die auf die Dauer sich nicht wird behaupten lassen können. 
Dazu kommt, daß auch der Export, der bisher ein sehr wirksames Ventil für 
diese nach Ausdehnung strebende Produktionskraft des dortigen Braugewerbes 
war, ebenfalls seinen Höhepunkt überschritten haben dürfte und vielleicht schon 
in nicht zu ferner Zeit mit einer bemerklichen Einschränkung zu rechnen haben 
wird. Nicht als ob damit den dortigen Brauereien ein Vorwurf gemacht werden 
soll, aber wir können daraus sehr wohl die Lehre ziehen, daß, wie gesagt, eine 
übermäßige Steigerung des Bierkonsums auf die Dauer gar nicht im Interesse 
der Brauerei liegt. Eine normale, mit der Zunahme der Bevölkerung und des 
Wohlstandes Schritt haltende, im Rahmen eines vernünftigen Alkoholgenusses 
sich haltende Entwicklung des Biergenusses wird allezeit auch die beste Gewähr 
für eine gesunde Entwicklung des Braugewerbes bieten“. 

Dellbrück sagt in einem Vortrage: Das deutsche Braugewerbe an der 
Wende des Jahrhunderts, S. 66: 

„Mir scheint, es gibt nicht viele Nahrungs- und Genußmittel, deren Ver¬ 
brauch einen derartigen Aufschwung genommen hat, wie ihn das Bier zeigt, und, 
so hoffen wir, weiter zeigen wird. Furcht braucht uns erst dann zu beschleichen, 
wenn einmal die Zeit kommen sollte, wo der Deutsche keinen Durst mehr hat 
oder keine Kinder mehr zeugt, aber wie liegt die Sache? Die Wohlhabenheit 
steigt und demgemäß der Verbrauch auf den Kopf des Volkes; und die Be¬ 
völkerung steigt; wenige Jahre trennen uns von der Zeit, wo Deutschlands Ein¬ 
wohnerzahl sich jährlich um eine Million Seelen heben wird — und wenn wir 
die Deutschen so schätzen dürfen, daß sie schließlich auf den Kopf l 1 /* hl im 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


119 


Jahr an Bier verzehren werden, so wollen wir sie deshalb nicht tadeln, denn 
auf den Tag einschließlich der Festtage kommen dann noch nicht zwei Glas Bier, 
eins zu Mittag, eins zum Abendbrot, für den verpönten Frühschoppen bleibt auch 
nicht ein Tröpfchen. 41 

Zu diesem lV a Liter „Zukunftsquantum 44 ist noch zu bemerken, daß das¬ 
selbe schon jetzt fast erreicht ist. 

Denn nach dem Beichsarbeitsblatt (Januarheft 1906) beträgt der fünfjährige 
Durchschnitt des Bierverbrauches pro Kopf und Jahr 123,4 Liter. 

Wenn wir jeden erwachsenen Mann über 15 Jahre als Konsumenten in 
Rechnung setzen, wie es auch das Reicharbeitsblatt tut, so kommen 407 Liter 
pro Kopf und Jahr heraus, d. i. fast 1*/ 4 Liter pro Tag und 157 Mark jährliche 
Ausgabe nur für Bier. Laquer. 


Headley, R. Liquor Legislation (1904). Legislation Bulletin 25 i, New York 
State Education Departement Albany, October 1905. 

Headley berichtet in dem vorliegenden Bulletin über die Fortschritte der 
Gesetzgebung betr. den Handel mit alkoholischen Getränken in den Vereinigten 
Staaten während des Jahres 1904. — Ein Gesetz von Alabama verbietet den 
Verkauf geistiger Getränke an Sonntagen und setzt Strafen für die Übertretung 
dieser Bestimmung fest. Die Behörden dürfen an Personen, die wegen des 
Sonntagsverkaufs bestraft wurden, innerhalb zweier Jahre keine neue Alkohol¬ 
lizenz mehr ausgeben. — In Georgia wurden die Lokalbehörden ermächtigt, 
Bewilligungen zur Bereitung einheimischer Weine zu erteilen; doch dürfen diese 
nicht in geringeren Quantitäten als ein Quart abgegeben und nicht im Verkaufs¬ 
lokale selbst konsumiert werden. Wer ohne Bewilligung einheimische Weine 
verkauft, macht sich eines Vergehens schuldig. — In Iowa haben die Be¬ 
stimmungen über die Verhinderung des illegalen Verkaufs berauschender Getränke 
eine unbedeutende Änderung erfahren. Ein anderes Gesetz desselben Staates 
sieht die Errichtung eines Hospitals für Trinker vor und enthält Vorschriften 
über Einrichtung und Betrieb dieser Anstalt. — In Kentucky ist die Summe, 
welche Hotels pro Jahr für eine Schanklizenz zu zahlen haben, von 235 auf 
160 Dollars reduziert worden. Ferner hat die Legislatur den En gros-Verkauf 
alkoholischer Getränke in den Distrikten verboten, wo die Bevölkerung durch 
die Local Option 1 ) sich gegen die Erteilung von Schanklizenzen erklärte. Eine 
Ausnahme findet zu Gunsten jener Fabrikanten berauschender Getränke statt, 
deren Betriebe sich in solchen Distrikten befinden. — Ein Gesetz von New 
Jersey betrifft die Ernennung von Lizenzinspektoren in den größeren Städten 
und die Pflichten derselben. — In Mississippi wurde die Vornahme von Ab¬ 
stimmungen, über Zulässigkeit oder Verbot des Ausschankes geistiger Getränke, 
zwei Monate vor oder nach allgemeinen Wahlen untersagt. Das Gesetz enthält 
auch eine Reihe von Bestimmungen hinsichtlich der Durchführung der Loca 
Option. — In New York betrifft ein Amendement zum Liquor Tax Law die 
Gehälter der „Spezialagenten 44 , die zu dessen Überwachung angestellt sind, ein 
anderes besagt, daß der Handel mit berauschenden Flüssigkeiten in der nächsten 


*) Local Option ist das Bestimmungsrecht der Gemeinden, Bezirke etc., inner¬ 
halb ihres Gebietes den Ausschank berauschender Getränke zu bewilligen oder 
zu verbieten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



120 


Mitteilungen. 


Difitized by 


Umgebung von Kirchen nur dann gestattet ist, wenn es die kirchlichen Ver¬ 
waltungsorgane gestatten. — Ein Gesetz von Ohio bestimmt über die Verwendung 
der Überschüsse der Alkoholsteuer, ein zweites bezieht sich auf Local Option in 
gewissen städtischen Distrikten; zwischen zwei Abstimmungen betr. das Verbot 
des Verkaufes geistiger Getränke muß ein Zeitraum von mindestens zwei Jahren 
verstreichen. Im Staat Oregon wurde die Local Option im Wege der Volks¬ 
abstimmung neu eingeführt. In Zukunft können hier zehn Prozent der Wahl¬ 
berechtigten eines County (Bezirks) oder eines Teils davon die Entscheidung über 
die Zulassung des Verkaufs oder das Verbot berauschender Getränke (ausgenommen 
für medizinische, wissenschaftliche oder gewerbliche Zwecke) verlangen. Dies¬ 
bezügliche Abstimmungen dürfen — wie im vorhergenannten Staat — nicht öfter 
als alle zwei Jahre stattfinden. Wenn sich ein Bezirk für das Verbot ent¬ 
scheidet so kann keine in demselben gelegene Gemeinde ihrerseits den Verkauf 
bewilligen. Für den gesetzwidrigen Ausschank von Alkohol sind schwere Strafen 
vorgesehen. — In Virginien wurden mehrere Gesetze betr. den Verkauf geistiger 
Getränke geschaffen. Eines sieht vor, daß die Gerichte die Ergebnisse einer 
Local Option-Abstimmung überprüfen, wenn von fünfzehn Wählern des Bezirks 
oder der Gemeinde ein Protest gegen die Richtigkeit des verkündeten Resultats 
erhoben wird. Ein zweites Gesetz verpflichtet Geselligkeitsvereine, die — wie 
es in Amerika häufig Brauch ist — an ihre Mitglieder Alkohol zum Ausschank 
bringen, zur Zahlung einer Lizenz von zwei Dollars pro Mitglied, doch nicht 
mehr als insgesamt 350 Dollars pro Jahr. Der Verkauf an Nichtmitglieder ist 
verboten. Der Verein darf seinen Sitz nicht in demselben Hause haben, in 
welchem sich eine Schenke befindet und muß an allen Sonntagen geschlossen 
sein. Ein weiteres Gesetz Virgiuiens gestattet den Händlern den Verkauf alko¬ 
holischer Getränke noch während neunzig Tagen nach einer Abstimmung, in der 
sich die Bevölkerung für das „Verbot“ (Prohibition) entschied, damit sie ihre 
Vorräte abzusetzen vermögen. In solchen Fällen ist den Händlern auch die 
Steuer für die restliche Zeit zurückzuzahlen, während der sie den Ausschank 
nicht mehr ausüben. Endlich ist die Abänderung des allgemeinen Lizenzgesetzes 
von 1903 hervorzuheben, womit allen Personen, die keine Lizenz besitzen, die 
Erzeugung und der Verkauf geistiger Getränke — mit Ausnahme von Wein — 
verboten wird. Es werden ausführliche Vorschriften gemacht hinsichtlich der 
Modalitäten bei Erteilung von Bewilligungen, der Erlegung von Sicherstellungen, 
der Berufung an die Gerichte etc. Bemerkenswert ist das Verbot des Alkohol¬ 
verkaufes vom Samstag 12 Uhr nachts bis zum Montag Morgen. Jugendlichen 
Personen unter 2 t Jahren darf kein alkoholisches Getränk verabfolgt werden. 
Die Strafen betragen einhundert bis fünfhundert Dollars und Entziehung der 
Verkaufsberechtigung. Fehlinger. 


Alkoholismus in Canada. Der jüngste Band des statistischen Jahrbuches für 
Canada 1 ) enthält eine Übersicht der Verurteilungen wegen Trunkenheit während 
der Periode 1890 bis 1903. Dieser Statistik zufolge ist anzunehmen, daß die 
Trunksucht von 1890 bis 1897 zurückging, seither aber wieder zunahm. Die 
Zahl der Verurteilungen betrug in dem erstgenannten Jahre 14045 und sank 
nahezu ununterbrochen auf 10586 in 1897, um dann mit unbedeutenden 


*) The Statistical Yearbook of Canada, 20. Band. Ottawa, 1905. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


121 


Schwankungen auf 16582 in 1903 anzusteigen. Für die beiden letzten Jahre 
fehlen die Angaben noch. Am Beginne der Berichtsperiode kam eine Verurteilung 
auf 341 Einwohner, 1897 auf 484 Einwohner, 1900 auf 434 Einwohner und 1903 
auf 335 Einwohner. Die Bestrafung erfolgt nur bei Rückfälligkeit. 

, Fehlinger. 


Im Jahre 1683 und im Jahre 1906! 

Ein Tagesbefehl gegen den Branntweinverkauf in der Armee Ludwig XIV. (In 

Übersetzung.) 

Da dem Könige klar gemacht worden ist, wie verderblich der Branntwein 
für die Gesundheit der Soldaten ist, und es daher dem Dienste nur schädlich 
sein kann, wenn ihnen dieses Getränk in den Kantinen zu einem billigen Preise 
zugänglich gemacht wird, haben wir einen Befehl von Seiner Majestät' durch ein 
Schreiben des Staatsministers zu Louvais vom 17. des vorigen Monats, dem un¬ 
verzüglich Einhalt zu tun. Deshalb verbieten wir ganz ausdrücklich allen 
Personen, welcher Art und Stellung sie auch sein mögen, sowie den Magistraten 
der Städte mit Garnisonen, irgendwelche Branntweinkantinen zu errichten und 
den Offizieren, Kavalieren, Dragonern und Soldaten zu irgend einem Preise und 
unter irgend einem Vorwände Branntwein zu verkaufen, unter Androhung einer 
Geldstrafe von 150 Livres. Die Hälfte dieser Summe soll dem Denunzianten, 
die andere Hälfte dem nächsten Kapuzinerkloster desjenigen Bezirks zufallen, in 
dem die Zuwiderhandlung gegen den Beschluß erfolgt ist. Dieser Befehl soll 
überall, wo es nötig sein wird, veröffentlicht, angeschlagen und vorgelesen werden, 
damit niemand dessen Unkenntnis als Entschuldigung auführen kann. 

Gegeben Straßburg, 3. Februar 1683. Jacques de la Graye. 


Kriegsministerium. 

Berlin W 66, den 8. Februar 1906. 

Seine Majestät der Kaiser und König haben zu bestimmen geruht, daß die 
vom Deutschen Verein gegen den Mißbrauoh geistiger Getränke herausgegebene 
kleine Schrift „Alkohol und Wehrkraft“ an alle seit dem letzten Einstellungstermin 
eingetretenen und in Zukunft zur Einstellung kommenden Rekruten der Armee 
in geeigneter Weise zur Verteilung gelange. 

Das Kriegsministerium beehrt sich, hiervon mit dem Hinzufügen ergebenst 
Kenntnis zu geben, daß es der Allerhöchsten Willensmeinung entsprechen würde, 
wenn das Belehrungsschriftchen, unter gleichzeitiger Erläuterung des Inhalts 
seitens der Offiziere, an die Rekruten kostenfrei verteilt würde. 

• Die Bestellung der erforderlichen Exemplare wird zweckmäßig seitens der 
Truppenteile u. s. w. unmittelbar bei der Geschäftsstelle des genannten Vereins, 
Berlin Wl5, Fasanenstr. 59, erfolgen, die hiervon Mitteilung erhalten hat und die 

Schrift zum Preise von 2 Mk. für 100 Exemplare abzugeben bereit ist. 

v. Einem. 

Der Regierungspräsident zu Potsdam wendet sich mit folgender Verfügung an 
die Landräte, Polizeiverwaltungen und Magistrate mit mehr als 10000 Einwohnern: 

„Der Herr Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegen- 
heiten hat seine Befriedigung über die zur Bekämpfung des übermäßigen Alkohol¬ 
genusses ergriffenen Maßnahmen ausgesprochen. Die Behörden sowie zahlreiche 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 




122 


Mitteilungen. 


Vereine und Private haben sich in dankenswerter Weise an den Bemühungen 
zur Anregung vorbeugender Maßregeln, insbesondere auf dem Gebiete der Wohl¬ 
fahrtspflege, zur Unterstützung der einschlägigen Bestrebungen und zur Ver¬ 
breitung des Verständnisses der durch den Mißbrauch geistiger Getränke be^ 
dingten Schädigungen in den breitesten Schichten der Bevölkerung beteiligt, so 
daß das allgemeine Ergebnis der getroffenen Vorkehrungen zur Zeit schon als ein 
bemerkenswertes und erfreuliches bezeichnet werden kann. 

Es darf aber nicht verkannt werden, daß bei den hier vorliegenden 
schwierigen Verhältnissen ein nachhaltiger Erfolg nur durch die dauernd fort¬ 
gesetzte gemeinschaftliche Arbeit aller beteiligten Faktoren erzielt werden kann. 

Ich ersuche daher ergebenst, dieser für das gesamte Volkswohl bedeutungs¬ 
vollen Angelegenheit auch fernerhin Ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden und mir 
bis zum 1. Oktober 1907 über den Erfolg der Maßnahmen im Sinne der Rund¬ 
verfügung vom 29. Juni 1903 — I. 768/5 — erneut zu berichten.“ 

(Unterschrift). 

In dem Jahresbericht 1904/5 über das städtische Krankenhaus am Fried richs- 
hain in Berlin weist der Direktor der inneren Abteilung, Prof. Dr. Stadelmann, 
auf die schweren Schädigungen hin, die beständig durch den Alkoholmißbrauch 
herbeigeführt werden. Zunächst wird der verhältnismäßig großen Zahl von 
Lungenentzündungen gedacht; sie betrug auf der inneren Abteilung nicht weniger 
als 200, gegen 147 im Jahre zuvor. Dazu kommt aber noch, daß die Sterblich¬ 
keit an Lungenentzündung sehr hoch ausfiel, sie betrug nämlich 29 v. H. Das 
erklärt sich, daß unter den mit Lungenentzündung behafteten Kranken viele 
Trinker und Deliranten waren. Vielfach handelte es sich um Leute im jugend¬ 
lichen und kräftigen Alter, die gut die Lungenentzündung überstanden hätten, 
wenn sie nicht durch den übermäßigen und gewohnheitsmäßigen Alkoholgenuß 
in ihrer Widerstandskraft stark beeinträchtigt gewesen wären. Auch unter den 
Kranken mit chronischem Gelenkrheumatismus sind die Trinker mit hohen 
Zahlen vertreten. Dasselbe gilt von den Herzkranken, den an Gefäß- und 
Nierenerkrankungen Leidenden. Erschrecklich ist die Sterblichkeit 
der Kranken mit Säuferleber. Es gingen von 48 Fällen 39 v. H. tödlich 
aus. Schließlich wurden 100 Fälle von Säuferwahnsinn beobachtet. Im Hin¬ 
blick auf diese Beobachtungen sagt Stadelmann: „Ich halte mich für verpflichtet, 
erneut auf die Schädigungen hinzuweisen, welche die Schnapspest für unsere 
Arbeiterbevölkerung mit sich bringt und die unter derselben leider in er¬ 
schreckendem Maße verbreitet ist. Es ist eine Seltenheit, wenn einer von unseren 
Kranken männlichen Geschlechts angibt, außer verschiedenen Flaschen Bier 
täglich für weniger als 20 Pf. Schnaps zu trinken. Meistens sind es 30 Pf., die 
er dafür täglich anlegt, nicht selten aber 50 Pf. Ja, manche kommen auf 1 bis 
2 Mark täglich. Allgemein verbreitet ist die nicht genug zu bekämpfende, natürlich 
falsche, Überzeugung unserer Kranken, daß sie den Schnaps zu ihrer Arbeit 
brauchen. Es ist erschreckend, wie groß der Prozentsatz von kräftigen Männern 
ist, die infolge dieser falschen Ansicht, vielleicht auch in Unkenntnis der traurigen 
Folgen des gewohnheitsmäßigen übermäßigen Alkoholgenusses und speziell des 
Schnapses, im besten Mannesalter ihre Kraft, Gesundheit und Arbeitsfähigkeit 
schädigen, untergraben und vernichten. Es scheint, daß gerade in den Gegenden 
um das Krankenhaus Friedrichshain, aus denen unser Krankenmaterial herstammt, 
in besonders hohem Grade der Alkoholmißbrauch verbreitet ist. 44 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


123 


Der Kieler Bezirksverein gegen Mißbrauch geistiger Getränke in den 

Jahren 1904 und 1905. 

Der Verein zählt z. Z. 543 Mitglieder; er ist in das Vereinsregister des 
Eieier Amtsgerichts eingetragen; seine Einnahmen und Ausgaben für 1905 stellen 
sich auf 1227 Mk. Vorsitzender ist Pastor Dr. Stubbe. Der Verein hat auf 
verschiedenen Gebieten segensreich gewirkt. Der Kaffeeausschank sei zuerst ge¬ 
nannt. Verkauft wurden am Bahnhofsdurchgang: 30186 Tassen Kaffee, 1251 Gläser 
Milch, 41539 Stuten u. s. w. Die Leitung hatte Frl. Hinz. In der von Frl. Ravit 
beaufsichtigten Kaffeeschenke am Fischmarkt wurden 39 629 Tassen Kaffee, 
307 Gläser Milch, 42 255 Stuten u. s. w. abgesetzt. Ferner sind im Jahre 1904 
auf Rechnung der ev.-luth. Kirchengemeinde 2483 Liter Kaffee an die beim Bau 
der St. Jürgenskirche beschäftigten Leute verabfolgt worden. 

An die Stadt Kiel ist der Antrag gerichtet, in ähnlicher Weise dem Alkohol¬ 
genuß auf den städtischen Baustellen entgegenzuwirken. Der Magistrat steht, 
wie Stadtrat Dr. Thode mitteilte, diesen Anregung sympathisch gegenüber und 
hat sich bereits mit den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Verbindung gesetzt, 
um zunächst den Schankbetrieb der Poliere auf den Baustellen einzuschränken. 
Im Hohenzollempark und in der Forstbaumschule sind städtische Wirtschaften 
eingerichtet; die Führung alkoholfreier Getränke ist auf Antrag unseres Vereins 
vorgeschrieben. Verhandlungen mit dem Feldausschuß der Stadt Kiel und mit 
der Direktion der Germania-Werft über Beseitigung eines in den Pachtgärten 
sich einnistenden Spirituosenausschanks haben den erwünschten Erfolg gehabt; 
ein Verbot ist erlassen. Unsere wichtigste Versammlung veranstalteten wir im 
März 1905 mit Hilfe des Deutschen Milchwirtschaftlichen Vereins. Professor 
Dr. Kamp sprach über Milch als Volksnahrungsmittel. Ein Ausschuß trat zu¬ 
sammen und richtete an den Magistrat der Stadt Kiel eine Eingabe betr. Erlaubnis 
zur Errichtung von Milchschankstätten (Milchhäuschen) auf öffentlichen Plätzen 
Kiels. Der Magistrat läßt jetzt genaue Pläne ausarbeiten. Ein Aufruf zur 
Stiftung von Zeitschriften und Büchern hatte erfreulichen Erfolg. 15 Kisten 
mit Schriften wurden an die Lazarette in Deutsch-Südwestafrika gesandt, 3 Kisten 
voll an das Seemannsheim in Leith. Mehrere Vorträge sind gehalten. Pastor 
Dr. Stubbe über: „Gustav Frenßen als Antialkoholiker 44 (Bl. z. W.), „Bilder aus 
der Alkoholfrage 44 , „Mensch, Tier, Alkohol 44 , „Klaus Harras und der Branntwein 44 ; 
Landesversicherungsrat Hansen über: „Landesversicherungsanstalt und Alkohol 44 
(Alkoholfrage). An Veröffentlichungen sind zu nennen: Stubbe, „Höhere Schule 
und Alkohol 44 , „Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein 44 (beide 
im „Alkoholismus 44 ), „Die antialkoholische Literatur 1903—1904 44 („Jahresbericht 
des Schl.-Holst. Bezirksvereins 41 ), „Der Alkohol auf den Schl.-Holst. Propstei¬ 
synoden 1905 44 (Anhang zu den „Mitteilungen des Schl.-Holst. Bezirksvereins 44 ) 
„Das Trinken in Schleswig-Holstein* 4 (Mäßigkeitsverlag Berlin W. 15). Dannmeier, 
„Schule und häusliche Erziehung unter dem Einfluß des Alkohols 44 („Abstinenz 44 ). 
Die diesjährige Hauptversammlung am 18. Januar, auf welcher Pastor Dr. Stubbe 
über „Hilligenlei und der Alkohol 44 sprach, war außerordentlich gut besucht. 

K. Petersen, Pastor. 


Programm des Zentralverbandes zur Bekämpfung des Alkoholismus für die 

wissenschaftlichen Kurse, welche vom 17.—21. April im Baracken-Auditorium 
der Universität Berlin abgehalten werden: 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



124 


Mitteilungen. 


Dienstag, den 17. April: 

VjlO—10: Eröffnungsansprache des Herrn Geh, Med.-Rat Prof. Dr. Rubner- 
Berlin, 

10—11: Alkohol als Nahrungsmittel. Geh. Med.-Rat Prof. Dr. R u b n e r -Berlin, 
lt—12: Alkohol und Seelenleben, Hofrat Prof. Dr. Kräpelin-München. 
Abends 8—9: Alkohol und Seelenleben, Hofrat Prof. Dr. Kräpelin-München. 

9— 10: Alkohol und Jugend, Prof. Dr. Hartmann-Berlin. 

Mittwoch, den 18. April: 

10— 12: Alkohol und Jugend, Direktor Dr. Bergmann-Striegau. 

Abends 8—10: Arbeiterversicherungsgesetzgebung und der Alkohol, Reg.-Rat 

Dr. Weymann-Berlin. 

•Donnerstag, den 19. April: 

10— 11: Geschichte der älteren deutschen Mäßigkeits- und Enthaltsamkeits¬ 
bewegung, Pastor Dr. Stubbe-Kiel, 

11— 12: Einrichtungen und Veranstaltungen im Kampfe gegen den Alkoho¬ 
lismus, Dr. med. Laquer-Wiesbaden. 

Abends 8—10: Die Wirkungen des Alkohols auf die inneren Organe, 
Dr. med. Liebe-Waldhof-Elgershausen. 

Freitag, den 20. April: 

10— 11: Geschichte der älteren deutschen Mäßigkeits- und Enthaltsamkeits¬ 
bewegung, Pastor Dr. Stubbe-Kiel, 

11— 12: Alkohol und Strafgesetz, Landrichter Dr. Popert-Hamburg. 
Abends 8—10: Alkohol und Strafgesetz, Oberarzt Dr. Juliusburger-Berlin. 

Sonnabend, den 21. April: 

10— 11: Alkohol und Rassenhygiene, Dr. med. Plötz-Berlin, 

11— 12: Belastung der kommunalen Etats durch den Alkoholismus, Stadtrat 
Kappelmann-Erfurt. 

Schlußansprache, Senatspräsident Dr. von Strauß und Torney-Berlin. 


Der Bund deutscher Frauenvereine hat dem Bundesrat nachstehende Petition 
eingereicht: 

„An den hohen Bundesrat stellt der ergebenst Unterzeichnete Bund deutscher 
Frauen vereine folgendes Ersuchen: 

Es möge von den Regierungen der deutschen Bundesstaaten darauf hin¬ 
gewirkt werden, daß der § 38 der Gewerbeordnung zur Verhinderung und Be¬ 
seitigung der sogenannten Animierkneipen in wirksamer Weise durch die 
berufenen Instanzen in Anwendung gebracht werde; ferner möge untersucht 
werden, ob derselbe nicht einer Ergänzung in dem Sinne bedarf, daß ähnlich 
wie bei § 33 a eine Bestimmung eingefügt werde, wonach die etwa erteilte Er¬ 
laubnis zum Gast- und Schankwirtsbetrieb aus den zur Versagung der Konzession 
berechtigenden Gründen zurückgezogen werden kann. 

Begründung: Die sogenannten Animierkneipen dienen notorisch der 
Förderung der Trunksucht und der Unsittlichkeit, indem sie einerseits durch die 
Art der Anstellung ihres Personals dieses veranlassen, die Gäste auf jede Art 
zum Konsum möglichst großer Massen geistiger Getränke anzureizen, andererseits 
der Anknüpfung unsittlicher Beziehungen zwischen diesen und den Gästen, oft 
auch der Ausübung des wilden Geschlechtsverkehrs Vorschub leisten. Durch dib 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


125 


Verbindung des Alkoholismus mit dem Anreiz zu sexuellen Exzessen stellen der* 
artige Schankwirtschaften die gefährlichste Form der Prostitutionsförderung dar. 
Es steht fest, daß gerade im Rausch die größte Zahl venerischer Ansteckungen 
erfolgt, und daß gerade die Verführung in Animierkneipen in zahllosen Fällen 
die Einleitung zur Verbrecherlaufbahn bildet, wenn junge Männer sich zur Be¬ 
schaffung von Mitteln zu Unterschlagungen, Diebstählen u. 8. w. verleiten lassen. 

Unter der Form des Wirtschaftsbetriebes wird tatsächlich in den sogenannten 
Animierkneipen Mädchenhandel und Kuppelei in einer von der Polizei schwer 
faßbaren Form getrieben, da die Angestellten als Gewerbsgehilfinnen angemeldet 
sind und ihre unsittlichen Beziehungen zu den Gästen in wechselnden Absteige¬ 
quartieren pflegen. 

Für ihre Umgebung bilden die Kellnerinnen dieselbe entsittlichende Gefahr 
wie andere Prostituierte; sie selbst sind anderen Prostituierten gegenüber aber 
schlechter gestellt, weil sie in weit höherem Maße zur Schädigung der eigenen 
Person durch unmäßiges Trinken gezwungen werden. Aus diesen Gründen er¬ 
scheint es als dringende Pflicht der Polizeibehörden, diese offenkundigen und 
längst allgemein beklagten Übelstände durch strenge Anwendung des § 38 der 
Gewerbeordnung ernstlich zu bekämpfen. 

Diese Bekämpfung könnte z. B. in erster Linie darin bestehen, daß die 
geradezu frivole Reklame, die diese Art von Cafös und Restaurants betreiben, 
aufs strengste verboten würde. Man kann es in jeder größeren Stadt beobachten, 
daß an den Straßenecken Männer stehen, die den männlichen Passanten Zettel 
in die Hand stecken, auf denen die „schönen, jungen internationalen Kellnerinnen“ 
angepriesen werden. Schon diese Art der Reklame beweist, daß es sich in der¬ 
artigen Lokalen um unsittliche Nebenzwecke handelt, und da diese Art der 
Reklame besonders geeignet ist, die unerfahrene Jugend anzulocken und sie den 
oben genannten Gefahren auszusetzen, so müßte die Polizei im Interesse der 
öffentlichen Gesundheit und Sittlichkeit gegen dieses Unwesen energisch Vorgehen.“ 


Soziale Kultur. Der Zeitschrift Arbeiterwohl und der Christlich-sozialen 
Blätter neue Folge. Red. von Prof. Dr. Hitze und Dr. W. Hohn. 26. Jahr¬ 
gang 1906. — Februarheft 80 S. gr. 8°. Vierteljährlich 1,50 Mk. Einzelheft 
50 Pf. 12 Hefte jährlich. Dem Hefte ist ein Bild von + Dr. Max Brandts 
beigefügt. 

Die Erhebung von Wechselprotesten durch die Post. Von Postrat Dr. Bruns- 
Köln. — Entwicklung und Stand der Heilsarmee. Von Dr. W. Liese-Paderborn. 
— Die neuzeitliche Arbeiterbewegung. Von Dr. Adolf Weber-Bonn. — Zum 
Problem der Einordnung der neuzeitlichen Arbeiterbewegung in die bestehende 
Gesellschaft. Von Dr. August Pieper, M.-Gladbach. — Leitsätze über die 
Einordnung der neuzeitlichen Arbeiterbewegung in die bestehende Gesellschaft 
Aus den Verhandlungen der XXIII. Generalversammlung des Verbandes 
Arbeiterwohl. 

Rundschau. Vereinswesen. Die XXIII. Generalversammlung des Ver¬ 
bandes Arbieterwohl zu Bonn (Redaktion). — Die Action Liberale Populaire in 
Frankreich (Philippe de las Cases-Paris). — Erziehung und Bildung. 
Kaufmännisches Bildungswesen (Prof. Dr. Faßbender, Mitglied des preußischen 
Abgeordnetenhauses, Berlin). — Handel und Verkehr. Deutschlands über¬ 
seeische Interessen (Reichstagsabgeordneter Arbeitersekretär Giesberts). 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



126 


Mitteilungen. 


Literatur. Schriften zum Ausstand der Bergarbeiter im Ruhrbezirk. 
Januar und Februar 1905 von Engel, Bueck-Leidig, Lindemann, einem 
„unbeteiligten Fachmann“, Thiemschen Druckereien zu Kaiserslautern, Erkelenz, 
Siebenerkommission, Gesellschaft für Soziale Reform, Fleischer, Vor¬ 
stand des deutschen Bergarbeiterverbandes, Brust (besprochen von Dr. Lorenz 
Pieper), Roland-Holst, Generalstreik und Sozialdemokratie (Dr. E. van den 
Boom), Zwiedineck-Südenhorst, Beiträge zur Lehre von den Lohnformen 
(H. Koch). — Die Lohnsysteme der Marineverwaltung und Versuche zu ihrer 
Fortentwicklung (H. Koch), v. Liebig, Beiträge und Vorschläge zum Problem 
der Kreditversicherung (Dr. Retzbach). 


Die Kriminalität in Deutschland. (Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen 
Reiches 1905, Heft 4, Seite 82.) 



1895 

1900 

1901 

1902 

1903 

1904 

Delikte, Verbrechen und Ver- j 
gehen gegen Reichsgesetze 
überhaupt . 

478139 

469819 

497310 

512329 

505353 

516967 

darunter seien diejenigen hervor¬ 
gehoben, bei denen erfahrungsge¬ 
mäß der Alkohol eine große Rolle 
spielt und zwar: 







gegen Staat, öffentl. Ordnung und 
Religion. 

81231 

77254 

83093 

86069 

86638 

92679 

gegen die Person. 

207332 

203177 

213447 

216035 

212960 

220164 

gegen das Vermögen. 

188260 

188088 

199428 

208884 

204505 

202849 


Die Kriminalität in Belgien. (Belgische Kriminalstatistik für 1902.) 

26747 Vergehen gegen das Gesetz über öffentliche Trunkenheit (in den beiden 
Vorjahren 27160 und 23244). Bei den übrigen 43965 wegen Verbrechen und 
Vergehen verurteilten (darunter 20258 rückfälligen) männlichen und 13 893 (darunter 
4089 rückfälligen) weiblichen Personen unterscheidet die Statistik: 

mit ohne 

Vorstrafen im ganzen 

a) solche, die die letzte | männ ] icbje 2681 = 11,3% 3165 = 15,6% 5846 = 13,4°/ 0 

Straftat im Trünke > weibliche 73 = 0 j«/ # 110= 2,7% 183= 1,3 °/ 0 

begangen haben: ) 

b) solche mitVorstra-1 männ i ic i le 30 61 = 12,5°/ 0 8259 = 40,8% 11320 = 25,7% 

fen wegen Tran- weiblicbe 133 = 1 ) 4 <y o 315 = 7 , 70 ^ 443 = 3,2% 

kenheit: J 


c) solche mit Vorstra¬ 
fen wegen Trun¬ 
kenheit und solche 
ohne Vorstrafen, 
die bei Begehung 
der Tat betrunken 
waren: 


männliche 3688 = 15,6% 8439 = 41,7% 12127 = 27,6% 
weibliche 144= 1,5% 315= 7,7% 459= 3,3% 


Digitized 


bv Google 


Original frum 

CORNELL UNIVERSUM 







Mitteilungen. 


127 


„Bund deutscher Alkoholgegner in Österreich“ mit dem Sitze in Reichenberg 
(Böhmen). Die gründende Versammlung dieses neuen Vereines, der die deutsch¬ 
bürgerlichen Alkoholgegner Österreichs zusammenfassen soll, hat am 21. Januar 
in Reichenberg stattgefunden. Zum Obmann wurde Stadtarzt Dr. Rösler gewählt. 
Bundesorgan ist „Der Alkoholgegner 41 . Jahresbeitrag (einschließlich Beitrag für 
das Bundesorgan) 4 Kronen. Der Verein nimmt Abstinenten als ordentliche 
Mitglieder, Nichtabstinenten als „Förderer 44 auf. Er „bekämpft das soziale Übel 
des Alkoholismus und (als dessen wichtigste Ursache) die Trinksitte im Hinblicke 
auf den gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sittlich-kulturellen Fortschritt des 
deutschen Volkes unter Ausschluß politischer und religiöser Tendenzen 44 . 
Ortsgruppen in Außig, Gablonz, Eger, Leibnitz, Reichenberg, Töplitz und Warns¬ 
dorf sind in Bildung begriffen. 


Aus den Trinkerheilstätten . l ) 

Aus dem Jahresbericht der Westpreußischen Trinker-Heilanstalt 
für Männer und Frauen 1903/04 geht hervor, daß im Jahre 1903 28 männ¬ 
liche Pfleglinge aufgenommen wurden, wovon 19 zur Entlassung kamen und zwar 
8 als geheilt, 6 wesentlich gebessert, während 3 als zweifelhaft und 2 als un- 
gebessert angegeben werden. In der Frauenanstalt waren 4 Kranke, wovon 2 
als wesentlich gebessert ausschieden. Im Jahre 1904 gelangten ebenfalls 28 männ¬ 
liche Pfleglinge zur Aufnahme; hiervon wurden 21 entlassen und zwar 13 ge¬ 
hofft, 8 mehr oder weniger gebessert. Entmündigt waren 2, das Entmündigungs¬ 
verfahren war bei 1 eingeleitet; es wird dabei die Meinung ausgesprochen, daß 
durch Anwendung des Entmündigungsparagraphen seitens der Angehörigen der 
Eintritt in eine Anstaltsbehandlung bei dem Kranken leichter durchgedrückt 
werde. Der Durchschnittsaufenthalt betrug 122 Tage; 6 Patienten waren unter 
2 Monat, 3 über 9 Monat dort Es reiht sich an diese Angaben das bekannte 
Klagelied über den zu kurzen Aufenthalt, um einen Dauererfolg zu erzielen, und 
es wird, um einen solchen zu sichern, die Schwierigkeit, aber auch die Not¬ 
wendigkeit betont, einen Pflegling nach seiner Entlassung zweckentsprechend 
unterzubringen. 

Die Frauenabteilung wies 1904 nur 2 Pfleglinge auf, die beide als ge¬ 
bessert entlassen wurden. — Seit dem Bestehen der Frauenstation (1900) sind 
8 Kranke aufgenommen; man geht neuerdings mit dem Plane um, ein größeres 
Frauenasyl zu gründen. 

In den 12 Jahren des Bestehens der Männeranstalt sind 193 Personen 
aufgenommen, das Jahr also durchschnittlich 16, die den verschiedensten Berufs¬ 
ständen angehörten. Über das Gesamtheilungsresultat ist keine weitere Angabe 
gemacht. 


Der 20. Jahresbericht des Evang. Vereins zu*r Errichtung schlesischer 
Trinkerasyle gibt einen Überblick über den Betrieb des Männerasyls in 
Leipe im Jahre 1904, welcher leider nicht deutlich erkennen läßt, welche Erfolge 


l ) Die Vorstände von Trinkerheilstätten werden dringend gebeten, Berichte 
über ihre Tätigkeit einzusenden. D. Red. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



128 


Mitteilungen. 


dort erzielt werden. So heißt es u. a., daß das Jahr 1904 „reich an Segen, aber 
nicht minder an Sorgen“ war. Auch darin macht das Jauersche Männerasyl 
keine besondere Ausnahme, wenn es berichtet, daß „tief erschütternde Bilder 
wirtschaftlichen, vor allem sittlichen Elends“, aber auch „manche schöne Erfolge“ 
verzeichnet stehen. Mit diesen allgemeinen Angaben ist statistisch nicht allzuviel 
anzufangen; wir sind zu sehr daran gewöhnt, unsere Erfolge zahlenmäßig aus¬ 
gedrückt zu sehen und empfehlen, dies nach einheitlichen Grundsätzen zu tun, 
die wir dem Verband von Trinkerheilstätten des deutschen Sprachgebietes fest¬ 
zustellen aufgeben möchten. Am Schluß des Berichtes ist kurz erwähnt, daß in 
den 19 Jahren des-Bestehens bis 81. XII. 04 erstmalig 345, zum zweiten Male 48, 
zum dritten Male 9, viermal 1, zusammen 403 Asylisten aufgenommen worden sind. 

Das Frauenasyl Bienowitz berichtet, daß in den 5 l /i Jahren des Be¬ 
stehens im ganzen 48 Trinkerinnen daselbst Aufnahme fanden, im Jahre 1904 
traten nur 7 ein. Nach Abrechnung verstorbener und solcher Frauen, die nichts 
mehr von sich hören ließen, verbleiben 28 Entlassene, von denen 17 gute Nach¬ 
richten von sich geben konnten, während 11 als ungeheilt gelten müssen. 

Eine bemerkenswerte Neuerung ist dadurch getroffen, daß für den 1. April 
ein sogenanntes Vorasyl in Jauer eröffnet werden sollte, dazu bestimmt, 
„schwierige Entmündigte und Deliranten“ aufzunehmen, welche zwangsweise 
untergebracht werden und unter ständiger ärztlicher Behandlung stehen sollen. 
Zu diesem Zwecke ist in der Vorstadt Jauer ein Gebäude für 17500 Mark ge¬ 
kauft worden. 

Während das Trinkerasyl zu Leipe als „Alkoholloses Pensionat für 
gesunde Trinker“ bezeichnet wird, ist dem Trinker-Vorasyl zu Jauer der 
Charakter als „Anstalt für kranke und entmündigte Trinker“ beigelegt. 
Es sind dort „Geisteskranke und Epileptische“, hier „dauernd Geisteskranke 
und dauernd Epileptische“ von der Aufnahme ausgeschlossen. Eintritt wie Ent¬ 
lassung im Asyl findet freiwillig, im Vorasyl die Aufnahme zwangsweise, der 
Austritt nur mit Genehmigung des Anstaltsarztes im Einvernehmen mit den An¬ 
gehörigen oder dem Vormund statt. Nach Besserung des Kranken im Vorasyl 
wird ein fernerer Aufenthalt im Asyl für die Mindestdauer von einem Jahr* als 
notwendig bezeichnet. Diese Aufnahmebedingungen sind vom Regierungs¬ 
präsidenten zu Liegnitz genehmigt. — Interessant ist der gemachte Unterschied 
zwischen „gesunden“ und „kranken“ Trinkern; es ist gewiß durchaus verständlich, 
was darunter gedacht werden soll, es entspricht aber eine solche Klassifizierung 
nicht unsem heutigen Anschauungen über Trinker=Trunksüchtige=Alkoholkranke 
und ist auch nicht durch die sonst beachtenswerte Art des Vorgehens in Schlesien 
gerechtfertigt. Es muß vielmehr im Allgemeininteresse mit aller Energie gegen 
falsche Bezeichnungen angekämpft werden, da sie im stände sind, auch falsche 
Anschauungen zu erzeugen und Beurteilungen zu bekräftigen, welche wahrlich 
nicht im Interesse unserer Kranken liegen. Man denke an die vielen, durch den 
Alkoholismus hervorgerufenen kriminellen Fälle, an die Reform des Strafgesetzes, 
demgemäß derartige Individuen zur Behandlung in Heilstätten untergebracht werden 
sollen, an die körperliche und geistige Regeneration des Alkoholkranken während 
der Behandlung, welche doch eine Gesundung des Individuums bedeutet; und 
davon machen auch die schlesischen „gesunden“ Trinker keine Ausnahme. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Der Alkoholismus 

Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage 
1906 Neue Folge Band III No. 3 


L Originalabhandlungen. 

Aus der älteren Mäbigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 

Yon 

Pastor Dr. Stubbe. 

15. Arbeit und Erfolg. 

Die Mäßigkeitsbewegung wollte Aufklärung bringen. Wort und 
Schrift, belehrender Vortrag, Ansprache und Predigt, Bilder, Bücher 
wissenschaftlicher und volkstümlicher Art, Flugblätter, Traktate — 
Presse und Kalender wurden zur Mäßigkeitspropaganda benutzt. 
In Kapitel II habe ich einen Überblick über die schriftstellerische 
Arbeit zu geben versucht. Man muß sich, um diese gedruckte 
Werbe- und Aufklärungstätigkeit zu würdigen, ein Doppeltes Vor¬ 
halten: erstens, daß jenes Zeitalter noch nicht so papieren war wie 
die Gegenwart (also auch damals das einzelne mehr gelesen wurde, 
zumal auf dem Lande); zweitens, daß auch die auswärtige Mäßig¬ 
keitsliteratur, besonders Schriften von Böttcher und Blätter aus 
Hamburg, hier Verbreitung fanden. Umgekehrt wurden die schles¬ 
wig-holsteinischen Schriften z. T. auswärtig mit verwertet; z. B. 
habe ich als beiläufige Notiz 1 ) gefunden, daß der Schmidtsche 
Branntweindrache nebst Erklärung auf der Versammlung der ver¬ 
einigten oldenburgischen Mäßigkeitsgesellschaften zu Eastede 1842, 
29. Juni, an die verschiedenen Vereine verteilt sei. Für Hannover 
ist mir eifrige Verteilung und Verkauf des Branntweindrachens 
durch Propst Becker-Kiel, den Sohn eines alten hannoverschen 
Mäßigkeitskämpfers, mündlich bezeugt worden. 

Wenn das Kalenderbedürfnis des Volkes im wesentlichen durch 
den Petersensehen „gemeinnützigen Almanach“ (den sog. Türken¬ 
kopfkalender) befriedigt wurde, dann will es wirklich etwas sagen, 
wenn darin die Mäßigkeitsfrage folgendermaßen vertreten ist: 

1889, S. 57 f., über Mäßigkeitsvereine. 

1840, S. 47 f., Beantwortung einer gewöhnlichen Einwendung gegen die 
Mäßigkeitsvereine, und im gleichen Jahrgang über Schiffahrt und Branntwein. 

1843, S. 44 f., Bemerkung über die giftige Natur des Branntweins. 

’) Branntwein-Feind, Oldenburg 1842. 

Der Alkoholismus. 1906. 9 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



130 


Pastor Dr. Stubbe. 


1844, S. 11 f., einige Notizen über die Branntweinpest. 

1846, S. 40 f., Wirkung der geistigen Getränke auf wilde Völker. 

Für die Einschätzung der Mäßigkeitsreden gilt ein Ähnliches 
wie von den Schriften. Da das Vereinsleben und überhaupt das 
öffentliche Leben weniger entwickelt war als heute, standen die 
Reden ganz anders im Vordergründe der Öffentlichkeit, als etwa jetzt 
bei gleicher Arbeitsleistung der Fall wäre. Ein guter Teil des Interesses, 
welches sich jetzt der inneren Mission oder der sozialen Frage zu¬ 
gewandt hat, fand damals in den Mäßigkeitsvereinen seine Betätigung. 

Der Erfolg der Aufklärung spiegelt sich nicht nur in der aller¬ 
dings nicht übergroßen Zahl der Vereinsmitglieder wieder, sondern 
ist vor allem ein mittelbarer: die öffentliche Meinung und die Trink¬ 
sitten werden beeinflußt. Nach „lOjährigem Kampfe in den Herzog¬ 
tümern Schleswig und Holstein gegen den Landesfeind, den Brannt¬ 
wein“, faßt Volquarts sein Urteil über das Kampfergebnis dahin 
zusammen, daß die Vereine den ersten Teil ihrer Aufgabe „würdig, 
zur Genüge und vollkommen gelöst“ haben (S. 23): „Das Volk, 
wo die Vereine sind, wird anders, stiller, ruhiger, bescheidener, 
zufriedener. Die Trunkenheit ist kein Ruhm mehr, sondern Schande. 
Wo Vereine wirken, ist man unwillig, einem Trunkenen zu begegnen. 
Auch tadelt man die Weinunmäßigkeit, wo sie sich zeigt. Die 
Ansicht desVolkes wird anders. Man hält Brennereien für einen 
Unsegen und Branntwein für einen Würgeengel. Die Presse nimmt 
sich der Vereinsbestrebungen an und fordert z. T. sogar Aufhebung 
der Brennereien. Das Volk steht auf Seite der Vereine — anders 
die gebildeten und leitenden Kreise; diese hangen an den 
Halbbrüdern des Schnapses, Grog u. s. w. und wollen nicht aus 
Liebe zum Volke den Morgenschnaps aufgeben. Immerhin 
ist dem Branntwein ein unauslöschlicher Makel angeheftet.“ 

Über das, was Volquarts für den zweiten Teil der Vereins¬ 
aufgabe hält, wird später zu berichten sein; für jetzt gilt es, das 
Volquartsche allgemeine Urteil etwas genauer zu begründen. 

Viele Trinker werden gerettet. 

Glücklich meldet der Rendsburger Verein in seinem „öffentlichen Bericht“ 
1842: „Über dreißig ehemalige Trinker sind gebessert und gehören dem Verein 
an“. — Bei Altona heißt es: „Viele gebesserte Säuler“, — ebenso bei Elmshorn, 
— bei Hennstedt: „Viele sind gerettet und noch mehr scheuen sich vor dem 
Branntwein“, — bei Lunden: „Viele gebesserte Säufer“. 1 ) 

‘) Volquarts, Der zehnjährige . . . 1847, S. 31, 30, 34, 31. — Auch in 
den folgenden Zitaten bezieht sich die Seitenzahl auf die eben angeführte Schrift, 
wenn nicht ausdrücklich anders angegeben. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 131 

Das öffentliche Urteil und Leben wird antialkoholisch bear¬ 
beitet 

Gerühmt wird für Altona der große Einfluß des Vereins (S. 31); Börstel: 
„schon im Winter nach der Gründung bewährt* 1 (S. 36), Bovenau: „der Verein ist 
für die ganze Gegend das Salz u (S. 29), Bredstedt: „der Verein ist lebendig und 
wirksam 14 (S. 35), Büsum: „wirkt heilsam* 4 (S. 33), Glückstadt: „Einfluß nicht 
unbedeutend“ (S. 33), Hademarschen: „wirkt kräftig, hat großen moralischen Ein¬ 
fluß“ (S. 30), Haselau: „wirkt gut; Trunkenheit ist eine Schande; die Moralität 
hebt sich“ (S. 32), Hedewigenkoog: „Wirksamkeit ersichtlich, Einfluß bedeutend“ 
(S. 33), Heide: „Vereinssegen groß und sichtbar“ (S. 34), Hennstedt: „Kräftige 
Wirkung“ (S. 34), Hooge: „Die Moralität ist bedeutend gehoben“ (S. 35), Hömer- 
kirchen: „der Verein hat die Ansicht über den Branntwein umgewandelt; viel 
vertragen zu können ist keine Ehrensache mehr“ (S. 33), Lunden: „großer Ein¬ 
fluß; Wohlstand und Moralität heben sich“ (S. 31), Meldorf: „wirkt heilsam und 
beweist, wie entbehrlich der Branntwein ist“ (S. 35), Ockholm: „wirkt gut“ 
(S. 35), Oldenburg: „wirkt im stillen fort“ (S. 78), Preetz: „wirkt kräftig und 
mutig“ (S. 35), Rellingen: „wirkt in großem Segen 14 (S. 32), Schönberg: „wirkt 
recht gut in der Propstei 44 (S. 35), Tellingstedt: „wirkt segensreich 44 (S. 34). 

Eine Abnahme des Branntweinverbrauchs wird ausdrück¬ 
lich bezeugt: 

Für Altona (S. 31), Apenrade (S. 31), Büsum (S. 33), Elmshorn (S. 30), 
Hedewigenkoog: „Branntwein fast ganz weg 44 (S. 33), Heide (S. 34), Hooge: „Auf 
der ganzen Insel gibt es keinen Branntwein mehr 44 (S. 35), Sylt: „Der Brannt¬ 
wein ist fast ganz von der Insel verdrängt 44 (S. 30), Kiel: „Der Gebrauch ver¬ 
mindert sich bedeutend 44 (S. 32), Langenes: „Der Branntwein ist von der Hallig 
verschwunden 44 (S. 85), Lunden: „Abnahme des Konsums, fast aus allen Häusern 
ist die Branntweinflasche weg 44 (S. 31), Rellingen: „Der Branntwein verbrauch 
nimmt ständig ab; man scheut sich Branntwein zu trinken 44 (S. 32), Rendsburg: 
„Der Verbrauch nimmt ab 44 (S. 28), Schönberg: desgl. für die Propstei (S. 35), 
Wöhrden: desgl. (S. 32). 

Demgemäß vermindern sich die Branntweinbrennereien 
und -schenken. 

In Elmshorn wurden früher wohl 10000 Oxhoft Branntwein gebrannt, da¬ 
gegen Winter 1846—47 nur rund 400. Früher wurde eine Menge Branntwein 
von dort nach Schweden abgesetzt, allein die dortigen Vereine bewirkten eine 
Verminderung. Viele Brennereien und Schanklokale gingen ein. 1 ) Im Lensahner 
Bezirk hob der dort begüterte Großherzog von Oldenburg die Schenken auf und 
gründete dafür Schulen. 2 ) ln Lunden mußten 1847 zwei Brennereien feiern 
und die dritte hatte nur noch geringen Absatz; 8 ) ja, auch die dritte ging ein. 
1853 durfte Volquarts in seiner Festpredigt dafür danken, daß die „Hochburgen 
des Satans 44 , wie er die Brennereien titulierte, im Orte gefallen seien. 4 ) 

*) Volquarts, a. a. 0., S. 30. 

2 ) Volquarts, S. 28. 

8 ) Volquarts, S. 31. 

4 ) Vgl. Alkoholismus S. 102 (Abschn. 9, C.). 

9* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



132 


Pastor Dr. Stubbe. 


Aus Husum berichtet das Correspondenzblatt 1843, Nr. 28: Mehrere be¬ 
deutende Brennereien, die größtenteils nach den nordfriesischen Inseln exportierten, 
Magen jetzt bitter über Mangel an Absatz, ja mehrere haben das Brennen einst¬ 
weilen eingestellt. 

Auf der Insel Röm, wo Dr. Gad den Verein gründete, ward das Herz einer 
Witwe so durch die Vereinsgedanken angeregt, daß sie den Branntweinhandel 
aufgab. 1 ) In Watemerversdorf hob der Graf Holstein sofort, als er seinen 
Mäßigkeitsverein gründete, die Branntweinschenken auf, obgleich oder weil ca. 
100 To. gebrannte Wasser in dem Gutsbezirke (von 900 Seelen) jährlich verzehrt 
wurden. 2 ) 

Das Braugewerbe hebt sich. Man braut das Bier auf bayrische 
Art; bayrische Brauer werden hoch bezahlt. Eines besonderen 
Rufes erfreut sich schon Anfang der vierziger Jahre das Bier von 
Dolck & Hellmundt-Altona. Die bekannte Dreissche Brauerei 
in Gaarden bei Kiel ist 1848 gegründet. G. P. Petersen rühmt 
es in den Wagrisch-Fehmarnschen Blättern (1843, 377), daß der 
Großherzog von Oldenburg auf einem seiner Güter in Ostholstein 
unter großen Opfern eine Bierbrauerei eingerichtet habe; nun könnten 
die Weinliebhaber Lagerbier trinken, die Schnapsfreunde aber gutes 
gegorenes Bier für billigen Preis. 

Und der Kaffeekonsum wächst andauernd (vgl. z. B. den 
Krämer auf dem neuesten Hocus Pocus). 

Nach Hamburger Vorbild und unter Förderung des Hamburger 
Kaufmanns de la Camp wird eine Mäßigkeitshalle in Verbindung 
mit einem auf Aktien erbauten Vereinshause zu Blankenese ein¬ 
gerichtet 3 ) 

1845 wird berichtet: Eine neue Erscheinung auf dem Mäßigkeitsgebiet ist 
die Erbauung eines eigenen Vereinshauses in Verbindung mit einer Mäßigkeits¬ 
halle in Blankenese. Schon knüpfen sich andere Ideen an das noch nicht ein¬ 
mal völlig ausgemauerte Haus; eine Sonntagsschule und den Verein Blankeneser 
Schiffer zu gegenseitiger Versicherung ihrer Fahrzeuge möchte man dort unter¬ 
bringen und die Halle zu einer eigentlichen Mäßigkeitsschenke ausbauen! 

Die Blankeneser Wirte protestieren lebhaft bei der Regierung gegen eine 
branntweinfreie Wirtschaft in einem auf Aktien erbauten Vereinshause; die Mäßig¬ 
keitsleute könnten gut bei ihnen verkehren; unter frommen Reden verstecke sich 
die Lust, hohe Dividende zu machen. Schon jetzt könne das Fährhaus dem Fis¬ 
kus die hohe Pacht schwer zahlen. Unbegreiflich sei es, in angeblicher Förde¬ 
rung der Mäßigkeit eine neue Wirtschaft gründen zu wollen, — Pater Mathew 
habe dergleichen nie getan. 

l ) Bl. ’d. Hbg. V. g. d. Br. 1844, S. 143. 

*) Volquarts, a. a. 0. S. 31. Rendsburger Bericht S. 17. 

8 ) Vgl. Bl. d. Hbg. V. g. d. Br. 1845, Nr. 7. Volksfreund 1845, S. 12. — 
Die außerordentlich interessanten Akten über die Verhandlungen finden sich S. H. 
Regierung: Andere Polizeisachen Nr. 80, fase. 8. — Krügerei Nr. 2690. (1845-46). 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Aas der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 133 

Die Landdrostei erstattet ein von der Regierung gebilligtes Gutachten gegen 
eine Mäßigkeitsschenke: „Teils mit Rücksicht auf das Interesse der schon in 
Blankenese etablierten Gasthäuser und, weil zur Vermehrung ihrer Zahl keine 
Veranlassung vorhanden, teils aber auch, weil das zur Beförderung der Mäßig¬ 
keitssache nach der Absicht des Vereins zur Anwendung zu bringende Mittel, 
nämlich das Publikum zum Besuche eines nach den Grundsätzen des Vereines 
betriebenen, öffentlichen Gasthauses zu veranlassen, nur als ein künstliches, ver¬ 
fehltes und jedenfalls seltenes Mittel angesehen werden müsse, dessen Ausführung 
keine Begünstigung verdiene“. 

Erreicht wird schließlich gegen ermäßigte Konzessionsgebühr 1846 (Kon¬ 
zession ad 4246), „daß Andreas Piper in Blankenese der Herrschaft Pinneberg 
im dortigen Vereinshause des Nienstedtener Mäßigkeitsvereins die Gastwirtschaft, 
zu welcher jedoch nur den Mitgliedern des dortigen Enthaltsamkeits¬ 
vereins der Zutritt zu gestatten ist, und in welcher keine destillierten Ge¬ 
tränke verabreicht werden dürfen, gegen Erlegung einer bis auf weiteres auf 
vier Reichstaler bestimmten . . . Gebühr imgehindert treiben . . . möge“. 

Damit war aus der geplanten Mäßigkeitsschenke — wir würden sagen: 
Reform Wirtschaft — eine Vereinsökonomen-Bedienung geworden. 

Selbst auf den großen politischen Volksfesten machen sich die 
Mäßigkeitsbestrebungen geltend. Auf dem Volksfest zu Apenrade 
am 12. Juli 1843 z. B., wo 7—8000 Menschen zusammenkamen, 
befand sich unter den 26 Wirtschaftszelten eines, wo nur 
Wasser getrunken ward. Es trug die Inschrift: 

„Wer Wasser trinken will, der trete ein 
Ins Zelt zum Mäßigkeitsverein.“ 1 ) 

Man lernt, ohne Branntwein auf dem Lande und an der See 
schwere Arbeit tun — und sieht ein: es geht so besser! 

Der Rendsburger öffentliche Bericht von 1842 erzählt (S. 5, 6): Die Theorie 
von der Entbehrlichkeit des Branntweins auch bei schwerer Arbeit und von der 
Unschädlichkeit plötzlicher Enthaltsamkeit auch bei früherer starker Gewöhnung 
bewährte sich in der Praxis. 

„In einer benachbarten Waldung waren in dem scharfen Winter 1840—41 
viele Arbeiter mit dem Ausroden des Holzes beschäftigt. Der Aufseher über 
dieselbigen, ein Vereinsmitglied, hatte sich wegen der weiten Entfernung aller 
Wohnungen eine Hütte zur Wohn- und Schlafstätte im Holze errichtet, und 
nahm auch viele der Arbeiter auf ihren Wunsch in dieselbige mit auf, jedoch 
unter der Bedingung, daß da, wo er als Hausherr schalte, der Branntwein ver¬ 
bannt bleiben müsse. Diese Bedingung wurde angenommen und infolge der¬ 
selben die Arbeit in der strengsten Kälte von den mehrsten Arbeitern ohne das 
falsche Erwärmungsmittel des Branntweins beschafft, was sicherlich manchen 
Unglücksfällen vorgebeugt hat, während zugleich die Arbeit nicht nur nicht 
darunter litt, sondern um so munterer von statten ging.“ — Der Barmstedter 
Organist erzählt: „Ich gehe oft mit dem Hegereiter auf die Jagd und habe oft 


D Wagrisch-Fehmarnsche Bltr. 1848, S. 226. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



134 


Pastor Dr. Stubbe. 


gesehen, wie sämtliche in den hiesigen Gehölzen beschäftigte Arbeiter ihre 
Schnapsbouteille bei sich hatten; im letzten Winter (1846—47) fanden wir aber 
unter ca. 40 Arbeitern nur einen, der Branntwein hatte — die übrigen tranken 
Wein und Bier und gestanden, daß sie sich dabei viel besser befänden (Dithm. 
Volksfreund 1848, S. 78). — Dazu noch einige Notizen aus Volquarts (Der 
10 jährige etc.): Deicharbeiten werden in Büsum ohne Branntwein ausgeführt 
(S. 33). Nur auf ganz einzelnen Höfen wird noch Branntwein den Arbeitern 
bei Lunden gegeben. Die Leute verrichten die schwersten Deich-, Klei- und 
Emtearbeiten ohne Branntwein und gestehen, sie sind nun nicht mehr so ermüdet 
wie sonst. Die Sonntage sind nun ruhig, und ein Trunkener erregt nun Aufsehen 
und Mißfallen (S. 31). Der Vereinseinfluß im Bovenauer Bezirke ist für die 
Arbeiter bedeutend. Viele arbeiten in Frost und Hitze und geben den Beweis, 
daß Branntwein überflüssig ist (S. 29). 

Das Handwerk wird solider. 

„Neulich, als ich zufällig ans Fenster trat, kam eben ein Trupp Schuh¬ 
machergesellen vorbei, die einige in die Fremde gehende Freunde eine Strecke 
Weges begleitet hatten, wie es unter ihnen Sitte ist . . . Meine Augen sehen 
15 Jünglinge, die ruhig und doch mit so fröhlicher Miene und Bewegung durch 
die Straßen zogen, meine Ohren hörten nichts als feste Fußtritte . . . Von diesen 
15 waren damals erst 7 Vereinsgenossen; diese Gesellschaft war — und das ist 
hier aufgefallen — mehreren Wirtshäusern vorbeigegangen und nur in 2 ein¬ 
gekehrt, hatten im ganzen nur 30 Schilling verzehrt und keiner hatte Branntwein 
getrunken. Ist dies nicht eine liebliche Frucht der Mäßigkeitssache ? U1 ) 

Sogar Meister kann man ohne Branntwein werden. 

„Es war früher beim Meisterwerden der Schuhmacher hier (in Elmshorn) 
diese alte Sitte und Gewohnheit: der Gesell, welcher Meister werden wollte, 
mußte sein Meisterstück unter Aufsicht der Älterleute und zweier Meister 
zuschneiden und verfertigen. ... Da war es denn altes Herkommen, daß die, 
welche Meister wurden, 2 Mark zur Zeche bezahlen mußten. Dafür schaffte 
der Ältermann Branntwein, Bier und etwas Backwerk an. Nun ging’s ans 
Zechen. Das dauerte bis Mittag. Dann waren die mehrsten schon betrunken- 
Nun ging’s aus einem Wirtshaus in das andere. So wurde der Tag zugebracht, 
und selten kamen sie zur rechten Zeit nach Hause. Einige mußten nach Hause 
gebracht werden. Andere konnten noch so eben allein hinkommen. Darunter 
litten nun die Geschäfte der Meister, die dem beiwohnten, und der Meister¬ 
werdende ließ die Arbeit an seinem Meisterstück liegen, die doch eben geprüft 
werden sollte. Es kam auch mit vor, daß in dem Hause des Ältermanns ein 
förmlicher Skandal gemacht wurde. Das alles kam von dem vielen Branntwein, 
der spendiert wurde. Wenn 6—8 Meister wurden, so wurden 8—10 Bouteillen 
ausgetrunken. Die mußten wohl den Kopf kaput machen. — Als nun vor 
22 Monaten hier der Aufruf erscholl: Hinweg Trunkenheit! da wurde dieses 
Übel gänzlich abgeschafft, und das Meisterwerden geht jetzt so friedlich und 
ernsthaft zu, daß es eine Lust ist, und wer Meister werden tut, erspart seine 
2 Mark Zechgeld.“ 2 ) 

*) Carstens in den Bl. d. Hbg. V. g. d. Br. 1843, S. 81. 

2 ) Von einem Schuster, Bl. des Hbg. V. g. d. Br. 1845, S. 5. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 135 

Der Sonntag wird branntweinfrei und der Montag verliert 
seine blaue Farbe! 

„Früher war der nicht ein braver Gesell, der seinen Wochenlohn nicht am 
Sonntag und Montag auf der Herberge hindurchbrachte. Wer Ehre und Frieden 
haben wollte, der mußte sich dazu bequemen. Jetzt kann jeder Geld, Gesund¬ 
heit, Seelenfrieden bewahren und Sonntags seine Unterhaltung nach eigenem 
Gefallen wählen, ohne deshalb von den Brüdern angefochten zu werden, und 
der blaue Montag ist aus dem Kalender der Elmshorner Schuhmacher- 
Herberge verschwunden/* 1 ) 

Das Baugewerbe gibt von seinen Trinkgewohnheiten auf. 

Der Grundstein zum bedeutendsten Bahnhofe der Herzogtümer 
wird zu Altona (17. Mai 1844) ohne Branntwein gelegt. Bei der Feier wurden 
die sämtlichen Arbeiter, 300 an der Zahl, auf dem Bahnhofsplatze, auf dem sie 
Tische aufgeschlagen und sich Sitze daneben aufgerichtet hatten, köstlich traktiert. 
Sie bekamen 2 Tonnen Bier, Wurst und 1500 Rundstücke. Es wurde ihnen aber 
kein Branntwein gereicht, und dennoch war der Jubel ungeheuer, und ein Hurra 
folgte dem andern. 2 ) 

In Elmshorn gab ein Yereinsgenosse Richtfest (Huusböhren) und lud 
viele dazu ein. Wer will, kommt zu solchem Fest, und nicht mit leeren Händen, 
und vergnügt sich mit den gedungenen Bauarbeitern und den helfenden Nachbarn 
bei Umzügen, Schmaus und Tanz vom Nachmittage bis in die Nacht. Ungefähr 
200 Personen stellten sich ein, eben nicht viele Yereinsgenossen. Um keinen 
Zwang aufzulegen, war auch für Branntwein gesorgt. Yor 1—2 Jahren wären 
bei solcher Gelegenheit wohl 1—2 Anker, wenn nicht mehr, gebraucht, und die 
bekannten Wirkungen wären nicht ausgeblieben. Jetzt aber ging nicht eine halbe 
Kanne ab, und von den Wirkungen war auch nichts zu spüren.?) 

Die Industrie wehrt dem Sehnapstrinken. 

Aus Rendsburg berichtet Heim reich 1842 von der damals einzigen Eisen¬ 
gießerei des Herzogtums, von der sog. Carlshütte: In der Carlshütte wird unter 
den Arbeitern kein Säufer geduldet; mäßiger Genuß von Branntwein zu Frühstück 
und Yesper ist nicht untersagt; jede Ausschweifung im Trunk wird aufs schärfste 
geahndet. 4 ) 

Auf der Ziegelei zu Börstel ist 1847 der Branntwein sogar ganz verbannt. 6 ) 
Yon besonderer Bedeutung sind die Einwirkungen auf das 
See- und Heereswesen; diesen Gebieten sind deshalb eigene 
Kapitel gewidmet worden. 

Auch das Brandkorps, die Feuerwehr, bedarf nüchterner 
Schlagfertigkeit — und sucht deshalb, wenigstens groben Mißbrauch 
auszuschalten. 

x ) a. a. 0. von Carstens, S. 5. 

2 ) a. a. 0. 1844, S. 90. 

8 ) Carstens in den Bl. d. Hbg. Y. g. d. Br. 1844, S. 81—82. 

4 ) öff. Bericht S. 12. 

6 ) Volquarts, Der zehnjährige etc., S. 36. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



136 


Pastor Dr. Stubbe. 


Der Höchstkommandierende des Rendsburger Brandkorps macht 1842 bekannt, 
daß er sich durch die Unordnungen bei der letzten Feuersbrunst veranlaßt und 
verpflichtet sehe, zur öffentlichen Kunde zu bringen, daß künftig bei einem 
entstehenden Feuer kein Einwohner irgend etwas an Spritzenleute oder andere 
Mitglieder des Brandkorps auf Kechnung der Brandkasse verabfolgen dürfe, wenn 
nicht ein Schein von ihm mitfolge. Die Löschmannschaften hatten bei Feuers¬ 
brünsten eine Art Blanko-Kredit bei den Schenkwirten gehabt, der redlich aus¬ 
genutzt wurde. Ein einziger Wirt soll eine Rechnung von 70 Mark Kurant für 
Getränke eingereicht haben; daß die Spritzenleute in solchem Falle sich mehr 
um ihren Durst als um den Brand gekümmert haben, leuchtet ein. 

Eine Fülle von Wohlfahrtseinrichtungen und gemein¬ 
nützigen Bestrebungen geht von den Mäßigkeitsvereinen aus. 

Ich lasse die unmittelbare Vereinsarbeit (Versammlungen, Lese¬ 
zirkel, Schriftenverbreitung) hier unberücksichtigt und gehe nur 
mit modernen Schlagworten auf mittelbare Mäßigkeitstätigkeit ein. 

Veredlung der Geselligkeit: Ein Mäßigkeitsklub wird 
(die Geselligkeit der Mitglieder zu pflegen, sie nicht der Verführung 
der Wirtshäuser auszusetzen, das freundschaftliche Band fester zu 
knüpfen) zu Rendsburg ins Leben gerufen. 1 ) Klubabende des 
Vereins, aber mit allgemeinem Charakter, werden wöchentlich zu 
Preetz gehalten.*) Liedertafeln gibt es bei den Vereinen in 
Altona, Elmshorn und Preetz. 8 ) 

Bewahrung der Jugend: Aus dem Mäßigkeitsverein heraus 
wird ein Jünglingsverein zu Elmshorn 1845 gestiftet, 4 ) für Altona 
einer 1847 von Volquarts bezeugt (a. a. 0. S. 31). 

„Solche oder . ähnliche Vereine (deren Zweck eine mit Be¬ 
lehrung verknüpfte, veredelte Geselligkeit ist)“, bemerken die Blätter 
des Hamburger Vereins gegen das Branntweintrinken (1846, S. 3), 
„bestehen auch schon an andern Orten der Herzogtümer“. Leider 
habe ich keinen genaueren Nachweis darüber finden können. — 
Für die Schuljugend hatte man die Organisation der Hoffnungs¬ 
scharen. 

Volksbildung: Im Gute Hanerau, Kirchspiel Hademarschen, 
werden durch die Lehrer (die alle zum Mäßigkeitsverein gehörten), 
Dorfbibliotheken begründet. 5 ) 


*) öff. Bericht 1842, S. 9. 

*) Volquarts, a. a. 0., S. 35. 

*) ebenda S. 35 u. 40. 

4 ) ebenda S. 30. 

5 ) Bl. d. Hbg. V. g. d. Br. 1846, S. 44. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 137 

Sogar wirtschaftlich wichtige Unternehmungen werden 
von den Vereinen gepflegt. 

Zu Kiel wird eine eigene Sparkasse für die Vereinsmitglieder 
durch Professor Scherk eingerichtet 1 ) Zu Lunden schafft Pastor 
Volquarts eine „Sparlade“. 2 ) 

Eine Krankenkasse („Krankenlade“) hat der Verein in Heide, 3 ) 
eine Totenkasse der zu Lunden. 4 ) 

Wie zu Blankenese eine Mäßigkeitsschenke und ein 
Vereinshaus entsteht und von dort aus Anknüpfung an Sonntags¬ 
schule und Seemannspflege gesucht wird, ist vorher berührt worden. 

Die Erfolge der Vereinsarbeit machten sich wirtschaftlich, 
gesundheitlich und sittlich bemerkbar. Eine Verminderung 
der Armut und Mehrung des Wohlstandes, — Heilung von Trinkern 
und Abnahme der Trinkerkrankheit, — eine Verringerung der Ver¬ 
brechen und Hebung der Sittlichkeit treten uns entgegen. 

Einzelne Züge mögen das belegen. 

Verschied entlieh wird hervorgehoben, daß selbst Gegner der Vereine an¬ 
erkennen, daß durch die Mäßigkeitsarbeit die Armenkassen entlastet werden; 
sogar im strengen Winter 1844—45 zeigt sich weniger Zudrang zu der Armen¬ 
versorgung als früher. 5 ) (Man vergleiche den Appell an das Wesselbumer Armen¬ 
kollegium.) In Nordschleswig entsteht, wie Propst Kier berichtet, das Sprich¬ 
wort: Man muß entweder in einer Kuhkasse oder im Mäßigkeitsverein sein. 

Das Delirium tremens nimmt (z. B. in Kiel) ab. 5 ) Über Trinkerheilung sind 
bereits einige Angaben geboten; hier sei ein Beispiel angeführt, wie ein völlig 
verkommener Trinker körperlich und sittlich ein neuer Mensch wird: „Ein Mitglied 
des Rendsburger Vereins war so dem Branntwein verfallen, daß die Finger ge¬ 
krümmt und gelähmt waren und der Mann sich im Bette von seinem Kinde die 
Branntweinflasche an den Mund setzen ließ: „und doch hat derselbe (zu seiner 
Ehre sei’s gesagt) sich plötzlich und vollständig des verderblichen Getränkes ent¬ 
halten, was die erfreuliche Folge gehabt hat, daß seine Gesundheit und Kraft 
dadurch sichtlich gestärkt ist, so daß er mit unermüdeter Tätigkeit vom frühen 
Morgen bis zum späten Abend ohne das Reizmittel des Alkohols sein Handwerk 
treibt“ 7 ) 

Verwundert spürte man in Dithmarschen, daß die Gefängnisse, die früher 
stets gefüllt gewesen, dort wo die Vereinsarbeit kräftig wirke, fast leer ständen. 8 ) 
Die Strafgefangenen selbst begannen, die dämonische Wirkung des Schnapses 

*) (Altonaer) Volksfreund 1845, No. 1. 

*) Volquarts, a. a. 0. 1847, S. 31. Der Bauernkampf, S. 47. 

8 ) Volquarts, Der zehnjährige etc., S. 34. 

4 ) Volquarts, S. 81. 

6 ) Volksfreund 1845, H. 1. 

6 ) Volquarts, a. a. 0., S. 33. 

7 ) Heimreich, öffentl. Bericht 1842, S. 7. 

8 ) Volksfreund 1845, H. 1. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



138 


Pastor Dr. Stubbe. 


«inzusehen und (die sog. Sklaven zu Rendsburg) baten, deu Branntwein ganz 
aus der Strafanstalt (der sog. Sklaverei) auszuscliließen; es wurde für sie ein 
«igener Mäßigkeitsverein gegründet. 1 ) 

Vieles und zum Teil Schönes ist also erreicht, aber dreierlei 
erreicht man nicht: Man erreicht 1. keine allgemeine Teilnahme 
der gebildeten und führenden Kreise der Bevölkerung, 2. keinen 
Einfluß auf die Gesetzgebung und die maßgebenden politischen 
Mächte, 3. weder eine Einigung der verschiedenen Strömungen 
innerhalb der Vereine (kirchlich und human-aufgeklärt, Alkohol - 
giftgegnerschaft, Brauntweinenthaltsamkeit und Mäßigung im Ge¬ 
nüsse), noch eine reinliche Scheidung innerhalb des Zentralvereins 
oder innerhalb der einzelnen Orte. 

16. Politik und Gesetzgebung. 

Diejenigen, welche politisch am schärfsten ins Geschirr gingen, 
hatten am wenigsten Sinn für die Kleinarbeit der Mäßigkeitsbewegung. 
Männer, denen „freie“ Entwicklung die oberste Parole war, schauten 
auf die Enthaltsamkeitsvereine mit Mißtrauen, als könnten oder wollten 
sie eine Fessel für das Aufstreben des Volkes werden. Wir haben 
in dieser Richtung bereits die Stimmen von Baltisch-Hegewisch 
(Abschn. 11) und Feldmann (Abschn. 12) gehört. Waren doch in 
deutschen Landen Fürsten und Herren Gönner der Mäßigkeitssache, 
und katholischer Klerus, wie evangelische Geistlichkeit förderten sie; 
in Schleswig-Holstein waren wenigstens einzelne Adelige und ziem¬ 
lich viele Geistliche dabei. 

Politisch scharf und demokratisch entschlossen ging die Partei 
der Neuholsteiner unter Führung von Theodor Olshausen vor. 
Daß sie kein besonderes Verständnis für die Mäßigkeitsvereine hatten 
(und umgekehrt dann auch auf jener Seite im allgemeinen keine 
große Zuneigung fanden), zeigt uns z. B. ein von Carstensen aus 
Elmshorn aufgezeichnetes Gespräch 2 ). 

Am 9. Febr. 43. Nach einleitender Begrüßung sagt ein Arzt: Die Mäßig¬ 
keitssache findet bei meinen Hausgenossen gewaltigen Beifall, kann ich Ihnen 
sagen. Sie können auf den Beistand derselben rechnen. 


*) Volquarts, a. a. 0., S. 29. 

*) Blätter des Hbg. V. g. d. Br. 1843, S. 43. — Das in diesem Gespräche 
erwähnte Übergewicht Wagriens in der schl.-h. Mäßigkeitsbewegung ist bald 
zurückgetreten (vgl. Abschn. 6); auf den Generalversammlungen der schl.-h. Ver¬ 
eine g. d. Br. hat, soviel ich weiß, niemals eine adlige Persönlichkeit geredet. 


Digitized by Google 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 139 

Pastor: Ich kann es seit 8 Wochen nicht begreifen, wie ein Wohldenkender 
die Sache kennen und nicht für dieselbe sein kann. 

Dr. (bedeutsam): Wir Demokraten haben ein Grauen vor den Mäßigkeits¬ 
vereinen, das wir uns nur noch nicht ganz klar machen können. 

P.: Aber was hat denn die Mäßigkeitssache mit Staatsverfassungen zu tun ? 
Die wird unter allen Verfassungen betrieben und hat noch nirgends eine 
verändert. 

Dr.: Wir bemerken aber doch, daß sie in Amerika am wenigsten da gedeiht, 
wo der Demokratismus vorwaltet, wie in New-Hampshire, und daß in Europa be¬ 
sonders die Begierungen und Aristokraten die Sache eifrig betreiben. 

P.: Als Belege zu dieser Behauptung fallen mir gleich die Könige von 
Schweden und Preußen ein, sowie die Ständeversammlungen in Norwegen und 
für Westfalen; auch wird bei uns die Sache am eifrigsten in Wagrien betrieben, 
•das größtenteils aus adligen Gütern besteht. Ich kann aber nirgends einen andern 
Zweck der Vereine entdecken als den, den Verheerungen der Trunksucht entgegen- 
2 U wirken. 

Dr.: Ja, Sie und die meisten haben auch diesen Zweck nur vor Augen. 
Aber die Leiter dieser ganzen Bewegung könnten im Verborgenen stehen und 
Zwecke haben, die sie sich hüten, kund werden zu lassen. Wer weiß, welches 
Ziel einmal von den Mäßigkeitsvereinen wird vorgeschoben werden, wenn sie ein¬ 
mal mächtig dastehen und ihr erstes Ziel erreicht haben, vielleicht um 50 Jahre 
erst oder um 15 Jahre schon. 

P.: An solchen Hintergrund kann ich nicht glauben. Aber, sagen Sie mir 
doch, erkennen die Demokraten es denn nicht, daß der Branntwein unser ganzes 
Volk zu verderben droht, daß er dasselbe knechtet, entwürdigt? 

Dr.: Das können wir freilich nicht verkennen- 

P.: Und dabei machen die Demokraten gar keine Anstalten, das Volk aus 
diesem Verderben zu retten, und suchen noch gar die dahin abzweckenden Ma߬ 
regeln zu vereiteln. Da können Sie es unmöglich redlich mit dem Volke meinen. 

Dr. (Unverstandene Worte). 

P. (gehend): Sie haben mir da ein interessantes Thema zum Nachdenken 
gegeben. Adieu! (Bei sich): Die Hierarchen haben Sie wohl nur mit zu nennen 
vergessen. 

Am 19. 

P.: Ich kann noch immer die Demokraten nicht begreifen. Sie wollen die 
wahren Volksfreunde sein und doch dem ausgemachten Volksverderber, dem 
Branntwein, nicht gewehrt sehen. 

Dr.: Wir wollen dem Volke durch andere Mittel auf helfen, durch Pre߬ 
freiheit, Öffentlichkeit, Verbesserung der Volksschule mittels besserer Dotierung 
und Emanzipation derselben, aber wir können nichts ausrichten, weil der Absolu¬ 
tismus und die Aristokratie den Fortschritt aus allen Kräften hemmen. 

P.: Die Emanzipation des Volkes aus der Tyrannei des Branntweins wäre 
doch auch ein Fortschritt, und gewiß zum Bessern. 

Dr.: Wer verkennt das? — Aber, wie gesagt, wir können uns mit der 
Mäßigkeitssache nicht befreunden, weil wir Monarchen, Bureaukraten und Aristo¬ 
kraten an der Spitze sehen. Jedem andern Fortschritte des Volkes treten sie 
hemmend entgegen; wie sollten sie denn diesen fördern, wenn sie nicht im Hinter¬ 
gründe als eigentliches Ziel eine Mehrung ihrer Macht erblickten? Sie werden 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



140 


Pastor Dr. Stubbe. 


kein Beispiel linden, daß ein Demokrat, daß bei uns ein Neu-Holsteiner Mitglied 
eines Mäßigkeitsvereins ist. 

P.: So freue ich mich, daß wir die Neu-Holsteiner bei uns nur bei Dutzenden 
zählen. Adieu. — (Bei sich): Ei so! Sollten vielleicht Demokraten in dunklem 
Hintergründe stehen, die es um jeden Preis hindern wollen, daß das Volk in 
eine Lage versetzt werde, wo es sich zufrieden fühlt die dies wollen, damit sie 
nicht in taube Ohren sehreien müssen: Seht euer Elend! Niemand ist daran schuld 
als die Fürsten und ihre Verbündeten!? Und sollten diese verborgenen Mächte 
der Finsternis vielleicht redlichen Männern, wie Sie einer sind, das klüglich vorent¬ 
halten, um in dem falschen Glanz von Engeln des Lichts ihre Augen zu blenden? 

Das Hauptblatt der Neuholsteiner war das von Olshausen ge¬ 
leitete „Correspondenz-Blatt“ zu Kiel. Es ist bezeichnend, wie viel 
mehr Raum das Kieler Wochenblatt der Mäßigkeitssache widmet als 
jene größere, hochpolitische Zeitung. 

In der Politik, im ganzen Staatsleben ward mehr und mehr 
der nationale Gegensatz gegen Dänemark und die Regierung herr¬ 
schend, der sich seit Erlaß des offenen Briefes auch gegen den 
König wandte. Die Mäßigkeitsvereine dagegen bemühten sich, 
Fühlung mit der Regierung zu gewinnen und zu behalten (wie ja 
in Deutschland, insonderheit in Preußen und Sachsen, die Re¬ 
gierungen kräftig für die Mäßigkeitssache eintraten). Den ersten 
Schritt dieser Art tat der Rendsburger Verein, indem er dem Könige 
1841 einen Bericht über die Vereinsarbeit übermittelte; der König 
ließ daraufhin Juli 1841 dem Kirchenpropsten Callisen seine „Aller¬ 
höchste Zufriedenheit“ über den „Fortgang“ des Vereins, und dem 
Vorstande des Rendsburger Vereins sein „Allerhöchstes Wohlgefallen“ 
zu erkennen geben. 1 ) Als jedoch der Lundener Verein 1846 Be¬ 
stätigung seiner Statuten und Verleihung von Korporationsrechten 
nachsuchte, wurde ihm erwidert, daß der Verein zur Erreichung 
seiner Zwecke der Korporationsrechte nicht bedürfe, und zur Be¬ 
stätigung der Statuten keine Veranlassung vorliege. 2 ) Die Vorstände 
der Mäßigkeitsvereine bemühten sich vergebens um Portofreiheit für 
Vereinssendungen, die Deputation des Zentralvereins vergebens um 
ein Protektorat für die Mäßigkeitsvereine (Antwort: es sei weder 
erforderlich, noch zweckentsprechend). 3 ) Auch eine Eingabe der 
Deputation um eine Geldunterstützung (1847) wurde von der Re- 


*) Staatsarchiv, Kanzleiakten XVHI, No. 8264 (betr. Stadt Rendsburg, übrige 
Polizeisachen). 

a ) Kanzleiakten A XVHI aus No. 4891, Landschaft Norderdithmarschen, 
Polizeisachen und Medizinalsachen. 

*) Vgl. Abschn. 7. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 


141 


gierung abgelehnt (zur Bewilligung der erbetenen Unterstützung von 
seiten des öffentlichen werde keine genügende Veranlassung ge¬ 
funden — 5. Febr. 1848). >) 

Nicht viel anders als die schriftlichen verliefen die mündlichen 
Verhandlungen. Als der König-Herzog im August 1847 auf Föhr 
weilte, erschien auch eine Abordnung der Vereine gegen das Brannt¬ 
weintrinken aus den Herzogtümern, um einen Bericht über den Stand 
der Sache dem König zu überreichen. Dieser nahm den Bericht 
gnädig entgegen, äußerte sich anerkennend über den Nutzen und 
das Streben der Vereine, drückte aber den Wunsch aus, daß die 
Sache, wie bisher, auf Privatwegen betrieben werden möge. Auch 
die Königin ließ sich von der Deputation Vortrag halten und sprach 
sich „für diese Sache der Menschheit mit warmer Teilnahme“ aus. 2 ) 

Obgleich die Eingaben an die Regierung darlegen, wie verderb¬ 
lich der Branntwein, wie segensreich die Vereinsarbeit ist, „daß kein 
Verein so nützlich für Staat und Kirche ist wie der Alkoholgiftverein 
oder die Vereine gegen den Branntwein, und daß daher kein Verein 
in so hohem Maße gerade den Schutz und den Beistand des Staates 
und der Kirche verdient wie gerade dieser“, so hütet sich die Re¬ 
gierung doch sehr davor, irgendwie amtlich in den Kampf gegen 
den Branntwein einzutreten und irgendwie feste Verbindungslinien 
zwischen ihren Organen und den Vereinen gegen das Branntwein¬ 
trinken aufkommen zu lassen. Allerdings gilt auch, wenn wir auf 
die Vereine schauen, daß im Grunde nur eine moralische oder 
finanzielle Unterstützung der Regierung erstrebt wird; tiefer greifende 
Anträge (betr. Konzessionsfrage, Branntweinsteuer, Brauereiaufsicht 
u.s.w.) wurden von den Generalversammlungen zu Rendsburg und 
Kiel abgelehnt (vgl. Abschn. 7). Die Ständeversammlungen wurden 
überhaupt, nicht mit Anträgen von den Mäßigkeitsvereinen behelligt; 
Volquarts sprach gelegentlich sogar sein Wohlgefallen darüber aus, 
daß die Stände eine Brennsteuer abgelehnt hätten, weil so der Schein 
vermieden werde, als solle der Zwang helfen. 

Kurz, seitens der Regierung, der Stände und der politischen 
Parteien ward der Kampf gegen den Branntwein lediglich als 
Privatsache (und nicht als öffentliche Angelegenheit, als Staatssache) 
auf gefaßt, und die Vereine huldigten in der Form ihres Kampfes 
einerseits einem individualistischen Freiheitsbegriff, suchten aber 


*) Regierungsarchiv, S. H. Andere Polizeisachen No. 80, Fase. 8. 
*) Bl. d. Hbg. Y. g. d. Br. 1847, S. 87. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



142 


Pastor Dr. Stubbe. 


Digitized by 


anderseits Anlehnung an die Regierungsautorität. Die Folge war, 
daß die Vereine zusammenbrachen, als die politische Hochflut des 
Jahres 1848 kam. 

Freilich: man suchte sich zu behelfen. Eine hübsche dich¬ 
terische Festrede von der Feier des 6 jährigen Bestehens des Elms¬ 
homer Vereins April 1849 zeigt uns, wie man sich in Vereins¬ 
kreisen mit der neuen Zeit abfand: 1 ) 

Der Hauptredner feiert Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. 

„Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit“, 

Drei Worte, die jenseits des Rheines zuerst jüngst erklangen, 

Durch Deutschland dann wiederhallend zu uns herauf drangen, 

Sie sollend sein, an die nun mein Festgruß sich reiht: 

„Hier Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit.“ 

„Freiheit, die ich meine“, ist Freiheit vom Wahn, 

Daß Spiritus Lebenskraft gebe, 

Über Kummer und Sorgen erhebe. 

Ach, den Wahn begleitet die Leidenschaft, 

• Und die Leidenschaft fesselt die Willenskraft. 

Heil drum jedem, der auch dem Sprudelgeist 
Sich in der Kraft und Stärke, die Gott gibt, entreißt! 

Es wird ihn nimmer gereuen; 

Der Freiheit nun wollen wir uns freuen. 

Aber das ist und bleibt denn doch auch wahr, 

Und wer sehen will, dem macht’s der Tag nun klar, 

Daß keine und keinerlei Freiheit Bestand hat, gedeiht, 

Ist man nicht zugleich auch von den Ketten des Branntweins befreit. 

Doch auch Gleichheit herrsche! Nicht arm und reich, 

Nicht vornehm und gering. Weg mit den Schranken 
Des Kastengeistes, der die Freude hemmt, 

Weg mit allen Sonderbündlergedanken! 

Ein Herz und eine Seele im Kampf mit dem Geist, 

Dessen Vater — Dampf, dessen Mutter — Schlange heißt. 

Da muß jegliche Scheidewand fallen; 

Ja, Gleichheit sei unter uns allen! 

Und was noch mehr ist, es herrsche die Brüderlichkeit! 

Seht innig vereint hier zwei Hände, 

Das ist ihr Symbol! 0 Brüder, das Herz wird mir weit. 

Doch sei nun des Redens ein Ende. 

Die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit, 

In dem Sinne, worin an sie mein Festgruß sich reiht, 

Sie sollen das Fest uns verschönen, 

Und du, Gott, wollst mit Gnade es krönen! 


J ) Dithm. Yolksfreund April 1849. 


Go gle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 


145 


Oder wie es beim Hennstedter Jahresfest von Pastor Nissen 4. März 
1849 prosaisch ausgedrückt wird: 1 ) 

Von allen Seiten wird aufgefordert, nach Freiheit zu streben. Mag äußere 
Freiheit erlangt sein, so wird doch nirgends Glück weilen, wo die Herzen noch 
nicht frei sind von der Sünde, von der Herrschaft des Branntweins. 

Branntwein ist der Tyrann und Despot unserer Zeit; erst, wenn er über¬ 
wunden ist, werden die Völker zur rechten Freiheit gelangen. Es gibt in diesem 
Kampfe freilich weder Lohn noch Ehrenbezeugungen, aber der Brüder "Wohl 
fordert ihn; nur Vorurteile können der Grund sein, wenn Volksfreunde ihm 
fern bleiben. 

Also: man betonte die geistige, die sittliche Freiheit als das 
allein Nötige. Daneben zeigt die Eingabe, betr. Branntweinfreiheit 
der deutschen Flotte 2 ) — gleichfalls von 1849, — daß man für 
die nationalen Bedürfnisse der Gegenwart ein offenes Auge hatte 
oder doch lernte, die Branntweinfrage schärfer von nationalem Ge¬ 
sichtswinkel aus zu betrachten. Je mehr aber die Jahre der Er¬ 
hebung mit ihren Wechselfällen die letzte Anspannung aller Ge¬ 
danken, aller Begeisterung, aller Kräfte forderten, um so weniger 
blieb Raum für die nüchternen "Wohlfahrtsarbeiter, die Vereine gegen 
das Branntweintrinken. 

Die Maschine der Gesetzgebung hat, wie schon angedeutet, 
gearbeitet, ohne von den Mäßigkeitsvereinen beeinflußt zu sein. 
Dennoch ist es notwendig, die einschlägigen Verhandlungen der 
Stände und die betr. Gesetze kurz anzugeben, damit unser Zeitbild 
einigermaßen vollständig ist. Unter zwei Gesichtspunkten können 
wir den Stoff vorführen: der eine betrifft die Steuerfrage, die staat¬ 
liche Einnahme aus Branntwein, der andere die gewerbliche Seite 
(Herstellung und Vertrieb des Schnapses). (Allerdings nimmt stets 
der Gesetzgeber, wenn er in der einen Hinsicht vorgeht, die andere 
Seite irgendwie mit in Obacht.) 

Im allgemeinen pflegt keine Steuer beliebt zu sein, — eine 
aber war in den Herzogtümern verhaßt und verachtet, die sogen. 
Kopfsteuer. Unter Friedrich V. war 1762 zur Tilgung außerordent¬ 
licher Staatsschulden (die aus den Kriegsrüstungen erwachsen waren, 
welche man bei den mehrjährigen Zwistigkeiten mit Rußland für 
nötig gehalten hatte) eine Abgabe von 4 Schilling monatlich für 
jeden, der sein 12. Lebensjahr erreicht hatte, im Königlichen An¬ 
teil der Länder eingeführt (die sog. großfürstlichen und gemeinsamen 


') Dithm. Volksfreund 1849, Nr. 4. 

2 ) Vgl. Abschn. 18 Heereswesen, auch Antrag Schmidt, Schluß von Abschn. 11- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



144 


Pastor Dr. Stubbe. 


Digitized by 


Distrikte aber blieben davon verschont). Die außerordentliche Steuer 
wurde dann vom Fiskus als ständige Steuer beibehalten. 1838 brachte 
sie ca. 360—370000 Reichsbanktaler Ertrag in den Herzogtümern. 
Aufs kräftigste petitionierten die benachteiligten Distrikte, und ihre 
Abgeordneten beantragten die Aufhebung der ungerechten Belastung. 1 ) 
1838 wurde in den Stände Versammlungen die Kopfsteuerfrage ver¬ 
handelt und dabei in Holstein die Einführung einer Brannt¬ 
weinsteuer von dem Ausschüsse in Anregung gebracht, um den 
durch Fortfall der Kopfsteuer erwachsenden Einnahmeausfall zu 
decken; man veranschlagte deren Ertrag in den Herzogtümern auf 
400000 Rbtlr., indem man die in Dänemark selbst erzielten Ein¬ 
nahmen zum Vergleich heranzog. 

Aus dem Berichte des Ausschusses: „Kein Gegenstand erscheint uns vor¬ 
züglicher zur Besteuerung geeignet als der Branntwein, da gerade kein Genuß 
so leicht zum Übermaß verleitet wie jener, da die verderblichen Wirkungen des¬ 
selben in der physischen und moralischen Welt unbestreitbar, eine Verteuerung 
daher mehr nützlich als schädlich ist. Nicht der Branntwein an sich ist das zu 
Verwerfende; der quantitative unmäßige Genuß desselben führt die Nachteile 
mit sich. Eine solche Steuer hat, ohne die Fabrikation des Branntweins 
zu mindern, in Preußen das Gegenteil hervorgerufen und zugleich mit der 
Verminderung des inneren Konsums die Vermehrung der Fabrikation und 
der Ausfuhr herbeigeführt. So betrug im Jahre 1822 daselbst die Einnahme der 
Maischsteuer 4454000 Rtlr. und im Jahre 1833 5459000 Rtlr., wogegen die 
Zahl der kleinen Brennereien abgenommen und in 16 Jahren überhaupt 
die Zahl der Brennereien auf die Hälfte sich vermindert hatte.“ 1 ) 

1840 wurde den Ständen ein königliches Reskript vor¬ 
gelegt: es sei „die Einführung einer Branntweinsteuer nach den¬ 
selben Grundsätzen wie im Königreich in Allerhöchste Erwägung 
gezogen, wodurch zugleich der freie innere Verkehr zwischen 
den verschiedenen Teilen der Monarchie gefördert werden 
wird“. Der Ertrag solle die Aufhebung des Zahlenlottos und die 
der Kopfsteuer ermöglichen. Aus den Ständeverhandlungen wollen 
wir einige Schlagworte hören. Dagegen wurde gesagt: „Man darf 
die kleinen Brennereien nicht durch künstliche Mittel erdrücken.“ 
„Gerade die kleinen Brennereien sind für die Urbarmachung des 
Landes sehr wichtig.“ „Wenn man eine Branntweinsteuer annimmt, 
muß man auch die Weintrinker besteuern und die Zollsätze für 
Wein bedeutend erhöhen.“ „Eine Branntweinsteuer würde haupt¬ 
sächlich die ärmere Klasse der Bevölkerung treffen.“ Dafür wurde 
angeführt: Als indirekte Steuer stehe die Branntweinsteuer sowohl' 


') Vgl. Acta des Kgl. Staatsarchivs A. XI Nr. 686 und A. XI Nr. 73. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 145 

hinsichtlich ihrer Zweckmäßigkeit wie ihrer wohltätigen Wirkung 
obenan; sie schaffe der Staatskasse Einnahmen und steuere dem 
Übermaß des Trinkens. Der Druck treffe nur den, der wirklich 
daran teilnehmen wolle; ein Branntweintrinker könnte sich einem 
anderen Getränke zuwenden. Allerdings sei die Materie zurzeit wohl 
für ein Gesetz noch nicht genügend geklärt. 1 ) 

Das Ergebnis war, daß die Minorität Itzehoe 15. Sept. 1840 erklärte: es er¬ 
scheine bedenklich, „durch eine Branntweinsteuer . . . einen Betrieb zu belasten, 
welcher, z. T. erst im Aufblühen begriffen, schon durch den Andrang des wohl¬ 
feileren ausländischen Branntweins sehr gehemmt wird, und, wenigstens was die 
Kornbrennereien anbelangt, durch eine Branntweinsteuer vernichtet werden müßte. 
Überdies würde die Steuer das Vernichtungsurteil für alle noch bestehenden 
kleineren Brennereien sein, eine Menge Familien, die jetzt noch dem Staat und 
der Kommune beträchtlich steuern, an den Bettelstab bringen und so für einen 
nicht unbedeutenden Teil betriebsamer Untertanen die Quelle des größten Unglücks 
sein“; also sei eine Branntweinsteuer überhaupt nicht ratsam. 

Die Majorität dagegen wollte diese Steuer nur vorläufig abraten. „Bei 
der Größe der Güter in unserem Lande darf man es als unbestritten betrachten, 
daß die Branntweinfabrikation hier mit der Besteuerung zunehmen, und ein 
Industriezweig sich entwickeln werde, der bei der technischen Vervollkommnung 
des Brennverfahrens immer mehr Fortschritte machen wird.“ 

Die Schleswigsche Ständeversammlung riet überhaupt 
einstimmig „ebenso dringend als alleruntertänigst“ die Einführung 
einer Branntweinsteuer ab. (Eine Abnahme des Branntweingenusses 
sei nicht zu erwarten; die ärmere Klasse werde belastet, das Ge¬ 
werbe der kleinen Brennereien erdrückt, der Handel mit Westindien 
durch die dann notwendig werdende Erhöhung des Rumzolls ge¬ 
schädigt werden.) 2 ) 

Trat schon in der Begründung der königlichen Proposition 
1840 der politische Beweggrund für eine Branntweinsteuer (neben 
dem finanziellen Interesse) kräftig hervor, so war auch die politische 
Lage entscheidend für die wirkliche Einführung. Die Niederlage 
der schleswig-holsteinischen Erhebung brachte die Steuer. Zuerst 
kam Schleswig an die Reihe. Nach der Schlacht von Idstedt hatte 
Tillisch als außerordentlicher dänischer Regierungskommissar das 
Heft in der Hand. Flensburg, 7. Sept. 1850, ward in deutscher 
und dänischer Sprache (gez.: Tillisch) die „Bekanntmachung, betr. 


i) Zeitung für die Verhandlungen der 8. holstein. Ständeversammlung. Das 
Gutachten im Beilageheft S. 781 f. 

*) Zeitung für die Verhandlungen der dritten Schleswigschen Ständeversamm¬ 
lung. Gutachten Beilageheft Sp. 545 f. 

Der Alkoholiamus. 1906. 10 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



146 


Pastor Dr. Stubbe. 


eine Steuer für das Branntweinbrennen in dem Herzogthuine Schles¬ 
wig“ erlassen. 1 ) 

„Um im Interesse des Herzogtums Schleswig die Handelsverhältnisse dieses 
Herzogtums mit dem Königreiche Dänemark fester zu begründen und die Er¬ 
schwerung des Verkehrs zu beseitigen, die aus der Zollgrenze zwischen dem Jüt¬ 
land und dem Herzogtum Schleswig hervorgeht, ist es für erforderlich erachte^ 
das Branntweinbrennen im Herzogtum Schleswig in gleicher Weise zu besteuern, 
wie solches im Königreiche Dänemark, mit Ausnahme Kopenhagens, vom 7. Okt. 
d. J. an besteuert wird.“ - 

§ 1. „Das Branntweinbrennen im Herzogtum Schleswig, sowohl in den 
Städten als auf dem Lande, wird vom 7. Okt. d. J. an gerechnet, mit einer Steuer 
belegt, welche nach dem Raumgehalt der in den Brennereien benutzt werdenden 
Maischfässer, ohne Rücksicht darauf, wie viele oder welche Materialien darin ein¬ 
gemaischt werden, zu entrichten ist. Die Steuer beträgt 64 Rbsch. oder 20 Schill. 
Cour, für jede Tonne Raumgehalts der eigentlichen Maischfässer und wird nur 
für diejenige Zeit berechnet, in welcher selbige dem Branntweinbrenner zur Ver¬ 
fügung stehen, und zwar dergestalt, daß die Steuer für je dreimal 24 Stunden er¬ 
legt wird, wenn solche Hilfsgerätschaften, als Vormaischfässer, Kühlfässer, Maisch¬ 
behälter, Vorwärmer u. dgl. gebraucht werden, und für je 4 mal 24 Stunden, wenn 
solche Hilfsgerätschaften nicht vorhanden sind.“ 

Bei Ausfuhr und bei Verwendung als Schiffsprovision findet Rückvergütung 
statt. Kein Maischgefäß darf unter 8 Tonnen ä 136 Pott Zollmaß halten. Für 
Steuerkontravention (Verwendung nicht amtlich eingetragener Gefäße, unver¬ 
steuertes Brennen u.s.w.) werden angemessene Strafen festgesetzt. 

Am 11. Jan. 1851 wurde zu Kiel den Bundeskommissaren die 
Unterwerfung Schleswig-Holsteins angezeigt; Preußen und 
Österreich gelangten im Laufe des Jahres dazu, das Prinzip des 
dänischen Gesamtstaats anzuerkennen. Für das Herzogtum Hol¬ 
stein wurde in einer Königlichen Bekanntmachung am 28. Jan. 1852^ 
die „Einführung gemeinschaftlichen Zollsystems für Unsere 
Monarchie zur Aufhebung der Zollinie an der Eider“ „zugesagt“ 
und demgemäß am 4. Mai 1853 ein Patent „betr. Anordnung einer 
Brennsteuer“ verfügt, welches am 1. Juli d. J. in Kraft trat. 2 ) 

Es war „bei dessen Ausarbeitung die bezügliche Gesetzgebung für das König¬ 
reich und für das Herzogtum Schleswig zum Grunde gelegt, so daß die Steuer 
jetzt für alle Landesteile gleichmäßig erhoben wird“. In den „Motiven“ 
heißt es weiter: Bei Einführung der Brennsteuer waren innerhalb der Zollinie in 
Holstein reichlich 400 Brennereien mit einem steuerbaren Maischraum von ca. 
9500 To. vorhanden. Eine große Anzahl dieser Brennereien ist sehr unvollkommen 
eingerichtet, und in 160 Brennereien finden sich Geräte, welche den Bestimmungen 
des § 5 des Patents nicht entsprechen“- 

„Die Einnahme, welche die Steuer, namentlich in der nächsten Zeit, ge- 


J ) Kgl. Staatsarchiv. Acta A. XXV Nr. 269 und A. XXV Nr. 364a. 
2 ) Acta des Kgl. Staatsarchivs A. XXV Nr. 269. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Aua der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 


147 


währen wird, läßt sich mit Sicherheit nicht angeben, und es ist namentlich sehr 
zweifelhaft, ob die in dem Staatsbudget für das gegenwärtige Finanzjahr veran¬ 
schlagten 283000 Rbtlr. eingehen werden, da nicht wenige Brennereien vorläufig 
aufgehört haben zu arbeiten, um sich mit zweckmäßigen Geräten zu versehen, 
ohne welche die Brennerei bei der angefangenen Besteuerung nicht lohnend sein 
kann. Im Königreiche Dänemark und im Herzogtum Schleswig hat die Brenn¬ 
steuer nach Abzug der ausbezahlten Steuervergütung betragen 


im Finanzjahr 1851-52 

1 im Königreich 

Rbtlr. 

1185701 

Schill. 

88 

l in Schleswig 

159090 

68 

„ „ 1852-53 \ 

[ im Königreich 

1116468 

15 

[ in Schleswig 

143778 

50 


mithin beträgt die Kopfrate, wenn das Resultat der Volkszählung vom Jahre 1845 
zum Grunde gelegt wird, 

im Königreich 1851-52 84‘/» Rbsch. pr. Kopf 

1852-53 79 1 /2 „ „ „ 

im Herzogtum Schleswig 1851-52 42 „ „ „ 

1852-53 38 „ „ „ 

Im „Patent“ sind einzelne Bestimmungen schärfer und klarer gefaßt — 
sachlich ist die Schleswiger Vorlage maßgebend. Die alte „freie“ Brennerei hat 
ein Ende. Aus § 4: „Jeder, der Branntweinbrennerei betreibt oder im Besitz 
desf. Geräte ist, hat bis zum 1. Juni der nächsten Zollstelle Anzeige zu machen. 
§ 24. Auf dem Lande darf niemand, der nicht zum Branntweinbrennen berech¬ 
tigt ist, im Besitze der nachbenannten Brennereigerätschaften sein: Branntwein- 
und Destillierkessel, -Helme, -Röhren und Kesseldeckel, sowie Destilliertonnen.“ 

Als 28. Mai 1853 ein neues „Patent für das Herzogthum Schles¬ 
wig, betr. die Besteuerung des Branntweinbrennens“ erlassen wurde, 
erklärte das Finanzministerium, die früher von den Ständen gegen 
eine Branntweinsteuer erhobenen Bedenken seien durch die Erfahrung 
widerlegt worden. (Die Höhe der Steuer ist in dem neuen Patente 
die gleiche wie in der früheren „Bekanntmachung“.) *) 

Was die Herstellung und den Vertrieb von Branntwein betrifft, 
so betrachtete offiziell die Gesetzgebung (nach Auffassung der Re- 
gierung und der Städte) die Branntweinbrennerei (wie die Bier¬ 
brauerei) als ausschließlich städtische Nahrungszweige, während die 
adligen Güter, klösterlichen Distrikte, Kanzlei- und Marschgüter usw. 
die völlige Freiheit dieser Gewerbe in Anspruch nahmen und sich 
dafür auf das deutsche Recht und das Urteil des Glückstädter Ober¬ 
gerichts beriefen. Als die Regierung 1838 den Ständen eine Pro¬ 
position, betr. die Grenzen, innerhalb welcher den genannten Gütern 
Malzen, Brauen und Brennen gestattet werden dürfe, vorlegte, er¬ 
klärte die Mehrheit, eine Beschränkung dieser Betriebe nicht als 


7 Acta des Kgl. Staatsarchivs A. XXV Nr. 364a. 

10* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSlTV 



148 


Pastor Dr. Stubbe. 


Digitized by 


gesetzlich anerkennen zu können; man wünsche vielmehr eine all¬ 
gemeine Gewerbeordnung. „Nur Freiheit im Handel und Verkehr, 
wie bei der Gewinnung und Verarbeitung der Produkte, wird sich 
jedes Gewerbe auf die Art und an dem Orte betreiben lassen, wie 
und wo es am besten rentiert, und dabei wird sich der Einzelne 
wie das Ganze am besten befinden,“ berichtete der Ständeausschuß. 1 ) 

1844 ward der ersehnte Entwurf einer Gewerbeordnung zum 
ersten, 1846 zum zweiten Male den Ständen vorgelegt Über Her¬ 
stellung und Vertrieb der Spirituosen heißt es da: 

1844 § 6 (46: § 7). „ . . In den Landdistrikten ist zur Betreibung der 
Krügerei, Schenkwirtschaft und Gastwirtschaft eine Konzession der Schleswig- 
Holsteinischen Regierung (46 ist hinzugefügt: oder der Ortsobrigkeit, insoweit 
letztere bisher Konzessionen zu solchen Gewerben erteilt haben möchte) in dem 
bisherigen Umfange erforderlich. Dasselbe gilt bis weiter von der Betreibung 
der Branntweinbrennerei und Bierbrauerei, hinsichtlich deren im allgemeinen so¬ 
wohl als hinsichtlich der Befugnis zur Betreibung dieser Gewerbe in deri klöster¬ 
lichen und Gutsdistrikten nähere gesetzliche Bestimmungen Vorbehalten werden.“ 

In den Motiven wird gesagt: 

Weil die adligen Güter u. s. w. die behauptete Brenn- und Braufreiheit in 
größerem Umfange ausübten „und da namentlich hinsichtlich der Branntwein¬ 
brennerei aus polizeilichen Gründen eine erhebliche Vermehrung derartiger 
Anlagen auf dem Lande nicht als wünschenswert erscheinen kann, da auf der 
andern Seite bekanntlich die Einführung einer Branntweinsteuer in An¬ 
rege gekommen ist, ist es für das angemessenste erachtet, hinsichtlich der Amts¬ 
und landwirtschaftlichen Distrikte bis weiter das bisherige Verfahren fortbestehen 
zu lassen, wonach die Betreibung der Bierbrauerei und Branntwein¬ 
brennerei, abgesehen von bestehenden Realgerechtigkeiten, durch eine von 
der Schleswig-Holsteinischen Regierung zu erteilende Konzession 
bedingt ist; und dabei im allgemeinen sowohl als hinsichtlich der Feststellung 
der Verhältnisse der adligen Güter in dieser Beziehung nähere gesetzliche Be¬ 
stimmungen ausdrücklich vorzubehalten, wogegen die Mälzerei, ohne Nachteil, 
den freien Betrieben beizuzählen sein möchte. 

Die Betreibung der Krügerei in den Amtsdistrikten ist nach Ausweis 
des Mandats vom 16. Juni 1646 schon früh als durch besondere Privilegien oder 
Konzessionen und die Erlegung einer Krughäuer bedingt angesehen, und 
wird auch in den Gutsdistrikten nicht als ein freies Gewerbe angesehen; eine 
Beschränkung, die aus polizeilichen Gründen beizubehalten sein wird. u 

Ein Versuch des altonaer Telegraphendirektors Schmidt, 1847 
durch einen privaten Antrag an den deutschen Bundestag 2 ) 
ein Verbot des Branntweinbrennens in Teurungszeiten zu er¬ 
reichen, erreichte nicht nur nichts für die Gesamtheit, sondern 
blieb auch für die engere Heimat wirkungslos. 

*) Bericht des Ausschusses Itzehoe 28. Nov. 1838. 

s ) Ygl. Schluß von Abschn. 11 Nationalökonomisches. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNiVERSiTY 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 


149 


17. Der Abschluß. 

Durch die verschiedenen Kapitel klang es hindurch: Die Zeit 
der Erhebung hat die Vereinsarbeit lahmgelegt, und was es nach¬ 
her gab, war nur ein matter Nachklang ehemaliger Fülle. 

Mai 1848 erließ Volquarts einen Aufruf an die ,,Bundes¬ 
brüder“: „Im letzten Jahre ist unsere Sache nicht bedeutend ge¬ 
fördert, ja es scheint, als wenn ein Stillstand und an einzelnen 
Stellen sogar ein Rückschritt eingetreten ist.“ „Schleswig-Holstein 
hat fast zuerst den Kampf gegen den Landesfeind, den Alkohol, 
angefangen; sollen wir nun die Hände laß in den Schoß legen, 
abstehen von dem Freiheitskampfe, weil wir nicht allenthalben Bei¬ 
stand und Hilfe finden, wie wir wünschen?“ Die für den Frühling 
geplante Generalversammlung werde ausgesetzt, aber er hoffe, daß 
sie im Nachsommer stattfinden könne. — Diese Hoffnung sollte 
unerfüllt bleiben. 

Für 1849 verzeichneten wir im vorigen Kapitel die Stiftungs¬ 
feiern von Elmshorn und Hennstedt, sowie (vgl. Abschn. 13) die 
Eingabe aus Lunden, betr. Branntweinfreiheit der deutschen Flotte. 
Man feierte auch zu Nienstädten ein Jahresfest, bei welchem der 
greise lutherische Ortsgeistliche CI aßen mit dem Hamburger Rab¬ 
biner Dr. Frankfurter zusammenwirkte. Im Jahre 1849 aber ging 
der dithmarsische „Volksfreund“ ein (der altonaer war schon früher 
verschieden). 

1850—51 ist es ganz stille von den Vereinen; wie die Arbeit 
so mancher anderer Vereine (gemeinnütziger, kirchlicher oder wissent¬ 
licher Art) war ihm der Lebensboden abgegraben. Es handelte sich 
für das Volk um Sein oder Nichtsein — da hatte man für Vereine 
keine Kraft und Zeit übrig. 

Erst 1852 hören wir wieder von einem Mäßigkeitsvereine: 
Elmshorn begeht unter Teilnahme Hamburger Männer (Dr. Frank¬ 
furter, Dannenberg) sein Jahresfest; 1853 folgt Crempe. Diese 
beiden Orte behalten fortan die engste Fühlung mit dem hamburgi- 
schen Verein gegen das Branntweintrinken, was gewiß dazu bei¬ 
getragen hat, ihre Lebenskraft so zu stärken, daß sie das Panier als 
die letzten im Lande aufrecht erhalten haben. Cand. Kühl wirkte 
zu Elmshorn an Stelle des heimgegangenen Pastors Carstensen 
(neben ihm der jüdische Religionslehrer Levy). 1862 finde ich 
die letzte Erwähnung des Cremper Mäßigkeitsvereins und 1864 die 
von Elmshorn. Dann ist es aus. 1864 wird ja abermals ein tiefer 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



150 


Pastor Dr. Stubbe. 


Digitized by 


Einschnitt in die Landesgeschichte gemacht und ein neues nationales 
und politisches Leben beansprucht das ganze Interesse der Öffent¬ 
lichkeit — 1853 hielt Pastor Yolquarts zu Lunden bei einer Ver- 
einsfeier die in Abschnitt 9 charakterisierte Predigt. Einige Jahre 
später (wohl 1857) löste sich der dortige Verein, am 8. Nov. 1863 
auch die Totenkasse des dortigen „Vereins gegen Alkohol“ auf. 

Das Ende der Landeserhebung bewirkte die Trennung der „up 
ewig ungedeelten“ Herzogtümer. Ein Zentralverband, der Schleswig 
und Holstein vereinte, war nicht wieder möglich. Trotzdem ver¬ 
suchte man (auf Anregung des Elmshorner Cand. Kühl) 1854 von 
Hamburg aus, welches schon so viel für die Mäßigkeitssache in den 
Herzogtümern getan hatte, 1 ) beide Gebiete zu neuer Vereinsfreudig¬ 
keit zu entflammen. Der Aufruf meidet alle Politik und lautet: 2 ) 

„An die Vereine gegen das Branntweintrinken in Holstein und Schleswig. 
Mit inniger Freude haben wir vernommen, daß auch in Eurer Mitte sich wieder 
Zeichen kund tun, welche die Hoffnung in uns beleben: Ihr wollet gleichwie in 
früherer Zeit den Kampf gegen den Feind und Verderber des Volks, den Brannt¬ 
wein, wieder aufs neue beginnen; darum drängt uns auch unser Herz, zu Euch 
zu sprechen. Mit Sehnsucht haben wir auf diese Zeichen geharret, mit Freude ^ 
begrüßen wir sie. Mit Wehmut und Trauer haben wir oft in den letztverflossenen 
Jahren der hoffnungsvollen Keime und Blüten gedacht, welche durch das Ge¬ 
tümmel des Krieges und die Aufregung der vielen Sorgen und Mühen vielleicht 
für immer vernichtet, und so die Aussaat ohne Früchte lassen würde; 8 ) jetzt 
aber hoffen wir aufs neue. Auch Ihr in Euren gesegneten Landen leidet gleich 
den Nachbarstaaten unter dem unverhältnismäßig hohen Preise der notwendigsten 
Lebensmittel, aber auch Ihr tragt die Schuld mit, daß die vorhandenen Früchte 
des Feldes durch die Brennkessel den Menschen als nährende und stärkende 
Speise entzogen werden und dafür ein Getränk bereitet wird, welches so viel 
Jammer und Elend, Armut und Verbrechen erzeugt und den Menschen unter 
das Vieh herabwürdigt. Und gerade jetzt, wo — sicher zumeist durch den 
Branntwein — Eure Gefängnisse mit so gefährlichen Verbrechern angefüllt sind 

-jetzt mahnt es Euch doppelt; jetzt könnt, jetzt dürft Ihr nicht länger die 

Hände in den Schoß legen; jetzt werdet Ihr das einst so schön angefangene 
Werk wieder aufnehmen und so die Hoffnung aller Mitstreiter in diesem heiligen 
Kampfe erfüllen. 

Bundesbrüder! Alle, welche am großen Werke mitarbeiten, rufen Euch 
zu: Vorwärts! In dieser großen und schönenSache trennen uns keine Grenzen; 
hier wird der Mensch als Mensch geehrt und geliebt; wir fragen nicht: welcher 


*) Ich nenne die Orte Nienstädten, Wandsbeck, die erwähnte Verbindung 
mit Elmshorn und Crempe, früher auch mit Altona, die Rundreisen Büttners 
und Müllers. Vgl. Abschn. 6. 

*) Bl. d. Hamb. V. g. d. Br. 1854, S. 10. 

8 ) Hier liegt wohl nicht ein Druckfehler, sondern eine stilistische Ent¬ 
gleisung vor. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 


151 


Religion und welchem Stande gehörst Du an? ‘Wohl aber fragen wir: Kennst Du 
das größte Gebot? Und wenn Du es kennst, dann wirke und wandle in dessen 
Geist und Sinn! Gedenket des alten Wahlspruchs: für Bruderwohl und eigenes 
Glück! Und somit bieten wir Euch die Hand zum Bruderbünde, Euch treulich 
beizustehen mit Rat und Tat, soweit unsere Kräfte reichen.“ 

Es ist das letzte Dokument größeren Stiles aus der älteren 
schleswig-holsteinischen Mäßigkeitsbewegung; das Einschlafen der 
Vereine ging im Getümmel oder im Jammer der Zeit ohne viel 
Eeden und Schreiben ab. 

Aus Schleswig kenne ich nach 1852 nur eine Lebensäußerung. 
Auf Sylt beging man 1855 die Jahresfeier des Vereins, auf welcher 
Kapitän Bleicken, der Keitumer Mäßigkeitsveteran, erklärte: Der 
Eeiz der Neuheit sei bei der Vereinsarbeit verschwunden; Brannt¬ 
wein werde weniger, Bier mehr getrunken, aber das Fortbestehen 
der Vereine sei nützlich und notwendig. 

Bendsburg erbat sich 1854 Agitationsstoff von Hamburg, ohne 
daß der gewünschte Erfolg erzielt wurde. Von Kiel hat mir Bank¬ 
direktor Kemien erzählt: sein Prinzipal Klemm habe mit ihm be¬ 
raten, ob sich der Versuch empfehle, einen Verein wieder zu 
gründen; man habe aber davon abgesehen, weil man der Meinung 
gewesen sei: erstens die Zeit sei nicht dazu angetan; zweitens: die 
Vereine seien jetzt kaum mehr ein Bedürfnis (weil das Branntwein¬ 
trinken ab-, das Biertrinken aber dafür zugenommen habe). „Dr. 
Klaus Harms, gewesener Prediger zu Kiel“, rechnet schon 1851 
in seiner „Lebensbeschreibung, verfasset von ihm selber“, die Mäßig¬ 
keitsvereine zu den Toten. 1 ) Indem er seine skeptische Stellung 
zur sogenannten inneren Mission darlegt, sagt er auch: „Ich habe in 
meinem Leben manchmal zu sehen bekommen, daß man von irgend 
einem Neuen das Heil der Menschheit erwartete, doch das Neue 
ward nach wenigen Jahren ein Altes und verlor sich wieder, wie 

es gekommen war. So erwartete man-das Aufhören des 

Branntweintrinkens durch die Enthaltsamkeits- oder Mäßigkeits¬ 
vereine ... Von diesem ... soll nicht gesagt sein, daß es nutzlos 
gewesen, vielmehr hat (es einen) guten Dienst der Menschheit ge¬ 
leistet, allein man hat den Mund zu voll genommen vom Lobe 
desselben und hat die Augen nicht weit genug aufgetan für das- 

*) Kiel, Akad. Buchhandlung 1851, S. 168. — Über Harms Stellung, zum 
Branntwein vgl. die Abschnitte 4 (Reformbestrebungen) und 12 (Theologisches) 
in dieser Abhandlung, sowie meinen Aufsatz in der Schäf ersehen Monatsschrift 
für innere Mission (erscheint Ende 1905 oder Anfang 1906). 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



152 


Pastor Dr. Stubbe. 


jenige, was sich Nachteiliges und sogar Schlimmes damit verband.“ 
Er selbst habe wider manches Neue den Rücken gestemmt; zur¬ 
zeit wären wohl alle Kräfte darauf zu richten, einen guten Frieden 
für die Herzogtümer zu erlangen, ruhen lassend, was nur aufzu¬ 
schieben sei. 

Harms war kein Freund vom Vereinswesen und urteilt in¬ 
sonderheit über die Mäßigkeitsvereine nicht als Freund, indessen 
gibt sein nüchternes Urteil uns Gesichtspunkte, die wir bei Be¬ 
urteilung des Niedergangs der alten Bewegung beachten müssen. 

Die alten Mäßigkeitsvereine haben dem Lande einen guten 
Dienst geleistet; das wollen wir als Erstes und Letztes kräftig und 
dankbar unterstreichen. 

„Man hat den Mund zu voll genommen“, — das wird vor 
allem für Volquarts und von seiner Richtung, den Alkoholgift¬ 
gegnern, zugegeben werden müssen. 

„Alle Kräfte sind daranzusetzen, einen guten Frieden zu er¬ 
langen“; den hat das Land leider 1851—52 nicht erlangt; es kam 
die lange Zeit des passiven Widerstandes gegen die Dänenherr¬ 
schaft. Eben deshalb hat man auch nicht den Mut und die Freudig¬ 
keit gefunden, die Mäßigkeitsarbeit in großem Stile wieder an¬ 
zufassen. 

Eine neue Zeit sollte anbrechen (1864—66). Die Nachwirkungen 
der alten Bewegung in der Verminderung des Branntweingenusses 
begannen nachzulassen. Auf die dänische Reform der Gewerbe¬ 
ordnung folgte die Gewerbefreiheit Das einst als Bundesgenosse 
wider den Branntweintrunk gerühmte Bier, das Bayrische Bier, 
machte sich immer mehr breit — „die ich rief, die Geister, werd’ 
ich nicht mehr los“. 

Aber die neueste Zeit ward (um mit Harms zu sprechen), 
nachdem 1870—71 alle Kräfte eingesetzt waren, eine Zeit guten 
Friedens. In dieser neuesten Zeit regten sich wiederum Herz und 
Gewissen im Volke angesichts der großen Not des Trinkens; jetzt 
aber handelte es sich nicht mehr um die alte Branntweinpest, son¬ 
dern um die Alkoholfrage. Von verschiedenen Standpunkten aus 
ist der moderne Kampf gegen den Alkoholismus in Angriff ge¬ 
nommen; Schleswig-Holstein hat als Eingangstor der Guttempler 
nach Deutschland, sowie als Geburtsstätte der landeskirchlichen 
Blaukreuzbewegung und des Vereins abstinenter Lehrer der moder¬ 
nen Enthaltsamkeitsbewegung in Deutschland gute Dienste getan; 
auch im Rahmen des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Holstein. 153 

geistiger Getränke hilft es mit. Mehr als die alte darf die heutige 
Bewegung auf das Verständnis der gebildeten Kreise rechnen und 
einen Einfluß auf Gesetzgebung und Verwaltung erwarten; möchte 
ihr eine stetige Entfaltung und Vertiefung vergönnt sein. Die Ge¬ 
schichte der Mäßigkeitsvereine warnt uns freilich vor voreiligen 
Hoffnungen; sie mahnt uns dafür zur Demut, Geduld und Treue. 
Gott gebe, daß es, wie durch die Landesgeschichte, so auch durch 
den Kampf gegen den Alkoholismus hindurchklinge: 

„Wer ausharret, wird gekrönt 44 

Nachträge und Berichtigungen. 

In Abschnitt 6 lies Alk. 1905, S. 89, Z. 16 von u.: Ritzebüttler, S. 97, Z. 3 
von o.: Frauengestalt, S. 98, Z. 5 von o.: „Anderer Namen wird“. 

Der Ritzebüttler Verein (S. 89) ist bereits 15. Dezember 1886 gegründet 
(Böttcher, General-Verzeichnis der Deutschen V. g. d. Br. 1843, S. 10). 

Zu Abschn. 10. Das von Böttcher skizzierte, von Kreis-Chirurgus La 
Roche Posen 1855 veröffentlichte „Nationalgutachten der deutschen 
Ärzte über den Branntweingenuß“ haben aus den Herzogtümern 6 Personen 
unterzeichnet: Dr. med. H. M. B. Gad, Distriktsarzt auf Romoe, Dr. Gerber, 
prakt. Arzt zu Elmshorn, Dr. E. F. Müller, prakt. Arzt und Wundarzt in Pinne¬ 
berg, J. E. Rümpelt, Wundarzt in Albersdorf, Dr. Schlüter, Landschaftsarzt 
und Wundarzt in Pinneberg, Dr. Suckow, prakt. Arzt zu Elmshorn. 

Es ist wohl von Interesse, hier auch die auf Branntwein bezüglichen Be¬ 
stimmungen der bis über 1852 gültigen „Hebammen-Ordnung für die beyden 
Herzogtümer“ vom 18. Febr. 1765 wiederzugeben. Sie lauten: 

IV. Abt. § 1. „Besonders haben sie sich der Nüchternheit zu befleißigen 
und starker Getränke zu enthalten, oder doch nur mäßig, und unter der Geburts¬ 
hülfe gar nicht zu bedienen. Kann eine Hebamme überführet werden, daß sie 
dabei betrunken gewesen sei, so ist sie ohne Nachsicht ihres Dienstes zu. 
entsetzen.“ 

§ 10. In schweren Fällen ist ein Arzt zuzuziehen. „Zugleich wird den 
Hebammen, wie sonst allen und jeden, ernstlich verboten, den Kindern vor der 
öffentlichen Taufe starke Getränke einzuflößen, um durch Betäubung derselben 
das Weinen zu verhüten.“ 

An medizin. Literatur ist nachzutragen: Manicus zur Pathologie des 
Säuferwahnsinns. Mitt. aus d. Geb. d. Med. 5—6 Heft. Altona 1841—2. 

Und eine allgemeine Bemerkung zum Schlüsse (vgl. Einleitung): An¬ 
zuerkennen ist, daß Martius, den von uns angeführten Kierschen Artikel ver¬ 
wertend, einmal Schl.-H. einen klassischen Boden der älteren Mäßigkeitsbewegung 
nennt. Ich nehme an, daß man dieses Urteil durch unsere Schrift bestätigt 
finden und fortan allgemein Schl.-H. in der Mäßigkeitsgeschichte würdigen wird. 
Wie schön, wenn nun auch andere daran gingen, durch eine Mäßigkeitsgeschichte 
ihrer Heimat das Gesamtbild der älteren Bewegung zu bereichern und zu vertiefen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



154 


Dr. Paul Schenk. 


Digitized by 


Oie Periodizität der Trunksucht. 

Von 

Dr. Paul Schenk. 

Daß die Intensität unseres Lebens periodisch auf und nieder 
schwankt, gewissermaßen gleich dem Meere Ebbe und Flut zeigt, 
ist kein ausschließlich poetischer Gedanke. Auch Ärzte haben in 
alter und in neuerer Zeit den Gedanken vertreten, daß die Funk¬ 
tionen des menschlichen Organismus eine von den äußeren Reizen 
imabhängige innere Periodizität erkennen lassen. 

Der Mensch als Ganzes erscheint ebenso wie jede einzelne der 
ihn zusammensetzenden Billionen Zellen schließlich nur als ein 
Teilchen der Wellenbewegung des unendlichen Alls. Genau genom¬ 
men ist der Mensch auch im geistigen Sinne kein unteilbares 
Ganzes, kein Individuum. Divergente Strebungen und Stimmungen 
machen sich geltend. Die Intensität der verschiedenen Regungen 
der Seele ist nicht nur individuell, sondern auch für das einzelne 
Individuum je nach Zeit und Ort verschieden. Bald flutet das 
Leben stürmisch, drängt der Tatentrieb gewaltsam auf Befriedigung, 
bald ebbt die Lebenswoge ab, erscheint das Leben arm an Zielen 
und an Kräften. 

Inwiefern beteiligt sich der Alkoholismus oder vielmehr die 
zu ihm in Beziehung stehenden Geistesstörungen an dieser Periodi¬ 
zität des Lebens? 

Schon die Art der Fragestellung beweist, daß ich dem Alkohol 
mehr eine sekundäre Rolle zuweise. Es kann nicht oft genug 
betont werden, daß nicht eine jede von dem üblichen Schema abwei¬ 
chende Erscheinung bei einem Trinker eine Folge von dessen 
Trunksucht sein muß. Auf denselben Irrtum hat Virchow bei 
der Syphilis wiederholt hingewiesen. Wenn man die sämtlichen 
bei Syphilitikern gefundenen Veränderungen an den Schlagadern 
und Nerven, an der Leber und den Nieren auf die Rechnung der 
Syphilis setzen wollte, so würde für den Alkohol nicht allzuviel 
übrig bleiben. Die Neigung zum Schematisieren ist uns eben ein¬ 
gewurzelter, als manche Autorität in der Alkoholfrage zugibt 

Und beim Alkohol liegen die Verhältnisse noch komplizierter 
als bei der Syphilis. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die Periodizität der Trunksucht. 


155 


Der Alkohol beeinflußt in hervorragendem Maße das Geistes¬ 
leben, die Syphilis betrifft das Gehirn, wenn überhaupt, erst in 
einem späteren Stadium. Ein von Hause aus egoistischer, engher¬ 
ziger, brutaler, unbeständiger Charakter wird unter Alkoholwirkung 
in der Dichtung seiner ursprünglichen Eigenschaften weiter ent¬ 
wickelt, vergröbert werden. Der Sachverständige, welcher ein 
solches Individuum zu begutachten hat, wird häufig geneigt sein, 
viel mehr auf den Alkoholismus zurückzuführen, als diesem in 
"Wirklichkeit zur Last fällt Wer einmal psychopathisch minder¬ 
wertig veranlagt ist, dem verleiht der übermäßige Konsum alkoho¬ 
lischer Getränke kein „alkoholisches“ Gepräge. Im Gegenteil: ein 
psychopathisch minderwertiges Individuum wird je nach seiner Eigen¬ 
art eine besondere Form der sogenannten „alkoholischen“ Geistes¬ 
störungen zur Entwicklung bringen. Nicht der Alkohol ist hier 
das Ursprüngliche, Formengebende, sondern die Anlage als solche 
fordert gewissermaßen den Alkoholismus. 

Vielleicht ist es sogar erlaubt, im Sinne Swobodas 1 ) von 
periodischen und aperiodischen Menschen zu reden, ohne daß gerade 
■die „Periodischen“ die geistig Minderwertigen sein müßten. 

Fritz Deuter war, wie Gaupp 2 ) als bekannt voraussetzt und 
Geheimrat Baer mir gegenüber mündlich als unzweifelhaft bestätigte, 
ein ausgesprochener Dipsomane. Deuter war im Sinne Swobodas eine 
periodische Natur. Er war nicht zum Pflichtenmenschen geboren. 
„Des Dienstes immer gleichgestellte Uhr“, war für ihn nicht vor¬ 
handen. Er richtete seine Tätigkeit nach dem inneren Drange. 
Seine schriftlichen Arbeiten auf dem Gymnasium wurden meist 
verspätet abgeliefert 3 ). Seine Aufmerksamkeit in der» Schule war 
-sehr schwankend. Seine poetische Leistungsfähigkeit war auch 
später am größten, kurz nachdem er einen dipsomanischen Anfall 
überwunden hatte 4 ). Schon während der Zeiten des krankhaften 
Trinkens bereitete der Dichtergeist in schlaflosen Nächten neue 
Schöpfungen vor. 

Dabei war Deuter von Eltern und Voreltern her nicht alkoholisch 
belastet. Er war ein „periodischer“ Mensch und neigte als solcher 
auch ohne seine „Gefängnistid“ zu periodischen Extravaganzen. 

l ) Swoboda: Die Perioden des menschlichen Organismus in ihrer psycho¬ 
logischen und biologischen Bedeutung. 

*) Gaupp: Die Dipsomanie. Jena 1901. 

*) Vgl. Ebert. Fritz Reuter S. 80. 

*) Vgl. Wilbrandt. Fritz Reuter S. 87. 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



156 


Dr. Paul Schenk. 


Die Dipsomanie ist keine Form des chronischen Alkoholismus. 
Manche Alkoholgegner 1 ) wollen dagegen dem Alkohol stets eine 
wichtige Rolle bei der Entstehung der Dipsomanie zu weisen. Indessen 
haben Foville, Trölat, Marcö schon in den sechziger Jahren 
die Unabhängigkeit des dipsomanischen Anfalles vom Alkohol er¬ 
kannt. Viel eher kann man mit Magnan, Morel, Legrain in 
der Dipsomanie ein Sympton des Irreseins der Entarteten sehen. 
Jedenfalls sind die periodisch Trunksüchtigen das deutlichste Beispiel 
unserer Abhängigkeit von Faktoren, welche außerhalb der Grenzen 
unserer Selbstbestimmung liegen und in ihrer Stärke periodisch 
wechseln. Die periodisch Trunksüchtigen, sonst auch Dipsomanen 
genannt, bekommen mit gewisser zeitlicher Regelmäßigkeit wieder¬ 
kehrende Anfälle von Angst, Unruhe und Beklemmung, mit denen 
sich der unwiderstehliche Drang zum übermäßigen Trinken ver¬ 
bindet. Sie stürzen enorme Quantitäten alkoholischer Getränke 
hinunter bis zur sinnlosen Erschöpfung. Der schließlich eintretenden 
völligen Betäubung pflegen Aufregungszustände und Wahnvorstel¬ 
lungen voranzugehen. In der freien Zeit zwischen den einzelnen 
Anfällen verabscheuen diese bedauernswerten Kranken gewöhnlich 
den Alkoholmißbrauch. Nach wissenschaftlicher Auffassung wird 
dieses periodisch auftretende Leiden nicht durch den Alkohol hervor¬ 
gerufen, sondern ist eine Folge einer besonderen psychischen Organi¬ 
sation. Das Ursprüngliche ist eine periodische Veränderung der 
Stimmungslage 2 ). In einzelnen Fällen scheint ein elementares Durst¬ 
gefühl den Anfall zu begleiten. Bisweilen liegt eine Art Epilepsie 
der periodischen Trunksucht zu Grunde. 

Bonhoeffer behauptet von der periodischen Trunksucht, daß 
sie in ihrer reinen Form eine seltene Erkrankung sei. Häufig 
wird eine periodische Trunksucht vorgetäuscht durch die Periodizi¬ 
tät des Löhnungstages und die damit verbundenen Trinkexzesse. 
Zu diesem gelegentlichen, sich je nachdem allwöchentlich, allmonat¬ 
lich oder vierteljährlich einmal wiederholenden, Anlaß einer „pseudo“- 
periodischen Trunksucht kommen noch die Feste politischer, privater 
und, leider muß es gesagt werden, häufig auch kirchlicher Natur. 
Zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten pflegt ebenso wie an einem 
jeden Sonntag die Zahl der Betrunkenen zu einem Maximum anzu- 

>) cf. z. B. Liebing: Die periodische Trunksucht. 

*) Gaupp: Die Dipsomanie. Vgl. Bonhoeffer: Die alkoholischen Geistes¬ 
störungen. Die deutsche Klinik am Eingänge des 20. Jahrhunderts. Band VT, 
2. Abteüung, S. 514. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die Periodizität der Trunksucht. 


157 


schwellen. Jubiläen werden, wie es scheint, häufig nur gefeiert, 
um den gewöhnlichen Alkoholkonsum in die Höhe zu treiben. 
Seeleute machen - den Tag, wo sie den schwankenden Schiffsboden 
einmal wieder verlassen und den Fuß auf festes Land setzen, zu 
einem alkoholduftenden Feste. 

Indessen kommt doch die in strengerem Sinne „periodische“ 
Trunkshcht wohl häufiger vor, als Bonhoeffer annimmt. Aus 
meiner eigenen Erfahrung erwähne ich einen Arzt, der in ziemlich 
regelmäßigen Zwischenräumen von vierwöchentlicher Dauer sich 
für mehrere Tage in sein Kämmerlein schloß, um sich dort an 
einer Batterie von Wein- und Kognakflas'chen* im stillen zu ergötzen. 
Auch Geheimrat Baer versicherte mir, daß besonders die Gebildeten 
zahlreiche Fälle von reiner periodischer Trunksucht stellen. 

Die reine „periodische“ Trunksucht im engsten Sinne ist ange¬ 
boren, eine Mitgift bei der Geburt Die sogenannten „Dipsomanen“ 
sind „periodische“ Menschen. Die medizinische Wissenschaft pflegt 
diese Periodiker, diese Stimmungsmenschen vielfach in die Kategorie 
der „Epileptiker“ zu stellen. Es wären dann mit dem gleichen 
Recht wie Fritz Reuter z. B. auch E. Th. A. Hoffmann und Schiller 
den Epileptikern zuzurechnen. Richtige epileptische Krampfanfälle" 
hat auch Reuter niemals gehabt. Allen drei Dichtem gemeinsam 
sind aber die unmotiviert sie überfallenden Stimmungswandlungen. 
Auffallend ist, daß alle drei „Periodiker“ auch gute Freunde des 
Königs Alkohol waren. Das Vorkommen von Krämpfen ist für 
die moderne Diagnose „Epilepsie“ nicht mehr ausschlaggebend. 
Das „petit mal“ tritt in den Vordergrund. Der Begriff „Epilepsie“ 
hat eine „quallenhafte Zerfließlichkeit“ (Wernicke) angenommen. 
Über wen hin und wieder aus dem Reiche des Unbewußten der 
Reiz zu allerhand Tollheiten: zum Wandern in die Weite, zum 
Trinken bis zur Bewußtlosigkeit, zum Brandstiften oder auch zu 
harmloseren Dingen: zum Randalieren und poetisch zu delirieren 
kommt, der ist Epileptiker. Oder wie anders soll man es auffassen, 
wenn die periodischen Verstimmungen als ein Kennzeichen der 
Epilepsie hingestellt werden? 1 ) 

Man hat den Grund der Stimmungsschwankungen in einer 
Labilität des vasomotorischen (sympathischen) Nervensystems zu 
finden geglaubt. Der Krampf der gefäßvereqgernden Nerven löst 
die von vielen als spezifisch epileptisch angesehene „V erstimmung“ 


*) cf. Gaupp. S. 27. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



158 


Dr. Paul Schenk. 


aus, welche die triebartigen „epileptischen“ Handlungen zur Folge 
hat. Diese mehr oder minder unbewußten, mehr oder minder 
gewaltsamen Handlungen stellen eine motorische Entladung einer 
unbestimmten Angst dar. Oft führt der vasomotorische Gefä߬ 
krampf zu einer sekundären Herzerweiterung. Dann pflegt sich 
auch die Angst auf die Herzgegend zu konzentrieren. 

In solchen Fällen von einer „Epilepsie“ des Vasomotorenzentrums 
bezw. von einer „Herz-Epilepsie“ zu sprechen, heißt dem Begriff Epi¬ 
lepsie Gewalt antun. Durch eine derartige gewaltsame Erweiterung 
der Grenzen des Begriffs der Epilepsie „in nebelhafte Feme“ (Aschaf¬ 
fenburg) scheint für das Reich der Wissenschaft mehr verloren als 
gewonnen. Schon die „epileptischen“ Krämpfe sind mehr Symptom 
einer Krankheit als eine bestimmte Krankheit für sich. F6r6 sagt 
treffend: „Das Gebiet der sogenannten idiopathischen Epilepsie wird 
von Tag zu Tag kleiner, während die Zahl der symptomatischen 
Epilepsie sich immer mehr vergrößert Heutigen Tages können wir 
die Bezeichnung idiopathische Epilepsie nicht mehr als synonym 
für Epilepsie ohne Ursache, sondern nur noch für Epilepsie mit 
unbekannter Ursache gebrauchen. Man kann keine einheitliche be¬ 
stimmt definierbare krankhafte Veränderung als Ursache der Epilepsie 
angeben, muß vielmehr die Anschauung als wohlbegründet ansehen, 
daß die verschiedenartigen Manifestationen der Epilepsie auf sehr 
verschiedenartige Schädigungen oder Veränderungen zurückzuführen 
seien. Man darf daher die Epilepsie nicht mehr als ein einheit¬ 
liches Krankheitsbild, sondern als eine Gruppe von Symptomkom¬ 
plexen ansehen.“ 1 ) 

Auf das mixtum compositum „Epilepsie“ noch die ganze Gruppe 
der scheinbar unmotivierten triebartigen geistigen Entladungen, zu 
denen u. a. auch die Dipsomanie gehört, pfropfen kann nur jemand T 
der seine Systemgebäude schlecht zu fundamentieren liebt Diese 
anscheinend immotivierten Entladungen haben eben ihren Grund in 
„inneren“ Reizen, welche aus dem angeborenen Charakter entspringen. 

Wenn Krafft-Ebing meint, es handle sich bei der Dipsomanie 
um eine bestimmte Art periodischer Geistesstörung, so ist diese 
Definition entschieden klarer, als wenn Gau pp in der Dipsomanie 
eine Erscheinungsform des bisher noch dunklen Symptomengemenges 
der Epilepsie erblickt 


’) Citiert bei Vorkastner: Die Epilepsie. (Die deutsche Klinik am Ein¬ 
gänge des 20. Jahrhunderts. Bd. VI, 1, S. 1816.) 


Digitized by 


Go gle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die Periodizität der Trunksucht. 


159 


Die Epileptiker pflegen intolerant gegen Alkohol zu sein. Der 
Dipsomane besitzt dagegen während seines Anfalles in der Regel 
eine erhöhte Toleranz gegen den Alkohol. Gaupp geht in seinem 
Bestreben, die Dipsomanie unter den Begriff „Epilepsie“ zu sub- 
summieren, so weit, zu sagen, daß der Dipsomane im Anfall einen 
„pathologischen“ Rausch bekommt „Der pathologische Rausch“, 
meint Gaupp, „ist die besondere Art, in welcher ein epileptisches 
Gehirn auf eine akute Alkoholvergiftung zu reagieren pflegt Er ist 
das psychische Äquivalent des durch einen Exzeß ausgelösten epi¬ 
leptischen Krampfanfalls.“ 1 ) 

Ich habe an anderer Stelle bereits dargelegt, daß ich den Be¬ 
griff „pathologischer Rausch“ überhaupt für verfehlt halte. Ä ) Das 
Krankheitsbild des sogenannten pathologischen Rausches enthält nur 
Züge, die der akuten Alkoholvergiftung an sich eigen sind. Es ist 
nicht nur überflüssig, sondern schädlich, neue Worte zu schaffen, 
denen keine neuen Begriffe zu Grunde liegen. Es ist ohne weiteres 
klar, daß der Idiot, wenn ich so sagen darf, einen „idiotischen“ 
Rausch, der Paranoiker einen „paranoischen“, der Epileptiker einen' 
„epileptischen“ Rausch bekommt. Bisher aber war es in der Medizin 
nicht üblich, eine Vergiftung besonders als „pathologisch“ zu cha¬ 
rakterisieren, weil sie bei einem „pathologischen“ Individuum vor¬ 
kommt. 

Ich reihe die Dipsomanie ein unter die zahlreichen Formen 
der vasomotorischen Störungen (vasomotorius labilis). Die krampf¬ 
haften Störungen in den vasomotorischen Zentren haben das Ge¬ 
meinsame, daß sie dem Subjekt als Gefühls-(Stimmungs-)schwan- 
kungen erscheinen und stark zur Periodizität neigen. 

Bei manchen Fällen der periodischen Trunksucht wird die an¬ 
geborene innere Periodizität durch die Kongruenz der Erscheinun¬ 
gen mit atmosphärischen Schwankungen scheinbar verdeckt. „Es 
gibt viele Menschen, welche einfach Opfer des Wetters sind. At¬ 
mosphärische Einflüsse spielen mit ihnen, wie der Wind auf den 
Saiten der Äolsharfe spielt, mit dem Unterschiede, daß die Harfe 
stets nur harmonisch wiederklingt. Eine leichte Wolke lastet auf 
ihnen mit grausamer Wucht und flößt ihnen alle möglichen un¬ 
angenehmen Vorgefühle ein.Im. allgemeinen ist die Wirkung 

auf den Geist eine gewisse unbestimmte Furcht, ein schwacher Nach- 


’) Gaupp: Die Dipsomanie. S. 126. 

2 ) Deutsche Medizins-Zeitung 1905, Nr. 59. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 





160 


Dr. Paul Schenk. 


Digitized by 


klang der abergläubischen Phantasien, welche der Kindheit der 
Menschen und der Nationen eigen sind.“ 

So sieht die Mehrzahl der Beobachter eine starke Reaktion auf 
leichte äußere Reize, wo in Wirklichkeit ein Parallelismus der Er¬ 
scheinungen vorliegt Wer von Hause aus „periodisch“ veranlagt 
ist, bei dem pflegt das feine Instrument der vasomotorischen Zentren 
Spannungsdifferenzen zu zeigen, welche mit den atmosphärischen 
Schwankungen harmonieren. 

Unter dem Gesichtspunkte von Ursache und Wirkung hat auch 
unser allverehrter Geheimrat Baer den „Einfluß der Jahreszeit auf 
die Trunksucht“ studiert 1 ). Die Trunksucht herrscht mehr in kalten 
als in warmen Ländern. In warmen und tropischen Ländern pflegt 
sie im allgemeinen in schwereren Formen aufzutreten als in kalten. 

Im Einklang hiermit ist die außer von Baer auch von anderen 
festgestellte Tatsache, daß die meisten Krankenhausaufnahmen wegen 
Delirium tremens in den warmen Monaten erfolgen. Baer hat für 
die öffentlichen Krankenhäuser Berlins für die 20 Jahre 1879—1898 
gefunden, daß prozentisch aufgenommen wurden wegen Alkoholis¬ 
mus und Säuferwahnsinn 


In den Monaten Prozentisch 

Januar bis März.. . 21,6 

April bis Juni.24.53 

Juli bis September.27,22 

Oktober bis Dezember.26,65 


oder im Sommerhalbjahr April bis September 51,75 °/ 0 , im Win¬ 
terhalbjahr Oktober bis März 48,25°/ 0 . Das Maximum der Aufnahmen 
fällt in den Monat Juli mit 9,72 °/ 0 , das Minimum mit 6,96 °/ 0 in 
den Monat März. 

Ich habe gewissermaßen eine Stichprobe auf die Richtigkeit 
dieser Baer sehen Statistik gemacht, indem ich die entsprechenden 
Zahlen für die beiden letzten Jahre 1904 und 1905 zusammenstellte. 
Es fanden Krankenhausaufnahmen wegen Alkoholismus in diesen 
beiden Jahren statt 

In den Monaten Im ganzen Prozentisch 

Januar bis März. 389 25,84 

Aphl bis Juni. 855 27,05 

Juli bis September. 828 24,62 

Oktober bis Dezember. 295 22,49 


*) Baer: Der Einfluß der Jahreszeit auf die Trunksucht. Berliner klin. 
"Wochenschrift 1899, Nr. 36. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 











Die Periodizität der Trunksucht. 


161 


Auch hier würde also auf das Sommerhalbjahr mit 51,67 °/ 0 gegen 
48,33°/ # im Winter der größere Prozentsatz entfallen. Jedoch steht 
neben dem Juli auch der Mai mit je 129 Aufnahmen an der Spitze. 
Das Minimum fällt für die Jahre 1904 und 1905 nicht auf den 
März, sondern auf den Dezember mit 80 Aufnahmen. Übrigens 
glaube ich auch nicht, daß der Prozentunterschied von 3,5 bei Baer 
und von 3,3 in meinen Zahlen zur Konstatierung des häufigeren 
Vorkommens von Alkoholismus im Sommer genügt. Mit' diesem 
kleinen Prozentunterschiede wird die Indifferenzgrenze noch nicht 
überschritten. 

Ich möchte hier noch auf einen Grund hinweisen, der mir die 
zahlreicheren Aufnahmen von Alkoholisten in Krankenhäuser im 
Sommer zum Teil zu erklären scheint Die Berliner Krankenhäuser 
pflegen im Winter an Überfüllung zu leiden. Alkoholisten sind an 
sich nicht die angenehmsten Patienten. Im Sommer finden sie bei 
der größeren Zahl freier Plätze wahrscheinlich leichter Aufnahme 
als im Winter. 

Schlüsse aus statistischen Zusammenstellungen können nicht 
vorsichtig genug gezogen werden. Die Tatsache, daß im Sommer 
ca. 3 °/ 0 mehr Alkoholisten in die Krankenhäuser aufgenommen wer¬ 
den als im Winter, beweist an sich noch nicht, daß der Alkoholis¬ 
mus im Sommer häufiger auftritt wie im Winter. 

Ebensowenig ist z. B. die Tatsache, daß der Alkoholismus in 
den Tropen gewöhnlich in schwererer Form auftritt als im gemä¬ 
ßigten Klima, ein ausreichender Beweis für die stärkere Giftwirkung 
des Alkohols bei höherer Temperatur. In den Tropen pflegen mehr 
schwere Liköre konsumiert zu werden. Das Bier ist verhältnis¬ 
mäßig sehr teuer und für den Export extra stark eingebraut Auch 
ohne Alkoholgenuß wird ein gewisser Teil der Lebenskraft für die 
Akklimatisation an das Tropenklima erfordert. Das Hinzutreten* einör 
Heuen Schädlichkeit wirkt unter diesen Umständen heftiger auf den 
Gesundheitszustand als in der Heimat. 

Verbrechen gegen die Person sind im Sommer häufiger als 
im Winter. Die einen sagen: weil im Sommer mehr alkoholische 
Getränke konsumiert werden. Demgegenüber nimmt Professor Dexter 
den Standpunkt ein, daß die Lebensenergie im Sommer größer ist 
wie im Winter. 

Die Arretierungen wegen Trunkenheit sind, wenigstens in New 
York, nach Dexter im Sommer weniger häufig wie im - Winter. 
Dexter gibt auf S. 220 seines Buches die folgende Tabelle. 

Der Alkoholismas. 1906. \\ 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



162 


Dr. Paul Schenk. 


Arretierung wegen Trunksucht in den einzelnen Monaten. 



In einer zweiten Tabelle hat Dexter das Verhältnis der er¬ 
warteten und der eingetroffenen Arretierungen wegen Trunkenheit 
in Beziehung zur Temperatur dargestellt „Niedere Temperaturen 
schaffen der Polizei Arbeit, hohe vermindern sie.“ 

Dexter führt diese Erscheinung, wie gesagt, auf die größere 
Lebenskraft im Sommer zurück. Die guten Bekannten der Polizei 
kämpfen dann gegen ihre Neigung zum Trinken mit Erfolg an. 
Doch die kältere Zeit kommt, wo sie unterliegen. Sie trinken in 
der kalten Jahreszeit, um sich zu erwärmen und trinken zu diesem 
Zwecke vor allem stärkere Getränke. Im Sommer wird mehr Bier, 
im Winter mehr Whisky getrunken. 

Im Winter kommen die Alkoholisten mehr auf die Polizeiwache 
und in das Gefängnis, im Sommer mehr in die Krankenhäuser. 

Ich stehe in der Präge der Periodizität des organischen Ge¬ 
schehens, wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe 1 ), auf dem 

*) Deutsche Medizinal Zeitung 1905, Nr. 92. 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Periodizität der Trunksucht. 


163 


Beziehung der (erwarteten und eingetroffenen) Arretierungen wegen 
Trunkenheit zur Temperatur (nach Dexter, Weather influences S. 223). 



Standpunkt, daß die innere Periodizität unseres Organismus wich¬ 
tiger ist als die von äußeren Reizen abhängige. Gewiß bleiben 
Wind und Wetter, Prost und Hitze nicht ohne Einfluß auf den 
Menschen. Aber gerade diejenigen Individuen, welche ein Spiel 
von jedem Druck der Luft zu sein scheinen, beweisen m. E. am 
deutlichsten, daß auch sie wie ein jedes Staubatom dem gleichen 
großen Gesetz untertan sind, das oben im Sonnenlauf waltet und 
„verborgen im Ei reget den hüpfenden Punkt“. 




164 


Die Heilstätte ,,Waldfrieden 11 im Jahre 1905. 


Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905. 

Wiewohl bereits gelegentlich der Eröffnungsfeier der Er¬ 
weiterungsbauten, am 2. Juli 1905, über die Zwecke und Ziele der 
Heilstätte „Waldfrieden“ eingehend berichtet worden ist (veröffent¬ 
licht im „Alkoholismus“ Band II, Nr. 3), so erscheint es doch not¬ 
wendig, über das letztverflossene Jahr speziellere Mitteilungen zu 
machen. Es sei gleich vorweg bemerkt, daß das Jahr 1905 als ein 
abnormes bezeichnet werden muß; ungewöhnlich in seiner Aufnahme, 
üngewohnlich in seinem Betrieb und wie wir voraussetzen dürfen, 
auch ungewöhnlich in'seinen Ergebnissen. Es ist nicht so ganz ein¬ 
fach, eine Anstalt plötzlich um 120 Köpfe vermehrt zu sehen,, mit 
völlig neuem Personal neue Aufgaben zu lösen und dabei den 
Betrieb nicht nur zu erhalten, sondern auch noch zu fördern suchen. 
Wenn dies unter gewöhnlichen Verhältnissen manchmal schon auf 
nicht unwesentliche Schwierigkeiten stößt, so muß dies von einer 
Trinkerheilstätte besonders gelten, wenn sie —-man könnte sagen 
— um so viel unzufriedene Köpfe vermehrt wird. 

Was die Krankenbewegung anlangt, so handelte es sich am 
1. Januar 1905 um einen Bestand von 

32 Kranken; es wurden im Laufe des Jahres aufgenommen 
251 Patienten, so daß also 

283 Kranke verpflegt wurden. Hiervon kamen wieder zur Ent¬ 
lassung 137, mithin war am 31. Dezember 1905 ein Bestand von 
146 vorhanden. 

Nach den Berufen verteilen sich die Aufgenommenen wie folgt: 

3 Juristen, 1 Mediziner, 1 Theologe, 1 Lehrer, 1 Offizier, 
19 Beamte, 3 Techniker, 4 Apotheker, 3 Förster, 2 Rentner, 
2 Fabrikanten, 30 Kaufleute, 8 Landwirte, 3 Gärtner, 2 Buchdrucker, 
je 1 Photograph, Schriftsteller, Konditor, Uhrmacher, Töpfer, Hut¬ 
macher, Stellmacher, Maler, Gerber, Färber, Seemann, Koch, Müller, 
2 Bildhauer, 2 Heilgehilfen, 8 Schuhmacher, 2 Dachdecker, 
2 Zimmerleute, 5 Schlächter, 6 Schlosser, 5 Schneider, 9 Maurer, 
2 Kellner, 6 Händler, 12 Tischler, 3 Brauer, 3 Weber, 5 Restau¬ 
rateure, 2 Böttcher, 3 Musiker, 4 Bäcker, 74 Arbeiter. 

Es standen im Alter von 20—30 Jahre 12; 30—40 63; 40—50 
104; 50—60 51; 60—70 19; über 70 und über 80 Jahre war je 1. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905. 168 

Der jüngste Patient war 22 Jahre alt, dagegen zählte der Älteste- 
82 Jahre. 

Yon den 251 Aufgenommenen waren 224 evangelisch, 28 katho¬ 
lisch, 3 mosaisch. Es waren 158 Patienten verheiratet, 67 ledig, 
15 verwitwet, 7 geschieden und 4 lebten getrennt. 

Während 54 Kranke auf eigene Kosten verpflegt wurden, 
waren untergebracht auf Kosten der Landesversicherungsanstalt' 
Berlin 2; der Nordöstlichen Baugewerksberufsgenossenschaft 1; 
Lagereiberufsgenossenschaft 2; Ortskrankenkasse der Kaufleute und 
Apotheker 15; Betriebskrankenkasse der Allgemeinen Elektrizitäts¬ 
gesellschaft 3; Krankenkasse der Tischlerinnung 3; Neue Maschinen¬ 
bauer-Krankenkasse 2; Krankenkasse der Gärtner, Ortskrankenkasse 
für die Buchdruckergewerbe, Ortskrankenkasse der Bureauan¬ 
gestellten, Vereinigte Hilfskassen, Krankenkasse des Verbands 
deutscher Handlungsgehilfen, Ortskrankenkasse Mittenwalde, Orts¬ 
krankenkasse Lichtenberg, Betriebskrankenkasse H. Bachstein-Berlin, 
Betriebskrankenkasse A. Wertheim-Berlin, Zentralkrankenkasse der 
Zimmerer, Zentralkrankenkasse der Maurer, Ortskrankenkasse der 
Steindrucker und Lithographen je 1. Die Armendirektion Berlin 
hatte 5; Armendirektion Charlottenburg 4; Gemeinde Tasdorf 1; Ge¬ 
meinde Königs-Wusterhausen 1; Provinz Brandenburg hatte aus 
ihren Irrenanstalten 72, die Stadt Berlin aus ebensolchen 45 und 
die Provinz Sachsen 27 Kranke überwiesen. Dank der Jakob 
Plautschen Stiftung konnten im laufenden Jahre 2 Freistellen und 
eine Anzahl Unterstützungen gewährt werden. Die Unterstützungs-^ 
bedürftigkeit ist in außerordentlich vielen Fällen vorhanden; es 
werden unausgesetzt derartige Anfragen an uns gerichtet, und 
es ist zu bedauern, daß der uns von der Plautschen Stiftung 
dafür zur Verfügung gestellte Betrag von 8000 Mark nunmehr 
seinem Ende neigt und uns bisher ein Ersatz nicht geboten 
worden ist 

Mehr als die aufgenommenen interessieren naturgemäß die 
entlassenen Patienten. Von diesen 187 Entlassenen können für 
unsere kleine Statistik zunächst 29 nicht in Betracht kommen, da 
6 derselben wieder in die Irrenanstalt zurückgebracht werden 
mußten, aus denen sie gekommen waren, 28 aber aus der Heil¬ 
stätte entwichen. Es handelte sich bei diesen 29 Kranken durchweg 
um mehr oder weniger schwere kriminelle Fälle; einige zeichneten 
sich< durch besonders große Gewalttätigkeit aus, die meisten der Ent¬ 
wichenen waren wiederholentlich aus Irrenanstalten entwichen, und 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Digitized by 


166 Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905. 

zwar waren solche Entweichungen bei ein und derselben Person 
manchmal bis 12 mal vorgekommen. Es ist nicht recht verständ¬ 
lich, weshalb gerade solche Personen, die mehr zu den geistes¬ 
kranken Verbrechern als zu den heilbaren Alkoholkranken zählen, in 
unsere Heilstätte verlegt wurden; es muß dies ebenso auf irriger 
Auffassung des Veranlassers beruhen, wie die Verlegung von schwer 
Tuberkulösen in unsere Heilstätte, die ganz und gar nicht für solche 
Fälle errichtet worden ist Die Aufgaben, welche eine Trinkerheil¬ 
stätte hat, werden unsererseits jedenfalls etwas anders aufgefaßt; er¬ 
staunlich bleibt, daß uns dergleichen Material überhaupt geboten 
worden ist. — Hierdurch ist es uns aber von neuem klar geworden, 
daß das Verständnis für unsre Bestrebungen immer noch nicht 
genügend vorhanden ist, auch ist durch diese ersten Aufnahmen 
aufs neue bewiesen, daß es an geeigneten Anstalten fehlt, um eine 
Kategorie von Menschen unterzubringen, und zwar dauernd zu 
internieren, welche keinen Anspruch auf Heilung machen können, 
bei denen aber auch jeder Aufwand von Sentimentalität schlecht 
am Platze ist, und für die bis heute pflichtmäßig nicht gesorgt wird. 
Das Pflichtmäßige erblicke ich nicht darin, solche Defektmenschen, 
diese rohen, brutalen, in hohem Grade gemeingefährlichen Personen 
einfach hinter Schloß und Riegel zu halten, um sie äußerlich un¬ 
schädlich zu machen, im übrigen aber nichts anderes als Tagediebe 
zu verpflegen, die in ewiger Unzufriedenheit und voller Ansprüche 
drohend und schimpfend umhersitzen, ohne auch nur ein Glied für 
eine Beschäftigung rühren zu wollen. Diese D6s6quilibr6s gehören 
als gefährliche, unheilbare Individuen in eine besondere Anstalt, 
die auf der Stufe des Korrektionshauses steht, Zwangsarbeit, schärfste 
Disziplin, rücksichtsloses Einschreiten gegenüber solchen Individuen 
vorsieht, bei denen jedes menschliche Empfinden erstickt ist, die 
durch die rohesten egoistischen Triebe geleitet werden, denen über¬ 
haupt nichts mehr heilig ist. Daß eine Heilstätte wie die unsrige 
mit einem solchen Ballast nicht beschwert werden darf, muß jedem 
einleuchten, der sich auch nur einigermaßen mit unserer Frage be¬ 
schäftigt hat und sie zu fördern gewillt ist 

Nach diesen Ausführungen wird es leicht verständlich sein, 
daß bei den in „Waldfrieden“ getroffenen Maßnahmen, die auf eiu 
freies, offenes Heilverfahren sicherlich mehr hinzielen als auf ein 
Zuchthaussystem, Entweichungen und Rückverlegungen verhältnis¬ 
mäßig häufig waren; da darf man wohl behaupten, daß dies erste 
Jahr, wo die neuen Einrichtungen mit neuem Personal versehen 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905. 


167 


werden mußten, wo Kranke solcher Art in größeren Schüben auf 
einmal eintrafen, kein normales genannt werden darf. 

Außer diesen 29 Ausgeschiedenen bleiben nun 108 Entlassene 
für unsere Aufzeichnungen verwertbar. Hierunter waren nachweis¬ 
bar 42 erblich und zwar teilweise sehr schwer — von Vaters und 
Mutters Seite — belastet. Nicht bei all diesen Fällen ist in der 
Aszendenz Trunksucht festgestellt, sondern auch Geistes- und Nerven¬ 
krankheiten verschiedener Art gefunden. 

Bei diesen 108 Patienten wurde in 70 Fällen chronischer 
Alkoholismus konstatiert, 11 mal Dipsomanie angenommen, 6mal 
kam Delirium tremens vor, 10 Fälle von chronischem Alkoholismus 
mit Epilepsie, 8 Fälle von chronischem Alkoholismus mit (erheb¬ 
lichem) Schwachsinn und 3 Fälle von chronischem Alkoholismus 
mit Trauma wurden verzeichnet Von den chronischen Alkoholisten 
konnten 22 geheilt, 19 gebessert, 28 ungeheilt entlassen werden, 
bei den Dipsomanen ist das Verhältnis von 3:4:4; beim chro¬ 
nischen Alkoholismus mit Delirium 2:1:3 (es muß hierbei be¬ 
merkt werden, daß der Deliriumanfall als solcher zwar jedesmal 
gehoben, aber der chronische Alkoholismus nicht in allen Fällen 
beseitigt wurde), ähnlich sind die Verhältnisse bei dem Vor¬ 
kommen von Epilepsie, bei denen die Resultate 2:4:3 waren. 
Es mag auf den ersten Blick erstaunlich sein, wenn unter der 
Rubrik: chronischer Alkoholismus mit Schwachsinn: 2 Heilungen 
verzeichnet stehn, natürlich ist der Schwachsinn als solcher nicht 
geheilt worden, aber es ist bei beiden Kranken die Aussicht auf 
Heilung von ihrer Trunksucht bei ihrer Entlassung so groß gewesen, 
daß ihnen diese Prognose gestellt werden durfte. Alle Einzelheiten 
ergeben sich aus den nachstehenden Tabellen, welche die selbst¬ 
zahlenden Kranken von solchen sondern, die auf Kosten von Lan- 
desvereicherungsanstalten, Berufsgenossenschaften, Krankenkassen, 
Armenverbänden u. s. w. verpflegt waren. Daß I geheilt, n ge¬ 
bessert, IH ungeheilt bedeuten soll, ist ohne weiteres klar; indes 
sei hierbei noch des besonderen hervorgehoben, daß mit I nur 
d ann ein Entlassener bedacht worden ist, wenn er bei seinem 
Ausscheiden aus der Heilstätte durch sein Verhalten in derselben, 
durch seine geistige und körperliche Besserung, die Größe seiner 
Einsicht, die Stärke seines 'Willens dem Sachkundigen die nötigen 
Garantien dafür bot, daß er sich abstinent halten werde (das Wort 
„Heilung“ dürfte füglich ausgemerzt werden bis zu dem Zeitpunkte, 
wo die Unterlagen für die Trunksucht bei ihm durch jahrelange 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



168 


Die Heilstätte ^Waldfrieden“ im Jahre 1905, 



Q 

u 

-4-3 

• © 

Fh 

i 


© 

GO 

Cß 

d 

© 

Fh 



<x> 


© 


d 

6iO 

6p 

fl 

© 

43 

O 

c» 

15 

fl 

o 


-4-» 

o 

£ 

/—\ 

fl 

© 

co 

o 

Ci 

"3 


CM 

pq 

d 

cö 

a 

c 

CO 

rH 

© 

fA 

o 

• rH 
© 

-4-T 

cß 

-4J 

• pH 

(Ä 

43 

© 

© 

43 

• (-H 

•fH 

© 

jö 

d 

6iD 

'S 

© 

CZ5 

Fh 

43 

O 

d 

© 

d 

r-H 

a> 

d 

•fH 

© 

£ 

o 

> 

• pH 

c* 

F-i 

© 

o 

© 

d 

© 

*3 

d 

43 

o 

cö 

© 

d 

d 

© 

£ 

:0 

£ 

N 

4*1 



Digitized by Gougle 


Original from 

CORMELL UNIVERSITY 


«gesehen werden, während 12 (26,6°/ 0 ) erfolglos die Heilstätte wieder verließen. 















Von den 56 entlassenen Kranken, die auf Kosten von Landesversicherungsanstalten, Berufsgenossenschaften, 
Krankenkassen, Armen verbänden u. s. w. verpflegt wurden, litten an: 


Die Heilstätte „'W’aldfrieden“ im Jahre 1905 


169 




Digitized by Google 


Original from 

CORMELL UNIVERSITY 


13 (36,1 °/o) gebessert gelten, wogegen 12 (33,4°/ 0 ) ungeheilt entlassen werden mußten. 














170 


Die Heilstätte j,Waldfrieden“ im Jahre 1905. 


Enthaltsamkeit vollends geschwunden sind). Gebessert (II) sind 
sicher diejenigen, welche zwar nicht mit dem festen Vorsatz, nie 
mehr einen Tropfen geistiger Getränke zu sich zu nehmen, die 
Heilstätte verlassen, die sich aber außerhalb der Heilstätte so gut 
halten, daß sie trotz der nicht unbedingt eingehaltenen Abstinenz 
erwerbs- und leistungsfähig unter Umständen auf Jahre hinaus 
bleiben, nachdem sie sich in der Heilstätte meist tadellos geführt 
hatten. 

Acht Kranke waren wiederholt in die Heilstätte aufgenommen, 
davon einer zum 2. Mal in demselben Jahre; dieser Patient wurde 
zum 1. Mal nach 3 Monaten mit HI auf sein Verlangen entlassen, 
zum 2. Mal konnte ihm nach halbjährigem Aufenthalt trotz seiner 
Entmündigung mit gutem Gewissen II erteilt werden. Kommen 
Rückfälle vor, und in manchen Fällen sind sie unausbleiblich und 
mit positiver Sicherheit vorauszusagen, so ist es vorteilhaft, so schnell 
wie möglich in die Heilstätte zurückzukehren. Es wäre sehr un¬ 
richtig, einem Rückfälligen die Wiederaufnahme zu verweigern, 
sofern er sie selbst sucht; gerade diese Fälle erweisen sich häufig 
als die dankbarsten. Wenig Erfolg ist bei den Entmündigten zu 
erzielen, und zwar ganz einfach deshalb, weil die Entmündigung 
und damit die unfreiwillige Überweisung in eine Trinkerheilstätte 
meistens viel zu spät veranlaßt wird. Immerhin weist unsere 
Statistik für das Vorjahr einen Kranken auf, der nach einem Auf¬ 
enthalt von 11 Monaten eine so gute Prognose bot, daß man ihm 
eine I nicht vorenthalten konnte — Betreffender hat sich bis heute, 
ca. 1 Jahr nach seiner Entlassung durchaus gut (abstinent) gehalten —. 
Im ganzen handelte es sich bei den 108 Entlassenen um 9 ent¬ 
mündigte und 2 unter Pflegschaft gestellte Personen, wovon 2 ver¬ 
storben, 4 ungeheilt, 4 gebessert und 1 geheilt schienen. Die 
Entmündigung wegen Trunksucht kommt entschieden viel zu selten 
und wenn vorhanden, durchweg zu spät vor, das beeinträchtigt so 
lange die Heilbehandlung Alkoholkranker bis wir ein Trinkerfür¬ 
sorgegesetz besitzen, welches die Machtvollkommenheit vorsieht, ohne 
Entmündigung einen Alkoholkranken zwangsweise einer Heilstätte 
überweisen zu dürfen. 

Die gesetzgebenden Faktoren sind unbedingt über die tat¬ 
sächlichen Verhältnisse mehr aufzuklären, es ist ihnen die Not¬ 
wendigkeit zu beweisen, daß es so nicht weiter geht, daß die 
Unterlassung und das Hinhalten ungezählte Opfer kostet, ganze 
Familien ruiniert und den Nationalwohlstand auf das empfind- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Heilstätte „'Waidfrieden“ im Jahre 1905. 171 

lichste schädigt. Man stelle sich vor, wir hätten heute noch kein 
gesetzliches Mittel, einen Geisteskranken gegen seinen Willen in 
geeignete Fürsorge zu bringen — das würde doch Jedermann un¬ 
geheuerlich erscheinen, da wir uns längst daran gewöhnt haben, 
daß solche Individuen, welche eine Gefahr für die Außenwelt bilden, 
unschädlich gemacht werden müssen. Der Alkoholkranke nun aber 
ist vielfach um ein wesentliches für seine Umgebung schädigender 
und zwar aus dem einfachen Grunde, da er meist nicht als ein 
(geistig) Erkrankter, sondern als ein verworfenes Subjekt gilt, 
welches sehr wohl im stände ist, seine Interessen zu vertreten. 
Dabei sieht man mit offenen Augen zu, wie eine trunksüchtige Person 
an Leib und Seele immer mehr verfällt, wie sie sich und die Ihrigen 
vernachlässigt und die Gefahr nicht nur, sondern den Notstand 
selbst herbeiftihrt — und nichtsdestoweniger läßt man alles gehen, 
wie es geht Es müssen eben Mittel und Wege gefunden werden, 
die es gestatten, über den Kopf des Alkoholkranken hinweg zu 
operieren, ohne daß die schwerfällige Entmündigung eingeleitet und 
durchgeführt wird. Solange man zudem derartig abhängig von den 
Kranken ist, daß man sie — wenn sie nun glücklich in eine Heil¬ 
stätte eingetreten sind — jederzeit und gar häufig nach der kürzesten 
Frist ohne weiteres wieder entlassen muß, weil sie, die geistig nicht voll 
Zurechnungsfähigen, es verlangen, so kann man sich leicht die Frage 
beantworten, ob die Einleitung eines Heilverfahrens unter solchen 
Risiken noch wert hat Kam es doch vor, daß im vergangenen 
Jahr 3 Patienten ganze 4 Tage in der Heilstätte verblieben und, 
weil es ihnen aus irgend einem Grunde nicht paßte, einfach aus¬ 
traten. Nach den obigen Tabellen blieben von 108 Kranken 22 
nur bis zu 6 Wochen, d. h. der fünfte Teil, von dem ohne weiteres 
behauptet werden kann, daß das aufgewendete Geld so gut wie fort¬ 
geworfen ist! Weitere 13 waren nur 2 Monate, 25 nur 3 Monate 
daselbst u. s. f., so daß man geradezu staunen muß, wenn überhaupt 
noch Erfolge erzielt worden sind. Man nimmt in Fachkreisen an, 
daß 6 Monate das mindeste ist, was eine Entziehungskur benötigt, 
daß aber in den weitaus meisten Fällen dank der Chronizität der 
Erkrankung 1 Jahr und mehr wünschenswert erscheint Es läßt 
sich ohne weiteres der Satz aufstellen, daß eine lange Heilstätten¬ 
behandlung eine ungleich größere Gewähr für die Zukunft bietet 
als ein Aufenthalt von kurzer Dauer, und daß man unter 6 Mo¬ 
naten überhaupt nicht anfangen sollte zu rechnen. Natürlich 
liegen auch bei dem Alkoholismus nicht alle Fälle ; gleich,, ganz im 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Digitized by 


172 Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905. 

Gegenteil, es wäre nichts verkehrter als alles über einen Kamm 
scheren zu wollen, aber grundsätzlich müssen obige Forderungen 
gestellt werden. Es handelt sich in allen Fällen um eine Wieder¬ 
herstellung von geistigen und körperlichen Gebrechen, deren Ge¬ 
sundung eine mehr oder weniger lange Zeit erfordern. Dazu kommt 
aber die Erstarkung der Willenssphäre, die eine erhöhte psychische 
Leistungs- und Widerstandsfähigkeit bedingt. Abgesehen nun von 
solchen Patienten, welche zwangsweise untergebracht sind, sei es, 
daß sie entmündigt waren oder aber durch eine Irrenanstalt über¬ 
wiesen wurden, kommen die sogenannten freiwilligen Kranken in 
Betracht Unter diesen ist zu sondern zwischen den selbstzahlenden 
Kranken, für die meistens die Familienangehörigen eintreten, nach¬ 
dem sie selbst bereits genügend die Unfähigkeit bewiesen haben, 
wirtschaftlich mit dem Gelde umzugehen, und ferner solchen, für die 
eine Behörde oder Kasse eintritt Für den zu erzielenden Dauererfolg 
kommt nun sehr viel darauf an, wie die Angehörigen die ganze Sach¬ 
lage auffassen, wie sie selbst zur Alkoholfrage stehn, ob sie sich nur 
durch Augenblicksstimmungen haben verleiten lassen, nun mal 
endlich den widerwärtigen Szenen dadurch ein Ende zu bereiten, 
daß sie, eventuell unter Androhung der Entmündigung, den Kranken 
zum Eintritt in eine Heilstätte zu veranlassen vermochten, ob 
es die volle Einsicht in die Verhältnisse, die richtige Beurteilung 
der Zukunft ist, die es vernünftigerweise erfordert, Maßnahmen zu 
treffen, damit nicht auch noch der letzte Rest an sittlicher Kraft, 
an wirtschaftlichem Vermögen und damit jede Hoffnung geschwunden 
ist, noch einmal wieder zu geordneten Lebensverhältnissen zuge¬ 
langen. Da wo der volle Emst vorhanden ist, da wird auch die 
Behandlung in einer Art unterstützt, daß sie Aussicht auf Erfolg 
bietet; da läßt sich die Ehefrau nicht einfach bei dem Besuch in 
der Heilstätte oder auch durch Briefe von ihrem Manne betören, 
daß nun alles wieder gut geworden, alle Mißstände beseitigt seien, 
und nun alles anders werden werde, sondern es wird vorsichtig die 
Aussage des behandelnden Arztes in Erwägung gezogen und die 
Gründe für und wider die Entlassung genau auf ihren Gehalt ge¬ 
prüft Es kann übrigens nicht allein die (kurz vorübergehende) 
Behandlung des in Frage stehenden kranken Individuums ma߬ 
gebend sein, es müssen vielmehr für einen vollen Erfolg auch die 
Nebenumstände, die häuslichen, die Familienverhältnisse mit in 
Betracht, gezogen werden. Ja, die Behandlung der Familienange¬ 
hörigen ist in manchen Fällen wichtiger als die Behandlung des 


Gck igle 


Original ftom 

CORNELL UNiVERSITV 



Die Heilstätte „Waldfrieden“, im Jahre 1905. 


173 


Kranken selbst. Ein sehr nützliches Blättchen, die Angehörigen 
von Anstaltsinsassen zu unterrichten, ist von Lintorf aus vor ca. 
2 Jahren verbreitet geworden, welches den Anstaltsleitern zum Ge¬ 
brauch nur empfohlen werden kann. 

Krankenkassen und Armenverbänden, die Landesversicherungs¬ 
anstalten nicht zu vergessen, ist dringend zu empfehlen, die von 
ihnen auf ihre Kosten der Heilstätte zugewiesenen Kranken für die 
Zeit zu verpflichten, die erforderlich ist, um ihre Wiederherstellung 
zu sichern. Es hat absolut keinen Zweck, der Willkür der Patien¬ 
ten zum Opfer zu fallen, ihnen einen Kuraufenthalt zu bewilligen, 
von dem sie nach Gutdünken Gebrauch zu machen belieben und 
nach eigenem Ermessen sich entfernen, sobald es ihnen paßt. 
Das Geld ist alsdann in den meisten Fällen fortgeworfen, und es 
wird deshalb den beteiligten Behörden und in Frage kommenden 
Kassen dringend geraten, sich nach dieser Richtung vorzusehen. 
Verschiedene Fälle des vergangenen Jahres geben wieder berech¬ 
tigten Anlaß, dies zu empfehlen — es mag auch hier der be¬ 
sondere Hinweis auf den § 47 des Invalidenversicherungsgesetzes, 
welcher vorsieht, daß, sofern sich der Rentenempfänger dem ihm 
verordneten Heilverfahren entzieht, ihm die Rente auf Zeit ganz 
oder teilweise vorenthalten werden kann, gestattet sein —. Gewiß 
ist es weder den Landesversicherungsanstalten noch den Kranken¬ 
kassen sowie den Armenverwaltungen zu verdenken, wenn sie der 
Heilstättenbehandlung trunksüchtiger Personen im allgemeinen 
nicht sehr geneigt sind, mindestens ihr skeptisch gegenüber stehn; 
der Grund dafür ist nicht zum wenigsten darin zü suchen, daß die 
Erfolge nicht immer solche sind, wie man vorausgesetzt hatte, und 
dies liegt durchweg an den eben angeführten Zuständen: in der 
zu späten und zu kurzen Unterbringung. Es kann nicht verhehlt 
werden, daß das Interesse für unsere Bestrebungen längst noch nicht 
-zum Allgemeingut geworden ist — zaghaft, mißtrauisch, nicht ohne 
Vorurteil sieht man die ganze Frage an und betrachtet sie immer noch 
als eine gewisse Marotte —. Leider sind auch die Vertrauensärzte 
von Behörden, Kassen u. s. w. nicht immer genügend unterrichtet, 
es würde sonst gar nicht verständlich sein, wie so es kommt, daß 
Anträge zur Aufnahme von Alkoholkranken abgelehnt werden, die 
ihit Unterstützung sachverständiger Ärzte gestellt worden sind. 
Es sind mir auch im letzten Jahre wieder Fälle bekannt geworden, 
die rundweg von Landesversicherungsanstalten abgelehnt wurden, 
obgleich sie sich sehr wohl für ein Heilverfahren eigneten, uud 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



174 


Die Heilstätte „"Waldfrieden“ im Jahre 1905. 


Digitized by 


die Betroffenen selbst sogar darum dringend ersuchten. Einen 
kleinen Beweis hierfür erbringt die obige Zahlenreihe der Auf¬ 
genommenen, die Landesversicherungsanstalt Berlin ist zweimal, 
die Landesversicherungsanstalt Brandenburg gar nicht vertreten; 
dagegen haben sich die Krankenkassen erfreulicherweise recht gut 
beteiligt, wenn auch nicht immer mit der nötigen Ausdauer und 
dem erwünschten Erfolge. Auch haben die Armenverbände mit 
verhältnismäßig wenig Kranken im verflossenen Jahre die Heil¬ 
stätte bedacht; man scheut die Auslagen und übersieht die Vorteile, 
die ein rechtzeitiges Einschreiten mit sich bringt. — Die Regierungs¬ 
präsidenten der Provinz Brandenburg: Frankfurt und Potsdam: 
haben auf unsere Anregung dankenswerterweise die Landräte, 
Ortsvorstände u. s. w. in einem Runderlaß darauf hingewiesen, wie 
vorteilhaft es ist, durch rechtzeitiges Unterbringen trunksüchtiger 
Personen vorbeugende Armenpflege zu üben; manchmal haben die 
Gemeindebehörden hiervon Gebrauch gemacht, zuweilen unter Mit¬ 
hilfe des Herrn Landesdirektors der Provinz Brandenburg, welcher 
unsere Bestrebungen stets in besonderem Maße zu fördern sich 
bereit gezeigt hat, was wir gern bei jeder Gelegenheit rückhaltlos 
zum Ausdruck bringen. Der Provinz Brandenburg verdanken 
wir nicht nur eine größere Anzahl Kranker — im Jahre 1905 wurden 
uns von ihr 72 überwiesen —, sondern es ist uns auch ein Kapital 
von nunmehr 200000 Mark zu billigem Zins zur Verfügung gestellt, 
nachdem die Landesversicherungsanstalt Berlin uns bereits vor 
6 Jahren 70000 Mark zu 3% darlehnsweise überlassen hatte. Auch 
seitens der Reichshauptstadt sind wir mit Unterstützungen mehr¬ 
fach bedacht; abgesehen von obigem Darlehn wurden uns im letzten 
Jahre im ganzen 50 Krank e auf städtische Kosten zugewiesen, sodann 
ist uns eine geldliche Beihilfe von 1000 Mark wiederum gewährt 
worden, was wir mit großem Dank verzeichnen. Endlich hat aber 
auch die Provinz Sachsen — und das möchten wir nicht unter¬ 
lassen hervorzuheben — uns von Anfang an ihr besonderes Inter¬ 
esse zugewandt; sie hat es dadurch betätigt, daß sie uns 27 Kranke 
überwies, uns aber insbesondere auch ihre ideelle Unterstützung 
gewährte und unsere Bestrebungen voll und ganz anerkannte. 1 ) 

•) Bei Drucklegung dieses wird uns von dem Herrn Landeshauptmann der 
Provinz Sachsen die sehr erfreuliche Mitteilung, daß der Provinzialausschuß uns 
eine Beihilfe von 1000 Mark für das vergangene Jahr bewilligt hat — wir 
dürfen auch an dieser Stelle unsern herzlichen Dank für diesen neuen Beweis 
des "Wohlwollens und der Anerkennung unserer Arbeit aussprechen. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905. 175 

Auch im verflossenen Jahre ist das Prinzip der Arbeit fest¬ 
gehalten und nach Möglichkeit durchgeführt worden; es versteht 
sich dabei ganz von selbst, daß keine Prinzipien geritten werden, 
sondern daß durchaus individualisiert wird. Dies gegenüber den 
neuerlich laut werdenden Stimmen, die die Beschäftigungstherapie 
einen Grad tiefer zu hängen versuchen und offenbar gar nicht 
bedenken, welche Wohltaten man den Kranken an Leib und Seele 
dadurch gewährt. Es ist von mir stets darauf hingewiesen worden, 
daß man besonders zu Beginn der Kur vorsichtig vorgehen muß, 
daß ganz allmählich erst zu schwererer Muskelarbeit übergegangen 
werden darf, daß sie aber dann, gleichmäßig verteilt, durchweg von 
hohem Nutzen ist Schwer ist’s aber, das soll nicht geleugnet 
werden, sowohl die Beschäftigung richtig anzuordnen als auch 
durchzuführen, das ist längst nicht jedermanns Sache und manchem 
Anstaltsleiter durchaus unbequem, es mag ihm der Mut dabei 
schnell sinken, wenn er die Widerharigkeiten der Drückeberger 
immer von neuem zu bekämpfen hat Yor allem darf man sich aber 
nicht unbedingt auf die Arbeitskraft des einzelnen verlassen wollen, 
um eine Arbeit fertig zu bekommen, man wird vielmehr für so reichliche 
Mithelfer zu sorgen haben, daß man z. B. bei Feld- und Garten¬ 
arbeit, die zu Zeiten keinen Aufschub erleidet, auch ohne Patienten 
fertig werden kann. Man wird sich nicht erkühnen dürfen, die 
Arbeitskraft vollgültig anzuschlagen und darauf seine Rechnung zu 
machen. Es muß anerkannt werden, daß manches in unserer 
Heilstätte zur Verschönerung und Verbesserung mit Hilfe und 
durch großen Eifer manches Patienten geschaffen worden ist, und 
wir stehn nicht an, diese Anerkennung allemal offen zu bekunden. 
Gewöhnlich wird nach jeder besonderen Leistung auch besonderes 
geboten, sei es, daß gemeinsame Ausflüge gemacht, sei es, daß 
Feste innerhalb des Heilstättengebietes selbst veranstaltet werden. 
Zur Unterhaltung der Insassen dienen ferner eine kleine Haus¬ 
kapelle, ein Männerchor, Billard, Kegelbahnen u. dergL, sowie kleine 
Aufführungen, Vortrags- und Unterhaltungsabende verschiedener 
Art. Es wird eben darauf hingezielt, die Unlustgefühle möglichst 
zu bekämpfen und eine gute Stimmung und Fröhlichkeit bei den 
Patienten zu erhalten. 

Wenn wir das Prinzip der Selbsterhaltung im ersten Jahre des 
erweiterten Betriebes noch nicht durchführen konnten, so nimmt 
das am Ende nicht wunder, wir hoffen aber, und darauf ist unaus¬ 
gesetzt unser Augenmerk gerichtet, daß wir uns demnächst voll- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



176 


Die Heilstätte „Waldfrieden“ im Jahre 1905. 


Digitized by 


ständig unabhängig machen und alle etwaigen Zuschüsse und Bei¬ 
hilfen zu Gunsten unserer Pfleglinge verwerten können. 

In dem Bewußtsein, nicht vergeblich gearbeitet und gesorgt 
zu haben, durften wir von dem alten Jahre Abschied nehmen; 
wenn es uns nicht vergönnt war, alle unsere Wünsche und Hoff¬ 
nungen, welche wir darauf gesetzt, erfüllt zu sehen, so können 
und wollen wir doch mit dem, was erzielt worden ist, nicht un¬ 
zufrieden sein. Wir sind überzeugt — und diese Zuversicht stützt 
uns für die späteren Maßnahmen, die wir zu treffen gewillt sind —, 
daß unsere Bewegung eine fortschreitende ist, daß wir erst am An¬ 
fang dessen stehn, was erreicht werden kann und muß, und wenn 
uns nicht alle Zeichen trügen, so ist der eingeschlagene Weg der 
richtige, was die Zukunft allein zu beweisen im stände sein wird. 

Dr. Waldschmidt 


Die Heilstätte „Waldfrieden“ bei Fürstenwalde ä. d. Spree 
ist Eigentum des Bezirksvereins gegen den Mißbrauch geistiger Ge¬ 
tränke Berlin und Umgegend (eingetragener Verein). Sie unter¬ 
steht einem 

Verwaltungs-Ausschuß bestehend aus den Herren: Geh. Med.- 
Rat Dr. Sander, Direktor der städt Irrenanstalt Dalldorf (Vor¬ 
sitzender, Ingenieur Quitmann (Kassenführer), Stadtrat Dr. Wald- 
schmidt (Schriftführer, bevollmächtigter Vertreter des Verwaltungs- 
Ausschusses), Landesrat Gerhardt, Generalsekretär Gonser, Ver¬ 
waltungs-Direktor Gorella, Professor Dr. Grawitz, Sanitätsrat Dr. 
Laehr, Dr. med. Oestreicher, Pastor Scheffen, Dr. med. Weg¬ 
scheider (Beisitzer). 

Die Direktion der Heilstätte liegt in den Händen des Dr. 
med. Kapff, als zweiter Arzt ist Dr. med. Siemsen tätig — beide 
Herren sind (abstinente) Psychiater und wohnen in der Heilstätte. 

Zur Besorgung der wirtschaftlichen Verhältnisse sind uns 
2 Schwestern vom ev. Diakonieverein überlassen, ihnen stehen 
4 Dienstmädchen zur Seite. 

Für die Verwaltung ist ein Verwalter angestellt, welcher 
mit einem Bureaugehilfen das Rechnungswesen, im übrigen die 
Landwirtschaft zu besorgen hat, hierzu dienen außer einem Schweizer 
(für den Kuhstall), 1 Knecht und 2 Gehilfen. Für die Gärtnerei 
ist ein Gärtner vorhanden, dem stets eine Anzahl Patienten zuge¬ 
ordnet sind. Außerdem verfügt die Heilstätte über einen Maschinisten, 
einen Oberpfleger und 18 Pfleger. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



177 


IL Mitteilungen, 

Die vom Zentralverband zur Bekämpfung des Alkoholismus (Berlin) veranstalteten 
wissenschaftlichen Kurse in der Universität Berlin waren außerordentlich gut 
besucht. An einigen Tagen vermochte das geräumige Baracken-Auditorium die 
Teilnehmer kaum zu fassen. 

Von den Vortragenden sind nachstehende Leitsätze aufgestellt; die Vorträge 
selbst werden voraussichtlich wie im Voijahr bei Teubner-Leipzig erscheinen. 

Alkohol als Nahrungsmittel. 

Leitsätze von Dr. med. et phil. R. 0. Neumann, Privatdozent der Hygiene an 

der Universität in Heidelberg. 

1. Die Frage nach dem Nährwert des Alkohols ist einer der allerwichtigsten 
Punkte bei der Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs, weil ohne sichere Beant¬ 
wortung dieser Frage allen vagen Vorstellungen und Behauptungen und sensatio¬ 
nellen Aufbauschungen Tür und Tor geöffnet ist. 

2. Ob der Alkohol ein Nahrungsmittel ist, läßt sich nicht entscheiden durch 
einfache Überlegung oder empirische Beobachtungen, sondern auf Grund wissen¬ 
schaftlicher Versuche am Menschen. 

3. Dazu gehören Experimente über die -Verbrennung des Alkohols im 

Organismus, über dessen entfaltete Spannkräfte, resp. dessen Ersatzfähigkeit für 
andere stickstoffreine Nahrungsstoffe, wie Fett und Kohlenhydrate, und über die 
Beeinflussung des Eiweißumsatzes im Stoffwechselversuch. # 

4. Die bisherigen Anschauungen über den Wert des Alkohols als Nahrungs¬ 
mittel waren zum Teil ganz imsicher und sich vollständig widersprechend. Es 
wurde sowohl im bejahenden wie im negativen Sinne entschieden. 

Bei einem großen Teil des Publikums und auch bei vielen Ärzten galt und 
gilt der Alkohol noch als Nähr-, Stärkungs- und Kräftigungsmittel. 

5. Die wichtigste Entscheidung in der Frage haben die Stickstoffwechsel¬ 
versuche am Menschen gebracht. 

6. Es ist jetzt sicher festgestellt, daß der Alkohol bis zu ca. 98 °/ 0 im 
Organismus verbrannt wird, daß er für Fett und Kohlenhydrate eintreten kann 
und daß er Eiweiß sparend wirkt Er ist also physiologisch als Nahrungsmittel 
anzusehen. 

7. Für die Praxis ist er dagegen nicht als Nahrungsmittel zu empfehlen, 
weil er schädigend auf die Funktionen des Organismus und der einzelnen Organe 
wirkt und weil er ein viel zu teures Nahrungsmittel ist. 

Alkohol und Jugend. 

Leitsätze von Professor Dr. Arthur Hartmann-Berlin. 

1. Durch die in Schulen vorgenommenen statistischen Erhebungen Vrnrde 
festgestellt, daß ein großer Teil der Kinder täglich alkoholische Getränke erhält. 

2. Durch diese Erhebungen wurde weiter festgestellt, daß diese Kinder be¬ 
trächtlich schlechtere Leistungen aufweisen als die Kinder, welche keine alkoholi¬ 
schen Getränke erhalten. 

Der Alkoholismus. 1906. 12 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



178 


Mitteilungen. 


Digitized by 


3. Durch den regelmäßigen Genuß alkoholischer Getränke wird die Auf¬ 
merksamkeit, die Denkfähigkeit und das Gedächtnis der Kinder geschwächt. 
Außerdem können sonstige Störungen der Himtätigkeit und allgemeine Ernährungs¬ 
störungen verursacht werden, 

4. Alkoholische Getränke dürfen Kindern nicht gegeben werden einerseits 
um Schädigungen zu verhindern, andererseits um die Kinder nicht an alkoholische 
Getränke zu gewöhnen. 

5. Mindestens ein Drittel der öffentlichen Armenlasten wird durch den 
Alkohol verursacht. Das sicherste Mittel, um die Zahl der Insassen der Kranken¬ 
häuser, der Irrenanstalten, Versorgungsanstalten, Waisenhäuser, sowie der Ge¬ 
fängnisse zu vermindern, ist die Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs. 

6. Durch die Bekämpfung kann verhindert werden, daß in kräftigstem 
Mannesalter stehende Männer dahin gerafft werden oder in Siechtum verfallen 
und daß eine Unmenge von Familien in Unglück und Elend gerät. 

7. Die Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs muß bestehen in Bereitstellung 
von Ersatzgetränken und in Belehrung über die schädliche Wirkung des Alkohols. 

8. Die besten Ersatzgetränke sind Miloh, Kakao, kohlensäurehaltiges Wasser, 
Limonaden. 

9. Die Belehrung erfolgt am besten durch die Ärzte bei der Beratung der 
Kranken und der Familien, durch die Schulärzte bei der Beratung der Eltern 
über den Gesundheitszustand ihrer Kinder, durch die Krankenkassen- und 
Krankenhausärzte bei der Behandlung der ihrer Obhut anvertrauten Kinder, 
sodann durch die Lehrer. Für den Unterricht über die Schädigungen, welche 
durch den Alkohol verursacht werden, müssen besondere Unterrichtsstunden fest- 
gösetzt werden. 

# Alkohol und Jugend. 

Leitsätze von Dr. Bergemann-Striegau. 

1. Der Kampf gegen den Alkohol, geboten durch die ungeheuren Schädigungen, 
welche der Alkoholismus in gesundheitlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Hin¬ 
sicht nach sich zieht, kann wahrhaft erfolgreich nur dann ausgeführt werden, 
wenn damit bereits bei der Jugenderziehung begonnen wird. 

2. Das hervorragendste Mittel, welches die im Dienste der Antialkohol¬ 
bewegung. stehenden Jugenderziehung zur Verfügung hat, ist die Gewöhnung an 
Enthaltsamkeit. 

3. Unterstützend muß bei dieser Gewöhnung an Enthaltsamkeit, welche 
vorzugsweise Sache der häuslichen oder Familienerziehung ist, mitwirken das 
Beispiel der Erzieher, das vorgelebte Musterbild. 

4. Ein anderes Mittel, wenngleich ein solches von sekundärem Werte, ist 
die Belehrung, welche namentlich der Schule überlassen werden muß, wobei jedoch 
alle Schularten in Betracht zu ziehen sind: von der einfachsten Dorfschule bis 
hinauf zur Universität, Knaben- und Mädchenschulen, niedere, mittlere und 
höhere Fortbildungs- und Fachschulen, unter diesen im besonderen die Lehrer¬ 
und Lehrerinnenseminare. 

5. Die entsprechenden Belehrungen sind am besten drei Unterrichtsfächern 
einzugliedern, welche als selbständige Schuldisziplinen schon längst gefordert 
werden und immer von neuem gefordert werden müssen, nämlich der GesUnd- 
heitslehre, dem gesellschaftskundlichen und dem Moralunterrichte. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


i?d 

6. Durch eine rationelle Körperpflege, in deren Dienste Bewegungsspiele, 
Sport und Gymnastik stehen, ist eine Stärkung und Kräftigung des Selbstbewußt- 
seins zu erzielen, so daß aus soloh passendem Selbstbewußtsein heraus die Kinder 
später im stände sind, unbekümmert von Spott und Neckerei auf dem Wege der 
Enthaltsamkeit fortzuschreiten. 

7. Die Gründung von Kinderenthaltsamkeitsvereinen, in denen sowohl 
Knaben als auch Mädchen aufgenommen werden, ist nach Kräften zu begünstigen 
und zu fördern. 

8. Nach Möglichkeit ist dafür Sorge zu tragen, daß die Zahl der enthalt-* 
samen Erzieher in Haus und Schule beständig wachse, und daß das gesamte 
soziale Milieu allmählich eine Umgestaltung im Sinne der gegen den Alkohol¬ 
mißbrauch gerichteten Bestrebungen erfahre. Das hierbei in Betracht kommende 
Mittel ist allgemeine Volksaufklärung durch Wort und Schrift, nämlich durch 
Einzelvorträge, Vortragsgruppen und -reihen, Referate und Diskussionen bei 
Elternabenden und häufig wiederkehrende Artikel sachkundiger Männer und Frauen 
in der Tagespresse. 


Alkohol und Seelenleben. 

Leitsätze von Professor Aschaffenburg-Köln. 

1. Der Alkohol beeinflußt das Seelenleben durchweg ungünstig mit Aus¬ 
nahme vielleicht der Lösung innerer Verstimmungen und Spannungen; doch ist 
er auch für solche Zustände durchaus nicht unersätzlich. 

2. Wie die experimentellen Untersuchungen lehren, wird durch den Alkohol 
die Auffassungsfähigkeit verschlechtert, die Verarbeitung der gewonnenen Ein¬ 
drücke wird oberflächlicher, der Zusammenhang des Denkens wird gelockert. 

8. Diese Wirkung zeigt sich schon bei ganz kleinen Mengen, bei größeren 
ist die Schädigung der Leistungsfähigkeit für bestimmte geistige Tätigkeiten noch am 
nächsten Tage nachweisbar. Nicht die Zusätze von aromatischen Substanzen u. s. w., 
sondern die Konzentration des Alkohols ist für die Wirkung der Getränke ent¬ 
scheidend. 

4. Auch für die künstlerische Produktion ist der Alkoholgenuß nicht err 
forderlich; er hat sogar nicht selten die künstlerische Befähigung vernichtet. 

5. Der dauernde Genuß alkoholischer Getränke ist eine unversiegbare Quelle 
von Irrsinn, Nervenkrankheiten, Epilepsie, Selbstmord und Verbrechen. 

6. Die Entartung trifft nicht nur den Trinkenden selbst, sondern auch die 
Nachkommenschaft. 


Alkohol und Arbeiterversioherung. 

Leitsätze zu der Vorlesung von Regierungsrat Dr. Wey mann. 

(18. April 1606, abends 8—10 Uhr.) 

1. Der durchschnittliche Verbrauch alkoholischer Getränke überschreitet in 
Deutschland die Grenze der Mäßigkeit. 

2. Der nicht mäßige Alkoholverbrauch verkürzt erheblich die Lebensdauer, 
ruft häufig innere Leiden hervor, begünstigt die Entstehung, Dauer und Schwere 
anderer Leiden und erschwert ihre Heilung, steigert die Unfallbäufigkeit und 
die Schwere der Unfallfolgen, erzeugt eine geschwächte und belastete Nach¬ 
kommenschaft. 

12* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



180 


Mitteilungen. 


3. Er erhöht dadurch die finanzielle Belastung aller Zweige der Arbeiter¬ 
versicherung um viele Millionen, 

4. Er hemmt gleichzeitig die soziale Wirkung der Arbeiterversicherung. 

5. Die Organe der Arbeiterversicherung sollten deshalb die Bekämpfung des 
Alkohol mißbrauchs mit den ihnen nach dem Gesetz zur Verfügung stehenden 
Mitteln als ihre dringliche Aufgabe betrachten. 

6. Die der Entstehung der Trunksucht vorbeugenden Mittel sind die wich¬ 
tigsten: vor allem Belehrung im größten Maßstabe, Gewinnung der Jugend, Um¬ 
gestaltung der Volksanschauungen über den Wert des Alkohols und der Trinksitten. 

Einrichtungen und Veranstaltungen im Kampfe gegen den 

Alkoholismus. 

Leitsätze von Dr. med. Laquer-Wiesbaden. 

1. Neben der Aufklärung in Wort und Schrift, neben den Wegen der 
Gesetzgebung und Verwaltung, der Schule und der Kirche hat die werktätige 
Bekämpfung des Alkoholismus den gleichwertigen Platz; dieselbe soll Einrich¬ 
tungen schaffen, die vorbildlich und anschaulich die Überwertigkeit des mäßigen 
Alkoholgenusses und für bestimmte Fälle die der Enthaltsamkeit zeigen und die 
Hauptquellen des Alkoholmißbrauches beseitigen. 

2. In dieser Hinsicht kommen fast alle vom Alkohol ablenkenden Wege der 
sozialen Fürsorge mit in Betracht: Herbergen und Ledigenheime, Volks- und 
Gewerkschaftshäuser sollen entweder alkoholfrei geführt werden oder sehr billige 
Ersatzgetränke (im Sommer frisch bereitete Limonaden, im Winter Tee oder 
Kaffee) darbieten; jede Hebung der Volksgeselligkeit und Volksgesundheit (Sport, 
Leibesübungen, öffentliche Bäder), alle Erziehung zu idealeren Genüssen, Volks¬ 
hochschulen, Volkskonzerte u. dgl. bekämpfen mittelbar den Alkoholgenuß, lenken 
vom Wirtshaus und vom Trunk zu Hause ab. 

3. Das Wirtshaus, welches bei uns viel zu sehr den Mittelpunkt des geselligen 
Lebens aller Schichten bildet, bedarf der Reform; die Inhaber der bestehenden 
Gasthäuser müssen angehalten werden, billige alkoholfreie Ersatzgetränke (s. o.) 
zu führen; gemeinnützige Gesellschaften sollen nach skandinavischem und eng¬ 
lischem Vorbild die neu entstehenden Schank-Gerechtsame, besonders auf dem 
Lande (Gemeindewirtshaus) und in Arbeitervierteln, erwerben und unter Aus¬ 
schaltung des Nutzens an geistigen Getränken den Charakter der Wirtshäuser als 
einer Erholungsstätte besser als bisher zu wahren suchen. Welche Erträgnisse 
die schwedischen und englischen Stadtverwaltungen, abgesehen von der Ent¬ 
lastung ihres Armenhaushalts, aus diesen Einrichtungen ziehen, und wie sie die¬ 
selben verwenden, belegt Vortragender mit Zahlen. 

4. Nach Züricher Muster (Frauenverein für Volkswohl und Mäßigkeit) sollen 
unter Leitung von Frauen in Großstädten Speisehäuser für männliche und weib¬ 
liche Angestellte der alkoholfreien Volksemährung im großen Stil dienstbar ge¬ 
macht werden. Die bestehenden Kaffeehallen sollen sich in alkoholfreie Volks¬ 
kantinen umwandeln. 

5. Die Arbeitgeber sollen auch fernerhin (vgl. die Erlasse des Eisenbahn¬ 
ministers, die Berichte der preußischen Gewerbeinspektion und die Erfolge der 
Hamburg-Amerika-Linie) dem Kampf gegen den Alkohol das weitgehendste 
Interesse entgegenbringen; Vortragender verweist auf die letzten Aufsätze im 
„Reichsarbeitsblatt u und auf den Vortrag von Regierungsrat Dr, Weymann- 


Di gitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilangen. 


181 


Berlin „Alkohol und Arbeiterversicherung 1 * (Mäßigkeits-Verlag, Berlin). Die 
staatlichen Kanalämter sind berufen, in dieser Hinsicht Musteranstalten zu 
schaffen. (S. Pastor Dr. Küßners Referat im gleichen Verlag.) 

6. Den größten Fortschritt unserer Bestrebungen wird eine durchgreifende 
Wohnungsreform bringen. 

Die Wirkungen des Alkohols auf die inneren Organe. 

Leitsätze von Dr. med. Liebe, Waldhof-Elgershausen. 

1. Die Wirkung des Alkohols auf die inneren Organe des einzelnen Menschen 
ist scheinbar ein weniger wichtiger Teil der Alkoholfrage. Bei klarer Überlegung 
aber ergibt es sich, daß doch die Wirkung auf den einzelnen Menschen die 
Grundlage für alles soziale Elend des Alkoholismus bildet Deshalb ist eine 
genaue Kenntnis dieser Fragen im Volke zu wünschen und zu erwarten. 

2. Der in den Körper eingeführte Alkohol muß schädlich wirken, da er ein 
Protoplasmagift ist. Er greift daher bei allen Lebewesen, Pflanzen, Tieren und 
Menschen, die feinsten Körperbestandteile an, schädigt oder tötet sogar die Haupt¬ 
lebenselemente im Protoplasma. 

3. In den einzelnen Organen ruft er eine Menge von Krankheitserscheinungen 
hervor: im Rachen, in den oberen Luftwegen, im Magen und Darm, in der Leber, 
den Nieren, im Herz und in den Gefäßen, im Nervensystem, in den Muskeln 
und Sinnesorganen, in den Fortpflanzungsorganen. Daraus ergeben sich große 
Schädigungen des Einzelwesens wie der Gesamtheit. 

4. Die Eigenschaft des Alkohols als Gift bewirkt aber auch, daß der Körper 
als Ganzes geschwächt und für Infektionen, besonders Tuberkulose, zugäng¬ 
licher wird. 

5. Die Schwächung des Körpers durch Krankheiten und Infektionen ist die 
Ursache größerer Lebensschwäche bei den Alkohol trinkenden Personen und daher 
wieder größerer Sterblichkeit, wie durch zahlreiche Statistiken einwandfrei fest¬ 
gestellt worden ist 

6. Das genaue Studium der anatomischen und physiologischen Alkohol¬ 
wirkungen auf den einzelnen Menschen muß zweifellos den Blick auch für die 
soziale Bedeutung der Alkoholfrage öffnen. 

Alkohol und Rassenhygiene. 

Leitsätze von Dr. med. Alfred Ploetz. 

Das Leben einer Rasse erhält sich durch die Erhaltung der Zahl und der 
Leistungen ihrer Individuen, und diese durch die Erhaltung und eventuelle Ver¬ 
vollkommnung ihrer erblichen Eigenschaften. 

Innerhalb einer Rasse hat ein Alkohol-Konsum, bei dem alle individuellen 
Grade gleichzeitig vertreten sind, die Tendenz, die Geburtenziffer in einem geringen 
Maße herabzusetzen und die Sterbeziffer in einem höheren Maße zu steigern, 
also die Geburten-Überschüsse zu vermindern. 

Er bewirkt eine Vermehrung der inneren Reibung im Lebensprozeß der 
Rasse, die sich zeigt in Verminderung der Arbeitsleistung, in Vermehrung der 
Verbrechen, der geistigen und körperlichen Krankheiten, der Unfälle, der früh¬ 
zeitigen Invalidität u. s. w. 

Er schädigt durch alle diese Momente die Spannkraft der Rasse nach außen 
im Kampf ums Dasein mit anderen Rassen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



182 


Mitteilungen. 


Die Erhaltung und Vervollkommnung der erblichen Anlagen hängt ab von 
den günstigen oder ungünstigen Verhältnissen der Vererbung und Abänderung bei 
den Nachkommen, sowie von dem Betrage und der Richtung der ausmerzenden 
Elimination, die durch die Einflüsse der Umgebung auf die Nachkommen unter 
ihnen in Bezug auf ihr Leben und ihre Fortpflanzung Platz greift. 

Der Alkohol scheidet einen verhältnismäßig kleinen Teil der Individuen 
aus ohne Rücksicht auf die Qualität ihrer Anlagen: wahllose Elimination, die stets 
eine unnötige Belastung des Rassenprozesses bedeutet. Er eliminiert einen bei 
weitem größeren Teil ‘auf Grund von Anlagen, die verschieden sind von den An¬ 
lagen der verschonten Individuen: selektorische Elimination. Diese Verschieden¬ 
heiten der Anlagen der Ausgemerzten bestehen hauptsächlich in einem stärkeren 
Verlangen nach Berauschungs-Mitteln, speziell Alkohol, in schwächeren geistigen 
Hemmungen gegen die Aufnahme schädlicher Mengen davon und in schwächeren 
körperlichen Regulationen gegen die Wirkungen des aufgenommenen Quantums. 
— Die Ausjätung erfolgt oft erst mit Hilfe anderer Schädlichkeiten und im Laufe 
mehrerer Generationen. 

Die Ausjätung durch den Alkohol führt zur Auslese von Körpern, die stärkere 
Schutzvorrichtungen gegen die stofflichen Wirkungen des Alkohols besitzen, und 
von Geistern, die weniger Sucht nach Berauschungsmitteln, speziell Alkohol, haben 
und über stärkere Hemmungen verfügen. 

Dieser Auslese arbeitet aber entgegen der ungünstige Einfluß, den der 
Alkohol auf Vererbung und Variabilität ausübt. Ganz mäßiger Genuß beeinflußt 
nicht nachweislich oder erschließbar die Qualität der Nachkommen. Aber da un¬ 
mäßiger Genuß ausgesprochen entartend wirkt, muß trotz mangelhafter Beobach¬ 
tungen über die Wirkung mittelmäßigen Genusses bei ihm auf einen, wiewohl 
geringeren, degenerierenden Einfluß geschlossen werden, wenn er vielleicht oft 
auch nur regenerative oder progressive Variations*Tendenzen hemmt. — Es ist 
ferner nicht von der Hand zu weisen, daß in den ärmeren Klassen der Alkohol 
indirekt dadurch zur Entartung der Nachkommen beitragen kann, daß er durch 
Beschlagnahme eines Teils des Budgets die ausreichende Ernährung der .Eltern 
in Frage stellt. 

Da die stark entarteten Nachkommen der Säufer früher oder später doch 
eliminiert werden, so hat auf die Dauer der mittelmäßige individuelle Alkohol- 
Konsum mit seinen leichter degenerierenden und regenerationshemmenden Folgen 
den praktisch wichtigsten Einfluß auf Vererbung und Variabilität, umsomehr, als 
bei mittelmäßigem Genuß die Fruchtbarkeit nicht nachweislich beeinflußt wird, 
und der Prozentsatz der wahllos Betroffenen im Verhältnis zu den selektorisch 
Betroffenen bedeutend größer ist als bei den Säufern. 

Da sich aber gerade die leichteren Degenerationen, besonders wenn auch 
noch die Regeneration erschwert wird, nur langsam wieder aus der Rasse heraus¬ 
schaffen lassen, weil sie der Ausjätung nur eine geringe Handhabe bieten; da sie 
ferner bei einer großen Steigerung ihrer Zahl den Prozentsatz der erzeugten 
tüchtigen Varianten so herabdrücken können, daß keine Regeneration und keine 
Ausmerzung mehr das Tüchtigkeits-Niveau der Rasse wiederherstellen können; 
da andererseits auch die kleinsten Teile der Tüchtigkeit unseres Organismus nur 
in einem äußerst langwierigen Kampf ums Dasein zahlreicher früherer Generationen 
erworben wurden, so muß gegen jede Abbröckelung von dem Kapital unserer 
Tüchtigkeit aufs schärfste vorgegangen werden. Der degenerierende Einfluß des 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. „ X83 

Alkohols fällt deshalb schwerer in die* Wagschale, als sein auslesender, der er¬ 
setzbar ist. 

Rassenhygienisch muß somit vor allem eine Beseitigung des mittelmäßigen 
Trinkens erstrebt werden, in zweiter Linie dann auch die des unmäßigen. Die 
Ausjätung, die durch den Alkohol bewirkt wird, wird zum Teil selbsttätig durch 
andere ausmerzende Faktoren übernommen, könnte zu einem anderen Teil ersetzt 
werden durch Hindernisse, die man den Ehen Minderwertiger in den Weg legt, 
und zu einem dritten Teil überflüssig gemacht werden durch Aufbesserung der 
allgemeinen Verhältnisse der Vererbung und Variabilität. 

Belastung der kommunalen Etats durch den Alkoholismus. 

Leitsätze von Stadtrat Kappelmann-Erfurt. 

1. Der Haushalt der Kommunen wird durch die Folgen des Alkoholismus 
stark belastet. 

2. Ziffernmäßige Nachweise hierfür sind sehr schwer zu führen. Denn 
einmal ist es sehr schwierig, ja fast unmöglich, zu erkennen und zu beweisen, 
daß und in welchem Maße der Genuß geistiger Getränke die alleinige oder.Haupt¬ 
ursache der Verarmung bildet. Sodann wirkt der Alkoholismus auch abgesehen 
von der Armenpflege ungünstig auf den Haushalt der Gemeinden, ohne daß es 
möglich wäre, diese Einwirkung zahlenmäßig darzustellen. 

3. Die bisher unternommenen statistischen Erhebungen zeigen durchweg 
einen auffallend geringen Prozentsatz der Trunksucht als Verarmungsursache. 
Die Reichsstatistik von 1885 führt bei nur 2% aller öffentlich Unterstützten die 
Ursache der Unterstützung auf den Trunk zurück. 

. 4. Dem gegenüber sind alle Autoritäten der Meinung, daß die Belastung 
der öffentlichen Armenpflege in Wahrheit eine viel stärkere sei. (Sie wird von 
einigen auf 30%*» ja auf 50% angegeben.) Daß diese Meinung zutreffend ist, 
wird durch verschiedene Tatsachen wahrscheinlich gemacht: so durch Einzel¬ 
statistiken, durch Ermittlung des Prozentsatzes der Alkoholiker unter den Insassen 
von Irren-, Nervenheil- und ähnlichen Anstalten, durch die amtliche Statistik 
über die Fürsorgeerziehung in Preußen. 

5. Die Gemeinden haben die Pflicht und die Macht, dem Übel abzuhelfen 
und zu steuern. Sie können das nach zwei Richtungen hin: 

A. Durch helfende Fürsorge. Hier kommt u. a. in Betracht: 

1. Richtiges Erkennen des Alkoholismus als Ursache der Hilfsbedürftigkeit. 

2. Richtige Art des Eingreifens (Naturalunterstützung, Mietszahlung, Ver¬ 
schaffung von Arbeit, Aufnahme in geeignete Anstalten). 

3. Scharfes Vorgehen gegen trunksüchtige Personen, die sich der Fürsorge¬ 
pflicht entziehen (Herbeiführung von Bestrafungen; Anbahnung der Möglichkeit, 
solche Personen zur Zwangsarbeit seitens der Gemeinden anzuhalten). 

4. Mitwirkung der freien Liebestätigkeit, besonders von Frauenvereinen, 
Einwirkung auf Trinker durch ihre Frauen. 

5. Verbringung Trunksichtiger in Trinkerheilanstalten — zur Zeit nur nach 
erfolgter Entmündigung möglich, falls nicht freiwilliger Eintritt durchführbar. 
Der wieder Entlassene ist anzuhalten, in Abstinenzvereine (Guttempler, blaues 
Kreuz u. s. w.) einzutreten. 

B. Durch vorbeugende Fürsorge. Hier kommt u. a. in Betracht: 

1. Förderung der Belehrung über den Alkoholismus; Belehrung in den 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



184 


Mitteilungen. 


Schulen, besonders in Fortbildungsschulen; Veranstaltung und Förderung populärer 
Vortrage, Verbreitung von Schriften, Merkblättern, Plakaten. 

2. Soziale Fürsorgetätigkeit auf allen Gebieten (Wohnungsfürsorge, Arbeiter¬ 
häuser, Volkskaffeehallen, Wärmestuben, Lesehallen, Volksunterhaltungen, Pacht- 
gärten, Jünglingsheime, Arbeiterheime u. dergl.). 

8. Kampf gegen den Alkohol bei gemeindlichen Betriebsstätten, Alkohol¬ 
verbot, Gewährung der Gelegenheit zum Genuß alkoholfreier Getränke. 

4. Bei gemeindlicher Polizeiverwaltung: Überwachung der Schankstätten 
und Branntweinverkaufsstellen, Polizeistunde, Vorgehen gegen Förderung der 
Völlerei, Beschränkungen bei Handhabung des Alkoholausschanks und -Verkaufs 
(Jugendliche, gewisse Tagesstunden, Gewährung von Kredit u. s. w.). 

5. Reform des Schankkonzessionswesens mit dem Ziel auf möglichste Ein¬ 
führung des Gothenburger Systems (Schankbetrieb Gemeindesache). 

6. Unterstützung aller gegen den Alkoholmißbrauch gerichteten Bestrebungen 
durch persönliche Beteiligung der Beamten, durch Beitragsleistungen, Förderung 
von Reformvorschlägen. 

7. Reform des Trinkerheilstättenwesens, Förderung der Errichtung von 
Trinkerheilstätten und Unterstützung derselben. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Der Alkoholismus 

Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage 
1906 Neue Folge — Band III No, 4 

I. Originalabhandlungen. 

Die Internationale Vereinigung 
gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 

ist am 21. April 1906 zu Berlin ins Leben getreten. 

In Budapest hatten sich, nachdem Yorunterhandlungen bereits 
gepflogen waren, gelegentlich des internationalen Kongresses gegen 
den Alkoholismus Vertreter verschiedener Länder zusammen ge¬ 
funden, um darüber zu befinden, w ie der H ochflut de r extremen 
Antialkoholbewegung Einhalt zu tun sei, wie sie in die richtigen 
“BaHnengelenkt, wie die antialkoholhaltigen Wellen geglättet wer¬ 
den können, um ein Fahrwasser zu sichern, welches für die 
breiteren und breitesten Schichten des Volkes nutzbar und dienlich 
ist. Dabei ist weniger an die heraufbeschworene Gegensätzlichkeit 
von Mäßigen und Enthaltsamen als viel mehr daran gedacht, die 
Alkoholfrage als Ganzes zu erfassen und zu klären. In den Vorder¬ 
grund der gemeinschaftlichen Interessenvertretung soll ein inter¬ 
nationales Antialkoholamt gerückt und die alsbaldige Errich¬ 
tung eines solchen herbeigeführt werden als das beste Bindeglied 
für die einzelnen Länder, als das beste Mittel, gegen die Schä¬ 
digungen des Alkoholismus wirksam anzukämpfen. 

Die erste in Berlin abgehaltene Sitzung, welche die Beratung 
der Satzungen zum wesentlichsten Gegenstand der Tagesordnung 
hatte, war von folgenden Persönlichkeiten besucht: aus 

Belgien: Jules le Jeune, Sekretär der belgischen Gesandt¬ 
schaft, Berlin; 

Dänemark: der Gefängnisdirektor Grundtwig, Kopenhagen; 

Deutschland: Allenstein: Beg.-Rat Dr. Seidel; Berlin: 
Senatspräsident Dr. von Strauß und Torney, Generalsekretär 
Gonser, Dr. med. Waldschmidt, Regierungsrat Dr. Weymann, 
Geh. Reg.-RatDr. Zacher; Brackwede: Kommerzienrat Dr. Möller; 
Bremen: Dr. jur. Eggers; Darmstadt: Dr. med. Mülberger; 
Dresden: Professor Dr. jur. Esche, Dr. med. Flade; Hildesheim: 

Der Alkohollsmu». 1906. 13 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



186 Die internationale Vereinigung gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. 

Oberbürgermeister Struckmann; Karlsruhe: Baurat Dr. Fuchs; 
Miechowitz: Pater Platzer; Mündt-Titz: Pfarrer Neumann; 
Oberhausen: Eisenbahnvorsteher Roßnick; Schleusingen: Su¬ 
perintendent Müller; Werden: Pater Schmitz; Wiesbaden: 
Dr. med. Laquer; 

Frankreich: Professor Dr. Pignolet, Paris; 

Holland: Generalinspektor Dr. Ruysch, Haag; 

Norwegen: A. Th. Kiär, Kristiania; 

Österreich: Advokat Dr. Daum, Wien, Ministerialrat Baron 
Prazak, Wien; 

Rußland: Graf Skarzynski, St Petersburg, Geh. Reg.-Rat 
von Schumacher, Exz., St Petersburg; 

Schweiz: Generaldirektor Milliet, Bern. 

Die Satzungen wurden wie folgt festgesetzt: 

I. Die internationale Vereinigung will zu allgemeiner Förderung öffent¬ 
licher und privater Maßnahmen gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 
Organisationen (Verbände, Vereine, Korporationen) und Einzelpersonen verschie¬ 
dener Staaten zu gemeinsamem Wirken vereinigen. 

Die internationale Vereinigung erkennt für ihre Wirksamkeit die relative 
Berechtigung sowohl der Mäßigkeit als der Enthaltsamkeit an. Organisationen 
und Einzelpersonen, welche satzungsgemäß oder tatsächlich die ausschließliche ! 
Anwendung des einen oder des andern dieser Grundsätze fordern, können der 
\ internationalen Vereinigung oder deren Landesvereinigungen (Art. IX) nicht an¬ 
gehören. 

Für ihre Person können die Mitglieder der internationalen Vereinigung und 
ihrer Landesvereinigungen auf dem Mäßigkeits- oder auf dem Enthaltsamkeits¬ 
standpunkte stehen. 

II. Die internationale Vereinigung will ihren Zweck hauptsächlich erreichen: 

1. durch Gewinnung von Mitgliedern und durch Bildung von Landes- 
Vereinigungen; 

2. durch fortlaufenden unentgeltlichen Austausch der die Alkoholfrage 
betreffenden Veröffentlichungen ihrer Mitglieder; 

3. durch gegenseitige Mitteilung der auf diese Frage bezüglichen Ge¬ 
setze, Verordnungen und Maßnahmen des Staates und seiner Selbst¬ 
verwaltungskörper ; 

4. durch entsprechende Eingaben an gesetzgebende Körperschaften und 
an Verwaltungsbehörden; 

5. durch Verteilung einschlägiger Schriften; 

6. durch Veranstaltung regelmäßiger Zusammenkünfte ihrer nationalen 
Abgeordneten an wechselnden Orten in den verschiedenen Ländern; 

7. durch Teilnahme an internationalen Antialkoholkongressen; 

8. durch Schaffung einer neutralen Arbeite- und Auskunftsstelle mit 
wissenschaftlichem Charakter in Gestalt eines internationalen Anti¬ 
alkoholamtes. 


Digitized 


bv Google 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die internationale Vereinigung gegen den Mißbrauch geistigen Getränke. 187 

III. Dem internationalen Antialkoholamte soll im besondern obliegen, über 
die Alkoholfrage in deutscher, englischer und französischer Sprache eine regel¬ 
mäßig erscheinende Zeitschrift herauszugeben, im wesentlichen enthaltend: 

a) den Wortlaut oder Hauptinhalt aller einschlägigen. Gesetze und Ver- 
waltungserlasse und die Darstellung ihrer Geschichte; 

b) den Hauptinhalt amtlicher Berichte über den Vollzug dieser Gesetze 
und Verwaltungserlasse; 

c) nationale und internationale Statistiken, wo immer möglich mit ein¬ 
gehender Darlegung der Methode ihrer Erhebung und Darstellung; 

d) Denkschriften über den Alkoholismus und die gegen ihn gerichteten 
oder zu richtenden Maßnahmen; 

e) die für die Öffentlichkeit bestimmten geschäftlichen Mitteilungen der 
internationalen Vereinigung und ihrer Landes Vereinigungen. 

Nach dem Erscheinen der Zeitschrift entfallen die unter II., 3 hiervor be- 
zeichneten Mitteilungen. 

IV. Der Sitz des internationalen Antialkoholamtes ist zugleich der endgültige 
Sitz der internationalen Vereinigung. Bis zur Errichtung des Amtes ist der Sitz 
der Vereinigung Berlin. 

V. Die internationale Vereinigung besteht aus denjenigen Organisationen 
und Einzelpersonen (I. 1), welche durch ihre Anmeldung beim Vorstande oder 
durch ihren Beitritt zu einer Landesvereinigung die vorliegenden Satzungen an¬ 
erkennen. 

Die Mitglieder können jederzeit den Austritt erklären, bleiben aber für das 
Austrittsjahr zur Entrichtung des Jahresbeitrages verpflichtet. 

Mitglieder, die nicht binnen drei Monaten nach erfolgter Mahnung die von 
ihnen geschuldeten Jahresbeiträge entrichten, gelten als ausgetreten. 

Ausscheidende Mitglieder haben keinen Anspruch auf das Vermögen der 
internationalen Vereinigung. 

Organisationen oder Einzelpersonen (I. 1), deren Verhalten dem Zwecke 
der Vereinigung zuwiderläuft, können, nach vorausgegangener Verhandlung mit 
ihnen, durch den Ausschuß (Art. X) in geheimer Abstimmung mit der absoluten 
Mehrheit der Stimmenden ausgeschlossen werden. 

VI. Das Vereinsjahr läuft vom 1. Januar bis 31. Dezember. Ausnahms¬ 
weise gelten die Monate April bis Dezember 1906 als volles Vereinsjahr. 

VII. Die Geldmittel der internationalen Vereinigung bestehen aus: 

1. den Beiträgen der Mitglieder und der Landesvereinigungen; 

2. Zuschüssen, Schenkungen oder Vermächtnissen; 

3. dem Erlöse aus dem Verkaufe von Druckschriften u. s. w. 

VIII. Die Jahresbeiträge der Mitglieder werden festgesetzt: 

1. für Einzelpersonen auf Er. 5; 

2. für Organisationen auf Fr. 20. 

Höhere Beiträge fallen unter VII. 2. 

Nach Errichtung des internationalen Antialkoholamtes erhöhen sich die 
Jahresbeiträge für diejenigen Einzelpersonen, welche dessen Veröffentlichungen 
zu erhalten wünschen, auf Fr. 20. 

Fehlbeträge, welche bei Deckung der haushaltsplanmäßigen Ausgaben ent¬ 
stehen, werden durch den Ausschuß auf diejenigen der internationalen Vereinigung 

13* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



188 Die internationale Vereinigung gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. 

angeschlossenen Organisationen unigelegt, welche die Bekämpfung des Alkohol¬ 
mißbrauches zu ihrer Hauptaufgabe gemacht haben. 

IX. Mitglieder aus einem und demselben Staatsgebiete können eine Landes¬ 
vereinigung bilden. 

Die Landesvereinigungen geben sich ihre Verfassung nach eigenem Er¬ 
messen. Jedoch unterstehen deren Statuten der Genehmigung durch den Aus¬ 
schuß der internationalen Vereinigung; sie dürfen nichts den vorliegenden 
Satzungen grundsätzlich Widersprechendes enthalten. 

Die im Gebiete einer Landesvereinigung domizilierten Mitglieder der inter¬ 
nationalen Vereinigung sind nicht verpflichtet, der Landesvereinigung beizutreten. 

Die Mitglieder einer Landes Vereinigung haben der internationalen Ver¬ 
einigung keine Jahresbeiträge mehr zu zahlen; vielmehr hat an ihrer Stelle die 
Landesvereinigung der internationalen Vereinigung einen jährlichen Beitrag von 
mindestens Fr. 500 zu leisten. 


X. Die internationale Vereinigung wird durch einen aus den nationalen 
Abgeordneten gebildeten Ausschuß geleitet und vertreten. 

Die Mitglieder aus einem und demselben Staate haben 


für insgesamt mindestens Fr. 100 Jahresbeitrag 

(vni) 

1 

Abgeordneten 

ii ii 

„ „ 200 

11 

>i 

2 

Abgeordnete 

ii ii 

„ „ 300 

11 

ii 

3 

ii 

*i ii 

ii ii 400 

11 

ii 

4 

ii 

ii ii 

Oi 

o 

o 

11 

(VIII u. IX, 4) 5 

ii 

ii ii 

n ii 800 

11 

11 

6 

** 

ii ii 

1, „ 1000 

11 

11 

7 

ii 


und für je fernere Fr. 200 einen weiteren Abgeordneten zu wählen. 

Doch dürfen aus keinem Staate als Mitgliedervertreter mehr als 21 Ab¬ 
geordnete in den Ausschuß delegiert werden. 

Würden die Mitgliederbeiträge Anspruch auf mehr als 21 Abgeordnete be¬ 
gründen, so hat unter den drei möglichen Mitgliedergruppen eine durch den Aus¬ 
schuß anzuordnende verhältnismäßige Herabsetzung stattzufinden. 

Die Art und Weise der Abgeordneten wählen bestimmt ebenfalls der Ausschuß. 

XI. Jede Staatsregierung ist befugt, einen amtlichen Abgeordneten zu be¬ 
zeichnen; dieser hat die Rechte und Pflichten eines Ausschußmitgliedes. 

XII. Die Amtsdauer des Ausschusses beträgt 6 Jahre; die Mitglieder des¬ 
selben sind unbeschränkt wieder wählbar. 

Die während einer Amtsdauer ausgetretenen oder gestorbenen Ausschuß- 
mitglieder werden aus den Vorschlägen der betreffenden nationalen Mitglied¬ 
schaften bezw. der Landesvereinigungen in geheimer Abstimmung durch den Aus¬ 
schuß selbst mit relativer Mehrheit für den Rest der Amtsdauer ersetzt. 

XHI. Der Ausschuß trifft alle Anordnungen, die zur Erreichung des Zweckes 
der internationalen Vereinigung und zur Führung der Geschäfte erforderlich sind. 
Im besonderen genehmigt er Voranschlag, Jahresrechnung und Geschäftsbericht. 
Er stellt für sich und den Vorstand Geschäftsordnungen auf. 

Der Ausschuß tritt alle 2 Jahre wenigstens einmal zu einer ordentlichen 
Sitzung zusammen; im übrigen außerordentlicherweise, so oft es der Vorstand 
als nötig erachtet oder 21 Ausschußmitglieder es verlangen. 

Die Wahl des jeweiligen Versammlungsortes geschieht mit relativer Mehr¬ 
heit auf Grund einer schriftlichen Abstimmung aller Ausschußmitglieder. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die internationale Vereinigung gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. 189 

Der Ausschuß setzt den Sitz und die Organisation des internationalen Anti¬ 
alkoholamtes fest und überwacht dessen Tätigkeit. 

XIV. Zur Vorbereitung und Durchführung seiner Beschlüsse wählt der 
Ausschuß in geheimer Abstimmung mit relativer Mehrheit aus seiner Mitte auf 
2 Jahre einen Vorstand, bestehend aus einem Vorsitzenden, einem ersten und 
einem zweiten Stellvertreter des Vorsitzenden, einem Schriftführer, einem Schatz¬ 
meister und deren Stellvertretern. 

Von den sieben Mitgliedern des Vorstandes müssen wenigstens drei (Vor¬ 
sitzender, Schriftführer und Schatzmeister) am Sitze der internationalen Ver¬ 
einigung oder in dessen Nachbarschaft wohnen. Der Vorstand ist bei Anwesenheit 
von 3 Mitgliedern beschlußfähig. 

Der Vorstand verteilt die Geschäfte im Rahmen der Geschäftsordnung unter 
eigener Verantwortlichkeit auf seine Mitglieder; nach außen wird die internationale 
Vereinigung durch den Vorsitzenden des Vorstandes vertreten. 

Der Ausschuß kann dem Vorstande 6 Mitglieder der internationalen Ver¬ 
einigung oder ihrer Landesvereinigungen als Beisitzer beigeben; letztere haben 
aber bloß beratende Stimme. 

XV. Der Vorstand ist gehalten, dem Ausschüsse alljährlich den Voranschlag, 
die Jahresrechnung und den Geschäftsbericht vorzulegen. 

Für Länder mit anderer als Frankenwährung bestimmt er die entsprechenden 
Werte für die in den vorliegenden Satzungen angeführten Geldbeträge. 

XVI. Die Mitglieder des Ausschusses und des Vorstandes haben keinen 
Anspruch auf Besoldung. Jedoch kann dem Schriftführer ein angemessenes 
Honorar zugesprochen werden. Für notwendige Reisen erhalten die Vorstands¬ 
mitglieder die durch die Geschäftsordnung (Art. XIII) zu regelnden Vergütungen. 

XVÜ. Die Jahresberichte und Jahresrechnungen, sowie die übrigen Ver¬ 
öffentlichungen des Ausschusses und des Vorstandes von allgemeinem Interesse 
sind jedem Mitgliede der internationalen Vereinigung und ihrer Landesvereini¬ 
gungen unengeltlich zuzustellen. 

Nach Errichtung des internationalen Antialkoholamtes haben alle Mitglieder, 
die einen Jahresbeitrag von Fr. 20 leisten, Anspruch auf kostenlose Zustellung 
der Veröffentlichungen des Amtes. 

Die Landes Vereinigungen erhalten kostenlos so viele Exemplare dieser Ver¬ 
öffentlichungen, als ihr Jahresbeitrag ein Vielfaches von Fr. 20 darstellt; sie 
können sich gegen Bezahlung einer vom Vorstande festzusetzenden Vergütung 
an die Kasse der internationalen Vereinigung eine größere Zahl von Exemplaren 
sichern. 

XVIII. Der erste Ausschuß der internationalen Vereinigung wird ausnahms¬ 
weise provisorisch auf 2 Jahre durch die Gründungs Versammlung vom 21. April 
1906 in Berlin gewählt; er soll aus 19 Mitgliedern zusammengesetzt werden. 
Er hat sofort den ersten Vorstand zu bestellen. 

Die in den Schlußsätzen der Ziffern XIII und XIX angeführten Befugnisse 
stehen dem provisorischen Ausschüsse nicht zu; im übrigen aber hat er alle 
Rechte und Pflichten des definitiven Ausschusses. Im besonderen hat er die Er¬ 
richtung des internationalen Antialkoholamtes vorzubereiten und bis zum Beginne 
der Wirksamkeit desselben nach Möglichkeit dessen Aufgaben zu besorgen. 

XIX. Die internationale Vereinigung ist durch die Annahme der vorliegen¬ 
den Satzungen und die Wahl des ersten Ausschusses konstituiert. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Digitized by 


190 Die internationale Vereinigung gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. 

Die Satzungen können durch. Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder 
des Ausschusses abgeändert werden. 

XX. Über die Auflösung der internationalen Vereinigung entscheiden die 
Mitglieder in geheimer schriftlicher Abstimmung mit Zweidrittelmehrheit; nicht 
abgegebene Stimmen gelten als gegen die Auflösung ausgesprochen. Die Durch¬ 
führung der beschlossenen Liquidation liegt dem Vorstande ob. 

Der erste Vorstand ist wie folgt zusammengesetzt: 

Dr. von Strauß und Torney, Senatspräsidentd. Oberverwaltungsgerichtes, 
Berlin, Vorsitzender. E. W. Milli et, eidgenössischer Beamter, Bern, stell¬ 
vertr.- Vorsitzender. Ministerialrat Baron Prazak, Wien, 2. stellvertr. Vor¬ 
sitzender. J. Gonser, Generalsekretär des Deutschen Ver. g. d. Mißbr. geist. 
Getr., Berlin, Schriftführer. A. Th. Kiär, Sekretär am statistischen Zentral¬ 
bureau, Kristiania, stellvertr Schriftführer. Geheimer Regierungsrat Dr. 
Zacher, Berlin,* Schatzmeister. Dr. Ruysch, Oberinspektor für Volksgesund¬ 
heit, Haag, stellvertr. Schatzmeister. 


über die Aufgaben der Internationalen Vereinigung 
gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. 

Von 

Dp. B. Laquer, Wiesbaden. 

Vortrag, gehalten bei der konstituierenden Versammlung am 21. April 1906 
im Landeshaus der Provinz Brandenburg zu Berlin. 

Den mich ehrenden Auftrag, über die Aufgaben der Internatio¬ 
nalen Vereinigung zu sprechen, die zu gründen wir zusammen ge¬ 
kommen sind, verdanke ich wohl dem Umstande, daß ich schon 
einmal, im Jahre 1901, die Aufgaben einer Alkohol-Landeskom¬ 
mission ausführlich auseinandergesetzt, und ferner dem Umstande, 
daß ich mich seinerzeit bemühte (im Auftrag der Gräfin Bose- 
Stiftung), zwei gleiche Ziele in ihrem Wirken kennen zu lernen: 
Es waren dies das Abstinenzsekretariat zu Lausanne unter Leitung 
von Prof. Hercod und der Fünfziger-Ausschuß in den Vereinigten 
Staaten, an dessen Spitze Charles Eliot, Präsident der Harvard- 
Universität, Francis Peabody, 0. E. Atwater, W. Welch u. a. 
standen. 

Es bedarf wohl gar keiner Worte über die Bedeutung, die der 
Alkoholismus nicht nur für die Hygiene und Gesundheit der Völker, 
sondern auch für das Wirtschaftsleben derselben einnimmt Gerade 
seine sozialökonomische Seite unterscheidet den Alkoholismus von 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSITV 



Über die Aufgaben der internationalen Vereinigung etc. 191 

den beiden anderen Völkerfeinden, der Tuberkulose und den Ge¬ 
schlechtskrankheiten. 

Das, was heute im Wettkampf der Nationen auf allen Gebieten 
der Kulturzwecke den Ausschlag gibt, das ist das Wirken der Or¬ 
ganisationen; ob es sich um Hilfsaktionen bei elementaren Unglücks¬ 
fällen oder um langsam einsetzende und dauernde Kulturarbeiten 
internationaler Natur handelt, entscheidend ist die Möglichkeit, durch 
zentrale Zusammenfassung der Kräfte die größte Wirkung nach allen 
bedrohten Stellen hin gleichmäßig und stetig zu entfalten. 

Unsere zu begründende Internationale Vereinigung hat nun 
über und neben den schon bestehenden nationalen Verbänden, die 
den Mißbrauch geistiger Getränke bekämpfen, folgende Vorzüge: 

1. Die Beschlüsse und Ergebnisse von internationalen Zentral¬ 
stellen haben den Regierungen, Parlamenten und der öffentlichen 
Meinung gegenüber eine überzeugende, autoritative Bedeutung. 

Es braucht nur daran erinnert zu werden, wie der Kampf gegen 
die Tuberkulose von einer ähnlichen Organisation internationaler 
Art geführt wird, wie er bis in die fernsten Erdenwinkel wirkt. 

Eine solche „Compelle“, eine solch starke Anregung ist den 
einzelnen Staaten oft selbst willkommen; andererseits vermögen sich 
unter Umständen Verwaltungskörper durch Gutachten, die von der 
Zentrale eingeholt werden, vor gesetzgeberischen Experimenten zwei¬ 
felhafter Art zu schützen. 

2. Einer internationalen Stelle stehen Kräfte und Mittel zur 
Verfügung, die in den Einzelstaaten oft fehlen. 

3. Die internationale Alkohol- Kommission soll über den ver¬ 
schiedenen, den Alkoholismus bekämpfenden Richtungen, Wegen 
und Programmen stehen; sie soll in voraussetzungsloser Weise die 
objektiven Verhältnisse prüfen, die bei der Erzeugung, bei dem 
Verbrauch und bei dem Mißbrauch der berauschenden Getränke und 
bei ihren Folgen von unmittelbarem und mittelbarem Einfluß auf 
Gesundheit und Wohlfahrt des einzelnen und des Gesamtvolkes sind. 
Die Forschungen, die Untersuchungen dieser Kommission sollen mit 
Unterstützung all derer, denen die Bekämpfung des Alkoholmi߬ 
brauchs Herzens- und Glaubenssache ist, unternommen, ihre Ergeb¬ 
nisse allen ohne Unterschied der nationalen und subjektiven An¬ 
schauungen über die Bekämpfung des Übels und über die Wege 
derselben zur Verfügung gestellt werden. 

Dies spricht ja auch der § 1 der uns vorliegenden Satzungen 


Digitized by 


Gck igle 


Original frcm 

CORNELL UNiVERSITV 



192 


Dr. B. Laquer. 


(Generaldirektor Milliet-Bern) aus, welcher mit dem Amendement 
(Dr. von Strauß und Torney) lautet: 

„Die internationale Vereinigung will behufs allgemeiner För¬ 
derung öffentlicher und privater Maßnahmen gegen den Mißbrauch 
geistiger Getränke Organisationen, Vereine und Angehörige verschie¬ 
dener Staaten im Kampfe wider den Alkoholismus zu gemeinsamem 
Wirken vereinigen. 

Die internationale Vereinigung anerkennt die relative Berech¬ 
tigung sowohl der Mäßigkeit als der Enthaltsamkeit. Personen und 
Personen verbände, welche satzungsgemäß oder tatsächlich für den 
einen oder den andern dieser Grundsätze absolute Geltung bean¬ 
spruchen, können der internationalen Vereinigung nicht angehören. 

Die Mitglieder der internationalen Vereinigung und ihrer Landes¬ 
vereinigungen können für ihre Person auf dem Mäßigkeits- oder auf 
dem Enthaltsamkeitsstandpunkte stehen.“ 

4. Es gibt Aufgaben werktätiger Natur, in denen nur eine 
internationale Regelung möglich ist, z. B. die Einfuhr des Alkohols 
in den Kolonien. 

Die Vereinigung soll diese Aufgaben erreichen: durch fort-' 
laufende Sammlung und unentgeltlichen Austausch der die Alkohol¬ 
frage betreffenden Veröffentlichungen; durch gegenseitige Mitteilung 
der auf diese Frage bezüglichen Gesetze, Verordnungen und Ma߬ 
nahmen des Staates und seiner Selbstverwaltungskörper; durch Ein¬ 
gaben im Interesse des Kampfes gegen den Alkoholismus an gesetz¬ 
gebende Körperschaften .und an Verwaltungsbehörden; durch Über¬ 
setzung und Verteilung einschlägiger Schriften; durch Veranstal¬ 
tung regelmäßiger Zusammenkünfte ihrer nationalen Abgeordneten 
an wechselnden Orten in den verschiedenen Ländern; durch Teil¬ 
nahme an internationalen Antialkohol- und anderen der Volkswohl¬ 
fahrt dienenden Kongressen. 

Die Kommission soll ferner durch Stellung neuer Fragen, durch 
Preisaufgaben, durch Studienreisen den Kampf aufrecht erhalten, 
seiner Verflachung Vorbeugen. 

Alle diese Einzelaufgaben sollen ihr Fundament, ihre innere 
Gewährleistung in einer zu schaffenden neutralen Arbeits- und Aus¬ 
kunftsstelle mit wissenschaftlichem Charakter in Gestalt eines inter¬ 
nationalen Antialkoholamtes erhalten. 

Dem internationalen Antialkoholamte soll im besondem 
obliegen, über die Alkoholfrage in deutscher, englischer und fran¬ 
zösischer Sprache eine regelmäßig erscheinende Zeitschrift heraus- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Über die Aufgaben der internationalen Vereinigung etc. 


193 


zugeben, im wesentlichen enthaltend: den Wortlaut oder Haupt¬ 
inhalt aller einschlägigen Gesetze und Verwaltungserlasse und die 
Darstellung ihrer Geschichte; den Hauptinhalt amtlicher Berichte 
über den Vollzug und Erfolg dieser Gesetze und Verwaltungs¬ 
erlasse; nationale und internationale Statistiken, Enqueten mit ein¬ 
gehender Darlegung der Methode ihrer Erhebung und Darstellung; 
Denkschriften über den Alkoholismus und die gegen ihn gerichteten 
' oder zu richtenden Maßnahmen; die für die Öffentlichkeit bestimm¬ 
ten geschäftlichen Mitteilungen der Internationalen Vereinigung und 
ihrer Landesvereinigungen. 

Auch soll es dem Antialkoholamt obliegen, Auskunft über den 
Alkoholismus betreffende Anfragen insbes. auf Grund einer zu be¬ 
gründenden Bibliothek zu erteilen. . . 

Die segensreichen Folgen eines solchen internationalen Zu¬ 
sammenschlusses werden nicht ausbleiben; sind doch die Verluste, 
welche die Völker durch den Alkoholismus erleiden, um dessent- 
willen größer als die durch Tuberkulose, Krebs und Geschlechts¬ 
krankheiten, weil die mittelbaren Einwirkungen auf das Wirtschafts¬ 
und Familienleben, die Belastungen der Rechts-, Irren-, Waisen- 
und Armenpflege bei jenem größer sind und weil die Kulturaus¬ 
gaben unter den Milliarden für geistige Getränke leiden. 

Angesichts der verheerenden Katastrophen, deren Zeugen wir 
sind, fallen nationale Schranken, gibt es nur Menschen und mensch¬ 
liche Not; als Völkerverbindendes bleibt die gemeinsame Kultur¬ 
arbeit. 

Auch von unserer Vereinigung möge das Goethe-Wort gelten: 

„Wir gehören zu dem Geschlecht derer, die aus dem 
Dunklen ins Helle streben!“ 

Nachstehend geben wir über den heutigen Stand der Alkohol¬ 
frage in den einzelnen Ländern einen Sammelbericht, wie er uns 
von den Verfassern zugegangen ist. Man ersieht daraus mit großem 
Interesse, was in den einzelnen Ländern nach dieser Richtung ge¬ 
leistet und was erzielt worden ist. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



194 


Direktor Grundtwig. 


Kurze Mitteilungen Uber den gegenwärtigen Stand in Dänemark. 

Von 

Direktor Grundtwig, Kopenhagen. 

Außer der eigentlichen Antialkoholbewegung, die ungefähr 
100000 Mitglieder umfaßt, existiert in Dänemark ein Yerein, der 
dem „Deutschen Yerein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke“ 
entspricht, und es ist dieser, den ich auf der internationalen Ver¬ 
einigung g. d. M. g. G. die Ehre hatte zu vertreten. Zweck und Ziel 
unseres Vereines ist, den Mißbrauch geistiger Getränke zu bekämpfen, 
ohne doch Total-Abstinenzler zu sein. 

Zur Förderung dieser Bekämpfung wurde im Frühjahr 1903 
eine Regierungs-Kommission eingesetzt, die aus 6 Parlamentsmit¬ 
gliedern, 2 Vorsitzenden von Abstinenzvereinen, einem Irrenarzt 
(der Vorsitzende unseres Vereines) und 2 Richtern besteht. Diese 
Kommission zieht sowohl die ganze Frage in Erwägung, als auch 
was von seiten der Gesetzgebung geschehen sollte und könnte zur 
Förderung nüchternen Lebenswandels. 

Die Arbeit dieser Kommission, die in ungefähr einem halben 
Jahre als abgeschlossen betrachtet werden kann, hat sich haupt¬ 
sächlich konzentriert auf: 

1. Sammeln statistischer Daten über die Verbreitung der Trunk¬ 
sucht und über fremde Gesetzgebungen auf diesem Gebiet. 

2. Die Umarbeitung der jetzt geltenden Gesetze über Bewilligung 
von Ausschank-Konzessionen. 

3. Den Zwangsaufenthalt von Alkoholisten in Rettungshäusem. 

Nach neuester Gesetzgebung, nämlich dem Gesetz vom 1. April 

1905, kann der Richter einer wegen Körperverletzung oder groben 
Vergehens gegen die Sittlichkeit bestraften Person, wenn das Ver¬ 
brechen mit dem Genuß von Alkohol zusammenhing, verbieten, 
in einem Ausschank Schnaps zu genießen oder sich außer¬ 
halb seines Hauses in berauschtem Zustand sehen zu lassen. 
Dieses Verbot wird in den von der Kopenhagener Polizei fürs 
ganze Land herausgegebenen „Kopenhagener Polizei-Nachrichten“ 
veröffentlicht Der Übertretungsfall wird mit Haft oder mit Zwangs¬ 
arbeit bis zu 3 Monaten bestraft. Der Konzessionsberechtigte, der 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Kurze Mitteilungen über den gegenwärtigen Stand in Dänemark. 195 


dem Polizeiverbot zuwider handelt und einer solchen Person geistige 
Getränke verabreicht, wird mit Geldbuße von 20 bis 400 Kr. bestraft. 

Hiermit habe ich in Kürze zusammenzufassen gesucht, was 
über den augenblicklichen Stand der Dinge in Dänemark sich etwa 
sagen ließe. Ich habe nur noch hinzuzufügen, daß wir uns dem 
Vorschlag eines Zusammenarbeitens mit andern Ländern völlig an¬ 
schließen. 


Oie Antialkoholbewegung in Frankreich. 

Von 

Prof. Pignolet, Paris. 

In wenigen Worten kann man das wesentliche über die Anti¬ 
alkoholbewegung in Frankreich mitteilen und die Erklärungen auf 
den größten Verein beschränken, nämlich denjenigen, der einen 
blauen Stern als Abzeichen hat, und dessen monatliche Zeitung 
„l’Etoile bleue“ betitelt ist. Der Verein selbst führt seit kurzer Zeit 
den Namen: „Ligue nationale contre l’alcoolisme“, eine Vereinigung 
zweier Vereine: der älteren „Soci6t6 fran 9 aise de tempörance“ und 
des jüngeren „Union fran 9 aise antialcoolique“. Der ältere Verein 
in einer Zeit (ungefähr vor 40 Jahren) gegründet, wo die Alkohol¬ 
frage noch wenig bekannt war, hat die wissenschaftlichen Forschungen 
über dieses Problem in Frankreich befördert, was zuerst zu tun 
war; er konnte aber auf dem Boden des praktischen Lebens nur wenig 
leisten, und während man die schädlichen Wirkungen des Alkohol¬ 
genusses immer besser feststellte, entwickelte sich der Alkoholismus 
in Frankreich wie überall weiter. — Ungefähr vor 10 Jahren fand 
eine Versammlung der „Ligue fran 9 aise de la moralitö publique“ 
statt, eines Vereins, der sich mit allen Geißeln, Lastern und Un¬ 
sitten beschäftigt, die ein Volk an seinem Körper oder in seiner 
Seele verderben und zu Grunde richten können. In dieser Ver¬ 
sammlung wurde unter anderem die Alkoholfrage besprochen, und 
zwar an der Hand eines vortrefflichen Berichtes über den Zustand 
der Dinge in dieser Hinsicht. Da fand sich ein Mann, der den 
Entschluß faßte, alles mögliche zu tun, um sein Land von dieser 
Plage zu befreien. Es war Dr. Legrain, Oberarzt einer großen 
Irrenanstalt in Ville-Evrard, unweit von Paris. Zu diesem Zwecke 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



196 


Prof. Pignolet. 


schien es ihm das beste, einen neuen Verein zu gründen, nicht 
etwa um das genügend bekannte Problem zu erforschen, sondern um 
die Trinksitten zu ändern und dem zunehmenden Alkoholgenuß 
praktisch entgegenzutreten. So trat der zweite Antialkoholverein 
unter dem Namen: „Union francjaise antialcoolique“ ins Leben. — 
Aber was für Grundsätze sollte man feststellen? Dr. Legrain 
selbst und mehrere der Begründer des Vereins waren schon Total¬ 
abstinenzler; trotz dieser persönlichen Überzeugung wäre es damals 
ein verfrühter Versuch gewesen, in Frankreich für die Abstinenz 
zu kämpfen. Das bloße Mäßigkeitsprinzip schien zweckmäßiger, 
obwohl nun man demselben leicht den Vorwurf macht, eine un¬ 
bestimmte Formel zu sein; wie konnte man nun beiden Stand¬ 
punkten Rechnung tragen? Man fand einen Ausweg, indem man 
einen Unterschied machte zwischen den destillierten Getränken 
(Branntwein, Likören, Absinth u. s. w.) und den gegorenen Getränken 
(Bier, Wein u. s. w.) und zog schließlich diese Formel vor: „Die 
Mitglieder verpflichten sich zu der völligen Enthaltsamkeit von 
destillierten Getränke tmd zu dem möglichst mäßigen Gebrauch 
von gegorenen Getränke.“ Das ist nicht streng, aber es gibt Per¬ 
sonen, die eine Verpflichtung nicht gern auf sich nehmen, viel¬ 
leicht denken sie, es sei zu schwer, einer Dame das von ihr dar¬ 
gebotene Gläschen Likör am Ende eines Mahls auszuschlagen oder 
in einer Gesellschaft, wo jedermann dasselbe trinkt, allein eine 
Ausnahme zu machen. Kurz und gut, ohne eigentlich Liebhaber 
des Alkohols zu sein, wünschen sie sich das Recht vorzubehalten, 
einmal in dieser Hinsicht frei handeln zu können, ohne sich durch 
ein Ehrenwort gebunden zu fühlen. Und wenn sie sich dennoch 
als aufrichtige Anhänger der Antialkoholbewegung erklären, muß 
man ein Mittei finden, ihnen einen Platz in dem Verein zu gewähren: 
deshalb machten die Satzungen wieder einen Unterschied zwischen 
zwei Arten Mitgliedern, den „membres actifs — tätigen Mitgliedern“, 
welche die oben genannte Verpflichtung unterzeichnen und jedes 
Jahr mit ihrem Geldbeiträge (mindestens 1 Frank) erneuern — und 
den „membres adhörents — beitretenden Mitgliedern“, welche sich 
zu nichts verpflichten, aber die Bewegung gern fördern und mit den 
übrigen Mitteln unterstützen durch Verbreitung von Broschüren, durch 
Geld u. s. w. — Noch eine Bemerkung; was die erstgenannten Mit¬ 
glieder betrifft, so sagen die Satzungen: „Wir gestatten einen mäßigen 
Gebrauch der gegorenen Getränke“, sie sagen nicht: „wir empfehlen“, 
noch weniger: „wir befehlen diesen Gebrauch“: also, wer für seine 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Antialkoholbewegung in Frankreich. 


197 


Person vorzieht, sich auch von diesen Getränken zu enthalten, oder 
als Mitglied strengerer Vereine schon dazu verpflichtet ist, kann ohhe 
Schwierigkeit in den nachsichtigeren Verein eintreten. — So viel über 
die Satzungen, deren Grundlagen, wie man sieht, auf einem doppelten 
Unterschiede beruhen, und so trifft man in dem „Blauen Stern“ 
3 Arten Mitglieder: beitretende Mitglieder, die zu nichts verpflichtet 
sind, tätige Mitglieder, die zu einer völligen Enthaltsamkeit, aber 
nur der destillierten Getränke, verpflichtet sind, und Totalabstinenzler. 
— Vor einigen Monaten haben sich die beiden Vereine vereinigt, 
um ihre Kräfte zu vermehren und ihre Arbeit zu vereinfachen, 
indem sie jetzt eine einzige Zeitschrift veröffentlichen und einen 
gemeinschaftlichen Vorstand und Sitz haben, sie verschwanden als 
getrennte Vereine, und der aus ihnen zusammengesetzte Verein 
trägt den Namen: „Ligue nationale contre l’alcoolisme“. Der Sitz 
ist Paris; die Ortsgruppen haben eine selbständige Verwaltung; ihr 
einziges Band mit dem Vereine ist die Annahme der Satzungen, 
und als Geldbeitrag das Viertel ihrer Einnahmen, wenn möglich. 

Es scheint besonders interessant für die Leser im Auslande 
die Beschaffenheit dieser Satzungen kennen zu lernen: deshalb 
wurde hier die Sache etwas länger erklärt In dem Rahmen eines 
kurzen Artikels muß man darauf verzichten, die Einzelheiten von 
der Tätigkeit des Vereins mitzuteilen. Es sind ungefähr .6 5000 
Mitglieder, darunter, mit der Erlaubnis ihrer Eltern, 45000 Kinder; 
es ist zu bemerken, daß die Kinder der~Ortsgruppen einen-guten 
Einfluß- auf...ihre Eltern ausüben. — Die Ortsgruppen haben in ver¬ 
schiedenen Städten alkoholfreie Restaurants gegründet: z. B. in dem 
Hafen le Havre, wo unsere Freunde 8 alkoholfreie Restaurants, 
8 Schankwagen und 2 Soldatenheime gegründet haben, hat sich der 
Alkoholgenuß um zwölftausend Hektoliter vermindert, und 470 
Alkoholschänken sind verschwunden. In den Vogesen, in Epinal, 
ließ die Frau eines Groß-Grundbesitzers einen Kiosk für warmen 
Kaffee vor der Tür der Werkstatt einrichten; in einem Winter 
wurden den Arbeitern, die gewöhnlich morgens früh so gern den 
Schnaps trinken; hunderttausend Glas Kaffee ä 5 c (4 Pf.) verab¬ 
reicht, und der Alkoholgenuß ist um ein Drittel kleiner geworden. 

Ortsgruppen hat der Verein in Frankreich, in Algerien, bis an 
die Grenze der Wüste Sahara unter den bestraften Soldaten, in 
Madagaskar und Tonkin, seine finanzielle Lage ist aber durchaus 
nicht günstig; er lebt in den Tag hinein, auf die Freigebigkeit seiner 
.Mitglieder und Freunde angewiesen, um die Kosten der Propaganda 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



198 


Prof- Pignolet. 


zu bezahlen, von der französischen Regierung erhält er kein Geld. 
Er hat indeß von den hohen Behörden eine moralische Unterstützung 
bekommen: auf Anordnung des Unterrichtsministeriums wird die Al¬ 
koholfrage in sämtlichen Volksschulen und Gymnasien zum Unter¬ 
richtsgegenstand; in allen Schulen erteilen die Lehrer diesen Unter¬ 
richt gewissenhaft, und viele in geradezu musterhafter Weise. —- 
Anderseits hat das Kriegsministerium den Verkauf der destillierten 
Getränke in den Kasernen untersagt und die Gründung von Orts¬ 
gruppen des „Blauen Sterns“ beim Militär gestattet Der Verein 
kann also in jedem Kreis seine Ideen verbreiten; die persönliche 
Propaganda ist bekanntlich das beste in dieser Hinsicht Seine 
ersten Erfolge wurden in der Schule erreicht: Volksschullehrer haben 
vielleicht tausend Ortsgruppen gegründet; es ist etwas, und doch 
allzuwenig, wenn man denkt, daß Frankreich mehr als hundert¬ 
tausend Volksschullehrer hat. In den Gymnasien sind auch Gruppen 
gebildet, so in 3 Pariser Gymnasien mit 400, 300, 250 Mitgliedern, 
die auch außer der Anstalt durch Plakate Propaganda machen. In 
den Mädchengymnasien existieren ebenfalls solche Gruppen. 

Ein besserer Erfolg kann gegenwärtig in der Armee kon¬ 
statiert werden: viele Offiziere und Unteroffiziere bitten den Vor¬ 
stand des Vereins um Auskünfte und Zusendung von Broschüren, 
voriges Jahr kamen solche Briefe von neunhundert Offizieren; sie 
halten freiwillig Vorträge vor den Soldaten, richten in der Kaserne 
Säle ein, wo der Soldat Schreibpapier, Licht, Spiele, wenn mög¬ 
lich Bücher, manchmal auch alkoholfreie Getränke findet, und 
gründen militärische Ortsgruppen des Vereins. Hier und da richten 
die Soldaten eine kleine Bühne ein und veranstalten Aufführungen, 
um ihre Kameraden in der Kaserne selbst zu unterhalten — kein 
Wunder, daß ein Wirt in der Nähe der Kaserne die Klage erhoben 
hat, daß seine militärische Kundschaft merklich abnimmt 

Erst kürzlich hat der Verein in Paris eine Versammlung für 
die Arbeiter veranstaltet und durch den belgischen Abgeordneten 
Van der Velde einen Vortrag halten lassen. Das scheint zu einer 
alkoholgegnerischen Bewegung in den Arbeitsbörsen und Syndi¬ 
katen den ersten Anstoß geben zu sollen. Gegenwärtig macht man 
eine nationale Kundgebung gegen den Absinth in der Form einer 
Petition, die dahin geht, die Verfertigung und den Verkauf von 
Absinth in Frankreich zu untersagen. Diese Aufgabe ist aus wohl- 
bekannten Gründen besonders schwer. 

Die monatliche Zeitschrift „l’Etoile bleue“ hat 7000 Abonnenten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Die Antialkoholbewegung in Frankreich. 


199 


Der Verein besitzt eine große Anzahl von Broschüren, Büchern, 
Lichtbildern wissenschaftlicher und unterhaltender Art, die Alkohol¬ 
frage betreffend, die verkauft oder verliehen werden. Ein kleines 
alkoholfreies Restaurant ist damit verbunden; die Räume des Ver¬ 
eins liegen in einer ziemlich belebten Straße, ganz in der Nahe 
der „Sorbonne“ (philosoph. Fakultät der Pariser Universität). Es 
ist ein Vorteil, ein Schaufenster zu haben: Personen, die an dem 
Hause Vorbeigehen und das ausgestellte Material (Bücher, Bro¬ 
schüren, Flugblätter, Plakate, Ansichtskarten u. s. w.) bemerken, 
lernen die Alkoholfrage und den Verein kennen, treten in das 
Bureau, wo sie sich erkundigen, kaufen Schriften und werden 
manchmal zu Freunden der Bewegung gemacht 

So weit über die Tätigkeit des „Blauen Sterns“, wir wollen uns 
darauf beschränken, verschiedene andere Vereine aufzuzählen: 

Das wohlbekannte Blaue Kreuz („La Croix bleue“). 

„La Födöration fran 9 aise de la Croix blanche“, katholisch, mit 
1300 Mitgl. 

„La ligue antialcoolique“, mit der Zeitung: La Prospöritö. 

„La ligue antialcoolique des employös de chemin de fer“ 
(Eisenbahnbeamten), mit 2000 Mitgl. und einer Zeitung: La santö 
de la famille. 

Zum Schluß sei es gestattet zu sagen: die Alkoholgegner leisten 
vielleicht allzuwenig im Vergleich zu der Größe des Übels; man 
wolle aber ihnen die Kleinigkeit des Erreichten verzeihen in der 
Erwägung der Schwierigkeit der Aufgabe. 


Die neueste Entwicklung des Kampfes 
gegen den Alkoholismus in Norwegen. 

Von 

Sekretär A. Th. Kiaer, Kristiania. 

I. 

Das jetzt geltende Hauptgesetz betreffend den Verkauf und 
Ausschank von Branntwein, Bier und Wein ist vom 17. Mai 1904 
datiert und gilt seit Neujahr 1905. 

Dieses Gesetz ist in Bezug auf Branntwein in den wesentlichsten 


Digitized by 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



200 


A. Th. Kiaer. 


Digitized by 


Punkten übereinstimmend mit dem Gesetze vom 24. Juli 1894 x ) und 
in Bezug auf Bier und Wein mit den Gesetzen vom 18. Juni 1884. 

Die Grundlage unserer Gesetzgebung zur Bekämpfung des Mi߬ 
brauchs geistiger Getränke wurde in den 1840er Jahren gelegt, 
teilweise durch das Verbot des Hausbrennens von Branntwein, teil¬ 
weise durch das Gesetz von 1845 über Verkauf und • Ausschank 
von Branntwein; kraft dieses Gesetzes wurden durch Beschlüsse 
der volksgewählten Kommunalbehörden fast auf einmal sowohl der 
Ausschank als der Verkauf von Branntwein in den meisten Land¬ 
gemeinden verboten, und in den Städten wurden die Kleinverkauf- 
und Schankstellen — trotz des Zuwachses der Bevölkerung — von 
1128 in 1847 auf 519 in 1869 herabgesetzt. 

Darauf folgte das Gesetz von 1871, welches gestattete, den Aus¬ 
schank und Verkauf des Branntweins an Gesellschaften zu überlassen 
nach dem Muster des aus Schweden stammenden wohlbekannten 
Gothenburger Systems, doch mit einigen nicht unerheblichen Modi¬ 
fikationen, namentlich dadurch, daß bei uns die eigentlichen Schank¬ 
stätten der „Samlage“ nicht mit Restaurants verbunden werden — 
doch haben, wie später erwähnt wird, die Samlage in einigen Städten 
auch Schankstätten in Hotels oder Restaurants — und dadurch, daß 
bei uns ein viel kleinerer Teil der Überschüsse der Gemeindekasse 
zufällt. 

Ende 1895 gab es im ganzen 51 norwegische Städte, die dieses 
System — Samlagsystem, wie es bei uns heißt — eingeführt hatten; 
mit Ausnahme von Kristiania war der Kleinhandel und der Aus¬ 
schank von Branntwein für die Samlage monopolisiert. Von den 
Städten gab es dann nur 3, und alle ganz kleine, die kein „Samlag“ 
hatten, abgesehen von einigen, wo kein Kleinhandel und Verkauf 
von Branntwein überhaupt erlaubt war (unter denen das rührige 
Haugesund). Die Zahl der Kleinverkauf- und Schankstätten in den 
Städten wurde von 519 in 1869 auf etwa 270 in 1895 reduziert, 
während die norwegische Stadtbevölkerung von 290000 auf 520000 
stieg. 

Mit dem Jahre 1895 fangen die Volksabstimmungen an, durch 
welche — kraft des oben erwähnten Gesetzes von 1894 — die 

*) Vgl. den Artikel „Über die Ergebnisse des „Samlags a -System in den 
norwegischen Städten“ von A. N. Kiaer, Direktor (Alkoholismus 1900), und H. 
E. Berner: Die neuesten Veranstaltungen in Norwegen gegen den Mißbr. d. 
berausch. Getr. (Bericht über den V. intern. Kongreß g. d. Mißbr. geist. Getr. 
1895, S. 414). 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die neueste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoholismus in Norwegen. 201 


Mehrzahl der Einwohner (über 25 Jahre alt, sowohl Männer als 
Frauen) wählen können, ob sie lokales Verbot oder Samlagsmonopol 
haben wollen, insofern als nicht ältere Rechte hinderlich sind, die 
doch ganz ausnahmsweise Vorkommen. 1 ) Die Abstimmungen hatten 
für 5 Jahre Gültigkeit und sollten dann, falls 1 j 20 der Stimmberech¬ 
tigten es verlangten, wiederholt werden. Je nachdem die älteren 
Konzessionen der verschiedenen Samlage abliefen, wurden im Laufe 
der Jahre 1895—99 Abstimmungen in sämtlichen 51 Städten, die 
damals Samlag hatten, abgehalten mit dem Erfolg, daß 26 Städte 
die Samlage abschafften und nur 25 sie beibehielten; unter den 
letzteren waren doch die drei größten Städte, Kristiania, Bergen 
und Drontheim (in Bergen waren die Parteien aber so gleich, daß 
eine Anzahl Stimmen, die aus formellen Gründen kassiert wurden, 
eventuell die Abschaffung des Samlags hätte herbeiführen können). 
Zu bemerken ist, daß alle Nichtstimmenden für den bestehenden 
Zustand gerechnet werden, also für oder gegen das Samlag, je 
nachdem ein solches besteht oder nicht. 

In diesen Jahren wurden auch Abstimmungen in den oben¬ 
genannten 3 kleinen Städten vorgenommen, die früher kein Samlag, 
aber doch Branntweinhandel gehabt hatten und wo dieser aufgehört 
hatte oder aufhören sollte; in 2 von diesen wurde Samlag einge¬ 
führt, so daß die Gesamtzahl der Samlage im Jahre 1900 27 war. 

Der Branntweinverkauf der „Samlage“ war in den Jahren 
1896—1900 durchschnittlich 3013000 Liter gegen 3131000 in den 
Jahren 1891—1895, also nur um ein Geringes weniger. Die Ur¬ 
sachen, die den Branntweinverkauf der Samlage trotz der vielen 
Niedervotierungen in ungefähr derselben Höhe hielten, sind haupt¬ 
sächlich folgende: 

1. Die Städte, die die Samlage abgeschafft haben, sind meistens 
nur kleine oder mittlere. 

2. Das Gesetz von 1894 monopolisiert allen Verkauf unter 
250 Liter in den Städten für die Samlage (von den wenigen älteren 
Rechten abgesehen), während früher nur der Verkauf unter 40 Liter 
monopolisiert war. 

3. Die Jahre 1897—99 waren für die Industrie und den 
Handel „gute Zeiten“. 

') Früher hatten alle Kaufleute das Recht, auch Branntwein im Klein¬ 
handel zu verkaufen; dies Recht behielten diejenigen, die ihre Bürgerschaft vor 
dem Gesetz von 1845 gelöst hatten. Dieses Recht haben auch die Witwen, falls 
deren Ehe früher als ein Gesetz von 1875 gestiftet ist. 

Der Alkoholismus. 1906. 14 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



202 


A. Th. Kiaer. 


In den Jahren 1900—1904 hat eine neue Serie von Volks¬ 
abstimmungen stattgefunden, doch nur in 39 von den 54 Städten, 
die in den Jahren 1895—99 Abstimmungen hatten, indem in 
15 Städten (darunter die 3 größten) keine neue Abstimmung ver¬ 
langt wurde. Das Resultat der neuen Abstimmungen war, daß 
7 Städte ihr Samlag wieder aufrichteten, 2 Städte das Samlag ab¬ 
schafften, während 30 Städte ihre frühere Entschließung festhielten 
(14 Prohibition, 16 Samlag). Dazu kommt eine kleine Stadt, früher 
ohne Branntweinhandel, die 1902 durch Volksabstimmung die 
Einführung eines Samlag ablehnte. Die Änderungen während der 
Jahre 1900—04 fanden übrigens fast ausschließlich im ersten dieser 
Jahre statt; in den 4 letzten Jahren wurde nur 1 Samlag wieder 
aufgerichtet, während 2 niedervotiert wurden. 

In den 39 Städten, wo Volksabstimmungen sowohl in 1895—99 
als in 1900—04 stattgefunden haben, ist die Zahl der Anh änger 
der Samlage von 40141 auf 48066 gestiegen, während die Pro- 
hibitionisten von 47109 auf 43094 zurückgegangen sind, obwohl 
sie bei der letzten Abstimmung in 21 Städten den Vorteil hatten, 
einfach durch Zuhausesitzen stimmen zu können, welchen Vorteil 
früher in fast allen Städten die Samlagsfreunde gehabt hatten. 

Die Gesamtzahl der Städte mit Samlag war 1900, wie oben 
erwähnt, 27, in 1901, 1902 und 1904 33, 1903 und 1905 (wie 
auch gegenwärtig) 32. *) An Städten haben wir im ganzen 63, 
also gibt es 31 Städte, die kein Samlag haben. In 29 von diesen 
ist Branntweinhandel gänzlich verboten; von diesen Prohibitions¬ 
städten haben 24 weniger als 5000 Einwohner, 2 zwischen 5000 
und 10000, 2 zwischen 10000 und 15000. Dazu kommt noch 
Stavanger (31000 Einwohner), wo kein Handel unter 250 Liter 
erlaubt ist (es gibt da einen Kaufmann — der einzige in ganz 
Norwegen — der Großhandel mit Branntwein — 250 Liter und 
mehr auf einmal — treibt), ohne Kleinhandelsrecht zu haben. In 
2 Städten mit 11400 bezw. 6900 Einwohnern findet nach Nieder- 
votierung des Samlags privater Kleinhandel mit Branntwein wieder 
statt (wegen älterer Rechte, die während der Samlagszeit nicht 
ausgeübt wurden). 

Wesentlich verschieden sind die Verhältnisse in Bezug auf 


») Infolge des Gesetzes von 1904, § 6, fängt eine neue Serie von Ab¬ 
stimmungen erst 1907 an; die neuen Abstimmungen sollen für 6 Jahre Gültig¬ 
keit haben. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die neueste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoholismus in Norwegen. 203 


Branntweinhandel in den verschiedenen Teilen des Landes. In den 
Stiften Kristiania und Hamar (das südöstliche und das innere des 
Landes) gibt es nur ganz wenige und kleine Städte ohne Brannt¬ 
weinhandel, während von den Städten der Süd- und Westküste die 
meisten das lokale Yerbot haben, unter denen befinden sich auch 
einige mit mehr als 10000 Einwohner: Stavanger, Kristiansund 
und Aalesund; in den Küstenstädten zeigten auch die Volksab¬ 
stimmungen in den Jahren 1900—04 teilweise Fortschritte für die 
Prohibitionisten. 

Im ganzen hatten wir von Städten mit 


! 

j 

mehr als 
20000 Einw. 

10000 bis 
20000 Einw. 

5000 bis 
10000 Einw. 

unter 

5000 Einw. 

Zusammen 

Prohibitionsstädte. 

1 

2 

2 

24 

29 

Samlagsstädte. 

4‘) 

5 

6 

17 

32 

Städte mit Branntweinhandel ohne Samlag 

- 1 ) 

1 

1 

— 

2 

Insgesamt .. 

5 

8 

9 

41 

63 


In Kristiania, das jetzt etwa 230000 Einwohner hat, gibt es 
außer dem Samlag 29 Handelsbürger, die kraft einer Bestimmung 
des Gesetzes von 1894 (im Gesetze von 1904 wiederholt) von den 
Kommnnalbehörden Konzession haben zum Kleinverkauf von Brannt¬ 
wein gegen eine bedeutende Abgabe an das Samlag; diese Kon¬ 
zession kann ihnen jedes Jahr entzogen werden, da die Bewilligung 
jedesmal nur für ein Jahr gegeben wird. Es ist übrigens zur Zeit 
eine Bewegung im Gange für die Abschaffung der Bestimmung, 
die solche Bewilligungen erlaubt Außerdem hat noch eine Witwe 
bis zu ihrem Tode das Recht zum Kleinhandel mit Branntwein, 
weil ihr Mann schon im Jahre 1845 Handelsbürger war (cfr. Seite 201 
Note 1). Konzession zum Ausschank von Branntwein hatten in 
Kristiania in 1905 außer dem Samlag nur 1 Hötel und 4 Restau¬ 
rants — auf 1 Jahr und gegen Abgabe an das Samlag. Das 
Samlag selbst hatte in 1905 30 Rechte zum Ausschank von Brannt¬ 
wein; davon wurden 14 in besonderen Schankstätten, 16 aber in 
Hötels und Restaurants (für die Rechnung des Samlags) betrieben. 
In 9 von den 14 Schankstätten des Samlags findet auch Klein- 


*) In Bezug auf Kristiania vgl. unten. (Hier als Samlagsstadt gerechnet.) 

14* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSHY 






204 


A. Th. Kiaer. 


Digitized by 


verkauf statt. Insgesamt findet also in Kristiania in 39 Stellen 
Kleinverkauf und in 35 Stellen Ausschank von Branntwein statt 

Unsere zweitgrößte Stadt, Bergen, mit etwa 80000 Einwohnern, 
hat ein streng durchgeführtes Samlagsmonopol. Kein Kaufmann 
hat das Recht, Branntwein zu verkaufen, kein Hotel kann seine 
Gäste mit Branntwein bewirten, überhaupt ist Branntweinverkauf 
nur in den 6 Läden des Samlags erlaubt und zwar nur Verkauf in 
Flaschen oder Litern, weil das Samlag seit dem Jahre 1902 keinen 
Ausschank gehabt hat; unter dieser Bedingung beschlossen nämlich 
im Jahre 1901 die Abstinenten, keine neue Volksabstimmung zu 
verlangen, als die 5jährige Konzession seit der Abstimmung 
1896 abgelaufen war. Das gegenwärtige Bergen-System ist also 
ein Kompromiß zwischen den Mäßigen und den Abstinenten. 

Die dritte norwegische Stadt, Drontheim (40000 Einwohner), 
hat auch Samlagsmonopol; das Samlag hatte in 1904 10 Ausschank¬ 
stätten (wovon 7 in Hotels oder Restaurants für die Rechnung des 
Samlags getrieben wurden) und 7 Kleinverkaufsstellen. 

In den 34 norwegischen Städten, wo Kleinverkauf und Aus¬ 
schank von Branntwein überhaupt erlaubt ist, war die Gesamtzahl 
von Stellen, wo solche Gewerbe betrieben werden konnten, im 
Jahre 1904 etwa 180, von welchen 130 für die Rechnung der 
Samlage betrieben wurden, 46 für private Rechnung in Hotels oder 
Restaurants (auf ein Jahr bewilligte Konzessionen, von denen 35 
auf Kristiania entfielen) und 4 ältere Rechte. Unter den 130 von 
den Samlagen betriebenen Stellen waren 87 Ausschankstellen (teil¬ 
weise mit Kleinverkauf verbunden) und 43 ausschließlich Klein¬ 
verkaufsstellen. Von den 87 Ausschankrechten wurden (in 10 Städten) 
insgesamt 36 in Hötels oder Restaurants für Rechnung der Sam¬ 
lage betrieben. 

Auf dem Lande gab es 1904 im ganzen nur 12 oder 
13 Rechte zum Verkauf oder Ausschank von Branntwein (einer ist 
bestritten). Von diesen sind 4 später weggefallen, so daß gegen¬ 
wärtig (Juni 1906) nur 8 oder 9 existieren. 

Außerdem haben gegenwärtig 88 (1904: 86) Dampfschiffe 
königliche Konzession zum Ausschank für ihre Passagiere (und, 
wenn der Kapitän es erlaubt, für die Mannschaft). 

Sowohl Verkauf als Ausschank von Branntwein ist — von 
den Dampfschiffen abgesehen — gänzlich verboten: 

a) an Sonntagen und kirchlichen Feiertagen; 

b) an den Vorabenden solcher.Tage von 1 Uhr nachmittags an; 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die neueste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoholismus in Norwegen. 205 

c) alle Tage von 10 — ausnahmsweise 12 — Uhr abends bis 
8 Uhr nächsten Morgens. 

Die Überschüsse der Branntwein-Samlage wurden — 
nach Abzug von 5°/ 0 Zinsen für die Aktieninhaber 1 ) — früher als 
1896 von den Samlagen unter Kontrolle der Behörden für gemein¬ 
nützige Zwecke verwendet; sie betrugen in den Jahren 1891—95 
durchschnittlich 1613000 Kronen. Das Gesetz von 1894 hat die 
Verfügung der Samlage über ihren Reingewinn größtenteils auf¬ 
gehoben; »e haben nämlich seit dem Jahre 1901 2 ) — 65 °/ 0 des 
Reingewinns 8 ) in die Staatskasse und 15 °/ 0 in die Gemeindekasse 4 ) 
abzuliefem; nach dem neuesten Gesetze von 1904, kommen noch 
hierzu — vom Jahre 1909 an 1 ) — 10% an das betreffende Re¬ 
gierungsdepartement zur Verteilung unter sämtliche Bezirke des 
Landes. Es werden also dann nur 10 °/ 0 übrig bleiben für die 
Disposition des Samlags für gemeinnützige Zwecke. 

Sowohl diese 10 °/ 0 als die Prozente der Bezirke sollen für 
solche gemeinnützige Zwecke angewendet werden, zu denen die 
Gemeinden oder Bezirke nicht gesetzlich verpflichtet sind (Gesetz 
von 1904, § 14); das Gesetz von 1894 (§ 15) schrieb vor, daß 
der von dem Samlag disponierte Teil des Überschusses an Enthalt¬ 
samkeitsvereine und andere gemeinnützige Institutionen verteilt 
werden sollte. Das Gesetz von 1871 über die Stiftung von „Sam¬ 
lagen“ hatte nur gesagt: „gemeinnützige Zwecke“, unter welchen 
Begriff in der Praxis teilweise auch rein kommunale Zwecke ge¬ 
rechnet wurden, z. B. Wasserleitungen, Straßen und Beiträge an 
Eisenbahnbauten, samt Volks- und mittlere Schulen. In den letzten 
Jahren wurde für diese Zwecke nur wenig verwendet, während 
verhältnismäßig bedeutende Summen an Handfertigkeits-, Haushalt- 
und technische Schulen, Museen und Bibliotheken, Kinderasyle, 
Armenpflege, Krankenkassen und Unterstützungsvereine, Kranken¬ 
häuser, Badeanstalten, Parke und Baumpflanzungen, Gesangvereine 
und Musikwesen und auch an Enthaltsamkeitsvereine verwendet 
worden sind. 


J ) Das gesamte Aktienkapital der Samlage betrug im Jahre 1904 nur 
563000 Kronen (und hat nie 700000 Kronen erreicht); 5% Zinsen werden also 
nur 28150 Kronen betragen; das sind die gesamten Interessen des Privatkapitals 
an den Samlagen! 

*) Für die ersten Jahre nach der Veränderung: Übergangsbestimmungen. 
®) Die 5% Zinsen sind nicht mitgerechnet. 

4 ) Als Ersatz einer gleichzeitig aufgehobenen „Branntweinabgabe“. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



206 


A. Th. Kiaer. 


Digitized by 


Aus den Überschüssen der Jahre 1872—1904 sind im ganzen 
etwa 25% Millionen Kronen für gemeinnützige Zwecke verwendet 
worden. Davon für Unterrichtszwecke (Museen und Bibliotheken 
nicht mitgerechnet) 16 °/ 0 (in 1904: 17°/ 0 des von den Samlagen 
disponierten Teiles der Überschüsse), Verkehrswesen ll°/o (1904 
nur 2 °/ 0 ), Kinderasyle 8 % (1904: 10 °/ 0 ), Wasserleitungen 7,7 °/ 0 
(1904: 1,3 °/ 0 ), Parke und Baumpflanzungen 5,3% (1904: 4,7%) 
u. s. w. 

Die Gesamtüberschüsse der Samlage im Jahre 1904 betrugen 
1978658 Kronen, von welchen dem Staat 1237688 Kr., den Ge¬ 
meindekassen der betr. Städte 283313 Kr., dem Reservefonds 
2000 Kr., gemeinnützigen Zwecken 455657 Kr. (davon waren 
87 847 Kr. Überschüsse von Bierhandel und dergleichen, welche von 
den meisten Samlagen gänzlich für diese Zwecke verwendet wurden) 
zufielen. 

Die 65%, die der Staatskasse zufallen, sollen bis Ende des 
Jahres 1910 an einen Fonds für eine eventuelle Invaliditäts- und 
Altersversicherung gelegt werden. Dieser Fonds, wesentlich aus 
den Samlagsüberschüssen gebildet, betrug Anfang 1906 etwa 
12 Millionen Kronen. 


II. 

Die Bestimmungen des Gesetzes vom 17. Mai 1904 über den 
Verkauf und den Ausschank von Bier und Wein sind auch im 
wesentlichen mit der früheren Gesetzgebung übereinstimmend. 

Das Recht zum Ausschank von Bier, Wein, Obstwein und Met 
wird nur durch eine besondere Bewilligung erteilt. Diese Bewilligung 
kann entweder allgemein oder dahin eingeschränkt sein, daß die 
Getränke nur an Reisende oder an Speisegäste oder an Mitglieder 
geschlossener Gesellschaften in ihren Gesellschaftshäusem verabreicht 
werden dürfen. Ebenfalls kann die in Bezug auf das Publikum 
unbegrenzte Bewilligung auf alkoholschwaches Bier eingeschränkt 
werden, worunter in diesem Gesetze Bier verstanden wird, das 
weniger als 2% Gewichtsprozent Alkohol enthält 

Die Bewilligung kann auf höchstens drei Jahre (doch für die 
Samlage 6 Jahre) erteilt werden. 

Der Verkauf von Bier ist, wenn nicht anders bestimmt, ein 
freies Gewerbe. Der Verkauf von Wein, Obstwein und Met ist 
durch frühere Handelsgesetze eingeschränkt 

Auf dem Lande kann der Bezirksvorstand bestimmen, daß so- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die neueste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoholismus in Norwegen. 207 

wohl der Partie- wie der Kleinhandel mit diesen Getränken nur 
den Personen gestattet werde, denen eine Bewilligung dafür erteilt 
ist In den Städten kann der Gemeindevorstand für den Kleinhandel 
dasselbe bestimmen. Diese Bestimmungen können sich auf alle 
oder auf einzelne der hier gedachten Getränke beziehen. Unter 
Partiehandel ist hier zu verstehen: der Verkauf von mindestens 
40 Litern oder 50 ganzen oder 100 halben Flaschen, die auf einmal 
an einen Käufer geliefert werden. 

Sowohl Verkauf als Ausschank von Bier—von alkoholschwachem 
Bier abgesehen — kann für einen „Samlag“‘ (dessen Überschüsse 
für gemeinnützige Zwecke angewendet werden) sowohl in Stadt¬ 
als in Landgemeinden monopolisiert werden. Dies ist bisher jedoch 
nur ausnahmsweise der Fall. 

In mehr als der Hälfte der Landgemeinden existiert weder 
Ausschank noch Verkauf von Bier und Wein, und in einem großen 
Teil der übrigen findet solcher nur an Reisende statt. 1 ) 

in. 

Der Verbrauch von Branntwein (50°/o Alkohol), Bier und 
Wein und der berechnete Gesamt verbrauch von Alkohol (100 °/ 0 ) 
in diesen Getränken betrug pro Kopf der Bevölkerung (denaturierter 
und zu industriellen und wissenschaftlichen Zwecken verwendeter 
Alkohol nicht mitgerechnet): 



Branntwein (50°/ 0 ) 


Wein 

Bier 

Alkohol 


von den Sam¬ 

von anderen 

insge¬ 



(100°/ 0 ) 

Jahre 

lagen verkauft 

verkauft 

samt 





Liter 

Liter 

Liter 

Liter 

Liter 

Liter 

1891—95 durchschn. 1,4 

2,0 

3,4 

1,2 

20,1 

2,65 

1896—1900 

„ 1,3 

1,3 

2,6 

2,5 

20,3 

2,43 

1901 

1,4 

1,8 

3,2 

2,0 

20,0 

2,64 

1902 

1.4 

1,7 

3,1 

2,2 

17,8 

2,53 

1903 

1,3 

1,6 

2,9 

1,8 

14,0 

2,22 

1904 

1,4 

1,5 

2,9 

0,9 

13,1 

2,06 


Der Alkohol verbrauch, der von den 1830er Jahren bis in die 
1850er Jahre von auf 3% Liter und bis in die 1890er Jahre 
weiter auf 2 1 j i Liter (reinen Alkohols) herabging, ist also auch im 
neuen Jahrhundert weiter gesunken, auf rund 2 Liter in 1904. In 

x ) Hierbei sei erwähnt, daß die Hofeigentümer ihre Dienstleute und Ar¬ 
beiter mit solchem Bier versehen können, das sie selbst aus unbesteuertem 
Malz hergestellt haben. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



208 


A. Th. Kiaer. 


den letzten vier Jahren ist jedoch der Branntwein verbrauch ziem¬ 
lich konstant gewesen, der Bierverbrauch — und 1904 auch der 
Wein verbrauch — aber erheblich gesunken. Als das Gesetz von 
1894, unter Mitwirkung erhöhter Produktionssteuer (und erhöhten 
Zolles), den Verkauf des Branntweins erschwert hatte, importierten 
Spekulanten eine Art schlechten und sehr alkoholhaltigen „Wein“, 
namentlich in den Jahren 1896—98. In 1904 haben zweckmäßige 
Zolländerungen den Weinimport bis zu dem früheren Standpunkte 
reduziert 

Ein Symptom der Bewegung der NüchternheitsVerhältnisse ist 
auch die Zahl der Arrestationen für Trunkenheit. In unsem drei 
größten Städten haben diese betragen: 


Jahr 

in Kristiania 1 ) 

in Bergen 2 ) 

in Drontheim 8 ) 

1895 

13526 (75,1 o/ 00 ) 

1381 (23,4 °/ 00 ) 

713 (23 % 0 ) 

1896 

19249 

1866 

973 

1897 

21521 

1789 

1459 

1898 

19582 

1844 

1310 

1899 

22176 

1815 

1053 

1900 

20381 (89,7 °/ 00 ) 

2181 (30,3 % 0 ) 

1424 (37,5% 0 ) 

1901 

17083 

2081 

1295 

1902 

13474 

1978 

1203 

1903 

13390 

1778 

1139 

1904 

11705 

1589 

1141 (28,5°/ 00 ) 

1905 

9884 (43,5 % 0 ) 

1781 (22,2 °/ 00 ) 

? 


IV. 

Die Vereinstätigkeit. Eine geschichtliche Übersicht über 
die norwegische Enthaltsamkeits- und Mäßigkeitsbewegung findet 
sich in einer im Berichte des IU. internationalen Kongresses gegen 
den Mißbrauch geistiger Getränke, Kristiania 1890, aufgenommenen 
Abhandlung von Herrn Staug-Conradi unter dem Titel: „Die 
Mäßigkeits-, Enthaltsamkeits- und Totalenthaltsamkeitsreform in 
Norwegen.“ 

Man wird aus dieser sehen können, daß wir in Norwegen — 
wie auch gleichzeitig in Deutschland — namentlich in den 1840er 
Jahren, eine rasch aufblühende Enthaltsamkeitsbewegung gegen 

l ) 1895: 180000, 1900: 227000 Einw., 1905 ungefähr dasselbe. 

*) 18?5: 59000, 1900: 72000, 1905 etwa 80000 Einw. 

») 1895: 81000, 1900: 38000, 1904: 40000 Einw. 


Difitized 


bv Google 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 





Die neueste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoholismus in Norwegen. 209 


den Branntwein hatten, die auch von den Spitzen der Gesellschaft 
gestützt war. Auch in den 1850 er Jahren setzt sich diese Be¬ 
wegung fort, indem die Mitgliederzahl von 24000 in 1850 bis 
35000 in 1860 stieg. In den 1860er Jahren aber nahm die Be¬ 
wegung leider wieder ab, und im Jahre 1870 rechnete man nur 
etwa 20000 Mitglieder. Im Laufe der 1880er Jahre hörte die 
ausschließlich gegen den Branntwein gerichtete Vereinstätigkeit 
gänzlich auf, während gleichzeitig die Totalenthaltsamkeitsbewegung, 
die 1859 angefangen, aber in den 1860er und 70er Jahren noch 
verhältnismäßig wenig, verbreitet war, in den 80 er Jahren sich 
eines sehr kräftigen Aufblühens erfreute. 

Die wichtigste zentrale Totalenthaltsamkeitsorganisation ist bei 
uns „Det norske Totalafholdsselskab“, 1875 von etwa 40 Vereinen 
mit zusammen etwa 6000 Mitgliedern gegründet. Die Entwicklung 
dieser Organisation ist durch folgende Zahlen zu sehen: 


Jahr 

Zahl der 
Vereine 

Zahl der 
Mitglieder 

Männer 

Frauen 

Kinder 

1875 

ca. 40 

ca. 6000 

? 

? 

? 

1883 

328 

35000 

? 

? 

? 

1887 

643 

83000 

? 

? 

? 

1897 

1015 

136562 

53405 

57885 

25272 

1901 

1021 

117 689 x ) 

43374 

50966 

23349 

1902 

1053 

119703 

43411 

51708 

24584 

1903 

1065 

121425 

43575 

52200 

25650 

1904 

1101 

125462 

44739 

53674 

27049 


Auch die Guttempler haben bei uns einen bedeutenden An¬ 
schluß gefunden. Die I. 0. G. T. wurde im Jahre 1877 in Norwegen 
eingeführt und hatte im Jahre 1905 528 Logen mit 29783 (er¬ 
wachsenen) Mitgliedern, außerdem 247 Kinderlogen mit 16841 
Kindern. Es besteht auch (seit 1888) „Der norwegische Guttempler¬ 
orden“, der 1905 87 arbeitende Logen mit 5686 Mitgliedern und 
30 Kinderlogen mit 2064 Mitgliedern hatte. 

Diese 3 wichtigen Organisationen hatten insgesamt: 
im Jahre 1898 etwa 131000 erwachsene Mitglieder 

„ „ 1902 121692 „ 

„ „ 1904 129491 

„ „ 1905 133882 


J ) Teilweise aus einer Revision der Mitgliederlisten und aus Übergang an 
andere Totalenthaltsamkeitsorganisationen herrührend. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



210 


A. Th. Kiaer. 


Digitized by 


Der Rückgang von 1898 bis 1901 schreibt sich teilweise von der 
in der Fußnote erwähnten Revision der Mitglieder her, ist doch 
wahrscheinlich auch ein tatsächlicher. Yon Interesse ist, daß der 
Alkoholverbrauch in den Jahren 1898—1900 im Steigen war, während 
er in der letzten Zeit — gleichzeitig mit einer Steigerung der Zahl der 
Enthaltsamen — zurückgegangen ist. Dies steht doch auch mit der 
Bewegung der ökonomischen Verhältnisse in Verbindung. 

Außer diesen 3 Organisationen gibt es noch einige andere 
Totalenthaltsamkeitsvereine, wozu noch kommen etwa 20000 er¬ 
wachsene Methodisten und dergleichen, die Totalenthaltsamkeit 
praktizieren und, wie man annimmt, gegen 20000 andere erwachsene 
Totalenthaltsame, die gar keiner Organisation angehören. 

Insgesamt kann man daher rechnen, daß es zur Zeit in Nor¬ 
wegen etwa 180000 erwachsene Totalenthaltsame gibt, oder 12% 
der Gesamtbevölkerung über 15 Jahre. Hierzu kommen etwa 
55000 Kinder, die totalenthaltsamen Vereinen oder Gemeinden an¬ 
gehören. 

Seit dem Jahre 1889, da die letzte Zentralorganisation 1 ) für 
Enthaltsamkeit gegen den Branntwein (und Mäßigkeit oder Enthalt¬ 
samkeit gegenüber Bier und Wein) aufgelöst wurde, hatten wir in 
vielen Jahren — von der Samlagsinstitution abgesehen — keine 
Organisation gegen den Alkoholmißbrauch außer den Totalenthalt¬ 
samkeitsvereinen. Diese haben verhältnismäßig wenig Anschluß 
unter den akademisch Gebildeten und den ökonomisch am besten 
situierten Kreisen gefunden — im Gegensatz zu der älteren Be¬ 
wegung. Die Ursachen mögen verschiedene sein, das Phänomen 
scheint auch in anderen Ländern zu erscheinen. Vgl. Bode: Die 
norwegische Ordnung des Schankwesens und Getränkehandels 
(Weimar 1906, S. 51). 

Es ist noch bemerkenswert, daß ziemlich viele Geistliche Total¬ 
enthaltsame sind, und daß das Interesse für die Enthaltsamkeits- 
(und Mäßigkeits-)Sache unter den Ärzten gegenwärtig rege ist; 
viele Ärzte sind auch Abstinenten. Auch unter Studenten und 
Gymnasiasten und dergleichen hat die Abstinenzbewegung Eingang 
gefunden. Hiermit hängt es zusammen, daß die Abstinenten an¬ 
gefangen haben, wissenschaftliche Alkoholkurse zu organisieren mit 

*) „Det norske afholdsselskab“ (gegründet 1844, Hauptsitz seit 1868: Bergen). 
1845—1869 bestand auch der Zentralverein „Den norske forening mod brande- 
vinsdrik“ in Kristiania, welcher in den 70er und Anfang der 80er Jahre durch 
einen mehr lokalen Verein einigermaßen fortgesetzt wurde. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die neueste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoliolismus in Norwegen. 211 


Vorträgen sowohl von Abstinenten als Nicht-Abstinenten, und daß 
ein Versuch gemacht ist, Zusammenarbeit zwischen Mäßigen und 
Abstinenten zu organisieren. Ein Komitee wurde im Jahre 1902 
gebildet, in welchem beide Richtungen repräsentiert sind, und das 
sowohl von Abstinentenvereinen als von Branntweinssamlagen 
gestützt worden ist. Dies Komitee hat einige Broschüren ver¬ 
öffentlicht (davon ist eine: „Von den Wirkungen des Alkohols“ von 
E. Poulsson, Prof. med. an der Universität Kristiania, in etwa 
17000 Exemplaren verbreitet worden) und war bei der Gründung 
der internationalen Vereinigung gegen den Mißbrauch geistiger Ge¬ 
tränke in Berlin, 21. April 1906, vertreten. 

Eine Zusammenarbeit von Mäßigen und Abstinenten ist doch 
übrigens eine wichtige Arbeit, die von dem norwegischen Volke 
durch Gesetzgebung, Staats- und Gemeindeverwaltung gegen den 
Mißbrauch geistiger Getränke seit Jahrzehnten geleistet ist. 

In einer Reihe von Jahren hat auch der Staat jährlich 
12000 Kronen für „Veranstaltungen gegen den Mißbrauch be¬ 
rauschender Getränke“ — in den letzten 20—30 Jahren haupt¬ 
sächlich an Abstinenzvereine verteilt. Mit Ausnahme von wenigen 
Jahren ist schon seit 1844 die Mäßigkeits- und Enthaltsamkeits¬ 
bewegung von der Staatskasse unterstützt worden. 


Die alkoholgegnerische Bewegung in Österreich. 

Von 

Dr. Adolf Daum, Wien. 

Die Trunksucht als eine Schädigung der Volksgesittung und 
als eine ernste Gefahr für das Volk wurde in einzelnen der von 
so verschieden gearteten Völkern bewohnten österreichischen Länder 
von Geistlichen frühzeitig erkannt und bekämpft; in polnischen Ge¬ 
bieten von dem römisch-katholischen, in ruthenischen von dem 
griechischen Klerus bei den Riten (orthodox und uniert); hier wie 
dort waren neben den ethischen auch nationale und konfessionelle 
Momente wirksam. — In den slavischen Gebieten der Sudetenländer 
erschienen volkstümliche Schriften, die gegen die Unmäßigkeit zu 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



212 


Dr. Adolf Daum. 


Digitized by 


Felde zogen schon in einer Zeit, in der die tschechische Sprache 
noch mit deutscher Fraktur gedruckt wurde, also vor 1848. 

Die Ausbeutung galizischer Landleute durch Branntweinschänker, 
die mit den Angetrunkenen Kredit- und "Wechselgeschäfte abschlossen, 
führte 1872 zu einem Spezialgesetz, das eine bestimmte Art solcher 
Ausbeutung einschränkte, und 1877 zu 2 für Galizien und die 
Bukowina gegebenen Gesetzen „wider unredliche Vorgänge bei 
Kreditgeschäften“ und „zur Hintanhaltung der Trunkenheit“. Im 
Jahre 1877 befaßte sich der Wiener Gemeinderat in einer längeren 
aber unfruchtbar gebliebenen Debatte mit dem städtischen Brannt¬ 
weinunwesen. Das 1883 geschaffene Institut der Gewerbe-Inspek¬ 
toren sammelte in den Jahresberichten über die Lebensverhältnisse 
der Arbeiter in den einzelnen Inspektionssprengeln reiches Material 
zur Erforschung sozialer und hygienischer Übelstände, unter denen 
der Getränkemißbrauch stets aufs neue hervortrat Die Novelle 
zur Gewerbeordnung vom März 1885 verbot denn auch bereits die 
kreditweise Überlassung geistiger Getränke an Arbeiter auf Rech¬ 
nung des Lohnes und die Auszahlung von Löhnen in Gasthaus¬ 
lokalen. 

Noch vorher, im Frühjahr 1884, war auf Betreiben des (nach¬ 
mals als k. u. k. Konsul in Chicago verstorbenen) Dr. Max Ritter 
v. Proskowitz der „österreichische Verein gegen Trunksucht“ in 
Wien gegründet worden. — Eigene Beobachtungen, die der Ge¬ 
nannte, Sohn eines mährischen Großindustriellen und Landwirtes, 
daheim über die demoralisierenden Wirkungen des Branntwein¬ 
genusses gemacht hatte, und das Studium auswärts gegen den 
Alkoholmißbrauch ins Werk gesetzter Maßregeln hatten ihn dahin 
geführt, daß er beschloß, in Österreich eine Organisation gemein¬ 
nützig gesinnter Personen zur Bekämpfung des Alkoholmißbrauches, 
ähnlich dem im Jahre 1884 in Deutschland gegründeten Vereine 
gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, zu schaffen. — Seinen 
Verbindungen gelang es, einige hundert Mitglieder und die Sym¬ 
pathie-Erklärungen einiger öffentlicher Funktionäre aufzubringen. 
Im April 1884 fand die konstituierende Versammlung des neuen 
Vereins statt. — Die Absicht war hier wie in Deutschland auf 
Bekämpfung des Getränkemißbrauches, vor allem des Brannt¬ 
weintrinkens, gerichtet, als Mittel hierzu sollten Belehrung durch 
Wort und Schrift, Anregung von Gesetzen und Verwaltungsma߬ 
regeln, Förderung alkohol- oder doch trinkzwangfreier Wirtschaften 
dienen, auch die Gründung von Trinkerheilanstalten war in Aus- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSrn 1 



Die alkoholgegnerische Bewegung in Österreich. 


213 


sicht genommen. — Wie in Deutschland war auch hier eine Orga¬ 
nisation lokaler Gruppen (Ortsvereine) vorgesehen, welche durch 
Entsendung von Vertretern auf die Bildung der Gesamtleitung 
Einfluß nehmen und die Gesamtgebarung beaufsichtigen sollten. 
— Teils Mangel an Teilnahme für den Gegenstand, teils die 
Schwierigkeit, welche die Sprachverschiedenheit und die ängstliche 
Wahrung nationaler Eigenart in Österreich auf allen Gebieten dem 
Zusammenschlüsse verschiedenen Volksstämmen Angehöriger im 
Wege steht, verhinderte es, daß der Verein auf dieser Grundlage 
organisiert werden konnte. Um ihn zu erhalten, war es nötig, ihn 
nach 10 Jahren umzubilden und die lokalen Gruppen, deren Bil¬ 
dung nicht gelingen wollte, ganz aus der Vereinsverfassung aus- 
zuschalten. — Die anregende und belehrende Tätigkeit des Vereins, 
dessen Vorstand nunmehr alljährlich von der in Wien abgehaltenen 
Mitgliederversammlung gewählt wurde, blieb nur einigen wenigen 
in Wien wohnenden Vorstandsmitgliedern überlassen, denen für 
ihre Arbeit nur sehr spärliche Mittel: Zinsen des in den ersten 
Jahren angesammelten Kapitals, Beiträge einiger hundert Mitglieder, 
in jüngster Zeit auch bescheidene Unterstützungen seitens des 
Ministeriums zur Verfügung standen. 

In den ersten Jahren beschränkte man sich auf Herausgabe von 
Warnungstafeln wider den Branntwein in deutscher, tschechischer, 
ruthenischer und polnischer Sprache. In Ostgalizien förderte man 
die Bildung von ländlichen Abstinenzvereinen durch Ausgabe von 
Mustersatzungen und von geprägten Abzeichen für die Mitglieder 
solcher Vereine. — Im schlesischen Kohlenrevier wurden polnische 
Heftchen, den „Blättern zum Weitergeben“ nachgebildet, eine Zeit 
lang verteilt 

Eingaben des Vereins an Landtage und an das Abgeordneten¬ 
haus halfen dazu mit, dem damals, zumal in Mähren und Nieder¬ 
österreich, auftretenden Bedürfnisse nach gesetzlicher Einschränkung 
des Vieltrinkens Ausdruck in der Öffentlichkeit zu leihen. 

Auch das Reichskriegs- und das österreichische Eisenbahn- 
Ministerium wurden zu Erlassen (1886 und 1888) gegen das Viel¬ 
trinken in den Mannschaftskreisen und unter dem Bahnpersonal 
bewogen. — Als 1887 in Wien der Internationale Kongreß für 
Hygiene und Demographie abgehalten wurde, vermittelte der österr. 
Verein gegen Trunksucht die rege Anteilnahme des Auslandes an 
der Diskussion des Thema „Bekämpfung des Alkoholismus“. — Das 
Ergebnis der Beratung, an der Fachmänner aus Deutschland, der 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



214 


Dr. Adolf Daum. 


Digitized by 


Schweiz, den Niederlanden, Frankreich, Norwegen und Rumänien 
teilnahmen, bildeten 6 Thesen, an deren Fassung Geh. Med.-Rat 
Dr. Baer-Berlin und Reg.-Rat Dr. Gauster-Wien hervorragenden 
Anteil nahmen. Unter Berufung auf diese Thesen brachte die 
österr. Regierung noch im Herbste 1887 den Entwurf eines Gesetzes, 
womit Bestimmungen zur „Hintanhaltung der Trunkenheit“ getroffen 
wurden, im Abgeordnetenhause ein. Die kritische Besprechung 
dieses Entwurfes und dessen Verteidigung gegenüber den von den 
Interessenten des Alkoholverbrauches dagegen gerichteten Angriffen 
wurde nun eine der Aufgaben des Vereins, von dessen Funktionären 
mehrere an der 1889 abgehaltenen „Enquete“ über diesen Gesetz¬ 
entwurf teilzunehmen berufen wurden. Professor Dr. Max Gruber, 
der spätere Obmann des Vereins, derzeit Professor der Hygiene in 
München, ragte unter den Sachverständigen „aus wissenschaftlichen 
Kreisen“ hervor, die bei dieser Enquete ihre Meinung aussprachen. 

Der Verein, der bis Ende 1889 nur in unregelmäßigen Zeit¬ 
abschnitten Mitteilungen herausgab, schloß sich von 1890 ab mit 
den sächsischen Vereinen gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 
zur Herausgabe eines gemeinsamen Monatsblattes zusammen, das 
seit 1893 den Namen „Volksgesundheit“ an der Spitze trägt — Im 
Jahre 1894 ahmte der Verein das kurz vorher in Deutschland gegebene 
Beispiel nach und schrieb einen Preis für eine Schrift aus, welche 
die Aufgabe der Schule im Kampf gegen den Getränkemißbrauch 
am besten behandelt. — Verfasser der preisgekrönten Schrift 1 ) war 
der damalige Reichsratsabgeordnete Gymnasialprofessor Dr. v. Kraus; 
die später ins Tschechische, Polnische und Slovenische übersetzte 
Schrift regte, durch die Reichs-Schulbehörde in vielen tausenden 
von Exemplaren verbreitet, die Landes-Schulbehörden mehrerer 
Kronländer zu Verordnungen an. Die Wichtigkeit einer Belehrung 
der Lehramtskandidaten und der Schulkinder über die Schädlich¬ 
keit des Alkoholgenusses und den Wert des Beispiels der Mäßigkeit 
wurde Lehrkörpern und Direktionen von Lehrerbildungsanstalten 
von ihren Vorgesetzten Behörden eindringlich vorgestellt 

Im Jahre 1895 wurde die Reichsregierung durch Andrängen 
sowohl des Vereins als mehrerer Landesverwaltungen zur Aus¬ 
arbeitung eines Gesetzentwurfes über die Errichtung von Trinker¬ 
asylen an das Abgeordnetenhaus bestimmt. Weder dieser noch der 


l ) Wie kann durch die Schule dem zur Unsitte gewordenen Mißbrauche 
geistiger Getränke entgegengewirkt werden? — Wien, Gräser 1899. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die alkoholgegnerische Bewegung in Österreich. 


215 


seit 1887 in jeder neuen Session mit verschiedenen Abänderungen 
stets wieder vorgelegte Entwurf eines Gesetzes zur Hintanhaltung 
der Trunksucht wurde bisher in dem gesetzgebenden Körper zu 
Ende beraten. Der österr. Verein gegen Trunksucht hat fast in 
jeder Session für die Einbringung von neuen Gesetzentwürfen 
gesorgt und ist auch in jüngster Zeit wieder mit den Ausschüssen in 
Verbindung getreten, die sie zur Vorberatung zu pflegen haben. 
Es gelang diesem Vereine, der dem niederösterr. Landtage zwei 
umfangreiche Gutachten über die Bekämpfung des Alkoholismus 
überhaupt und über die Sonntagsruhe in dem Branntweinschank¬ 
gewerbe insbesondere auf Einladung jenes Landtages vorgelegt hatte, 
die Schließung der Branntweinschänken am Sonnabend nachmittags 
und am Sonntag vormittags im Verordnungswege in mehreren 
Ländern durchzusetzen- (1901). — In Wien findet die Schließung 
des Sonnabends erst um 8 Uhr abends, am Sonntag dermalen 
schon um 10 Uhr vormittags statt. — Ebenso gelang es dem Ver¬ 
eine, den Ausschluß von Rum als Beigabe zum Tee in gemein¬ 
nützigen Speiseanstalten (Volksküchen, Suppen- und Tee-Anstalten) 
herbeizuführen. 

Seit 1894 werden auf Anregung des Vereins hin in mehreren 
Kronländem, in Niederösterreich alljährlich, Trinkerzählungen vor¬ 
genommen, deren Ergebnisse dem Vereine zur Veröffentlichung 
mitgeteilt werden. 

Lebhaftere Bewegung kam in die bis dahin nur allzu geräusch¬ 
lose Tätigkeit der Alkoholgegner Österreichs, als die 3 Ärzte Dr. Fröh¬ 
lich, Dr. Pöch und Dr. Wlassak es unternahmen, in Wien für 
die Abstinenz Propaganda zu machen. — Alle 3 hatten in der 
Schweiz einen Teil ihrer Studienzeit zugebracht und waren dort 
unter Bunges und Forels Einfluß dahin gelangt, durch gänzliche 
Enthaltung von berauschenden Getränken gegen die herrschenden 
Trinksitten zu demonstrieren. 

Der österr. Verein gegen Trunksucht hatte zu Ende der 1890er 
Jahre die von dem Wiener Volksbildungsverein allsonntäglich ver¬ 
anstalteten volkstümlichen Vorträgen dazu benutzt, um über die 
Gefahren des Alkoholmißbrauches niedere Volkskreise durch Fach¬ 
männer belehren zu lassen. — Als nun Ende 1897 der abstinente 
Arzt Dr. Pöch dadurch in ganz Wien bekannt wurde, daß er den 
vom todbringenden Pestbacillus im Allgem. Krankenhause selbst 
infizierten Dr. Müller — die Infektion wurde dem Verschulden 
eines im Laboratorium angestellten angetrunkenen Spitaldieners zu- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



216 


Dr. Adolf Daum. 


Digitized by 


geschrieben — in völliger Isolierung gepflegt hatte, benutzte man 
dies, um ihn zu Sonntagsvorträgen über Alkoholmißbrauch zu be¬ 
stimmen. — Da alles den plötzlich bekannt gewordenen, vom Kaiser 
für seine mutige Tat ausgezeichneten Mann kennen . lernen wollte, 
sprach Dr. Pöch stets in überfüllten Sälen. — Yiele mochten hier 
erst erfahren haben, daß es Menschen gibt, die Bier und Wein 
verschmähen. 

Man begann nun sich in Arbeiterkreisen für die Abstinenz zu 
interessieren; Pöchs abstinente Kollegen, unter denen vor allem 
Dr. Fröhlich über die Gabe volkstümlich zu sprechen und zu 
überzeugen, verfügte, traten ebenfalls auf den Plan und wurden 
bald von Gewerkschaften, Arbeiterbildungsvereinen und anderen 
Körperschaften eingeladen, über das Thema des Alkoholismus zu 
sprechen und vor allem an Diskussionen über dieses Thema teil¬ 
zunehmen. — Hiermit hatte eine Abstinenzbewegung in Arbeiter¬ 
kreisen begonnen. — Als 1899 in Paris der VH. Internationale 
Kongreß gegen den Alkoholismus bevorstand, regten die Führer der 
Wiener Abstinenten den Vorstand des älteren österr. Vereins gegen 
Trunksucht an, die Regierung zur Beschickung des Kongresses zu 
bestimmen. — Der Schritt blieb nicht erfolglos. — Der von der 
österr. Regierung delegierte Universitäts-Professor Dr. v. Hebra, da¬ 
mals Obmann des Vereins gegen Trunksucht, brachte in Paris die 
Einladung vor, den nächsten Kongreß in Wien abzuhalten. Professor 
Dr. Forel nahm sich dieser Einladung, welcher die der dänischen 
Regierung, nach Kopenhagen zu kommen gegenüberstand, mit gutem 
Erfolge an. 

Die Vorbereitungen für den 1901 in Wien abzuhaltenden 
VHI. internationalen Kongreß gegen den Alkoholismus, von Hofrat Prof. 
Dr. Max Gr über geleitet, gaben reichliche Gelegenheit das Thema 
allenthalben zu erörtern und offizielle Persönlichkeiten dafür zu 
interessieren. — Auch das Ansehen,. in dem Prof. Gruber als 
Gelehrter stand, trug hierzu bei. — So wurde denn der in Wien 
1901 abgehaltene Kongreß zu einem günstigen Wendepunkte. — 
Auf Veranlassung des an die Spitze des Sanitätswesens gestellten 
Sektionschefs Dr. v. Kusy (f 1905) wurde, der Aufforderung des 
Kongreß-Komitees entsprechend, in jedem Kronlande ein Landes¬ 
komitee zur Verbreitung des Kongresses gebildet; in Böhmen und 
Niederösterreich war die Bildung dieser Komitees mit einer großen 
Feierlichkeit verbunden, an der alle offiziellen Persönlichkeiten der 
Landesverwaltung und viele Hochschullehrer teilnahmen. — In 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Die alkoholgegnerische Bewegung in Österreich. 


217 


Böhmen fanden statistische Erhebungen über den Stand des Alko¬ 
holismus in den einzelnen Verwaltungsbezirken statt, die im Drucke 
und mit graphischen Darstellungen bereichert, dem Kongresse vor¬ 
gelegt wurden. — Auch über die Verbreitung des Genusses geistiger 
Getränke und über den Anteil des Alkohols an der Entstehung von 
Geisteskrankheiten wurden mit Unterstützung der Schulbehörden 
und der Sanitätsbehörden statistische Erhebungen gepflogen. — In 
dem vorbereitenden Komitee arbeiteten mit dem Geschäftsführer des 
österr. Vereins gegen Trunksucht und dem dem Vorstande desselben 
Vereins angehörenden Regierungsrat Dr. Svetlin, die beiden Gründer 
des Abstinenten-Vereins Dr. med. Fröhlich und Dr. Wlassak zu¬ 
sammen. — Die Zusammenstellung des Vortragsprogramms und der 
Verkehr mit den Vortragenden, sowie die Herausgabe des Kongre߬ 
berichtes besorgte Dr. Wlassak allein. — Von großer Wichtigkeit 
war es, daß der neu gegründete Abstinenten-Verein, dessen Mit¬ 
glieder sozusagen Mann für Mann durch die zahlreichen Vorträge 
der zwei genannten Ärzte in Arbeitervereinen gewonnen worden 
waren, in der sozialdemokratischen Partei Ansehen und Einfluß 
erlangte, und daß sich ihm der Führer der Wiener Sozialdemo¬ 
kraten med. Dr. V. Adler in einer während des Kongresses in 
Wien abgehaltenen Volksversammlung öffentlich anzuschließen er¬ 
klärte. — Auch die katholische Geistlichkeit wurde durch die Vor¬ 
arbeiten zum Kongresse, vor allem aber durch den Einfluß der 
zum Kongresse nach Wien gekommenen Herren Rektor Neumann 
und Professor P. Weiß (Freiburg) bewogen, an die Organisation 
einer katholischen Mäßigkeits- und Enthaltsamkeitsbewegung zu 
schreiben. — Binnen kurzer Frist zählte man 3 Wiener Arbeiter- 
Abstinenten-Vereine, die sich nachmals zu einem „Arbeiter-Absti¬ 
nentenbund“ vereinigten, einen Verein abstinenter Frauen, einen 
Verein abstinenter Lehrer und Lehrerinnen, den katholischen Mäßig¬ 
keitsverein (nachmals „Kreuzbündnis“), einen abstinenten Jugend¬ 
bund und einen akademischen Abstinentenverein. — Eine andere 
unmittelbare Wirkung des Kongresses war der Erlaß des Unter¬ 
richtsministeriums vom 28. Februar 1902, welcher die Lehrerschaft 
anweist, die Jugend mit allem Nachdrucke auf die Gefahren fort¬ 
gesetzten und übermäßigen Alkoholgebrauchs aufmerksam zu machen, 
die Behandlung dieses Gegenstandes seitens der ärztlichen Dozenten 
an Lehrerbildungsanstalten anordnet und bei Einreihung von neuen 
Büchern in Schülerbibliotheken die Interessen der auf Bekämpfung 
des Alkoholismus abzielenden Bestrebungen wahrzunehmen befiehlt. 

Der Alkoholismus. 1906. 15 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



218 


Dr. Adolf Daum. 


— Auch verfügt dieser Erlaß die Abfassung einer, zur Verteilung 
an Volks- und Bürgerschüler, geeigneten belehrenden Schrift über 
die Gefahren des Alkoholgebrauches. — Dieser Verfügung ent¬ 
sprechend erschien 1904 im k. k. Schulbücherverlage eine Schrift: 
„Was die Jugend vom Alkohol wissen soll“, worin eine gemein¬ 
verständliche Belehrung über die Bedeutung des Alkoholgebrauches 
und -mißbrauches, eine dieselbe klarstellende Erzählung in der Art 
des französischen Schriftchens: „Les trois amis“ folgt. Die Unter¬ 
richtsbehörde hatte sich des Vereins gegen Trunksucht als Vermittler 
bei Herstellung dieser Schrift bedient. 

Im Jahre 1902 erschien auch ein Runderlaß des Ministeriums des 
Innern an die Gewerbebehörden, die Begünstigung ausschankfreier 
Gastgewerbe betreffend. In einzelnen Fällen wurden seither solche 
Gastgewerbe auch tatsächlich konzessioniert, so zuletzt durch Ent¬ 
scheidung des Ministeriums eine von dem Verein abstinenter Frauen 
im „Wiener Volksheim“ betriebene alkoholfreie Wirtschaft — Der 
„Verein der Abstinenten“, dessen Flugblatt „Weg mit dem Alkohol“ 
schon im Jahre 1900 durch die Niederösterr. Arbeiterunfallver¬ 
sicherungsanstalt zur Massenverteilung gekommen und sogar in der 
„Wiener Zeitung“ seinem wesentlichen Inhalte nach veröffentlicht 
worden war, zog durch Verbreitung der von Dr. Fröhlich ver¬ 
faßten Schrift „Alkohol als Krankheitsursache“ den Verband ge¬ 
nossenschaftlicher Krankenkassen ins Interesse. — Der katholische 
Mäßigkeitsverein, dessen Satzungen 3 verschiedene Mitglieder¬ 
gruppen unterscheiden: 1. Mäßige, die sich wenigstens einen Tag 
über in der Woche jedes geistigen Getränks, 2. solche, die sich des 
Genusses destillierter Getränke gänzlich und 3. solche Mitglieder, 
die sich aller geistigen Getränke enthalten, wandte sich bald nach 
seiner Gründung mit einem Rundschreiben an die Bischöfe Österreichs 
mit der Bitte um Unterstützung seiner auf Bekämpfung der herr¬ 
schenden Trinksitten unter den Katholiken gerichteten Bestrebungen, 
und verbreitete im Anschlüsse an das in Deutschland wirksame 
katholische Kreuzbündnis, dessen Namen er in der Folge annahm, 
zahlreiche Schriften unter der Geistlichkeit, unter den Lehrkörpern 
katholischer Unterrichts- und Lehrerbildungsanstalten und Priester- 
seminaren und versorgt auch Volkslesehallen und Volksbüchereien 
mit solchen Schriften. — Er wirkte auch dahin, daß in weit ver¬ 
breitete Schriften, wie den Kneipp-Kalender und den „Barmherzigen 
Samariter“, einer Zeitschrift für Armenpflege, Artikel über die Ge¬ 
fahren des Alkoholismus aufgenommen werden und daß auf katho- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



Die alkoholgegnerische Bewegung in Österreich. 


219 


lischen Wohltätigkeitskongressen die Alkoholfrage eindringlich be¬ 
sprochen wurde, und regte die Bildung eines slovenischen Ab¬ 
stinenten-Vereins (Krain) und eines Priester-Abstinentenbundes 
an. — Gegenwärtig zählt das österreichische Kreuzbündnis, dessen 
Organ die von Pfarrer Neumann in Mündt (Rheinland) redigierte 
Monatsschrift „Volksfreund“ ist, 450, der slovenische Abstinenten¬ 
verein 250 Mitglieder. — 

Die anderen genannten Wiener Abstinenten vereine lassen es 
an reger Tätigkeit im Vortragswesen und in der Schriftenverbreitung 
trotz ihrer meist recht spärlichen Mittel nicht fehlen und pflegen 
sich zu bestimmten Zwecken, namentlich zur Veranstaltung öffent¬ 
licher Vorträge gruppenweise, öfters auch mit dem alten österreichi¬ 
schen Verein gegen Trunksucht zusammenzuschließen. — Schon 
die dem VIII. Intemationlen Kongreß vorausgegangene von Erfolg 
begleitete Agitation für die Sonntagsschließung der Branntwein¬ 
schänken war von dem letztgenannten Verein in Verbindung mit 
dem damals neugegründeten Verein der Abstinenten gemeinsam 
betrieben worden, welcher letztere unter der Arbeiterschaft immer 
größeres Ansehen erwirbt, so daß dessen Einladungen zum Besuche 
öffentlicher Versammlungen stets eine große Zahl auch nicht ab¬ 
stinenter Arbeiter und Arbeiterfreunde entspricht. — Im Sommer 
1904 beschlossen die sämtlichen Wiener Alkoholgegnervereine und 
mehrere in österreichischen Provinzen im Laufe der letzten Jahre 
gegründete Vereine, darunter der Abstinenten verein für Böhmen 
mit dem Sitz in Reichenberg, (seit 1906: „Bund deutscher Alkohol¬ 
gegner in Österreich“), in Brünn und Graz bestehende Abstinenten¬ 
vereine, der mährische Blaukreuz-Verein, die Gründung einer Zen- 
tral-Geschäftsstelle zu gemeinsamer Information, als Auskunft¬ 
stelle und zur Anregung und Veranstaltung gemeinsamer Aktionen. 
— Zwar scheiterte der Versuch, dieser Geschäftsstelle größere Geld¬ 
mittel von auswärts zuzuführen, doch sind seither wiederholt ge¬ 
meinsame Schritte aller oder mehrerer der an dieselbe angeschlossenen 
Vereine zu stände gekommen, so eine Protestversammlung gegen¬ 
über Prof. Hueppes Angriffe auf die Abstinenzbewegung (Mai 1904), 
eine Petition um Zulassung von Jugendabstinenzvereinen (bisher 
erfolglos), eine 1905 abgehaltene Versammlung, auf der Dr. Eggers 
sprach, und in welcher eine Resolution im Sinne von Schankgewerbe¬ 
reformen angenommen wurde, im Mai 1906 eine Volksversammlung, 
auf der Prof. Forel sprach; auch besorgt die Zentralstelle die Zu¬ 
sendung verschiedener Korrespondenzblätter an die einzelnen Ver- 

15* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



220 


Dr. Adolf Daum. 


Digitized by 


eine, vermittelt den Verkehr von Provinzvereinen mit amtlichen 
Zentralstellen, die Prüfung als alkoholfrei in den Handel kommender 
Getränke und Mitteilung des Ergebnisses an die Vereine und ver¬ 
anstaltete eine gemeinsame Beteiligung der österr. Alkoholgegner¬ 
vereine an der Hygienischen Ausstellung in Wien 1906. 

Dem Verein abstinenter Frauen gebührt das Verdienst, 
eine allgemein zugängliche Bibliothek alkoholgegnerischer Schriften 
in Wien gegründet und den Bund österreichischer Frauenvereine 
im Jahre 1905 für die Alkoholfrage gewonnen zu haben; wie be¬ 
reits erwähnt, führt er auch den Betrieb einer nicht ohne Schwierig¬ 
keiten zu stände gebrachten alkoholfreien Wirtschaft in dem 1905 
neugegründeten „Volksheim“, einem der Pflege der Volksbildung 
gewidmeten Hause. — Auch wurde ein den Unterricht betreffendes, 
von dem genannten Vereine verfaßtes Flugblatt mit Zustimmung 
von Unterrichtsbehörden verbreitet 

Dem Verein abstinenter Lehrer gelang es, die Verbreitung 
eines die Eltern vor Verabreichung geistiger Getränke an Kinder 
warnendes Flugblatt durch die Wiener Schulbehörden bei Gelegen¬ 
heit der Schüleraufnahmen zu erwirken. Der abstinente Jugend¬ 
bund, von dem Lehrer Artur Pollak geleitet, schließt junge, der 
Schule entwachsene Leute zu gemeinsamen, geselligen Veranstal¬ 
tungen zusammen und hilft so alkoholfreie Geselligkeit einzubürgern, 
auch durch Redeübungen Vortragende zu gewinnen. 

Von den Provinz-Vereinen sind die in Graz und in Reichen¬ 
berg bestehenden die bedeutendsten. — Dem Grazer Abstinenten¬ 
verein, an dessen Spitze Professor Reinitzer von der technischen 
Hochschule steht, und neben welchem noch ein akademischer 
und ein Arbeiter-Abstinentenverein wirken, — gelang es unter 
anderem im Jahre 1905 eine sehr lehrreiche Ausstellung von An- 
schauungs- und Agitationsmitteln zu veranstalten. In Graz wurde 
auch aus einem bedeutenden Vermächtnisse eine alkoholfreie Wirt¬ 
schaft größeren Stils errichtet. In Reichenberg wurde 1901 der 
„Verein der Abstinenten für das Kronland Böhmen“ gebildet, welcher 
Ortsgruppen in mehreren Städten des deutschen Sprachgebietes 
Böhmens zählt und die Monatsschrift „Der Alkoholgegner“ heraus¬ 
gibt, die durch ihren reichen Inhalt den Beifall vieler, auch außer¬ 
halb Böhmens lebender Alkoholgegner gewann, so daß sie als Organ 
auch mehrerer nichtböhmischer Abstinenzvereine gewählt wurde. 
In jüngster Zeit hat sich dieser Verein zu einem allgemeinen „Bund 
deutscher Alkoholgegner“ umgebildet. — Auch außerhalb des deut- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Die alkoholgegnerisch & Bewegung in Österreich. 


221 


sehen Sprachgebietes ist eine rührige Vereinstätigkeit seit dem 
Wiener Alkoholgegnerkongreß von 1901 zu beobachten. — Von 
dem schon erwähnten mährischen Blaukreuzverein abgesehen, welcher 
neben abstinenten Mitgliedern auch zahlende Nichtabstinente auf¬ 
nimmt und unter slavischen Protestanten seine meisten Anhänger 
zählt, und dem ebenfalls erwähnten slovenischen Abstinentenbund, 
gibt es 2 polnische Alkoholgegner-Vereine, „Trzesvosö“ in Krakau 
und „Elenteria“ in Lemberg, ein „Comitato per lalotta contra l’alcoolis- 
mo“ in Triest und seit Mai 1905 auch einen „Böhmischen Landes¬ 
verein gegen den Alkoholismus“ mit dem Sitze in Prag. 

Wie bemerkt, sind die meisten der Alkoholgegnervereine, wenig¬ 
stens der westlichen Länder, in Fühlung miteinander, ihre Schriften ge¬ 
langen an die Wiener Zentralstelle, die der Geschäftsführer des österr. 
Vereins gegen Trunksucht vorsieht, und von da gehen ihnen die vom 
deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke versandten 
Korrespondenzen, sowie die von Dr. Hänel in Bremen redigierte 
und ein Korrespondenzblatt für österr. Alkoholgegnervereine all¬ 
monatlich zu. — Von den Erfolgen, die der österr. Verein gegen 
Trunksucht in den letzten Jahren erzielt hat, verdient noch die 
Herausgabe des vom Bürgerschullehrer Merth in Paderborn ver¬ 
faßten, zur Einführung von Lehrern in die Alkoholfrage bestimmten 
Buches: „Die Trunksucht und ihre Bekämpfung durch die Schule“, 
vom Unterrichtsministerium empfohlen und angekauft, die Aufnahme 
eines längeren, die Unterweisung der Schule über die schädlichen 
Folgen reichlichen Alkoholgenusses betreffenden Absatzes in die 
neue (1905) Schul- und Unterrichtsordnung und die Herausgabe 
des nach Präparaten des Universitätsinstitutes für pathologische Ana¬ 
tomie (Hofr. Prof. Dr. Weichselbaum) von D. Henning auf Stein 
gezeichneten, von der k. k. Hof- und Staatsdruckerei in Farbendruck 
hergestellten Wandbildes: „Schädigung lebenswichtiger Organe durch 
Alkoholgenuß“ Erwähnung. — Leider sind die Geldmittel, die dem 
österr. Alkoholgegnem zur Verfügung stehen, zu gering, um eine 
mächtige Agitation zu entwickeln. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



222 


Geh. Reg.-Rat v. Schumacher. 


Difitized by 


Comite officiel de tempdrance de St. Pdtersbourg. 

Von 

Geh. Reg.-Rat von Schumacher, St. Petersburg. 1 ) 

Dieser Verein ist 1898 gegründet worden, zur selben Zeit, als 
in Petersburg die Alkoholsteuer eingeführt wurde. Zum Vorsitzenden 
wurde vom Kaiser Se. Hoheit Prinz Alexander von Oldenburg er¬ 
nannt, der sowohl durch seine Gutherzigkeit als auch durch seine 
große Energie bekannt ist. 

Das Hauptziel der offiziellen Mäßigkeitsvereine in Rußland ist, 
den niederen Klassen der Bevölkerung die Mittel zu verschaffen, 
ihre Zeit außerhalb der Wirtschaften, wo Spirituosen verkauft 
werden, zu verbringen. Zu diesem Zweck hat der Ausschuß der 
Stadt Petersburg folgende Einrichtungen getroffen: 

1. Das große „Volkshaus“ (in der Vorstadt von Petersburg 
gelegen), das den Namen seiner Majestät des Kaisers Nikolaus H. trägt. 

2. Ein anderes Gebäude derselben Art in der Vorstadt von 
Schlüsselburg. 

3. —5. 3 Sommertheater (in den Gärten Tamique und d’Exa- 
terinhoff und auf der Insel Petro vsky), in deren Gärten Volksfeste 
veranstaltet werden. 

6. Belustigungen im Freien während des Winters auf der Insel 
Petrovsky. 

7. 2 schwimmende Restaurants. 

8. 1 Gasthof für Arbeiter. 

9. 12 Bibliotheken für die Erwachsenen, in der Nähe der Ele¬ 
mentarschulen in verschiedenen Bezirken der Stadt. 

Das Volkshaus „Kaiser Nikolaus II.“ wurde von dem 
Komitee gebaut und hat ihm ungefähr 1 1 / 8 Mill. Rubel gekostet. 
Das Gebäude ist sehr geräumig, es enthält 3 große Räume, einer 
dient als Theater, der 2. als Versammlungszimmer, und der 3. als 
Erfrischungsraum. Es werden alle Tage Theatervorstellungen ge¬ 
geben, außer Sonnabends und an Vorabenden der Feiertage. Es 
werden Opern und Schauspiele aufgeführt. Zur selben Zeit werden 
auch verschiedene Vorführungen im Versammlungszimmer gemacht: 

l ) In Übersetzung. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Comite officiel de temperance de St. Petersbourg. 


223 


während der Pausen spielt eine Militärkapelle. Der Eintritt in 
das Haus kostet 10 Kopeken, Kinder und Soldaten zahlen die 
Hälfte. Dieses Eintrittsgeld berechtigt nicht allein dazu, den Be¬ 
lustigungen, die ipi Versammlungsräume stattfinden, beizuwohnen, 
sondern auch gewisse Plätze im Theater einzunehmen, Stehplätze 
im Parterre und Gallerie. Diejenigen, die sitzen wollen, können 
Plätze im Parterre und 1. Bang nehmen, die gewöhnlich 25—14,40 
Kopeken, Sonntags und an Feiertagen 50—10 Kopeken kosten. Für 
die Oper sind die Preise höher. Eine gewisse Anzahl von Plätzen 
wird für diejenigen reserviert, die nur den Eintritt zahlen. 

Zu dem Volkshaus gehört noch ein Teil von dem Alexander¬ 
park, in dessen Mitte das Haus gebaut wurde. Dieser wird im 
Sommer zu Volksfesten mit Musik und Belustigungen benutzt. Die 
Vorstellungen im Volkshaus „Nikolaus II.“ werden sehr besucht; 
während des letzten Jahres (1905) waren 1650486 Menschen dort. 
Besonders die guten Aufführungen der historischen Stücke ziehen 
das Publikum an. Neben dem Erfrischungsraum liegt die Küche, 
die nur durch eine Barriere damit verbunden ist, dies ermöglicht 
dem Publikum die Bereitung der Speisen und die Reinigung des 
Geschirrs zu überwachen. Dieselbe Küche dient dazu, am Tage die 
Mittagessen zu ermäßigten Preisen (10 Kop.) herzustellen, 
die von den Armen der Nachbarschaft sehr gern genossen werden. 

Am Sonnabend Abend und den Vorabenden der andern Feier¬ 
tage werden im Versammlungsraum Gottesdienste abgehalten, die 
von den Beamten und der Verwaltung des „Hauses“ besucht werden; 
andere Leute dürfen aber auch daran teilnehmen. Beim Gottes¬ 
dienst singt ein Chor, aus Liebhabern gebildet. — Übrigens kann 
man in den Räumen des Volkshauses Musikstunden nehmen, 
um auf den verschiedenen gebräuchlichen Instrumenten spielen 
zu lernen. 

Endlich hat man dort eine Bibliothek mit Lesehalle ein¬ 
gerichtet, dabei einen Laden, wo man Bücher und volkstümliche 
Broschüren kaufen kann. Aus dem oben Gesagten ist zu ersehen, 
daß das Volkshaus „Nikolaus II.“ eine vortreffliche und um¬ 
fassende Einrichtung ist. Man bekommt dort seine Nahrung, Lek¬ 
türe, Belustigungen, und endlich kirchlichen Trost 

In dem Volkshaus „Nikolaus II.“ ist seit einem Jahre der 
Verkauf von Bier erlaubt. In Rußland wird das Bier als ein alko¬ 
holisches Getränk angesehen, und die Mäßigkeitskomitees haben im 
allgemeinen nicht das Recht, es in den Teehäusem oder den 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



224 


Geh. Reg.-Rat v. Schumacher. 


Digitized by 


Erfrischungsräumen der Yolkshäuser zu verkaufen. Versuchs¬ 
weise wurde auf besondere Bitte des Prinzen von Oldenburg für 
das Volkshaus „Nikolaus II.“ eine Ausnahme gestattet. Seine 
Hoheit meinte, daß, wenn man ein schwaches Bier einführte und 
man zugleich die Büfetts ordentlich beaufsichtigte, man nicht zu 
fürchten brauchte, daß Unannehmlichkeiten vorkämen. Anderer¬ 
seits könnte man meinen, wenn man bedenkt, daß das Bier ein 
Feind der schärferen alkoholischen Getränke ist, daß der Verkauf 
von Bier im Gemeindehaus helfen wird, die Zahl derjenigen zu 
verringern, die sich an Branntwein berauschen. Jedenfalls liegt nach 
der Erfahrung eines Jahres kein Grund vor, zu bedauern, daß der 
Verkauf an Bier erlaubt wurde. Doch kommt es immer vor, daß 
unter den Tausenden von Menschen, die jeden Abend das Volks¬ 
haus besuchen, einige sind, die mehr oder weniger unter dem Ein¬ 
fluß des Alkohols stehen. Bald sind es solche, die sich schon wo 
anders bekneipt hatten, aber deren Trunkenheit in dem Augenblick, 
wo sie das Gemeindehaus betraten, noch wenig zu merken war, 
bald sind es Personen, die kleine Schnapsflaschen in den Taschen 
mitbringen und denen es glingt, heimlich zu trinken. Aber Tat¬ 
sache ist, daß man während des letzten Jahres keine größere An¬ 
zahl solcher Fälle festgestellt hat, als in den vorigen Jahren, wo 
Bierausschank noch verboten war. Dies kann übrigens niemand 
in Erstaunen setzen, der weiß, daß das Bier, das nach besonderer 
Angabe des Mäßigkeitskomitees hergestellt ist, nur 2,14°/ 0 Alk ohol 
enthält, und daß die Menge dieses Getränkes durchschnittlich von 
jedem Besucher des Volkshauses genossen, nicht VlO 1 über¬ 
steigt. Andererseits hat man bemerkt, daß seit dieser Neuerung 
sich die Zahl der Besucher des Volkshauses beträchtlich ver¬ 
größert hat: während des Jahres 1905 wurde das Volkshaus 
„Nikolaus II.“ von 1650000 Personen gegen 1556000 des Jahres 
1904 besucht, also ein Zuwachs von fast 100000 Menschen; da¬ 
gegen hat sich die Zahl der Besucher der anderen Theater und 
Gärten des Mäßigkeitskomitees um 50000 Personen vermindert. 
Diese 100000 für das Volkshaus neu erworbenen Besucher ge¬ 
hörten sicher zu denjenigen Leuten, die an ihr Glas Bier gewöhnt 
sind und die, da sie es nicht bei uns bekamen, gezwungen wurden 
in eine der benachbarten Kneipen zu gehen, wo außer dem Bier 
andere, viel gefährlichere Sorten von Spirituosen verschenkt wurden 
und wo sie zugleich noch anderen Versuchungen ausgesetzt waren. 
Daher glaube ich behaupten zu können, daß in diesem Falle das 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Comite officiel de temperance de St. Petersbourg. 


225 


Bier, ohne irgend welchen Schaden anzurichten, dazu beigetragen 
hat, die Trunksucht zu bekämpfen. 

Nichts ist indessen leichter, diesen in Frage stehenden Ver¬ 
such zu kritisieren, besonders wenn man bedenkt, daß es in der 
russischen Sprache keinen besonderen Ausdruck gibt um die „Mäßig¬ 
keit“ zu bezeichnen. Alle Gesellschaften, die gegen den Alkoholis¬ 
mus kämpfen, heißen Vereine der Mäßigkeit (Nüchternheit), ohne 
einen Unterschied zu machen zwischen Abstinenz und Mäßigkeit 
Und zweifellos, wenn man die Worte „Mäßigkeit“ und „Bier“ ver¬ 
gleicht, ohne die Einzelheiten zu beleuchten, ist es nicht schwierig 
nachzuweisen, daß die beiden Worte nicht sehr miteinander 
übereinstimmen. Andrerseits darf man nicht vergessen, daß die 
Erlaubnis, im Volkshaus Bier auszuschänken, mehr oder weniger 
auf andere Wirtschaften, die Bier verkauften, eingewirkt hat. Aus 
diesen beiden Gründen hat man manchmal die Erlaubnis, im Volks¬ 
haus an die Besucher Bier zu verkaufen, bekrittelt. 

Aber aus dem oben Gesagten ist zu ersehen, daß der Verkauf 
von Bier, unter den Bedingungen, unter denen er im Volkshaus 
„Nikolaus II.“ erlaubt ist, nicht nur keine Unannehmlichkeiten be¬ 
reitet, sondern daß er selbst wünschenswert ist als eins der Mittel, 
das hilft bei dem Volk die Gewohnheit sich durch Branntwein zu 
berauschen, abzuschwächen. — — — Das Volkshaus in der 
Vorstadt. Schlüsselburg verfolgt dasselbe Ziel wie das Haus „Niko¬ 
laus II.“, nur ist alles viel einfacher, da das Gebäude nicht allein 
für diesen Zweck erbaut ist. 

Was die Sommertheater (in Gärten) anbetrifft, so ist schon ge¬ 
sagt worden, daß es deren 3 gibt, in diesen wird nur im Sommer 
gespielt Wenn man die beiden oben erwähnten Volkshäuser 
dazu rechnet sind 5 Plätze vorhanden, wo sich das Volk, das seine 
Zeit außer dem Hause zubringen will, aufhalten kann. 

Der Garten auf der Insel Petrovsky muß aus 2 Gründen be¬ 
sonders erwähnt werden: 1. veranstaltet man in diesem Garten allerlei 
Belustigungen im Freien nicht nur im Sommer, sondern auch im 
Winter (Pantomimen, Gebirgstouren, Schlittschuhbahnen); 2. ist 6s der 
einzige Ort, wo der Eintritt frei ist. Das Komitee hat es sich 
allerdings zur Kegel gemacht dem Volke keine unentgeltlichen Zer¬ 
streuungen zu gewähren; aber hier mußte eine Ausnahme gemacht 
werden, da auf besonderen Wunsch Seiner Majestät des Kaisers 
die Insel Petrovsky seit Jahren für Gratis-Volksfeste benutzt 
wurde. Aber nur der Eintritt ist frei; derjenige, der an irgend einer 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



226 


Geh. Reg.-Rat v. Schumacher. 


Digitized by 


Belustigung tätigen Anteil nehmen, oder einen Platz vor der 
Theaterbühne einnehmen will, muß eine* gewisse Summe zahlen 
(5—18 Kopeken). 

Die schwimmenden Restaurants waren eine sehr nütz¬ 
liche Einrichtung, besonders, wenn man bedenkt, daß Petersburg 
von Flüssen und Kanälen durchkreuzt wird; sie sparen Raum und 
können an den verschiedensten Stellen errichtet werden. Im Winter 
ist ein solches Restaurant im Mittelpunkt der Stadt, während der 
Monate der Schiffahrt im Neuen Hafen, wo es den Aufladern gar 
nicht möglich ist irgendwelche warme Speisen zu bekommen. 

Originell ist auch der Gasthof für die Arbeiter, der nahe dem 
Volkshaus in der Vorstadt Schlüssel bürg eingerichtet wurde. Es 
ist kein einfaches Nachtasyl, wie es so viele in der Stadt gibt, 
es ist ein Gasthof, wo diejenigen, die dort wohnen, auch den ganzen 
Tag bleiben können. Der Gasthof ist versehen mit einer Volks¬ 
küche, Warmbadeeinrichtung und Desinfektionsraum für die Kleider 
derer, die dort wohnen. Es gibt dort keine Einzelzimmer, wenn 
man ein Bett haben will, kommt man in einen großen Raum, wo 
bis 200 Menschen schlafen; aus dem Grunde ist der Gasthof nur für 
alleinstehende Männer. Das Bett kostet 5 Kop. täglich, das Essen 
ist extra zu bezahlen. 

Was die Bibliotheken anbetrifft, so sind sie dazu bestimmt, 
denjenigen Bücher zu geben, die sie zu Hause lesen wollen; die 
Lesehallen sind nicht dicht dabei, denn es ist nicht erlaubt, daß 
sich Erwachsene in den Räumen der Elementarschulen aufhalten. 

Außer den Einrichtungen, die das Volk von den Wirtshäusern 
entfernen sollen, kommt der Mäßigkeitsverein in Petersburg auch 
denen zu Hilfe, die schon unter dem verhängnisvollen Einfluß des 
Alkohols stehen. Man versucht, sie durch Hypnotismus zu heilen. 
Ein Arzt, der besonders dafür engagiert ist, empfängt die Kranken 
zweimal in der Woche in einem der Räume des Volkshauses 
in der Vorstadt Schlüsselburg, wo während des letzten Jahres 168 
Kranke 1309 Besuche gemacht haben, 1904 machten 274 Kranke 
2104 Besuche. Die Zahl der Besuche ist 1905 kleiner geworden 
wegen der politischen Unruhen, die am größten waren in dem Teil 
der Stadt, wo das Volkshaus von Schlüsselburg steht. Man 
versucht, soviel wie möglich die Kranken zu überwachen von der 
Zeit an, wo sie den Arzt besuchen, und man glaubt behaupten zu 
dürfen, daß fast 60% der Kranken geheilt wurden. 

Der Mäßigkeitsverein in Petersburg kommt auch anderen Ge- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Coniite officiel de temperanee de St. Petersbowg. 


227 


Seilschaften und Instituten zu Hilfe, die dasselbe Ziel verfolgeu. Er 
gibt jährliche Beiträge für Volksversammlungen, veränderliche (ohne 
festen Sitz) Museen, dem Verein zum Schutz der jungen Mädchen, 
der Gesellschaft der Növa für Volksbelustigungen, die allein 60000 
Rubel erhielt, für den Bau eines Theaters in der Vorstadt Schlüssel¬ 
burg, wo sich viele Fabriken und Werkstätten befinden. 

Der Verein erhält von der Krone eine jährliche Unterstützung 
von 400000 Rubel. Ein Teil dieser Summe dient dazu, die täg¬ 
lichen Ausgaben zu decken, wenn die Einnahmen des Vereins nicht 
reichen; große Summen mußten verausgabt werden für den Bau 
des Volkshauses, der Theater, der schwimmenden Restaurants, 
Möbel und andere Gegenstände, die für diese Einrichtungen nötig 
sind. Bis zum 1. Januar dieses Jahres hatte der Verein für un¬ 
bewegliches Gut 2000000 Rubel und für Mobiliar die Summe von 
500000 Rubeln verausgabt 

Das ist ein Bild von dem, was der Mäßigkeitsverein in Peters¬ 
burg leistet Der Prinz von Oldenburg, der das wahre Ober¬ 
haupt des Vereins ist, indem er alles anregt, was von dem Verein 
geschaffen wird, hat Grund zu sagen: „Feci, quod potui, faciant 
meliora potentes“. Aber er begnügt sich nicht mit dem, was er 
bisher geschaffen hat, sondern er möchte selbst noch den Anteil 
dieser „meliora“ vervollständigen. Da die Zahl der Arbeitslosen in 
Petersburg so groß ist, gedenkt Seine Hoheit, die Tätigkeit des 
Mäßigkeitsvereins zu erweitern, indem er die Volksmenge mit 
Nahrungsmitteln versorgt. Daher will er Speisehäuser einrichten 
und bewegliche Küchen, die von Menschen oder Pferden oder 
gar mit Hilfe von Automobilen befördert werden. Zugleich hat 
er geplant, im Volkshaus „Nikolaus II.“ Volks-Kunst-Vorträge 
einzurichten, die einige der hervorragendsten Professoren halten 
wollen. Diese Maßnahmen vervollständigen zweifellos auf würdige 
Art das große Werk des Mäßigkeitsvereins in Petersburg und werden 
einst noch deutlicher beweisen, wie gut der Kaiser gewählt hat, 
als er den Prinzen von Oldenburg zum Vorsitzenden des Vereins 
machte. 


Berichte über Deutschland, Holland, Schweden, die Schweiz 
erscheinen im nächsten Heft. 


Digitized by 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



228 


Digitized by 


II. Referate. 

Laible, Friedrich Johannes. Ober die Wirkung kleiner Alkoholgaben auf den 
Wärmehaushalt des tierischen Körpers. Inaugural-Dissertation. Halle-Witten¬ 
berg 1905. Halle. Heynemannsche Buchdruckerei. 

Verfasser kommt zu folgenden Ergebnissen: 

1. Die Steigerung der Wärmeabgabe nebst geringer Temperaturemiedrigung 
ist eine spezifische Wirkung kleiner Alkoholgaben. 

2. Zugleich wird — bereits durch kleine, aber wirksame Alkoholgaben — 
die gesamte Wärmeproduktion .im Körper verringert, und zwar umso auffallender, 
je größer die Gabe. 

3. In einer ersparenden Wirkung für die Wärmeproduktion schließt sich 
der Alkohol dem Traubenzucker an, aber, da er ungleich schneller verbrennt als 
dieser, so erspart der Organismus während der Verbrennungsdauer mindestens 
einen beträchtlichen Anteil an seinem normalen Verbrennungsmaterial. 

4. Wenn die Alkoholwirkung in der Tat eine erhöhte Sauerstoffaufnahme 

zur Folge haben sollte, so hat sich für eine solche Wirkung eine Aufklärung 
durch die Untersuchungen des Verfassers nicht ergeben. F. L. 


Ratzeburg, Hans. Über Vorkommen und Ätiologie der Arteriosklerose, nebst einigen 
anhangsweisen symptomatischen Bemerkungen. Aus der Universitäts-Frauenklinik 
zu Breslau. Dissertation. Breslau. 1905. 58 S. 

Eine ganz besondere Bedeutung hat nach den Untersuchungen des Ver¬ 
fassers der Alkohol über die Entstehung der Arteriosklerose. Er fand bei 156 
Arteriosklerosen bei Männern den Alkohol nicht weniger als 73 mal als ätiologisches 
Moment angegeben; bei Frauen fand er 9mal Alkoholismus in 117 Fällen. Ge¬ 
hört auch das untersuchte Material zum größten Teil den Klassen an, bei denen 
man dem Alkoholismus am meisten begegnet, so tritt trotzdem die Bedeutung des 
Alkoholismus als ätiologischer Faktor für die Entstehung der Arterienverkalkung 
klar hervor. So stellten auch Liebermeister und Guenau de Mussy den 
Alkohol an die erste Stelle. Auch Traube, v. Strümpell, Edgren, Gutni- 
koff, Hirsch, Graßmann, Klemperer und fast alle Autoren betonen die 
Bedeutung des Alkohols. Huchard und Lanceraux heben hervor, daß der 
Alkohol vor allem fettige Degeneration der Arterienwand hervorzurufen im stände 
sei, welchen Prozeß sie als Arteriosteatosis bezeichnen. 

Auf welche Weise der Alkohol die Arterien Veränderungen hervorzurufen 
im stände ist, ist noch ungeklärt. Immerhin scheint die Annahme einer Lähmung 
der Gefäßmuskulatur (Gutnikoff) der Beachtung wert zu sein, denn es ist be¬ 
kannt, daß der Alkohol im allgemeinen eine lähmende Wirkung hat. Diese 
Lähmung müssen wir auch bezüglich des Vasomotorenzentrums annehmen, wissen 
wir doch (Filehne), daß „der Alkohol eine im Gesicht beginnende und dann 
auch die gesamte Hautoberfläche betreffende Erweiterung der Hautgefäße hervor- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Referate. 


229 


ruft, welche ein leichtes Sinken des gesamten Blutdruckes veranlaßt“. Immerhin 
aber unterliegt es keinem Zweifel, daß der chronische Alkoholismus sehr wohl 
eine Erhöhung des arteriellen Blutdruckes hervorzurufen vermag. Romberg ist 
der Ansicht, daß durch den Alkohol hervorgerufene Schwankungen im Tonus der 
Gefäße es seien, die zur Entwicklung der arteriosklerotischen Veränderungen 
führen. F. L. 


Bibliographie. 

Erstes Vierteljahr 1906. 

Zusammengestellt von Bibliothekar Peter Schmidt, Dresden. 

Alcoholbestrtjding in de Vereenigde Staten. (Soc. Weekbl. 14. Okt. 05.) 
Äilevi, G., L’alcoolismo. (Der Alkoholismus.) Handbuch. (XI, 221 p.) Milano, 
U. Hoepli, L. 2.—. 

Alkohol, der, als Heilmittel. (Volkswohl Nr. 4, 25. I. 1906.) 

Alkohol im Eisenbahnbetriebe. (Deutsche Warte, Nr. 10., 11. I. 06.) 

Alkohol und Kind und die Aufgaben der Schule im Kampfe gegen den Alkoholismus. 

(Württbg. Schulwochenblatt 1905, S. 314—818 u. Nr. 41.) 

Alkoholfrage, die. Vierzehntägige Korrespondenz als Redaktionsmaterial für die 
Presse. V. Jg. 1906. Herausgegeben von Franziskus Hähnel. Bremen. 
Alkoholfrage und Klassenkampf. (Die Neue Gesellschaft 1905, Nr. 25.) 
Alkoholgehalt der Fruchtsäfte. (Wochenschr. für Chemieu. Pharmazie 1905, Nr. 29.) 
Alkoholismus bei Schulkindern. (Volkswohl, Nr. 17, 26. IV. 1906.) 
Antialkohol-Kapitel, vom. (Volkswohl, Nr. 6., 6. II. 1906.) 

Aronade, Otto: Die Alkoholpsychosen in der psychiatrischen Klinik zu Frei- 
burg i. B. 1887—1905. Diss. (25 S.) Freiburg i. B., Spever & Kaerner. 
Mk. —.80. 

Aschaffenburg. Die plötzliche Entziehung von Alkohol bei Trinkern. (Monatsschr. 

tür Kriminalpsychologie, 1905, 10. Heft.) 

A8tnu8sen, G. Der Künstlerrausch u. der Rausch des Künstlers. 2. Aufl. 

(19 S.) Flensburg, Deutschlands Großloge H. Mk. —.10. 

Asmussen, G . Mäßigkeit oder Totalenthaltsamkeit. (Deutschland 06. März. 
S. 680—684.) 

Baar8 f Ernst. Aus tiefstem Elend. Eine Szene aus dem Leben m. deklamator. 
Umrahmg. u. leb. Bilde. 4. Aufl. (15 S.) Flensburg, Deutschlands Gro߬ 
loge II. Mk. —.20. 

Bachmann, M. Der Nutzen u. Schaden des Rauchens u. Trinkens. (39 S.) 

Schweidnitz. i. Schl., P. Frömsdorft M. —.40. 

Bedeutung öffentlicher Lesehallen im Kampfe gegen den Alkoholismus. (Comenius- 
blätter.für Volkserziehung, 1905, S. 115 ff.) 

Beiträge zur Alkoholfrage I—IV. (Reichs-Arbeitsblatt, 1906, Nr. 1 bis 4.) 
Berginan, Joh. Den syenska nykterhetsrörelsen. Kort historisk framställning. 
. 2: a öfvers. uppl. (Die Schwedische Temperenzbewegung. Kurze historische 

Beschreibung.) (55 S.) Stockholm, Bonnier. Kr. —25.. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



230 


Bibliographie. 


Digitized by 


Beurdeley, P. L'Education antialcoolique. (84 p.) Paris, Delagrave. Fr. 1.—. 
Bewegung im Gast- u. Schankwirtschaftsgewerbe, Ausschank von Branntwein u. 
Flaschenbierhandel. (Statistisches Jahrbuch f. d. Kgr. Bayern, München 
1906, S. 86 ff.) 

Bieling. Notwendigkeit, Alkohol in ärztlichen Heilanstalten u. in den Apotheken 
zu verbannen. (Zeitschrift für Krankenpflege, Berlin 1905. S. 369—377.) 
Bier, das. Illustr. Wochenschrift f. Ernst u. Scherz, Humor u. Satyre. Den 
deutschen Bräuem, Wirten u. Gästen gewidmet. Red.: Cöl. Haertl. Jahrg. 
1906. 52 Nrn. München, Gebr. Haertl. Vierteljährlich Mk. 1.20. 

Bier als Nahrungsmittel. Eingabe an den Bundesrat vom „Verein abstinenter 
Ärzte des deutschen Sprachgebietes“ u. des „Allg. d. Zentralvereins zur 
Bekämpfung des Alkoholismus“. (Korr. „Die Alkoholfrage“ v. 1. XII. 05.) 
Bierbrauerei und Bierbesteuerung im Großh. Hessen im Rechnungsjahr 1904. 
(Mitteilungen d. Gr. Hessischen Zentr. für die Landesstatistik, Nr. 810 v. 
IX. 1905.) 

Bierbrauerei, die Entwicklung der sächsischen. (Volkswohl, Nr. 12, 
22. HI. 1906.) 

Bierbrauereien, Bierbesteuerung etc., ferner Branntweinbrennerei u. Branntwein¬ 
besteuerung etc. im Großh. Baden. (Statistisches Jahrbuch 1904 u. 1905. 
Karlsruhe 1906, S. 682 u. 662.) 

Bierproduktion im Königreich Bayern. (Statistisches Jahrbuch f. d. Kgr. 
Bayern. München 1906, S. 105.) 

Billings, J. S., Eliot , C. W., Peabody, Greenwood, Francis, and others; The 
liquor problem. (9, 182 p.) Boston, Houghton, Mifflin & Co. Doll. 1.—. 
Boas, K. Über Alkoholismus in Schulen. (Z. f. Krankenpflege 1906, S. 106—111.) 
Bojsen. Bekämpfung des Alkoholismus in Neu-Seeland. (In seiner Schrift: 

Das Land der sozialen Reformen. Leipzig, Dietrich, S. 31—33.) 

Bonhöffer . Beruf und Alkoholdelikte. (Monatsschr. für Kriminalpsychologie 1905, 
10. Heft.) 

Bonne, Geo . Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung f. die Unsittlichkeit nebst 
deren Folgen. Den deutschen Frauen als Hüterinnen deutscher Sitte gewid¬ 
met. Vortrag. 2. Aufl. (25 S.) Leipzig, Tienken. Mk. —.25. 
Brännvinsförsäijning och Brännvinsutskänkare i Stockholms Stad Är 1904. 

(Statistisk Irsbok för Stockholms Stad. Stockholm 1905, S. 100, 211—215.) 
Branntwein, der, als neue Steuerquelle. (Brennerei-Zeitg. 1906, Nr. 667 u. 668.) 
Branntweinbrennerei u. -Besteuerung im deutschen Branntweinsteuergebiet 
1904/5. (Vierteljahreshefte z. Statistik d. D. R. 1906, Heft 1.) 
Branntweinproduktion im Kgr. Bayern. (Statist Jahrbuch. München 1906, 
S. 107.) 

Branntweinsteuergesetz, das deutsche, in der seit 1. Oktober 1902 geltenden 
Fassung. (Finanzarchiv, 28 Jg. I. Bd., S. 300). 

Brauer, Job. Emst. Edelkom! Skizze zur Antialkoholbewegg. Eine gemein- 
verständl. Darstellg. nebst erschöpf. Vorschlägen zur vernunftgemäßen Lösg. 
der Alkoholfrage. (44 S.) Leipzig, A. Hasert & Co. Mk. —*50. 
Brausteuer , gegen d. Gesetzentwurf, betr. die Erhöhung der —. (Mitt. der 
Handelskammer für d. Rg.-Bz. Posen. 2 Jg., Nr. 1. S. 8—12.) 

Brieglep- Worms. Etwas von den Wassersimpeln. Dresden, Holbeinstraße 105. 
(8 S.) M. —.10. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 


231 


Briotet. L’Alcool industriel. (26 p.) Melun, Impr. administrative. 

de Brouckkre, L. Le socialisme et l’alcool. (L’Avenir soc. 1906, p. 87—43.) 

Brüggemann. Ein Beitrag zur Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs. (Preußisches 
Verwaltungsblatt, Nr. vom 10. März 1906.) 

Carles, J. Pere, reviens! drame antialcoolique, en deux actes. (40 p.) Cahors, 
imp. Coueslant. Fr. —.75. 

Clerget, P. Le monopole de l’alcool en Suisse. (Rev. Econ. int. 06. Jan. 
p. 150—160.) 

Calla, E. Gegenwärtiger Stand der Alkoholikerbehandlung. (Mediz. Klinik 1905, 
S. 1364—1869.) 

Dekret, betr. die Unterdrückung des Betrugs bei der Herstellung von Weinen 
u. betr. das Regime für die Spirituosen in Frankreich u. Algier vom 
25. Novbr. 1905. (Veröff. d. Kais. Gesundh.-Amtes 1906, Nr. 13.) 

Delautiay, H. L’Alcoolisme. (32 p.) Paris, Vigot freres. Fr. 1.50. 

Dreßler s. Urlaub. 

Egger, Augustin . Bemerkungen über den Genuß geistiger Getränke. (Kneipp- 
Kalender 1906.) 

Eliot s. Billings. 

Elster, A . Das Interesse der Frau an der Alkoholfrage. Frauenbewegung 06. 

Elster, L . Alkoholfrage. (Elsters Wörterbuch der Volkswirtschaft, 2. Aufl. Jena 1906. 
Bd. I, S. 7 ff.) 

Erlaß des (preußischen) Ministers der öffentlichen Arbeiten betr. Verbot des Ge¬ 
nusses alkoholischer Getränke während des Dienstes. Vom 20. Novbr. 1905 
(Ministerialblatt für mediz. Angel t 1906. S. 58 u. Veröff. des Kais. Gesund¬ 
heitsamts 1906, Nr. 14.) 

Esche, A. Politik und Alkohol. Sonderabdruck aus „Alkoholfrage u , Dresden, 
0. V. Böhmert 1906. (18 S.) 

Feilbogen, Siegm. Alkoholmonopol und Spiritusexport. (18 S.) Wien, Verlag des 
österr. Handelsmuseums. Mk. —.60. 

Finsk alkoholstatistik. (Statsvetenskaplig Tidskr. 06, 1. p. 67—71.) 

Fischer. Mein letztes Glas Wein! (ln: Hennig, Taten Jesu in unseren Tagen, 
Hamburg, 1905.) 

Fördelningen af brännvinsmedlen enligt den nya förordningen ongäende för- 
säljing af brännvin. (Ekonomisk Tidskrift, Stockholm 1906, Heft 1.) 

Flade, E. Zur Alkoholfrage. (Hygienische Rundschau, 1905, S. 921—984, 1081 
bis 1901.) 

Flugblätter des Blauen Kreuzes. I. Serie, enth. 100 Exemplare 8 seit. Flugblätter 
Nr. 1—6. Barmen, Elim, Buchh. des Blauen Kreuzes. Mk. 1.—. 

Forel, A. Alkohol und Geschlechtsleben. (Berliner klin.-therap. Wochenschrift 1905, 
8, 951—962.) 

Freimut, Hans. Aus meinem Tagebuch. Erinnerungen eines einsamen Blau- 
kreuzlers. (82 S.) Barmen, Elim, Buchh. des Blauen Kreuzes. Mk. —.15. 

Friedland, F. Tabak- und Alkoholblindheit. (Gesundheitslehrer, Warnsdorf 
1905, S, 107.) 

Friderich, Mathäus. Wider den Sauffteuffel. Nach dem ersten Drucke (Leipzig 
1552 bei Georg Hantsch) neu herausgegeben. (51 S.) Kötschenbroda, Thal- 
witzer. Mk. —.30. 

Getränke, neutrale. (Volkswohl Nr. 4, 25. I. 1906.) 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Digitized by 


232 Bibliographie. 

Glos. Alkohol und Verbrechen. (Archiv für Kriminal-Anthropologie und Krimina¬ 
listik, 20. Bd., Heft 1 u. 2.) 

Graßl . Trunksucht als Entmündigungsgrund. (Friedrichs Blätter für gerichtliche 
Medizin und Sanitätspolizei 1905, S. 259—268.) 

Grawitz. Alkoholismus als Vergiftungsursache. (In seinem Jahresbericht der 
Charlottenburger Krankenhäuser für 1904, Charlottenburg 1906, Abschnitt: 
„Die Vergiftung“.) 

Greenwood s. Billings. 

Gn'penberg, Alexandra. Kvindlig betjäning pä utskänkningsstallen. (Weibliche 
Bedienung in Schankwirtschaften.) (Dagny, Stockholm 1905, p. 398—401.) 

Höhnet, F. Der X. intern. Kongreß gegen den Alkoholismus. (Volkstümliche Zeit¬ 
schrift für Arbeiterversicherung, 1905, S. 403.) 

Hansson , Joh. Jordvärdebeskattning i stället för rusdrycksbeskatting. Nykter- 
hetsvännemas skatteprogramm. (GrundWertbesteuerung an Stelle der Besteue¬ 
rung der geistigen Getränke. Das Steuerprogramm der Nüchtemheitsfreunde.) 
(21 p.) Stockholm, A. Bergmann. 80 Öre. 

Hartmann, A. Über Trinksitten unter der Berliner Schuljugend. (In seinem 
„Bericht über die Tätigkeit der Berliner Schulärzte i. J. 1904/5, Berlin 1906, 
S. 6 u. ff.) 

Hartwich, C. Die Verbreitung alkoholischer Genußmittel auf der Erde. Vortrag. 
Berlin C, Denter und Nikolas (17 S.) 

Haw , J. Die Mäßigkeitsbewegung im Jahre 1905. (Soziale Kultur 1906, S. 49.) 

Heyne, M. Das deutsche Wirtshauswesen im Mittelalter. (Montagsblatt der 
Magdeb. Zeitung Nr. 16, 17. IV. 1906.) 

Hitler, Ed. Die Genußmittel der Völker. (48 S.) Zürich, E. Richter. Mk. —.80. 

Hirschfeld, Magnus. Alkohol und Familienleben. 1.—8. Aufl. (24 S.) Berlin- 
Charlottenburg, F. Stolt. Mk. —.25. 

Hoffmann, Hans. Vom guten und schlechten Wein. (63 S.) Stuttgart, Cotta 
Nachf. Mk. —.25. 

Holitscher , A. Die Grundlagen der modernen Alkohol-Abstinenzbewegung. (Der 
Kampf, 05. Nov. p. 21—26.) 

Holitscher. Biergenuß bei Cholera- und Typhusgefahr. (Nachr. d. Kgl. Gesellschaft 
d. Wissenschaften zu Göttingen. Mathem.-phys. Klasse. 1905, S. 281.) 

Holitscher . Der X. intern. Kongreß gegen den Alkoholismus. (Prager med. Wochen¬ 
schrift 1905, S. 585.) 

Industrie, alkoholfreie. Zentralblatt für die Herstellung und den Vertrieb von 
alkoholfreien Getränken, Mineralwässern, Limonaden und natürlichen Brunnen. 
Zugleich Organ für rationelle Ernährung und für Körperpflege, sowie zur Be¬ 
kämpfung des Alkoholismus. Red. von Dr. E. Luhmann. 8. Jahrg. Juli 
1905—Juni 1906. 24 Nrn. Dresden, 0. V. Böhmert. Vierteljährlich Mk. 1.20. 

Jahresbericht, 22., des Dresdner Bezirks Vereins und des Sächsischen Landes¬ 
verbandes gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 1905. Anhang: Meinert, 
Dr. med.: Die Heilung Alkokolkranker im Kgr. Sachsen. Dresden 1908. (70 S.) 

Josephson. Der Kampf der innern Mission gegen die Trunksuoht. (Verhand¬ 
lungen des XXXIII. Kongresses für innere Mission in Leipzig 1905, S. 227.) 

Juda . Über das Delirium tremens. Diss. Rostock. Berlin (42 S.) 

Juliusburger, 0. Der X. intern. Kongreß gegen den Alkoholismus. (Das freie 
Wort 1905, S. 561—566.) 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Bibliographie. 233 

Kampf\ der, gegen den Alkoholmißbrauch. (Flugblatt Nr. 8 des „Volksvereins“, 
M.-Gladbach 1906.) (4 S.) 

Kartner, Heinrich, Brauereibesitzer in Frankenstein i. Schl. Alkohol und Eisen¬ 
bahndienst. (Der Tag. Nr. 27 v. 16. I. 1906.) 

Kassowitz, J. Der X. intern. Kongreß gegen den Alkoholismus in Budapest und 
seine Beziehung zu den Frauen und zur Erziehungsfrage. (Neues Frauenleben, 
Wien, 1905, Nr. 9.) 

Keferstein, Geo. Die Alkoholfrage und ihre Lösung. (2. Aufl.) (15 S.) Berlin. 
Buchh. des deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bundes. Mk. —.10. 

Kelynak, T. N. Alkohol Problem in its Biological Aspect. (142 p.) London, 

R. J. James. 2 s. 

Keminy, Fr. Geschlechtliche Aufklärung und Abstinenz. (Z. Realschulwesen 
[Wien] 06. l.p. 18—22.) 

Klar. Rettung Trunkfälliger. (Monatsschrift für innere Mission, 1905, 

S. 435—489.) 

Klawitter, Karl. Zur Alkoholfrage. 2. Aufl. (20 S.) Berlin, Buchh. des deut¬ 
schen Arbeiter-Abstinenten-Bundes. Mk. —.10. 

Kicer, A. N. Statistikens betydning for aedruelighedsarbeidet. (Die Bedeutung 
der Statistik für die Temperenzarbeit.) (28 p.) Kristiania, H. Tande, Hol- 
bergsgd. 23, 05. Kr. —.20. 

Koch, Otto . Die Alkoholfrage. (56 S. mit Abb.) München, Zentralverband der 
christl. Hilfs- und Transportarbeiter Deutschlands. Mk. —.20. 

Koch. Die Alkoholfrage. Vorträge. München,Selbstverlag,Schulstraße 14.Mk.— .20. 

Kohn s. Otto. 

Körner, F. Temperenz und Hausapotheke. (Gesundheit in Wort und Bild, 
Berlin 1905, S. 719—725.) 

Kummer, J. Alkohol u. Pauperismus. (Blätter für Schulgesundheitspflege, 1905, 
S. 121-126 u. 133-137.) 

Laienbedenken über Statistiken. [Statistik des Genusses alkoholischer Getränke 
und ihrer Wirkung auf Lebensdauer und Gesundheit.] (Brennerei-Zeitung, 
Nr. 671 v. 13. April 1906.) 

Laitiner, T. Einfluß des Alkohols auf Widerstandsfähigkeit der menschlichen 
und tierischen Organe. (Berliner klin.-therap. Wochenschrift, 1905, 
S. 1199—1206.) 

Laquer f B. Alkoholismus und Arbeiterfrage. (Mediz. Klinik, 1905, S. 1045.) 

Lenken, C. Vorsicht bei Beurteilung von Branntwein-Arzeneien. (Apotheker¬ 
zeitung, 1905, S. 609.) 

Loeb, Oswald . Die Wirkung des Alkohols auf das Warmblüterherz. Diss. 
Heidelberg. Leipzig. (24 S.) 

Marcuse, J. Alkohol und Infektion. (Wiener klinische Rundschau, 1905, S. 618.) 

Marcuse, J. Alkoholkonsum der arbeitenden Klassen. (Blätter für Volksgesund¬ 
heitspflege, 1905, S. 249.) 

Marty, E. Alkohol und Armenpflege. (Armenpfleger, Zürich 1905, S. 25—28.) 

Materialien zur Frage der Brausteuererhöhung im norddeutschen Brausteuerge¬ 
biet. Hrsg, auf Veranlassung des wirtschaftlichen Ausschusses der Versuchs¬ 
und Lehranstalt für Brauerei in Berlin. (VH, 70 8.) Berlin, Parey, Mk. 1.—. 

Meyer, Henri. Alphabetisch register op de drankwet. Met een voorwoord van 
Fr. A. Kokosky. (80 p.) Amsterdam, A. van Klaveren, 05. 

Der Alkoholismus. 1906. IQ 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



234 


Bibliographie. 


Difitized by 


de Miomandre, M. La lutte contre Falcool. Historique du mouvement d’abstinence. 
1 vol. (192 p.) Brux., 0. Lamberty. Fr. 2.50. 

Mostertrag in Preußen 1905. (Statistische Korr. Nr. 6 v. 10. Febr. 1906.) 

National temperance almanac and the teetotaler’s year book, for 1906; ed. by 
Ja. B. Dünn. (71 p.) New York, National Temperance Soc. and Publi- 
eation House. 10 c. 

Otto R. u. S. Kohn . Untersuchung alkoholfreier Getränke. (Zeitschrift für 
Untersuchung der Nahrungs- u. Genußmittel. Berlin 1905, S. 240.) 

Oudart, Al. Enseignement anti-alcoolique dans les ecoles. (Bull, de la Soc. med. 
beige de temperance 05. Heft 41, p. 643—647.) 

Paulus. Kampf wider den Alkoholismus. (Med. Korrespondenzblatt des Württbg. 
ärztlichen Landesvereins, 1905, S. 692.) 

Peabody s. Billings. 

Petersen, J. Die Irreführung des deutschen Volkes durch die Presse. Hamburg, 
Geschäftsstelle des Vereins abstinenter Lehrer, Alsterglacis 10. 

Pfaff. Kampf wider den Alkoholismus. (Korrespondenzblatt des württbg. ärzt¬ 
lichen Landes Vereins, 1905, S. 612.) 

Popert, Hermann M. Die Grundlagen der deutschen Abstinenzbewegung. 
(Politisch-anthropologische Bevue, IV. 6.) 

Potthoff\ H. Ein deutsches Branntweinmonopol? (Der Tag, Nr. 31 v. 18,1. 1906.) 

Raadgever, de goede. Almanak van de Nederlandsche Vereeniging tot afschaf- 
fing van alcoholhoudende dranken voor het jaar 1906. 49e jaargang. (93 S.) 
St. Anna-parochie, J. Kuiken. fl. —.10. 

Reetz-Siedkotv. Landflucht und Gasthausreform. (Das Land, 1906, Nr. 12.) 

Reichsarbeitsblatt, das, und die Alkoholfrage. (Volkswohl, Nr. 8, 22. H. 1906 
u. Nr. 12, 22. IH. 1906.) 

Restaurants ohne Alkoholzwang. (Blatt für Volksgesundheitspflege, 1905, S. 347.) 

Roller , K. Gegen die Trunksucht. (Pastor bonus, 1905, S. 441—446.) 

Roniberg . Alkohol bei der Krankenbehandlung. (Med. Korrespondenzblatt des 
Württbg. ärztlichen Landesvereins, 1905, S. 805.) 

Ross, D. M. Plea for Temperance Legislation. Lord Peel’s Proposals for 
Scotland. (82 p.) London, Maclehose. 1 s. 

Rosenfeld, G. Der Alkohol als Heilmittel? (Deutsche medizinische Presse, 
1906, Nr. 1.) 

Rosenfeld, G . Alkohol u. Geschlechtsleben. (Zeitschr. für Bekämpfung der 
Geschlechtskrankheiten, 1905. S. 821—326.) 

Ryser, Alb. Jubiläumsbericht (1880—1905) des Blaukreuzvereins der Stadt Bern. 
(II, 44 p.) Bern, Agentur d. Blauen Kreuzes. 

Salgö, J. Der X. int Kongreß gegen den Alkoholismus. (Pester med. Presse, 
1905, S. 929—934.) 

Schanz, Besprechung von: Lippert, Das Alkoholmonopol. (Finanz-Archiv, 23. Jg. 
1. Bd., S. 449.) 

Scharffenberg, Johan . Alkohol som nydelses-middel og lidt om tobak, kaffe og 
te. (Der Alkohol als Nahrungsmittel und ein paar Worte über Tabak, Kaffee 
und Tee.) (112 p.) Kristiania, Det norske Totalafholdenhedsselskabs fori. 

Scheven, K. Alkoholismus und Unsittlichkeit. (Der Abolitionist, 1905, S. 71—75.) 

Schlöß, H. Geistesstörungen der Trinker. (Die Irrenpflege. Halle 1905, 
S. 1—5, 37 ff.) 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 


235 


Schmidt, F. U. Die moderne Arbeiterbewegung und der Kampf gegen den 
Alkoholismus in Holland. 2. Aufl. (15 S.) Berlin, Buchh. des deutschen 
Arbeiter-Abstinenten-Bundes. M. —.10. 

Schneider, John. Alkoholfreie Geträuke. (Illustriertes Jahrbuch. Volkskalender 
für das Jahr 1906. Berlin, Berliner Tageblatt) 

Schröder, F . Wie bewährt sich das „Blaue Kreuz u als Arbeit der inneren 
Mission? (Monatsschr. für innere Mission, 1905, S. 302—309.) 

Schulte, Joh. Beruh. Kurzer Überblick über die geschichtliche Entwickelung 
des französischen Weinbaues vornehmlich in den letzten 50 Jahren. Diss. 
Bonn. Bonn. (44 8.) 

Schwarz, P. Das russische Alkoholmonopol. (Handelsakademie, Leipzig 1905.) 
Schwarz, J. Staat contra Alkohol. (Pester med.-chir. Presse, 1905, S. 987—994, 
1011-1016.) 

Schwimmer, R. Kampf gegen den Alkoholismus. (Schweiz. Bl. für Wirtschafts- 
u. Sozialpolitik, 1905, S. 498—501.) 

v . d. Schulenburg. Heimlicher Ausschank geistiger Getränke u. seine Bekämpfung. 
(Zeitschr. für Polizei- u. Verwaltungsbeamte. Berlin 1905, S. 465—467, 
481—484.) 

Siebei, J. Die Bekämpfung des Alkoholismus durch die Frauen. (N. Frauenleb. 
1906, 3. p. 3—7.) 

Sofer, L. Pro et contra Alcohol. (Medizin. Blätter, Wien 1905, S. 411.) 
Stadelmann . Gegen die Schnapspest. (In seinem Jahresbericht über das Berliner 
Krankenhaus „Am Friedrichshain 11 pro 1905.) 

Starke, J. Die Berechtigung des Alkoholgenusses. Wissenschaftlich begründet 
und allgemein verständlich dargestellt v. e. Physiologen. (XXIV, 256 p.) 
Stuttgart, J. Hoffmann. M. 4.—. 

Stegmann . Die Behandlung Alkoholkranker. (Dresdner Anzeiger, 25. II. 1906.) 
Steuer auf Bier. (32. Volksversammlung des deutschen Handelstages. Berlin 
1906, S. 28—50.) 

Taquet, P. Rapport general fait au nom de la commission extraparlementaire 
des alcools, vins et spiritueux. (774 p.) (Minist, des fin.) Paris, Impr. nah, 05. 
de Terra, 0. Alkohol und Verkehrssicherheit. (D. MSchr. ges. Leben Gegenw. 
06. Febr. p. 663—670.) 

de Terra . Die Fortschritte der Enthaltsamkeitsbewegung 1905. (Alkoholfrei. 
Ind. 06. 17., p. 196—199.) 

de Terra . Nochmals Alkohol und Eisenbahndienst. (Tag, Nr. 87. 17. II. 1906.) 
den Tex, G. M. Gedwongen verpleging van drankzuohtigen. (Tijdschr. voor 
armenzorg en kinderbescherming 06. 20. Jan.) 
du Thil, A. H. L’Alcoolisme. Lois des equivalences physiologiques et leur 
application ä Talcoolisme pour en donner la cause et le remede. (32 p.) 
Paris, l’auteur, 7, rue du Commandant-Lamy. Fr. —.20. 

Thrap, Segelcke. Alkohol og forbrydelse. (Alkohol und Verbrechen.) Foredrag. 
(23 p.) Kristiania, Landskomiteen for afholdsundervisning. Hulda Tande, 
Holbergsgd. 23. Kr. —.15. 

Traumwahn eines Alkoholikers. (Volkswohl, Nr. 12 v. 22. III. 1906.) 
Trinkerheilstätte Waldfrieden. (Concordia, 1906, Nr. 7.) 

Trinkerrettungsbrigade der Heilsarmee. (Die Umschau, 1905, Nr. 40.) 

Tropfen , vom „guten“. (Volkswohl, Nr. 17. 26. IV. 1906.) 

16 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 


Digitized by 


Unfallverhütung und Alkoholgenuß. (Reichs-Arbeitsblatt 1905, Nr. 12.) 

Urlaub, A., u. Dreßler, P. Feucht-Fröhliches für den Buchhandlungsgehilfen- 
Yerein. 2. Heft. (28 S.) Leipzig, Buchhandlungs-Gehilfen-Verein. Mk. —.25. 

Vandervelde, E. Essais socialistes: L’alcoolisme pp. Paris, Alcan. 1905. Fr. 6.— 

Verhandlungen und Anlagen der Kartellenquete über die Verbände in der deutschen 
Spiritusindustrie am 8., 9. u. 10. Februar 1906. (Besondere Beilagen zum 
„Deutschen Reichsanzeiger“ 1906, Nr. 70—77.) 

Verwendung von ausländischem Verschnittwein in Württemberg 1905. (Mitt. 
d. Kgl. statistischen Landesamts 1906, Nr. 3.) 

Verzeichnis der Distriktslogen u. der untergeordneten Logen v. Deutschlands 
Großloge II des Independent Order of Good Templars. Anh.: 1. Verzeichnis 
der Jugendlogen. 2. Alphabetisches Verzeichnis der Logennamen u. Logen¬ 
orte. Novbr. 1905. (224 S.) Mk. —.50. 

Vesterager } A. Hvad kan vi göre for Danmarks 3000 Alkoholister? (Was 
können wir für die 3000 dänischen Trunksüchtigen tun?) (34 p.) Holstebro, 
Emil Ottesen. Kr. —.40. 

Vogt, R. Om drikkeskikke og alkoholisme. (Trunksucht und Alkoholismus.) 
Foredrag. Landskomiteen for afholdsundervisning. Hulda Tande. Holbergsgd. 
23. Kr. —.10. 

Waldschmidt . Die Antialkoholbewegung im Jahre 1905. (Concordia, Nr. 8. 
15. IV. 1906.) 

Wehmer, R. Praktische Erfahrungen bei der Entmündigung Trunksüchtiger. 
(Ärztliche Sachverständigen-Zeitung 1905, S. 293.) 

Weinbau u. Weinhandel in Ungarn 1904. (Handel u. Industrie Ungarns 1904, 
Budapest 1905, S. 61—70.) 

Weinmost-Ernte im Jahre 1905. (Vierteljahrshefte zur Statistik d. D. R. 1906, 
1. Heft.) . 

Weinstatistik, die schweizerische. Bearbeitet vom Schweizerischen Verein 
analytischer Chemiker. 5. Jahrg. Die Weine des Jahres 1904. Zürich 1906. 

Wert, sozialer, der alkoholischen Getränke. (Die Umschau 1905, Nr. 50.) 

Werner , E. Stellung der höheren Schule zur Alkoholfrage. (Pädagogisches Archiv, 
Braunschweig, 1905, S. 416-429.) 

Weiß, Wilh . Erziehung und Schule im Kampfe gegen den Alkoholismus. (Ztschr. 
f. Schulgesundheitspflege 05. 12. p. 838—843.) 

Wettbewerb zwischen Bier und Wein. (Volkswohl, Nr. 8, 22. II. 1906.) 

Weymann. Alkohol und Arbeiterversicherung. (Deutsche Arbeiterzeitung 1906, 
Nr. 16.) 

Wider den Trunk. I. Serie. (250 S.) Traktate. Neumünster, G. Ihloff & Co., 
Mk. —.20. 

Wirtschaften u. zum Branntweinkleinhandel berechtigte Geschäfte Ende 1902 und 
1903. (Statistisches Jahrbuch des Ghzgt. Baden! 1904 u. 1905. Karlsruhe 1906, 
S. 747.) 

Wolf-Reiboldsgrün. Alkohol und Tuberkulose. (Beitrag zur Klinik der Tuber¬ 
kulose 1905, S. 239—268.) 

Wulf . Der Intelligenzdefekt bei chronischem Alkoholismus. Diss. Berlin (110 S.). 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



287 


IIL Mitteilungen. 

Aus den Trinkerheilstätten. 1 ) 

St.< Armahaus. Heilstätte für nerven- und alkoholkranke Frauen in .Mündt- 
Titz veröffentlicht (auf rosa Papier) den ersten Bericht über die Zeit von der 
Eröffnung (21. Juni 04) bis zum 31. Dezember 1905. Über die Grundsätze ist 
folgendes gesagt: „Bei Beurteilung der Heilerfolge ist der Grundsatz festzuhalten, 
daß der größte Feind der Heilung eines Trinkers die Wiederkehr auch zu einem 
mäßigen Alkoholgenusse ist. Hiervon ausgehend haben wir bei der Zusammen¬ 
stellung der Heilresultate für drei Gruppen folgende Gesichtspunkte zu Grunde 
gelegt: 

1. Als abstinent gelten nur solche, welche seit der Entlassung als überzeugte 
Abstinenten sich aller geistigen Getränke enthalten haben. 

2. Als teilweise gebessert solche, welche, ohne trunksüchtig zu sein, geistige 
Getränke mäßig genießen. 

3. Als Rückfällige, welche wieder unmäßig getrunken haben. 

Nur die erste Gruppe der überzeugten Abstinenten, die als solche entlassen 
sind und als solche sich bewährt haben, gelten für unsere Heilerfolge als eigent¬ 
lich gebessert, die zweite und dritte Gruppe als fraglich bezw. ungebessert. 

Aus der Statistik ist folgendes mitzuteilen: 

Seit der Eröffnung sind 50 Patientinnen aufgenommen, wovon 40 wieder zur 
Entlassung kamen. Hiervon waren zum dritten Male rückfällig in der Heilstätte 
3; es waren darin 12 Monate 9; 8 Monate bezw. 7 Monate je 1; 6 Monate 7; 
5 Monate 4; 4 Monate 5; 3 Monate 4; 2 Monate 6; 14 Tage 2. — Von den 40 
Entlassenen sind abstinent geblieben 22; teilweise gebessert 11; rückfällig 7. 
Interessant ist auch, daß von 157 Anfragen, worauf Prospekte pp. gesandt wurden, 
nur 50 Patientinnen kamen, und zwar einige erst nach einem Jahr seit der An¬ 
frage — das ist leider nichts Ungewöhnliches. Eine weitere nicht minder be¬ 
dauerliche allgemeine Indolenz bildet die zweite Klage in dem Jahresbericht, 
„man hilft nicht genug mit u , heißt es da sehr richtig. Es wird ein Neubau pro¬ 
jektiert auf einem ca. 5 Morgen großen Grundstück. 


St Kamillushaus. Katholische Heilstätte für Alkohol- und Nervenkranke bei 
Werden-Heidhausen, hat soeben seinen 4. Jahresbericht versandt; er besagt, daß 
im verflossenen Jahre zu den vorhandenen 55 Patienten 127 hinzukamen. Von 
den also entstandenen 182 Pfleglingen wurden wieder im Laufe des Jahres 138 
entlassen, von ihnen waren 19, 18, 16, 15 Monate lang in der Heilstätte gewesen 
je 1; 13 Monate 2; 12 Monate 4; 11 bezw. 9 Monate je 2; 8 Monate 3; 7 Mo¬ 
nate 8; 6 Monate 34; 5 Monate 11; 4 Monate 5; 3 Monate 24; 2 Monate 19; 
1 Monat 16; unter 1 Monat 4 Patienten. 21 Kranke waren 20—30 Jahre alt; 
48 Pat. 30—40 Jahre; 37 Pat. 50—60; 6 Pat. 60-70; 2 Pat. 70—80. Dem 


J ) Die Vorstände von Trinkerheilstätten werden dringend gebeten, Berichte 
über ihre Tätigkeit einzusenden. D. Red. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Digitized by 


238 Mitteilungen. 

Bericht des Anstaltsarztes Dr. Spelten gemäß, waren von den 138 Entlassenen 
nachweislich 29 erblich belastet, bei 40 Pat. wurde die diesbezügliche Angabe 
verweigert. 15 Kranke waren wegen Trunksucht entmündigt. Es werden 7 
Gruppen unterschieden: 1. Alkoholismus (einfache Trunksucht), woran 16 Pat. 
litten, „wenn der Alkoholmißbrauch erst kürzere Zeit bestand und keine besonderen 
körperlichen Veränderungen vorhanden waren; es handelt sich außerdem noch 
nicht um ausgesprochene Sucht 41 . 2. Chronischer Alkoholismus (60 Pat.) „Be¬ 
stehen richtiger Sucht, Unfähigkeit ohne Alkohol zu arbeiten; Schädigung ver¬ 
schiedener körperlicher Organe 44 . 3. Chronischer Alkoholismus mit Alkohol¬ 
epilepsie (15 Pat.), vorausgesetzt wird hierbei, daß „die Epüepsie erst nach 
längerem Alkoholmißbrauch in die Erscheinung getreten war und nach Abstinenz 
verschwand 44 . 4. Delirium bei chron. Alkoholismus (22). 5. Delirium und Epi- 
lepsia alcoholica (8). 6. Dipsomanie (3). Korsakowsche Psychose (1). Außerdem 
waren in Behandlung Morphinismus (1), Neurasthenie (3), Epilepsie gen. mit 
Alcoh. chron. (1), Psychopathia (4), Idiotismus (2), Pfleglinge (2;. Nach den 
Grundsätzen, welche im St. Annahause maßgebend sind, wird auch hier ver¬ 
fahren, und demgemäß nach Abzug von solchen Entlassenen, welche verstorben, 
geisteskrank, in andere Krankenanstalten überführt wurden pp. die 93 Entlassenen 
also beurteilt: 46 geheilt, 20 gebessert und 27 rückfällig. 9 Patienten, welche 
in dem Jahre entlassen wurden, waren zum zweiten Male in der Anstalt; 3 wurden 
davon geheilt; 5 waren zum dritten Male in der Anstalt, und hiervon konnten 
3 als geheilt, 1 gebessert entlassen werden. Für die Tätigkeit der Heilstätten- 
leitung nach außen ist die richtige Erkenntnis über den Wert und die Dauer 
der Heilresultate die Entfaltung einer Arbeit maßgebend geworden, die vollen 
Anspruch auf Anerkennung verdient. Ausgehend von der Tatsache, daß nur 
dann von einem Dauererfolg die Bede sein kann, wenn das Übel an der Wurzel 
angefaßt und ausgerottet wird, ist man bemüht, allüberall Ortsgruppen des Kreuz¬ 
bündnisses zu gründen, um in die Familien belehrend und unterstützend einzu¬ 
dringen und so die entlassenen Pfleglinge dauernd unter gewisser Kontrolle zu 
halten. Es kommt bekanntlich nicht allein darauf an, daß man in einer Heil¬ 
stätte einzelne Heilerfolge erzielt, sondern daß man über das Individuum hinaus 
die Familie zur Erkenntnis bringt und dort Einfluß zu gewinnen sucht; nur da¬ 
durch wird man wirklich retten können, was zu retten ist. 


Die Dresdner Trinkerheilanstalt in Klingenberg ist aufgehoben worden. 


Heilstätte „Seefrieden“ in Cunnertswalde, begründet vom Sächsischen Volks¬ 
heilstätten-Verein für Alkoholkranke, hat nach dem neuesten Bericht in der Zeit 
vom 1. November 1903 bis zum 31. Dezember 1905 im ganzen 62 Alkoholkranke 
aufgenommen; von den im Jahre 1905 entlassenen 28 Patienten wird gesagt, 
daß 15 bis dahin enthaltsam geblieben seien (8 waren in Abstinenz vereine ge¬ 
treten). Keiner Organisation angehörig, aber rückfällig geworden, waren 7 und 
über weitere 6 konnte nichts positives festgestellt werden. Daraus wird der 
Wert der Angehörigkeit zu einer Abstinenzorganisation gefolgert und der weitere 
Schluß, gezogen, daß, je mehr derartige Vereine in Sachsen vorhanden seien, desto 
mehr Heilerfolge zu erwarten stehen; berechnet man doch, daß im Königreich 
Sachsen (bei 4V t Millionen Einwohnern) mindestens 20000 Trunksüchtige seien, 
wobei auf 9 männliche 1 weibliche Person komme. Aus diesem Grunde faßt der 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Mitteilungen. 


239 


Verein ins Auge, auch demnächst eine Anstalt für Frauen zu errichten. Zunächst 
aber ist der Grundstein zu einem eignen Heim für Männer in Cunnertswalde, als erste 
sächsische Volksheilstätte für Alkoholkranke gelegt, das Gebäude mit 20 Kranken¬ 
betten soll Ende September dieses Jahres fertig werden. Dr. Meinert-Dresden 
ist unentwegt bemüht, das Zustandekommen und das Unternehmen selbst zu 
sichern, um auch in Sachsen etwas Gutes zu schaffen; er hat die ärztliche Leitung 
in Händen, während Pastor Rühle vom Brüderhaus Moritzburg die wirtschaftliche 
Leitung und die Seelsorge ausübt; die Verwaltung selbst liegt einem Hausvater 
(Moritzburger Bruder) ob. 


Heilstfttte „Waldfrieden“. Nach dem (Heft 3, S. 164 mitgeteilten ausführ¬ 
lichen) Bericht über das Jahr 1905 sind zu den am 1. Januar vorhandenen 
32 Patienten 252 Kranke aufgenommen. Der jüngste Patient zählte 22, de r 
älteste 82 Jahre. Die Patienten gehörten allen möglichen Berufsklassen an; es 
waren 159 verheiratet, 67 ledig, 7 geschieden und 4 getrennt. Auf eigene Kosten 
wurden 55 verpflegt, während in 35 Fällen Krankenkassen, 2 (!) mal eine Landes¬ 
versicherungsanstalt, 3 mal Berufsgenossenschaften eintraten, 155 Patienten aber 
auf öffentliche Kosten verpflegt wurden, daran war die Stadt Berlin mit 50, die 
Provinz Brandenburg mit 72, die Provinz Sachsen mit 27 Kranken beteiligt. 
2 Freistellen konnten gewährt werden. 

Es kamen 138 Patienten zur Entlassung, der Durchschnittsaufenthalt hierbei 
betrug — leider — nur 110 Tage. 29 Patienten mußten in andere Anstalten 
zurückverlegt werden bezw. entwichen aus der Heilstätte, 3 verstürben. Läßt man 
diejenigen Kranken außeracht, die nur bis 6 Wochen in der Heilstätte waren, 
so sind unter den 45 Selbstzahlern 20 (44,4%) geheilt, 13 (29%) gebessert, 
12 (26,6%) ungeheilt zu oetrachten. Von den übrigen 36 Kranken, die auf 
öffentliche p. p. Kosten verpflegt waren, sind 11 (30,6%) geheilt, 13 (36,1%) 
gebessert, 12 (33,3%) ungeheilt entlassen. Am Jahresschluß wies die Heilstätte 
nur 146 Kranke auf. 


Von den Schweizer Trinkerheilstätten liegt ein Bericht über 1904 von Elli- 
kon vor, aus dem zu entnehmen ist, daß sich diese Heilstätte noch auf der Höhe 
hinsichtlich der daselbst erzielten Resultate hält dank der außerordentlichen Tätig¬ 
keit und aufopfernden Hingabe ihres Leiters Boßhard, der sich zwar dahin 
äußert, daß das Krankenmaterial in den letzten Jahren nicht besser geworden 
sei. Zu einem Bestand am 1. Januar kamen im Laufe des Jahres 73 Pfleglinge, 
wovon 13 zwangsweise (7 für 12 Monate, 2 für 9, 4 für 6 Monate) überwiesen 
wurden: 60 traten freiwillig ein, hiervon verpflichteten sich 4 für 12 Monate, 
2 für 9 Monate, 54 für 6 Monate. An chron. Aikoholismus litten 26, an chron. 
Alkoh. mit Delirium 12; an Psychopathie 3; an Alkoholepilepsie 3; an Trunk¬ 
sucht mit und ohne Psychopathie 17; Trunksucht mit Alkoholneuritis 2; Trunk¬ 
sucht mit Idiotie und Debilität 5. Von den 70 Entlassenen mußten 4 ausgewiesen 
werden, es kamen weitere 16 durch ihre Renitenz und Einsichtslosigkeit, durch 
körperliche und geistige Gebrechen u. s. w. zur baldigen Entlassung, so daß nur von 
60 ein Resultat zu verzeichnen ist. Hiervon wurden nun 35 (70%) als abstinent 
geblieben aufgeführt, 8 (16%) halten sich, ohne abstinent zu leben, 7 (14%) indes 
sind rückfällig. — Interessant ist es zu erfahren, welche Dauererfolge Ellikon 
aus den früheren Jahrgängen aufzuweisen hat. Da sind aus den ersten 11 Jahren 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



240 


Mitteilungen. 


Digitized by 


1889/99 von 447 Entlassenen abstinent 218 (48,7°/ 0 ); gebessert 87 (19,4%); 
ungeheilt 142 (31,7%). Von den 5 Jahren 1900/04 stehen verzeichnet abstinent 
geblieben 162 (59,5%); 53 (19,4%) halten sich gut, obwohl nicht abstinent; 
57 (20,9%) sind rückfällig. Das ist ein so hervorragendes Resultat, daß man 
Ellikon und seiner tapferen Leitung hierzu nur gratulieren kann. Es ist aus¬ 
drücklich gesagt, daß nur solche Patienten als geheilt betrachtet werden, welche 
wirklich abstinent leben, und es heißt weiter: „Bei den ersten Jahrgängen zeigt 
sich immer noch der nachteilige Einfluß des damaligen zu kurzen Aufenthaltes 
von nur 3—4 Monaten 14 — auch das ist sehr beachtenswert! — 


„Nüchtern“, die bekannte Berner Heilstätte, der Pfarrer Marthaler vor¬ 
steht, hat im Jahre 1904 zu den vorhandenen 15 Pfleglingen 45 aufgenommen, 
wo ton 12 an einfacher Trunksucht, 8 an chron. Alkoholismus, 13 an Delirium, 
3 an Geistesschwäche litten. Es kamen 40 Kranke zur Entlassung, wovon unter 
1 Monat 5; 8—4 Monate 4; 5—6 Monate 26; 7—9 Monate 1; 10—12 Monate 2 
und darüber 1 blieben. Die erzielten Erfolge sind: 9 (25%) abstinent, 5 (14%) 
gebessert, 19 (52%) rückfällig, 3 (9%) unbekannt. Von den in den Jahren des 
Bestehens 1891/1904 gehabten Erfolgen wird erwähnt, daß unter 441 Entlassenen 
21% abstinent geblieben sind, 11% sich gehalten haben, ohne abstinent zu leben, 
39% rückfällig und 29% verschollen sind ; es ist somit rund ein Drittel mit Er¬ 
folg in der Heilstätte gewesen. 


„Zieglerstift“ bei Hasenweiler b. Ravensburg ist als erste württembergische 
Trinkerheilstätte am 1. August eingeweiht; näheres darüber folgt. 


Erwähnenswert ist ferner, daß der Verein der Trinkerheilstätten in der 
Provinz Sachsen im Anschluß an die Landesirrenanstalt Uchtspringe eine Trinker¬ 
heilstätte zu gründen beabsichtigt; ein geeignetes Gelände ist bereits gefunden; 
es ist dies das erste Mal (nach dem Vorgehen von „Waldfrieden“), daß eine 
Trinkerheilstätte in Anlehnung an eine Landesirrenanstalt, offenbar mit provin¬ 
ziellem Charakter ins Leben gerufen wird. 


Der Deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke hält seine Jahres¬ 
versammlung am 2.-4. Oktober in Karlsruhe ab. Gleichzeitig tagt daselbst der 
Verband der Trinkerheilstätten des deutschen Sprachgebietes. — Besichtigung der 
Heilstätte in Renchen. 


Der IV. Deutsche Abstinententag wird am 5.—7. Oktober in Barmen-Elber¬ 
feld seine Jahresversammlung abhalten. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Der Alkoholismus 

Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage 
1906 Neue Folge — Band III No. 5 


L OriginalabhandlungeiL 


Streiflichter aus den Jahresausgaben deutscher Städte. 

Ein Beitrag zur Frage der Belastung der Gemeinden 
durch die Folgen des Alkoholismus. 

Von. 

Stadtrat Kappelmann, Erfurt 

Auf Veranlassung des Zentralverbandes zur Bekämpfung des 
Alkoholismus habe ich am 21. April 1906 in der Berliner Uni¬ 
versität einen Vortrag gehalten über „die Belastung der kommu¬ 
nalen Etats durch den Alkoholismus“. 1 ) Die Sammlung des Materials 
hierfür hat manche interessanten Daten ergeben, die hier — ergänzt 
durch verschiedene später eingelaufenen Auskünfte — etwas aus¬ 
führlicher behandelt werden sollen. 

Es war na. an 100 deutsche Städt e-ein Fragebogen versandt 
worden, der kurzgefaßt folgende Fragen enthielt: 

1. Einwohnerzahl. 

2. Angabe des Berichtsjahres. 

3. Gesamtausgaben der Stadtverwaltung. 

4. Gesamtausgaben der städtischen Armenverwaltung. 

5. Ausgaben für städtische Krankenhäuser. 

6. Summe der Ausgaben der offenen Armenpflege, die nach¬ 
weislich aus Veranlassung vorliegender Trunksucht entstanden sind. 

7. Desgl. der geschlossenen Armenpflege (Unterbringung in 
Irren- und Krankenanstalten, Kinderpflege wegen Trunksucht der 
Ernährer u. s. w.). 

8. Sonstige Ausgaben ä conto Trunksucht (z. B. Kosten der 
Unterbringung von Trinkern in Trinkerheilanstalten, Beiträge an 
Vereine u. s. w.). 

9. Verminderung des prozentualen Gemeinde-Einkommensteuer¬ 
zuschlages bei Wegfall der Ausgaben zu 6 bis 8. 

*) Im Druck erschienen im Preußischen Verwaltungsblatt Jahr¬ 
gang XXVII Seite 687 ff. (Verlag von Carl Heymann, Berlin). 

Der Alkoholismus. 1906. 17 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



242 


Stadtrat Kappelmann. 


Digitized by 


Yon den befragten 100 Städten haben 80 geantwortet, die 
übrigen 20 haben geschwiegen. Yon den 80 Antworten waren 26 
rein negativen Inhalts hinsichtlich der Fragen 6 bis 9. Es heißt 
da entweder: Zahlen lassen sich nicht anführen, weil Feststellungen 
nicht gemacht, weil sie unmöglich sind, oder: Fälle sind nicht be¬ 
kannt, oder: Dergleichen Ausgaben and hier nicht gemacht worden 
(soll heißen: nachweislich nicht gemacht worden!), die notwen¬ 
digen Unterlagen fehlen u. s. w. Yon den übrigbleibenden 54 Aus¬ 
künften gibt weiter noch eine ganze Reihe nur unbestimmte Ant¬ 
worten, die aber doch einen gewissen Wert haben. So heißt es u. a.: 
„Zweifellos ist die Ursache der Armut in vielen Fällen der über¬ 
mäßige Schnapsgenuß“ (so Aurich). Ferner: „Wenn wir auch an¬ 
nehmen müssen, daß hier der Grund zu Armenunterstützungen 
mitunter auf den Mißbrauch geistiger Getränke zurückzuführen 
ist, so sind bisher hierüber keine Erhebungen angestellt worden, 
welche als sicheres Material zu verwenden sind“ (so Krefeld). „Die 
Aufwendungen haben nicht einen solchen Umfang angenommen, 
daß bei ihrem Wegfall eine Ermäßigung des Steuerzuschlages hätte 
eintreten können“ (so Stargard i. P.). „Es darf angenommen werden, 
daß bei einem erheblichen Prozentsätze der in offener Pflege 
befindlichen Pflegefälle die Grundursache der Hilfsbedürftigkeit 
Trunksucht gewesen ist“ (Hamburg). „Im Yerhältnis zur Gesamt¬ 
ausgabe der Armenpflege ist diese Summe wohl nicht sehr er¬ 
heblich“ (Stralsund). „Es läßt sich im allgemeinen sagen, daß 
eine erhebliche Zahl der hier entstandenen Pflegefälle auf Trunk¬ 
sucht zurückzuführen ist“ ^Chemnitz). „Der Betrag steht jeden¬ 
falls nur in einem ganz geringen Yerhältnis zur Gesamt¬ 
ausgabe“ (Wandsbek). „Der Anteil ist nur gering“ (Aurich). 
,^Hierauf dürfte ein fast verschwindender Bruchteil entfallen“ 
(Weimar). 

Es sind diese allgemein lautenden Urteile hier angeführt, um 
zu zeigen, wie verschieden die Auffassung der Stadtbehörden über 
den Einfluß der Trunksucht in denjenigen Fällen ist, in denen man 
eine nähere Untersuchung nicht angestellt hat, sich vielmehr auf 
eine allgemeine rein subjektive Auffassung stützt Daß die mit¬ 
geteilten vielfach recht optimistischen Annahmen der Wirklichkeit 
gegenüber schwerlich standhalten dürften, sei im Hinblick auf die 
weiterhin zu streifenden zahlenmäßigen Belege hier nur in Paren¬ 
these bemerkt 

In einer anderen Reihe von Städten fanden sich zwar Aus- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Streiflichter aus den Jahresausgaben deutscher Städte. 248 

gaben ä conto des Alkoholismus vermerkt. Doch handelte es sich 
dabei um nur vereinzelte Posten oder um verhältnismäßig so gering¬ 
fügige Summen, daß sie zu einer Vergleichung nicht wohl geeignet 
waren. Es spielten hier namentlich Jahresbeiträge von 10, 20, 50 Mk. 
und mehr an den Deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger 
Getränke, Vereine zur Begründung von Trinkerheilstätten u. s. w. 
eine Rolle. Interessant ist dabei, daß die Stadt Barmen 800 Mk. 
an zwei Abstinenzvereine strengster Observanz gibt Gleich zu 
behandeln waren die Auskünfte über einzelne Leistungen zur Be¬ 
kämpfung der Trunksucht, so z. B. Kosten der Unterbringung eines 
Trinkers in einer Trinkerheilanstalt, wenn außerdem weitere Auf¬ 
wendungen nicht aufgezählt und jene Leistungen verhältnismäßig 
gering waren. 

Näher dem erstrebten Ziele kamen schon diejenigen Antworten, 
welche eine Schätzung der Belastung des Armenetats durch den 
Alkoholismus enthielten. In ähnlichen Gegensätzen, wie die oben 
mitgeteilten ganz allgemeinen Urteile, bewegen sich diese Schätzungen, 
und es sei gestattet, sie hier im einzelnen wiederzugeben. Zur 
Würdigung der angegebenen Schätzungsziffem ist in Klammem 
die Höhe der gesamten jährlichen Armenlasten dabei vermerkt. 
Schwerin i. M. schätzt diese Belastung auf „ungefähr 100 Mk.“ 
(bei 288850 Mk. Gesamtausgaben = 0,04°/ 0 !); Kiel nimmt „etwa 
1 °/ 0 “ an (739000 Mk.) ; Gotha rechnet 2,60 °/ 0 heraus (Gesamtaus¬ 
gabe fehlt); Delitzsch: 10°/ 0 (14580 Mk.); Göttingen: 10°/ 0 
(1055Ö0 Mk.); Celle: 25% (79000 Mk.); Danzig: „etwa 30°/ 0 “ 
(1123810 Mk.); Kattowitz endlich nimmt gar 65°/ 0 an (179850 Mk.). 
Die Unterschiede sind, wie man sieht, ganz gewaltig. Und wenn 
man selbst zugeben will, daß diese Schätzungen nicht blindlings 
hingeschrieben sind, sondern auf Erfahrung und näherer Erwägung 
der lokalen Verhältnisse beruhen, so wird man ihnen doch einen 
für statistische Zwecke oder selbst nur für eine Vergleichung brauch¬ 
baren Wert nicht beimessen dürfen. Für die Statistik sind diese 
Zahlen schon um deswillen nicht verwendbar, weil es ja doch nur 
wenige sind. Man kann z. B. aus ihnen unmöglich folgern wollen, 
die Trunksucht habe in Kattowitz 1625mal stärker auf die Ver¬ 
armung als Ursache eingewirkt, als in Schwerin i. M.! Immerhin 
schienen diese Antworten interessant genug, um sie hier wieder¬ 
zugeben und damit zu zeigen, wie einzelne Stadtverwaltungen die 
Frage beurteilen. 

Bevor ich nun auf die mit positivem Zahlenmaterial ausge- 

17* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSTV 



244 


Stadtrat Kappelmann. 


statteten Auskünfte eingehe, mögen einige Ausführungen hier wieder¬ 
gegeben werden, die das Wesen der Sache selbst treffen und gerade 
darum vielleicht besser geeignet sind, ein zutreffendes Urteil über 
den Einfluß der Trunksucht auf die Belastung des kommunalen 
Haushaltes herbeizuführen, als die nackten Zahlen an und für sich. 
Es ist dankbar zu begrüßen, daß einige Stadtbehörden die erbetene 
Auskunftserteilung zur Veranlassung genommen haben, sich grund¬ 
sätzlich über die Frage auszusprechen und so wertvolles Material 
zu ihrer Beleuchtung und — soweit dies überhaupt möglich — zu 
ihrer Lösung beizusteuem. An die Spitze gestellt sei hier Frank¬ 
furt a. M., das man wohl, ohne anderen Stadtverwaltungen zu 
nahe zu treten, heute als eine Hochburg zielbewußter sozialer Be¬ 
strebungen bezeichnen darf — mag nun die Förderung dieser Be¬ 
strebungen dort von der städtischen Verwaltung unmittelbar aus¬ 
gehen oder in den hinreichend bekannten sonstigen Instituten Frank¬ 
furts für soziale Wissenschaft und Praxis gegründet sein. Der 
Leiter des dortigen Waisen- und Armenamts, Stadtrat Flesch, schreibt: 
Die Beantwortung der Frage halten wir für unmöglich. Der Ein¬ 
fluß der Trunkenheit auf die Armenpflege ist zweifellos sehr groß. 
Ziffernmäßig feststellen läßt er sich nicht, gerade, weil kaum ein 
Fall der Armenpflege — mit Ausnahme der Unterstützung von 
Witwen und Waisen infolge des durch Unfälle verursachten vor¬ 
zeitigen Todes des Vaters oder der Mutter — ohne eine Mitwirkung 
des Alkohols sein wird, bei welchem man nicht direkt oder indirekt 
einem übermäßigen oder unnötigen Alkoholkonsum eine Mitwirkung 
zuschreiben könnte. Die Frage ist nur, ob der übermäßige Alkohol¬ 
konsum die einzige Ursache oder eine mitwirkende Ursache, 
oder nur die Folge der Verarmung war; und ob der Konsum, den 
man als unnötig bezeichnen kann, eine Folge der Unkenntnis 
(der Trinker hält Alkohol für kräftigend und nährend) oder des 
Leichtsinns war. (Hierzu mag bemerkt werden, daß es für die 
Frage nach der Belastung des Gemeindehaushaltes durch den Al¬ 
koholismus natürlich gleichgültig ist, ob der Alkoholmißbrauch der 
Unkenntnis oder dem Leichtsinn zuzuschreiben ist Diese ver¬ 
schiedenen Quellen des Lasters sind nur wichtig für die Frage 
nach der Methode seiner wirksamen Bekämpfung!) — Die Armen¬ 
kommission in Gotha führt aus: Unsere Statistik belehrt uns zwar 
darüber, daß z. B. im letzten Jahre 2,60 % aller Unterstützungsfälle 
auf Trunksucht unmittelbar zurückzuführen sind; es würde auch 
allenfalls möglich sein, zu ermitteln, welche Aufwände uns diese 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Streiflichter aas den Jahresausgaben deutscher Städte. 


245 


Fälle verursacht haben. Weil aber von den anderen Verarmungs*- 
Ursachen sehr viele (in jenem Jahre z. B. „Krankheit“ mit 51,71°/ 0 j 
„Arbeitslosigkeit“ mit 4,37 °/ 0 , „körperliche und geistige Gebrechen“ 
mit 9,93 °/ 0 , „Gefahr der Yerwahrlosung der Kinder“ mit 4,45%, 
„Arbeitsscheu und liederlicher Lebenswandel“ mit 2,65%, „Ver¬ 
lassen vom Ernährer“ mit 4,02%) sicher auch am letzten Ende 
zum Teil im Mißbrauch geistiger Getränke begründet sind und es 
ganz unmöglich ist, eine zuverlässige Scheidung, insbesondere auch 
der erwachsenen Aufwände, vorzunehmen, läßt sich die gestellte 
Frage nicht beantworten. Soweit uns statistische Erhebungen über 
Verarmungsursachen bekannt sind, begegnen wir diesem Mangel 
einer Scheidung' zwischen unmittelbarer und mittelbarer Einwirkung 
der Trunksucht überall und wir glauben annehmen zu müssen, daß 
ebenso wie hier auch anderwärts alle Bemühungen, ihn zu be¬ 
seitigen, bisher fehlgeschlagen sind. — Der Stadtsyndikus von 
Oldenburg schreibt: Bei der Beantwortung der Fragen sind die 
Wirkungen des Alkohols auf die Armenpflege nur insoweit berück¬ 
sichtigt, als die Trunksucht die alleinige und unmittelbare Ur¬ 
sache. der Hilfsbedürftigkeit. ist Tatsächlich ist natürlich die Be¬ 
lastung des kommunalen Etats durch den Alkoholismus erheblich 
größer. Inwieweit der Alkoholismus mittelbar die Ursache der Ver¬ 
armung ist, läßt sich nicht ziffernmäßig angeben, sondern nur 
schätzen. In wie vielen Fällen wird z. B. ein Trinker bei seinem 
Tode seine Familie in hilfsbedürftigem Zustande zurücklassen. Wie 
viele, die infolge von körperlicher oder geistiger Minderwertigkeit 
der Armenpflege zur Last fallen, haben ihr Gebrechen der Trunk¬ 
sucht ihrer Väter zu verdanken. Wenn man den Alkohol auch als 
mittelbare Ursache der Verarmung betrachtet, so wird man nicht 
zu hoch schätzen, wenn man annimmt, daß die Hälfte aller Unter- 
stützungsfälle in der hiesigen Gemeinde auf den Alkoh'olmiß- 
brauoh zurückzuführen ist. — Aus Paderborn berichtet man: 
Zweifellos ist auch hierorts der Alkohol zum größten Teil schuld 
an den ’ Armenkosten. Bei den Kosten, die er den Städten ver¬ 
ursacht, ist auch'zu beachten, daß verminderte Leistungsfähigkeit 
der Bureau-, und Exekutivbeamten, vorzeitige Pensionierung, Witwen- 
und Waisengelder von Beamten Mehrausgaben verursachen, die dem 
Alkohol zur Last zu legen sind. — Elberfeld schreibt: Selten ist 
Trunksucht die alleinige oder Hauptursache; in der Regel tritt 
Arbeitsscheu (Müßiggang) als Hauptursache hinzu. Deshalb .lassen 
sich die Fragen nicht zutreffend beantworten.— Ruhrort führt 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Stadtrat Kappelmann. 


246 

.aas: Es ist eine bekannte Tatsache, daß, abgesehen von Fällen un¬ 
verschuldeter Krankheit, der Alkohol und der überreiche Kinder¬ 
segen den Armenverwaltungen die meiste Kundschaft bringen. — 
Dem schließt sich Dortmund an mit der Bemerkung: Es muß 
betont werden, daß durch die Trunksucht von Familienhäuptern 
und dadurch hervorgerufene Hilfsbedürftigkeit unseres Erachtens 
erhebliche Ausgaben in der Armenpflege entstehen. 


HBhe der infolge Trunksucht aufgewendeten Armenkosten in 23 deutschen 
Städten, geordnet nach der steigenden Prozentziffer der Spalte 6. 


1 

2 

3 

4 

5 

6 

7 

«4 

& 

<D 

TS 

a 

Name der 
Stadt 

Berichtsjahr 

Hohe der jähr¬ 
lichen haus¬ 
haltplanmäßi¬ 
gen Ausgaben 
der Armen¬ 
verwaltung. 

Mark 

Von diesen 
Ausgaben sind 
geleistet aus 
Veranlassung 
von Trunk¬ 
sucht. 

Mark 

Also in 
Prozent¬ 
zahlen von 
Spalte 4 

% 

Verringerung 
des Zuschlags 
zur Gemeinde- 
Einkommen¬ 
steuer beim 
Wegfall der 
Ausgaben 
Spalte 5 

1 

Mainz 

1904 

318700 

2205 

0,70 

? 

2 

Neiße 

9 ' 

56800 

500 

0,88 

0,8% 

3 

Münster i. W. 

9 

410000 

4000 

0,97 

0,4% 

4 

Stolp i. P. 

n 

93070 

900 

0,97 

? 

5 

Gumbinnen 

9 

22650 

805 

1,85 

? 

6 

Witten 

9 

87 800 

1800 

1,48 

? 

7 

Frankfurt a.O. 

H 

131700 

2284 

1,78 

0,1% 

8 

Arnsberg 

9 

28600 

474 

2,01 

? 

9 

Höchst a. M. 

n 

39560 

1000 

2,53 

9 

10 

Halle a. S. 

1902 

700500 

19879 

2,76 

?>) 

11 

Flensburg 

1904 

157400 

4500 

2,86 

? 

12 

Dortmund 

it 

447000 

20300 

4,54 

0 

13 

Hanau 

n 

119170 

5545 

4,65 

? 

14 

Thora 

9 

115760 

5382 

4,65 

1,18% 

15 

Erfurt 

1903 

181500 

9250 

5,00 

1,20% 

16 

Beuthen 0. S. 

1904 

88000 

5000 

5,68 

1,25% 

17 

Kassel 

9 

327500 

19950 

6,09 

1,00% 

18 

Schleswig 

9 

46480 

2900 

6,24 

1,50% 

19 

Elbing 

9 

127160 

8516 

6,70 

2,46% 

20 

Oldenburg 

9 

68000 

6500 

9,58 

2,00 % 

21 

Saarbrücken 

1905 

75450 

7400 

9,81 

3,00«/. 

22 

Ruhrort 

1904 

112000 

14000 

12,50 

2 , 007 o 

28 

Meiningen 

1903 

25200 

3818 

13,16 

? 


Diese interessanten, durchaus den auch sonst anerkannten Tat¬ 
sachen entsprechenden Urteile müssen bei Würdigung der nunmehr 
vorzuführenden Zahlen recht wohl beachtet werden. Es wird weiter 

*) Halle schätzt die wirklichen Ausgaben der Spalte 5 auf rund 200000 Mk. 
und hiernach die Steuerermäßigung auf 12°/»* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Streiflichter ans den Jahreeaosgaben deutscher Städte. <247 

unten noch des näheren darzutun sein, wie auf dem behandelten 
■Gebiete alle zahlenmäßigen Angaben statistischer Erhebungen so 
wenig der Wirklichkeit entsprechen, wie alle diese Zahlen nur mit 
der größten Vorsicht beurteilt und zu Vergleichen verwertet werden 
dürfen! In der vorstehenden Tabelle erscheinen nun die von 23Städten 
gelieferten Ergebnisse, die allein von allen erteilten 80 Auskünften 
zu einer vergleichenden Zusammenstellung geeignet schienen. Um 
den Abdruck in diesen Blättern zu ermöglichen, sind verschiedene 
Daten (Einwohnerzahl, Gesamtausgabe des Stadthaushaltes) fort¬ 
gelassen und die — nach dem Fragebogen getrennten — Ausgaben 
zu Lasten des Alkoholismus in eine Summe und Spalte gebracht 
Diese kleine Tabelle zeigt recht gewaltige Unterschiede. Die 
Prozentziffer schwankt da zwischen 0,70 % und 13,16 °/ 0 . Das 
würde, wenn man etwa die nackten Zahlen allein reden lassen 
wollte, z. B. für Meiningen eine etwa 19mal stärkere Belastung 
geben, als für Mainz! Oben stießen wir gelegentlich auf ähnliche, 
nur noch verblüffendere Unterschiede. Jedenfalls zeigt schon dies 
eine herausgegriffene Beispiel, daß die mitgeteilten Zahlen zu einer 
brauchbaren Statistik nicht taugen, ja daß sie selbst zu anschau¬ 
lichen Vergleichen offenbar ungeeignet sind. Um sie aber für die 
folgenden Betrachtungen einigermaßen verwerten zu können, mag 
doch versucht werden, aus ihnen eine annähernd richtige Durch¬ 
schnitts-Prozentzahl zu entnehmen. Es müssen hierfür freilich noch 
einige Städte ausscheiden, die nur eine bestimmte Zahl von den 
im Fragebogen gewünschten drei Ausgabegruppen ausgefüllt haben. 
Es sind das: Neiße, Witten und Höchst a. M. (Die übrigen Rubriken 
waren nur deshalb nicht ausgefüllt, weil die zutreffenden Zahlen 
nicht festzustellen, nicht etwa, weil Ausgaben solcher Art nicht 
geleistet waren.) Die von den übrigbleibenden 20 Städten ge¬ 
lieferten Zahlen ergeben dann im Durchschnitt eine Belastung von 
5,10 °/ 0 der Armenlasten als Anteil der Trunksucht 

Vielleicht ist es für den Leser von Interesse, auch an einer 
kurzen Darstellung aus der Praxis zu erkennen, wie schwer das 
Laster der Trunksucht auf den Stadtsäckel zu drücken vermag. 
Es mag deshalb gestattet sein, zwei mit zu der gedachten Erhebung 
benutzte Einzelfälle aus Erfurt hier kurz zu schildern: 

Der Tagelöhner Albert B., jetzt. 60 Jahre alt, Witwer und ohne 
Kinder, hatte sich bis zu seinem 46. Jahre selbständig ernährt — 
schlecht und recht könnte man sagen, nur paßt das „rechte nicht 
so ganz, denn B. frönte bereits damals ergiebig dem Trünke, war 


Digitized by 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



248 


Stadtrat Eappelmarm. 


auch schon mit dem Strafgesetz des öfteren in recht unliebsamen 
Konflikt gekommen. Einst nächtigte er im Kausch bei Frostwetter 
im Freien, erfror die Zehen des einen Fußes und mußte sie sich 
amputieren lassen. Damit begann sein Elend. Obwohl sonst gesund, 
kräftig und arbeitsfähig, nutzte er seine Verkrüppelung eifrigst aus, 
um jeder Arbeit ängstlich aus dem Wege zu gehen, zog bettelnd 
umher und verfiel der Trunksucht immer mehr und mehr. Oft in 
sinnlos trunkenem Zustande auf der Straße gefunden, mußte er 
wiederholt schwerer Verletzungen wegen, die er sich im Rausche 
zugezogen, oder wegen Delirium tremens in das Krankenhaus auf¬ 
genommen, endlich einer Siechenanstalt überwiesen werden. Jedes¬ 
mal, wenn er die Anstalt einmal verließ, wurde er wieder sinnlos 
betrunken in den Straßen aufgefunden; auch verübte er in der 
Anstalt die abscheulichsten Dinge, so daß er in ihr schließlich nicht 
mehr geduldet werden konnte. Jetzt ist er wegen Trunksucht ent¬ 
mündigt worden, liegt seit einem halben Jahre im Krankenhause 
und wird, wenn er dieses verläßt, wohl oder übel in die Siechen- 
anstalt wieder aufgenommen werden müssen, damit er nur von der 
Straße entfernt wird. Da er, wie gesagt, jetzt entmündigt ist, hat 
sein Pflöger das Recht, seinen Aufenthalt zu bestimmen. Man wird 
ihn deshalb jetzt auch in der Anstalt festhalten können. Da er 
dort selbstverständlich keinen Alkohol bekommt, wird dann an¬ 
nähernd dasselbe erreicht, als wenn er etwa einer Trinkerbewahr¬ 
anstalt überwiesen würde. Ihn in eine Trinkerheilanstalt zu bringen, 
•ist'zudem zwecklos; ein brauchbares Glied der menschlichen Gesell¬ 
schaft kann aus ihm tatsächlich nicht mehr gemacht werden. B. hat 
im Laufe der letzten 15 Jahre zugebracht: im Gefängnis 3 Monate, 
in Korrektionshaft 3 Jahre 3 Monate, im Krankenhause 1 Jahr 
8 Monate, in der Siechenanstalt über 3% Jahre. Während der 
11% Jahre, in denen er hiernach der Stadt zur Last fallen konnte, 
hat die Stadt für diesen Mann allein 2670 Mk., also jährlich durch¬ 
schnittlich 232 Mk. aufgewendet. — Der Schuhmacher N., ein 
gesünder kräftiger Mann, der wöchentlich 23 bis 26 Mk. verdiente, 
hatte aus einer ersten Ehe ein Kind und heiratete die Emma S., 
welche ihrerseits ledigen Standes bereits ein Kind besaß. Aus 
dieser Ehe sind dann noch fünf Kinder geboren worden. Der Mann 
ergab sich, nachweisbar im Jahre 1896 zum erstenmal, dem Trunk 
und Müßiggang und verließ seine Familie, gelegentlich arbeitend, 
meist bettelnd und als Landstreicher umherziehend. Ab und zu 
suchte er auch seine inzwischen der öffentlichen Fürsorge anheim- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Streiflichter aas den Jahresausgaben deutscher Städte. 


249 


gefallene Familie wieder auf und ließ sich dabei noch mit durch¬ 
helfen. Auch die — moralisch von vornherein nicht: sehr takt¬ 
feste — Frau unterlag gar bald dem zersetzenden Einfluß dieser 
Verhältnisse und lebte zeitweise mit einem andern Mann zusammen, 
dem sie auch ein Kind gebar. Die Kinder genossen keinerlei Er¬ 
ziehung, wurden vielfach zum Betteln angehalten und mußten samt 
und sonders in fremder Pflege und in Anstalten untergebracht 
werden. Frau und Kinder müssen dauernd unterstützt werden und 
alle Versuche, von dem Vater auch nur einen Pfennig wiederzu¬ 
erlangen, sind kläglich gescheitert Für diese Familie N. sind in 
10 Jahren bisher 3443 Mk. an Unterstützungen, Kur- und Pflege¬ 
kosten verausgabt worden. — Ähnliche charakteristische Bilder gibt 
uns Pütter in seiner kleinen trefflichen Schrift über Trunksucht 
und städtische Steuern. 1 ) 

Wie verhalten sich nun die Ergebnisse unserer Umfrage zu 
den sonst bisher auf diesem Gebiete festgestellten Tatsachen? Der 
Ausdruck „festgestellte Tatsachen“ ist freilich ein recht euphe¬ 
mistischer, wie wir bald sehen werden. Immerhin aber liegen doch 
solche Feststellungen schon vor. In dem eingangs erwähnten Vor¬ 
trage sind sie ausführlicher behandelt. Hier muß es genügen, zum 
Zweck der Vergleichung ihre Endergebnisse kurz vorzuführen. 
Das hier wohl als Fundamentalwerk zu bezeichnende „Armenwesen 
in 77 deutschen Städten“ u. s. w., herausgegeben von Böhmert, 
ermittelt für das Königreich Sachsen den Satz von 2,84% als An¬ 
teil der Trunksucht an den Unterstützungsfällen, ingleichen für alle 
■beteiligten Ortsarmenverbände einen solchen von 0,96 % bei eigener 
Trunksucht des Unterstützten und von 0,30% bei Trunksucht des 
Ernährers. Nach ihm war ferner bei 2,26 % aller unterstützten 
Männer Trunksucht die Ursache der Verarmung. — Klumker ver¬ 
mag in seinem Werk über Armenstatistik 3 ) fast nur äußerst geringe 
Ziffern als Anteil des Alkoholismus an den Verarmungsursachen 
beizubringen. Aus den von ihm gegebenen Tabellen ersieht man 
u. a., daß der Prozentsatz der aus Anlaß der. Trunksucht unter¬ 
stützten Personen im Jahre 1896/97 betragen haben soll: in Altona: 


*) Trunksucht und städtische Steuern.' Von Sadtrat Pütter-Halle. Buch¬ 
handlung der Stadtmission. . 

*) Das Armenwesen in 77 deutschen Städten und einigen Landarmen¬ 
verbänden. Von Prof. Dr. Victor Böhmert. Dresden 1886ff., drei Teile. 

*) Armenstatistik einiger deutscher Städte. Von Dr. Chr. J. Elumker. 
Jena, Verlag von Gustav Fischer, 1902. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



250 


Stadtrat Kappelmann. 


0,13%; i* 1 Mannheim: 0,21 %; in Frankfurt a. M.: 0,28%; in 
Darmstadt: 0,62% ; in Mainz: 0,66 J ); in Straßburg i. E.: 0,70%; 
in Freiburg i. Br.: 1,74%; in Dresden: 3,11 % *). — Recht geeignet 
zu Vergleichungen sind auch die Ergebnisse aus der amtlichen 
Statistik über die Wirkungen des preußischen Fürsorge-Er¬ 
ziehungsgesetzes 3 ). Auch die Träger der Lasten dieser Für¬ 
sorgeerziehung sind ja Kommunalverbände, ein Rückschluß auf die 
nebenher noch laufende Belastung beteiligter Armen verbände durch 
Unterstützung unversorgter Angehöriger u. s. w. liegt zudem nahe 
genug. Einige Zahlen aus dieser Statistik seien deshalb hier an¬ 
geschlossen. Yon den 6523 im Jahre 1903 zur Fürsorgeerziehung 
überwiesenen Zöglingen waren 632 geistig nicht normal. Yon diesen 
stammten aus Familien, in denen ein oder beide Elternteile dem 
Trünke ergeben waren: 171 oder 27%. Yon den Yätern aller 
in den 3 Jahren 1901 bis 1903 überwiesenen Zöglinge waren dem 
Trünke ergeben: 3707 oder (im Durchschnitt dieser 3 Jahre) = 14,5%. 
Yon der jährlich auf rund 5 Millionen Mark festgestellten Gesamt¬ 
ausgabe für die Fürsorgeerziehung sind nach einer von mir auf 
Grund dieser amtlichen Statistiken angestellten Berechnung rund 
100000 Mk. = 2% auf das Konto der Trunksucht in den Familien 
der Zöglinge als der wahrscheinlichen Hauptursache ihrer Ver¬ 
wahrlosung zu schreiben. 

Sehr niedrige Durchschnittsziffem als Belastung des Konto 
Trunksucht bietet uns die umfassendste Armenstatistik dar, die 
bisher unternommen worden ist: die auf Bundesratsbeschluß für 
das Kalenderjahr 1885 veranlaßte Statistik der deutschen Armen¬ 
pflege, welche allein 70949 Ortsarmenverbände bezw. (für Bayern 
und Elsaß-Lothringen) Gemeinden umfaßt 4 ) In dieser Statistik 
wird — von einzelnen größeren Städten abgesehen — das Material 


*) Dieser Pozentsatz für die unterstützten Personen stimmt übrigens fast 
genau mit dem in meiner Tabelle enthaltenen Prozentsatz für die ä conto Trunk¬ 
sacht geleisteten Ausgaben (0,70%) überein! Es scheint dies wohl kein reiner 
Zufall und man wird schließen können, daß die von Mainz gelieferten Angaben 
in der Tat auf sorgfältigen und zweckbewußten Ermittelungen beruhen. 

*) Nach der — weiter unten zu erwähnenden — Reichsstatistik von 1885 
■betrug diese Zahl für Dresden 4%; 68 stimmt das also gleichfalls ziemlich mit 
der Klumkerschen Ziffer für 1896/97 überein. 

*) Statistik über die - Fürsorgeerziehung Minderjähriger. Bearbeitet im 
Kgl. Preuß. Ministerium des Innern. Berlin 1902 ff (Bisher drei Jahrgänge.) 

4 ) Statistik des Deutschen Reiches. Neue Folge. Band 29.: Berlin. Putt¬ 
kammer & Mühlbrecht, 1887. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Streiflichter aus den Jahresausgaben deutscher Städte. 


251 


nur für die Gesamtheit der innerhalb der einzelnen Kreise be¬ 
stehenden Ortsarmenverbände einmal der Landgemeinden, sodann 
der Stadtgemeinden, der Gutsbezirke und gemischter Verbände an¬ 
gegeben. In reicher und übersichtlicher Gliederung wird innerhalb 
dieses Rahmens zunächst eine Personalstatistik (Anzahl der 
Selbstunterstützten, der Mitunterstützten, Angabe der auf die 13 an¬ 
genommenen Verarmungs-Ursachen zu verteilenden Fälle u. s. w.), 
sodann eine Kostenstatistik aufgestellt Bei letzterer fehlt jedoch 
die Verteilung auf die einzelnen Unterstützungs-Ursachen. Man 
kann daher, will man hierfür Zahlen haben, nicht anders verfahren, 
als die bei der Personenstatistik gewonnenen Verhältniszahlen ein¬ 
fach auch auf die Kostenstatistik zu übertragen. Ein Verfahren, 
welches zwar gewiß willkürlich ist das aber in Ermanglung irgend 
einer andern Möglichkeit hier die der Wirklichkeit entsprechenden 
Zahlen zu finden, einmal gestattet sein möge. Dies vorausgeschickt 
sei aus der Reichsstatistik mitgeteilt, daß (1885) von der auf 
46850000 Seelen angegebenen Bevölkerung Deutschlands 1590000 
Personen = 3,4 °/ 0 öffentlich unterstützt worden sind mit einem 
Kostenaufwand von 92450000 Mk. oder rund 2 Mk. auf den Kopf 
der Bevölkerung. Von den Unterstützten ist bei 32424 = 2°/ 0 
Trunk als Ursache der Hilfsbedürftigkeit „festgestellt“. Unter den 
13 gesondert behandelten Ursachen nimmt der Trunk, abwärts ge¬ 
rechnet von der größeren nach der geringeren Häufigkeit, die 
.9. Stelle ein. Verglichen mit den anderen Ursachen zeigt indessen 
die Trunksucht erhebliche Schwankungen, so zwischen 0,4 °/ 0 (Berlin) 
und 7,2 % (Bremen). 1 ) Überträgt man jene 2 °/ 0 auf die Armen- 
kosten, so würde sich eine jährliche Gesamtausgabe von rund 
1850000 Mk. Armenunterstützungen zu Lasten des Alkoholismus 
ergeben. Daß diese Zahl offenbar viel zu niedrig ist, wird von 
-allen Autoritäten auf unserem Gebiete anerkannt. (Die amtliche 
Statistik weist übrigens selbst an verschiedenen Stellen auf die öffen¬ 
bare Unzuverlässigkeit der gerade für den Trunk gefundenen Ver¬ 
hältniszahlen hin.) Und wie will man damit z. B. das Ergebnis 
vereinigen, zu dem Popert in seiner vorzüglichen, auch als Agi¬ 
tationsmittel hervorragend geeigneten Schrift über Hamburg ge¬ 
langt?*) Popert berechnet für 1901 die durch Alkoholmißbrauch 

*) Ygl. hierzu die Bemerkungen von L&mmers, Trunksucht und Armen¬ 
pflege. Schriften des deutschen Vereins für Armenpflege und Wohltätigkeit. Leipzig. 
Duncker & Humblot Heft 6 Seite 61 ff. 

*) Dr. Popert Hamburg und der Alkohol. Zweite Auflage. Hamburg 1903. 
Verlag von Lucas Gräfe. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTY 



Digitized by 


252 Stadtrat Kappelmann. 

verursachte Armenausgabe des Hamburgischen Staates — also für 
den etwa 76. Teil der Bevölkerung des Deutschen Reiches — allein 
auf rund eine Million Mark = 20% aller Armenunterstützungs¬ 
kosten! Eines kann neben dem andern doch gewiß nicht bestehen! 
In der Reichsstatistik selbst erscheint übrigens Hamburg (1885) mit 
einem Prozentsatz von nur 1,8 % der wegen Trunksucht Unter¬ 
stützten, was bei entsprechender Übertragung auf die Kostenstatistik 
nur rund 55200 Mk. ausmachen würde. Wenn nun auch, wie ge¬ 
sagt, die Reichsstatistik im Durchschnitt und im allgemeinen nur 
niedrige Prozentziffern zu Lasten des Alkohols liefert, so findet 
man doch auch hinwiederum ausnahmsweise hohe Zahlen. Einige 
vergleichende Ziffern seien aus dem überreichen Material heraus¬ 
gegriffen. Nach den Bundesstaaten gruppiert zeigen die gesamten 
Orts- und Landarmen verbände von Sachsen-Meiningen 1 ) mit 1,3%, 
Baden, Mecklenburg-Schwerin und Lippe mit 1,5% die niedrigsten, 
Sachsen mit 4,7 %, Schwarzburg-Sondershausen mit 4,8 % und 
Bremen mit 7,2 % die höchsten Prozentziffem. (Preußen figuriert 
mit 1,8%, Bayern mit 1,6%.) Von den nach Kreisen gruppierten 
Armenverbänden finden wir u. a. die ländlichen Gemeinden der 
Kreise Tilsit und Sensburg mit 5%, des Kreises Stolp i. P. mit 
9,25%, ja einzelne wenige Kreise — so Apenrade, Iburg, Apolda, 
Norden mit 15 bis 18%, Guben und Eckartsberga (hier städtische 
Gemeinden) sogar mit 20,70 und 21,40% beteiligt Yon größeren 
Städten wären anzuführen: Berlin mit 0,40%, Danzig mit 0,46%, 
Breslau mit 1,70%, Leipzig mit 2%, Wiesbaden, Dresden und 
Stuttgart mit 4%, Kiel mit 4,50%, Guben mit 8% und Göttingen 
mit 8,80%. 

Woher nun diese zum Teil kolossalen Unterschiede? Sie 
können doch zweifellos nicht etwa nur in den verschiedenen lokalen 
Verhältnissen, in der mehr oder weniger ausgebildeten Neigung 
der ärmeren Bevölkerung zum Trunk sich gründen — wie dies 
Voraussetzung wäre, wollte man alle statistischen Angaben als 
richtig oder wenigstens als der Wirklichkeit auch nur annähernd 
entsprechend anerkennen. Dann muß also wohl diese Statistik — 
ich spreche jetzt von allen im vorstehenden mitgeteilten Zahlen — 
falsch sein? Ja, ich stehe nicht an, diese Frage zu bejahen. 
Natürlich nicht in dem Sinne, als ob nun diese Statistik absolut 


*) In meiner Tabelle marschiert auffallenderweise die Stadt Meiningen an 
der anderen Spitze. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Streiflichter aus den Jahresausgaben deutscher Städte. 


253 


falsch, absolut wertlos wäre. Wohl aber in dem Sinne, daß die 
von ihr gewonnenen Zahlen in der Tat ein richtiges Bild, einen 
Spiegel der Wirklichkeit nicht geben, daß sie dies auch nicht geben 
können. Es darf hier jedoch nur kurz angedeutet werden, in 
welchen Umständen die Gründe für solche Unzuverlässigkeit aller 
Statistik auf unserem Gebiete zu suchen und zu finden sind. Näher 
ausgeführt ist diese Begründung in dem eingangs gedachten Vor¬ 
trage, auf den ich dieserhalb verweisen möchte. 

1. Es handelt sich um Ermittelung der Ursachen der Hilfs¬ 
bedürftigkeit Also nicht um einfache Tatsachen oder um zählbare 
Gegenstände unmittelbarer Sinneswahrnehmung (wie z. B. bei einer. 
Geburten-, Sterbe-, Obstbaumstatistik). Sondern um Momente, die 
lediglich auf dem Wege von Urteilen, Schlußfolgerungen aus 
Tatsachen erst abzuleiten sind. Hier spielt also die subjek¬ 
tive Auffassung desjenigen, der das Einzelmaterial liefert, eine 
entscheidende Bolle. Es leuchtet ein, daß schon deswegen die 
Ergebnisse völlig verschieden sein müssen, zumal ja der Sammler 
des Materials an diese subjektiven Urteile gebunden ist Er kann 
sie auf ihre Richtigkeit nicht nachprüfen. 

2. Auch objektiv betrachtet ist die Ermittelung der Trunksucht 
als Armutsursache sehr schwierig. Oft kennt sie der Beurteilende 
als solche gar nicht. Er sieht zwar die Folgen, weiß aber nichts 
über ihre Ursachen, namentlich nicht über die innersten und letzten 
Keime des Elends. Man denke an die großen Städte! Selbst in 
mittleren und kleineren Gemeinwesen ist da die Erforschung schon 
sehr schwer, das Ergebnis stets recht unsicher. 

3. Ist nun auch wirklich Trunksucht — oder allgemeiner aus¬ 
gedrückt Alkoholismus — in einer unterstützten Familie festzu¬ 
stellen: wie will man entscheiden, ob sie die alleinige oder selbst 
nur eine der Hauptursachen des Elends ist oder gewesen ist? In 
manchen Fällen wird das ja, wie man sagt, „auf der Hand liegen“ 
(strikte beweisen kann man es wohl nur sehr selten). Sehr oft 
dagegen, namentlich wenn es sich um die vielfachen Folgen früheren 
Alkoholmißbrauchs, so z. B. solchen verstorbener Väter u. s. w., 
handelt, wird man doch mehr oder weniger im Dunkeln tappen 
und nur auf Grund allgemeiner Erfahrungssätze sein Urteil über 
das Maß des Anteils des Alkoholismus an der Verarmung sich 
bilden können. 

4. Die angedeuteten Punkte führen weiter zu dem Satz, daß 
es bei Lösung unserer Frage durchaus und überall notwendig wäre, 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



254 


Stadtrat Kappelmann. 


Digitized by 


genau zu individualisieren, jeden Fall gründlich, von seinen 
Uranfängen an, zu verfolgen und zu analysieren. Das kann nun 
wohl etwa ein Arzt, ein sonstiger Mann der Wissenschaft, der solche 
Falle sich zum Studium setzt und dem auch das lebendige Material 
zur Verfügung steht. Das kann aber nicht — oder doch nur un¬ 
vollkommen und flüchtig — der Verwaltungsbeamte, der innerhalb 
einer Gemeinde u. s. w. das Material für eine Statistik sammeln 
und sichten soll. Das ist endlich ausgeschlossen für die Stelle, an 
der eine mehr oder weniger umfangreiche Massenstatistik ausge¬ 
arbeitet wird. Die Statistik kann eben im großen und ganzen nur 
zählen, sie kann nicht individualisieren. 

5. Die Statistik wird fast stets und ausschließlich aufgebaut 
auf den Unterlagen der öffentlichen Armenpflege. In der Tat 
tritt ja hier die Belastung der Gemeinden durch die Folgen von 
Not, Elend, Laster und Verfehlungen aller Art am sinnfälligsten zu 
Tage. Aber damit erschöpft sich bei weitem nicht das Feld, auf 
dem wir nach brauchbaren Ergebnissen forschen, auf dem wir solche 
ernten könnten. Man denke an die von einer Gemeinde verwalteten 
selbständigen Wohltätigkeitsanstalten, an städtische Kranken¬ 
häuser (hier abgesehen von armenrechtlicher Krankenpflege), an 
die Belastung gemeindlicher Betriebskrankenkassen, die Lasten 
der örtlichen Polizeiverwaltung, die steuerliche Leistungs¬ 
fähigkeit, Miet- und Pachtausfälle, Schulgelderlasse, Schäden 
und Unglücksfälle in städtischen Betrieben, Schadensersatz¬ 
ansprüche Dritter an die Gemeinde aus ihrer Haftpflicht für Un¬ 
fälle, vorzeitige Pensionierung, Unterstützungen an Beamte 
und sonstige Angestellte — ja, muß denn nicht jeder Unbefangene 
zugeben, daß alle diese Gebiete, nicht nur in der Theorie, nein 
auch in der Praxis, reichlichst Gelegenheit dazu bieten würden, 
den Fluch und die materielle Schädigung unserer Gemeinden durch 
den Alkoholismus und seine Folgen ins grellste Licht zu rücken? 
Wird man etwa leugnen, daß das Verhalten trunksüchtiger Menschen, 
sei es der Radaubruder auf der Straße, sei es der Trinker als Steuer¬ 
zahler, als Mieter oder Pächter städtischer Grundstücke, als Vater 
schulpflichtiger Kinder, als städtischer Beamter oder Arbeiter, daß 
dies Verhalten den Gemeinden nicht fühlbare, manchmal gewiß 
schwer einschneidende Nachteile und materielle Schäden bringen 
kann und schon gebracht hat? Freilich — hier muß wohl die 
Kunst des Statistikers erlahmen: seine Feder, seine Rechenmaschinen 
sind solchen in der Tat ganz inkommensurabelen Größen gegenüber 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Streiflichter ans den Jahresausgaben deutscher Städte. 255 

machtlos. Versuche, die Belastungen solcher Art statistisch zu er¬ 
fassen, würden wohl stets vergeblich bleiben, das aber zeigen diese 
soeben angeführten Momente doch wieder deutlich: daß die bisher 
ausschließlich auf die Ergebnisse der Armenpflege gestützten 
statistischen Versuche, die Frage zu lösen, schon wegen völlig un¬ 
zulänglicher Mittel, wegen Lückenhaftigkeit des bereit stehenden 
Materials scheitern müssen! 

In dieser Beurteilung aller statistischen Arbeiten als völlig un¬ 
zulänglicher und zu Trugschlüssen verleitender Beweismittel für die 
Höhe der Belastung der Kommunen sind, soweit ich übersehe, alle 
Autoritäten einig. Ich will aber an dieser Stelle mich damit be¬ 
gnügen, nur kurz Namen zu nennen: die Belege mögen an den 
angeführten Stellen (oder in meinem Vortrage) aufgesucht werden. 
Ich führe demgemäß als klassische Zeugen hier auf: Böhmert 1 ), 
Martins 2 ), Münsterberg 8 ), Lammers 4 ), die Blätter für das 
Hamburgische Armenwesen 5 ), Pütter 6 ), die „Rundschau in 
der Alkoholfrage“ 7 ) — ich könnte diese Reihe noch beliebig 
vermehren. 

Liefert uns nun auch selbst die beste und subtilste Statistik 
keine zahlenmäßigen, strikten Beweise, so schöpfen wir doch äus 
ihr, aus allem bisher vorliegenden Material, mit voller Überzeugung 
die betrübende Gewißheit: Die Belastung des kommunalen 
Haushaltes durch den Alkoholismus in Deutschland ist eine 
sehr erhebliche. Nach dem Urteil und der Überzeugung aller 
Fachmänner ist die von der Reichsstatistik für 1885 gefundene 
Durchschnittszahl dieser Belastung mit 2 °/ 0 der Unterstützten viel 
zu niedrig. Sie wird von gewisser Seite auf 25 %, 30%, ja auf 
50% und darüber geschätzt. Die ermittelten Tatsachen sprechen 
auch mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine solche höhere Be¬ 
lastung. — 

Einem ausgesprochenen Wunsche zufolge will ich an diese 
mehr referierenden Betrachtungen kurz einige Vorschläge knüpfen, 

*) Böhmert, a. a. 0. Allgem. Teil, Seite 25 und 114. 

*) Die Trinkerentmündigung und die öffentliche Armenpflege. Von Stadtrat 
Martius. Blätter für die Breslauer Armenpflege. 1900. Nr. 60, Seite 65. 

*) Alkoholismus und Armenpflege. Von Dr. Emil Münsterberg, ln „Aus 
Natur und Geisteswelt“. Leipzig, B. G. Teubner. Seite 118. 

*) Lammers, a. a. 0. 

*) Jahrgang 10. 1892. Nr. 8, Seite 43. 

# ) A. a. 0. Seite 23. ... 

7 ) I. Jahrgang Nr. 6. Freiburg i. Br. Charitasverband. 1905. Seite 50. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSUf 



256 


Stadtrat Kappelmann. 


Digitized by 


die ich in Berlin als Winke und Fingerzeige für die Praxis unserer 
Gemeindeverwaltungen gegeben habe in der Hoffnung, dazu beizu- 
trageu, daß es besser werde in unserem lieben Yaterlande, daß 
man sich nicht damit begnüge, die traurigen Tatsachen als unab¬ 
wendbares Fatum hinzunehmen, nein, daß man Mund und Hand 
rühre (und auch das Herz und den Verstand dabei sprechen lasse) 
zur Anbahnung gesunder und kräftiger Reformen in der Alkohol¬ 
frage. Der knappe Raum gestattet mir freilich nur mehr kurze 
Andeutungen. Man möge daher den etwas lapidaren Stil freundlichst 
verzeihen. Selbstverständlich muß ich mich hier darauf beschränken 
anzudeuten, was wohl die Gemeinden selbst tun können, um 
dem Übel zu wehren und ihm vorzubeugen. Auf andere Gebiete 
abzuschweifen, ist natürlich ausgeschlossen. 

Daß die Gemeinden berufen und im stände sind, auch ihrer¬ 
seits diesen Kampf zu führen, zu helfen und abzuwehren, wird 
ja wohl niemand leugnen wollen. Wie und mit welchen Waffen 
kann nun der Kampf geführt werden? 

A. Die Fürsorge der Gemeinde kann sein einmal eine hel¬ 
fende, das schon vorhandene Übel bekämpfende. Das liegt am 
nächsten, das ist das dringendste. Darum stelle ich diesen Punkt 
hier voran. Auch liegt es auf der Hand, daß die Gemeinde zu¬ 
nächst wohl erst dann Anlaß haben wird, einzusehreiten, wenn die 
Folgen des Übels tatsächlich hervorgetreten sind. Erst diese Tat¬ 
sachen lösen dann die weitere Vorstellung aus: was kann geschehen, 
um dem Übel vorzubeugen. 1 ) 

1. Wichtig ist nun vor allem das richtige Erkennen des 
Vorliegens von Trunksucht oder sonstigen Alkoholmißbrauchs. 
Lammers sagt 2 ): Alle Fälle, in denen ein Trunkenbold schon 
weiter arbeitet an dem eingetretenen Ruin seiner Familie oder den¬ 
selben rasch vollends herbeizuführen droht, sollten unter ständiger 
stiller Beobachtung stehen; zumal wenn sich an dem Vorgang etwas 
ändern läßt, was man bisher durchschnittlich nicht glaubte. Wie 
nun zu handeln ist, um dies richtige Erkennen zu fördern, gibt 
Lammers weiter an, dabei namentlich die Mitwirkung der Vereins¬ 
arbeit, die Hilfe der Frauen bei der öffentlichen Armenpflege 
betonend. Und daß dieses Ergründen der wahren Ursachen der Ver¬ 
armung nicht etwa, wie man meinen sollte, nur im engen Kreise, 
in kleinen Gemeinden, nein, daß es auch in Riesenstädten möglich 

*) Vgl. Münsterberg, a. a. 0. Seite 117. 

s ) A. a. 0. Seite 66. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Streiflichter aus den Jahresaosgabeu deutscher Städte. 


257 


und praktisch durchführbar ist, zeigen sowohl Lammers, als auch 
in trefflicher Weise die Ausführungen der Hamburger Blätter für 
das Armenwesen. Ich muß es mir aber versagen, hier des näheren 
auf diese Detailarbeit der Armenpflege einzugeben. Hervorheben 
aber möchte ich hier das Beispiel der Stadt Elbing. Dort hat 
man, wie mir auf meine vorher behandelte Umfrage mitgeteilt 
worden ist, seit zwei Jahren systematisch in einer besonderen Liste 
alle die Fälle verzeichnet, in denen Trunksucht zur Armenunter¬ 
stützung geführt hat — unter genauer Individualisierung jedes ein¬ 
zelnen Falles. 

2. Ist nun die Trunksucht als Ursache erkannt: was dann tun? 
Das Gebiet ist groß. Die einzelnen Richtungen, welche für die 
Gemeinde einzuschlagen sind, um das Ziel wirksamer Hilfe zu er¬ 
reichen, werde ich noch andeuten. Aber im allgemeinen: wie 
sollen sich die verantwortlichen Führer der Gemeindeverwaltung 
zu der Frage stellen? Wir können nicht die Forderung erheben, 
daß diese Männer etwa durch die Bank stramme Abstinenzler oder 
sonst bewußte Träger der Mäßigkeitsbewegung irgend einer be¬ 
stimmten Richtung sein möchten. Aber Verständnis für unsere Frage, 
für die schwere Not der Zeit, geschaffen durch das unheimliche 
Wirken des Verderbers Alkohol, müssen wir doch von ihnen er¬ 
warten. Und es ist immer erfreulich, wenn sie auch persönlich 
ein gutes Beispiel geben. Sie können dann wohl auch die Macht 
persönlicher Einwirkung erproben. Das ist ja nun freilich selten 
anders möglich, als in kleinen Verhältnissen, in wenig umfang¬ 
reichen Gemeinden. Da kann wohl in einem pommerschen Dorf 
der Schulze sich einen bekannten Saufbold vorbinden und kann 
ihm sagen: Jochen, dat du dat verdammtige Supen lätst! Dat 
geiht so nech wider! Dat gefft et hier nich. Hürst du nech, so 
schall di der Düwel halen! Aber — man bedenke: es sollte z. B. 
vom Oberbürgermeister von Berlin verlangt werden, sich in gleicher 
Art väterlich-freundlich mit den Säufern zu unterhalten, die ihm 
etwa zu diesem Behufe vorgeführt würden! Das geht eben nicht 
immer, nicht überall Und doch darf man den Gedanken persön¬ 
licher Einwirkung nicht schlechthin belächeln oder verwerfen. Auf 
derselben Stufe steht die Einwirkung auf die Frauen von Trunken¬ 
bolden. Hier wird sich unter gegebenen Verhältnissen gewiß auch 
manches erreichen lassen. Die Hauptsache bleibt aber stets: richtiges 
Verständnis der leitenden Männer für das Übel und ehrliches 
strammes Wollen der Hilfe! 

Der Alkoholismns. 1906. 18 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



258 


Stadtrat Kappelmann. 


Digitized by 


3. Das nächstliegende Gebiet der Fürsorge ist ja die öffent¬ 
liche Armenpflege. Hier gilt u. a. folgendes zu beachten: 

a) Richtige Art und Weise der Unterstützung. Einem hilfs¬ 
bedürftigen Säufer soll man kein bares Geld in die Hand geben. 
Er setzt es sofort in Schnaps oder Bier um. Man mache so weit 
wie tunlich vom System der Naturalunterstützung Gebrauch, 
gewähre Brotportionen, Suppenmarken, Essen in der Volksküche, Milch 
für die Kinder u. dergl. Im Winter gebe man Kohlenkarten u. dergl. 
Man sorge dafür, daß zur Abwendung drohender Exmission die 
Miete bezahlt wird, daß versetzte Betten, Wäsche und Kleidungs¬ 
stücke ausgelöst werden. Muß Geldunterstützung gewährt werden, 
so kann man, wenn die Frau brav und ordentlich ist, dieser das 
Geld anvertrauen. Handelt es sich um einen alleinstehenden Trunken¬ 
bold, so wird man wohl nur im äußersten Falle diesem Geld als 
Unterstützung selbst in die Hand geben. Muß es sein, dann darf 
man ihm natürlich nicht z. B. die Gesamtunterstützung für einen 
längeren Zeitraum auf einmal verabfolgen. Ich meine, in einem 
solchen Falle müssen eben andere Mittel und Wege gefunden 
werden, um zu helfen. Damit komme ich zu einem weiteren Punkt: 

b) Verschaffung oder Vermittlung von Arbeit. Das ist aller¬ 
dings leichter gesagt, als getan. Freilich pflegt für durchreisendes 
Volk ja vielfach die Einrichtung von Pflegestationen, Wanderarbeits¬ 
stätten u. dergl. getroffen zu sein und eine neue gesetzliche Rege¬ 
lung des Wanderarmenwesens, durch Pastor v. Bodelschwingh an¬ 
geregt, ist bekanntlich jetzt im Gange. Aber gegenüber den an¬ 
sässigen dauernd Hilfsbedürftigen versagt dieser Ausweg heute wohl 
noch meistens so gut wie vollständig. Man hat ja, namentlich vor 
4, 5 Jahren, vielfach sog. Notstandsarbeiten verrichten lassen, doch 
ist dabei kein großer Segen, wie alle bestätigen werden, die praktisch 
damit zu tun haben. Immerhin soll die Gemeinde es sich mög¬ 
lichst angelegen sein lassen, auf diesem Gebiete zielbewußt vorzu¬ 
gehen, Reformen anzubahnen und selbst einzuführen. Ich denke 
dabei u. a. an die Möglichkeit der Schaffung von Gemeinde-Arbeits¬ 
häusern, wie man sie in früheren Zeiten nach Art der römischen 
ergastula (Sklavenzwinger) vielfach hatte und wie sie jetzt — leider, 
muß ich sagen! — bei uns fast ganz verschwunden sind. Solche 
Häuser sollte man gründen und faule nichtsnutzige Trunkenbolde 
darin einsperren und zur Arbeit zwingen — wer das nicht will, 
mag sehen, wo er bleibt! 

c) Wenn die Gemeinde die Saufbolde und Tagediebe zur Arbeit 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Streiflichter aus den Jahresausgaben deutscher Städte. 259 

nicht zwingen kann — oder wenigstens vielfach nicht zwingen 
kann, so vermag sie doch einen Zwang anderer Art auszuüben. 
Sie kann, und muß auch m. E., bei hartnäckigem Verharren im 
liederlichen Leben und Treiben die Bestrafung der Trunkenbolde 
wegen Verabsäumung ihrer Nährpflicht herbeiführen. 

d) In sehr vielen Fällen — namentlich wenn es sich um allein¬ 
stehende Personen handelt — wird es heilsamer sein, den Trinker 
in irgend eine passende Anstalt aufzunehmen, als in der offenen 
Armenpflege zu unterstützen. Besondere Trinkerheil- oder Trinker¬ 
bewahranstalten stehen freilich heute selten zur Verfügung; sie sind 
samt und sonders Privatuntemehmungen und zum Teil recht teuer. 
Aber in den meisten Fällen genügen andere Anstalten, z. B. Armen¬ 
häuser, Siechenhäuser, Asyle u. dergl. Wo es am Platze ist — 
namentlich da, wo an dem Säufer voraussichtlich noch etwas zu 
retten und zu bessern ist —, da versäume die Gemeinde aber nicht, 
von der Möglichkeit der Verbringung Trunksüchtiger in Trinkerheil¬ 
oder Trinkerbewahranstalten recht ergiebig Gebrauch zu machen. 
Wir haben in Erfurt in der letzten Zeit drei Säufer in solche An¬ 
stalten gebracht, zwei sind nach einjähriger Kur entlassen und haben 
sich bis jetzt wacker gehalten. Freilich darf man sich, will man 
eine bessere Gewähr für den Erfolg haben, nicht damit begnügen, 
den Trinker in eine solche Anstalt zu bringen, dort etwa ein Jahr — 
das ist übrigens das mindeste — verpflegen zu lassen und zu glauben, 
nun sei er endgültig kuriert Nein, man muß ihn im Auge be¬ 
halten und ihn, wie ich es getan habe, dazu bringen, sofort nach 
dem Verlassen der Anstalt irgend einem Abstinenz verein, den Gut- 
templem, dem Blauen Kreuz u. s. w. beizutreten. Wiederholt wird 
in den von mir eingeholten Auskünften darüber geklagt, daß die 
Verbringung in Trinkerheilstätten keine nachweisbaren Erfolge ge¬ 
habt hätte. Da heißt es: Der Mann kam nach einem halben Jahre 
wieder, weil er es in der Anstalt nicht aushalten konnte. Oder: 
Es sind vier Leute untergebracht worden. Nach dem Verlassen der 
Anstalt fing aber das alte Elend von neuem an u. s. w. Ja, da 
zeigt sich eben, daß man weiter auf die Leute achten muß, als 
nur bis zum Verlassen der Anstalten. Ich kann versichern, daß 
die von Erfurt aus untergebrachten Leute geradezu wie neugeboren 
aus den Anstalten zurückkehrten, mit dankerfülltem Herzen und 
den besten Vorsätzen, zur Freude ihrer Angehörigen — mah muß 
nur hoffen, daß die guten Vorsätze Vorhalten und man muß das 
Seinige dazu tun, daß dies geschieht. 

18* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



260 


Stadtrat Kappelmann. 


e) Bei allen ihren Bestrebungen soll die öffentliche Armen¬ 
pflege gerade hier Hand in Hand gehen mit der freien Liebes¬ 
tätigkeit, mit Wohltätigkeits-, insonderheit auch Frauen vereinen, 
auch mit Mäßigkeits-, Abstinenz- und ähnlichen Vereinen. Hier ist 
ferner in weitestem Maße das Feld bestellt für die Versuche, durch 
die Frauen auf Besserung der häuslichen und wirtschaftlichen 
Verhältnisse von Trinkern einzuwirken. 

B. Die Fürsorge kann das andere Mal sein eine vorbeugende. 
Hierbei kommen u. a. folgende Gesichtspunkte in Betracht: 

1. Entsprechend dem vorhin betonten Erkennen der wahren 
Ursachen vorliegenden Elends gilt es hier das Kennen-Lernen 
der verderblichen Wirkungen des Alkoholismus und der wirksamen 
Methoden seiner Bekämpfung. Auch hier kann die Gemeinde recht 
ergiebig wirken. So in den Schulen. Freilich ist da, z. B. in den 
Volksschulen, Vorsicht am Platze. Ich kann mich vorläufig noch 
nicht mit dem Gedanken befreunden, etwa besondere Kurse, bei¬ 
sondere, ja sogar obligatorische Stunden, wie dies gefordert worden 
ist, der Belehrung über das Laster der Trunksucht und deren viel¬ 
seitig-schlimme Folgen zu widmen. 1 ) Aber auch ohne das läßt sich 
m. E. selbst in Volksschulen den größeren Schülern gegenüber recht 
viel im Wege passender Belehrung unter Zuhilfenahme anschau¬ 
licher Tafeln wirken. Ungleich bedenkenfreier und wirksamer wird 
sich solche Belehrung in den oberen Klassen höherer Schulen, auch 
in Fortbildungsschulen, Fachschulen, Baugewerkschulen u. dergl. 
gestalten lassen, in denen man die ins Leben tretende Jugend vor 
sich hat und wohl auf besseres Verständnis rechnen, die Dinge 
auch herzhafter beim rechten Namen nennen kann. Die Gemeinde 
kann aber weiter die Belehrung wirksam fördern durch Verbreitung 
guter Schriften, namentlich von Alkohol-Merkblättern, unter denen 
mir die Quenselschen Karten obenan zu stehen scheinen. Ferner 
durch Verbreitung und Aushang anschaulicher Plakate an geeigneten 
Stellen — z. B. in Volksküchen, Wärmestuben, Herbergen, Volks¬ 
bibliotheken, Sparkassen u. s. w. Endlich durch Förderung oder 
eigene Veranstaltung gemeinnütziger Vorträge, Vorlesungen u. dergl. 

2. Die Gemeinde kann den wirksamsten vorbeugenden Kampf 
führen durch Betätigung sozialer Fürsorge auf allen Gebieten 
des Lebens. Bei der Fülle des Stoffes muß ich mich freilich hier 

J ) Obligatorischen Antialkohol-Unterricht in Volksschulen fordert unter Hin¬ 
weis auf das Beispiel der Vereinigten Staaten Dr. Dicke-Schwelm in diesen 
Blättern. 1906. Neue Folge, Seite 94 ff. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Streiflichter aas den Jahresaasgaben deutscher Städte. 


261 


lediglich .auf ganz kurze Andeutungen beschränken. Als wirk¬ 
same Waffen nenne ich hier beispielsweise: Wohnungsfürsorge, 
Förderung oder eigene Schaffung gesunder und billiger Klein¬ 
wohnungen, Bereitstellung von Pachtgärten, Errichtung oder Unter¬ 
stützung von Volksküchen ohne alkoholische Getränke, von Kaffee- 
hallen, Wännestuben, Lesehallen, Yolksbibliotheken, Volksunter¬ 
haltungen, von Jünglings- und Lehrlingsheimen, von Walderholungs¬ 
stätten. Ich möchte anstatt weiterer Ausführung und Begründung 
eine kleine Schilderung hier einfügen, die Frankfurt a. M. in 
seiner Antwort auf meine vorher behandelte Umfrage eingeflochten 
hat Es heißt dort: In einem Baublock der zur städtischen Ver¬ 
waltung in naher Beziehung stehenden Aktiengesellschaft für kleine 
Wohnungen ist von dieser Gesellschaft ein Vortrags- und ein Lese¬ 
saal eingerichtet In diesen Räumen haben die Mieter während der 
letzten Fastnacht eine Kamevalslustbarkeit veranstaltet, die ungemein 
stark besucht war, mehrere Stunden dauerte und bei der kein 
Tropfen Alkohol (Bier u. s. w.) getrunken wurde. Wären die 
Räume nicht vorhanden und die Mieter auf den Saal in einer Wirt¬ 
schaft angewiesen gewesen, so wäre es ohne die üblichen Fälle von 
Trunkenheit u. s. w. keinenfalls ausgegangen. *) 

3. Die Gemeinde ist in der Lage, in ihren eigenen Betrieben 
das Nötige und Nützliche zu tun, um den üblen Folgen des Alkoho¬ 
lismus vorzubeugen. So durch Gewährung der Möglichkeit, zu den 
Mahlzeiten oder zur Stillung des Durstes alkoholfreie Getränke zu 
sich zu nehmen, durch Erlaß von Verboten, während der Arbeit 
Schnaps oder alkoholische Getränke überhaupt zu genießen, durch 
Regelung von Satzungen der Betriebskrankenkassen, durch Aus¬ 
nutzung der von der Gewerbeordnung in verschiedenen Vorschriften 
gewährleisteten Möglichkeit, der Lohnvergeudung Abbruch zu tun. 
So durch Lohnzahlung zu passenden Zeiten (nicht Sonnabends, nicht 
unmittelbar vor gewissen Volksfesten, nicht spät abends), durch Ge¬ 
währung von Lebens- oder Feuerungsmitteln anstatt des Lohns, Lohn¬ 
zahlung an die Gewalthaber minderjähriger Arbeiter u. s. w. u. s. w. s ) 

*) Vgl. hierzu die treffenden Ausführungen bei Martins, a. a. 0. Seite 66; 
Samter, die Aufgaben der Armenpflege gegenüber trunksüchtigen Personen i. d. 
Schriften d. deutsch. Ver. f. Annenpfl. u. Wohlt Heft 55, S. 85, 87; “Wäld- 
schmidt, die Bekämpfung der Trunksucht (auf d. intern. Arbeiter-Versicherungs- 
Kongreß in Düsseldorf 1902. S. 10); Hamburger Blätter, a. a. 0. S. 49; 
Rundschau in der Alkoholfrage. Heft 6 und 7; Münsterberg, a. a. 0. 
Seite 111. 

*) Gewerbeordnung §§ 115, 115a, 119a, 120c. 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



262 


Stadtrat Kappelmann. 


4. Weit ist das Gebiet und reich der Arbeitsstoff für gemeind¬ 
liche Polizeiverwaltungen. Hier sei genannt: scharfe Über¬ 
wachung der Schankstätten und Brahntweinverkaufsstellen, Regelung 
der sog. Polizeistunde, besonderes Augenmerk für die Animier¬ 
kneipen, Yorgehen gegen die Förderung der Völlerei durch gewissen¬ 
lose Wirte, nötigenfalls durch Klage auf Konzessionsentziehung, 
Beschränkung der Abgabe von Alkohol (Bier und Branntwein) an 
Jugendliche, Verbot dieser Abgabe für gewisse Tagesstunden, auf 
Kredit, an Trunkenbolde u. s. w. Ich will zur Veranschaulichung hier 
einige, allerdings recht einschneidende Vorschriften der Regierungs¬ 
polizeiverordnung für den Regierungsbezirk Oppeln vom 1. Juli 
1904 mitteilen: Ohne besondere schriftliche Erlaubnis der Orts¬ 
polizei dürfen in öffentlichen Wirtschaften aller Art während der 
Zeit von 10 Uhr abends bis 8 Uhr morgens geistige Getränke nicht 
verabfolgt und Gäste nicht geduldet werden. Die Polizeistunde 
bann auch allgemein — so z. B. in Beuthen O.-S. geschehen — 
oder für einzelne Wirtschaften schon von 9 Uhr abends an fest¬ 
gesetzt werden. Für Ortschaften, in welchen an allgemeinen Lohn- 
und Vorschuß-Zahlungstagen infolge übermäßigen Genusses geistiger 
Getränke Störungen der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit 
vorgekommen und in Zukunft zu besorgen sind, kann für diese 
Tage allgemein oder für einzelne Wirtschaften und Kleinhandlungen 
die Polizeistunde auf eine frühere Nachmittags- oder Abendstunde 
festgesetzt werden. Für die Kreise Beuthen, Kattowitz, Tarnowitz 
und Zabrze, die Stadtkreise Beuthen O.-S., Gleiwitz, Kattowitz und 
Königshütte sowie einige Amtsbezirke des Kreises Tost-Gleiwitz 
wird diese Polizeistunde an den Lohn- und Vorschußtagen, nämlich 
am 15. und letzten jeden Monats auf vier Uhr nachmittags fest¬ 
gesetzt Die Ortspolizeibehörde ist ferner befugt, während Arbeits¬ 
einstellungen und Ruhestörungen von größerem Umfange sowie bei 
erheblichen Gemeingefahren und Unglücksfällen den Schankverkehr 
und Kleinhandel mit geistigen Getränken zu verbieten und die Gast- 
und Schankwirtschaften zu schließen. 

5. Die Gemeinde kann kräftig mitarbeiten an der Reform 
des Schankkonzessionswesens. Das Ideal ist hier meiner An-: 
sicht nach die Einführung des Gothenburger Systems: die 
Schankstätte eine Gemeindeangelegenheit! Nun, ich glaube, wir 
sind noch weit, weit entfernt davon, dieses Ideal zu erreichen. Ich 
glaube sogar, wir werden es in unserem lieben Vaterlande wohl 
nie erreichen. Näher auf diese Frage einzugehen, muß ich mir 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Streiflichter aus den Jahresausgaben deutscher Städte. 


263 


leider versagen. Ich möchte aber doch an dieser Stelle auf die 
bahnbrechende vorzügliche Schrift von Germershausen über die 
Reform des Schankkonzessionswesens nachdrücklich hin weisen und 
aufmerksames Studium dieser Schrift warm empfehlen! 1 ) 

6. Auf dem Gebiete der Armenpflege kann ich für die vor¬ 
beugende Fürsorge hier nur Bezug nehmen auf das, was ich vor¬ 
hin über die helfend eingreifende praktische Tätigkeit der Armen¬ 
verwaltung gesagt habe. Es gilt hier eben, die öffentliche Armen- 
pflege so einzurichten und zu organisieren, daß sie diesen Auf¬ 
gaben des richtigen Erkennens der wahren Verarmungsursachen 
und des richtigen, verständnisvollen Eingreifens stets gewachsen ist 
und bleibt. 

7. Unterstützung aller gegen den Alkoholmißbrauch gerichteter 
Vereins- und sonstiger Bestrebungen, sei es materiell, sei es durch 
persönliche Mitarbeit. Hier gilt es vor allem Erweckung und För¬ 
derung des Interesses und des richtigen Verständnisses bei den 
führenden Persönüchkeiten für diese Bestrebungen. Hier mag an¬ 
geschlossen werden der Wunsch nach Förderung und Unterstützung 
der Arbeit von Abstinenz- und ähnlichen Vereinen einerseits, die 
Mitarbeit an dem weiteren Ausbau und der Errichtung von Trinker¬ 
heilstätten und Trinkerasylen anderseits. Dies letztere ist ein 
ungeheuer wichtiger Punkt und es ist erfreulich zu sehen, wie die 
Erkenntnis von dieser Wichtigkeit jetzt bei den Gemeinden mehr 
und mehr sich Bahn bricht. Aus den Antworten auf die von mir 
jetzt gehaltene Umfrage ersehe ich, daß eine ganze Reihe von 
Städten — ich nenne hier nur Dortmund, Stolp i. P., Posen, Arns¬ 
berg, Ruhrort, Duisburg und Celle — dieser Sache ernste Aufmerk¬ 
samkeit und praktische Fürsorge widmen. Es werden zu diesem 
■Zwecke Trinkerheilfonds gebildet, Summen zur Errichtung von 
Trinkerheilstätten sowie zur Verbringung Trunksüchtiger bewilligt 
und angewendet. Daß der Verband der Trinkerheilstätten des 
deutschen Sprachgebietes seit einer Reihe von Jahren eifrig bemüht 
ist, hier grundlegende Reformen zu schaffen, ist ja den Lesern 
dieser Blätter wohl bekannt! 2 ) 

Damit will ich meine Andeutungen über die Mittel und Wege, 

*) Germershausen, zur Reform des Schankkonzessionswesens. Berlin. 
Carl Heymanns Verlag. 1903. 

*) S. a. die Mäßigkeitsblätter des deutschen Vereins gegen d. Mißbr. 
geist. Getr. 1904, 1915. — In diesen Blättern: vgl. Jahrgang IV, Heft 4, S. 813 fi. 
und: Neue Folge, Jahrgang 1905 (Sonderabdruck eines Gesetzentwurfs des Verf.). 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



264 


Stadtrat Eappelmaon. Streiflichter aas den Jahresangaben etc. 


mit und auf denen geholfen werden kann, schließen. Ich bin gewiß, 
mancher möchte mir zurufen: Aber du hast ja die und die wichtige 
Sache ganz vergessen! Er würde recht haben. Es gibt eine ganze 
Reihe wichtiger Punkte, die ich nicht berührt habe. Aber einmal 
wollte ich eben nur Andeutungen, kurze Fingerzeige geben. 
Und sodann mußte ich mich auf die Frage beschränken: Was kann 
die Gemeinde tun, um dem verderblichen Wirken des Alkoholismus 
entgegenzuarbeiten? 

Zum Schluß sei es mir vergönnt, nur kurz zu betonen, daß 
der Kampf gegen den Alkoholismus nicht darum geführt wird, um 
einige Trunkenbolde zu kurieren und einigen Spießbürgern die Liebe 
zu ihrem Stammtische zu verleiden — nein, der geführt wird mit 
dem hohen Ziele: dazu zu helfen, daß unser geliebtes deutsches 
Vaterland weiter blühe und gedeihe, daß seinen Söhnen stets jugend¬ 
liche Kraft, starker Mut und frischer Geist erhalten und, so er ver¬ 
loren, wiedergewonnen werde zum Kampfe und zur Wehr gegen 
alle inneren und äußeren Feinde. Darum in letzter Linie führen 
wir diesen Kampf gegen den Alkoholismus. Möchten uns alle treu¬ 
lich dabei helfen, dann wird uns der Sieg oder wenigstens der 
Erfolg nicht fehlen! 


Beiträge zur Alkoholfrage. 1 ) 

n. 

Nachdem im ersten Artikel (Nr. 2, S. 65 ff.) eine Übersicht über 
den Verbrauch alkoholischer Getränke in den verschiedenen Ländern 
gegeben worden ist, soll nunmehr erörtert werden, welche Bedeutung 
die Ausgaben für alkoholische Getränke im Arbeiterhaushalt 
haben. 

Es ist schon im einleitenden Artikel darauf hingewiesen worden, 
wie gerade die Begrenztheit des Lohneinkommens es mit sich bringt, 
daß, je mehr für alkoholische Getränke verausgabt wird, um so 
weniger für die notwendigen Lebensausgaben, namentlich Ernährung 
und Wohnung, übrig bleibt und demgemäß in der Lebenshaltung 


x ) Aus dem „Reichs-Arbeitsblatt“. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Beiträge zur Alkoholfrage. 


265 


der arbeitenden Klassen um so leichter wirtschaftlich bedenkliche 
Verschiebungen eintreten können. 

Einen klaren Einblick in diese Verhältnisse könnte man nur 
gewinnen, wenn, wie z. B. in den Vereinigten Staaten von Nord¬ 
amerika 1 ), periodisch Erhebungen über Arbeiterhaushalte in den 
verschiedenen Berufszweigen und Gebietsteilen nach einheitlichen 
Gesichtspunkten und Methoden stattfänden und in ihren Ergebnissen 
nach statistisch-wissenschaftlicher Verarbeitung fortlaufend veröffent¬ 
licht würden. Da für Deutschland ein derartiges Material noch 
nicht vorliegt, ist man auf die Verwertung vereinzelter Erhebungen 
und Darstellungen angewiesen, welche hier und da von städte¬ 
statistischen Ämtern, Gewerbeaufsichtsbeamten, Arbeiterorganisationen 
und Fachleuten ausgegangen sind. Es ist aber einleuchtend, daß 
ein derart zersplittertes Vorgehen in Bezug auf die Auswahl und 
Abgrenzung des Beobachtungsfeldes, die Methode der Erhebung, die 
Beschaffung, Zusammenstellung und Aufarbeitung des Erhebungs¬ 
materials zu den größten Verschiedenheiten führen muß und des¬ 
halb für Untersuchungen der vorliegenden Art keine ausreichenden 
Unterlagen bieten kann. Immerhin liefert auch dieses unvollstän¬ 
dige und ungleichartige Material im einzelnen wertvolle Anhalts¬ 
punkte dafür, in welchem Verhältnis die Aufwendungen für die 
verschiedenen Lebensbedürfnisse im Arbeiterhaushalte zueinander 
stehen. Soweit das vorliegende Material in dieser Beziehung als 
geeignet erscheinen kann, wird daher in den nachstehenden Dar¬ 
legungen darauf Bezug genommen. 

Zunächst ist hier in Betracht gezogen eine Erhebung, welche 
das Statistische Amt der Stadt Berlin über „Lohnermitte¬ 
lungen und Haushaltsrechnungen der minderbemittelten 
Bevölkerung im Jahre 1893“ veranstaltet hat 8 ) 

Diese Untersuchung erstreckte sich auf Lohnermittelungen für 
Arbeiter der verschiedensten Gewerbegruppen sowie auf die Dar¬ 
stellung von insgesamt 908 Haushaltsrechnungen. 

Nach dem Berufe der Haushaltungsvorstände betrafen von den 
908 Haushaltsrechnungen 175 die Holzindustrie (Tischler, Drechsler 
u. s. w.), 143 die Metallindustrie (Schlosser, Schmiede u. s. w.), 115 das 

*) VergL den 18. Jahresbericht des Arbeitsamts in "Washington und 
die darin angezogenen Vorberichte. Eighteenth Annual Report of the Commissioner 
of Labor, 1903. ’ (Cost of Living and Retail Prices of Food.) Washington 1904. 

*) Berliner Statistik, Heft 8, Berlin 1904 (vergl. auch Reichs-Ar¬ 
beitsblatt 1905, S. 205 ff.). 


Digitized by 


Gck igle 


Original ffom 

CORNELL UNfVERSITV 



Digitized by 


266 


Beiträge zur Alkoholfrage. 


Baugewerbe, 79 die Papieiv und Lederindustrien, 68 das Druckerei¬ 
gewerbe und künstlerische Betriebe, 45 das Bekleidungsgewerbe, 
?4 die Nahrungsmittelgewerbe, 22 die Straßenreinigung, 11 die 
Handels- und Verkehrsgewerbe. 18 Haushaltsrechnungen bezogen 
sich auf die Ausgaben von Beamten, bei 74 war der Haushaltungs¬ 
vorstand als „Arbeiter“ ohne nähere Angabe der Beschäftigungsart 
bezeichnet, bei 37 war der Beruf des Ernährers als „Hausdiener“ 
angegeben; 97 verteilten sich auf die übrigen Berufe. 


Pro Mille 


Art der Ausgaben: 


der Gesamt¬ 
ausgaben 


1. Wohnungsmiete für das Jahr. 

2. Heizung. 

3. Beleuchtung. 

4. Kleider, Schuhe, Wäsche (Anschaffung, Reparatur und Rei¬ 
nigung) . 

5. Handwerksgeräte (regelmäßige Anschaffung und Reparatur) . 

6. Nahrungsmittel (Essen und Trinken im Haushalt) . . . . 

a) Fleisch. 

b) Speck und Wurst. 

c) Heringe und sonstige Fische .. 

d) Eier .. 

e) Butter, Margarine, Schmalz, Fett. 

f) Schwarz- und Weißbrot. 

g) Mehl, Graupen, Grieß, Grütze, Reis. 

h) Kartoffeln.. 

i) Gemüse (Kohl, Rüben, Salat u. s. w.). 

k) Obst... 

l) Zucker, Sirup, Honig. 

m) Salz, Gewürze. 

n) Kaffee, Tee, Kakao, Schokolade. 

o) Milch . 

p) Bier.. 

q) Branntwein. 


86.7 

56.1 

10.3 

20.7 

68.7 

77.1 
11,9 
17,0 

12.7 
7,6 

13.7 

4,1 

20.8 

40.4 
23,6 

4,5 


163,5 

28,9 

10,7 

81,1 

2,9 

485,2 


r) Sonstige Getränke und Nahrungsmittel 

7. a) Essen im Wirtshause. 

b) Trinken im Wirtshause. . . . 

8. Cigarren und Tabak. 


16.3 

38.3 
17,1 


9. Bäder 


6,4 


10. Vereinsbeiträge. 

11. Beiträge für Kranken- und InvaüdenVersicherung . . . . 

12. .Privatversicherungsbeiträge. 

13. Für Arzt, Medizin und Krankheit. 


13,9 

21,8 

11,1 

9,9 


14. Steuern. 

15. Schulgeld und Schulbedarf. 

16. Zeitungen * und Bücher. 

17. Für Vergnügungen. 

18. Straßenbahn,. Omnibus u. s. w.. . 

19. Sonstige regelmäßige Ausgaben. 

20- Außerordentliche Ausgaben für Möbel, Umzug u. s. w, . . 
^i. Für Deckung und Verringerung der Schulden. 


9.2 

3.2 

11.4 

18.4 
19,8 

8>7 

11,7 

10.5 


1000,0 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 






































^Beiträge zur Alkoholfrage. 


267 


. Die Bearbeitung der Haushaltsrechnungen ergab im Gesamt¬ 
durchschnitt vorstehende Promillesätze der verschiedenen Aus¬ 
gaben von den Gesamtkosten der betreffenden Haushaltungen 1 ). 

Danach entfällt fast die Hälfte aller Ausgaben auf die 
Deckung des Bedarfs an Nahrungsmitteln; etwa % der Gesamt¬ 
ausgaben werden für. Wohnurigsmiete, einschließlich Heizung und 
Beleuchtung, und noch nicht x / 10 für Bekleidung verwendet. Be¬ 
merkenswert ist die Verteilung der für die Ernährung gemachten 
Ausgaben auf die verschiedenen Nahrungsmittel. Von insgesamt 
485,2 Einheiten der Nahrungsmittel-Ausgaben entfallen 142,8 Ein¬ 
heiten, also noch nicht x / 3 , auf Fleisch (einschließlich Speck und 
•Wurst), auf Eier 20,7 Einheiten, auf Fettstoffe (Butter, Margarine, 
•Schmalz) 68,7 und auf Brot 77,1 Einheiten Die verschiedenen 
Gemüse sowie Obst sind an den vorgenannten Gesamtausgaben mit 

20.3 Einheiten, Milch mit 40,4 Einheiten beteiligt. Auf die im 
Hause genossenen alkoholischen Getränke kommen 28,1 Einheiten, 
davon auf Bier 23,6 und auf Branntwein 4,5 Einheiten. Diesen 
Zahlen für die im Haushalt verbrauchten alkoholischen Getränke 
sind in der obigen Zusammenstellung unter 7 b angeführten 38,3 
Einheiten für „Trinken im Wirtshause“ noch zuzurechnen, da wohl 
angenommen werden kann, daß die im Wirtshause genossenen Getränke 
fast ausschließlich alkoholische sind. Insgesamt stellt sich dann der 
Anteil der Aufwendungen für geistige Getränke an den Gesamtaus¬ 
gaben der untersuchten Berliner Haushaltungen auf 6,64 ®/ 0 . Will 
man der medizinisch-hygienischen Forschung Bechnung tragen, 
welche die alkoholischen Getränke nicht zu den eigentlichen Nah¬ 
rungsmitteln, sondern zu den bloßen Genußmitteln rechnet, so 
müßten die Zahlen für die in der obigen Tabelle unter Ziffer 6 
„Nahrungsmittel“ angeführten alkoholischen Getränke von der Gesamt¬ 
summe der Nahrungsmittel-Ausgaben in Abzug gebracht werden, 
andererseits die unter 7 a für „Essen im Wirtshause“ angeführten 

16.3 Einheiten den Ausgaben für die Ernährung hinzugerechnet 
werden. In diesem Falle würden sich für die eigentlichen Nahrungs¬ 
mittel 473,4 Einheiten ergeben. Setzt man die Ausgaben für alko¬ 
holische Getränke (66,4 Einheiten) in Vergleich zu den für die 
eigentlichen Nahrungsmittel gemachten Aufwendungen, so ergibt 
sich, daß die Ausgaben für die ersteren etwa 14 °/ 0 oder 1 j 1 der 
Ernährungskosten ausmächen. 


».) a. a. 0. S. 63/75. 


Digitized by 


Gck gle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



268 


Beiträge zur Alkoholfrage. 


Für die wirtschaftliche Beurteilung dieses Verhältnisses wird 
auf die am Schlüsse dieses Artikels angeführte graphische Darstel¬ 
lung verwiesen, daß von den 908 untersuchten Haushaltungen 464 
einen Fehlbetrag von durchschnittlich 79 Mk., 399 einen Überschuß 
von durchschnittlich 53 Mk. hatten, und daß die durchschnittliche 
Gesamtausgabe sich für den Kopf auf 419,3 Mk. stellte (Nahrung 202, 
Wohnung 85, Kleidung 34 Mk.). 

Über ländliche Haushalte gewerblicher Arbeiter gibt die Unter¬ 
suchung Aufschluß, die von dem badischen Fabrikinspektor 
Dr. Fuchs x ) hinsichtlich der Verhältnisse der Industriearbeiter in 
einer Anzahl Landgemeinden bei Karlsruhe angestellt worden ist 
Die Erhebung umfaßte 14 Arbeiterfamilien, von denen bei 3 der 
Haushaltungsvorstand als Metallarbeiter, bei je 2 als Brauarbeiter 
und als Tagelöhner beschäftigt war, während die übrigen Haus¬ 
haltungen sich auf die Ausgaben je eines Fraismaschinenarbeiters, 
Druckereifaktors, Küfers, Lackierers, Schreiners, Schlossers und 
Ziegeleiarbeiters beziehen. 

Diese badische Untersuchung kommt auf Grund der Angaben 
jener 14 Haushaltungsrechnungen für Arbeiterfamilien, die, wie in 
Baden üblich, zwar auf dem Lande wohnen, aber aus der gewerb¬ 
lichen Tätigkeit des Familienhauptes in der benachbarten Stadt ihren 
Haupterwerb beziehen, zu dem Ergebnis, daß für geistige Getränke 
im Durchschnitt 21,5 °/ 0 8 ) der Gesamtkosten der Haushaltung (Nah¬ 
rungs- und Genußmittel) und 12,6 °/ 0 der gesamten Ausgaben ver¬ 
wandt werden. Nach Ansicht des Berichterstatters könnte, in Über¬ 
einstimmung mit den vorliegenden ärztlichen Äußerungen, 8 ) „in einer 
ganzen Reihe von Familien die ungenügende oder mangelhafte Er¬ 
nährung durch Verwendung des für geistige Getränke ausgegebenen 
Geldes zum Ankauf von Nahrungsmitteln in eine genügende Familien- 
emährung verwandelt werden“ (a. a. 0. S. 135). Erwägt man ferner, 

1 ) „Die Verhältnisse der Industriearbeiter in 17 Landgemeinden bei Karls¬ 
ruhe“. Dargestellt von dem Großherzoglichen Fabrikinspektor Dr. Fuchs. Be¬ 
richt erstattet an das Großherzogliche Ministerium des Innern und herausgegeben 
von der Großherzoglich Badischen Fabrikinspektion. Karlsruhe 1904. (Vexgl. 
auch ßeichs-Arbeitsblatt 1905, S. 189 ff.). 

*) 219 Mk. jährlich pro Familie bei 1021 Mk. Gesamtkosten für Nahrungs¬ 
und Genußmittel und zwar für Bier 147 Mk., für "Wein 65 Mk. und für Brannt¬ 
wein 7 Mk. Vergl. Reichs-Arbeitsblatt 1905, S. 141/143. 

*) Ein Arzt schrieb z. B.: „In der Ernährung ist ein Hauptmangel, daß zu 
viel Milch in die Stadt abgeführt wird und für das erlöste Geld Flaschen¬ 
bier ins Haus und Feld geholt wird.“ Vergl. Reichs-Arbeitsblatt, a. a. 0. 


Digitizetf by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



Beiträge zur Alkoholfrage. 


269 


daß von dem durchschnittlichen Gesamteinkommen mit 1762 Mk. 
nur 64,4 °/ 0 aus dem Lohnerwerb des Mannes, aber 19,4% aus 
solchem von Frau und Kindern herstammen, so liegt der Schluß 
nahe, daß in allen Fällen eines begrenzten Lohneinkommens unver¬ 
hältnismäßige Ausgaben für alkoholische Getränke entweder zu unzu¬ 
reichender Ernährung und Wohnung oder zu ergänzender Lohn¬ 
arbeit von Frau und Kindern führen müssen. 

Eine eingehende Untersuchung über Haushaltskosten liegt ferner 
für die Nürnberger Arbeiterverhältnisse in einer von dem dortigen 
Arbeiter-Sekretariat im Jahre 1901 herausgegebenen Schrift 
„Haushaltungsrechnungen Nürnberger Arbeiter“ vor. Durch 
diese Erhebung, die sich auf 44 Nürnberger Arbeiterfamilien ohne 
Unterschied des Berufs erstreckte, wurde festgestellt, daß in den 
Haushaltungen im Durchschnitt 9,53% der Gesamtausgaben für 
alkoholische Getränke ausgegeben wurden. Yon diesen 9,53 % der 
Gesamtausgaben entfiel der weitaus größte Teil (9,21%) auf die 
Aufwendungen für Bier. 

War im ersten Artikel, in Ermangelung ausreichender stati¬ 
stischer Unterlagen, der Satz von etwa 10% des Arbeiterhaushaltes 
als die ungefähre Durchschnittslinie bezeichnet worden, auf welcher 
sich die Ausgaben für alkoholische Getränke in Arbeiterkreisen 
bewegen, so bestätigen die vorerwähnten Erhebungen, daß, wie bei 
allen Durchschnittszahlen, in Wirklichkeit zahlreiche Arbeiter¬ 
haushalte diesen Durchschnitt nicht erreichen, andere wieder ihn 
überschreiten. Solche Überschreitungen, und mitunter ganz erheb¬ 
liche, sind gerade in Berufen zu beobachten, die sich durch besonders 
hohe Löhne auszeichnen. So mag hier beispielsweise auf die im 
Braugewerbe beschäftigten Personen hingewiesen werden, bei 
denen der sog. „Freitrunk“ üblich ist In einer im Reichs-Arbeits¬ 
blatt (Jahrg. 1904, S. 121 ff.) gegebenen Darstellung der „Lohntarife 
und Tariflöhne im Deutschen Reich“ wird hinsichtlich des Frei¬ 
trunkes ausgeführt (S. 132): 

„Einen bedeutungsvollen Faktor in den Löhnen im Brauer¬ 
gewerbe stellt noch immer der „Freitrunk“ dar, der sich trotz aller 
Bekämpfung fast überall erhalten hat Seine Ablösung durch Geld 
ist nur in sehr wenigen Brauereien erfolgt. Die Richtigkeit der 
Ausführung im Badischen Fabrikinspektionsbericht für 1902: „Wir 
haben in zahlreichen Brauereien die Frage der Geldablösung des 
Freitrunkes mit den Arbeitern und Arbeitgebern erörtert Yon den 
ersteren haben sich leider. viele ablehnend oder gleichgültig ver- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSHY 



270 


Beitrage zur Alkoholfrage. 


Digitized by 


halten; die Minderheit dagegen scheint die Abschaffung des Frei¬ 
trunkes zu wünschen“, wird durch die Vereinbarungen in den 
Tarifen zweifelsfrei bestätigt. Nur in 3 von den 74 Tarifen hat 
eine Geldablösung des Freibieres und zwar mit 7 bis 7,20 Mk. die 
Woche stattgefunden, in zwei weiteren wird den Arbeitern auf 
Wunsch das nicht getrunkene Freibier mit 20 Pf. pro Liter ver¬ 
gütet, in den übrigen ist ein Anspruch auf Erstattung des nicht ge¬ 
trunkenen Bieres entweder nicht vereinbart oder ausdrücklich aus¬ 
geschlossen. Die Menge des täglichen Freibieres ist entweder un¬ 
beschränkt oder, wo eine Begrenzung stattgefunden hat, auf durch¬ 
schnittlich 5 Liter 1 ) guten Bieres bemessen.“ 

Bei der Beurteilung des vorstehend genannten Betrages der 
Geldablösung des Freitrunkes ist zu berücksichtigen, daß der Wochen¬ 
lohn bei den in Betracht kommenden Arbeitern 22 bis 27 Mk. be¬ 
trägt. Der Freitrunk würde sich demnach für den Arbeiter auf 
21 bis 21,1 °/ 0 seines gesamten Wochen Verdienstes belaufen. 
Ähnliche und noch höhere Sätze, welche oft dem gesamten Woh¬ 
nungsaufwand gleichkommen, sind auch in anderen hochgelohnten 
Berufszweigen beobachtet worden, die dann meist hohe Krankheits-, 
Unfall-, Invaliditäts- und Sterblichkeitsziffem aufzuweisen haben, 
wovon noch in späteren Artikeln die Rede sein wird. Hier mag 
nur erwähnt werden, wie auch aus Arbeiterkreisen u. a. von dem 
bekannten belgischen Abgeordneten van der Velde, wiederholt dar¬ 
auf hingewiesen worden ist, daß es weder dem Eigeninteresse des 
einzelnen Arbeiters noch dem Gesamtinteresse der Arbeiterschaft 
entspricht, wenn erhöhtes Lohneinkommen vom Arbeiter nicht zu¬ 
allererst dazu verwendet wird, sich selbst und seine Familie auf 
ein erhöhtes Lebensniveau zu bringen und zu verbesserter Lebens¬ 
haltung überzugehen. 

Da gerade die Lebenshaltung der amerikanischen Arbeiter 
als die zur Zeit höchste angesehen wird, dürfte eine Gegenüberstel¬ 
lung der Verhältnisse amerikanischer Arbeiterfamilien zu denen der 
hier behandelten deutschen Arbeiterhaushaltungen von besonderem 
Interesse sein; dies um so mehr, als hinsichtlich der wirtschaftlichen 
Verhältnisse amerikanischer Arbeiterhaushaltungen vollständigere 
Unterlagen vorliegen, was das Arbeitsamt der Vereinigten 


*) Yergl. über die Anrechnung des Freibieres bis zu dieser Höhe bei den. 
LohnnachWeisungen: „Amtliche Nachrichten des Reichs-Versicherungsamts“, 
Jahrg. 1887, S. 204, Rekursentscheidung Nr. 378 vom 18. Juni 1887. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTY 



Beiträge zur Alkoholfrage. 


271 


Staaten wiederholt umfassende Untersuchungen über die Lebens¬ 
haltung gewerblicher Arbeiter angestellt hat. Die letzte davon ist 
im Jahre 1904 unter dem eingangs angeführten Titel veröffentlicht 
worden und erstreckte sich auf 11156 sogen. „Normalfamilien“, 1 ) von 
denen 2567 besonders eingehend untersucht wurden. 8 ) Die Auf¬ 
wendungen für alkoholische Getränke sind nur für die 2567 besonders 
untersuchten Arbeiterfamilien angegeben worden. Der Anteil der 
Ausgaben für alkoholische Getränke beträgt für die 2567 Arbeiter¬ 
familien durchschnittlich nur 1,62 °/ 0 der Gesamtausgaben. Dabei 
ist allerdings zu beachten, daß von den 2567 untersuchten Familien 
1265 oder 49,5% abstinent waren, so daß nur 1302 Familien 
überhaupt Ausgaben für alkoholische Getränke aufzuweisen hatten. 
Für die letztgenannten Familien stellte sich der Aufwand für alko¬ 
holische Getränke im Durchschnitt auf 3,19 % der Gesamtausgaben. 

Die nachstehende Tabelle ermöglicht einen Vergleich darüber, 
wie die Ausgaben sich auf die wichtigsten Ausgabeposten der be¬ 
handelten Haushaltsrechnungen verteilen und für alkoholische Getränke 
bei den deutschen und den amerikanischen Arbeiterfamilien stellen, 
soweit solche Gegenstand der betreffenden Erhebungen waren. 

Angesichts des aus dieser Gegenüberstellung hervorgehenden 
(auch durch die im ersten Artikel gegebene internationale Übersicht 
bestätigten) erheblichen Unterschiedes in der Belastung deutscher 
und amerikanischer Arbeiterhaushalte durch die Ausgaben für 
alkoholische Getränke macht sich die Frage geltend, auf welche 
Ursachen der so wesentlich größere Alkoholgenuß der deutschen 
Arbeiter zurückzuführen ist. In dieser Beziehung fehlt es aller¬ 
dings an vergleichbaren statistischen Unterlagen für die Feststellung, 
in welchem Maße etwa ungünstigere Wohnungsverhältnisse, längere 
Arbeitszeit und geringere Löhne den Alkoholgenuß der deutschen 
Arbeiter befördern. Von solchen wirtschaftlichen Ursachen abge- 

*) Unter einer „Normalfamilie“ versteht das amerikanische Arbeitsamt eine 
Familie aus Mann, Frau und höchstens fünf Findern, von denen keines über 
14 Jahre alt ist, der Mann als Lohnarbeiter in Stellung, der Haushalt ohne arme 
Verwandte, Pensionäre, Schlafburschen oder Dienstboten, sowie mit Ausgaben 
für Miete, Heizung, Beleuchtung, Nahrung, Kleidung und Verschiedenes. Vergl. 
a. a. 0. S. 18. 

*) Weder bei den Normalfamilien noch bei den besonders untersuchten 
Familien ist die Verteilung auf die verschiedenen Berufe angegeben. Der 
genannte Bericht erstreckt sich auf die Industriezentren von S3 Staaten (S. li) 
und führt bezüglich der besonders untersuchten Familien (S. 77) an, daß diese 
als „typische Arbeiterfamilien“ anzusehen seien. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



272 


Beiträge zur Alkoholfrage. 


sehen, wird sich jener auffallende Unterschied aber vornehmlich 
daraus erklären lassen, daß die sogen. Temperenz- und Abstinenz- 
(Mäßigkeits- und Enthaltsamkeits-)bewegung in Amerika mehr wie 
irgendwo sonst in den Volksanschauungen und der Gesetzgebung 
einen starken Rückhalt findet, wogegen in Deutschland die Trink¬ 
sitten hergebrachtermaßen noch alle Volksschichten beherrschen und 
die Anschauungen über die schädigenden Wirkungen alkoholischer 
Getränke erst neuerdings sich zu klären beginnen. So wird nament¬ 
lich in Arbeiterkreisen noch immer der Alkohol vielfach als ein 
kraftverleihendes und stärkendes Mittel betrachtet und dement¬ 
sprechend angenommen, daß ein mehr oder minder großer Alkohol¬ 
genuß für die körperliche Arbeit notwendig und nützlich sei. 
Bezüglich der angeblich kräftigenden Wirkungen des Alkohols darf 
darf aber nach dem heutigen Stande der medizinischen Wissenschaft 
als festgestellt gelten, daß der Alkoholgenuß wohl vorübergehend 
durch Betäubung das Ermüdungsgefühl hebt und durch Reizung 
scheinbar kräftigt, daß aber eine so erzielte zeitweilige Mehrleistung 
durch eine sehr bald eintretende Erschlaffung reichlich wieder auf¬ 
gehoben wird und bei steten Wiederholungen ernstliche und bleibende 
Schäden nach sich zieht. 



Von den Gesamtausgaben kommen in 
Prozenten auf: 

Für sonstige 
^ Ausgaben 
verbleiben 

Untersuchte Haushaltungen 

Nahrung 

Wohnung 
(einschl. 
Heizung und 
Beleuch¬ 
tung) 

Kleidung 

Alkoho¬ 

lische 

Getränke 

908 Berliner. 

47,34 

20,31 

8.11 

6,64 

17,60 

14 Badische. 

41,32 

15,6') 

12,5 

12,6 

17,98 

44 Nürnberger. 

42,80 

18,90 

8,53 

9,53 

20,24 

11156 amerikanische Normalfamilien 

43,13 

23,81 

12,95 

nicht beson¬ 
ders ange¬ 
geben 

— 

2567 amerikanische besonders un¬ 





tersuchte Familien .... 

42,5 

21,2 

14,9 

1,62 

(3,19)*) 

19,68 


') Bei den Badischen Familien aus der Umgegend von Karlsruhe ist be¬ 
züglich des Prozentsatzes der Ausgaben für Wohnung u. s. w. zu bemerken, 
daß die Ausgaben für Wohnungsmiete und Unterhaltung des etwa eigenen Hauses 
nur 4,1% der Gesamtausgaben betragen. Um einen Vergleich mit städtischen 
Haushaltungen zu ermöglichen, sind hier den Wohnungskosten die Ausgaben für 
die Schuldzinsen mit 3,9%, die Fahrgeldausgaben mit 3,5% und die Kosten für 
Heizung und Beleuchtung mit 4,1 % zugerechnet. 

*) Auf die nicht abstinenten Familien bezogen. 


Digitized by Google 


Original from 

CORNELL UNiVERSSTV 








Beiträge zur Alkoholfrage. 


273 


Dr. Hoppe, ein ärztlicher Sachverständiger in der Alkohol¬ 
frage, faßt nach Anführung zahlreicher Äußerungen von Fachleuten 
seine Ansicht über diese Frage folgendermaßen zusammen: „Gelegent¬ 
lich einmal, wo Großes auf dem Spiele steht und es darauf an¬ 
kommt, nach eingetretener Erschöpfung zu einer letzten Kraftan¬ 
strengung anzuspomen, kann der Alkohol von Nutzen sein, wenn 
nichts anderes und besseres zu haben ist. Zur Ertragung von 
Strapazen aber, welche dauernde Kraftanstrengung erfordern, wie 
überhaupt bei jeder körperlichen Arbeit, ist der Alkohol so unge¬ 
eignet wie nur möglich. Er setzt wie die geistige, so auch die 
körperliche Leistungsfähigkeit herab.“ 1 ) 

Diese Auffassung von den Wirkungen des Alkohols wird be¬ 
stätigt durch zahlreiche Erfahrungen, die in Heer und Marine, auf 
Forschungsreisen in heißen und kalten Zonen, bei anstrengenden 
Bergtouren, bei sportlichen Übungen aller Art u. s. w. gemacht 
worden sind, und die in den beteiligten Kreisen zu einer möglichsten 
Einschränkung, wenn nicht gänzlichen Aufgabe des Alkoholgenusses 
geführt haben. 

Von behördlicher wie gemeinnütziger Seite sind daher den 
Arbeiterkreisen wiederholt und, wie das zunehmende Interesse der 
Krankenkassen und verschiedener Arbeiterorganisationen erkennen 
läßt, erfreulicherweise mit Erfolg gemeinverständliche Schriften emp¬ 
fohlen worden, welche auf Grund wissenschaftlicher Feststellungen 
über die gerade den Arbeiter interessierenden Fragen, wie: „Gibt 
Alkohol Kräfte?“, „Soll man bei der Arbeit Alkohol genießen“, 
„Alkohol und Arbeitsstätte“ u. s. w. dankenswerten Aufschluß geben. a ) 
Auf diese Fragen soll bei der Untersuchung darüber, welche Rolle 
der Alkohol im Berufsleben des Arbeiters spielt, noch näher ein¬ 
gegangen werden. 

Außerdem fällt erheblich ins Gewicht, daß über den angeb¬ 
lichen Nährwert der alkoholischen Getränke, besonders des Bieres, 
welches man sogar „flüssiges Brot“ genannt hat, noch in weiten 
Kreisen unserer Bevölkerung Anschauungen vorherrschen, welche 
in den Ergebnissen wissenschaftlicher Feststellungen keinen Boden 

*) „Die Tatsachen über den Alkohol.“ Berlin 1904, S. 99. 

*) Yergl. die Empfehlung solcher und anderer im Selbstverlag des „Deut¬ 
schen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke (Berlin "W. 15, Fasanen¬ 
straße 59)“ erschienenen billigen Aufklärungs-Schriften in den Amtl. Nachrichten 
des Beichs-Versicherungsamts, Jahrg. 1904, S. 242. 

Der AlkoholiamuB. 1906. 19 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTY 



Kohle- ! .| ii ko hol 2 1 /, Pfund Brot 


274 


Beiträge zur Alkoholfrage, 



Digitized by Google 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 


die Angaben für Branntwein gelten im allgemeinen auch für Wein mit dem Unterschiede, daß für 30 Pfg. in deutschen 
Weinbaugegenden etwa 8 /ß Liter Wein mit durchschnittlich 8% = 48 g Alkohol käuflich zu haben ist. 




















Beiträge zur Alkoholfrage. 


275 


finden. In dieser Beziehung bietet aber das Alkohol-Merkblatt 1 ) 
des Kaiserlichen Gesundheitsamts eine ebenso zuverlässige wie 
gemeinverständliche Aufklärung. Es kann daher hinsichtlich der 
Bedeutung der wichtigsten Nahrungsmittel und der alkoholischen 
Getränke für die Ernährung auf die nachstehende, dem genannten 
Merkblatt entnommene Tafel verwiesen werden, welche den Gehalt 
der gebräuchlichsten Nahrungsmittel und geistigen Getränke an 
Nährstoffen und Alkohol, berechnet nach den Mengen; welche 
je für 30 Pfg. im Kleinverkehr käuflich zu haben sind, ersichtlich 
macht Darnach enthält der Branntwein sowie der Wein über¬ 
haupt keine Nährstoffe und das Bier solche nur in geringen 
Mengen. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache können Ausgaben 
für alkoholische Getränke, soweit sie die Ausgaben für Ernährung 
und Wohnung beeinträchtigen, nicht wohl als „wirtschaftliche“ be¬ 
zeichnet werden. 

Als Endergebnis aus der vorstehenden Darstellung läßt sich 
die Schlußfolgerung ziehen, daß unverhältnismäßige Ausgaben für 
alkoholische Getränke im Arbeiterhaushalt bei geringem Lohnein¬ 
kommen zu verschlechterter Lebenshaltung führen, bei hohem 
Lohneinkommen aber eine aufsteigende Lebenshaltung er¬ 
schweren, in jedem Falle also ungünstige Rückwirkungen nach 
sich ziehen. Daß diese nicht bloß wirtschaftlicher Natur sind, 
soll in den folgenden Artikeln erörtert werden. 


l ) Dieses „Merkblatt“ ist bereits in nahezu 1 Million Exemplaren ab¬ 
gesetzt worden und hat auf der 'Weltausstellung in St. Louis 1904 von der sach¬ 
verständigen Jury den „Ersten Preis“ erhalten; es ist im Verlag von Julius 
Springer, Berlin N., Monbijouplatz 8, für 5 Pfg. das Stück (100 Stück 8 Mk., 
1000 Stück 25 Mk.) erhältlich. — Reichhaltiges und anschauliches Aufklärungs¬ 
material bietet auch die täglich eintrittsfreie „Sonderausstellung zur Be¬ 
kämpfung des Alkoholismus“ in der vom Reich eingerichteten „Ständigen 
Ausstellung für Arbeiterwohlfahrt“, Berlin-Charlottenburg, Frauenhofer¬ 
straße 11/12. 


19* 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



276 


Digitized by 


II Referate. 

Külz. Hygienische Beeinflussung der schwarzen Rasse durch die weifte in Deutsch-Togo. 

Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, 2. Band, Heft 5—6, ausgeg. im 

Dez. 1905. 

Dr. Külz schildert ausführlich, wie der Europäer auf der einen Seite die 
hygienischen Bedingungen der Rassenentwicklung hebt, auf der anderen Seite 
aber unzweifelhaft verschlechtert. Das Gesamtresultat gestaltet sich ungünstig 
für die Neger; eine Hauptschuld hieran trägt die Ausbreitung des Alkohol¬ 
genusses. In Togo haben wir Gelegenheit, sagt der Yerf., zu beobachten, wie 
in den letzten Jahrzehnten der Alkohol seinen Triumphzug halt über ein ihm bis¬ 
her nur wenig oder gar nicht ergebenes Gebiet. Von den eingeführten alkoholi¬ 
schen Getränken kommt nur Branntwein in Betracht; die Einfuhr stellt sich 
jetzt auf etwa eine Million Liter pro Jahr, doch wird das größte Quantum von 
der Bevölkerung in den der Küste nahegelegenen Landstrichen konsumiert Weiter 
im Norden scheint der Mohammedanismus ein ziemlich festes Bollwerk gegen die 
Alkoholdurchseuchung zu sein. Außer dem importierten Branntwein hat der 
Neger noch seinen Palmwein und verschiedene bierartige Getränke, doch richten 
diese, wie betont wird, wenig Schaden an; ihre Bereitung erfolgt nur zu gewissen 
Jahreszeiten und in beschränkten Quantitäten. Anders verhält es sich mit dem 
Branntwein. „Obwohl die Figur des chronischen Säufers noch nicht so häufig an¬ 
getroffen wird wie daheim, so ist sie doch bereits vorhanden. In Klein-Popo, 
dessen Einwohner ich durch mehljährigen Aufenthalt unter ihnen genauer kenne, 
und das mit nächster Umgebung etwa 6000 Seelen zählt, würde ich leicht einige 
Dutzend strammer Gewohnheitssäufer zusammenbringen. Sie sind sämtlich Brannt¬ 
weintrinker. Einen chronischen Bier- oder Palmweinsäufer sah ich im ganzen 
Lande niemals, habe auch niemals von der Existenz eines solchen anderweit er¬ 
fahren.“ Es vollzieht sich ein rasches Aufsteigen von unschädlichem gelegent¬ 
lichem Genuß bis zur Schädigung des eigenen Organismus und der Keimzellen 
infolge der Alkoholwirkung. — Durch die Erleichterung des Verkehrs und die 
Verbilligung der Transportkosten wird die Alkoholdurchseuchung ungehindert im¬ 
mer weiter vor sich gehen, für viele vielleicht auf Jahre hinaus noch unmerklich, 
bis endlich durch eine weitgehende Degeneration der künftigen Geschlechter ihre 
schweren Folgen nicht mehr verborgen bleiben können. Der im Daseinskampf 
im Vergleich zum Europäer auf härtere Bedingungen gestellte Neger wird doppelt 
schwer vom Alkohol beeinflußt werden, zumal für ihn Momente, die unter uns 
dem Alkoholismus einigermaßen entgegenwirken — namentlich die gesellschaftlichen 
und sittlichen Hemmungen — in Wegfall kommen. Nicht diejenigen, welche durch 
den Alkoholismus zur Sterilität gelangen, gefährden die Zukunft der eingeborenen Be¬ 
völkerung; sie scheiden aus dem Entwicklungsprozeß aus. Wohl aber diejenigen, 
deren Keimplasma durch den Alkohol geschädigt wird, die eine minderwertige 
Nachkommenschaft produzieren. Dr. Külz sieht voraus, daß der Alkoholgenuß 
in dieser Weise zum physischen Niedergang der Togo-Neger führen muß, wenn 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


277 


es nicht gelingt, den Branntweinkonsum einznschränken. Er verspricht sich Er¬ 
folg von einer successive ansteigenden Zollerhöhung, die aber gemeinsam mit 
den benachbarten Kolonialmächten (England und Frankreich) dnrchgeführt werden 
müßte, um daa Ziel zu erreichen. Fehlinger 


Report of the Inder-Departmental Committee on Physical Deterioration. (Bericht über 
physische Entartung in Großbritannien.) London. Verlag von Eyre & Spottis- 
woode. 3 Bände. 

Die britische Regierung hat im September 1903 ein Komitee zur Unter¬ 
suchung der physischen Entartung des Volkes eingesetzt. Dieses Komitee erstattete 
einen umfangreichen Bericht, welcher auch die Alkoholfrage eingehend behandelt, 
da sie „näohst der Verstädtischung der Kultur — und eng damit verbunden — einen 
hervorragenden Platz unter den Ursachen der Degeneration einnimrat u . Die 
„Begierde nach Alkohol“ ist, wie die Aussagen der vernommenen Zeugen bekunden, 
meist eine Folge der schlechten Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse, des 
Aufenthalts in verdorbener Luft, der langen Arbeitszeit, deren niederdrückende 
Wirkung man „durch die Aufregungen des städtischen Lebens zu beheben“ sucht. 
Es erwies sich nicht leicht, in einer alle Zweifel ausschließenden Weise fest¬ 
zustellen, ob die Trunksucht im Rückgänge oder in der Zunahme begriffen ist. 
In England scheint sie abzunehmen, soviel nach dem vorgelegten Material 
beurteilt werden kann; für Irland und Schottland ist jedoch das Gegenteil anzu¬ 
nehmen. Ausnahmslos wurde versichert, daß „die Trinkgewohnheiten unter den 
Frauen der Arbeiterklasse zunehmen und Folgen haben, die vom äußersten 
Nachteil für die Pflege und Erziehung der Kinder sind, ganz zu schweigen 
von der Möglichkeit der Erzeugung dauernd untauglicher Nachkommenschaft“. 
Allerdings ist eine Vererbung pathologischer Zustände infolge Alkoholmißbrauchs 
ganz unwahrscheinlich; wenn es sich aber um Vergiftungserscheinungen am 
Gesamtorganismus handelt, so kann der verderbliche Einfluß des Alkoholismus 
auf die Nachkommenschaft aus einer direkten Schädigung der Keimzellen erklärt 
werden. Dies wird durch die von M. A. Eccles mitgeteilten Resultate von 
Experimenten bestätigt (Band 3, Anhang 16). — Die Nachkommen von Trinkern 
bleiben fast immer in Bezug auf Körpergröße und Körpergewicht hinter der 
übrigen Bevölkerung zurück, auch dann, wenn sie selbst nicht dem Alkohol 
ergeben sind. Zum Beweise der geringen Vitalität der Trinker konnte reichhal¬ 
tiges statistisches Material beigebracht werden, doch ist hier von dessen Wieder¬ 
gabe Abstand zu nehmen. Mehrere ärztliche Sachverständige bezeugten, daß 
Trinkern, wie deren Nachkommen, für syphilitische Erkrankungen und für die 
Tuberkulose besonders empfänglich seien. Dr. Jones konstatierte, daß in einigen 
Irrenanstalten die Zahl der Fälle von Geisteskrankheit infolge Alkoholmißbrauchs 
absolut und relativ wächst (Bd. 2, S. 393 und ff.). In Nottingham, wo zahlreiche 
Frauen in den Spitzenfabriken beschäftigt sind, befinden sich unter den in der 
Irrenanstalt untergebrachten Alkoholikern doppelt soviel Frauen als Männer. 
In jenen Landesteilen hingegen, wo die ökonomische Lage der Arbeiterklasse 
besser ist als im Durchschnitt, erscheint die Proportion der Geisteskrankheiten 
infolge Alkoholgenusses außerordentlich gering, ebenso in den agrarischen 
Distrikten. Um gegen den Alkoholismus anzukämpfen empfiehlt das Entartungs¬ 
komitee die Besserung der Ernährungsverhältnisse der Bevölkerung — die wohl 
nicht leicht zu erreichen sein wird; die Reform der Schankhäuser (public 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



278 


Referate. 


Digitized by 


houses), so zwar, daß dort wie am Kontinent stets auch Speisen erhältlich sind; 
die Schaffung von Erholungsplätzen für die städtische Bevölkerung, insbesondere 
für die Jugend; die Förderung der körperlichen Übungen; die Verbreitung von 
Aufklärung über die Schäden des Alkohols, speziell in den Schulen; die Änderung 
der Gesetze betr. den Handel mit alkoholischen Getränken. — Dem Berichte sind 
auch statistische Daten über den Alkoholismus in außerbritischen Ländern beil- 
gegeben, die allen Interessenten willkommen sein werden. Fehlinger. 


Alkoholismus bei den Bediensteten der österreichischen Staatsbahnen. 

Aus einer Untersuchung über die Erkrankungsverhältnisse der Bediensteten 
bei den österr. Staatsbahnen (Statist. Monatsschr., N* F., Bd. 10, S. 205 u. ff.) er¬ 
gibt sich, daß während des Zeitraumes von 1897 bis 1903 insgesamt 230 Fälle 
von Alkoholismus verzeichnet wurden, die 0,04% aller Erkrankungsfälle überhaupt 
bildeten. Die auffallend geringe Zahl ist jedenfalls darauf zurückzuführen, daß 
sie nur jene Fälle betrifft, in denen sich der Alkoholismus als solcher manifestierte. 
Viele Erkrankungen aber, denen der übermäßige Alkoholgenuß zu Grande hegt, 
erscheinen unter anderem Titel. Von allen 230 Fällen kamen auf das Kanzlei- 
personal 24, auf das Zugbeförderangs- und Zugbegleitungspersonal 46, auf das 
Stationspersonal 89, auf das Streckenpersonal 48 und auf das Werkstättenpersonal 
23. In örtlicher Beziehung sind die Verhältnisse am ungünstigsten in den Ver¬ 
waltungsbezirken Triest und Villach; hier kamen auf je 10000 Mitglieder der Be¬ 
triebskrankenkassen acht Erkrankungsfälle an Alkoholismus, in allen übrigen Be¬ 
zirken jedoch eine geringere Anzahl. Fehlinger. 


Eckard, Bruno. Über die Zunahme der Herzerkrankungen in der deutschen Armee 
und über ihre Ursachen. Dissertation. Berlin. 1905. 30 S. 

Die Überanstrengung, wie sie besonders durch die Einführung der zwei¬ 
jährigen Dienstzeit in der Ausbildungszeit veranlaßt wird, ist nach der Über¬ 
zeugung des Verfassers die Grundlage der Zunahme der Herzerkrankungen in 
der Armee. Hierdurch werden an sich viele Herzerkrankungen veranlaßt. Vor 
allem aber werden diejenigen erkranken, die bereits geringe Veränderungen am 
Herzen hatten und solche, die durch starkes Biertrinken ihr Herz geschwächt 
und geschädigt haben. Zum genauen Beweise, welch starken Einfluß auf die 
Zunahme der Herzerkrankungen in der deutschen Armee gerade das übermäßige 
Biertrinken ausübt, wäre es wünschenswert festzustellen, wieviel die am Herzen 
erkrankten bereits vor ihrer Einstellung getrunken haben. Die jetzt zunehmende 
Abstinenz- und Temperenz-Bewegung wird nach der Meinung des Verfassers 
sicher nicht ohne Einfluß auf die Zahl der Herzerkrankungen bleiben. F. L. 


Länderer, Heinrich. Beitrag zur Kenntnis des Korsakowschen Symptomenkomplexes. 

Dissertation. Tübingen. 1905. 

Verfasser schildert eine Anzahl von Fällen, deren gemeinsame Betrachtung 
die Erfahrungstatsache bestätigt, daß der chronische Alkoholismus eine ganz her¬ 
vorragende Rolle als ätiologischer Faktor spielt. F. L. 


Juda, Adolf. Über Delirium tremens. Aus der medizinischen Klinik in Rostock. 
Dissertation. Rostock. 1905. 39 S. 8°. 

Verfasser berichtet über 30 Fälle von Delirium tremens, die in den letzten 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


279 


8 Jahren auf der Rostocker medizinischen Klinik beobachtet wurden. — Nach 
einer Besprechung der Pathogenese des Deliriums werden Verlauf und Ausgang, 
Symptomatologie, Komplikationen und Rezidive und schließlich die pathologische 
Anatomie des Leidens erörtert. F. L. 


OUendorff, Kurt. Krankheit lind Selbstmord. Beiträge zur Beurteilung Ihret ur¬ 
sächlichen Zusammenhanges. Aus der Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde 
zu Berlin. Dissertation. Greifswald. 1905. Druck von F. W. Kunicke. 81 S. 

Alkohol als Ursache des Selbstmordes. 

Eine sehr große Anzahl der Selbstmorde ist eine Folge des Alkoholmi߬ 
brauches. Bär schreibt 12% aller Selbstmorde dem Alkohol zu, Brierre de 
Boismont in Paris Vs aller Selbstmorde, David in Dänemark 17,5%. 

Heller teilt mit, daß sich unter 300 Selbstmörderleichen 148 Fälle 
= 47,6% von Alkoholismus fanden. Auch sonstige Untersuchungen älterer und 
neuerer Forscher wie Casper, Esquirol, Lunier, Morselli, Prinzing und 
andere haben ergeben, daß ein großer Teil der Selbstmorde durch Trunksucht 
bedingt wird, und man nimmt an, daß mit der Zunahme der Trunksucht auch 
eine Steigerung der Selbstmordfrequenz Hand in Hand geht. 

Verwunderlich ist allerdings diese große Zahl von solchen Selbstmördern 
nicht, bei denen der Alkohol eine gewichtige Rolle spielt, wenn man in der 
Statistik sieht, wie der Alkohol oft das grundlegende Moment für Geisteskrank¬ 
heiten und Verbrechen ist; denn daß in Säuferfamilien gewöhnlich eine erheb¬ 
liche Entartung Platz greift, ist allgemein anerkannt. 

Eine schematische Stufenleiter für solche erbliche Degeneration^ die wohl 
allerdings nicht mehr auf alle Fälle angewandt werden kann, hat der französische 
Psychiater Morel angestellt. Nach ihm finden sich in Alkoholikerfamilien fol¬ 
gende pathologische Veränderungen: 

1. Generation zeigt ethische Depravation, Alkoholexzesse. 

2. Generation leidet an Trunksucht, Wutanfällen und allgemeiner Hirn¬ 
lähmung. 

8. Generation bringt Geisteskrankheiten, Epilepsie, Selbstmord- und Mordtrieb. 

4. Generation bringt Untergang im Zeichen des Schwachsinns und des 
Idiotismus. 

Bäte mann hat darauf hingewiesen, daß oft an dem Trinker selbst keine 
Defekte wahrzunehmen sind, abgesehen von Alkoholexzessen, die im Rausch zu 
Tage treten, daß jedoch die Nachkommenschaft angeborene Neurosen aufweise 
und mit einer Degeneration des Gesamtorganismus ende. 

Hierbei muß man an die verschiedenen Grade von angeborener und er¬ 
worbener Nervenschwäche und psychopathischer Disposition denken, die Koch 
als psychopathische Minderwertigkeit, Magnan, Möbius, Strümpell u. a. als 
angeborene Degeneration bezeichnen. 

Von dieser Auffassung aus wird es auch leichter erklärlich, daß jugendliche 
Individuen ein reichliches Kontingent zur Selbstmordfrequenz stellen. Naoh dem 
statistischen Material des Verfassers fielen der Trunkenheit und Trunksucht durch 
Selbstmord zum Opfer von 83484 Selbstmördern insgesamt 2477 = 7,40%. 

Von den 26587 männlichen Selbstmördern sind in dieser Krankheit aus 
dem Leben geschieden 2386 = 8,98 %, dagegen von den 6897 Selbstmörderinnen 
nur. 91 = 1,32%. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



280 


Referate. 


Zählt man nun noch die an Säuferwahnsinn zu Grunde gegangenen Selbst¬ 
mörder auf, so ergeben sich dafür folgende Zahlen: 

In den 5 Jahren 1898—1902 nahmen sich im Säuferwahnsinn das Leben 
insgesamt 825 Menschen == 2,46% aller Selbstmörder dieser Jahre; darunter 
waren männlichen Geschlechtes 804 = 3,02% aller männlichen Selbstmörder, 
weiblichen Geschlechtes 21 = 0,30 % aller Selbstmörderinnen. 

Faßt man die Zahlen aller der Selbstmörder zusammen, die der Trunkenheit 
und dem Säuferwahnsinn zum Opfer fielen, so ergibt sich, daß an diesen Krank¬ 
heiten durch Selbstmord in den angegebenen Jahren zu Grunde gingen: über¬ 
haupt 3302 =?= 9,86% aller Selbstmörder, und zwar Männer 3190 = 12% aller 
männlichen Selbstmörder, Frauen 112 = 1,62% aller Selbstmörderinnen. 

Bei diesen aufgeführten Berechnungen sind andere Folgekrankheiten des 
Alkoholmißbrauches nicht in Betracht gezogen, da sie statistisch nicht gesondert 
geführt werden. Könnte man sie hinzu zählen, so würde der Prozentsatz ein 
bedeutend höherer werden. F. L. 


Boedeker. Ober einen akuten (Polioencephaliftis superior haemorrhagica) und einen 
chronischen Fall von Korsakowscher Psychose. Archiv f. Psychiatrie. Bd. 40. Heft 1. 

Der erste Fall betrifft einen 54 jährigen Universitätsprofessor, der früher 
reichlich Wein und namentlich Bier getrunken hatte. Im Anschluß an körperliche 
und geistige Überanstrengung bekommt der Patient gleichzeitig mit Fiebererschei¬ 
nungen und Luftröhrenentzündung eine Ptosis des linken Auges, Doppeltsehen, 
Artikulationsstörung, Unvermögen zu pfeifen, lähmungsartige Schwäche der Arme 
und Beine. Erscheinungen von Neuritis lassen sich nicht nachweisen. Es besteht 
Schlagaderverkalkung. Nach einigen Tagen stellen sich konfabulatorische Delirien 
ein. Frühere Erlebnisse werden als gegenwärtige Situationen halluciniert. Die 
wirkliche Umgebung wird im Sinne der Hallucinationen umgedeutet. Die Merk¬ 
fähigkeit und die Erinnerung für Jüngstvergangenes ist deutlich herabgesetzt. 
Sehr bald tritt Besserung ein. Die Delirien halten im ganzen vier Wochen an. 
Nach sechs Wochen ist die vollständige körperliche und geistige Genesung 
eingetreten. 

Die Diagnose schwankte anfangs zwischen Ponsaffektion, Tumor, Pseudo¬ 
bulbärparalyse. 

Boedeker hat bereits früher einen Fall publiziert, in dem bei der akuten 
Polioencephalitis haemorrhagica die psychischen Erscheinungen dem zuerst von 
Korsakow gezeichneten Bilde entsprachen. Der Ausgang in völlige Genesung 
ist merkwürdig. 

Im zweiten Fall wurden die typischen Symptome der Korsakowschen Krank¬ 
heit zuerst vor vier Jahren festgestellt. Das ausgeprägte neuritische und konfa¬ 
bulatorische Stadium war bereits nach zwei Jahren abgelaufen. Zur Zeit besteht 
von neuritischen Erscheinungen nur noch eine gewisse Schwäche der Knie¬ 
phänomene. Psychisch ist der Kranke über seine Umgebung bis zu einem 
gewissen Grade orientiert. Die Merkfähigkeit ist sehr herabgesetzt, zeigt aber 
nicht mehr jene höchsten Grade, wie sie sonst beschrieben sind. Das, was ihm 
fehlt, ersetzt der franke häufig durch willkürliche Antworten, wie sie ihm gerade 
einfallen. Gewisse Antworten kehren mit stereotyper Gleichförmigkeit wieder. 
Das konfabulatorische Moment tritt nur noch bei der Frage nach stattgehabtem 
Besuch zu Tage. Stark ausgeprägt ist die retrograde Amnesie. P. S. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 281 

Gudden. Die physiologische und pathologische Schlaftrunkenheit. Archiv für 
Psychiatrie. Bd. 40. Heft 8. 

Schlaftrunkenheit ist der Zustand des verlangsamten Erwachens unter 
.Verkennung der Situation, Diese Situationsverkennung kann momentane Abwehr¬ 
handlungen sehr gefährlicher Natur veranlassen. In einzelnen Fällen kehrt die 
Besonnenheit erst später wieder als die Aktionsfähigkeit, aber auch der umge¬ 
kehrte Verlauf wird beobachtet. Für das Handeln des Erwachenden können 
Unlustgefühle, die noch im Schlafe einsetzen, maßgebend sein, ferner Eindrücke 
vor dem Einschlafen oder solche aus dem Traumleben, die bei verzögerter 
Wiederkehr der Besinnung zu momentaner Sinnverwirrung führen. Letzteres 
wäre als „Trapmtrunkenheit 14 zu bezeichnen. Bei ihr handelt es sich um patho¬ 
logische, reizbare Naturen mit habitueller Neigung zu ängstlichen Träumen; 
die Rückerinnerung ist mangelhaft. 

Die alkoholische Schlaftrunkenheit stellt eine besondere Gruppe der 
pathologischen Schlaftrunkenheit dar. Sie wird vom Verfasser durch zahl¬ 
reiche Beobachtungen erläutert. Die Bewußtseinstrübung nach dem Erwachen ist 
hier besonders tief, das vollständige Bewußtsein stellt sich sehr langsam wieder 
her. Sein Eintritt wird unmittelbar von einem Zustand tobsüchtiger Erregung 
begleitet. Bei ungewöhnlichen Räuschen (Gudden sagt „pathologischen 14 ) pflegt 
die tobsüchtige Erregung über 10 Minuten zu dauern. Die Erinnerung erlischt 
rasch oder wird durch einen abschließenden Schlaf ausgelöscht. Durch Wider¬ 
stand wird die Erregung des Schlaftrunkenen gesteigert. Bei Verletzten finden 
sich Kombinationen der Schlaftrunkenheit mit dem ungewöhnlichen Rausch. P. S. 


Rosenfeld hat das Thema: Alkohol als Nahrungsmittel in der Sitzung der schlesi¬ 
schen Gesellschaft für vaterländische Kultur am 15. Dezember 1905 behandelt. 

Der Vortragende hat, um über den Nährwert des Alkohols Klarheit zu 
schaffen, zwei Reihen von Versuchen angestellt: Zulage- und Ersatz-Versuche. 
Es ergab sich, daß der Alkohol genau so wie das Fett eine eiweißsparende 
Wirkung hat. Bei den Zulagenversuchen trat diese eiweißsparende Wirkung des 
Alkohols sofort auf, bei den Ersatzyersuchen erst nach einigen Tagen. 

Die Frage, ob der Alkohol wegen seiner eiweißsparenden Wirkung auf 
Verwendung in der Ernährung des gesunden oder des kranken Menschen Anspruch 
hat, beantwortet Rosenfeld mit einem unbedingten Nein. Der Alkohol hat 
einen ausgesprochenen schädlichen Einfluß auf die Psyche und das Herz. Die 
Abnahme der Intelligenz, welche der Alkohol bewirkt, schätzt Rosenfeld auf 
ungefähr ein Viertel. Eine höhere Pulszahl ist nicht identisch mit einer günstigen 
Einwirkung auf das Herz. In nennenswerter Weise wirkt der Alkohol nach 
Rosenfeld überhaupt nicht auf das Herz, dagegen vermehrt er die Reibung 
des Blutes an den Blutgefäßwänden, indem er das Blut zäher macht, und ruft 
dadurch unangenehme Empfindungen hervor. Hiergegen muß allerdings einge¬ 
wendet werden, daß diese „austrocknende 44 Wirkung des Alkohols bei dem Genuß 
größerer Mengen alkoholischer Getränke wohl durch die reichliche Wasserzufuhr 
kompensiert werden dürfte. 

Die Muskelkraft wird, wie Hubversuche beweisen, durch den Alkohol 
herabgesetzt. 

„Der Alkohol ist für den Gesunden ein Gift und für den Kranken kein 
Heilmittel. Er ist darum auf jeden Fall abzulehnen. 44 P. S. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



282 


Referate. 


Starke, J. Die Berechtigung des Alkoholgenusses, Stuttgart bei J. Hoffmann. 

1906. XXIV. u. 256 Seiten. 4 Mk. 

Der Verfasser vertritt mit großer Entschiedenheit die Berechtigung des 
Alkoholgenusses vom physiologischen Standpunkte aus* Er will die Ergebnisse 
der exakten Wissenschaft allgemeinverständlich darstellen uiid sieht voraus, daß 
seine Ergebnisse vielfacher Anfechtung unterliegen werden. 

In Kürze sind die wichtigsten Resultate^ zu denen Dr. med. J. Starke 
gelangt, die folgenden: 

1. Der Alkohol 'ist gewissermaßen ein Gegengift gegen den 
Kaffee. Je mehr Kaffee wir trinken, zu um so reichlicheren Alkoholgenuß 
sind wir gezwungen. 

2. Der Alkohol ist ein Produkt des natürlichen Stoffwechsels. 

3. Der Alkohol wirkt der Reflexerregbarkeit entgegen. 

4. Der Alkohol erhöht gewissermaßen das innere seelische Leben. 

5. Der vernünftige Alkoholgenuß bedeutet für zahllose moderne 
Menschen eine sehr wichtige hygienische Maßregel. 

Dr. med. J. Starke wappnet sich mit dem ganzen Rüstzeug eines streng¬ 
wissenschaftlichen Physiologen und eines sehr erfahrenen Arztes. Allein die 
bloße Schwere seiner Rüstung kann den Gegner nicht abschrecken von der 
Untersuchung der Stichhaltigkeit seiner angeblich berechtigten Gründe. 

ad 1. Starke konstruiert einen direkten Gegensatz zwischen Alkohol und 
Coffein in der Wirkung auf das vasomotorische System. Der Alkohol erweitert, 
so meint er, die Arterien der Haut und des Gehirns und entlastet durch diese 
gefäßerweiternde Wirkung in der Peripherie die inneren Organe. Der Kaffee 
verengt die flautarterien und treibt dadurch das Blut nach dem Körperinnem. 
Diese Behauptung trifft für den Alkohol in ihrer Allgemeinheit sicher nicht zu. 
Der Alkohol hat auch lokal eine gefäßerweiternde Wirkung. Das Wärmegefühl 
im Magen nach Alkoholgenuß ist eine Folge dieser Gefäßerweiterung. Auch in der 
Leber wirkt der Alkohol gefäßerweiternd. Für die Niere ist dieselbe Wirkung 
wahrscheinlich, für das Herz sicher. Für die von Starke behauptete ableitende 
Wirkung des Alkohols bleiben von den inneren Organen eigentlich nur die 
Därme und die Lungen übrig. Daß Coffein einen stärkeren Blutzufluß speziell 
zu den Därmen und den Lungen bewirkt, ist durch die Verengerung der Haut¬ 
gefäße nicht bewiesen. Für Herz, Leber, Nieren und Magen aber ist eine 
gleichgeartete Wirkung von Alkohol und Kaffee, soweit es sich wenigstens um 
die Versorgung der genannten Organe mit Blut handelt, durch die Ausführungen 
Starkes nicht widerlegt. 

Übrigens muß ich gestehen, daß ich durch die Höhe des von Starke für das 
Deutsche Reich angegebenen Verbrauches von Kaffee und Tee überrascht worden 
bin. (Über 100 Millionen Kilo!) Die Wirkung von Kaffee und Tee beruht im 
wesentlichen auf dem in beiden enthaltenen, Coffein. Und Coffein ist in jedem 
Fall ein dem Alkohol recht nahestehendes Genußgift. 

ad 2. Starke verbreitet sich ausführlich über die Rolle, welche der 
Alkohol im organischen Stoffwechsel spielt. Was er beweisen will, beweist er 
mit seinen Ausführungen nicht. In unserem Magen findet sich normal Salzsäure, 
in unserem Darm giftige Eiweißverbindungen. Aus dieser Tatsache läßt sich eine 
Berechtigung für den gewohnheitsmäßigen „vernünftigen 41 Genuß von Salz¬ 
säure oder Indican nicht herleiten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Referate. 


283 


ad a. Die Herabsetzung der Reflexerregbarkeit durch den Alkohol trifft 
in der Ausdehnung wie sie von Starke behauptet wird, nicht zu. Schließlich 
ist sogar in vielen Fällen die gesteigerte psychomotorische Tätigkeit gleichbedeutend 
mit einer erhöhten Reflexerregbarkeit. 

ad 4. Der Unparteiische wird zugeben müssen, daß für eine ganze Reihe 
von Persönlichkeiten (Bismarck, Goethe und sein Freund Zelter, Schiller, 
E. T. A. Ho ff mann) der Alkoholgenuß eine Steigerung des inneren seelischen 
Lebens bedeutete. Indessen schickt sich eines nicht für alle. Goethes Sohn 
litt an periodischer Trunksucht und erhielt von seinem Vater den Rat, den 
Weingenuß überhaupt zu meiden. Bismarck wollte gern, daß der Wein das 
Nationalgetränk der Deutschen würde. Anlage und Gewöhnung beeinflussen die 
Wirkung des Alkohols auf das Gehirn und infolgedessen auch die Urteile über 
die seelische Wirkung des Alkohols mehr, als allgemein zugestanden wird. 

ad 5. In der Behauptung: „Der vernünftige Alkoholgenuß bedeutet für 
zahllose moderne Menschen eine sehr wichtige hygienische Maßregel 11 , liegt die 
Quintessenz des Starkeschen Buches. Der Verfasser verwahrt sich in der Vor¬ 
rede ausdrücklich dagegen, daß ihn bei der Abfassung des Buches die Tendenz: 
für den Alkohol zu schreiben, geleitet habe. Nur der Titel des Buches: „Die 
Berechtigung des Alkoholgenusses. Wissenschaftlich begründet und allgemein- 
verständlich dargestellt von einem Physiologen“, sei durch diese Tendenz bestimmt 
worden. 

Unzureichende wissenschaftliche Begründung ist mir besonders an der 
folgenden Stelle aufgefallen. Starke hat Fuselöl chemisch untersucht (S. 54). 
Er erklärt, daß „die Fuselbestandteile zehn-.bis mehrere tausendmal so stark 
wirken wie der Äthylalkohol“. Ich finde diese Behauptung, für die eine sonstige 
Quelle nicht angeführt wird, durch die Erklärung, daß der Verfasser die be¬ 
treffenden Substanzen in Händen gehabt hat, nicht genügend gestützt. 

Starke weist mit auffallendem Nachdruck auf die Schwierigkeit einer 
Kritik seines Buches hin. Er verlangt von dem wissenschaftlichen Kritiker die 
Kenntnis aller „seit wenigstens fünfzehn Jahren“ über die Alkoholwirkung vor¬ 
getragenen Theorien (S. 256). Er selbst hat sich damit begnügt, bei seinen Vor¬ 
studien bis auf das Jahr 1892 zurückzugehen. 

Dr. med. J. Starke in Leuben bei Riesa ist nicht mehr als praktischer Arzt 
tätig, hat aber früher „Intensiv“ ärztlich behandelt. Als .Physiologe war er bisher 
nicht so anerkannt, daß ich ähnliche Behauptungen wie: „Die Narkose ist wahrschein¬ 
lich keine Störung des Gehirnlebens, sondern gehört zu den normaler Weise vor¬ 
kommenden Gehirnzuständen“ (S. 160), auf seine Autorität hin, als richtig annehme. 
Bisher wenigstens galten für die Physiologen Schlaf und Narkose noch nicht für 
so homolog, daß man Alkoholbetäubung, Chloroformnarkose ohne weiteres als dem 
natürlichen Schlaf gleichbedeutend setzen dürfte. Der Bruder des Schlafes, der 
Tod, könnte sich, wenn es nach Starke ginge, zu den genannten drei Analogien 
unbedenklich als vierte hinzugesellen..“ Denn auch der Tod gehört zu den normaler¬ 
weise vorkommenden Gehimzuständen. . ; : * 

Wer eine emphatische Parteischrift für den Alkohol näher studieren) will, 
lese Starkes Buch. Par le choo des opinions jaillit laverite. P. S. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



284 


Referate. 


Stoll# Alkohol und Kaffee in ihrer Wirkung auf Herzleiden und nervöse Störungen. 

2. Auflage. Leipzig, 1905. 0,50 Mk. 

Stoll ist leitender Arzt der Herzheilstätte Alicenhof und Badearzt in Bad 
Nauheim. Er hat ein großes Material von Herzleidenden wissenschaftlich studiert 
und vergleicht die Wirkung der beiden „Herzgifte“ Alkohol und Kaffee. Nebenbei 
vertritt er die Ansicht, daß nur Menschen, deren Herz die richtige Größe hat, 
im Besitze gesunder Nerven sein können (S. 11). Hierin kann ich ihm nicht bei¬ 
pflichten. Was er über die Herz Wirkung von Alkohol und Kaffee sagt, ist dagegen 
besonderer Beachtung wert. 

. Coffein (das Gift des Kaffees sowohl als des Tees), Nikotin, Alkohol, diese 
drei Genußgifte wirken bei gewohnheitsmäßigem jahrzentelangen Genuß verderb¬ 
lich auf den Herzmuskel und erklären so zur Genüge das Zunehmen der Herz¬ 
schlagfälle in den besseren Kreisen. Befördernd wirkt noch die Überernährung, 
der so ziemlich alle Angehörigen der besseren Stände huldigen. 

Als „Herzstärker“ ist weder der Alkohol noch der Kaffee anzusehen, obgleich 
diese beiden Gifte in ihrer Wirkung auf das Blutgefäßsystem und im speziellen 
auf das Herz sich in gewisser Weise widersprechen. Der wesentliche Bestandteil 
des Kaffees und Tees, das Coffein, erzeugt eine Art Fieberchemie im Organismus. 
Pulsbeschleunigung, Herzklopfen, Aufregung, Händezittern, Ohrensausen, Er¬ 
brechen, treten bei Einführung von 0,1— 0,5 Coffein in den Organismus auf. 
Interessant ist, daß der Alkohol in gewisser Weise diesen Yergiftungserscheinungen 
entgegenwirkt. Coffein befördert die Muskelkontraktionen, verengt die Blutgefäße, 
Alkohol erweitert dagegen die Blutgefäße und auch das Herz und schwächt so 
die Leistungsenergie des Herzens. Dieser „lähmenden“ Wirkung des Alkohols 
vermag das Coffein entgegenzuwirken, aber nur auf Kosten des Muskeleiweißes. 
„So ist man dann endlich zu der Wahrheit gekommen, daß das Coffein nichts 
mehr und nichts weniger ist, als ein die Nerven stark erregender, und in größerer 
Menge genossen, geradezu giftiger Körper, ähnlioh wie es der Branntwein 
ist“ (Yirchow). 

Aus der Alkoholabstinenz muß und wird sich nach Stoll die Kaffeeabstinenz 
entwickeln. P. S. 


Beckenhaupt. Bedürfnisse und Fortschritte des Menschengeschlechts. Heidelberg, 
1904. XH. u. 286 S. 5 Mk. 

Verfasser will den gebildeten Ständen eine richtigere Vorstellung als die 
bisher gewöhnliche über Leben, Nahrung, Produktion und Geisteskultur in ihren 
Grundlagen und Zielen im Rahmen der Weltentwicklung vermitteln. Gleichzeitig 
hat er die Absicht, die Rätsel des Stoffs und der Kraft auf eine neue Weise 
zu lösen. 

Zu beurteilen, inwieweit das Vermögen des Verfassers zur Erreichung seiner 
weitgesteckten Ziele genügt, ist hier weniger meine Aufgabe als die Kennzeichnung 
seines Standpunktes gegenüber dem Alkohol. „Abstinenz ist Rückschritt“, unter 
diesem Motto nimmt Beckenhaupt gegen die im Kampfe um den Alkohol er¬ 
hobene Forderung der allgemeinen Abstinenz Stellung. „Es kann unmöglich ein 
Zufall sein, daß die für den Fortschritt und die Veredlung des Menschen¬ 
geistes vorbildlich gewordenen höchsten Kunstäußerungen und Lebensanschauungen 
sich in Völkern entwickelten, die dem Wein den Bacchuskultus widmeten: Hellas 
und Rom“. Mit dem Geistesflug der Dichter und Denker ist der Alkohol nahe 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


285 


verwandt. Die Erklärung des Alkohols als eines Oiftes sans phrase ist ein heil¬ 
loser Irrtum. Sicherlich müssen die Mißbräuche des Alkohols und noch mehr 
die Ursachen des Alkoholismus energisch bekämpft werden. Aber Mißbrauch ist 
ein sehr relativer Begriff. Denn an sich ist nichts weder gut noch böse* das 1 
Denken macht es erst dazu. Beckenhaupt exemplifiziert auf die „Einschränkung 
der Kinderzahl u . Nach Stuart Mills Ansicht ist ein Fortschritt der Moral 
ausgeschlossen, so lange man nicht die Notwendigkeit erfaßt, die Kinderzahl ein¬ 
zuschränken. Die moderne Strömung geht dahin, diesen Glaubenssatz in sein 
gerades Gegenteil umzukehren. Und so treiben wir einer neuen Form von 
Fanatismus entgegen, wenn wir annehmen, daß der Alkohol schon in geringen 
Mengen Gift sei. Der Alkohol besitzt ebenso wie Duft und Gewürz, Licht, 
Äther und Schall eine Affinität zum Gehirn und zur Gehirntätigkeit. Schon 
seine chemische Formel spricht für seine Wahlverwandtschaft mit dem Gehirn. 
Denn, so meint Beckenhaupt (S. 226), Kohlenstoff- plus Wasserstoffgewicht 
verhält sich zum Sauerstoffgewicht im 

Eiweiß wie 1:3,3 
Alkohol „ 1 s 1,8 
Stärke „ 1:1 
Zucker „ 1:0,94. 

Dem Gehirn als dem zartesten und bei dem aufrechtgehenden Menschen 
höchstgelegenen Organ wird wohl auch die relativ leichteste Nahrung zufließen. 
An edlen, leichten Bouquetstoffen reicher alter Wein wird ganz andere Wir¬ 
kungen ausüben wie ein gemeiner Fusel. Die losen Sauerstoffverbindungen, zu 
denen auch der Alkohol und die ätherischen öle gehören, dürften „aktive 
Motoren“ für die Gehimtätigkeit sein. 

„Es ist hohe Zeit, daß man dem Anstürme der Abstinenten gegenüber sich 
nicht kleinlich und schüchtern entschuldigt.... sondern daß man ihnen gegenüber 
das Recht des Menschen auf Genuß, die sittliche Notwendigkeit des Genusses als 
den Ansporn und Lohn wahren Strebens und Wirkens klar und unzweideutig 
proklamiert“ P. S. 


Delbrück* Die Abstinenz in Irrenanstalten. Psychiatrisch-neurologische Wochen¬ 
schrift. 1906. Nr. 60 u. öl. 

Die Abstinenz in Irrenanstalten ist zuerst vor etwa 15 Jahren von abstinenten 
Ärzten in England, späterhin der Schweiz, Deutschland und Österreich eingeführt 
worden und zwar viel leichter, als ängstliche Gemüter befürchtet hatten, und 
mit glänzendem Erfolge. Bei dieser Einführung war neben dem Wunsche, das 
innere Anstaltsleben friedlicher zu gestalten, vor allem die Erkenntnis maßgebend, 
daß man den zahlreichen in den Anstalten befindlichen Alkoholikern die Be¬ 
handlung zukommen lassen muß, deren sie nach dem Wesen ihrer Krankheit be¬ 
dürfen. Mit allgemeiner Einführung der Abstinenz in Irrenanstalten werden die 
Trinkerheilstätten mehr und mehr entbehrlich. Smith erklärt schon jetzt die 
Trinkerasyle für eine mittelalterliche Verirrung. 

Delbrück hat an 173 Anstalten in Deutschland, Österreich, der Schweiz 
und zum geringen Teil in Holland, Ungarn und den russischen Ostseeprovinzen 
den folgenden Fragebogen verschickt. 

I. Werden in Ihrer Anstalt irgend welche alkoholischen Getränke ver¬ 
abreicht: 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



286 


Referate. 


1. An die Patienten mit ausgesprochenen alkoholischen Erkrankungen? 

2. An Patienten, die keine ausgesprochene alkoholische Psychose haben? 

3. An irgendwelche andere Patienten, denen mäßiger Alkoholgenuß nach 
den landläufigen Begriffen nichts schadet? 

4. An das Pflegepersonal? 

5. An die Assistenzärzte oder irgendwelche andere Angestellte der Anstalt, 
die freie Station haben ? 

II. Werden alkoholische Getränke verwendet: 

1. In Ihrer Kochküche (zur Bereitung von Wein- oder Biersuppen, als 
Zusatz von Saucen, süßen Speisen, als Konservierungsmittel zu eingemachtem 
Obst u. s. w. u. 8. w.). 

2. In Ihrer Apotheke (für Eiergrogs oder sonst zur Verabreichung an 
Kranke für kürzere Zeit auf ausdrückliche ärztliche Verordnung)? 

III. Haben Sie besondere abstinente Abteilungen? 

IV. Ist Ihr Pflegepersonal zur Abstinenz verpflichtet: 

1. Innerhalb der Anstalt? 

2. Außerhalb der Anstalt? 

V. Haben Sie Mitglieder von Abstinenzvereinen: 

1. Unter Ihrem Pflegepersonal? 

2. Unter Ihren Ärzten? 

Geantwortet haben 136 Anstalten. Die ersten 8 Unterfragen haben mit nein 
beantwortet 80 Anstalten, welche Delbrück als abstinent bezeichnet. Bei 4 An¬ 
stalten für Schwachsinnige und 1 Irrenanstalt glaubt Delbrück die Abstinenz 
mehr auf fiskalische als wissenschaftliche Motive zurückführen zu müssen. Von 
den Testierenden 25 abstinenten Anstalten sind 8 Anstalten für Epileptische, 
2 Privatirrenanstalten, 20 Staatsirrenanstalten. Der Nationalität nach sind von 
diesen 25 abstinenten Anstalten 12 deutsche, 8 schweizerisch, 5 österreichisch. 
10 Anstalten (darunter nur 2—8 deutsche) von den 25 hatten abstinente Ärzte, 
abstinente Pfleger 8. Gleichfalls 10 von den 25 hatten abstinente Apotheken, 
10 auch abstinente Küchen. Eine vollständige Alkoholfreiheit der Speisen läßt 
sioh schwerer durchführen, als Delbrück annimmt. Denn es ist notorisch, daß 
Obstsäfte (Himbeersaft, eingemachte Früchte) auch dann eine alkoholische Gärung 
erfahren, wann diese nicht gewünscht wird. Ohne Alkohol verderben die Frucht¬ 
säfte auch viel schneller. 

Ganz alkoholfrei in Bezug auf Patienten und sämtliches Personal, in 
Apotheke und Küche sind nur 5 Anstalten: das sind Kierling-Gugging, Eichberg, 
Heidelberg, Bremen und Münsterlingen. Nur die beiden letztgenannten haben 
aber abstinente Ärzte. In Münsterlingen sind alle Ärzte organisierte Abstinenten, 
während Delbrück in Bremen zur Zeit diesen Ruhm nicht in Anspruch, 
nehmen darf. 

Von den 106 nicht abstinenten Anstalten haben 14 die drei ersten Unterfragen 
des Delbrück sehen Fragebogens mit ja beantwortet. In diesen 14 Anstalten 
wird also auch den Alkoholikern Alkohol gegeben. Delbrück bezeichnet sie 
als diejenigen, die von der Abstinenzbewegung am wenigsten angekränkelt sind. 
In den 92 übrigen Anstalten wird den Alkoholikern in engerem oder weiterem 
Sinne kein Alkohol verabreicht, während er bei anderen Patienten, denen ein 
mäßiger Genuß nach der gewöhnlichen Auffassung nichts schadet, nicht verpönt 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Referate. 


287 


ist 15—16 der 92 „mäßigen“ Anstalten haben besondere „abstinente“ Ab¬ 
teilungen, 14—17 abstinente Ärzte, 17—22 abstinente Pfleger. 

Delbrücks Vortrag: „Die Abstinenz in Irrenanstalten“ auf dem Budapester 
Kongreß, die Bekanntmachung der Ergebnisse seiner Umfrage, hat übrigens ein 
sehr erfreuliches praktisches Resultat gezeitigt. Der Präsident des Budapester 
Kongresses, Herr Ministerialrat Chyzer, Chef des Sanitätsdepartements im 
ungarischen Ministerium des Innern, hat den Direktoren der ungarischen Irren¬ 
anstalten und der psychiatrischen Adnexe der Krankenhäuser anempfohlen, in 
den ihnen unterstellten Irrenanstalten die Abstinenz mit tunlichster Beschleunigung 
einzuführen. P. S. 


Pfaff. Die Alkoholfrage vom ärztlichen Standpunkt. 2. Auflage. München (Rein¬ 
hardt). 1,20 Mk. 125 Seiten. 

Pfaff hat seinen in der ersten Auflage seiner Schrift eingenommenen 
„mäßigeren“ Standpunkt gegenüber der Alkoholfrage gegen den unbedingt ab¬ 
stinenten vertauschen zu müssen geglaubt. Ich bezweifle, daß dies der Schrift 
zum Vorteil gereicht hat. Auch in der Alkoholfrage gewinnen schließlich Be¬ 
hauptungen, selbst wenn sie noch so oft und noch so eindringlich wiederholt 
werden, nicht durch die bloße Wiederholung schon die Kraft von Beweisen. 
Früher hat man wohl Ärzte vor Gericht gezogen, weil sie in extremis keinen. 
Alkohol verordneten. Die Zeiten haben sich geändert. Pfaff nennt es auf S. 22 
seiner Schrift einen „Wahnsinn“, Alkohol als medizinisches „Stärkungsmittel“ 
zu verordnen. Für einen Arzt, der sich zum Richter über seine Kollegen berufen 
glaubt, ziemt sich dieser Ausdruck schlecht. Mindestens ebenso bedenklich er¬ 
scheint mir die Erwähnung von „kriegerischen Bravourstückchen“, welche auf eine 
„Lähmung der Vernunft 44 durch den Alkohol zurückzuführen sind (S. 33). Hat 
Pfaff noch gar nicht davon gehört, daß auch der abstinente Mameluk Mut zeigt, 
und daß manche Tiere sich durch kriegerische Eigenschaften hervortun? Natürlich 
wiederholt auch Pfaff wieder Bunges Behauptung von der „lähmenden 44 
Wirkung des Alkohols auf das Gefühl der Müdigkeit und der langen Weile. Das 
nach der Mahlzeit normaler Weise sich einstellende Müdigkeitsgefühl überwindet 
so mancher, ohne daß irgend jemand darin etwas besonderes fände, oder gar von 
dem außer Funktionsetzen eines Sicherheitsventils spräche. Auch erfreut sich 
das Bier nicht mit Unrecht des Rufes eines beruhigenden und bei nicht an 
Alkohol Gewöhnten selbst Schlaf bringenden Mittels. Ist für Pfaff die „Bett¬ 
schwere 44 , welche durch den Biergenuß vielfach angestrebt wird, eine unbekannte 
Tatsache? P. S. 


HoHtscher. Alkohol und Tuberkulose. Eine Erwiderung. Sonderabdruck aus der 
Prager Medizinischen Wochenschrift 1906. Nr. 11 u. 12. 

Der Geschäftsführer des Vereins abstinenter Ärzte polemisiert in der vor¬ 
liegenden Arbeit gegen die gleich betitelte Abhandlung des Leiters der Lungen¬ 
heilstätte in Reiboldsgrün, Hofrat Dr. Wolff. Nach Holitscher soll es fest¬ 
stehen, daß der Alkohol die Verdauung nicht befördert. Er citiert zum Beweise 
für diese Behauptung besonders die Untersuchungen von Ernst Meyer. Ernst 
Meyer hat eine Beschleunigung der Verdauung der Fette durch den Alkohol 
konstatiert, auf die Entleerung der Eiweißstoffe aus dem Magen zeigte sich bei 
den Versuchen kein Einfluß, die Entleerung der Kohlehydrate wurde gehemmt. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



28 a 


Referate. 


Digitized by 


die Säureproduktion gesteigert. Diese Versuche sind, wie ich zugebe, zu einer 
generellen Entscheidung der Frage nach der Wirkung des Alkohols auf den 
Appetit nicht ausreichend. Durch Versuche an künstlichen Verdauungsgemischen 
und durch Ausheberung des Magens wird diese Frage unzweifelhaft nicht ent¬ 
schieden werden. Aber speziell Meyers Versuche beweisen gar nicht einmal 
eine unter allen Umständen verdauungshemmende Wirkung des Alkohols. 

Holitscher läßt sich wenigstens herbei zuzugestehen: „Wenn von einer 
appetitanregenden Wirkung überhaupt die Rede sein kann, so ist sie eine psychische* 1 . 
Ich habe immer geglaubt, daß der größere Teil der Heilwirkungen überhaupt 
psychischer Natur sei. 

Daß sich die appetitanregende Wirkung des Alkohols rasch abstumpft, be¬ 
darf noch des Beweises. 

Holitscher spricht auf S. 9 von einer „Fütterung mit Alkohol“. In 
Wolffs Abhandlung habe ich diesen Ausdruck nicht gefunden. Daß irgend ein 
Arzt so grausam sein könnte, seinen Patienten reinen Spiritus zu Ernährungs¬ 
zwecken zu reichen, gehört in das Bereich der wesenlosen Phantasie. Dieser 
Kampf gegen Luftgebilde mag taktisch interessant sein, wissenschaftlich ist 
er nicht. 

Auf der aus taktischen Gründen erhobenen Fahne der allgemeinen Ab¬ 
stinenz leuchtet die grelle Inschrift: „Alkohol ist schon in kleinen Mengen ein 
Gift“. Rein wissenschaftlich betrachtet, ist die in einer Tasse Kaffee enthaltene 
Menge eines in seiner Wirkung dem Alkohol verwandten Genußgiftes größer als 
die in einem Glase Bier enthaltene Giftmenge. Die Ausrottung des Verlangens, 
die Unlustgefühle durch Genußgifte zu betäuben, wird niemals gelingen. Denn 
dieses Verlangen ist menschlich, allzumenschlich. Der Alkohol, aus einem Staate 
ausgewiesen, verschaffte sich durch ein Hintertürchen wieder Eingang. Oder es- 
nahmen seine Stelle Opium, Chinin oder irgend ein anderes Nervengift ein. Wer 
wie Holitscher an die Stelle der nackten Wirklichkeit die philosophische Tat¬ 
sache der „Entbehrlichkeit“ eines Genußmittels setzt, kommt sobald an keine 
Grenze. Wie viele Kulturerrungenschaften sind nicht nur „entbehrlich“, sondern, 
hygienisch betrachtet, schädlich. P. S. 

Der Bericht Ober die XXil. Jahresversammlung des deutschen Vereins gegen den 
Mißbrauch geistiger Getränke (zu Münster am 18. u. 19. Oktober 1905) liegt im 
Druck vor. In einem Anhang wird über die 6. Konferenz des Verbandes von 
Trinkerheilstätten des deutschen Sprachgebiets berichtet. Man wird die gehalt¬ 
vollen Verhandlungen dieser Versammlungen, über welche seinerzeit im „Alkoholis¬ 
mus“ bereits berichtet wurde, mit lebhaftem Interesse gern noch einmal durch¬ 
studieren. _ P. S. 

Matthaei. Die Forderung der Enthaltsamkeitsbewegung durch die Arbeiter. Jena, 
F. Hafts Verlag. Antialkoholschriften. 1. 

Verfasser plädiert mit energischen Worten für die Aufnahme der Enthalt¬ 
samkeitsforderung in das Programm der Arbeiterpartei. Die Fränkelsche Gut¬ 
achtensammlung über die Frage „Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit“? erhält von 
Matthaei bereits das Prädikat „berüchtigt“. Alle Bestrebungen für bloße 
Mäßigkeit sind für ihn der Ausfluß mehr oder minder bewußter Heuchelei. Ein 
Riesenausstand gegen den Alkohol, die Verdrängung des Alkohols in die Apotheke 
ist sein Ziel. Qui vivra, verra. P. S. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSITY 



Referate. 


289 


Matthaei. Nicht Trinksitten, sondern Alkoholkrankheit. Ein Beitrag zur Taktik der 
Alkoholbekämpfung. Jena, F. Hafts Verlag. Antialkoholschriften. 2. Preis 
0,30 Mk. 

„Völlige Enthaltung von Alkohol muß aus psychologischen und taktischen 
Gründen gefordert werden“, in dieser Formel findet auch Matthaei die Lösung 
der Alkoholfrage. Wer von dem entweder oder nichts wissen will, sondern auch 
die Mäßigkeit als ein drittes neben der Abstinenz und dem Alkoholmißbrauch in 
den Kreis der Möglichkeiten zieht, ist für Matthaei ein Narr oder ein Alkohol¬ 
kranker. „Der mäßige Trinker ist nicht im Vollbesitze seiner geistigen und 
körperlichen Kräfte“ (Gruber). Wer als mäßiger Trinker sich in der Gesellschaft 
eines Christus, Goethe, Shakespeare, Bismarck, Luther befindet, wird dieses Ver¬ 
dammungsurteil, das aus psychologischen und taktischen Gründen gefällt wird, zu 
ertragen wissen. P. S. 


Ratkowski. Gesundheit und Alkohol. Populärer Vortrag. Berlin. 1906. 

Verfasser ist Spezialarzt für Magen- und Darmkrankheiten. Er befindet 
sich im Irrtum, wenn er meint, daß erst die moderne Hygiene den ungünstigen 
Einfluß des Alkohols auf die Gesundheit festgestellt hat. Äußerungen wie „der 
Arbeiter muß im Bier lediglich eine Delikatesse sehen“ und andererseits die 
Verordnung einer „guten Flasche Wein aus einer renommierten Handlung“ zur 
Kräftigung zeigen, daß der scharfe Streit der Meinungen in der Alkoholfrage 
den Verfasser verhältnismäßig wenig berührt hat. P. S. 


de Terra. Alkohol und Verkehrswesen ist im Mäßigkeits-Verlage in vierter 
(umgearbeiteter und erweiterter) Auflage erschienen. Preis 0,60 Mk. 

Die empfehlenswerte Schrift, vermehrt durch die Mitteilung neuerer mit 
dem Alkohol in Zusammenhang stehender Eisenbahnunfälle und die in letzter 
Zeit gegen den Alkoholismus des Eisenbahnpersonals getroffenen Maßnahmen, wird 
zur Aufklärung gute Dienste tun. P. S. 


In einem Bericht über die Tätigkeit der Berliner Sehulärzte von Prof. Hart- 
mann, referiert von Dr. Stern in der Zeitschrift für das Armenwesen, heißt es: 

Erschreckend ist die Feststellung, in welchem Umfange der Alkoholmi߬ 
brauch schon in den jugendlichen Jahren unserer Schulkinder um sich greift. 
Nach den angestellten Erhebungen nahmen alkoholische Getränke zu sich: 

1. nie oder selten 16,6% Mädchen, 18,5% Knaben 


2. wöchentlich mindestens 

einmal Bier 88,3% „ 

89,9% 


„ Schnaps 10,9% „ 

11,9% 

3. täglich Bier 

31,9% „ 

84,4% 

„ Schnaps 

1,3% i) 

4,3% 


Mehr als % der Kinder nahmen somit gewohnheitsmäßig alkoholische Ge¬ 
tränke zu sich, so daß dieser Genuß als Volkssitte zu betrachten ist. „Gegen diese 
Volkssitte anzukämpfen“, hebt Professor Hartmann hervor, „ist eine der wich¬ 
tigsten Aufgaben der Volksgesundheitspflege. Aufgabe der Schulärzte und der 
Lehrer ist es, in diesen Kampf einzutreten“. Wdt. 


Der Alkohollsmas. 1906. 


20 


Digitizeit by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



290 


Digitized by 


IIL Mitteilungen. 

Alkoholgenub amerikanischer Arbeiterfamilien. Im vorigen Jahre hat das 
Bundesarbeitsamt der Vereinigten Staaten einen umfassenden Bericht über die 
Lebenshaltung amerikanischer Arbeiterfamilien herausgegeben, der unter anderem 
auch wichtige Daten hinsichtlich des Umfanges des Alkoholgenusses enthält. 1 ) 
Bevor auf den Gegenstand selbst eingegangen wird, sind einige Bemerkungen 
über den Bereich der Erhebung erforderlich. Die Haushaltsrechnungen wurden 
von Spezialagenten des Arbeitsamts gesammelt und beziehen sich jeweils auf ein 
Jahr, in der Regel auf das Kalendeijahr 1901, doch ist der Tag des Beginnes 
und des Schlusses der Aufzeichnungen nicht immer derselbe gewesen. Die An¬ 
gaben, welche soweit wie möglich nachgeprüft wurden, stammen von den Haus¬ 
haltsvorständen oder ihren Ehefrauen und betreffen insgesamt 25440 Familien 
mit 124108 Personen. Die Tabellenserien 1 bis 3 umfassen die Gesamtheit der 
Familien; sie veranschaulichen die Zahl der Kinder, das Kost- und Schlafgänger¬ 
wesen, Berufs Verhältnisse, Einkommen, Arbeitslosigkeit, die Ausgaben für ver¬ 
schiedene Zwecke u. s. w. Detailierte Aufschreibungen des Verbrauches an 
Nahrungs- und Genußmitteln waren verhältnismäßig selten zu erlangen, nämlich 
von 2567 Familien; diese werden in der vierten Tabellenserie behandelt und 
bieten für uns das meiste Interesse. Das Beobachtungsmaterial ist groß genug, 
um allgemeine Schlußfolgerungen auf die Lebensweise der amerikanischen Arbeiter¬ 
klasse daraus ziehen zu können. Die untersten sozialen Schichten sind bei den 
2567 Familien allerdings so gut wie gar nicht vertreten. Die Durchschnitts¬ 
einkommen sowie die Durchschnittsausgaben waren bei dieser Gruppe etwas 
höher als bei der Gesamtheit; von den ärmsten Klassen darf man übrigens die 
Führung spezialisierter Haushaltsrechnungen nicht erwarten. Es ist richtig, 
die Verteilung der Familien nach Staatengruppen, die Zahl der Personen pro 
Familie, endlich die durchschnittlichen Einnahmen und Ausgaben zu veran¬ 
schaulichen; dies geschieht in der folgenden Tabelle: 


Gebiet 

Zahl der 
Familien 

Personen 

pro 

Familie 

Ein¬ 

nahmen 

Dollar 

Ausgaben 

Dollar 

Nordatlantische Staaten .... 

1415 

5,3 

835 

778 

Südatlantisehe Staaten .... 

219 

5,3 

763 

701 

Nord-Zentralstaaten . . . . . 

721 

5,5 

843 

786 

Süd-Zentralstaaten. 

122 

5,7 

715 

690 

Weststaaten. 

90 

4,7 

892 

751 

Oesamtgebiet . .. 

2567 

5,3 

827 . 

769 


*) Cost of Living and Retail Prices of Food. (Achtzehnter Jahresber. des 
Leiters des Arbeitsamts.) Washington, Government Printing Office. 865 S. Insbes. 
S. 421—511. 


Gck igle 


Original ffom 

CORNELL UNfVERSITY 









Mitteilungen. 


291 


Bei der Hälfte dieser Familien (1265 oder 49,3°/ 0 ) fanden sich gar 
keine Ausgaben für alkoholische Getränke und bei denen, die Alkohol 
genossen, bewegten sich die Ausgaben hierfür in mäßigen Grenzen. In den 
einzelnen Gebietsteilen begegnen wir jedoch auffallenden Differenzen. In den 
Weststaaten hatten bloß 25,6% der Familien Geld für Alkohol ausgegeben, in 
den südatlantischen Staaten 46,6%, in den nördlichen Zentralstaaten 49,4%. 
Die nordatlantischen und die südlichen Zentralstaaten, wo sich bei 53,5% und 
52,5% der Familien Aufwendungen für Alkohol fanden, nehmen eine etwas un¬ 
günstigere Position ein. 

Im Durchschnitt gab jede der 1302 Familien, die alkoholische Getränke 
verbrauchten, während des Jahres hierfür 24,53 Dollars (104 Mk.) aus; am 
höchsten stellten sich die Ausgaben in den nördlichen Zentralstaaten (80,38 Dollars) 
und in den nordatlantischen Staaten (23,72 Dollars), am niedrigsten in den West¬ 
staaten (11,91 Dollars) und in den südlichen Zentralstaaten (14,09 Dollars); die 
südatlantischen Staaten nehmen eine Mittelstellung ein (19,48 Dollars). 

Dio Familien der in Amerika geborenen Haushaltsvorstände ver¬ 
ausgabten im Jahresdurchschnitt für alkoholische Getränke 22,28 Dollars, die 
Familien der fremdgebürtigen Haushalts Vorstände 27,39 Dollars; das 
Maximum erreichten die Schotten mit 83,63 Dollars und die Deutschen 
mit 33,50 Dollars. Ganz bedeutend hinter diesen zurück blieben die Nieder¬ 
länder mit 9,50 Dollars und die Norweger mit 11,07 Dollars. Bei den Fremd- 
gebürtigen ist nicht nur der Betrag der Ausgaben für Alkohol höher, sondern 
auch dessen Genuß viel weiter verbreitet als bei den Amerikanern. Die 
Trinkerfamilien bildeten bei den Italienern 94,4%, bei den Österreichern und 
Ungarn 88,9%, bei den Russen 78,8%, bei den Deutschen 68,2%, bei den 
Schotten 63,6%, bei den Franzosen 60% u. s. w., bei den gebürtigen Amerikanern 
aber nur 46,2%. Dieser Unterschied ist nicht schwer zu erklären. Die Ein¬ 
wanderer kommen aus Ländern, wo den Trinkgewohnheiten durch die Staats¬ 
und Kommunalverwaltungen recht wenige Hindernisse bereitet werden, wo das 
Wirtshausleben, der ärmeren Bevölkerung speziell, geradezu unentbehrlich er¬ 
scheint. In Amerika ist hingegen der Kampf gegen den Alkohol seit Jahrzehnten 
mit einer Energie geführt worden wie nirgends sonst; und dieser Kampf war 
nicht erfolglos. Abgesehen von der Erschwerung des Handels mit geistigen Ge¬ 
tränken durch gesetzgeberische Maßnahmen ist die Erkenntnis der Schädigung 
der körperlichen und geistigen Gesundheit infolge des Alkoholgenusses in weite 
Kreise der Bevölkerung getragen worden, wodurch die Trunksitten immer mehr 
und mehr Einschränkungen erfuhren. Das ist eine Tatsache, die nicht bestritten 
werden kann. 1 ) Auf den Fremden einzuwirken, der zäh an den Lebensgewohn¬ 
heiten der Heimat hängt und noch dazu meist die Gesellschaft von Landsleuten 
sucht, ist viel schwieriger. Die Nachkommen der Einwanderer wachsen jedoch 
unter dem Einfluß des Amerikanertums auf und sind der Antialkoholbewegung 
leichter zugänglich als ihre Eltern. 

Die Ausgaben für alkoholische Getränke bilden sowohl bei den Einheimischen 
wie bei den Eingewanderten nur einen geringen Prozentsatz der ganzen Jahres¬ 
ausgaben. Die Familien der Eingewanderten sind nahezu allgemein etwas stärker 

*) Zu vgl.: Laquer, „Trunksucht und Temperenz in den Vereinigten 
Staaten“. Wiesbaden, 1905. J. F. Bergmann. Pr. Mk. 1,50. 

20* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



292 


Mitteilungen. 


Digitized by 


als die der Amerikaner; hierdurch werden die höheren Ausgaben für die ver¬ 
schiedenen Zwecke, welche die nachstehende Tabelle aufweist, erklärlich. 

Es verausgabten im Durchschnitt: 


Art der Ausgaben 

Die Familien einhei¬ 
mischer Haushalts¬ 
vorstände 

Die Familien einge¬ 
wanderter Haushaits- 
vorstände 

Dollars 

0/ 

/o 

Dollars 

% 

Nahrung. 

812,68 

41,8 

849,58 

43,6 

Miete. 

122,03 

16,3 

124,47 

15,5 

Beheizung, Beleuchtung .... 

39,41 

5.8 

41,96 

5,2 

Kleidung, Wäsche u. s. w. . . . 

111,02 

14,9 

120,96 

15,1 

Sonstiges. 

162,87 

21,7 

165,18 

20,6 

Davon alkoholische Getränke . 

22,28 

3,0 

27,39 

3,4 

Zusammen. 

747,51 

100,0 

802,10 

100,0 


Hierbei ist — wie in dem Quellenwerk — zur Berechnung des Durchschnitts 
für jede Ausgabengruppe nur* die Zahl jener Familien herangezogen worden, die 
für den betreffenden Zweck wahrend des Jahres tatsächlich Ausgaben verzeichnet 
hatten. — Eine Darstellung des Umfanges des Alkoholkonsums nach der Berufs¬ 
zugehörigkeit der Haushaltsvorstände wird in dem Bericht des Arbeitsamtes 
leider nicht gegeben. 

Man wird einwenden, es mögen sich besonders dadurch Ungenauigkeiten 
in die Statistik eingeschlichen haben, weil manche Leute nicht gerne Auskunft 
über ihren Alkoholkonsum geben; dies trifft gewiß zu, aber es ist nicht wahr¬ 
scheinlich, daß so häufig die Ausgaben für Alkohol verschwiegen oder zu gering 
angesetzt wurden, um die Richtigkeit der Ergebnisse damit in weitgehendem 
Maße zu beeinträchtigen. 

Wenn man die Höhe der Ausgaben für geistige Getränke in den Vereinigten 
Staaten beurteilt, so darf nicht vergessen werden, daß dort sowohl Bier wie 
Branntwein erheblich teurer ist als in Deutschland. Bei den deutschen Arbeitern 
ist ohne Zweifel der Alkoholgenuß weit mehr verbreitet als bei ihren amerika¬ 
nischen Standesgenossen. Nach der von Prof. Dr. Hirschberg bearbeiteten 
Haushaltungsstatistik 1 ) geben die Berliner Arbeiter pro Jahr 111 Mk. für Bier 
und Branntwein aus, die 6,6°/ 0 der durchschnittlichen Gesamtausgaben bilden. 
Fabrikinspektor Dr. Fuchs stellte fest, daß in 17 Landgemeinden bei Karlsruhe 
die Ausgaben der Arbeiter für alkoholische Getränke im Jahresdurchschnitt 
219 Mk. oder 12,6% der Gesamtausgaben betragen; wir erfahren dabei auch, in 
welchen Quantitäten sich dieser Geldbetrag verkörpert: Die Familie braucht durch¬ 
schnittlich im Jahre 769 1 Bier, 138 1 Wein und 6 1 Branntwein. 1 ) In Nürnberg 
kommen etwa 10% aller Ausgaben der Arbeiterfamilien auf alkoholische Getränke. 
Diese Beispiele bedürfen keiner weiteren Vermehrung. Es ist zur Genüge er- 


4 ) Lohnermittlungen u. Haushaltungsrechnungen etc. im J. 1908. Berliner 
Statistik, 3. Heft. Berlin 1904. 

2 ) Zu vergl. Arch. f. Sozialwissenschaft, 21. Band, 3. Heft. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 








Mitteilungen. 


293 


wiesen, daß in den Vereinigten Staaten der Arbeiterstand sich bisher schon viel 
mehr vom Alkohol abwendig machen ließ, als in Deutschland und in anderen 
europäischen Staaten. H. Fehlinger. 


Der Jahresbericht der badischen Fabrikinspektion bringt auch aus dem Jahre 
1905 wieder verschiedenes, was Bezug hat auf die Bekämpfung des Alkohol¬ 
genusses. 

Die im vorigen Jahre geschilderten Mißbräuche bei der Bierabgabe durch 
die Poliere beim Frühstück und Vesper, besonders in Freiburg i. B., sind in¬ 
folge behördlichen Einschreitens abgestellt worden, aber die Arbeiter ergriffen 
selbst die Initiative. Der Flaschenbierverkauf durch die Poliere hörte auf und 
das gesamte Eantinenwesen auf Bauplätzen wurde sachgemäß geregelt. Die Bau¬ 
vorschüsse der Poliere für den Bierverkauf sind beseitigt. 

Der Verkauf von Sodawasser und Limonade ist in einzelnen Fabriken so 
geordnet, daß die Unternehmer diese Getränke hersteilen lassen und ersteres zu 
2 Pfg., letzteres zu 5 Pfg. pro Flasche verkaufen lassen. Andere Unternehmer 
haben Kaffeeküchen eingerichtet und geben den Kaffee umsonst ab. Eine Fabrik 
gedenkt auch Mineralwasser selbst herzustellen und gratis abzugeben. In einer 
Bandfabrik wird den jugendlichen Arbeitern täglich 4 / 10 1 Milch umsonst ver¬ 
abreicht. 

Was den Freitrunk in den Brauereien anbelangt, folgen immer mehr Braue¬ 
reien den früher geschilderten Vorbildern. 

Die Arbeiter bekommen Bier zum Groß Verkaufspreis (17 Pfg. pro Liter), 
dürfen aber nichts davon mit nach Hause nehmen. Es ist dabei beobachtet 
worden, daß nur noch ein Drittel bis ein Viertel der früher genossenen Quanti¬ 
täten verbraucht werden. 

In manchen Betrieben sind Grundsätze für den Kantinenbetrieb in die 
Arbeitsordnung aufgenommen worden und darf die Person, welche den Vertrieb 
von Speise und Trank besorgt, nicht am Verkauf interessiert werden, sondern 
muß mit festem Lohn angestellt sein. Die Kantinen dürfen den Ankaufspreis 
der Speisen und Getränke nur erhöhen um den Anteil an den Verwaltungs¬ 
kosten, so daß kein Gewinn erzielt wird. 

Kredit darf nicht gegeben werden und die Kantine ist nur offen zur Früh¬ 
stücks-, Mittags- und Vesperzeit, nach Schluß der Arbeit nie. Eine Anzahl 
Mannheimer Brauereien hat sich auf feste Vergütungen für den Freitrunk ge¬ 
einigt und bekommen die jugendlichen Arbeiter wöchentlich 2 Mk., die Tage¬ 
löhner u. s. w. 8 Mk., die Kutscher, Hilfsarbeiter und Handwerker 4,20 Mk., die 
eigentlichen Brauereiarbeiter, wie Brauer, Mälzer, Küfer, Maschinisten 5,10 Mk. 
Zur Verabreichung von Bier zu 17 Pfg. pro Liter sind die Zeiten festgesetzt und 
geschieht die Abgabe gegen Marken, welche die Arbeiter sich kaufen müssen 
und die in Partien zu 20 Stück für ganze Liter oder 40 halbe Liter abgegeben 
werden. Wer eine % Litermarke abgibt und nur x / 2 Liter Bier will, bekommt 
eine */ 2 Iitermarke heraus. Alle Einzelheiten für den Verkehr sind durch 
gleichartige Anordnungen in den verschiedenen Brauereien geregelt und es ergeben 
sich keinerlei Anstände. Doch ist auch das Beschwerderecht geregelt. 

Gegenüber dieser Fürsorge der Brauer sticht es sehr ab, daß immer da 
und dort noch Arbeitgeber oder Angestellte aus dem Alkoholverbrauch der Ar¬ 
beiter direkt oder indirekt Vorteile zu ziehen suchen. M. M. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



294 Mitteilungen. 

Das Aktionskomitee des schweizerischen Abstinentenverbandes erläßt folgendes 

Preisausschreiben. 

Die Erben des Herrn Rauschenbach sei. aus Schaffhausen haben dem 
Aktionskomitee des Schweiz. Abstinentenverbandes ein Legat von 2000 Fr. vermacht. 

Dieses Legat soll zu einer Preisaufgabe über die Alkoholfrage verwendet 
werden. Das Aktionskomitee hat eine Kommission von drei Mitgliedern beauf¬ 
tragt, das Nähere festzustellen. Die Kommission hat nun folgendes bestimmt: 

1. Um Anregung in verschiedenen Richtungen zu geben, werden vier 
Themata zur freien Auswahl den Bewerbern aufgegeben. 

2. Themata: 

a) Die gegenwärtige Organisation des Handels mit geistigen Getränken 
(Brauer, Weinhändler, Brenner u. s. w.). Ihr Einfluß auf den Kampf gegen den 
Alkoholismus; welche Mittel sind dagegen zu ergreifen? 

b) Prüfung der wissenschaftlichen Grundlagen der Alkoholtherapie. Stati¬ 
stische Vergleichungen der Resultate derselben mit denjenigen der alkoholfreien 
Therapie. 

c) Eine bestimmte Schweiz. Gemeinde oder Gegend (nicht zu groß, vielleicht 
1000 bis 6000 Einwohner zählend) soll monographisch auf die Trinkgewohnheiten 
ihrer Einwohner und deren Folgen sorgfältig untersucht werden. Alle Familien 
und Bewohner derselben sollen darüber und speziell mit Bezug auf Aszendenz 
und Deszendenz (Entartung der Nachkommenschaft) unter Wahrung des Anony- 
mates geprüft werden. (Vergl.: Familie Zero von Dr. Joerger im Archiv für 
Rassen- und Gesellschaftsbiologie, August 1905.) 

d) Wie kann der Alkoholismus in größeren Städten bekämpft werden? 

3. Zur Beurteilung der eingehenden Arbeiten wird eine Jury von sechs 
kompetenten Mitgliedern bestellt. 

4. Je nach der Qualität und Bedeutung der eingehenden Arbeiten behält 
sich die Jury vor, eventuell mehrere zu prämiieren. Auch nicht prämiierte Arbeiten, 
können von der Jury als Antialkoholschriften empfohlen werden. 

5. Die Bewerber haben bis zum 81. Dezember 1908 Zeit um ihre Arbeiten 
einzureichen. Jedermann aus jedem Land — auch Nichtabstinente — können 
als Bewerber auftreten. 

6. Manuskripte werden in deutscher, französischer und italienischer Sprache 
angenommen. 

7. Die Arbeiten sind mit einem Motto oder Zeichen zu versehen, das auch 
auf einem versiegelten, beigelegten, den Namen des Verfassers enthaltenden Brief¬ 
kuvert angebracht sein muß. Sie sind an Herrn Professor Forel in Chignybei 
Morges (Waadt) Schweiz zu senden. 

8. Im Lauf der drei ersten Monate des Jahres 1909 (wenn möglich, d. h. 
wenn die Jurymitglieder bis dahin mit ihrer Arbeit fertig sind) hält dann die 
Jury eine gemeinsame Beratung und bestimmt über die Prämiierung. 

9. Die Preisausschreibung hat in allen schweizerischen, deutschen, franzö- 
sischen, österreichisch-ungarischen, italienischen und anderen zugänglichen Anti¬ 
alkoholzeitungen und Zeitschriften zu erscheinen. 

10. In erster Linie werden solche Arbeiten berücksichtigt, die auf schweize¬ 
rische Verhältnisse Bezug haben (namentlich für die Themata a und c). 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. 


295 


Ein „Verein abstinenter Juristen des deutschen Sprachgebietes“ hat sich gebildet 
und seinen Vorstand also bestellt: Landgerichtsdirektor Geh. Justizrat Buddee- 
Greifswald, I. Vorsitzender, Rechtsanwalt Dr. jur. Eggers-Bremen, XL Vor¬ 
sitzender, Landrichter Dr. Popert-Hamburg, Schriftführer, Rechtsanwalt Bart- 
ning-Hamburg, Schatzmeister. 


Soziale Kultur. Der Zeitschrift Arbeiterwohl u. d. Christi, sozialen Blätter neue 
Folge. 26. Jahrgang, Mai 1906. 80 S. gr. 8°. Erscheint monatlich. Preis 
vierteljährlich Mk. 1,50. 

Inhalt des Maiheftes: Die Bedeutung der hauswirtschaftlichen Ausbildung 
der Arbeiterfrauen für die Arbeiterbewegung. Von Fanny Jmle, Freiburg i. B. 
Die österreichischen Feuerversicherungs-Anstalten. I. Von H. Wiemuth, Merse¬ 
burg. II. Von Direktor E. Posselt, Neuß. Die Religion der Heiligung. Von 
Dr. Wilhelm Liese, Paderborn. 

Rundschau: Vereinswesen. Le Sillon. Von Dr. Philippe de Las Casos, 
Rechtsanwalt am Appellhof zu Paris. Wohlfahrtseinrichtungen: Union familiale. 
Von Liane Becker, Frankfurt a. M. Soziale Hygiene: Die Erfolge der Invaliden¬ 
versicherung bei Bekämpfung der Tuberkulose. Von Dr. Moritz Wagner, Berlin. 
Soziale Zustände. Statistik: Die Gast- und Schankwirtschaften in Preußen 1904 
und ihre Verteilung auf die Bevölkerung. Von Dr. Georg Neuhauß, Berlin, 
Parlamentarisches: Geschichte des Heimarbeiterschutzes im Reichstage 1873—1906. 
Von Reichstagsabg. M. Erzberger, Berlin. 

Literatur: Besprechungen. Roß: Foundations of Sociology (Dr. jur. Frhr. 
v. Overbeck). Heß: Einfaohe und höhere Arbeit (Assesor Dr. Brück). 
Schüler: Ausgewählte Schriften (Dr. Koch, Berlin). 


Auf der Frühjahis-Verwaltungsausschuß-Sitzung des Deutschen Vereins gegen 
den Mißbrauch geistiger Getränke referierte Rat Dr. Olshausen-Hamburg über 
„FrOhpolizeistunde“ und brachte folgende Resolution ein: 

Der regelmäßige Genuß von Branntwein auf dem Wege zur Arbeit und 
von der Nachtarbeit, sowie während der Arbeit ist ein Übelstand, welcher dringend 
der Bekämpfung bedarf. Hierzu bietet das Reichsrecht keine, das Landesrecht 
zum Teil gleichfalls keine, zum Teil eine nur ungenügende Handhabe; auch 
werden die aus dem Landesrecht fließenden Befugnisse bei weitem nicht in dem 
wünschenswerten Maße ausgenutzt. Es empfiehlt sich daher, reichsrechtlich einen 
Zeitpunkt festzusetzen, bis zu welchem die Branntweinausschankstellen geschlossen 
bleiben müssen, bezw. die für die Branntweinkleinhandlungen bestehende Schlu߬ 
zeit (5 Uhr) auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen. 

Da es aber an vielen Orten an einer Bestimmung darüber fehlt, wann die 
Wirtschaften abends geschlossen werdep. müssen, so bedarf es zur Ergänzung der 
Bestimmung über die Zeit der Öffnung einer Bestimmung des Zeitpunktes, in 
welchem jener Schluß erfolgen muß. 

Für den Fremdenverkehr in den Gastwirtschaften wird eine Ausnahme vor¬ 
zusehen und außerdem den Ortspolizeibehörden das Recht zu geben sein, im Falle 
des Bedürfnisses Ausnahmen zuzulassen. 

Es wird daher empfohlen, der Reichsregierung die Aufnahme folgender Be¬ 
stimmungen in die Gewerbeordnung vorzuschlagen: 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



296 


Mitteilungen. 


Digitized by 


I. 

(Etwa als § 41c.) 

Gast- und Schankwirtschaften, für welche die Erlaubnis zum Ausschänken 
von Branntwein oder Spiritus erteilt ist, müssen von 10 Uhr abends bis 8 Uhr 
morgens für den geschäftlichen Verkehr geschlossen sein. Ausgenommen sind 
die Gastwirtschaften, soweit es sich um den Verkehr ihrer Logier-Gäste handelt 
Die in Absatz 1 bezeichneten Zeiten können von den Ortspolizeibehörden 
allgemein oder für einzelne Wirtschaften oder für bestimmte Gelegenheiten ander¬ 
weitig festgesetzt werden, soweit ein Bedürfnis dafür besteht. 

n. 

(Als neuer Absatz zu § 139 e oder als § 139 n.) 

Kleinhandlungen mit Branntwein oder Spiritus müssen bis 8 Uhr morgens 
für den geschäftlichen Verkehr geschlossen sein. 

Nach the medical temperance review hat J. J. Ridge folgende Statistik 
der von ihm behandelten Fälle von Infektionskrankheiten veröffentlicht: 



Zahl der Fälle 

Todesfälle 

Sterblichkeit 

Scharlach 

2S31 

44») 

1,88°/. 

Diphtherie 

258 

81 

12,- # /o 

Ruhr 

159 

27 

17,-% 


Alkohol wurde niemals angewendet. 

Die Sterblichkeit der von Dr. Warner im Epidemiespitale zu Leicester im 
Jahre 1902 behandelten Falle von Infektionskrankheiten war 

bei Scharlach 1,7% 

„ Diphtherie 5,6% 

„ Ruhr 8,1% 

„ Blattern 7,1 % 

In keinem Falle wurde Alkohol gegeben. 

Dr. H. D. Rolleston vom St. Georges-Hospital erklärte gelegentlich eines 
Vortrages in der Nord-Londoner Medic.-chirurg. Gesellschaft: „Es gab eine Zeit, 
in der ich den Alkohol als das Heilmittel gegen Herzschwäche bei Typhus be¬ 
trachtete und der Meinung war, er müsse bei gefährlichen Fällen mit freigebiger 
Hand gereicht werden. Aber allmählich, teils durch eigene Beobachtungen, teils 
durch die anderer Ärzte, besonders aber durch Überlegung der von Graham 
Steell festgestellten Tatsache, daß Herzerweiterung — bei sonstiger Gesundheit — 
sehr oft durch Alkoholmißbrauch erzeugt ist, bin ich dahin gekommen, dem Werte 
des Alkohols in großen Dosen bei Typhus zu mißtrauen. Bei dieser Krankheit 
leidet das Myokard ohnedies durch die toxische Wirkung des einen Giftes und 
ist deshalb mehr der Gefahr ausgesetzt, durch die Wirkung des Alkohols ge¬ 
schädigt zu werden. Ich ziehe vor andere Mittel anzuwenden, besonders Strychnin 
in subkutaner Form.“ 


*) Alle Todesfälle infolge interkurrenten und Nachkrankheiten eingeschlossen* 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Der Alkoholismus 

Zeitschrift zur wissenschaftlichen Erörterung der Alkoholfrage 
1906 Neue Folge — Band III No. 6 


L Originalabhandlungen. 


Chronischer Alkoholismus und Vererbung 1 ). 

Von 

Prof. Dr. K. Bonhoeffer. 

Wenn uns die Stellung eines Menschen in der Stammbaum¬ 
reihe hinsichtlich der Vererbung interessiert, so ergeben sich 
die zwei Fragen: was hat er von seinen Ascendenten über¬ 
kommen? und was hat er seinen Kindern vererbt? Auf den 
einzelnen chronischen Alkoholisten angewandt heißt das erstens, 
lassen sich in der Aseendenz des Trinkers erbliche Momente auf¬ 
finden, die für das Zusammenkommen der Trunksucht wesentlich 
sind oder läuft jedes Individuum bei übermäßigem Alkoholgenuß 
gleichmäßig Gefahr, dem Alkoholismus zu verfallen? Sind gewisse 
in der Anlage bedingte Momente vorhanden, die zur Trunksucht 
disponieren? Die Frage ist wichtig für die Kenntnis der Ursachen 
des Alkoholismus. 

Die zweite, praktisch höchst bedeutungsvolle Vererbungsfrage 
ist die: hat die Trunksucht eines oder beider Eltern Einfluß auf 
die Nachkommenschaft und welcher Art ist dieser Einfluß? 

Ich möchte zunächst die erste Frage, die Bedeutung der An¬ 
lage, besprechen. 

Wenn ich an meine Studienzeit zurückdenke, so sind mir 
eine Anzahl von Studiengenossen erinnerlich, die im Laufe des 
Lebens infolge Trunksucht mehr oder weniger vollständig Schiff¬ 
bruch gelitten haben. Bei einigen von diesen war von Anfang an, 
als sie auf die Hochschule kamen, auffallend, daß sie schon nach 
geringen Alkoholmengen erregt und angetrunken erschienen, daß 
sie wenig vertragen konnten. Bei den andern trat diese Erscheinung 
weniger hervor, aber sie stammten aus Familien, von denen bekannt 


x ) Nach einem im Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke zu Breslau 
gehaltenen Vortrage. 

Der Alkohollsmus. 1906. 21 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



298 


Prof. Dr. K. Bonhoeffer. 


war, daß bei ihnen allerhand nervöse und psychische Störungen vor¬ 
gekommen waren. Zum Teil handelte es sich um talentvolle, viel¬ 
versprechende und über das Durchschnittsmaß begabte Individuen, 
andere waren mäßig oder unter dem Durchschnitt begabte, wenig 
energische und suggestible Naturen. 

Diese Erfahrungen beruhen nun keineswegs auf Zufälligkeiten. 
Es würde Ihnen wahrscheinlich nicht schwer fallen, aus Ihrer Er¬ 
fahrung ähnliches hinzuzufügen. 

Es ist kein Zweifel, daß die angeborene psychopathische Kon¬ 
stitution nicht die einzige, aber eine der wichtigsten Grundlagen 
bildet für die Entwicklung des späteren chronischen Alkoholismus. 

Wir verstehen unter psychopathischer Konstitution die Er¬ 
scheinung, daß gewisse psychische Anomalien vererbt, angeboren 
oder in früher Jugend erworben sind. Die Träger einer solchen 
psychopathischen Konstitution stammen meist von Eltern, bei welchen 
selbst oder in der Bluts Verwandtschaft Geistes- oder Nervenkrankheiten, 
Alkoholismus, Epilepsie, Hysterie, Schwachsinn, Ungleichmäßigkeiten 
in der Entwicklung der einzelnen seelischen Funktionen, einseitige 
Talente, grobe Dissonanzen in der Entwicklung des intellektuellen 
und gemütlichen Lebens, gesteigertes Triebleben u. a. vorgekommen 
sind. Auch körperliche Allgemeinerkrankungen können die Ur¬ 
sache psychopathischer Konstitution abgeben. Das Wesentliche der 
psychopathischen Konstitution liegt darin, daß die im Leben not¬ 
wendige Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen Schädigungen, 
mögen sie durch Sorgen, Aufregungen des Alltaglebens, Unregel¬ 
mäßigkeiten der Lebensführung oder durch Giftwirkung bedingt 
sein, herabgesetzt ist Dazu kommt noch ein spezieller Punkt. Die 
Disharmonie der psychischen Funktionen äußert sich bei diesen In¬ 
dividuen oft darin, daß die Willensenergie herabgesetzt ist gegen¬ 
über den Trieb- und Wunschanregungen. 

Dies sind die Gründe, aus denen der Psychopath leichter dem 
Alkoholismus verfällt als der geistig gleichmäßig Veranlagte und 
weshalb es gerade die Willensschwächen, die Labilen und Desequi- 
librierten sind, die wir unter den Säufern antreffen. In der Praxis 
wird hier oft Ursache und Wirkung verwechselt 

Tatsächlich ist es meist ohne Schwierigkeit möglich, diese ab 
ovo psychopathischen Naturen unter den Trinkern herauszufinden. 
Ihre Eeaktionsweise auf den Alkohol ist vielfach eine andere als 
beim gewöhnlich Betrunkenen. Die Giftwirkung des Alkohols tritt 
schon bei verhältnismäßig kleinen Dosen in Erscheinung. Diese Psycho- 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSSUf 



Chronischer Alkoholismus und Vererbung. 


299 


patken werden sehr bald unleidlich, reizbar, zu Gewalttätigkeiten ge¬ 
neigt, während die bekannten Kauscherscheinungen, die heitere 
Stimmung, die Unsicherheit des Ganges, der Sprache, gänzlich fehlen 
können. Anstatt der Trinkerstimmung treten pathologische Affekte, 
Angst, Wut, sinnlose Erregung, hervor, sexuelle, normale oder 
perverse Triebanregungen, die im nüchternen Zustande unterdrückt 
werden, treten mit dem Charakter eines unwiderstehlichen Triebes 
hervor. 

Die Krankhaftigkeit des Bewußtseinszustandes ist auch nach¬ 
träglich noch daraus ersichtlich, daß vielfach gänzliche Erinnerungs¬ 
losigkeit für die vorgenommenen Handlungen vorliegt, auch wenn 
das Verhalten während der Tat selbst einer gewissen Besonnenheit 
nicht entbehrt hat. 

Zwischen diesen ausgesprochen pathologischen Räuschen der 
Psychopathen und der normalen Giftwirkung des einfachen Rausches 
finden sich in Wirklichkeit die mannigfaltigsten Übergänge. Die 
große praktische Bedeutung der pathologischen Räusche in sozialer 
und strafrechtlicher Beziehung ist bekannt. 

Ich habe mich in vielfachen Untersuchungen an Strafgefangenen, 
Bettlern, Vagabunden, Prostituierten, Sittlichkeitsdelinquenten und 
Körperverletzem damit beschäftigt, den Anteil der psychopathischen 
Konstitution beim Alkoholismus dieser Individuen nachzuweisen 
und ich darf Ihnen vielleicht einige Zahlen nennen, die sich mir 
dabei ergeben haben. 

Unter 404 Bettlern und Vagabunden, die ich hier in Breslau 
untersucht habe, fanden sich bei 250 die Erscheinungen des chro¬ 
nischen Alkoholismus. Die genauere Untersuchung dieser chro¬ 
nischen Alkoholisten ergab das bemerkenswerte Resultat, daß bei 
70% von diesen der Alkoholismus nachweisbar auf dem Boden 
vorher bestehender angeborener oder erworbener geistiger Schwäche¬ 
zustände oder auf dem Boden erblicher Belastung erwachsen war. 

Ähnlich war das Resultat bei einer Reihenuntersuchung von 
190 Prostituierten. Hier fand sich in 66 Fällen chronischer Alko¬ 
holismus. Bei etwa 40 °/ 0 dieser Trinkerinnen lagen minder ange¬ 
borene Defektzustände vor. Bei einem andern Teil ließ sich schwere 
hereditäre Belastung nachweisen. 

Das Hauptkontingent zu den späteren Alkoholisten der niederen 
Bevölkerungsschichten stellen offenbar die angeborenen leichteren 
Schwachsinnsformen, die Individuen, die jetzt durch die Hilfsschulen 
von den normal veranlagten Kindern getrennt werden und denen 

21 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



300 


Prof. Dr. K. Bonhoeffer. 


jetzt sehr zweckmäßiger Weise eine sorgfältigere soziale Beachtung 
geschenkt wird. 

Diese Zahlen stimmen überein mit Feststellungen, die von 
anderer Seite besonders über den Einfluß hereditärer Belastung 
beim Alkoholismus gemacht worden sind. Ich glaube, daß die Be¬ 
hauptung, daß die schweren, sozial besonders gefährlichen und die 
kriminellen Formen des chronischen Alkoholismus auf psycho¬ 
pathischem Boden erwachsen, sich bei genauerem Zusehen mehr 
-und mehr bestätigen wird. Für die sozial günstiger gestellten 
Bevölkerungsschichten kann man dies, wie ich glaube, ohne alle 
Einschränkung sagen. 

Es ist einleuchtend und bedarf, als unserem heutigen Zwecke 
femliegend, kaum der Erwähnung, daß es einseitig und falsch wäre, 
die Bedeutung der äußeren Lebensumstände, der Erziehung, gegenüber 
der durch die Vererbung überkommenen psychopathischen Anlage zu 
unterschätzen. Die Verbreitung des Alkoholismus in bestimmten 
Berufsarten (Bauarbeiter, Kutscher, Alkoholgewerbe, kleine Hand¬ 
werker) spricht hierfür eine zu deutliche Sprache. Die Bedeutung 
der Anlage läßt sich etwa so ausdrücken: je ungünstiger die Er¬ 
ziehungsverhältnisse, die äußeren Lebensumstände sind, um so leichter 
wird ein psychopathisch veranlagtes Individuum dem Alkoholismus 
verfallen. Auch leichte Grade von psychopathischer Anlage, die 
an sich ohne Schwierigkeit im Leben sich halten können, verfallen 
bei ungünstigen äußeren Umständen dem Alkoholismus. Je schlechter 
ein Individuum erzieherisch und sozial gestellt ist, um so geringer 
braucht die psychopathische Anlage zu sein, um es zum Alkoholis¬ 
mus zu bringen. 

Für die Praxis ergibt sich daraus die Lehre, daß es vor allem 
für die große Gruppe der Nervösen und Psychopathischen besonders 
wichtig ist, mit den Trinkgewohnheiten zu brechen. Ein Punkt 
muß noch besonders hervorgehoben werden. Was ich bisher von 
der gefährlichen Affinität, welche der Alk ohol zu dem Gehirn des 
Desequilibrierten hat, gesagt habe, gilt ebenso auch von dem un¬ 
reifen, noch in der Entwicklung begriffenen jugendlichen Gehirn. 
Hier wirkt der Alkohol besonders schädlich. Es wird ein vorzei¬ 
tiger Entwicklungsstillstand herbeigeführt und es wird gewisser¬ 
maßen künstlich eine psychopathische Anlage geschaffen, die ihrer¬ 
seits wieder einen geeigneten Boden für die Entwicklung von 
späterem chronischen Alkoholismus bildet Völlige Enthaltung von 
Alkoholicis ist darum für Kinder geboten. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Chronischer Alkoholismus und Vererbung. 


301 


So viel von der Bedeutung der Vererbung für die Entwicklung 
der Trunksucht Es bleibt noch die zweite Frage zu besprechen. 
Welchen Einfluß hat der bestehende Alkoholismus eines oder beider 
Eltern auf die Nachkommenschaft? Nicht entschieden ist zunächst 
die Frage, ob die in der einmaligen Trunkenheit erzeugten Kinder 
in irgend einer Richtung Defekte aufweisen. Von den Franzosen 
wird die Frage meist bejaht, doch scheint es mir, daß die Trennung 
vom chronischen Alkoholismus dabei nicht sorgfältig genug beachtet 
worden ist. Mit Recht wird von Grotjahn darauf hingewiesen, 
daß dem Moment der gelegentlichen Angetrunkenheit oder Be¬ 
rauschung im Augenblicke der Zeugung wohl keine erhebliche 
keimschädigende Bedeutung zukommen dürfte, da wir sonst bei den 
germanischen Volksstämmen eine stärkere Anhäufung von Psycho¬ 
pathen antreffen müßten als bei den Romanen. 

Nicht zu bestreiten ist aber der Einfluß des chronischen 
Alkoholismus auf die Descendenz. Es gibt umfassende Unter¬ 
suchungen von Legrain und Demme, die das beweisen. Sie 
sehen die Zahlen der Tabellen. Freilich lassen sich die zerfahrenen 
Verhältnisse des Trinkerhaushalts, der Mangel an Pflege der Neu¬ 
geborenen, in ihrem Anteil auf die körperlich und geistig schlechte 
Entwicklung schlecht abschätzen. Es sind deshalb die Tierversuche 
von Mariet und Combemale, die Hunde und Hündinnen unter 
verschiedenen Bedingungen alkoholisierten, von Wichtigkeit, weil 
hier die äußeren Bedingungen regelrecht gestaltet werden können. 
Dabei zeigt sich die Zahl der Totgeborenen und der psychisch 
und körperlich Defekten bei chronisch alkoholisierten Tieren er¬ 
heblich vermehrt. Es treten schwere körperliche Entartungser¬ 
scheinungen auf (Klumpfuß, Verkrümmung mehrerer Zehen, Wolfs¬ 
rachen, Rückenmarkserkrankungen). 

Ich möchte mich hier nur mit dem Einfluß auf den psy¬ 
chischen Habitus der Descendenten beschäftigen. Beim Menschen 
sind es vor allem die Idiotie, die Imbezillität und die Epilepsie, 
die wir aus dem Alkoholismus der Eltern erwachsen sehen. Darüber 
geben die Untersuchungen an Idioten- und Epileptikeranstalten 
Aufschluß. Bourneville berechnet den Anteil des Alkoholismus 
der Eltern auf über 60 °/ o bei seinem großen Idiotenmaterial. 

Bemerkenswert, häufig ist, daß Kinder von Trinkern wieder 
Trinker werden. Man hat deshalb an eine direkte Vererbung der 
Trunksucht gedacht Ich habe in meinen Beobachtungen jedenfalls 
hierfür keinen Beweis. Die Sache liegt tatsächlich vielmehr wohl 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



302 


Prof. Dr. K. Bonhoeffer. 



Digitized by 


so, daß eine gewisse allgemeine Herabsetzung der psychischen 
Widerstandsfähigkeit vererbt wird. Dazu kommt das Auf wachsen 
in der Umgebung des Trinkerhaushalts, der meist schon frühzeitig 
das Eind den Schädigungen des Alkohols aussetzt Es bedarf also 
nicht der unwahrscheinlichen Annahme der direkten Trunksuchts¬ 
vererbung. 

Ganz ebenso wie die Trunksucht finden wir auch die Krimi¬ 
nalität und die Prostitution bei der Descendenz der Trinker. Die 
Ursachen liegen hier ebenso. 

Bei 190 Prostituierten meiner Untersuchungsreihe fand sich 
95mal Trunksucht eines der Eltern. In ähnlicher Weise ergab sich 
bei den Bettlern und V agabunden bei Untersuchung der Hereditäts¬ 
verhältnisse, daß unter 100 hereditär belasteten 79 es durch Alko¬ 
holismus waren. 

Es ergibt sich aus dem Gesagten eine sozial höchst bedeutsame 
Wechselwirkung einerseits von psychopathischer Anlage zum Alko¬ 
holismus und des Alkoholismus zur Bildung von psychopathischer 
Anlage. Innerhalb weniger Generationen kann es so zu einer star¬ 
ken Summation degenerativer Momente kommen. 

Daß dies nicht immer der Pall ist, liegt an gewissen aus¬ 
gleichenden Momenten. Wie wir keimverderbende, zur Entartung 
führende Einflüsse kennen gelernt haben, so sehen wir auch die 
Regeneration, die Aufbesserung des Blutes von größter Bedeutung. 
Offenbar ist das Hinzutreten gesunden Blutes zu dem geschädigten 
im stände, die EJntartungseinflüsse aufzuheben oder wenigstens zu 
mildem. Ich möchte sie auf den folgenden Stammbaumauszug hin- 
weisen. 

Sie sehen darin zwei Brüder A. X. und B. X. Sie sind von 
der Mutter her, deren Vater ein Sonderling und Künstler, deren 
Bruder Alkoholist war, belastet. Beide haben auch selbst psycho¬ 
pathische Merkmale. A. X. ist alkoholintolerant, hatte leichte An¬ 
zeichen des chronischen Alkoholismus, hat einmal anschließend an 
eine akute Infektionskrankheit eine typische Manie durchgemacht. 
B. X., sehr begabt, geht an schwerem Alkoholismus zu Grunde. 
A. X. hat eine psychisch gesunde Frau, B. X. ist mit einer schwer 
belasteten manisch-depressiven Frau verheiratet. 

Die Descendenz zeigt nun auf der Seite B. X. ausgesprochene 
Entartungserscheinungen, bei A. X. hingegen tritt eine ausgesprochen 
regenerative Tendenz hervor. Kinder und Kindeskinder sind geistig 
gesund. Dieses regenerative Moment sehen wir vielfach beim Alko- 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Großvater Großvater, 


Chronischer Alkoholismus und Vererbung. 


303 



Digitized by Gck igle 


Original from 

CORMELL UNIVERSITY 



304 


Prof. Dr. K. Bonhoeffer. 


holismus wirksam. Es ist hierbei unzweifelhaft von hoher Bedeu¬ 
tung, daß dem Alkoholismus des Mannes die Alkoholenthaltung der 
Frau im allgemeinen als Corrigens gegenübersteht Die schwere 
Verheerung, die der Alkoholismus beider Eltern auf die Descendenz 
ausübt, hat Demme an seinen Trinkerfamilien gezeigt 

Es mag hier noch der Anschauung gedacht werden, daß der 
Alkoholismus als rasseverbessemdes Element insofern zu betrachten 
sei, als er sich der für die Rassenentwicklung ungeeigneten Elemente 
bemächtige und sie im Verlaufe der Generation zum Aussterben 
bringe. 

Für gewisse Individuen scheint hierin etwas Richtiges zu liegen. 
Gerade bei meinen Vagabundenuntersuchungen ist es mir entgegen¬ 
getreten, daß hier ein energischer Ausleseprozeß stattfindet, der 
der Vermehrung dieser antisozialen Bevölkerungsschicht entgegen¬ 
arbeitet Man findet bei diesen Individuen unter deutlicher Mit¬ 
wirkung des Alkoholismus kurze Lebensdauer, frühzeitiges Altem, ge¬ 
ringe Fruchtbarkeit der geschlossenen Ehen, körperliche und psychische 
Schwäche der lebenden Kinder, also eine ausgesprochene Aussterbe¬ 
tendenz. Es wäre unrichtig, diesen Ausleseprozeß einseitig als Folge 
des Alkoholismus aufzufassen. Es ist klar, daß bei dieser Bevölkerungs¬ 
gruppe alle möglichen äußeren und inneren Faktoren Zusammenwirken. 
Der Alkohol ist kein ausreichendes Auslesemittel im Sinne der 
Rassenhygiene. Das ergibt sich schon daraus, wie Grotjahn mit 
Recht sagt, daß er seine Hauptschädigung meist erst im vierten und 
fünften Lebensdecennium zeigt, also zu einer Zeit, in welcher die 
Nachkommenschaft zumeist schon erzeugt ist Die Sache liegt ja 
auch keineswegs so, daß der Gesunde und Lebenskräftige durch den 
Mißbrauch nicht auch geschädigt wird. 

Wir kommen damit zum Schluß auf die wichtige Frage, ob 
auch die mittleren Trinkgewohnheiten schon einen ungünstigen Ein¬ 
fluß auf die Keimqualität haben. 

Man pflegt hiergegen meist die Erfahrung, die ich in andern 
Zusammenhang schon erwähnt habe, anzuführen, nämlich, daß in 
Deutschland, wo seit vielen Jahrhunderten ausgesprochene Trink¬ 
gewohnheiten bestehen, keine stärkere Neigung zu körperlicher und 
geistiger Entartung sich findet als anderwärts. Das hat gewiß 
seine Richtigkeit. Aber es muß doch darauf hingewiesen werden, 
daß unsere jetzigen Lebensverhältnisse nicht ohne weiteres mit 
früheren Jahrhunderten in dieser Frage verglichen werden können. 
Die Tatsache, daß jetzt im allgemeinen mit stärkerer Anspannung 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Chronischer Alkoholismus und Vererbung. 


3Q5 


und stärkerem Nervenverbrauch gearbeitet wird, daß besonders in 
unsem modernen Industriezentren und Großstädten die Lebensbe¬ 
dingungen mehr und mehr von der Natur sich entfernen, kann 
nicht bestritten werden. Wir wissen aber auch unzweifelhaft, daß 
Gifte, vor allem Nervengifte, stärker und schädlicher wirken, sobald 
sie ein funktionell angestrengtes oder gar überanstrengtes Organ¬ 
system treffen. Es ist deshalb wohl denkbar und nicht unwahr¬ 
scheinlich, daß dieselben Alkoholmengen, die unter früheren Lebens¬ 
bedingungen ganz unbedenklich waren, bei den veränderten Ver¬ 
hältnissen des modernen Lebens, namentlich in Verbindung mit 
einseitigen Emährungsverhältnissen, für den Organismus nicht mehr 
gleichgültig sind, sondern eine Schädigung auch der Keimqualität 
mit sich bringen. Man wird in dieser Frage keine exakte wissen¬ 
schaftliche Lösung erwarten dürfen, aber es ist doch im Interesse 
der richtigen Bewertung der ganzen Alkoholfrage wichtig, darauf 
binzuwei8en, daß die Toleranz des Nervensystems gegen Alkoholika 
unter diesen veränderten Bedingungen überhaupt eine andere ge¬ 
worden sein kann, daß es darum nicht ohne weiteres erlaubt ist, 
die Erfahrungen der Jahrhunderte auf die Jetztzeit zu übertragen. 



Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNfVERSSTV 



306 


II Referate. 

Feurstem, Heinrich. Lohn und Haushalt der Uhrenfabrikarbeiter des badischen 

Schwarzwalds. Eine sozialökonomische Untersuchung. Earlsruhe, 0. Braun. 1905. 

(Volkswirtschaft!. Abhandlungen' der badischen Hochschulen, VII, 4.) 

Die Beteiligung der Nationalökonomen an unseren Bestrebungen ist dringend 
erwünscht; auch auf den vielen Kongressen der Sozialpolitiker ist die Alkohol¬ 
frage kaum berührt worden; wie mannigfache Probleme der Volkswirtschaft in 
ihr verborgen sind, das zu erörtern, bedarf hier keines Wortes. Die obige Unter¬ 
suchung ist gerade durch zwei hervorragende Vertreter der Sozialreform, durch 
unsern vortrefflichen Mitarbeiter, Baurat Dr. Fuchs-Karlsruhe, in Verbindung 
mit Prof. von Schulze-Gaevernitz angeregt worden. Ihr Wert für uns liegt in 
dem Nachweis eines Parallelismus zwischen Zuoker- und Alkoholkonsum der Uhren¬ 
fabrikarbeiter des Schwarzwaldes, wie ihn Referent auch für die amerikanischen 
Lohnarbeiter als wahrscheinlich angenommen hat. In dem Maße, als der Zucker 
im Haushalt dieser Arbeiter vordringt, weicht der Alkohol zurück; die im Original 
angeführten Zahlen sprechen für eine’Vertretbarkeit des Alkohols als Genuß- 
mittel durch den Zucker. Nur in der Begründung dieser Tatsache weiche ich 
von F., der sich auf Bunge stützt, ab. Nicht die konträren Geschmacksemp¬ 
findungen von Zucker und Alkohol bedingen diese Vertretbarkeit, sondern die ge¬ 
meinsame Affinität zu den nervösen Endorganen. Dieselbe Äthylgruppe, welche 
im Alkohol das Nervensystem beeinflußt, den Reizhunger sättigt, wirkt in den 
die Nerven beruhigenden, künstlichen Süßstoffen wie Dulcin, Saccharin, sie wirkt 
auch in dem die Sensibilität ganz aufhebenden Kokain. Ich halte auch die von 
Bunge als schädlich erörterte Möglichkeit, daß der reichliche Genuß des Zuckers» 
weil er frei von Mineralstoffen sei, die Zellenneubildung ungünstig beeinflussen 
könnte, für eine übertriebene Warnung. Dazu kommt, daß die rasche Resorbier¬ 
barkeit des Zuckers, seine Fähigkeit, mächtige Energie dem Körper zuzufügen, 
ohne daß seinem Genuß Ermüdung nachfolgt, ihn dem Alkohol überwertig macht. 
Zu den volkswirtschaftlich und emährungs-physiologisch bedeutsamsten Forderungen 
im Kampfe gegen den Alkoholismus zähle ich darum die Notwendigkeit, den Zucker¬ 
konsum zu heben, den Kartoffelbau (selbst unter Darbietung von staatlichen 
Prämien) durch den Anbau der Zuckerrübe zu verdrängen, den Zuckerpreis zu 
verbilligen, wie dies auch Stutzer in „Zuckerund Alkohol“ Berlin 1903 forderte. 
Man verfüttere die Kartoffeln, welche durch eine ganz neue Technik 
billig pulverisiert und konserviert werden können, an die Schweine, 
beleuchte Straßen und Wohnungen mit Spiritus, heize mit ihm Mo¬ 
toren, verteure bezw. monopolisiere den Trinkbranntwein, indem 
man die Zentrale für Spritus-Verwertung verstaatliche, man sperre 
die Grenzen für Spiritusimport — und die Branntweinpest wird auf¬ 
hören; die Entlastung der öffentlichen Kassen von den Summen, mit denen sie 
der Alkohol belastet, die Verbilligung des Fleisches (Schweinemast!) werden die 
mittelbaren Folgen obiger Maßregeln bilden. 

Aus ähnlichen physiologischen Gründen trete ich auch für die Verdrängung 
des Kaffeegenusses durch den von Tee ein; der an sich viel billigere, rascherund 
bequemer herstellbare und dem Körper unschädlichere Tee kann eine stärkere 
Versüßung vertragen als der Kaffee; Tee kann in seiner Qualität niemals auf die 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


307 


niedrige Stufe des „Blümchenkaffee“ herabsinken; Teegenuß erlaubt und fordert 
auch in ganz anderem Maße als der magenfüllende und pseudosättigende Kaffee den 
Genuß und die Beigabe von Fetten, Speck, von Marmeladen, welche auf keinem 
Frühstückstisch des englischen oder des amerikanischen Arbeiters fehlen. 

Aus diesemGrunde halte ich auch dasExperimentder Hamburg-Amerika- 
Linie, welche durch Einschiebung eines niedrigeren Preises für Tee (mit Milch 
und Zucker % Liter für 2 Pf. an Stelle von 3 Pf. für entsprechenden Kaffee) 
den Teekonsum unter ihren alkoholgefährdeten Hafenarbeitern förderte, für so 
wichtig und für so vorbildlich (vergl. „Aus Natur und Geisteswelt“, „Der Alkoholis¬ 
mus“ Bd. III, S. 50; mein Ostervortrag 1906, B. G. Teubner 1907; erscheint 
demnächst). B. Laquer. 

Baer and Laquer, Die TrunkMekt und Ihre Abwehr. 2. umgearbeitete Auflage. 

Berlin und Wien. Urban & Schwarzenberg. 6 Mk. 242 Seiten. 

Die von Baer im Jahre 1890 in erster Auflage herausgegebene „Trunk¬ 
sucht und ihre Abwehr“ war seit mehreren Jahren vergriffen. Der verdiente 
Nestor der wissenschaftlichen Antialkoholbewegung hat sich zur Bemeisterung 
des ins Ungeheure gewachsenen Materials in Laquer einen Mitarbeiter gewählt, 
welcher durch seine ausgedehnten und eindringenden Forschungen auf dem 
Gebiete der Alkoholfrage rühmlich bekannt ist. 

Der Stoff ist in drei Abteilungen gegliedert: 

1. Die physiologischen und pathologischen Wirkungen des Alkohols. 

2. Die Trunksucht und ihre Folgen. 

8. Die Abwehr der Trunksucht 

Die Verfasser sind bestrebt gewesen, nur begründete Tatsachen beizubringen 
und den Leser selbst die Folgerungen ziehen zu lassen. Ausführlich äußern sie 
sich über die vielumstrittene Frage, ob der Alkohol schon in kleinen Mengen ein 
Gift sei, indem sie das Wesentliche ihrer Ansicht und damit gleichzeitig den von 
ihnen vertretenen Mäßigkeitsstandpunkt so formulieren: „Der Alkohol ist für den 
Menschen sicher kein Nahrungsmittel, aber auch kein Gift im strengen Sinne des 
Wortes. Er ist keines von beiden, weder ein Nahrungsmittel noch ein Gift; er soll 
einzig und allein ein Genuß- und Erfrischungsmittel sein. Und das scheint 
uns die wirkliche Stellung des Alkohols im Haushalte der Natur und des Menschen.“ 

Beim Durchlesen des Buches wird sich, wie ich glaube, niemand dem Ein¬ 
druck verschließen: Die Alkoholfrage ist so außerordentlich kompliziert, daß die 
einfache Lösung auf dem Wege der Durchführung der allgemeinen Totalabstinenz 
aussichtslos erscheint. P. S. 

Myrdaez. Die Alkoholfrage in der Armee. Der Militärarzt. 1905. Nr. 21. 

In der ungarischen Armee wird der Soldat noch gewissermaßen offiziell 
zum Genüsse geistiger Getränke veranlaßt. Rum und Branntwein bilden einen 
Bestandteil der Kriegsverpflegungsportion. Wein, Rum und Branntwein figurieren 
unter den Sanitätszulagen. Wein und Bier gelten in den Militärspitalem als 
Kräftigungsmittel für Rekonvaleszenten nach schweren Krankheiten. 

Für das weibliche Küchenpersonal sind ganz ansehnliche Quantitäten Bier 
als Gebühr festgesetzt. 

Bei der normal drei Jahre dienenden Mannschaft treten — von akuten 
Rauschzuständen abgesehen — Folgen des Alkoholkonsums selten zu Tage. Der 
Grund hierfür ist nach dem Verfasser in der langsamen Kumulierung der Alkohol- 


Di gitizetl by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



308 


Referate. 


schaden zu suchen. Drei Jahre bieten dem Alkohol nicht den genügenden Spiel¬ 
raum zur Entfaltung seiner Kumulations Wirkung (?). Bei länger dienenden 
Militärpersonen lassen sich die Wirkungen fortgesetzten Alkoholgenusses je* nach 
der Menge unschwer konstatieren. Systematische Beobachtungen hierüber liegen 
jedoch nicht vor. Die Inangriffnahme solcher Beobachtungen wäre der erste 
Schritt, um den Alkoholismus in der Armee zu bekämpfen. Die konzentrierten 
Alcoholica wären überhaupt zu eliminieren, das Halten von Schnaps in den 
Kantinen zu untersagen. Die Ordination von Kognak als analepticum in den 
Militär8pitälem müßte aufhören. Die Militärärzte müßten die Mannschaften über 
die Wirkung des Alkoholgenusses methodisch aufklären. P> S. 

Der Alkoholismus, seine Wirkungen und seine Bekämpfung. Herausgegeben 
vom Zentralverbande zur Bekämpfung des Alkoholismus. Aus Natur und Geistes¬ 
welt. 103. u. 104. Bändchen, je 1 Mk., geschmackvoll gebunden 1,25 Mk. 

Die beiden Bändchen bringen eine Zusammenstellung von Vorträgen, welche 
in den wissenschaftlichep Kursen zum Studium des Alkoholismus gehalten wor¬ 
den sind. 

Der Inhalt von Band I ist: 

1. Der Alkohol und das Kind. Von Prof. Dr. phil. et med. Wilhelm 
Weygandt. 

2. Die Aufgaben der Schule im Kampf gegen den Alkoholismus. Von Prof. 
Martin Hartmann. 

3. Der Alkoholismus und der Arbeiterstand. Von Dr. Georg Kef erst ein. 

4. Alkoholismus und Armenpflege. Von Stadtrat Emil Münsterberg. 

Bd. II enthält: 

1. Die wissenschaftlichen Kurse zum Studium des Alkoholismus. Von 
Dr. jur. von Strauß und Torney. 

2. Einleitung. Von Prof. Dr. Max Rubner. 

8. Alkoholismus und Nervosität. Von Prof. Dr. Max Laehr. 

4. Alkohol und Geisteskrankheiten. Von Dr. Otto Juliusburger. 

5. Alkoholismus und Prostitution. Von Dr. 0. Rosenthal. 

6. Alkohol und Verkehrswesen. Von Eisenbahndirektor de Terra. P. 8. 

Steinhausen. Die Mitarbeit der Frau im Kampf gegen den Alkoholmibbrauch. Berlin, 
Mäßigkeits-Verlag. 1906. 0,20 Mk. 

Die Verfasserin gibt eine lesenswerte Zusammenstellung der Tatsachen über , 
den Alkohol und der Mittel zu ihrer Bekämpfung. P. S. 

Hirschfeld. Der Einflub des Alkohols auf das Geschlechtsleben. Berlin, deutscher 
Arbeiter- Abstinentenbund. 

Verfasser stellt in gedrängter Kürze die Beziehungen des Alkohols zum 
Geschlechtsverkehr und zu den Geschlechtskrankheiten zusammen. P. S. 

Petersen. Die Irreführung des deutschen Volkes durch die Presse. Kiel, Verlag, 
des deutschen Vereins abstinenter Lehrer. 1906. 

Verfasser verbreitet sich über die folgenden von der alkoholfreundlichen 
Presse mit Vorliebe unrichtig behandelten Themata. 1. Der bekannte alte Mann. 
2. Die heuchlerischen Amerikaner. 8. Der biedere Wirt. 4. Die niederschmetternde 
Statistik. 5. Die sogenannte Wissenschaft. P. S. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Referate. 


309 


ßachmann. Der Nutzen und Schaden des Rauchens und Trinkens. Schweidnitz 1906. 

Verfasser betrachtet die Genußgifte, vor allem den Tabakgenuß, vom Ge¬ 
sichtspunkte des Occultismus. Ich vermag ihm auf seinem hohen Gedankenfluge 
nicht zu folgen. P. S. 

Hähnel. Der Sieg mu& uns doch bleiben. Ein Gedenkblatt zu William Lloyd 
Garrisons hundertstem Geburtstage. Flensburg 1906. 0,50 Mk. 

William Lloyd Garrison, geboren am 10. Dezember 1805 als armer ameri¬ 
kanischer Setzer, predigte den Vereinigten Staaten von Nordamerika das Evan¬ 
gelium der Sklavenbefreiung. Sein Lebenslauf, von Franziskus Hähnel mit 
Begeisterung geschrieben und allen deutschen Abstinenten gewidmet, erscheint 
geeignet den Glauben an“ den endlichen Sieg eines mit Begeisterung verfolgten hohen 
Zieles in mutlosen Herzen neu zu wecken und zu stärken. P. S. 


Wider den Trunk. Serie I. 250 Seiten Traktate. Preis 0,20 Mk. Druck und 
Verlag: G. Ihloff & Co., Neumiinster. 

Unter den kurzen hier zusammengestellten antialkoholischen Geschichtchen 
haben mir drei besonders zugesagt: „Was kostet’s?“ „Was wählst du?“ und 
„Praktische Beweisführung“. __ P. S. 

Hoppe. Die forensische Beurteilung und Behandlung der von Trunkenen und Trinkern 
begangenen Delikte. Centralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie. 15. Jan. 
1906. (Referat in Ärztl. Sachverständ.-Ztg. Nr. 7.) 

Wer sich absichtlich betrinkt, um ein vorher geplantes Verbrechen zu be¬ 
gehen, verdient natürlich Strafe. Bei unseren heutigen Trinksitten kann man 
nicht mehr die selbstverschuldete Trunkenheit von der zufälligen unterscheiden. 
Ob der Trunkene im Rausche die Direktion behält und vor Konflikten bewahrt 
bleibt, hängt oft mehr vom Zufall ab. 

Der Rausch ist eine ganz akute Geistesstörung. Er fällt nach Hoppe unter 
§ 51 (Straffreiheit wegen Bewußtlosigkeit oder krankhafter Störung der Geistes¬ 
tätigkeit). Würde ein dem Rausch ähnlicher Zustand durch ein anderes Gift als gerade 
den Alkohol erzeugt sein, so würde der Sachverständige mit seinem Urteile nicht 
zurückhalten und der Richter dieses nicht nur fordern, sondern ihm auch folgen. 

Der jetzige Zustand ist nicht haltbar. Hat die Trunkenheit bestimmend auf 
das Handeln des Täters eingewirkt, hätte dieser im nüchternen Zustande die Tat 
nicht begangen, so muß Freisprechung erfolgen auf Grund des § 51. Die Frei¬ 
sprechung erfolgt unter der Voraussetzung einer einzuhaltenden Abstinenz. 
Bei wiederholten Straftaten soll die zwangsweise Unterbringung in einer Trinker¬ 
heilanstalt zulässig sein. Immer soll der verursachte Schaden ersetzt werden. 
Eine Bestrafung der Trunkenheit an und für sich ist unzweckmäßig. Zwecklos 
ist auch eine Bestrafung der Gewohnheitstrinker. Diese sind in einem Trinkerasyl 
unterzubringen, eventuell dauernd, falls sie unheilbar sind. 

Der Herausgeber des „Centralblattes“, Gaupp, nimmt in der nächsten Nummer 
der Zeitschrift hierzu Stellung. Klinisch ist er einer Meinung mit Hoppe; aber 
er betont scharf, daß der § 51 auf den gewöhnlichen Rausch nicht anwendbar sei, da 
dies nicht dem Willen und der Meinung der gesetzgebenden Faktoren entspreche. 

Also nach der rein praktischen Seite ist der Vorschlag Hoppes undurch¬ 
führbar und nur geeignet, das Ansehen der ärztlichen Sachverständigen der Ge¬ 
richte zu schmalem. P. S. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



310 


Referate. 


Julinsbnrger. Zur Behandlung alkoholischer Delikte. Psychiatrisch-neurologische 
Wochenschrift 1906, Nr. 2. 

Juliusburger will das Prinzip der Trinkerrettungsvereine in die Straf¬ 
anstalt verpflanzen. In den Strafanstalten sollen die Häftlinge, die der Alkohol 
hineingeführt hat, recht gründlich über die Bedeutung des Alkoholgenusses auf¬ 
geklärt werden. Diese Idee scheint mir von großer praktischer Wichtigkeit zu 
sein. Die Häftlinge sind im allgemeinen ein geeignetes Objekt für wohlwollenden 
belehrenden Zuspruch. Überall da, wo ein kleinster Keim edler Regungen im 
Verbrecherherzen schlummert, wirken Sorgen und Leid an sich günstig, sofern 
böse Freunde und schlechte Nachbarn diese Wirkung nicht paralysieren. Absti¬ 
nenten Ärzten und Lehrern dürfte sich in der Behandlung und Erziehung der 
Häftlinge eine dankbare Aufgabe bieten. P. S. 


Kraepelin. Der Alkoholiemus in München. Münchener medizinische Wochen¬ 
schrift. 1906. Nr. 16. 

Kraepelin gibt einen Überblick über die Alkoholkranken, die im Jahre 1905 
in die psychiatrische Klinik in München aufgenommen wurden. Sie betrugen 
80,8 °/ 0 der männlichen, 5,6 % der weiblichen Patienten bei einer Gesamtaufnahme 
von 1873. 47 Männer wurden wegen akuten Rausches aufgenommen, ohne an 
chronischer Alkoholvergiftung zu leiden. Bei 124 Männern und 19 Frauen stellte 
der augenblickliche Rauschzustand nur die Teilerscheinung eines mehr oder weniger 
intensiven Alkoholsiechtums dar. 82 Männer, 12 Frauen kamen wegen chronischer 
alkoholischer Geistesstörung in die Klinik, darunter waren 26 Fälle von Delirium 
tremens, 5 Alkoholparanoia, 12 Korsakowsche Psychose, 1 Dipsomanie. Von den 
weiblichen Alkoholisten gelangten 24 %, von den männlichen nur 7,1 % wieder¬ 
holt zur Aufnahme. Unter den einfach Berauschten hatten 82,6 % das 40. Le¬ 
bensjahr noch nicht überschritten, beim chronischen Alkoholismus waren nur 
noch 53,9, bei Delirium tremens und Alkoholparanoia 54,8% unter 40 Jahren, 
bei der Korsakowschen Psychose gar nur 8,8%. Von den Berufen stellen die 
Arbeiter, Tagelöhner und die Nichtstuer ca. i / 4 der Alkoholisten in München. 
Bei zwei Dritteln dieser Kategorie ist der Alkohol als die wesentlichste Ursache 
der wirtschaftlichen Unfruchtbarkeit anzusehen. Beim weiblichen Geschlecht 
treten die ehemaligen Kellnerinnen und Dienstmädchen in Wirtschaften besonders 
hervor; außerdem bestehen unverkennbar Beziehungen zur Prostitution. 

Die Hauptrolle spielt beim Alkoholismus in München das Bier, daneben 
wurde in 40 % der Fälle Schnaps getrunken. Die Bierwirkung macht sich weniger 
in den eigentlichen Geistesstörungen als in einer allgemeinen Vertrottelung geltend. 
Bei 20,6 % der Männer wurden Anfälle beobachtet, die meist als epileptische, 
bisweilen aber auch als hysterische aufgefaßt werden mußten. 

Die Ergebnisse über die Nachkommenschaft aus Trinkerfamilien stimmen im 
wesentlichen mit denen Demmes überein. 

Außer den eigentlichen alkoholischen Geistesstörungen war noch bei 311 
Geisteskranken eine chronische, bei 22 eine akute Störung durch den Alkohol zu 
verzeichnen. Im ganzen kam also bei 44,9 % aller Geisteskranken die Alkohol¬ 
vergiftung in Betracht. Bei Epilepsie und Paralyse spielt der Alkohol eine be¬ 
sonders verderbliche Rolle. Nach Kraepelin kann durch dauernde Enthaltung' 
vom Alkohol ein Drittel der Erkrankungen an Paralyse vermieden werden. Beim 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


311 


manisch-depressiven Irresein tritt die krankmachende Bedeutung des Alkohols mehr 
zurück. 

Für die Bekämpfung des Alkoholismus sind Enthaltsamkeitsvereine und 
Trinkerheilstätten von besonderer Wichtigkeit. Ferner hält Kraepelin es für 
die Pflicht der Ärzte, den Alkohol als Genußmittel aus den Heilanstalten aller 
Art zu entfernen. P. S. 

Bieling. Der Alkohol und der Älkoholiemus. Der Arzt als Erzieher, Heft 23. 

Verlag der ärztlichen Rundschau (Otto Gmelin), München 1906. Preis Mk. 1,40. 

84 Seiten. 

„Der Arzt als Erzieher“ muß seine Aufgabe häufig in der Bekämpfung alter 
und wohlgehüteter Vorurteile sehen. Oft genug üben diese Vorurteile einen un¬ 
heilvollen Einfluß auf die Gesundheit der Rasse. 

„Ein solches Vorurteil besteht auch noch heute in den weitesten Kreisen 
des Volkes dem Alkohol gegenüber: er wird als ein Freund der Menschheit an¬ 
gesehen und schlägt von Tag zu Tag mehr die Kulturwelt in seinen Bann, so 
sehr, daß das Leben der meisten Menschen sich in einem Rahmen gleichsam ab¬ 
spielt, der aus Weinlaub, Hopfenranken, Gerstenähren und Kartoffelknollen kunst¬ 
voll gewunden ist.“ 

Neue Ideen erregen gewöhnlich unwillkürlich ein Gefühl des Widerspruchs. 
„Es bedarf einer gewissen Selbstüberwindung, um dessenungeachtet an eine un¬ 
befangene Prüfung heranzutreten.“ Trotz dieser Versicherung ist der unbefangene 
Standpunkt von dem Verfasser, der im wesentlichen die Ansichten von Bunge, 
Forel, Helenius, Delbrück wiedergibt, an einigen Stellen verlassen worden. 
Auch auf dem antialkoholischen Gebiet erlangen die Behauptungen von „Autori¬ 
täten“ selbst duroh die häufigste Wiederholung noch keine Beweiskraft. Die 
Resorption des Alkohols aus dem Magen geht keineswegs mit ungeheurer Schnellig¬ 
keit vor sich, wie Bieling auf Seite 12 sagt, sondern, wie Professor von Grützner 
erst in Heft 2 dieser Zeitschrift wieder ausführte, im allgemeinen langsam. 

Die Deutung aller Gehimwirkungen des Alkohols als Lähmungserscheinungen, 
wie sie nach dem Vorgänge von Bunge auch von Bieling beliebt wird (S. 20), 
erscheint mir nicht plausibel. Die Beseitigung einer Hemmung, das Freimachen 
einer gesperrten Bahn kann man doch nicht als Lähmung bezeichnen. Lähmung 
im physiologischen Sinne ist gewissermaßen der Komparativ von Hemmung; das 
Beseitigen einer Hemmung (man vergleiche die trübe, „gehemmte“ Stimmung mit 
dem tatkräftigen Wesen des „Aufgeräumten“) pflegt man sonst nicht als „Läh¬ 
mung“ zu bezeichnen. Wenn gewisse Vorstellungen und Gehirnfunktionen durch 
den Alkohol so verstärkt werden, daß sie über andere den Sieg davontragen, so 
mag Bieling diesen Sieg des Stärkeren eine „Lähmung“ des Schwächeren nennen. 
Bewiesen ist diese Lähmung jedenfalls nicht. Bei den Handlungen eines Jäh¬ 
zornigen, welche sich mit denen eines Alkoholdeliranten wohl vergleichen lassen, 
wird niemand von einer „Lähmung“ des klaren Urteils sprechen. Der nüchterne 
wissenschaftliche Denker wird, wenn es sich um die Alkoholfrage handelt, von 
subjektiven moralischen Wortsetzungen häufig zu schiefen Urteilen verleitet. 
Schon der oft zitierte Vergleich, daß der Alkohol auf den Ermüdeten wirkt wie 
der Peitschenhieb auf das Pferd, paßt schlecht zu der „lähmenden“ Wirkung. 
Bei dieser Gelegenheit mag gleich bemerkt sein, daß auch der von Bieling auf 
Seite 39 gezogene Vergleich zwischen einer arteriosklerotischen Gefäßwand und 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



312 


Referate. 


einem durch Liegen hart und brüchig gewordenen Gummischlauch hinkt. Die 
Konsistenzveränderung läßt sich vergleichen, aber das Liegen (der Nichtgebrauch) 
und die arteriosklerotische Gefäßveränderang sollten nicht zusammengestellt werden. 

Besonders unzutreffend ist der Vergleich der Alkohol- und der Bleivergiftung 
(S. 32). 

Der Alkohol geht nicht gleich dem Blei in unzersetzter Form Verbindungen 
mit den Gewebsbestandteilen des Körpers ein. Die Summierung der Wirkung 
kleinster Mengen besteht keinesfalls in gleicher Weise für beide Gifte. Ein 
Metallisches Gift wie Blei oder Quecksilber läßt sich mit einem organischen Gifte 
wie Alkohol oder Strychnin in seinen Wirkungen nicht vergleichen. 

„Niemand wird unmäßig, der nicht früher mäßig gewesen wäre“, sagt, wie 
so viele Abstinente, auch Bieling (S. 55}. Wer ein starkes Triebleben besitzt, 
sei dieses auf geschlechtlichem oder rein vegetativem Gebiete besonders aus¬ 
gebildet, ist von Natur unmäßig und braucht nicht erst die Vorschule der Mäßig¬ 
keit zu durchlaufen. Wer die Anlage zum Riesenwuchs mit auf die Welt bringt, 
den wird kein Theoretiker zum Zwerge verkümmern. Deswegen hängt der Be¬ 
griff der Mäßigkeit nicht in der Luft. 

Was Bieling in dem sehr lesenswerten Kapitel „Der Arzt und der Alkohol“ 
sagt, namentlich über diejenigen Heilanstalten, welche nichts weiter darstellen als 
Hotels ersten Ranges mit ärztlicher Bedienung, unterschreibe ich gern. Besonders 
habe ich mich aber über sein Zugeständnis gefreut, daß die Abstinenz gewiß nicht 
die Vorbedingung ist für eine Aufwärtsentwicklung der Menschheit zu höheren 
Zielen. P. S. 


Ferstl. Die Alkoholfrage der Gegenwart. Sechs Vorträge. Mit kirchlicher Druck¬ 
genehmigung. Regensburg 1906. IV u. 96 S. Preis broschiert 1,20 Mk. 

Die vorliegenden Vorträge waren ursprünglich als Fastenpredigten gedacht. 
Bei der weiteren Ausarbeitung ist indessen manches mit eingeflossen, was sich 
für die Kanzel nicht wohl eignet. Deshalb ist der Titel „Fastenpredigten“ auf¬ 
gegeben worden. 

Verfasser behandelt vom Standpunkte des katholischen Pfarrers die folgenden 
sechs Themata. I. Wesen und Wert der geistigen Getränke, n. Die katholische 
Lehre über den Gebrauch der geistigen Getränke. III. Pflichtmäßige Enthaltsam¬ 
keit. IV. Die Unmäßigkeit in ihren Folgen für den Trinker. V. Die Unmäßig¬ 
keit in ihren Folgen für die Nebenmenschen. VI. Der Kampf gegen die Un¬ 
mäßigkeit. 

Durch die Vorträge weht der milde Geist einer reichen Erfahrung auf dem 
Gebiete der Seelenkunde. So manche Tatsachen über den Alkohol, in den Licht¬ 
kreis eines historisch und theologisch wohl geschulten Verstandes gerückt, er¬ 
wecken in der neuen Beleuchtung lebhaftes Interesse. In vielen Beziehungen 
kann die Arbeit Pfarrer Ferstls für eine populäre Darstellung der Alkoholfrage 
als mustergültig bezeichnet werden. P. S. 

Masaryk. Ethik und Alkoholismus. Vortrag, gehalten auf der Jahresversammlung 
von Deutschlands Großloge H des Guttemplerordens. Flensburg 1906. Preis 0,25 Mk. 

Verfasser sieht in der Bekämpfung des Alkoholismus die Bekämpfung des 
ethischen und darum auch sozialen Indifferentismus, dem er entspringt und den 
er zugleich stärkt und verbreitet. Der Arzt, Lehrer oder Erzieher, welcher das 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


313 


Trinken duldet oder sogar anrät, begeht ein Verbrechen. Um neues, höheres 
Leben, neue Lebensideale zu schaffen, ist neben einer wahrhaft fortschrittlichen 
Ethik auch die Abstinenz vom Alkohol erforderlich. P. S. 


Gräber. Hygiene des Ich. Vortrag, gehalten in der Eröffnungssitzung des X. inter¬ 
nationalen Kongresses gegen den Alkoholismus in Budapest. Mäßigkeits -Verlag. 
Berlin. 1906. 

Die Bahn des geistigen Fortschritts ist eine Zickzacklinie. Über die Art 
des Wesens und der Erzeugung eines brauchbaren Ichs haben verschiedene Gene¬ 
rationen verschieden gedacht. Die der unsrigen vorhergehende Generation glaubte 
nützliche Ichs auf rein geistigem Wegö beliebig erzeugen zu können. Die Mo¬ 
dernsten schwören wieder auf die Physis. Aber schließlich gibt das gesundeste 
Hirn noch kein brauchbares Ich, wenn die Erfahrungen des Lebens ihm nicht zu 
einer großen Harmonie verhelfen. Eins der schlimmsten Hindernisse für die Er¬ 
reichung dieser „Größe bei Harmonie“ ist der Alkohol. P. S. 


Hähnel. Die Notwendigkeit der Unterstützung des Kampfes gegen den Alkoholismus 
durch die Erziehung in Schule und Haus. Vortrag, gehalten auf dem X. inter¬ 
nationalen Kongress gegen den Alkoholismus in Budapest. Jena, Gustav Fischer, 
1906. 

Verfasser hat den Lebensgang seiner früheren Schüler, als er noch Lehrer 
an einer größeren Privatrealschule Bremens war, verfolgt. Er unterscheidet zwei 
Gruppen, je nachdem der Alkohol und die Trinkanschauungen der Eltern und Er¬ 
zieher in den Lebensgang hindernd und ungünstig eingegriffen haben oder nicht. 
Er führt besonders aus der ersten Gruppe recht markante Bilder vor. P. S. 


Weigl. Jugenderziehung und Genubgifte. Pädagogische Zeitfragen. Heft 8. München. 
J. J. Leutnersche Buchhandlung. 1905. 0,40 Mk. 

Offenbar machen sich auch in unserem Volke Entartungserscheinungen 
bemerkbar. Was dem modernen Kulturmenschen besonders nottut, ist das Auf¬ 
geben gesundheitsschädlicher Gewohnheiten. Dahin gehört namentlich der ge¬ 
wohnheitsmäßige Genuß der körperlichen Genußgifte: Alkohol, Kaffee, Tabak. 
Sie schaffen nur Scheinwohltaten und führen zu dauernden schweren Schädigungen. 
Die Jugend muß allen drei Genußgiften gegenüber vollständige Abstinenz be¬ 
wahren. P. S. 


Holitseher. Die Abstinenz als Forderung des Sittengesetzes. Vortrag, gehalten in 
der Studentenversammlung des X. internationalen Kongresses gegen den Alko¬ 
holismus. Reichenberg 1906. 

Holitseher erklärt die Behauptung, daß jeder Tropfen Alkohol schädlich 
oder gar gefährlich sei, für töricht, unbewiesen und unbeweisbar. Aber aus drei 
ethischen Gründen ist jeglicher Alkoholgenuß ganz ohne Rücksicht auf die ge¬ 
nossene Menge unsittlich: 1) schädigt die narkotische Euphorie Individuum und 
Rasse; die Unlustgefühle sind für die Emporzüchtung von großem Wert. 2) schädigt 
der mäßige Alkoholgenuß den Charakter. 8) kann nur auf dem Boden der Trink¬ 
sitte die Trunksucht gedeihen. P. S. 


Der Alkoholiamas. 1906. 22 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



314 


Referate. 


Digitized by 


Hirschfeld, Magnus. Alkohol und Familienleben. Berlin-Charlottenburg, Verlag 
von Fritz Stolt. 1906. Preis 0,25 Mk. 

Die Familien bilden die Bausteine, aus denen sich der Staatskörper zusammen¬ 
setzt Einem harmonischen Familienleben wirkt in vielen Fällen der Alkohol ent¬ 
gegen. Er lockert nicht nur den Familienzusammenhang, sondern er schädigt 
auch die wirtschaftliche Grundlage und hindert die Entwicklung einer guten Nach¬ 
kommenschaft Zur Illustration bringt Hirschfeld entsprechende Familienszenen 
aus seiner ärztlichen Erfahrung und nach Zeitungsausschnitten. P. S. 

Sehwetz. Ein Fall von galoppierender maligner Syphilis mit Alkoholismus kompliziert 

Revue medicale de la suisse romande. 1906. Nr. 2. (Referat in Deutscher 
Medizinal-Zeitung 1906. Nr. 44.) 

Der verschlimmernde Einfluß des Alkohols auf die Syphilis wird durch die 
vom Verfasser mitgeteilte Beobachtung bei einer 48jährigen verheirateten Frau 
bestätigt. Beim Manne der Patientin nahm die Krankheit einen günstigen Ver¬ 
lauf, die Frau erlag ihr. Die Obduktion ergab außer Gehirnödem und venöser 
Stase im Gehirn einige kleine arteriosklerotische Herde in den arteriae fossae SylviL 
Die Nieren waren vergrößert, ihre Kapsel leicht adhärent. Die Frau hatte im 
Gegensatz zu ihrem mäßigen Manne reichlich alcoholica genossen und außerdem 
die Behandlung nur ungenügend durchgeführt. P. S. 

Pierrotta. Experimenteller Beitrag zur Alkoholfrage. H Morgagni« XLVHI, 2, 
Nr. 8. (Referat in Deutscher Medizinal-Zeitung. 1906. Nr. 44.) 

Verfasser hat Hunden in der Zeit des Wachstums eine tägliche Ration Al¬ 
kohol in der Menge von 1,3 bis 2,6 Gramm Alkohol pro Kilo Körpergewicht ge¬ 
geben. Die Kontrollhunde bekamen den gleichen Kalorienwert in Zucker. Er 
konstatierte, daß die normale Entwicklung und das Wachstum in keiner Weise 
gestört wurde. Auch bei der Sektion ergab die makroskopische und mikroskopische 
Untersuchung der Organe nichts Pathologisches. Pierrotta schließt, daß Alkohol 
in geringen Dosen mit reichlich Wasser gemischt und gleichzeitig mit passender 
Nahrung verabreicht, beim wachsenden Hunde nicht schädlich wirkt. P. S. 

Trygg-Helenius, AUL Dramatische Szenen. Flensburg 1906. Preis 0,15 Mk. 

Die vorstehenden aus dem Finnischen übersetzten dramatischen Szenen der 
bekannten Verfasserin sind für Jugendlogen des Guttemplerordens und für Jugend¬ 
abstinenzvereine bestimmt. Die muntere, frische, dem kindlichen Auffassungs¬ 
vermögen angepaßte Form empfiehlt sie sehr zu diesem Zweck. P. S. 

Blocher, Eugen. Die Spaltung im Guttemplerorden. Internationale Monatsschrift 
zur Erforschung des Alkoholismus und Bekämpfung der Trinksitten. Mai 1906. 

Die schweizerische Gruppe (Forel, v. Bunge) des Guttemplerordens lehnt 
die Verbindung der Abstinenz mit der Religion ab. Sie will der radikalen Ab- 
stinenzbeweguug auch die Kreise konfessioneU differenter Kreise (Freidenker, 
Katholiken, Juden, Buddhisten, Islamiten) erschließen. Sie wünscht ein religiös 
neutrales Ritual. Auch nach dessen Einführung wird den kirchentreuen Katho¬ 
liken der Orden allerdings verboten bleiben. 

Daß die Trennung notwendig war, möchte ich bezweifeln, ob sie ersprießlich 
ist, bleibt abzuwarten. P. S. 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


315 


Bonne. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner und das reisende 
Publikum. 3. Auflage. Flensburg 1906. Preis .0,25 Mk. 

Die ständige Ausdehnung des Verkehrs stellt immer höhere Anforderungen 
an das Eisenbahnpersonal. Verkehren doch z. B. auf dem Bahnhof Friedrich¬ 
straße in Berlin täglich 807 Züge. Im Jahre 1900 kamen auf sämtlichen deut¬ 
schen Bahnen 8507 Eisenbahnunfälle vor. Dabei kann, wie Bonne an der Hand 
von Hoppes Tatsachen über den Alkohol nachzuweisen sucht, schon der mäßige 
Genuß alkoholischer Getränke von seiten des Eisenbahnpersonals das grauenhafteste 
Unglück heraufbeschwören. P. S. 

Josef Besch. Über die Grö&enverhältnisee des Herzens bei Tuberkulose. Inaugural- 
Dissertation. München. 1905. 

Resch hat am Münchner pathologischen Institut die Größenverhältnisse 
des Herzens bei 120 Tuberkuloseleichen untersucht und gefunden, daß unter den 
120 Fällen beinahe die Hälfte ein kleines Herz aufweist. Für die Tuberkulose¬ 
fälle mit kleinem Herzen stellt das weibliche Geschlecht fast das doppelte Kon¬ 
tingent wie das männliche. Direkt umgekehrt ist dagegen das Verhältnis zwischen 
männlichen und weiblichen Individuen bei den Fällen von Tuberkulose mit an¬ 
nähernd normalen und großen Herzen. Von 64 untersuchten Fällen treffen 48 
auf das männliche und nur 16 Falle auf das weibliche Geschlecht. 

Dieses Ergebnis scheint dem Verfasser sehr für die Richtigkeit seiner 
Begründung zu sprechen, wenn er die Hauptschuld für die bei Tuberkulose 
gefundene Herzhypertrophie dem Alkohol beimißt, wie er in München speziell 
in Form des Bieres in so großen Mengen konsumiert wird. Gerade weil bei 
den annähernd normalen und großen Herzen das männliche Geschlecht ein so 
großes Übergewicht gegenüber dem weiblichen stellt, ist dies anzunehmen, da 
ja die Männer weitaus mehr dem Alkoholgenuß ergeben sind als die Frauen. 

F. L. 


Karl Weihrauch. Mortalität und Morbidität im Braugewerbe. Ein Beitrag zur 
Alkoholfrage. Inaugural-Dissertation. München. 1905. 

Verfasser führt den Naohweis, daß besonders die Tuberkulosesterblichkeit 
im Brauergewerbe eine unverhältnismäßig hohe ist und daß gerade in den 40 er 
Jahren viele in diesem Gewerbe Beschäftigte der Tuberkulose erliegen, also in 
einem Alter x in dem diese Krankheit bei anderen Berufen weniger Opfer fordert. 
Der Alkoholgenuß spielt ätiologisch die Hauptrolle; wie er für viele Erkrankungen 
z. B. des Herzens, der Nieren, der Leber etc. eine wichtige ursächliche Rolle 
spiele, so schaffe er auch eine besondere Disposition zur Erkrankung an Tuber¬ 
kulose. Er schädige den Gesamtstoffwechsel und mache den Körper gegen einen 
Angriff der Tuberkelbazillen weniger widerstandsfähig. Indirekt werde die Tuber¬ 
kulose durch den Alkohol dadurch gefördert, daß letzterer wesentlich zur Ver¬ 
armung der Bevölkerung und damit zu einer Verschlechterung der hygienischen 
. Verhältnisse beitrage. Daß ein Zusammenhang zwischen Tuberkulose und Alkohol 
besteht, geht auch aus der Tatsache hervor, daß die Tuberkulose unter den 
Brauern so viele Opfer «fordert, obwohl die Leute von Hause aus kräftig gebaut 
und pekuniär in der Lage sind, für eine gesunde Lebensweise etwas zu tun. 

Es müßte die Einrichtung getroffen werden, daß kein Brauer gezwungen 
sei, Alkohol zu genießen. Daher ist eine auch nur teilweise Auszahlung des 

22 * 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



316 


Referate. 


Lohnes in Form von Bier zu verwerfen. Ebenso die Verabreichung von Frei¬ 
bier. „Da es vorläufig eine Unmöglichkeit ist, das wirksamste Heilmittel, d. i. 
die völlige Enthaltsamkeit von allen alkoholischen Getränken im Brauergewerbe 
durchzuführen, so muß man sich darauf beschränken, die Arbeiter tunlichst auf¬ 
zuklären über die Gefahren, die der Alkoholgenuß mit sich bringt. Der Zeit 
muß es überlassen bleiben, darzutun, wessen Forderungen die weiterschauenden 
waren; sie wird auch zeigen, ob Mäßigkeit, ob völlige Enthaltsamkeit die wirk¬ 
same Waffe im Kampf gegen den Alkohol ist. u F. L. 

Kielholz, Arthur. Die Alkoholiker der Pflegeanstalt Rheinau. Dissertation. Zürich. 
1905. 91 p. 

Das Ergebnis der mitgeteilten Untersuchungen des Verfassers ist folgendes: 

Unter 41 Patienten, die als Alkoholiker in die Anstalt aufgenommen wurden, 
finden sich in 32 Fällen Komplikationen des Alkoholismus mit anderen Psychosen, 
in 8 Fällen tritt der chronische Alkoholismus so sehr in den Vordergrund und 
sind keine Symptome vorhanden, die für eine typische andere Psychose zu ver¬ 
werten sind, wenn auch bei einzelnen nicht alle abnormen Erscheinungen einzig 
und allein durch alkoholische Degeneration zu erklären sind, daß man diese 
8 Fälle ohne großen Fehler als reine chronische Alkoholismen auffassen darf. 
In einem Falle handelt es sich um einen geistig Gesunden. 

Die Komplikation besteht in 2 Fällen in Paralyse, in 8 Fällen in manisch- 
depressiver Erkrankung, in 14 Fällen in Dementia praecox, in einem Falle in 
präsenilem Beeinträchtigungswahn, in 5 Fällen in Imbezillität, in 4 Fällen in 
Psychopathie, in 3 Fällen ist die Komplikation sogar eine doppelte: einmal Imbe¬ 
zillität und manisch-depressives Irresein, einmal Imbezillität und Dementia 
praecox, einmal Psychopathie und Paralyse. F. L. 

Des Annales antialcooliques, Journal mensuel de Vulgansation d’Etudes publie sous 
la direction de M. le docteur Legrain. 

November 1905. Die früher erwähnte Bewegung gegen den Absynth nahm in 
der Schweiz ihren Anfang im Kanton Waadtland, wo die Erregung einsetzte in¬ 
folge eines durch einen dem Absynth ergebenen Bürger verübten Familienmordes. 
Vermöge einer in Umlauf gesetzten Petition griff eine große Volksbewegung um 
sich, die gelegentlich eines bereits 1890 versuchten Vorgehens versagt hatte. Neben¬ 
her ging von Neuf-Chätel aus eine Anregung an die Mäßigkeitsfreunde. Bemerkens¬ 
wert ist, daß man von Waadtland aus Stimmung zu machen suchte mit dem Hinweis 
auf das Zurückgehen des Weinbaues durch Absynth- und Branntweingenuß. 
Im Jahre 1903 tritt Genf lebhaft in den Kampf mit ein und die öffentliche Meinung 
wird gestützt durch angesehene Blätter: La Gazette de Lausanne und Le joumal 
de Geneve. 

In Frankreich war demgegenüber auf bereits vor sechs Jahren durch die 
Union fra^aise antialcoolique eingereichte Eingaben hin und Unterstützung der 
Bewegung gegen den Absynthismus durch der öffentlichen Wohlfahrt und Hygiene 
dienende Verbände nichts geschehen. 

Anders in Belgien. Mit dem Gesetz vom 1. März a. c. „sont interdit sous 
peine de fortes amendes la fabrication, la detention, la vente et le debit de la 
liqueure d’absinthe“. Ebenso wird die Einfuhr verboten. — Trotz der Verschmel¬ 
zung der bestehenden großen Antialkoholverbände L’Union fra^aise antialcoolique 


Digitized 


bv Google 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Referate. 


317 


und La societe frangaise de Temperance ist keine Einigung der Kämpfer. Jeder 
hat seinen Dickkopf und läßt nur seine Ansicht als die einzig wahre gelten — 
tout comnae chez nous. Daran hat auch eine ,,Einigungskonferenz u im Herbst 
1905 nichts geändert. Hoffentlich schlagen die getrennt marschierenden Parteien 
wenigstens im gegebenen Falle zusammen. Das Blaue Kreuz tagt aller zwei Jahre, 
1905 in Rouen, wo der Chef des Sanitätsamts des HI. Korps Dr. Calmettes den 
Yortrag hielt. Vorsitzender ist zurzeit Pastor Dieterlen. 

(Dezember 1905.) In Genf haben sich vor allem die Ärzte ausgezeichnet 
durch Vorträge wider den Absynth in öffentlichen Versammlungen. Das Aktions¬ 
komitee, die Kommission für das Krankenwesen, die Zentrale für Jugendfürsorge, 
die Kommission für Versorgung der Geisteskranken haben sich an den großen 
Rat gewandt. Wiederum hat die Presse die Bewegung tatkräftig unterstützt. 
Die deutsch-schweizerischen Ärzte und nicht zum wenigsten die Irrenärzte sind 
tüchtige Mitstreiter geworden. Einen eigentümlichen Eindruck hat es gemacht, 
wie beim Tuberkulosekongreß in Paris (Alkohol und Tuberkulose!) man an dem 
glänzenden Büffet sich eine Güte tat an Absynth, Bittern, Likören, Apervitifs u. a. m. 
in demselben Saale, wo die Affiches antialcooliques de la ligue nationale aushängen. 
„(Jette Opposition nous depeint bien tels que nous sommes: des parleurs, des 
discoureurs, mais des gens brouilles avec la logique.“ 

Den Verkauf destillierter Getränke in den Kiosques-buvettes hat man 
verboten. Ihre Inhaber müssen im Sommer von 4 bis 6, im Winter von 5 bis 
7 Uhr früh Brötchen mit Fleisch oder Käse etc. oder eine warme Suppe zu bil¬ 
ligem Preise abgeben. — Der Generalrat des Seine-Mame-Gebiets hat einen Preis 
von 600 fr. angewiesen für den Inspektor der Akademie ob seiner Arbeit wider 
den Alkoholismus. 

Der Weinbau — vielleicht auch die Weinfabrikation — wird in Frankreich 
weit über das Bedürfnis getrieben. Die Weine werden weit unter dem Preis 
verkauft. 1905 wurden allein etwa 66 Mill. Hektoliter Wein hergestellt. Man 
wird mehr ungegorenen Saft genießen müssen und andere Wege zum weiteren 
Vertrieb einschlagen. Schon vor 100 Jahren soll solche Überproduktion statt¬ 
gefunden haben. In Griechenland, wo man in gleicher Lage sich befindet, hat 
man zunächst jede neue Anpflanzung von Reben verboten und einen Gesetzentwurf 
in Vorbereitung, der Expropriation im öffentlichen Interesse fordert gegenüber 
das Verbot mißachtenden Weinbauern. Früher wurde derartige Enteignung in 
Frankreich schon geübt. 

Die Arbeit der Schule gegen den Alkoholismus soll in Belgien gute Er¬ 
gebnisse gezeitigt haben. Der Staat wirft 85000 fr. dafür aus. Der letzte Con- 
gres national beige contre l’alcoolisme forderte 500000 dazu. 

Der letzte amerikanische Kongreß stellte sich auf den Boden der Pro¬ 
hibition und verlangte sie in einer besonderen Eingabe an den Präsidenten. 

(Januar 1906.) Im Dezember 1905 wurde in Bern ein Kongreß wider den 
Absynth abgehalten, auf dem fast alle Kantone vertreten waren. Man wird zu¬ 
nächst versuchen, daß der Bundesrat vorgeht. Unterdes ist man in Belgien zum 
Ziele gekommen. Mit 50 Stimmen gegen 21 (bei 2 Stimmenenthaltungen) hat der 
Senat das von der Kammer beschlossene Gesetz über das Absynthverbot ange¬ 
nommen. Aber das reicht, wie in einem Aufsatz von Francis Tamuel ausgeführt 
wird, keineswegs zu: Was nützt es, einem Dieb das Handwerk zu legen und 
seinen Genossen frei zu lassen? D’autres aperitifs doivent prendre le meme 


\ 



Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



318 


Referate. 


chemin. Der Wermuth z. B steht jenem Absynth an Giftigkeit kaum nach, er ist 
un vin blanc suralcoolise et aromatise, dans lequel nous retrouvons Tabsinthe, 
’angelique, la calmont et une essence epüeptisante, celle de tanaisie (tanacetum 
vulgare), qui provoque des convulsions. 

In der Revue moderne de medecine et de Chirurgie befindet sich öin kurzer 
Aufsatz über den „berühmten 41 Chartreuse-Schnaps. La liqueur de la Grande 
Chartreuse stammt keineswegs vom Gründer des Ordens Bruno. Vielmehr ist 
er eine „moderne Erfindung 4 *. Gegen das Jahr 1857 bereiteten die heiligen 
Väter ein Elixir, nach Art eines Heilmittels, das Zahnschmerzen linderte, Kolik 
beseitigte und gemeinhin fast alle Beschwerden. Trotz aller Reklame wurde 
zunächst nicht viel davon abgesetzt. Mit Beginn des italienischen Feldzugs wurde 
das anders, ln kurzer Zeit bemächtigte sich die Armee des Zaubertranks. Ein 
großer Teil dieser Krieger kam aus Afrika und war an Spirituosen gewöhnt. Da 
kam ein Soldat auf den schlauen Gedanken, daß man doch Wasser und Zucker 
zu dem Elixier zusetzen könne und so daß Heilmittel der Chartreux ein sehr 
feines Getränk darstelle. Nun machten das die heiligen Väter bald den Soldaten 
nach. Sie versüßten ihr Tränklein entsprechend und verkauften es nun engros, 
zunächst an das Militär, das den Absynth massenhaft zum Feldzug verbrauchte. 
Die Sieger von Magenta und Solferino trugen ihn bei sich. 

Die Mäßigkeitsbewegung in den belgischen Schulen macht weitere 
Fortschritte: in den Oberschulen gab es am 1. Januar 1905 über 8000 Mitglied¬ 
schaften des Mäßigkeitsbundes mit mehr als 65000 Mitgliedern und fast 50000 
Anhängern. 

In der Academie de medicine hat Femet angeregt, statistisch festzulegen, 
wo und inwieweit der Alkohol direkte oder indirekte Krankheits- und Todesursache 
ist. Das statistische Amt der Stadt Paris hat dementsprechend besondere An¬ 
fragen auf die Totenscheine, die in den einzelnen Krankenhäusern ausgefüllt 
werden, drucken lassen, aber — die Ärzte füllen sie nicht aus. 

(Februar 1906) La ligue nationale contre l’alcoolisme hat an Stelle 
des alten Organs „L’Alcool 44 nun das Blatt „L’Etoile Bleue 44 angenommen. Für 
die französische Antialkoholbewegung von Bedeutung ist das Erscheinen des 
Guttemplerordens. Im Januar schickte die schweizerische Großloge den 
Herrn Professor Forel, von Lausanne kamen Professor Hereod, von Belgien eben¬ 
falls Abgesandte und halfen die Loge Gallia I in Paris gründen. 

Seit mehreren Jahren beteiligt sich auch die französische Sozialdemo¬ 
kratie am Kampfe gegen den Alkoholismus. In mehreren Kongressen ist die 
Alkoholfrage erörtert worden; man beschloß, tatkräftig sich am Kampfe zu be¬ 
teiligen. Leider finden sich auch eifrige Verteidiger des Alkohols unter den 
Sozialisten. In Belgien haben sie die Alkoholbekämpfung in ihr Parteiprogramm 
aufgenommen. In Frankreich fehlt es noch am rechten Verständnis für ihre 
Notwendigkeit: lütter contre l’alcoolisme, c’est faire oeuvre d’educätion, que con- 
querir l’individu ä la pratique de l’abstinence par un libre effort de volonte c’est 
eveiller des personnalites, c’est travailler ä la formation des caracteres. Von 
durchschlagendem Erfolge w~ar das Auftreten Vanderveldes in der Arbeiter¬ 
börse zu Paris, der noch vom Internationalen Kongreß 1899 her in gutem 
Gedenken stand. Seine Ausführungen wurden wiederholt von rauschendem Bei¬ 
fall begleitet. „Vielleicht verlieren wir die Stimmen einiger Krämer, aber wir 
gewinnen die Frauen, die uns aufopfernde Unterstützung leisten werden. 44 Der 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Referate. 


319 


einseitigen Behauptung gegenüber, der Alkohol sei nur eine Folge der Ver¬ 
elendung, betonte V.: „Wenn die wirtschaftliche Lage einen erheblichen Einfluß 
ausübt in Beziehung zum Alkoholismus, so ist daran keineswegs der „Kapitalismus 14 
allein schuld. Ich unterscheide mich von meinen Freunden in zweierlei Hinsicht: 
ich bin überzeugt, daß der Alkohol selbst in kleinen Mengen, auch der Wein, 
der Most und das Bier, immer etwas Unnützes bleibt und ein gefährliches Mach¬ 
werk. Wer mit dem Gebrauch beginnt, endet mit dem Mißbrauch. Und: das 
Bürgertum trinkt genau so viel wie die Arbeiterschaft. Der Grundsatz, daß 
das Elend den Alkoholismus hervorruft, ist sehr bequem, er befreit von jeder 
Gegenanstrengung. Auch ist jener bei den Wohlhabenden genau so im Wachsen 
wie bei uns. u Als stärksten Beweggrund zum Trünke bezeichnet V. — und 
gewiß mit Recht — die euphorische Wirkung des Alkohols, das Verlangen, sich 
künstlich ins Paradies zu versetzen. Der Alkohol bedeutet das Glück in der 
Flasche; das kann man für 2 Sous sich verschaffen. Und insofern die Arbeiter 
sich nicht mit der Revolution befassen, haben sie kein anderes Ideal als den 
Alkohol. Immerhin ist festzustellen, daß mit wachsendem Fortschritt (Bildung) 
der Alkoholismus abnehmen wird und die Abstinenz dem höheren Wohlstand 
ganz von selbst folgen muß (??). Der Arbeiter schädigt sich mit dem Trünke am 
allermeisten selbst und seine Nachkommen und damit seine Zukunft und Macht- 
Stellung. „Der Alkoholismus ist das Opium des Proletariats! 44 Eine der ange¬ 
sehensten Preßstimmen lautete nach dem Auftreten V.’s in Paris: Der organi¬ 
sierte französische Arbeiter ist noch nicht reif für den Kampf gegen den Alkohol, 
ist sich der Gefahr noch nicht bewußt und nicht seines eigenen Vorteils, Be¬ 
herrscht von Vorurteilen und Irrtümem, unterhalten von unwissenden Führern, 
ist er nur noch eingenommen für den einen Gedanken seines Sklaventums unter 
den Besitzenden. Die Führer laden eine schwere Verantwortung damit auf sich. 
„Warum denn 4 ^, schreibt das „Relevement social 44 „eifern Männer von der Bedeutung, 
dem Verstände und Charakter eines Jaures, Briand u. s. w. nicht Vandervelde nach 
und machen mobil gegen die Gefahr des Alkohols, ohne ihr sozialistisches Ideal 
dabei außer acht zu lassen? 44 Betonte doch der große Volksredner im Schlu߬ 
sätze seiner Ausführungen: „C’est une necessite imperieuse pour le Proletariat 
organise de combattre sans repit l’alcoolisme, le succes de cette lutte engagee 
etant une condition necessaire de Temancipation proletarienne. 44 

(März 1906) Jedesmal vor den Kammerwahlen werden alle Hebel in 
Bewegung gesetzt, um den Branntweinbrennern ihre alten Privilegien zu wahren. 
Die vordem für ihre Abschaffung und auf Seite der Mäßigkeitsfreunde waren, 
lenken, sobald die „Wahlmache 44 beginnt, wieder ein — aus Rücksicht auf die 
Herren Wähler. „Die Hausbesitzer, die destillieren und dazu nur die Ernte aus 
ihrem Besitztum verwenden, sind befreit von allen Steuern u. s. w. — Vorerst 
wird wenig zu tun sein: die unglaubliche Demoralisation im Parlament ist der 
dunkelste Punkt auf unserer gesamten Lage. — Und weiter besteht die Bestim¬ 
mung, daß jeder französische Bürger, der nicht direkt Branntweinbrenner oder 
Tabakbauer ist, das Recht hat, für den Hausbedarf 25 kg Tabak und 50 1 Alkohol 
pro Kopf und Jahr steuerfrei haben darf. 44 Und schließlich werden alle Produ¬ 
zenten imbeschränkt Bier hersteilen können aus ihren Emteerträgen, soweit der 
Familienbedarf es verlangt. Eine mächtige Förderung hat die Temperenzbewe- 
gung in England durch die letzten Wahlen erfahren und umgekehrt sind die 
Liberalen durch die Abstinenten vielfach in das Parlament gekommen. Balfour 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



320 


Referate. 


hatte die Alkoholinteressenten außerordentlich begünstigt. Die Minister hielten 
mit den Großbauern zusammen und wurden teilweise mit überwältigender Mehr¬ 
heit ge schlagen, so daß jetzt über 100 Abstinenten in der Kammer sitzen. Die 
Presse hat letztere recht lebhaft unterstützt. Die verschiedenen Verbände gegen 
den Alkoholismus haben tüchtig agitiert, insbesondere die Massen mit Druck¬ 
schriften bearbeitet und mit Aufrufen angefeuert. 8chon 2 Jahre vorher hatte 
man von Zeit zu Zeit geeignete Schriften in die Häuser getragen und Stimmung 
gemacht. In der großen liberalen Zeitung Guardian in Manchester hieß es: 
„Niemand hat mehr für den liberalen Kandidaten gearbeitet, als die Temperenzler. 
Sie haben nicht viel Reden gehalten, aber namhafte Dienste geleistet. Das neue 
Ministerium hat sich verpflichtet, das unglückliche Patentgesetz von 1904 abzu¬ 
ändern; mehrere Minister und eine größere Zahl der liberalen Abgeordneten sind 
für das Lokalverbot, wonach die Bewohner einer Provinz die Befugnis haben, zu 
entscheiden, ob Verbot oder nicht. 

Frankreich ist das Land des Weinbaus; ihm folgen nach Menge der 
Produktion Italien und Spanien. Paris allein verbraucht über 18000 hl reinen 
Alkohol im Jahre. Die Weinbauer- bez. Weinhändlerpresse bekämpft naturgemäß 
die Abstinenzbewegung auf das heftigste. Die abscheulichen Temperenzgesell- 
schaften solle man unterdrücken, sie seien unwürdig auch der geringsten Be¬ 
günstigung, da sie so viel Schuld tragen an der schlechten Lage der Weininteres¬ 
senten, viele von ihnen zu Verzweiflung und Untergang trieben u. s. w. Im 
Jahre 1901 gaben in Frankreich fast 2 Mill. Einwohner an, vom Weinhandel zu 
leben, fast 600000 waren Getränkehändler, fast 500000 Krämer, nahezu 81000 
Engroshäufler; 1904 allein wurden fast 1000 neue Häuser begründet, 6 l / 2 Tausend 
neue Verkäufer kamen in diesem einen Jahre hinzu. Beinahe 1 Mill. Personen 
sind nebenher im Getränkehandel u. s. w. als Helfer beschäftigt und über 2 l / s Mill. 
ernten Wein, bereiten Most u. s. w. Dr. Fl. 


Unter dem Titel: 

Das Land der sozialen Reformen (Neu-Seeland) 

berichtet A. Bojsen, Sekretär der Gesellschaft: „D. soziale Sekretariat & Biblio¬ 
thek 11 , Kopenhagen. (Sozialer Fortschritt, Hefte und Flugschriften für Volkswirt¬ 
schaft und Sozialpolitik. Unter Mitwirkung erster Sachkenner für Gebildete aller 
Kreise geschrieben. No. 66/67, Leipzig 1906) im VIIIten Kapitel 

über die Bekämpfung des Alkoholismus in Neu-Seeland. 

Es ist eine nur allzu traurige Tatsache, daß, wo der Alkoholismus herrscht, 
aller Fortschritt auf ziemlich jedem Gebiete und alle sozialen Verbesserungen 
von einer nur geringen nützlichen Wirkung und nahezu ganz ohne Erfolg sind. 
Wenige Länder haben dies in höherem Grade als die australischen Staaten 
erkennen müssen, denn hier hat der Alkoholismus gleich im Anfänge der eng¬ 
lischen Kolonisation wie nirgendwo gehaust und bis an die letzten Jahrzehnte 
einen Stillstand in der Entwicklung herbeigeführt. 

Es war einer der dunkelsten Punkte in der englischen Kolonisation, als es 
seinerzeit ein „Rumregiment“ von einer so umfassenden und verderblichen 
Art herbeiführte, daß der [größte Teil des vorigen Jahrhunderts zu dessen 
Bekämpfung daraufging, und daß seine schädliche Wirkung in der Mehrzahl der 
australischen Staaten noch gespürt werden kann. Als Zeugnis der Macht dieses 
Rumregiments“ kann angeführt werden, daß vor einigen Jahrzehnten sozusagen 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Referate. 


321 


alle Werte in Australien in Liter Rum angegeben wurden, mitunter sogar der 
Preis einer Frau! 

In wenigen Landern hat die Abstinenzbewegung unter größeren Schwierig¬ 
keiten festen Fuß gefaßt als in Australien. Ihre Leiter waren bis weit in das 
vorige Jahrhundert Gegenstand des allgemeinen Hohns und wurden mit dem Spott¬ 
namen „Patient Smith“ tituliert. Anderseits hat aber die Abstinenzbewegung, als 
sie endüoh Fuß gefaßt hatte, nirgends größeren Anschluß gefunden, was von sehr 
großer Bedeutung für die zahlreichen Fortschritte war, welche in den letzten 
Jahrzehnten die australische Politik gekennzeichnet haben. 

1881 erreichte die Abstinenzbewegung auch Neu-Seeland, das wie die 
übrigen australischen Staaten dem König Alkohol seit dem Anfang der Kolonisatidh 
Frondienste geleistet. 

Auf den Antrieb der Abstinenzler wurden im Laufe der nächsten 12 Jahre 
ungefähr 50 Wirtshäuser geschlossen: doch war dies nur ein verhältnismäßig 
geringer Eingriff in die große Zahl der bestehenden Wirtshäuser; dazu wurde der 
Ausschank von Spirituosen an Kinder unter 16 Jahren verboten. 

Es lag im selbstverständlichen Interesse der Regierung, eine Bewegung zu 
unterstützen, die in so hohem Grade den Boden für die sozialen Reformen düngt. 

Einen solchen günstigen Zeitpunkt fand die Regierung i. J. 1898 gelegentlich 
der Übertragung des politischen Wahlrechts an die Frauen des Landes. 

Die Regierung ging bei ihren Maßnahmen von dem Gedanken aus, daß der 
Genuß von Alkohol durch gesetzliches Verbot des Handels oder Verteuerung 
nicht eingeschränkt werden könne. 

Das Volk muß auf diesem Gebiete die Sache selbst in die Hand nehmen; 
diese muß ihm aber stets vor Augen gehalten werden, und das geschieht in Neu-See- 
land durch das Alkoholgesetz von 1898, welches eine schriftliche Abstimmung 
bei jeder Reichstagswahl, die gewöhnlich jedes dritte Jahr stattfindet, über das 
Bestehen oder die Reduktion der Wirtshäuser im Reichstagsbezirk in sich schließt. 
Stimmt die Mehrzahl in einem Bezirk für die Reduktion der Wirtshäuser, so 
bleibt es einer besonderen Kommission überlassen, binnen einer Frist von 
8 Monaten 10%, in einzelnen Fällen 25% der Wirtshäuser zu schließen (Local Option). 

Es ist ferner in die Hand des Volkes gelegt, die Urquellen des Alkoholis¬ 
mus ganz zu entfernen, wenn eine besonders große Mehrzahl hierfür erreicht 
wird. Dieses hat jedoch bisher nur in dem schwach bevölkerten Landbezirke 
Clutha stattgefunden (Staatsverbot); in den Bezirken, die sich wie Clutha jedem 
Spirituosenausschank entgegengesetzt haben, wird Wiedererrichtung der entfernten 
Verkaufsstellen ermöglicht, falls bei Abstimmung % Majorität dafür erreicht Wird. 

Es ist interessant, zu erfahren, ob die Wirkungen dieser Gesetzesanordnungen, 
die voriges Jahr (1905) zum 5. Mal fungierten, ihrem pädagogischen Werte ent¬ 
sprochen haben. Die Stimmenabgabe für oder gegen das Behalten der bestehen¬ 
den Wirtshäuser war immer eine sehr lebhafte. Dies ist der wertvollste Erfolg 
des Gesetzes, weil es in dem Kampf gegen den Alkoholismus namentlich gilt, 
daß jedermann zur persönlichen Erwägung über die Schädlichkeit des Alkoholis¬ 
mus gebracht wird. Dagegen ist die Zahl der Ausschankstellen nicht in wünschens¬ 
wertem Maße verkleinert worden. Vor 1893 verhielt sich ihre Anzahl zu der 
Bevölkerung wie 1 zu 300. Das Verhältnis ist jetzt wie 1 zu 550. Dagegen ist 
der Verbrauch von Branntweinalkohol per Individuum seit der Durchführung des 
Gesetzes bedeutend verringert worden, so daß der Verbrauch per Individuum jetzt 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



322 


Referate. 


der nächstniedrigste der australischen Staaten und bedeutend niedriger als der 
Verbrauch der meisten europäischen Länder ist. 

Eine Enttäuschung erfuhren die Abstinenzler durch die Zunahme des Gesamt¬ 
verbrauchs von Alkohol. Dieser steigende Verbrauch, der jedoch nur von geringem 
Umfang ist, fallt überwiegend auf den Weinverbrauch; dies steht in Verbindung 
mit dem allgemein steigenden Wohlstände, der einen mäßigen Weinverbrauch in 
weit größerer Ausdehnung als früher ermöglicht, und ist in der Tat kein Maßstab 
für die Zunahme des unmäßigen Alkohol Verbrauchs. 

Auch der an sich geringe Zuwachs der Zahl der in den letzten Jahren wegen 
Trunksucht Angeklagten bezeugen keine Zunahme der Trunksucht, da dieser Zu¬ 
wachs nur eine Folge der bedeutend geschärften Polizeimaßregeln ist. 

Auch die Erfahrungen des Cluthabezirks, wo der Verkauf von Spirituosen 
vollständig verboten ist, sind dem Anscheine nach von recht glänzender Art, wenn¬ 
gleich Grund vorhanden ist, die Verblüffenden Ergebnisse zu bezweifeln. Eine 
Statistik von dorther zeigt, daß die Zahl der in den Jahren von 1891—1894 wegen 
Trunkenheit Angeklagten 130 ausmachte, in den Jahren 1894—1897 aber nur 6; 
daß die Zahl der Gewalttaten und Friedensstörungen in den drei erstgenannten 
Jahren 55 war, in den drei letztgenannten nur 7; daß die Zahl der übrigen Ver¬ 
brechen in denselben Zeiträumen bezw. 115 und 53 war, wogegen im Schleich¬ 
handel mit Spirituosen sich ein Steigen von 1 auf 24 Fälle erwies. 

Obwohl diese Statistik sich in den nachfolgenden Jahren bestätigt hat, so 
ist doch aller Grund vorhanden, ihr Zeugnis in Zweifel zu ziehen. Der Alkoholis¬ 
mus läßt sich einmal nicht mit Verboten bekämpfen, was auch* die Erfahrungen 
der nordamerikanischen Städte, die den Verkauf von Spirituosen verboten, dafür 
aber mit einem Schleichhandel und Trinken zu Hause zu kämpfen haben, bestätigen. 

Die Erziehung zu freiwilligem Enthalten oder Mäßigkeit ist der Weg, und 
diese Anweisung ist in der Tat auch der Kernpunkt der Neu-Seeländischen 
Bekämpfung der Übermacht des Alkoholismus. 

Nach J. Denis (Schweizerisches Taschenbuch für Alkoholgegner, Lau¬ 
sanne 1905) beträgt der Alkoholverbrauch in den australischen Staaten 
für 1899 *): 



Gebrannte 
Getränke 
Liter zu 
100° 
Alkohol 

Bier in 
Litern 

Wein in 
Litern 

Gesamt- 

Alkohol- 

Menge 

Australien. 

2,03 

49,5 

3 

5 

Westaustralien.■ . 

3,39 

102,60 

4,08 

9,13 

Südaustralien (Nordterritorium). 

6,26 

14,52 

2,36 

7,22 

Queensland. 

2,97 

53,12 

1,72 

5,88 

Viktoria. 

2,32 

60,83 

2,27 

5,7 

Neusüdwales. 

1,96 

46,80 

8,04 

4,72 

Neuseeland. 

1,80 

39,04 

0,68 

8,9 

Tasmanien. 

1,25 

35,86 

0,45 

3,1 

Südaustralien. 

1,04 

38,59 

— 

3 

zum Vergleich 





Kanada . ..1 

2,04 

23,15 

0,41 

3,25 

Groß-Britannien. 

2,58 

185 

1,25 

9,58 

Deutschland. j 

4,2 

124 

5,2 

9,68 


*) Bojsens Erörterungen beziehen sich auf das Jahr 1905. 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 














Refeiate. 


323 


Bojßen schließt seine Erörterungen: „Fassen wir kurz das Resultat der schon 
durchgeführten Reformen zusammen, welches in der Tat einen tödlichen Schlag gegen 
die Henry Georgesche Behauptung, daß Fortschritt Armut mit sich führt, 
führt. Es ist kein Menschenalter her, seit Neu-Seeland trotz seines außer¬ 
ordentlichen Naturreichtums zu den ärmsten Ländern der Welt gehörte. Jetzt 
ist es nicht nur der reichste und der am weitesten vorgeschrittene Staat der Welt, 
sondern besitzt auch zugleich eine Vermögens- und Einkommenverteilung, die 
kein Seitenstück hat, und die schon in einer Reihe von Jahren jede wirkliche 
Armut und Not innerhalb der Grenzen des Landes ausschließt, und doch bestreben 
sich die Gesetze und die sozialen Veranstaltungen anhaltend nach gleichmäßigerer 
Verteilung des Wohlstandes im Lande. Wie bedeutend dieser Wohlstand schon ist, 
zeigt die folgende vergleichende Statistik von Mulhall’s „Dictionary of Statistics u : 


I 

j 

i 

National¬ 
vermögen per 
Einwohner 

Jährl. Durch¬ 
schnittsein¬ 
kommen per 
Einwohner 

Jährl. Durch¬ 
schnittsaus¬ 
gabe per 
Einwohner 

Neu-Seeland. 

6000 Mt. 

880 Mk. 

704 Mk. 

England. 

5600 „ 

720 „ 

600 „ 

Nordamerika. 

5200 „ 

840 „ 

660 „ 

Frankreich. 

5200 „ 

1 620 

480 „ 

Dänemark. 

4600 „ 

456 

420 „ 

Holland. 

4240 

460 „ 

! 420 „ 

Schweiz. 

3400 „ 

440 

i 860 „ 

Belgien. 

3320 „ 

! 540 „ 

500 „ 

Deutschland. 

3200 „ 

440 

400 „ 

Österreich.I 

2100 „ 

360 „ 

280 „ 

Italien. 

2080 „ 

1 280 .. 

1 220 

Europ. Rußland. 

1 1200 „ 

! 200 „ 

1 185 


In sanitärer Beziehung ist der Fortschritt vielleicht noch größer, dank dem 
ausgebreiteten Sport, welchen die verkürzte Arbeitszeit in hohem Grade fördert. Die 
Sterblichkeit ist die kleinste der Welt, und kaum erreicht sie 1 °/ 0 (in Deutsch¬ 
land 2,1 %). 

Die Moralstatistik zeigt nur geringe Verbrecherhäufigkeit, wenige Fälle Trunk¬ 
sucht und eine besonders niedrige Zahl von unehelichen Geburten, in den letzten 
Jahren 4 % ^ er sämtlichen Geburten. 

Die Wirkung der angefangenen sozial-reformatorischen Politik Neu-Seelands 
ist also bis jetzt in allen Beziehungen wunderbar gewesen. Wenn es auch sein 
mag, daß der Naturreichtum des Landes, seine isolierte Lage, seine geringen 
„vorgeschichtlichen 41 Schulden im Vergleich mit europäischen Staaten, deren 
Staatsschulden bis zum Übermaße von den Kriegen vieler Jahrhunderte gedrückt 
sind, seine geringen Ausgaben für Heer und andere Zwecke hierzu beigetragen 
haben, so steht es doch fest, daß diese Hilfsmittel auch vor 1890 vorhanden 
waren, und daß sie in höherem oder minderem Grade in einer Mehrzahl von 
Staaten, die fortwährend unter dem Joche der unregulierten Freikonkurrenz seufzen, 
vorhanden sind. Es ist das große Verdienst des modernen Neu-Seeland, daß 
es vermocht hat, dieses Joch abzuwerfen und dadurch dem 20. Jahrhundert den 
Weg zur Lösung des sozialen Problems: Gleiche Verteilung von Reichtum und 
Glück! gezeigt hat. 41 Also auf nach Neu-Seeland! B. Laquer. 



Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 















324 


Bibliographie. 


Bibliographie. 

Zweites und drittes Vierteljahr 1906. 

Zusammengestellt von Bibliothekar Peter Schmidt, Dresden. 

Absmthfrage. Ein Wort an die Vernunft und das Billigkeitsgefühl des schwei¬ 
zerischen Volkes. Fleurier, Druck von Gebr. Montandon. (57 S.) 
Abstinent, der. Blätter zur Bekämpfg. des Alkoholismus. Hrsg. : Rud. Wlassak. 
Red.: C. Freund. 5. Jahrg. 1906. 12 Nrn. Wien (XU/2, Niederhofstr. 19), 
L. Wutschel. Mk. 1.50. 

Abstinenz erziehung unter der Initiative des Landesfürsten im Herzogtum Mei¬ 
ningen. (Volkswohl, Nr. 89 vom 27. September 1906.) 

Abstinenzler und Alkoholismus in Großbritannien. (Brennereizeitung Nr. 677.) 
Alkoholfrage, die, und der Stand der akademisch gebildeten Lehrer. (Pädago¬ 
gisches Wchbl. 41 vom 25. VII. 06.) 

Alkoholgegnerbund , der internationale. Nesse bei Loxstedt, Selbstverlg. Mk. —.15. 
(46 S.) 

Alkoholismus, der, in Ägypten. (Köln. Ztg. Nr. 845 v. 8. VIH. 06.) 

Annales, Jes, antialcooliques. Journal mensuel de Vulgarisation et d’Etudes. Red.: 

Dn Legrain. Paris VI, 14 Rue de Tournon. Fr. 3.50. 

Annual , The National Temperance League’s. Edited by John Turner Rae, 
London 1906. R. J. James. 1 8. 

Asmussen, G. Brauer und Wirt. (Alkoholfrage, 06, 1. S. 60—66.) 
Aufklärung, zur, der Bierverbraucher. (Ldw. Wchschr. f. d. Prov. Sachsen, 06, 
16. S. 6.) 

Aus Milch zu bereitende Genußmittel und alkoholfreie Getränke. (Alkoholfr. 
Ind. 06, 22. S. 255—256.) 

Auszug aus dem Gesetz über die Betreibung von Wirtschaften und den Klein¬ 
verkauf von Getränken im Kanton St. Gallen. Vom 25. V. 05. (San.- demogr. 
Wochenbull. d. Schweiz, Nr. 25 v. 28. VI. 06.) 

Baars, E. Alkoholismus und Verbrechen. (Protestantenblatt, Bremen 06, Nr. 32 
bis 34.) 

Baars, E. Aufruf an die Frauen zum Beitritt zum d. Bund abstinenter Frauen. 

Berlin, Nr. 28, Geschäftsstelle Stralsunderstraße 62. Mk. —.10. 

Baars, E. Ein Appell an deutsche Frauen und Mütter. Ebd. Mk. —.10. 

Beck , Carl . Feuchtfröhliches u. Feuchtunfröhliches. (143 S.) Berlin, Leonhard 
Simon Nfg., 06. Mk. 1.50. 

Behandlung der Bedürfnisfrage bei Eintritt von Besitzwechsel bei Schankstätten. 
(Fischers Zeitschr. f. Praxis u. Gesetzgebung der Verwaltung. Bd. 30, 
S. 333-335.) 

Beiträge zur Alkoholfrage. (R.-Arb.-Bl. 06. 4. S. 352—59; 5. S. 455—59.) 
Bekeß, A. Alkohol und Eisenbahn. Wien, Br. Suschitzky. (20 S.) Mk. —.30. 
Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs durch Krankenkassen. (Reformbl. für Arbei- 
terversich. 06, 11. S. 381—382.) 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Bibliographie. 


325 


Bericht der VI. Kommission wegen Änderung des Brausteuergesetzes — Anlage 1 
der Nr. 10 der Drucksachen —. Dem Reichstage erstattet am 26. IV. 1906. 
(57 S.) Berlin, C. Heymann. Mk. 1.60. '» 

Bericht . Petition des Verbandes von Trinkerheilstätten um Erlaß eines Reichs¬ 
gesetzes, betr. die Fürsorge für Trunksüchtige. Nr. 450 d. Drucksachen des 
Reichstages 05/06. [Berichterstatter Abg. Schlüter.] (2 S.) 

Bericht . Petition um Aufhebung einer Polizeiverordnung für den oberschlesi¬ 
schen Industriebezirk, betr. den Schankstättenschluß an Lohn- und Vorschu߬ 
tagen. Nr. 825 d. Preuß. H. d. Abg. 05/06. [Berichterstatter Abg. Wagner.] 
(6 S.) 

Bericht und Beratung der Petition des Verbandes zur Bekämpfung betrügerischen 
Einschänkens in München um Erhöhung des Schaummaßes bei Biergefäßen. 
(Beil. 294 d. Stbn. Ber. u. Bten. Bericht Nr. 150 d. Verh. d. bayr. Kammer 
d. Abg. v. 9. VI. 06., S. 654-661.) 

Bericht, 14., über die Bernische Trinkerheilstätte „Nüchtern“ in Kirchündach 
bei Bern f. d. Jahr 1904. Bern, Genossenschafts-Buchdruckerei 1905. (85 S.) 

Bericht über Weinkontrolle (in Bayern). (Sten. Ber. d. Verh. d. bayr. K. d. Abg. 
Nr. 128 v. 9. V. 06. p. 14—29.) 

Beratung von Resolutionen über Reform der Branntweinbesteuerung. (104. Sitzung 
des Reichstages v. 16. V. 06, S. 8233 A bis 8248 C.) 

Bieling, Kurt . Der Alkohol u. der Alkoholismus. Ein Wegweiser zum Ver¬ 
ständnis moderner Kulturarbeit (84 S.) München, 0. Gmelin 06. Mk. 1.40. 

Bierbrauer und Biertrinker. (N&tional-Ztg. 854 v. 2. VI. 06.) 

Bierkrieg. (Dresdner Nachr. 159 v. 12. 6. 06.) 

Bierkrieg, der. (Volksgesundheit, Nr. 8 vom August 1906.) 

Bonne, Geo. Unsere Trinksitten in ihrer Bedeutung für den Eisenbahner u. 
das reisende Publikum. Vortrag, 8. Aufl. (34 S.) Flensburg, Deutschlands 
Großloge H, 06. Mk. —.25. 

Bocquülan . Renovation. Piece antialcoolique en 1 ou 2 parties. Paris, Fernand 
Nathan, Fr. —.75. 

Bode, Wilh. Die norwegische Ordnung des Schankwesens u. Getränkehandels. 
(55 S.) Leipzig, Scheffer 06. Mk. —.80. 

Bode. Über alkoholfreie Getränke. (Wochenschrift für Brauerei 06, Nr. 28.) 

v. Bodehchwingh , Pastor, und die Abstinenten. (Deutsche Warte, Nr. 214 A. 
v. 7. August 1906.) 

Böhmert, Vikt. Amerikanische und deutsche Trinksitten. (Arbeiterfreund, 06. 
1. S. 78-83.) 

Böhmert . Weitere Untersuchungen d. Alkoholfrage auf Grund von Fragebogen 
für Mäßige und Enthaltsame. (Alkoholfrage 06, 2. S. 171—193.) 

Bonbonschnaps, der. (Volksgesundheit Nr. 6 vom Juni 1906.) 

Branntweinbrennerei u. Besteuerung in Württemberg im Betriebsjahr 1904/5. 
(Mitt d. Kgl. Württbg. statistischen Landesamtes, 06, Nr. 5.) 

Branntwein, der, in Japan. (Brennerei-Zeitung 682 v. 29. VI. 06.) 

Brausteuererhöhung leicht abwälzbar auf das Publikum. (Deutsche Brau-Industrie 
Nr. 22.) 

Briegleb, Karl . Turner und Alkoholismus. (Alkoholfrage, 06, 2. S. 167—170.) 

Bülten, G. Vak-Drankbestrijdersvereenigingen. (Kathol. Soc. WeekbL, 06, 85. 
S. 409—411.) 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



326 


Bibliographie. 


Bürger, Karl. Die Gefährlichkeit u. Schädlichkeit des Alkohols.. (N. Bl. a. Süd¬ 
deutschland, 06, 3. S. 153—178.) 

Cantine soeiaH ed Associazioni vinarie nelF. Italia meridionale ed insulare. 
(Bollettino Ufficiale del Min. d’Agricoltura, Koma 17 maggio 06, p. 169 ff.) 

Carter, Brudenell. Alcohol and Tobacco. (Comhill Magazine, 1. July 06.) 

Charra, E. Contribution ä l’etude de Falcoolisme hereditaire. Recherches sur 
les anomalies de developpement observees chez les enfants de parents alcoo- 
liques (these). (96 p.) Lyon, Key, 06. Fr. 2.—. 

Bangere, Les, de l’alcool et de Falcoolisme. Petit Manuel ä Fusage de Farme©. 
Extrait des brochures et Conferences de Laborde, Legrain. 39 e ed. .(36 p. 
avec fig.) Paris, Charles Lavauzelle. Fr. —.30. 

Dannemann . Beitrag zur Lehre von der Bedeutung des Alkohols für das Zu¬ 
standekommen von Verbrechen. (Sommers Klinik f. psychische u. nervöse 
Krankheiten, Bd. I, Heft 2.) 

Daum, Ad. Die Alkoholfrage. (Neue Freie Presse, Wien, 15010 v. 7. VL 06.) 

Daum, Ad. Die alkoholgegnerische Bewegung in Österreich. (Alkoholismus, 
06, 4. S. 211-221.) 

Dielce, C. H. M., Mol J. en Venmane W. De drankbestrijding in en door de 
school. Leesboek voor de hoogste Massen der volksschool. Met illustraties 
van Piet Gerrits. (VlII, 215 en 15 blz., m. 24 afb.) Nijmegen, L. C. G. 
Malmberg, f. —.40. 

Dranhwet. Wet van 28 Juni 1881, p. 97,. houdende wettelijke bepalingen tot 
regeling van den Meinhandel in Sterken drank en tot beteugeling van open- 
bare dronkenschap laatstelijk gewijzigd bij de wet van 30. December 1905, 
p. 361. Uitgegeven onder toezicht van mr. K. Meijer-Wiersma. 8e druk. 
(41 p.) Groningen, F. Noordhoff. f. —.15. 

Dubreuü, Eint. La premiere pipe. Paris, Fernand Nathan. Fr. —.25. 

Edwarde, W. N . Temperance Compendium. Cyclopaedia of Facts, Figures, and 
otber useful data relating to the Temperance Question. (150 p.) London, 
K. J. James, 06. 

Ehrenetein, Th. Waren die großen Denker des Abendlandes abstinent? Wien, 
Halm & Goldmann, 06. K. —.60. 

Eingabe zum Gesetzentwurf wegen Änderung des Brausteuergesetzes. (Korr. d. 
Ältesten d. Kaufmannschaft von Berlin, Nr. 3 v. 30. IV. 06, S. 59—64.) 

Eimer. Alkoholismus u. Wohnungsfrage. (Deutsche Warte, Beilage „Groß-Berlin u 
v. 7. V. 06.) . 

Epetein, M. Der Arbeiterschutz m. besond. Berücksicht, der Werkstatthygiene. 
(20 S.) Berlin, Buchh. Vorwärts, 06. Mk. —.20. 

Ergebnieee des russischen Branntweinmonopols für d. Jahr 1904. (Brennerei- 
Zeitung 694 v. 20. 9. 06.) 

.L'&toüe Bleue. Revue mensuelle. Red.: Albert Malourie. Paris 8, 27, Boule¬ 
vard de Courcelles. Fr. 2.—. 

Ewers, L. Rheinische Gasthäuser. (Daheim, 05/06, Heft 38.) 

Felgner, K. W. Wie treibt man Blaukreuzarbeit? Referat. In erweiterter 
Form in Druck gegeben. (20 S.) Dresden, Buchh. der Stadtmission, 06. 

; Mk. —.20. 

Feretl, Ant. Die Alkoholfrage der Gegenwart vom christlichen Standpunkt aus 
betrachtet. 6 Vortr. IV. (95 S.) Regensburg, G. J. Manz, 06. Mk. 1,20. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Bibliographie. 


327 


Finch, J. B. The people versus the liquor traffic: Speeches of John B. Finch; 
with a short history of Good Teraplary and John B. Finch. (7, 272 p.) 
Ripon, Natioual Grand Lodge, 06. 

Fischer, H. Spieler-Moral. Eine irren£rztl. Studie üb. die Spielsucht u. ihr Ver¬ 
hältnis zu Trunksucht u. Morphiumsucht f. Staatsanwälte, Richter u. andere 
Laien. (19 S.) Leipzig, 05, Modernes Verlagsbureau. Mk. —.30. 
Fortschritte der Bewegung für Mäßigkeit und Enthaltsamkeit. (Volkswohl Nr. 89 
vom 27. September 1906.) 

Gageur, Oskar . Eine verkannte Tugend. Die Segensspuren der Enthaltsamkeit 
im Reiche Gottes. Regensburg, Friedrich Alber. (116 S.) Mk. —.35. 
Gastwirte, die, und die Temperenzbewegung. (Neue Bahnen, Leipzig, 06, 18.) 
Galtier-Boissüre. 20 Bons points antialcooliques. Paris, Fernand Nathan, la 
coli, de 20, Fr. —.60; le Cent, Fr. 2.50; le mille Fr. 22.50. 

Geschäftsbericht des deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke 
über das Jahr 1906. (16 S.) Berlin W. 15, Mäßigkeitsverlag. 

Gesetz über die Betreibung von Wirtschaften u. den Kleinverkauf von Getränken 
im Kanton St. Gallen. Vom 25. V. 05. (San.-demogr. Wochenbulletin d. 
Schweiz, 06, Nr. 25, S. 391—899.) 

Gesundheitlicher Wink für Badegäste. Flensburg, Neustadt 45. Verlag von 
Deutschlands Großloge II. (I. 0. G. T.) 

Glaser, Stetsch b. Dresden. Moderne Betriebsweise zur Massenfabrikation alko¬ 
holfreier Getränke aus frischen Früchten. (Alkoholfreie Industrie. Nr. 2 u. 
8 von 06.) 

Glum . Das städtische Interesse bei der Schank-Konzessionierung. (D. Gemeinde- 
Ztg. 23 v. 9. VI. 06.) 

Goetze, W. Die Polizeistunde. (Gesetz und Recht, 06, Nr. 6.) 

Govanic . Katekizam protiv pijanstva. (Katechismus gegen die Trunksucht.) 
Zagreb 06. M. —.20. 

Grage, Ä. Über die Pflichten des Guttemplers. 15 S. (Zur Ordensarbeit. 
Leitschriften f. Guttemplerlogen. 1. Folge.) Deutschlands Großloge II, 
Flensburg 06. Mk. —.20. 

Grotjahn, Ä. Alkohol und Gesundheit. Berlin 06, Zentralkommission der Kran¬ 
kenkassen. 

Guerre , la, contre l’alcool. (Revue universelle de la Distillerie, Paris 06, 
Mai.) 

Hache, Francis. Maurice Jouberi Drame antialcoolique en deux parties. 
Paris, F. Nathan. Fr. —.75. 

Hähnel, Franziskus . Der Sieg muß uns doch bleiben! Ein Gedenkblatt zu 
William Lloyd Garrisons 100. Geburtstage. (59 S.) Flensburg, Deutschi. 
Großloge, 06. Mk. —.50. 

Hähnel , Franziskus . Die Notwendigkeit der Unterstützung des Kampfes gegen 
den Alkoholismus durch die Erziehung in Schule und B[aus. Vortrag. (28 S.) 
Jena, Fischer, 06. Mt —.50. 

Hansen, P. Chr . So ändern sich die Zeiten! (Das Land, 20. v. 15. VII. 06.) 
Harms > B. Der Kampf gegen den Alkoholismus in Skandinavien. (Konservat. 
MSchr. 06, April, (S. 696—705.) 

• Hayem, H. Etüde sur le regime des licences pour debits de boissons en Angle - 
terre. Paris 1906. M. Serrier. Fr. 2.—. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



328 


Bibliographie. 


Hecker, R. Über Verbreitung und Wirkung des Alkoholgenusses bei Schülern. 

(Z. Schulgesundheitspflege, 06, Heft 4—6.) 
v. Heckel, Max . Bier u. Bierbesteuerung. (Elster, Wörterbuch d. Volksw., 
2. Aufl., S. 462—471.) 

v. Heckei, Max. Branntweinsteuer. (Elster, Wörterbuch d. Volksw., 2. Aufl., 
I. S. 543—552.) 

Heil - u. Pflegeanstalten , die, zu Lintorf. (Bheinl.) Bericht über d. Jahr 1905. 

(12 S.) (Mit Berichten von P. Kruse u. Dr. mecL Schrenk.) 

Heinrich, J. B. Die Kaffeefrage in ihrer volkshygienischen und volkswirtschaft¬ 
lichen Bedeutung. (7 S.) S. Abd. aus Medizinische Klinik, 06, Nr. 15. 
Hdeniue, Matti u. Frau AUi Trygg - Helenius: Gegen den Alkohol. (58 S») 
Leipzig, B. G. Teubner, 06. Mk. —.80. 

Herzetein, R. Der Trinker und die Trunksucht im Reichsstrafgesetz buche nach 
geltendem Rechte und in kriminalpolitischer Hinsicht. Diss. (33 S.) 
Erlangen 06. 

Hobeon, J. A. Liquor Taxation. (Independent Review, London, June 06.) 
Hofmann. Die Stellvertretung im Strauß wirtschaftsbetriebe in der Pfalz, insbe¬ 
sondere der Schankwirtschaftsbetrieb der Winzeigenossenschaften. (BL für 
adminisr. Praxis, 06, Nr. 4.) 

Holitecher. Alkohol und Tuberkulose. Eine Erwiderung. (15 S.) Wien, Brüder 
Suschitzky, 06. Mk. —.20. 

Holitecher . Die Abstinenz als Forderung des Sittengesetzes. Vortrag, geh. in 
d. Studentenversammlg. des X. internationalen Kongresses gegen den Alko¬ 
holismus. (23 S.) Wien, Brüder Suschitzky, 06. Mk. —.20. 

Hoppe , Hugo. Alkohol und Kriminalität in allen ihren Beziehungen. Mit 

1 Doppeltst. (VI, 208 S.) Wiesbaden, J. F. Bergmann, 06. Mt 4.—. 
Hygiene im Wirtshaus. (Volkswohl Nr. 89 vom 27. September 1906.) 
Internationale Vereinigung gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. (Mäßigkeits- 

bl. 06, Mai. S. 76—80.) 

Joint-Committee on the employment of barmaids (Introd. by the Lord Bishop of 
Southwork.) London, P. S. King et Son. 1906. 1 sh. —. 

Jugend und Alkohol. (Berl. Tgbl. 241. 4. Beibl. v. 13. V. 06.) 

Jülich, Bemh. Ist der Guttemplerorden e. Geheimgesellschaft? Vortrag. (16. S.) 

Flensburg, Deutschlands Großloge II 06. Mk. —.25. 

Kamber, A. Wie stellt sich das Christentum zur Abstinenz? (Volkswohl, Org. 

d. Schweiz, kath. Abstinentenliga, 06, V. u. VH.) 

Kampf derbayrischen Staatsbahnverwaltung gegen den Alkohol. (Alkoholfrage 06, 
1. S. 45-48.) 

Kampf der Polizei gegen den Alkohol in Harburg a. E. (Mäßigkeitsbl. 06, 
Juni. S. 89—94.) 

Kappa, Alpha. Sind unsere täglichen Genußmittel Gifte? (Das Leben, 06, 
Nr. 1. S. Uff.) 

Kehlhofer, W. Die änologischen (Weinverbesserungs-) Präparate von Rouillon- 
Paris. Zürich, Füßli 06. 11 S. 

Kelynak . The Alkohol problem in its Biological Aspect. London, B. J. James. 

2 s. 

Koettlitz, H. A propos de l’Alcooi-Aliment et de l’Alcool-Poison. Rev. de l'unir. 
Brux. 06, 10. p. 765—810.) 


Digitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



Bibliographie. 


329 


Kohlsdorf-Radeberg , Adolf. Pachtvertrag umb die Schenke zu Niederschöna. 

(Mitt. d. Vereins f. Sächsische Volkskunde. 06, 2. Heft, S. 64—68.) 
Kornfeld, Herrn. Alkoholismus und § 51 St. G. B. Halle. Marhold, 06. 
Mk. —.80. 

Kossale , M. Alkoholfreie Erfrischungsgetränke. (Dresd. Anz. 29. 7. 06.) 

Kiaer, A. Th. Die neuste Entwicklung des Kampfes gegen den Alkoholismus 
in Norwegen. (Alkoholismus. 06, 4. S. 199—211.) 

Kreuzritter, der. Stimmen aus dem Verein abstinenter Katholiken. Redigiert 
von Kaplan Beimei in Börger, Kreis Lögel. Hannover 06. 

Krombach, Wilh. Über alkoholfreie Getränke, ihre Herstellung und ihren Wert. 

Pas Volkswohl 4. u. 5. S. 26—87. Luxemburg 06.) 

Kühn, Wilh. Soll man zum Essen trinken? (Musestunden, Beibl. z. Leipziger 
Tgbl. 151 v. 2. VI. 06.) 

Ruhr, H. Turner und Alkoholismus. (Alkoholfrage. 06, S. 1. 67—72.) 

Kunze, F. Zur Geschichte des Branntweins und seiner Erzeugung. (Brennerei- 
Zeitg. 684—693.) 

Kürz. Der Wein und die Kriminalität. (Mschr. Kriminalpsycholog, u. Straf- 
rechtsref. 06, April. S. 43—47.) 

Laquer, B. Über die Aufgaben der Vereinigung gegen den Mißbr. geist. Getr. 
(Med. Klinik 06, Nr. 19.) 

Laquer. Über Krankheiten und Unfälle im Brauergewerbe. (Zeitschr. f. soziale 
Medizin. 06, 3. Heft, 221—227.) 

Legrain dt Pirts. L’enseignement antialcoolique ä l’eeole. Lectures. Recits. 
Paris. Fernand Nathan. Fr. 1.25. 

Legrain. En Suede, impressions et notes de voyage d’un abstinent. Paris 06. 
M. Serrier. Fr. —.75. 

Lemoine dt Villette. Contre l’Alcoolisme. Recueil de devoirs pour chaque semaine. 
Paris, Fernand Nathan. Fr. —.80. 

Lemorüre, Emile. L’Alcoolisme d’Edgar Poe. Paris, 06. M. Serrier. Fr. 1.—. 
Liebing, R. H. Alkohol und Familie. (Kultur der Familie. 06, 8. S. 217 
bis 222.) 

Liebing, R. H. Übersicht über die neueste Alkohol-Literatur. (Kultur der 
Familie, Heft 7.) 

Lissauer. Vernunft wird Unsinn, Wohltat — Plage [bekämpft die Konzessions- 
pflichtigkeit des Milchausschankes]. (Der Tag v. 15. V. 06.) 

Lutte, la, contre l’Alcoolisme. (Le Devoir, Juillet 06, p. 415—419.) 

Marthaler, H. u. Weise. Zehnter internationaler Kongreß gegen den Alkoholis¬ 
mus, abgehalten zu Budapest im September 1905. (40 p.) Bern. „Berner 
Tageblatt“, 06. 

Masaryk, Thom. G. Ethik und Alkoholismus. Vortrag. (20 S.) Flensburg, 
Deutschi. Großloge II, 06. Mk. —.25. 

Meinert. Das Spremberger Eisenbahnunglück und der Alkohol. (Alkoholfrage. 
06. 2. S. 103—152.) 

Meinert. Die Heilung Alkoholkranker im Königreich Sachsen. Sonderabdr. aus 
„Die Alkoholfrage“. Dresden, 0. V. Böhmert. (28 S*) 

Meinert. Ein krimineller Fall von toxischer Verwirrtheit bei einem erblich 
belasteten Studenten. Sonderabdruck aus „Die Alkoholfrage“. Dresden, 
0. V. Böhmert. (10 S.) 

Der Alkoholinmns. 1906. 


Digitized by Gougle 


23 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



330 


Bibliographie. 


Mitteilungen aus dem Verein Sächsischer Volksheilstätten für Alkoholkranke. 

(Geschäftsstelle Dresden-A., Holbeinstraße 105.) 

Mceser, H. Zum Kampf gegen den Alkoholismus. (Im Jahrbuch der Natur¬ 
wissenschaften 1905/6, Freiburg, Herder 1906, S. 259—265.) 

Mol s. Dieks. 

Neuhaus, Georg . Gast- und Schankwirtschaften in Preußen 1904/5. . Ihi;e Ver¬ 
teilung auf die Bevölkerung.. (Soziale Hygiene, Maiheft 1906.) 

Neve 9 O. Sozialpolitik und Alkoholmißbrauch. (Nat.-Ztg., Beil. „Die Wissen¬ 
schaften 11 v. 3. VHL 06.) 

Oehlert. Der Wein und die Kriminalität. (Monatsschr. f. Kriminalpsychologie 
05, 11. Heft.) 

PSrks s. Legrain. 

Peter, Joh. Der Weinkeller. (Der getreue Eckart, Wien 06. Heft 2/8.) 

Pf aff, W. Die Alkoholfrage vom ärztlichen Standpunkt. Vortrag, geh. am 10. XII. 
1908 im VII. ärztl. Bezirksverein. 2. verm. Aufl. (125 S.) München, Rein¬ 
hardt, 06. Mk. 1.20. 

Pieper, Aug. Mäßigkeitsbestrebungen. (40 S.) M.-Gladbach, Volksverein f. d. 
kathol. Deutschland 06. Mk. —.35. 

Pietri, F. J. La Question des vins en Italie, et l’Antagonisme du Nord et du 
Sud. (303 p.) Paris, Chevalier & Riviere. 

Pignolet . Die Antialkoholbewegung in Frankreich. (Alkoholismus. 06, 4. 
S. 195—199.) 

Pohl . Über den Alkoholgehalt des Brotes. (Ztschr. f. angew. Chemie, 06, S. 668.) 
Powdl, E. Alcoholism. (Econ. Rev. 06. 3—7.) 

Reform der preußischen Schank-Betriebssteuer. (Deutsche Gemeinde-Ztg. 
Nr. 26 v. 30. VI. 06.) 

Reinitzer, Friedrich . Wanderausstellungen als Mittel zur Bekämpfung des 
Alkoholismus. (Alkoholfrage, 06, 2. S. 158—160.) 

Ringel (Präs. d. Gastwirte-Verbandes). Gastwirte und Brauereien. (Der Tag 
Nr. 254 v. 20. V. 06.) 

Ripley, Will . Z. The trunk line rate System: a distance tariff. (Quart Jl. of 
Econ. 06, Febr. p. 183—211.) 

Rowntree, J. and SherweU, A. Taxation of the Liquor Trade. Vol. 1, Public 
... ,, Houses, Hotels, Restaurants, Theatres, Raüway Bars, and Clubs. (560 p.) 

London, Macmillan, 06. 10 s. 6 d. 

Rubattel , R. L’Alooolisme. (54 p.) Rolle, E. Graf. 06. Fr. —.50. 

Schenk, Paul. Die Periodizität der Trunksucht. (Alkoholismus. 06, 3. S. 154 
bis 163.) 

Schillings Führer durch die alkoholfreien Hotels, Speisehäuser etc. Freiburg i. 
Br. Fr. Paul Lorenz, 06. Mk. —.30. 

Schultzenstein , S. Die Beseitigung der Animierkneipen. (Gesetz und Recht. 
06, 1.) 

von Schumacher . Comite officiel te temperance de St Petersbourg. (Alkoholis- 
mus. 06. 4. S. 222—.227.) 

Schwarz, J. Azällam mint alkoholizmus-irto. (Der Staat als Feind des Alkoholis¬ 
mus.) (16 p.) Budapest, Kuger & Wolfner, 06. 

Seelmann, Theo . Biertrinker. (Der Tag, 404 v. 11. VHL 06. 4 Sp.) 

Sherwell s. Rowntree. 


Difitized by Gougle 


Original from 

CORNELL UNIVERSUM 



Bibliographie. 331 

Steeg, Jules. . Les dangers de TalcooKsme. Ledfcures, Maximes, Probleme«, Redac¬ 
tion. Paris, Fernand Nathan. Fr. 1.25. 

Stekr. Alkohol und Produktivität der Arbeit. (D. Wirtsch. Ztg. 06. 9. S. 899 
bis 404.) 

Stephan [Marinestabsarzt]. Seekrieg und Alkohol. (Marine-Rundschau, Juni 06.) 
Stille, Werner . Gegen .den Alkohol. 5 Aufsätze. 1. u. 2. Aufl. (25 S.) 

Leipzig, Deutscher Kampf, 06. Mk. —.30. 

Streichhan. Der Alkohol und das Kind. (Jugendfürsorge 06, Heft 5.). 

Stubbe . Aus der älteren Mäßigkeitsbewegung in Schleswig-Halstein. (Alko¬ 
holismus. 06. 3. S. 129—153.) 

Südehum * Die Biersteuer. (Plutus 1906, Nr. 1.) 

Sugg. Zur Antialkoholbewegung. (Bl. f. Volksgesundheitspflege 06, 2.) 
Temperance Record, the . A Review of Work and Progress, Literature and 
Science. Published for the Committee of the national Temperance League. 
London. 

de Terra . Maßnahmen der bayrischen Staatsverwaltung zur Einschränkung 
des Alkoholgenusses beim Eisenbahnpersonal. (Alkoholfrage. 06, 2. S. 161 
bis 166.) 

Thomson, Entan . Alcohol and the Future of the Power Problem. (Cassier’s 
Mag. 06, August.) 

Thorne, Gug. Sport and Drink. (C. B. Fry’s Magazine, 6 Juni 06.) 

Torup, Sophus. Alkohol og Arbeide. (Alkohol und Arbeit.) (35 p.) Kristiania, 
Olaf Norli i kom. 06. Öre 25. 

Trinkerfürsorge, die, der Breslauer Armenverwaltung bis Ende März 1906. 

(BL für d. Breslauer Armenwesen. Nr. 185, Juni 06.) 

Trunksucht, die, als Todesursache in den größeren städtischen Gemeinden der 
Schweiz im Jahre 1905. (San.-demogr. Wochenbull. d. Schweiz, 26 v. 
5. VII. 06.) 

Trygg - Helenius, Alli. Dramatische Szenen. Für Jugendlogen und Jugend¬ 
abstinenzvereine. Basel 06. (20. S.) 

Trygg-HeleniurS, s. a. Helenius. 

Unwesen , das, der Wirtschaftskonzessionen. (Köln. Ztg. 06 745. 2 Sp.) 
Urteile der Wissenschaft über den sozialen Wert der alkoholischen Getränke. 

(Die Umschau, Frankfurt a. M., IX. Jahrg. Nr. 50. 06.) 

Venmans, W. s. Dieks. 

Vereinigung, die internationale, gegen den Mißbrauch geistiger Getränke. Ihre 
Gründung und ihre Satzungen. (Alkoholismus. 06, 4. S. 185—190.) 
Villette s. Lemoine. 

Wagner, M. Der Alkoholverbrauch im Arbeiterhaushalt. (Arbeiterfreund. 06, 
1. S. 69-77.) 

Waldschmidt, J. Antialkoholbewegung. (Concordia. Nr. 11 v. 1. VI. 06.) 
Waldschmidt, J. Die Bestrebungen zur Bekämpfung des Alkoholismus im Jahre 
1905. (Soz. Med. Hyg. 06, 6. S. 295—289.) 

Was das deutsche Volk vertrinkt und verraucht. (Privat-Beamten-Ztg. 80 v. 
26. VII. 06.) 

Was sagt die Kirche zur Alkoholfrage? Was sagen die Ärzte über den Alkohol? 
Neue Belehrungskarten. Ravensberg, Abstinentenverein. 06. 

28* 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNÜVERSm 1 



332 


Bibliographie. 


Weertz, Heinr. Das katholische Kreuzbündnis zur Bekämpfung des Alkoholismus 
(62 S.) Essen, Fredebeul & Koenen. Mk. —.25. 

Weinkreszenz, die, im ßegierungsbezirke Wiesbaden 1905. (Statistische Korre¬ 
spondenz. Sondernummer vom 20. Septbr. 06.) 

Weinkontrolle in Bayern. (Beil. 15 u. 248, sowie stenogr. Bericht über die 
Verhandl. der bayrischen Kammer d. Abg. Nr. 128 v, 9. V. 06. S. 14 
bis 29.) 

Weiß, 8, Marthaler. 

Weygandt, W, Der Einfluß des Alkohols auf die geistige Widerstandsfähigkeit. 
(Umschau. 06, 14. S. 261—265.) 

Whittaker, T, P. Practical Temperance Reform. (Twentieth Century Quarterly. 
London 06, August 15.) 

Wirminghaus, A. Branntwein, Branntweinindustrie. (Elster, Wörterbuch d. 
Yolksw., 2. Aufl. I. S. 540—548.) 

Wirtsehaftswesen, das, der Stadt Bern im Lichte der Zahlen. Ein Wort an die 
Öffentlichkeit und speziell an die Behörden vom Vorstand des Wirtevereins 
der Stadt Bern und Umgebung. (20 S.) Zürich, Juchli & Beck. 06. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNiVERSlTY 



333 


IIL Mitteilungen. 

Die 23. Jahresversammlung des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger 
Getränke fand in der Zeit vom 2.—4. Oktober in Karlsruhe statt. Nach dem 
glanzvollen Verlauf der vorjährigen Tagung in Münster und in Anbetracht der so¬ 
eben verklungenen Jubelfeier des Großherzogtums Baden, die sich im wesent¬ 
lichen in Karlsruhe abgespielt hatte, war es ein gewisses Wagnis, hier in so 
ernste Verhandlungen einzutreten. Immerhin darf man sagen, daß dieselben in 
allen Teilen sehr befriedigt verlaufen sind. Nicht nur, daß die Teilnehmer an 
den verschiedenen Versammlungen des Verwaltungsausschusses, der Mitglieder, 
am Begrüßungsabend und des Trinkerheilstättenverbandes, sehr zahlreich waren, 
auch die Art der Anteilnahme, die lebhaften Debatten, das große Interesse, 
welches die höchsten Behörden und die Bürger der Stadt hier zum Ausdruck 
brachten, ja sogar die persönliche Vertretung des Großherzogs am Verhandlungs¬ 
tage, waren überaus erfreulich, überraschend! 

Der Verwaltungsausschuß, welcher als ein Spiegelbild des innern Lebens die 
Interna des Vereins wiedergibt, zeigte die Erfolge der Geschäftsstelle und der 
unermüdlichen Arbeit des Geschäftsführers Go ns er aufs deutlichste. Die Zahl 
der Mitglieder ist auf 22000 gestiegen, die Zahl der Flugblätter und Drucksachen 
eine enorme, die überallhin gegebene Anregung von dieser Zentrale aus eine er¬ 
sprießliche, so daß nunmehr mit gutem Vertrauen in die Zukunft gesehen werden 
darf. Wie in einzelnen Teilen Deutschlands für uns gearbeitet wird, bewies ein 
Referat über den Osten von Regierungsrat Dr. Seidel-Allenstein und über den 
Westen von Regierungsrat Ammann-Straßburg. Der öffentliche Begrüßungs¬ 
abend brachte wertvolle Worte für die große Masse des Volkes von Baurat Dr. 
Fuchs-Karlsruhe, Professor Dr. von Grützner-Tübingen und Frau Hoff¬ 
man n-Genf, sowie ein Dankeswort von dem Vereinsvorsitzenden, Wirkl. Geh. 
Rat Dr. von Strauß und Torney. 

Die Mitgliederversammlung, welche eine Anzahl trefflicher Begrüßungen von 
Staats- und Kirchenbehörden, sowie von Vereinen aufzuweisen hatte, worunter 
insbesondere die Ausführungen des Generaldirektors der badischen Eisenbahn- 
verwaltuug durch die Mitteilung hervortraten, daß die Jubiläumstage ohne jeden 
Unfall auf der Eisenbahn in Karlsruhe trotz der hier herrschenden außerordentlich 
imgünstigen Verkehrsverhältnisse verlaufen seien, was im wesentlichen auf die 
Nüchternheit zurückzuführen sei. 

Als Verhandlungsgegenstände waren „Alkohol und Volksernährung“ 
von Dr. med. et polit. Stehr-Wiesbaden und „Alkohol und Kolonien“ von 
Großkaufmann J. K. Vietor-Bremen vorgesehen. 

Dr. Stehr brachte seine Gedanken in folgenden Leitsätzen zum Ausdruck: 

4. Der Alkohol ist vom praktischen Standpunkte aus als Nahrungs¬ 
mittel keinesfalls zu empfehlen, denn 

I. er ist auch in mäßigen Grenzen genossen ein physiologisch unratio¬ 
nelles Nahrungsmittel, 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



334 


Mitteilungen. 


a) weil er die Funktionen des Nervensystems, die geistigen und sittlichen 
im besonderen, also des Gebietes, das den Menschen zum Menschen 
macht, jedesmal ungünstig beeinflußt, . . . 

b) weil ein gewohnheitsmäßiger Genuß auch kleiner Mengen den Menschen 
widerstandsloser, zu Erkrankungen leichter geneigt macht. 

II. Der Alkohol ist auch ein wirtschaftlich unrationelles Nahrungs¬ 
mittel, denn 

a) als Brennmaterial ist er für den menschlichen Körper zu teuer. Das 
trifft für ihn auch in der Form des Bieres trotz Anrechnung seines un¬ 
bestrittenen Nährwertes im Malzgehalt zu. 

b) Er macht auch schon bei dem üblichen mäßigen Genuß die Körper¬ 
organe, die vorzugsweise der wirtschaftlichen Arbeit dienen, Nerven und 
Muskeln, leistungsuntüchtiger. Sein regelmäßiger Genuß ist am bedenk¬ 
lichsten für Männer, die hochwertige geistige Arbeit zu verrichten haben. 
Durch seine die Stimmung erhöhende und die Bewegungsantriebe er¬ 
leichternde Wirkung täuscht er den Genießenden über den wahren Wert 
seiner Kräfte und seiner Leistungen. 

C) Er erzieht den relativ schlecht gelohnten und unterernährten Personen 
durch die krankhafte Neigung, die der regelmäßige Genuß erzeugt, die 
Mittel zur Beschaffung rationeller Nahrungsmittel. 

d) Er entzieht bedeutende Mengen von Getreide, Kartoffeln, Früchten, die 
zur Herstellung des Alkohols dienen, der Yolksernährung und verteuert 
dadurch die rationellen Nahrungsmittel. 

5. Für die heranwachsende Jugend ist der Alkohol nicht bloß ein unratio¬ 
nelles Nahrungsmittel, sondern vielmehr ein Gift, weil ihre geistige und sittliche 
Entwicklung auch schon durch mäßigen Alkoholgenuß gehemmt und unter¬ 
graben wird. 

7. Der Alkoholgenuß steht in inniger Wechselbeziehung zur Unterernährung 
breiter Bevölkerungsschichten. Er kann deren Ursache und Wirkung sein, und 
zwar entwickelt sich der Alkoholgenuß in Deutscnland immer mehr zu einer 
Ursache der Unterernährung und verschwindet immer mehr als Folgeerscheinung 
derselben. 

8. Für die durch geistigen oder materiellen Besitz hervorragenden Kreise 
unseres Volkes ist jedes alkoholische Getränk heute schon weder ein notwendiges 
Nahrungsmittel noch unentbehrliches Genußmittel. 

9. Der Alkohol ist in seiner Eigenschaft als physiologisch und wirtschaftlich 
unrationelles Nahrungsmittel zu bekämpfen, 

I. Auf direktem Wege: 

a) durch Verbreitung entsprechender Aufklärung . . . 

b) durch Appell an das Verantwortungsgefühl der wohlhabenderen Schichten 
bezügl. eines guten Beispiels, insonderheit durch Bekämpfung des schlechten 
Beispiels der Trinksitten in diesen Kreisen ... 

c) durch den obligatorischen Unterricht in der Gesundheitspflege in allen 
Volks- und Mittelschulen, der in den oberen Klassen möglichst durch 
die Schulärzte zu erteilen ist. Im Bahmen dieses Unterrichts ist [auf. 
Belehrung über den Nahrungs- und Genußwert der alkoholischen Ge¬ 
tränke und ihre Gefahren besonderes Gewicht zu legen. 


Digitized by 


Gck igle 


Original from 

CORNELL UNIVERSITY 



Mitteilungen. Ö35 

d) durch das disziplinäre Verbot des Alkoholgenusses in jeder Form für 
die gesamte Schuljugend. 

II. Auf indirektem Wege: Durch Aufklärung der Arbeiterfrauen über die 
zweckmäßige Auswahl von Nahrungsmitteln, durch Errichtung von Haus- 
haltungs- und Kochschulen für Arbeiterinnen u. s. f. 

Die Besprechung (Dr. Röttger, Geh. Hofrat Dr. Weygoldt, Pfarrer 
Hohberg, Prof. Werner, Prof. Dr. von Grützner) ging vor allem auf die Not¬ 
wendigkeit einer Aufklärung der Jugend ein. 

In belebender und anregender Weise hielt der zweite Redner, Vietor, 
seinen Vortrag über die Bedeutung des Alkohols für die Kolonien. Redner hatte 
den großen Vorzug, nicht vom theoretischen Standpunkte aus diese wichtige und 
für uns Binnenländer so schwer zu beurteilende Frage des Schnapshandels in 
den Kolonien darzulegen, sondern er sprach aus eigener Überzeugung, aus der 
Erfahrung heraus, die er im Togogebiete gemacht hatte, und nun in ansprechender 
Weise seine Erlebnisse und Eindrücke zu schildern wußte. Bestärkt durch das 
Material, welches Dr. jur. Christ im Aufträge der Baseler Missionsgesellschaft 
beibringen konnte, wurde nach lebhafter Diskussion folgende Resolution ange¬ 
nommen: 

„Wir halten es für unbedingt erforderlich, 

1. daß das Minimum des Einfuhrzolls für Spirituosen in sämtlichen 
afrikanischen Kolonien in der Zone, in der nicht das absolute Einfuhrverbot be¬ 
steht, auf welches Artikel 91 der Generalakte von Brüssel hinweist, ausnahmslos 
100 Fr. pro Hektoliter zu 33 l / a °/o mit einer Steigerung von 4 Pfennig für jeden 
weiteren Alkoholgrad betrage, 

daß ferner für die nächste Konferenz ein Einheitssatz von 200 Fr. in Aus¬ 
sicht genommen werde; 

2. daß die Einführung von Spirituosen in die Gebiete im Innern, wo das 
Einfuhrverbot besteht, durch wirksame, strenge Maßnahmen verhindert werde. 
Die ’ bevorstehende Herstellung von Verkehrswegen und Eisenbahnen in diesen 
Ländern stellt eine dringende Gefahr dahin dar, daß auch diese bisher ver¬ 
schonten Länder angesteckt werden. Um diese Gefahr abzuwenden, müssen die 
Bahnen gehalten werden, die Spirituosen zur selben Frachtrate zu befördern, 
wie der Trägerlohn jetzt kostet; 

3. daß die Stationen oder Gemeindevorstände ermächtigt werden, durch 
ein Gemei